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Full text of "Deutsches Volkstum - Monatsschrift für das deutsche Geistesleben 24.1922"

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Heft 1 
_ DSeutiges Dolkstum | 


Deutfches 
Dolkstum 


Monatsfchrift für das deutfche Geiftesleben 
- Bernusgeber Wilhelm Stapel 





Jahalt: 


Dr. Wilhelm Stapel, Adelesesesesresesesesesesesersermens 
Dietrid; Ferdan, Jm Kampf mit der Aufklärung 
Prof. Dr. feliz Gengmer, Die Didjtungen des Skalden Egil Skalla- 
grimsjon 
Dr. Bruno Solz, Die „Kulturabgabe” 

















Bücderbrief: Dietrid ferchau, Don mittelhochdeutſchen Büchern⸗⸗ 








Kleine Beiträge: Dr. Karl Bernhard Ritter, Bewahre deine Seele! / 
De. Wilhelm Staopel, Staat und Stinnes / Dr. Hermann tillmann, Zeit- 
genoffen ~ Der Dereinsobermeier / Dr. Maria Grunewald, Die Nanm- 
burger Stifter ea 2 : 


DerBeobadter: Die Börfe / Sutsbefiger und Künftler / Der Dor- 
würts und der „Reigen” / Ullftein zu Weihnachten / ane Amboß 








Bilderbeilagen: Dier Wiedergaben von Stifterfiguren aus dem 
Naumburger Dom : 








Hanjentijdje Derlagsanftalt, Hamburg 
Preis viertelj.72 Mark Einzelheft 4.75 Mark 
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Was die Lefer vom 
„Deutfchen Volkstum“ fagen und wunfden. 


ir batten unfere Lefer gefragt, ob fie vierzehntägiges Mrfcheinen der 3eitfhrift 

vorzögen. Die meiften Zufhriften winfhen, daf es beim monatliden Lr- 

feinen bleibt. Wir druden bier einige Antworten ab, von denen wir an- 
nehmen, daß fie den weiteren Keferfreis intereffieren : 


„Das D. VD. ift die einzige Zeitfhrift, die ih auf die Dauer zu balten für wert befunden 
babe, die einzige, die für mibh als Ganzes lesbar ift, d. b., aus der man fidh nicht diefen 
und jenen „intereffanten Artikel“ herausfudt, fondern die wie ein Butes Bud ganz zu lefen 
ift und gelefen werden muß. Und das gerade ift, glaube id, wefentlid durd ibe nur monat- 
liches Lrfdeinen bedingt. Die auferordentlidbe Gedrungenbeit, die faft Fünftlerifhe Gefdloffen- 
beit des einzelnen Heftes ift es, worin die große Überlegenbeit des D. D. fiber andere Zeit: 
fhriften von vielleiht gleich lobenswerter Befinnung, aber der üblichen ungenießbaren Form 
berubt. Und für diefe Gefdhloffenbeit der Form ift offenbar ein nicht Sfter als monatlides 
Lrfdheinen Vorbedingung. Je Sfter das Krfcheinen, defto näher der Tagesichriftitellerei. — 
Muß denn immer noch mebr gefhrieben werden? Auf feine Roften, dem Geld und der Zeit 
nad, Fommt man beim 3eitfchriftenlefen fchon lange nicht mehr. Soll der größere Teil der: 
jenigen (allerdings vielleiht nur wenigen), die lieber Bücher als Zeitfriften lefen, und die 
fih im allgemeinen Schiffbrubh der Journaliftif noch allenfalls auf die Planfe des D. V. 
gerettet haben, nidt aud bier nod beruntergeftößen werden, angeefelt von dem Zuviel, dann 
möchte ih die Schriftleitung bitten: dndern Sie an der form des D. VW. nidts! Mir ift’s 
bisher foviel wert gewefen, daß ich es empfohlen babe, wie ih Storm oder Raabe empfehle 
oder gebe: mit wohlbedadhter Auswahl unter den Leuten. An die Maffe, der erft alles breit- 
getreten werden muß, Fann fib das D. D. feiner Viatur nad nidt wenden wollen. — R. $.“ 


„Bleiben Sie bei der monatliden Ausgabe. Das ift das Wobltuende an dem Heft des 
D. d.: Man fühlt, die Leute haben Rube, die laflen reifen, was fie bringen, die haben Zeit, 
zu fichten, nur folde Dinge auszuwählen, die in vier Woden aud nod lefenswert find — 
und damit meift für nod länger. — v. G.“ 

„Man follte es bei dem jegigen Zuftande laflen. Das D. VD. und feine Kefer dürfen cs wohl 
für fid in Unfprud nehmen, daß die Kefergemeinde fi wefentlih nur aus geiftig befonders 
interefiierten, ernften, nadhdenfliden Menfchen zufammenfegt, denen es ja Überhaupt nicht an 
geiftiger Anregung fehlt; und da Eönnte ein Zuviel ganz wider Willen leiht etwas abftump- 
fen, und die von Ihnen erhoffte und aud fo oft fon erzielte tiefere Wirkung verfladhen. — 
Wo bleibt die Zeit für ein ftilles Verarbeiten des in fi Aufgenommenen ? Diefe mebr paflive 
Tätigfeit Fann fchließlih nicht befriedigen, man mödte felber fchaffen, in erfter Linie in 
feinem Berufe. Rommt man nah Haufe, fo ift irgendwie ein inbaltreider Auffay oder cine 
Einladung zu einer befucdhenswerten Derfammlung, oder einer Sigung, oder einer Fünftlerifchen 
Veranftaltung auf den Screibtifh geflogen. Glüdlih der, welder die Kraft bat, vieles 
Furzerband beifeite zu laffen. G©der ift es ein gefunder Zuftand, das D. VD. in die Vororts- 
bahn mitzunehmen und dort zu „fLudieren“ ?— Dr. E. T.“ 


Wuͤnſche nach vierzehntaͤgigem Erſcheinen, kommen, was nicht zufaͤllig iſt, meiſt aus kleineren 
Staͤdten. Ich habe nun zwei Seelen in meiner Bruſt. Die „Beobachter“⸗Seele, wenn die 
beim Jeitungsleſen oder Straßendurchwandern all die Jaͤmmerlichkeiten wahrnimmt, moͤchte 
hundert Arme haben, um zuzuſchlagen, einen Rieſenmund, um den ganzen Krempel ins Meer 
zu puſten, eine taͤglich erſcheinende Jeitung, um den Dreck in Tinte zu erſaͤufen. Aber wenn 
ich einſam durchs Moor gehe oder die Sonne im Nebel uͤber die Elbe verloͤſchen ſehe oder 
bei den Adventskerzen aus der Bibel oder der Legenda aurea vorleſe, dann bin ich ſo ruhig 
und fider: all die Warrenspoffen vergebn, nur was du redyt tief und berzlih niederfchreibft 
und zehnmal Silbe für Silbe empfindeft, trägt Srudt. Diefer Stapel bat vet. Und der 
it aud far monatlides Lrfdeinen des D. V. St. 





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Deultſches — 


Monatsichrift für das deutiche Geiftesleben 


Herausgeber: 


Dr. Wilhelm Stapel 


Hanfeatifhbe Verlagsanftalt, Hamburg 





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Inbalts-Derzeichnis 


Große Auffäge 


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Seite S eit 
Boed, Cbhriftian, Das Yudentum in. ber Höhn, Dr. Heinrih, Wilhelm Schafers ,,Drei- 
Literatur 4 : 9 zehn Bücher von der deutjhen Seele” . . 
Boride, Dr. "Eberhard, Kolbenheyer a, je 848 Holle; Prof. Dr. Hermann Guftav, Die bios 
Bröder, Paul, Deutjhes Kapital und deut- Logifche Wejenheit des BVolfes . 169 
{de Freiheit ; 87 mmermann über das unjterblide Bolt . 199 
Eorbad, Dtto, Die Zragöbie der deutſchen leibömer, Georg, Das Schulgeſetz 285 
Kolonifation in ‘Rugland s 107 — Gerb. Hauptmann und bas deutiche Bolt 345 
Ebrentreid, Dr. Alfred, Seinrid Seufe, Rolbenbever, Dr. Erwin Guido, Wes- 
der ritterliche Minnefänger ber Moftif . . 379 balb — der PWirt{daftstrieg nicht enden? . 247 
Ferhau, Dietrich, sm — mit der Auf: Pete Karl, Cajar Flaifhlen . . . 48 
Märung 6 Beters, Dr. Ulrich, Deutihlunde . . 289 
Fittbogen, Dr. "Gottfried, Bolts. und Ritter, Dr. Karl Bernhard, Vom deutichen 
Staatsbewußtfein ber Siebenbürger Sahfen . 173 Staat . . 165 
— Giebenbürgifh-fähfifhe Strömungen . . 262 | Rohden, Dr. Peter. Richard, Bom Berjtehen 
@teudentbal, Herbert, Heimatl. Sprad- des fremden und Erleben des eigenen Bolfs- — 
chule 43 tums 
of namet, Prof. Dr. Selig, Die Dichtungen Schwabe, , Walther, Sransöfifhe Kulturarbeit 
des *Stalden Egil Stallagrimsjohn . . 12 am Rhein . 109 
Gols, Dr. Bruno, Die „Rulturabgabe” . 19 Stablin, Dr. Wilhelm, _Barbenjtubent und 
— Macht und Gerechtigkeit f 101 ge pusenbemegung er del dr 
—— ald, Dr. Maria, Wilhelm gehm- 148 * Dae SOUR mit Gexualien 1. Die drei * 
— Der germanifdhe Stil in Europa . 319 ve gel ewes 4 ptt ts ae 
Hentfdmel, Prof. Dr. BR Bur Natur. — — —— isten 145 
geſchichte der Bibel. . 133 — Lehrplan einer deutjchen Bauernhod{dule 210 
Herders ,Yduna oder der Apfel ber Ber- — Demofratijhe Tyrannis . 253 
jüngung“ (ber. von Dr. Alfred Ebrentreih) 201 — An unfere Germaniften und Siftoriter 281 
Heyden, Franz, Schöpfung und Geftaltung — @rofbungern oder a a eg 313 
in deutjcher Lyrif. 4. — —— — Haima und Ichor .. 377 
Früblingslieder ; ; 137 Straffer, Dr. Karl Theodor, “Qienbard . . S22 
— — 5. Gidendorff, Nadts . 222 | Ullmann, Dr. Hermann, Raffedienit und 
— — 6. Goethes Nadtlieder. . . 351 nationale Zukunft ; 72 
— — 7, Gidendorff, Weihnadten . 388 | Bimmermann, Dr. ‘Rar, Jean Paul . 217 
Bücyerbriefe 
Seite Seite 
Benningboff, Dr. Ludwig, Bildermappen Küjter, Albert, Beiträge zur SEHENEUNG 
MAD” UREDNIDER, 4. “pr 2 ta. Seal wa ann unjerer "Hausmufit 
Ferdhau, Dietrid, Bon mittelhohdeutfchen Peter, Karl, Abjeits der Welt. Zierjdil 
= ere berungen . 7 2 
Gableng, ‘Dr. Otioheinz, Kultur und eee Ostar, Die Zukunft des Kinos . . 326 
®. gefellichaft ae 176 tapel, Dr. Wilh., Eigenwüdhfige Männer 358 
Grunsfy, Dr. Kari, "Aus dem Bagner- Stebn, Hugo, Wegmweifer religiöj. — 119 
Schrifttum DE Me ee ae — Wegweijer beutiher Frommigfeit 3 
Auserlefenes 
Seite Seite 
Bon Wäldern, Bergen und Flüffen (U. v. Hum« Die Geburt des Heilands (Heliand, Luthers Sep 
boldt, Stifter, mmermann, Wilb. Grimm, temberbibel, %. ®. Hebels Biblifhe Gefdhidten) 394 
Raabe, Eichendorff, Keller, Storm, Goethe) . 227 
Rleine Beiträge 
Seite Gette 
Behne, Erna, Vom Wurzeln des Volles Bodemübhl, Erid, Bon der Anternationa- 
im Zand . 2 a der Kunft ‘ 
Benningh 0 ff, Dr. Ludwig, Arthur Kampf 127 Bufdmann, Johanne’, Staat und ‘Gemein- 
— Fritz Flebbe . . 2 191 den ald Reflameunternehmer ; 335 
— rib Griebels Scherenſchnitie 238 Claſſen, Walther, Fremdwörterei und ande⸗ 
— Zu Hans Förſters emitententes Sahrten“ 274 res Fremdländifche in der ftudentifhen Sitte. 303 
— Emit Eitner . . ; 306 Eorbad, Dtto, Wir und der rufjiide Hunger 154 
— Ferdinand a und wir . 339 — Mas folgt aus den — — der 
— Rudolf Sdieftl . . : 404 legten Zeit? . . 272 
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Seite 


Seite 


Corbad, Otto, Rufland als ,MNeu-Amerifa” 364 | Stapel, Dr. Wilhelm, es und Stinnes . 
Curtins, Prof. Dr. Ludwig, et sug. 95 — —————— oder ſpaniſch? 

— Voltsbildung on - « 236 „Rur durd den ser Führt der” Be au 
Ebhbrentreid, Dr. "Alfred, | Herder, ein ben Geftirnen“ 

„Vorſpuk“ Lagatdes tf cae, eee wo pe lee eet — Beamtenftreit . ; 
Engelbreät, Kurt, Freude am Schaffen . 185 — Bote Eharfreit : 
Gerftenberg, Prof. Or. Heinrid, Die ftär- — Darum id mat hin werde . 

fere Billenstraft des Gebilbeten . 302 — Der verbafte 8 
Gola, Dr. Braune, Neue bentige Driginal- _ Glaubensbefenntnis "und Kirchenverfaſſung 

graphik ok 871 — Wolfgang Schumann auf dem Bürger- 
Grunemwal d, Dr. Maria, Die Raum- friegöpfadte . 

burger Stifter . . 31 — Warum id von "Gertrud Brellwigens 

— utber und Matthias Grünewald . 402 „Drude” nur das erfte Rapitel [as . . 
Kleibömer, Georg, Zu Sdhniglers „Reigen“ 156 — Ein Schlußwort zum Reigen· Prozeh 

— Kern und Hure. . 367 Unfre beiden neuen Bücerjanmlungen 
Mafhmann, Hans, Margarethe ‚Have. St einberger, Sofeph, Zum sae eet 
— aan . — ——— age} ver liden Sdulwejen — 

üller, Kar eligion un ebensge t 
Nagel, a becaizan om hen Dillan = es Te — — Theodor, Une Jens 

aulfen, Rudo eben : : 
eee ey ncn S| ete Sutesbecpung OE, Snlente 

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Wrafhinger, Emil Rudolf, SKrainer ee Der —— —— Beitgenoffen. 
eg Dr. Karl Bernhard, Beivabre beine = — 10. Der Vielfeitige EIER 
Serie! 27 — 11. Dienft am Baterlande . 

= Siuber bes Lichts! cae OF e 57 — oe tae Selftenglauben . . 

— Mom unbeliimmerten Leben _ gg | Unger, —— Das liebe Publitum 

— * religiöſe Intereſſe und ber Glaube . 128 = Bilin a uſik . : 
Sinnidfen, Andreas, Das Leben der Dinge 362 | Werner, Or. Rudolf, Hermann Boßdorf 
Stählin, Dr. Wilhelm, — und | Wolzogen, Bear" d., eee raumlofe Fort» 

bewuftes Vollstum — 58 ſchritt . afd te ah ov ee 

Der Beobachter 
Seite 33, 62, 97, 129, 159, 192, 276, 307, 341, 372. 
Zwiefprache 
Seite 34, 64, 99, 181, 163, 194, 239, 278, 311, 3843, 374, 407. 


Stimmen der Meifter 


3 TR g £ 2 see : EubEes | 


28 
58 


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Einbarbd über Farl ben Großen, SEEN |} Mie Hl, Unverbraudtes Bolt (241). — Sant, 
uber Otto den Groken (Seite 35). — Grimmels- | Republif und Demofratie (279). — Jean Paul, 
baujen, Aus dem Gimpliciffimus (66). — | von der Religion (312). — Fidte, das Ende einer 
Sriedr. Tbeod. Bifher, über die Scham Bollsmikwirttfhaft (344) — Hans Thoma, 
(100). — Stifter, über die Scham (132). — Schücdternheit (376). — Altes plattdeutjch-lateinijches 
Je tob Böhme, der Himmelsmai (164). — Weibnadtslied (408). 

rillparzer, die Ordnung (196). — , 8 

Bilderbeilsgen 
Heft Heft 
Broel, Georg W.: An die Heimat, Radierung 11 ! Hobdler, Ferdinand: Der Freibeitsfampfer. 
Bo über Neue deutfdhe Driginalgraphif. wis ber NRüdzug von Marignano, ts Der +s 
olafäller : ‘ 
ge: ner eat; Ainierm Dei: wen, am (Benninghoff über Hodler. ©. 339.) 
eer. Die Wobnjtube. Der boje Fein ug, Adolf: Englesto lußlandſcha Cole 
(Benningboff über Eitner. ©. 306.) — — — me a 8 
BF Benn Brig: Er N ‘ear Beter.. . 6 (Eurtius über Jug. S. 95.) 
55 iter — 5 Solafepnitte, aus * „Alt: Kampf, Arthur: Fichte Rede an die deutfde 
länder Fahrten” 8 Nation. Kopf Fidtes. Das serie Pferd. 
(Benningboff über Förfters Altenlander (Benninghoff über Kampf. ©. 127.) 

Fahrten. ©. 274.) Lehmbrud, Wilhelm: Mutter und Kind. 
Griebel, Frik: Schattenfdnitte: Anbetung. Kopf eines Denfers. Der Geftürzte. . u 

Dun auf der —— ree Die ; (Grunewald iiber Lehmbrud. ©. 142.) 

Predigt des Heiligen. Der Heilige. . Naumburger Dom: Stifterfiguren: Ete. 
(Benningboff über Griebels Scherenſchnitte. bard und lta, gang und in nt Siggo 
Pe weht: Meile: Gets v. — Hermann und — 1 
plaftit). nung (Holsfänitt) . . 2 ——— über die Naumburger Stifter. 


Maſchmann über Marg. Hademann. S. 60.) 

Heinsdorff, Emil Ernit: Der Wäldlervater, 
Rabdierung 11 

oat) fiber” Neue deutfche Originalgraphit. 


Rudolf: Maria in der Wieſe. Junge 
Alter Bauer mit Kind. Der Gaue 


‘©. 404) 


Smieftl, 
Mutter. 
treiber. 
(Benninghoff über Rud. Shieftl. 





Aus dem Deutfthen Volfstum Naumburger Dom: Effebard und Uta 


Deutiches Dol€stum 


J.Seft seine Mionatsfdrife 1922 








Adel. 


1. 


or Zeiten, als die Leute ganz befonders flug waren, hatten jie herausyge- 

funden, daß die Religion nichts andres fei als eine Erfindung herrfcdhfichtiger 
Priefter, die Das einfältige Volk in Furcht und Botmäßigkeit halten wollten. Heut- 
zutage find wir, abgejehn von dem braven Demokraten und Moniftenbündler Biepen- 
jhneider, Gott fei dank nicht mehr fo Hug. Aber auch Heute noch lafjen fich alle 
Zeitgenofjen von normaler Halbbildung irgend einen Klugheitszopf aus dem acht- 
zehnten Sahrhundert mit Stolz von ihrem aufgellärten Haupte herabbaumeln. 
Seder Demokrat weiß doch, daß der Adel nichts weiter ijt als ein Erzeugnis bos- 
artiger Männer, die mit Gewalt und Betrug fih und ihr Gefchlecht über die 
von Gottes und Rechts wegen gleichberechtigten Mitmenjchen emporgehoben haben. 
Darım ijt der Adel „abzujchaffen” und zu erjegen durch die gleichberechtigte Ell— 
bogenkraft jolcher Leute, deren „Tüchtigkeit” nicht durch überfommene Ehrbegriffe 
und moralifche Kinderjtube gehemmt ift. Für Piepenfchneider ift Tüchtigfeit ganz 
einfach „Züchtigfeit”. Für die, welche nicht fo „ganz einfach” mit der Welt fertig 
werden, liegen die Dinge freilich anders. — 

Es ijt eine auffällige Tatfache, dak alle entwidlungsfähigen Volker ihre 
Cutwidling mit der Ausbildung eines Adels beginnen. Jedes Volf, das eine 
ftaatliche, wirtfchaftliche, fünstlerifche, religiöfe Gefamttleijtung vollbringt und alfo 
eine „Gejchichte” hat, beginnt feine innere Entfaltung mit der Sonderung in fübh- 
rende und geführte, in „höhere“ und „niedere” Schichten. Ueberall dort mwächlt 
naturhaft eine führende Schicht, ein „del“ aus der „Menge“ herauf. Adelsge- 
Ichlechter find alfo nicht fünjtlich aus menfchlicder Willtür gemacht, fondern natürlich 
geworden. Welchen Grund hat da8? Die höheren Fähigkeiten, die in einem Volle . 
Ihlummern, find nicht gleihmäßig auf alle feine Glieder verteilt, fondern fie 
twerden immer nur in einzelnen Volfsgliedern und durd fie wirkfam. Diefe 
Gejchidte fdaffenden Einzelnen find die „edlen“ Erfcheinungen eines Volkes, fie 
find die von der Natur mit befonderen Fähigkeiten begnadeten „Führer“ auf den 
verjchiedenen Gebieten des gejchichtlichen Lebens. Durch ihre Fähigkeiten haben fie 
eine bejondere „Funktion“ und „Aufgabe“ für das Volksganze. 

Nun wird man freilich jagen: diefe Führer find eben doh Einzelne. Sie 
werden geboren und jterben als Einzelmenfchen, fie jegen fic nit in Sejhled- 
tern fort. So fcheint es, aber bier liegt ein Srrtum, der dem Zeitalter der 
Aufklärung vorbehalten geblieben ijt: man glaubt, der vernünftige Wille, der das 
Wefentlihe am Menjchhen ift, der den Menjchen zum Menjchen macht, jei etivas 
rein ,<¥ndividuelles”: meine Vernunft und mein Wille hänge allein von „mir“ ab, 
der vernünftige Wille fei fchlechthin mein „sh“. Und diefer individuelle „Wille“ 
fei eS im Grunde, der den Führer mache. Dabei vergißt man zweierlei: 

Eritens: Ob einer willensjtarf oder =[hHwad ijt, ob er der Vernunft leicht 
oder Schwer Einfluß auf feinen Willen gewähren kann, das hängt nicht bloß von 
jenem Willen, fondern aud von feiner Art ab. Es ift eine „ungerechte” 
Tatjache, aber dod) eine Tatfache, dak e8 mandhe Menfden von Natur fchmwerer 
haben, fittlich gu fein, al8 andere. Durch die ,,Art” ift e8 jedem Menjchen „vor- 


1 Gtapel, DeutfwHes Voitstum. 1 


beftimmt”, das heißt: vor feiner perfönlichen Fchtwerdung beftimmt, ob in thm 
piel oder ivenig Hemniniffe fiir feinen vernünftigen Willen liegen. Die Art wird 
bejtimmt durch die Borfahren: in unfern Vorfahren liegen die Urjaden all 
defien, was unfern guten Willen hemmt oder fördert; in uns wiederum liegen 
die Urfachen für die fittliche Kraft unfrer Nachfahren. Dienatürlidhe Kette 
der®efhlehteriftzugleich eine fittlihe Kette, weil die Sittlich- 
feit nicht etwas ift, das im luftleeren Raum der Iogifhen WAbftraftion jchiwebt, 
fondern etiwas, das in Seele, Fleifch und Blut fich vertwirflichen fol. Alfo hängt 
die tatfahliche Sittlichkeit eines Menfchen nicht bloß von jeinem Willen 
ab, fondern von dem Willen einer ganzen Gefchlechterreihe. Was für das Sittliche 
gilt, gilt genau fo für alles „urfprüngliche” Leben überhaupt, auch für fünftlerifche, 
religiöfe, ftaatliche Befähigung. Lestlich hängt alles nicht an unferm Einzel- 
willen, fondern am Schidfal, das von Gott fommt. ener Tatfache der gefchledhter- 
haften Bindung des Lebens trägt der vom Nationalismus nicht verdorbene Menfch 
dadurch Rechnung, daß er den Einzelnen unmwilltürlih im Zufammenhang feines 
Gefchledhts fieht. Er begnügt fich nicht mit der Frage: „Zis, pothen eis androon?” 
fondern will fogleich auch mwiffen: „Pothi toi polis eede tofees?”*) it der einzelne 
Menfch edel, fo ftedt diefes Edle in feinem Gefchlecht irgendivie ald Anlage und 
Möglichkeit; es ift ein zur Veredelung erwachtes Gefchlecht, im Unterfchied von 
Geichlechtern, die noch nicht zum Adel herangereift find. Darum legen die alten 
Sagen und Gefdhicdten foviel Wert auf die Wbfunft ihrer Helden, fie find — 
denfen wir an Gudrun, Parzival, Sigurd — geradezu Gefhlehtergeihid- 
tei :wir fehen ein Gefchlecht fic) entfalten, in Helden aufblithen und and wohl 
wieder verblühen. 

Biweitens: AMT unfer Erziehungswefen fcheitert an der Tatfache, dak e3 bloß auf 
Fuodotbtduen eingeftellt ijt, Weil wir nur Fndividuen fehn, meinen wir, jeder 
einzelne habe die Aufgabe, in der Zeit zwifchen feiner Geburt und feinem Tode 
feine „menfchlide Vollendung” herbeizuführen. Wir wollen in der kurzen Spanne 
des Einzellebens ein Ergebnis erzielen, da8 in Wahrheit nur in der Beitfpanne 
bon mehreren Gefchlechtern erzielt werden fann. Dadurch belaften wir da8 Yndi- 
piduunt mit einem deal und einer Aufgabe, der er als Yndividuum garnicht ge= 
wachen if. All unfer modernes Leben leidet daran,daß der 
Einzelnefihan$dealen und Aufgaben und Berantwortung 
übernimmt. Wieviele Menfchen leiften nur darım nichts, weil fie mehr leiften 
zu müffen glauben, als fie verantivorten fonnen! Sie meinen: nad) ihrem Tode 
fei e8 aus, was fie bis dahin nicht tun, bleibe ungetan. Sie haben weder Verftand 
noch Gefühl dafür, daß fie — Kinder haben. Da nun die ,,Vollfommenheit” nicht 
erhaftet und die „notiwendige” Leiftung niemals vollbracht wird, fchieben fie die 
Schuld — beileibe nicht auf thre Dummbeit, fondern auf die Unvollfommenheit der 
Methoden und Einrichtungen. Gie fangen an, fie zu „verbeffern”, und das führt 
dazu, da8 arme Menschenleben immer mehr mit Schul- und Erziehungswerf an 
zufüllen. Die Folge: die alfo behandelten Menfchen vergreifen früher, ihr Gefchlecht 
ftirbt aus. Der wirkliche Aufitieg gefchieht gefchlechterweife: der Sohn mächft über 
den Vater hinaus und fo fort, big eine nicht bloß angelernte und anerzogene, fondern 
eine von innen ber bejtimmte Formiung und Veredelung, bis die wirkliche Reife de3 
Sejchlechtes, biß der Adel erreicht it. Diefen gilt es dann gefund zu erhalten. 
Sicherlih kann man einzelne Menjchen fünjtlich überrafch herauferziehen, wie 
man in Baumfchulen die Baume in die Höhe treibt, Damit fie rafch nutbar werden; 
aber das Tangfame, echte, gefunde, natürliche Wachfen bleibt doch das edelite. Die 
Eichen des Urwaldes find feiter als die, welche der Förfter gepflegt hat. Darum find 
Geduld und Ehrfurcht vor dem gottbejtimmten Wachstum die recht eigentlich ade- 


*) mer: „Wer und woher bijt du?” „Aus welcher Gemeinde ftammijt du und von 
welden Eltern?” 


2 


ligen Tugenden. — Ebenfo wie fteigende gibt e8 auch finkende Gefchlechter. Durch 
feine „Pflege“ und feine „Gewährung von Rechten” fonnen die Yndividuen nieder- 
gehender Gefchlechter emporgebracht werden. Unzählige endlich find der unerwachten, 
Ihlunmernden Gejchlechter, die ihr ftilles Dafein dahinleben, bis irgendwann im 
Lauf der Jahrhunderte die Zeit fommt, da die Knofpen aufbrechen. Hier wirken 
Uuberindividuelle Gejege, die man anerkennen muß. 

Die Wirklidhfeit zeigt uns alfo, dak die Entwidlung eines Volles an auf- 
fteigende Gejfdhledter gebunden ijt. Diefe werden freiwillig, aus natitr- 
lihem Synjtinft von den andern als die „edlen“ betrachtet. Diefen naturhaften 
Vorgang fann man vorzüglich in den altisländiichen Gagas*) ftudieren: da wachjen 
in Norwegen und auf Ysland Bauernfamilien in den Adel hinein, haben eine 
Zeitlang die Führung und verjinfen fchlieglich, noch lange einen Abglanz, den 
„Ruhm“ zurüdlaffend. Das find die Zeiten, in denen das Voltsleben mit dem 
Staats-, Wirtſchafts-, Kunſt-, Religionsleben unmittelbar eins ift, es find Die 
„ungebrochenen” Zeiten. 

Das Ergebnis unferer Betrachtung ift bisher: Adel ift eine natürliche Funktion 
des Volfes. Adelsfähigkeit ift fiir das Volk die VBorausfegung aller höheren Ent- 
widlung und fomit fener Gefhihte Fm Adel fommen die fittlichen, künſt— 
leriichen, ftaatlicden und fonftigen Fähigkeiten eines Volkes zur Erfcheinung und 
Geltung. 


9 

Von dem Mel als Funktion des Boifes ift zu unterfcheiden der Adel als 
„slaffe”. YIn den „ungebrochenen” Zeiten werden durch die univillfürliche Wert- 
jHabung immer neue Gefchlechter, die fick) irgendtvie auszeichnen, in den Wdel3- 
Itand aufgenommen; wiederum fcheiden verblühte Gefchlehter aus, wenn nicht durch 
den Tod, jo doch durch ihr finfendes Anfehn. Aber wie alle „DOrdnungen” in der 
Welt — Staatsverfaffungen, Kirchen, Kunftregeln, Sprachgefege — fo wird aud 
der Adelsjtand im Lauf der Zeit „feit”. Die lebendige Drdnung erjtarrt gu einer 
„Einrichtung“, aus dem „Stand“ wird eine „Klaffe” und endlich eine feit abge- 
ſchloſſene „Kaſte“. 

Dieſe Entwicklung können wir immer wieder beobachten, auch in Deutſchland. 
In den Zeiten der germaniſchen Volksſtaaten, noch im Reich der Ottonen und 
Staufer iſt der Adel durchaus Funktion des Volkes. Er „regiert“ nicht nur, ſondern 
führt. Die Führer ſtehen nicht abgetrennt über dem Volk, ſondern ſind die 
Erſten, Vorderſten, „Fürſten“ ihres Volkes. Das Volk iſt nicht eine minderwertige 
Klaſſe, ſondern iſt die Schar, die ſeinen eigenen Vorderſten „folgt“. Das ſtaatliche 
Leben wird von den edlen Geſchlechtern geſchaffen, und nicht nur das, auch die 
ganze „ritterliche Kultur“ iſt eine Leiſtung, die der Adel für das deutſche Volk voll— 
bringt. Unſre mittelhochdeutſche Kultur iſt nicht Klaſſenkultur, ſondern volkhafte 
Standeskultur, alſo edle Volkskultur. Ueberall iſt da eine lebendige Wechſelwirkung 
zwiſchen dem Volk und ſeinem Adel. Ohne dieſe mittelhochdeutſche Adelsleiſtung 
gäbe es heute überhaupt kein deutſches Volk: es wäre kein deutſches Recht, keine 
deutſche Sprache, keine deutſche Kunſt zu eigenwüchſiger Entfaltung gekommen; 
wir wären ein romaniſches Volk geworden. Noch zur Zeit der Reformation iſt 
der Adel eine Funktion des Volkes. Wenn der bäuerlich-bürgerliche Luther ſich 
mit ſeiner erſten durchgreifenden Schrift „an den chriſtlichen Adel deutſcher Nation“ 
wendet, ſo iſt das pſychologiſch etwas ganz andres, als wenn ſich im achtzehnten 
Jahrhundert jemand an den Adel wendet. Wir nennen nur bekannte Namen wie 
Götz von Berlichingen, Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten. Der junge Goethe 
hat in ſeinem Götz mit genialem Tiefblick die Wandlung vom Volksadel Ger— 
lichingen) zur Adelsklaſſe (Weislingen) dargeſtellt. In jener Zeit beginnt die 


*) Am bequemſten und vollſtändigſten zugänglich in der Sammlung „Thule“ (Eugen 
Diederichs, Jena). 


3 


innere Wandlung des Adels. Ym fjiebjehnten Gahrhundert dringen dann ronta- 
nijce, insbejondere frangojifhe Anfchauungen ein. Der Adel befeftigt nun eine 
Kluft zwijchen fid) und dem Volke, er wird zur Klajfe. Seine Funktion wird 
nicht mehr durch das Volfstum, fondern durch das Königtum beftimmt. Der Adel 
erfüllt getreulich die Pflichten gegen den König, aber er empfindet nicht mehr die 
Pflichten gegen fein Volf als Volt. Aus VolfSerjten werden Offiziere und Staat3- 
beamte. (Wir reden hier vom Durchfchnitt, nicht von Ausnahmen.) Statt deutfche 
Sprade, Kunft, Staats- und Lebensfornten zu pflegen, übernimmt der Adel volf6- 
fremde, franzöfifche Sprade, Kunft, Staat- und Lebensformen. Schliehlich 
empfindet er fich weithin dem franzöfiihen Adel innerlid näher verwandt als 
dem eigenen Volk. 

Damit tritt das ein, tvas bei „Hlaffen” immer eintritt: die Ynternationalitat. 
Staatlich bleibt der Adel zwar immer national, aus Königstreue, aber völ- 
Eifch fühlt er weithin international. Qn dem Adel als KHlaffe werden internatio- 
nale Mifchheivaten, die früher etivas Befonderes waren, immer felbitverftändlicher. 
Daß dadurch Blut und Seele des Adels dem eigenen BVolfe fremder wurde, wer 
dachte daran? Und wer Hatte ein Gefühl dafür, wie die Ynternationalitat des 
Adels in den Augen des Bolfes eriheinen mußte? 

Zu diefer Volksentfremdung des Adels kommt mit zunehmendem Rationalis- 
mu3 feine vollftändige Entheiligung dDadurdh, daß das Adelsprädilat Fauflid 
wird. Leute, die Geld haben, fünnen, ohne durch Perfonlichfeit und Leiftung ihren 
 tatfächlichen Adel eriviefen zu haben, das „von“ fie Geld eriwerben. Und unter 
den finfenden Adelsgefchlechtern finden fich immer genug, die den Sinn für adeliges 
Wefen nidt mehr haben, fondern e8 bei der nachgeahmten, außerlich angewendeten 
sorm bewenden faffen. Aber die Käuflichkeit des Adels fordert die Ironie des 
Bolfes gegen den ganzen Stand heraus. Adel wird nur noch al Außerlidher 
Unterfdied, vielfach nur als der Unterjchied des Reichen von dem Aermeren entp- 
funden. (No in: Mittelhochdeutfchen hat das Wort „reich“ nicht die enge Bedeutung 
von „mwohlhabend”, fondern bedeutet fchlechthin „vornehm, edel, madjtig.”) Nad)- 
dem fo die urfpriinglide Funktion des Adels im Volfe als natürlich erwachjendes 
Führertunt vergeffen war, hatte der Adel feine natürlichen Wurzeln mehr. 


3. 

Bolt ift ein lebendiger Organismus. Wir haben den Adel als ein wichtiges 
Zebensorgan diefes Gebildes beftimmt. Nun aber gibt e3 auch fiinjtlide Orga- 
nismen: Organifationen. Auch fie fonnen nur durch ein Auseinandertreten 
pon ,ubrertum” und „Menge” ihre Aufgaben vollbringen. Da Organifationen 
Gebilde find, die ihrem Wefen nach vom menfhliden Willen abhängen, die aljo 
aemact werden können, fo fann ihre Führerfchaft feine „gewachfene” fein, jon- 
dern fie muß irgendiwie durch den menfhliden Willen beftimmt werden. Die 
beiden größten bisher vollendeten Organifationen der europäischen Welt find Kirche 
und Staat. Wie verhält fich nun Firchliches und ftaatliches Führertun, Hierarchie 
und Ariftofratie, zum Bolfsadel? 

Die Hierardhie und die Ariftofratie ertwachfen nicht aus der Natur, fondern 
aus menfhlichen Ordnungen, alfo aus Willensaften. Da in dem Führertum der 
fatholifchen Kirche Ehelofigteit herrfdt, fann hier ein Gefdhledhter-Bufammenhang 
nicht einmal mittelbar in Frage fommen. Sn den Staat, joweit er Bolksjtaat 
ift — denfen wir an die alten germanifchen oder an die mittelalterlichen deutjchen 
Staaten —, foweit er alfo nichts andres als die natürliche Geftaltung des Volf3- 
lebens ift, wird freilich der natürliche Adel zugleich daz ftaatliche Führertum inne- 
haben; denn der Staat ift ja das Werk des natürlichen Adels. Aber fobald fic) 
der Staat als felbftändiges Gebilde vom Bolfe loft und fein eigenes „Itaatliches 
Leben” führt, tritt notivendig an die Stelle des natürlichen Adels der — Beamte. 
Yn allen dburdgebildeten Organifationen ift der Beamte 


4 


der Erjag für den natürlihen Adel. Der Beamte wird nicht durd 
Geburt zum- Beamten, fondern durch einen menfchlichen Willensentfchluß: er wird 
entiveder „von unten her“ gewählt oder „von oben Her” gewählt, d.i. „ernannt.“ 
Andie Stellevon Geburt und Shidfaltrittdie Wapl. 

Und nun fegt eine Spannung zwifchen Geburtsadel und Beamtenadel in Staat 
oder Kicche ein. E3 finden, zumal in den Werdezeiten, Ausgleiche hinüber und 
herüber jtatt, e8 bleiben überall „hiftorifche Zufammenhange.” Aber man darf 
ih dadurch nicht über das Wefentliche täufchen Taffen: die urfprüngliche innere 
Einheit ift verloren. Fedes Beamtentum ist aus dem Volfe Hherausgehoben: 
Ihon dadurch, daß es fich nicht wie das übrige Volk ernähren muß, fondern „ge 
fihert” it. Das Leben wird rationalifiert und auf ,Grundfage”, d. h. auf eine 
Carriere, auf ein Syitem von Prüfungen und Berechtigungen gebradht. Wohl der 
Organifation, in welder der Verftand Hausbaden genug ift, den natürlichen menfch- 
lichen Adel ohne Refjentiment anzuerkennen. Wehe der Organifation, in welcher 
nur nocd das Schema der Ordnung gilt. Am jchlimmiten aber ift die Organifa- 
tion daran, in welder der Verjtand fich gefangen nehmen läßt von allgemeinen 
logifchen Prinzipien, „die e8 reftlos durchzuführen gilt.” 

Aus jedem gefunden Organismus, alfo au aus jedem gefunden Bolt 
wadjen die ihm gemäßen Organe für feine lebensnotiwendigen Funktionen heraus. 
an den volfsadligen Gejchlechtern mwächft der edle Gehalt eines Volkes an ftaatlicher 
und wirtfchaftlicher Ordnung, an Kunft und Gottesdienft, an Sprache und Wiffen- 
ichaft hervor. Sn jeder woblgefiigtn Organifation, alfo aud in einent feften 
Staat und in einer feften Rirde, wird der Geift durch den Ziwe cd bejtimmt. 
Go wablen der Staat, die Kirche die zu ihrem Bwed und Geift paffenden Menfchen 
aus. €8 entftehen Beamtenfchaften und BPrieiterfchaften mit befonderent ‚‚Geijt”: 
die fatholifdhe Kirche Hat einen andern Geift und andersartige Führer als die 
proteitantifche, der autoritative Staat andere al3 der demofratifche. 

Nun aber wird aus der Geldwirtfchaft Heraus neben Staat und Kirche in 
allmählich immer größerer Selbftändigfeit eine neue Organifation gefchaffen: die 
tapitaliftifche Wirtfchaft. Schon droht fie die alten Organifationsgebilde der Staaten 
zu zertrümmern, ja geradezu die Staaten fich einguverleiben. Wie in einem Staat 
Die Menfhen emportommen, die fich dem Geifte diefes Staatswefens am beiten 
einfügen, fo gelangen an die Spite der fapitaliftifhen Wirtfchaft die Menfchen, 
die fich am beften auf die Ausnugung des Zinfes verftehen. Wie in einem friege- 
rifden Volk die Krieger, in einem religiöfen Volk die Propheten, in einer Sirche 
die Priefter, in einem Ordnungsftaat die Beamten führen, jo im fapitaliftifden 
Wirtfchaftsiwefen die Geldflugen. Es bildet fich neben der Ariftofratie und Hierarchie 
eine Blutofratie al3 eine weitere Sorte von Erfah des Bolksadels. Ye be- 
herrfchender die fapitaliftifche Wirtfchaft wird, um fo angefehener werden die Pluto- 
fraten. Bor Roth{child3, Nodefelers oder Stinnes’ Familie erftirbt mander in 
tieffter Ergebenheit, der von jeglicher Verehrung für das Gefchledht der Hohenzollern 
frei if. Ge mehr die reinen Finanzprobleme entjcheidend für da8 Schidfal der 
Völker werden, je mehr das rein Wirtfchaftlicde — ob nun unter der Marke „Kapita= 
lismus“ oder „Sozialismus“ — alle menfchlichen Beziehungen beherrfcht, dejto mehr 
werden die geldflugen wirtfchaftlichen Führer über alle andern emporfteigen. Heute 
ihon nehmen die Völker, welche die „Geheimdiplomatie der Fürften” abgefchafft 
haben, in Ehrfurcht ihre Schidfale aus den geheimen Verhandlungszimmern der 
großen Finanzmänner entgegen. 

Jedes Zeitalter ift gekennzeichnet durch die Männer, die in ihm zur Führung 
gelangen. Der alte deutfche Volfsadel, der im Mittelalter führte, lebt heute nur 
nod) in wenigen Familien ohne öffentliche Bedeutung. Der zur Klaffe getvordene 
Adel, defjen große Zeit das Barod und Rokoko var, ift aufs Altenteil gefebt. Er 
hat im Weltkrieg die größten Menfchenopfer für feinen König und feinen Staat 


5 


gebracht, nun figt er unter oft nicht leichten Verhaltniffen auf feinen Gütern oder 
übt in fchlichten Stellungen eine jtille, vornehme Tätigkeit. Damit fich die Kluft 
zwijchen ihm und dem Bolfe nicht fchließe, ertönt in der Preffe derer, die ein 
Sutereffe daran haben, die Hat auf den „Sunker”. Die Plutofratie aber fchwillt 
über Milliarden. Sn den Slubjeffeln von Wallftreet Iehnen fick) die Herren der 
Welt zurüdf und lächeln befriedigt. Unter ihnen, im Leben der Staaten, bildet fic 
als Erfag für den unteren Mdel eine Klide von geriffenen Parteipolitifern. Die 
Geldherren werden eine „blühende Weltwirtfchaft” organifieren, die Parteipolitifer 
werden eine gut funktionierende, dem wirtjchaftlichen Zived entfprechende Ruliffen- 
Demofvatie organijieren. Aber all das, was wir als hoch und edel und rein im 
Herzen lieb haben und erjehnen — wie fommt das im öffentlichen Leben zur Gel- 
tung? Wo ift der Adel, der feines Volles Herz verjteht? Wo ijt das Volt, das 
feinen Adel verjteht? Armes Boll! — Was können wir tun? 

Damit find wir wieder einmal an einer Grenze des menjchlichen Wollens 
angelangt: wir begreifen, daß wir das Notwendige nidt machen fünnen. Ein 
gerftorter Adel laßt fich nicht einfach durch einen neuen erfegen. €8 gibt freilich 
Leute, die aus der Erkenntnis, daß ung Deutfchen der Adel fehlt, gradlinig folgern: 
alfo muß man einen neuen Adel befdaffen. Selbitbewußt fehen fie fick) und ihre 
Freunde als „Adel der Zukunft” an. Die eine Sorte geht mit zufammengerifjenen 
Schultern umher und ern.uert das deutfche Volk aus dem Handgelenf. Die andre 
Sorte läßt das Haar twehen und blidt romantijfd) in den blauen Himmel. Aber 
e3 fommt weder auf die Schulterhaltung noch auf die Haartolle an. Es tommt 
alleindaraufan,daß wir die falfmen Gotter erfennen und 
die Örenzen gegen fie wahren. Was aus diefem Grenzfampf, den das 
Gefühl und die Erkenntnis des Edlen gegen das Unedle führt, fchlieklich auf 
die Dauer heranreift, das fteht in Gottes Hand. Habt feine Sorge vor der Macht 
des Geldes! Wenn die Beit erfüllt ift, gilt auch von dem Göten Mammon das 
Zutherwort: „Ein Wörtlein kann ihn fällen.” Er wird zerfchellen an einem reinen, 
getreuen Herzen, und feine Trümmer werden verjtreut liegen um den ganzen Erd- 
ball. Heute aber leben wir in der Abwehr. St. 


Gm SRampf mit der Aufflärung. 


VY" leben im Beitalter der Wufflarung. Wer das bejtreitet, auch wer es begrüßt 
oder bedauert, der prüfe mit uns den Sachverhalt. Eine kurze Gejchichts- 
betrachtung möge uns den Weg bereiten. Unjere Weltheimat ift da8 Abendland. Wir 
wollen zunächit fragen nach der Einheit, die e3 zufammenhält, und nach den Unter- 
Ichieden, aus denen feine inneren Grenzen ftammen. 


1 


Unfer Abendland ijt eine Einheit. Herder und Hegel, Goethe und Ranfe, die 
Deuter unferer Gejchichte, lebten int Gefühl diefer Einheit; wir tun e8 heute aud 
noch. Das Abendland ift das, was auf das Römerreich und feine Zufammenfaffung 
gefolgt ift. Jn den römifchen Formen des Staats und Rechts, des Geiftes und der 
FKunjt kam feit der Völkerwanderung das Abendland zu feinem gefchichtlichen Dafein. 
Auch die Befehrung der europäifhen Lander zum Ehriftentum war Romanifierung. 
Damals hat Europa in feiner Chriftlichfeit die Grundftellung zur Welt gefunden, 
die e8 Don Den anderen Erdteilen unterfcheidet. Neu-Amerifa gehört dabei zu 
Europa. Fede Lebenserfcheinung, die unter uns aufgetreten ift, trägt feither den 
chriftlichen Wefenszug in ihren Antliß; feine ift fchlechthin unchriftlih. Wir können 
uns von Chriftus nicht mehr völlig Iosfagen, ob wir wollen oder nicht. Wher mit 
eben diejem Ehriftentum find auch jene Grenglinien Wirklidfeit geworden, die quer 
durch unferen Erdteil laufen. Welten, Mitte und Süden empfingen ihren Glauben 
von Rom, Sften und Südoften aus Byzanz. Seit dem Tyahre 1000 etiva gibt e3 


6 


diejen Unterfdied, der uns als Bewohner der Mitte dem Often entfrembdet und nad 
dem Weiten und Süden hiniiberiveift. Doch wiederum: um 1500 befeftigte Luther 
innerhalb der römijchen Chriftenfchaft eine neue Grenzfcheide. So entftand die 
religiöje Dreiteilung Europas, diefe merkwürdige chriftlihe Dreieinigfeit, die ung 
trennt und Doch verbindet. 

Ehriften zu fein, ift nicht unfere einzige Gemeinfamfeit. Mit dem chriftlichen 
fam auch das heidnifche Altertum zu uns herüber. Auf die Römer folgten bei diejer 
Einwanderung die Griechen. Nennen wir einmal alles, was beide uns an vorchrift- 
lihen Werten gebracht haben, mit dem einen Namen Renaiffance, fo ift eben fie das 
zweite Einheitsband, das die europäischen Völker umfdlingt. Cin geheimnisvolles 
Band, bald der Nabeljhnur vergleichbar, bald Gangelband und unfreie Feffel. 
Ueberall Latein und Griehifh. Durch diefe Sprachen, durch ihre Zeichen und ihren 
Snhalt verjtehen wir ung. Freilich zeigt auch diefe gemeinfame und immer wieber- 
fehrende Renaiffance in jedem Lande ein anderes Geficht. Nirgends ijt fie einfach 
Nahahmung, jedesmal ift fie irgendiwie eigenes und befonderes Leben. Das bewirkt 
{don jene dreifach verjchiedene Ausgeftaltung des Ehriftentumgs. Das vollbringt nod 
mehr die andere Dreiteilung, die allem europäifchen Gefchehen zu Grunde liegt. E38 
gibt ja fein europäisches Einheitsvolf. Wir find als Europäer entiveder Germanen, 
Romanen oder Slawen. Krieg und Frieden ziwifchen diefen Volferfamilien — das 
ift der Ynbalt unferer Gefchichte. Sr der Meberiwältigung und Belehrung der Weft- 
jlawen bejteht unfere mittelalterliche Leiftung nad) Often hin. Nach Weiten hin leben 
wir gleichzeitig mit den Romanen in enger Sulturgemeinihaft. Aus diefer 
germanifch-romanifhen Einheit find Bildungen wie die englifche Nation, die franzo- 
fiihe Monarchie, die gotifche Kunft, die papftliche Kirche und das deutfche Kaifertum 
des Mittelalters ermachfen. Was zugleich chriftlich und germanifch und romanifd ijt, 
nennt unjer Mittelalter univerfal. Diefe Einheit nun löfte fich im vierzehnten und 
fünfzehnten Yahrbhundert auf. Bis dahin haben die Völker das gemeinfame Erbe 
def Romertums und Chrijtentums langfam und tief in fich verarbeitet, um nun 
deito mehr zu werden, was fie eigentlich find: befondere Völker. Mit wunderbarer 
Selbitverjtändlichkeit treten fie nun immer fidtbarer auf den Plan, die frangofifde 
und italienijche, die englifche und die deutfche Nation. Das ift die Renaiffance! 

Das Griechentum fam wieder, als — um nun von uns felbft gu reden — aud 
da8 Deutfhtum wieder fam. Nur jo verftehen wir den nationalen Humanismus 
und die deutjche Renaiffance. Andersimo war e8 ähnlich. Die Renaiffance ift überall 
zugleich europäatich und national. Einheit und Unterfchied find miteinander da. So 
geichah es, dak aus dem Mittelalter die Neuzeit wurde. Seitdem haben wir vollends 
das untrügliche Gefühl, daß wir ein für allemal anders find als die andern. Ge 
ntchr gegenüber dem Allgemein-Europäifchen die deutfche Lebensart fich abhebt, deito 
ftarfer fithlen wir zugleich den altdeutfchen und altgermanifchen Wurzelgrund unferer 
Entwidlung wirfungsfräftig werden. Die Reformation ift der deutlichite Beweis 
dafür. Sie ift aus weit zurüdliegenden Quellen gefloffen. Die anderen haben nur 
die Renaiffance, twir haben noch mehr. Und wenn man diefes Wndersfein und diejes 
Sunerlichfein auch gefcholten und bedauert hat, fo doch nur, wenn man europäifch 
und nicht deutich dachte. Schon hier erfennen wir: der Gang unferer Gefchicte ijt 
ja nur fcheinbar ein Fortichreiten und Weggehen von dem naturhaften und volf3- 
mäßigen Anfang. Nadte Volkstraft war es anfcheinend, die aus den Wäldern Ger- 
maniens hervorbradh und fic der alten Kulturwelt bemädhtigte. Wher von Jahr— 
hundert 3u Yahrhundert zeigte fich gewiffer, daß in diefem Barbarentum eine Seele 
war, die fic) im Grunde nicht mitverwandelte. Wie fie als folche rein und reiner 
zum Vorfchein fommt, das ift der heimliche Reiz und jhönfte Sinn unferer deutfchen 
Geſchichte. 

Die europäiſche Renaiſſance entwickelte ſich zur europäiſchen Aufklärung. Da— 
mit kommen wir endgiltig in die Neuzeit hinein. Neuzeitliche Kulturgeſchichte iſt 
Geſchichte der Aufklärungsideen. Was im Mittelalter der Glaube war, wurde nun 

7 


mehr und mehr der Wiffenfchaftsgeift. Auch er hat feinen Glauben. Sein eriter 
Artikel heißt: ich glaube, daß ich aus eigner Vernunft und Kraft zu meinem Lebens- 
ziel gelangen kann. Diejes Vertrauen auf die Vernünftigfeit, die allen gemein tit, 
paart fic mit jenem unverfennbaren Selbftgefühl, da8 fich moderner Yndividualis- 
mus nennt. Der Europäer wird zum Jndividuum, das die mittelalterlichen ‚Univer- 
falien als Schranken der perfünlichen Freiheit hinwegräumt. Nun gilt feine Bevor- 
mundung mehr. Feder einzelne fühlt fich als Selbftdenfer. So fommt das adht- 
zehnte, das große, das philofophifche Kahrhundert, die Flaffifche Zeit der Aufklärung; 
und fo ift e8 abermals ein Einheitsgeift, in dem die europäifche Menfchheit atmet. 
Dennoch ift auch diesmal die Lebensluft überall verichieden, wie auch die Vollsnatur 
es ift. Der aufgeflarte Englander denkt anders al3 der aufgeflarte Franzofe, und die 
deutfche Aufklärung ift wieder grundverfdieden von der mwejteuropätichen. Hatten 
wir in Deutfchland neben der Renaiffance die Reformation, jo entfaltet fic) die 
deutfche Aufklärung in einer Weife, die feine Wiffenfchaft erflären fann, zum deut- 
{hen Ydeali8mus. Wir meinen, daß Luther und Kant und unfere großen Dichter 
bon dem Univerfalismus des Mittelalter etwas in die Neuzeit hinitbergerettet 
haben, da3 den anderen verloren gegangen ift. Die deutiche Scele birgt in diefer 
Aufklärung, die mehr ift als folche, noch immer Unendlichkeit und Yenfeitigfeit in 
fih. Erft im neunzehnten Jahrhundert ift die deutfche Aufklärung breit und flad 
geworden. 

2. 

Diefe Gefhichtsbetrahtung war unentbehrlich, weil ohne fie dem Gegenivart3- 
bild unferes geiftigen Lebens der Hintergrund fehlt. Unfer Ergebnis heift: Das 
Abendland tft in dreifahem Sinne eine Einheit. Chriftentum, Altertum und Auf 
Märung haben miteinander den Europäer zum Europäer gemacht. Aber diefe großen 
Ginheiten find in threr Uebereinftimnning und Mllgemeinheit doch nicht felbft 
Tebendig. Man fann von einer driftlicen Linie fprechen, die fich durch alles europä- 
ifche Leben Hindurchzieht, und ebenfo von einer antiken und vationaliftifchen Lebens- 
finie. Man fann aud von Kulturfhichten reden, die fih über dem Lebensgrund 
unferer Geiftesgefchichte nacheinander abgelagert haben. Aber was ift diefer Lebens- 
arund? Wo ift die Naturkraft diefes Lebens felbft? Nicht in jenen europäilchen 
Allgemeinheiten wohnt und wirkt fie, fondern in den Völkern, wie fie etwas Befon- 
here& geivefen und geworden find. E3 gibt fein europäifches Volk, fondern nur 
europäifche Bolter. Yn der Auseinanderfebung mit Chriftentumt, Wntife und Auf- 
Härung ift Volt um Volk zu fich felber gefomunen, indem e8 aus eigener Seele jid 
die Bilder erichuf von dem, twas fromm und fchön und wahr fein miiffe. War e8 
twirflich römische Form, was den deutfchen Geift gebildet Hat? Waren nicht vielmehr 
Altertum und Ehriftentum für uns der Stoff, den wir nach unferem Ebenbild 
aeltaltet haben? Darum Steht am Ende unferer Gefchichtsbetrachtung nicht ein eine 
tönioe8 Europa, fondern für uns das deutiche Wolf, wie e3 fich von Nahrhundert 3u 
Stahrhundert gegen Europa und die Welt unterfchieden Hat. Unſer hiſtoriſches 
Forfhen und Anfchauen war nur oft zu einfeitig gerichtet auf die Frage: wie wurden 
die alten Deutfhen damals Christen? Wie aaben fie fich dem ariechiihen Mltertunt 
bin, wie nahmen fie fchlieklich die wefteuropaifhe Wufflarung auf? Und tie tourden 
fie Durch alle diefe Einflüffe umgerwandelt? Diefe Frageftellung fennen wir nun zur 
Geniige. Nun wollen wir auch Antwort hören auf Fragen wie diefe: ivie wurde das 
Chriſtentum deutjch, wie verwandelte filh die moraenländifche Religion in deutfchen 
Glauben, und was ift nun eigentlich deutfches Chriftentum? Und weiter: wie 
dichteten fich unfere Alt- und Neuhumaniften die griechifche Welt in eine deutfche 
um? Goethes Yphigenie ift doch ein Deutfches Gedicht! Dder was wurde aus 
der Verftandiqkeit und Berwußtheit der europäifchen Aufklärung, als nicht fie vom 
deutfchen Volk, fondern diefes von ihr Befit ergriff? Zum mindeften: wo überall 
find Ehriftentum, Griechentum und Deutihhtiim urverwandt miteinander? Und 
zumeift: worin ift deutfche Art und Kraft fich im tiefften immmerdar gleichgeblieben? 


8 


Für uns Handelt e3 jich hier um die Aufflarung. Wir wollen wiffen, ob und 
iwie fie deutjch ift. Hijtorifch angejehen, fcheint fie vom Weften zu uns herüber ge- 
fommen zu fein. Aber ihren Wejen nach muf fie dod) aus uns felber ftammen. 
Kants Bhilofophie ift ja nicht nur eine Hiftorifde Tatjache, fondern eine innere 
Lebensnotiwendigkeit für deutfches Denken der Neuzeit. Hume twedt Kant aus feinem 
Schlummer und Rouffeaus Bildnis hing in der Stube unferes Philofophen an der 
Wand. Das ift Hiftorifch wichtig, aber wefentlich gleichgiltig. Das Wefen der 
deutſchen WAufflarung ift nicht aus Wefteuropa, fondern fchließlih nur aus unferer 
eigenen GeifteSverfaffung ableitbar. Wir müffen aus der bloß-hiftorifchen Be- 
trahhtung der Wechjelwirktung zwifchen ven Völkern heraus, wenn wir den Ort der 
Aufllärung für das innere Leben unferes Volkes angreifen oder verteidigen wollen. 
Wir müffen das Wefen unferes Volkes in feiner Urbeftimmung anfchauen können, 
wenn wir enticheiden wollen, welche Art von Aufflarung ihm gemäß it. Es ift 
jelber fchon eine Wirkung undeutichen Aufflärungsgeiftes unter uns, wenn viele eine 
jolde Wejenzichau und Wertfegung als „dichterifh” und alfo untiffenfchaftlich ab- 
lehnen. Wer nur Berjtandeswiffenfchaft kennt, wem Dichtung nur „Dichtung“ ift, 
der hat nach unferer Meberzeugung die Aufllärung bloß europäifch, aber nicht deutich 
berftanden. fhm ift freie deutfche Wertfegung, die aus dem inneriten Volfswillen 
jtammt und doch frei ift, ein von der Wiflenfchaft verbotenes Wagnis. Er hat nicht 
mit den großen Männern unferes Volfes um den Ginn deutfdher Fnnigfeit und 
Mefensreinheit gerungen und mag die großen Franzofen und Engländer wohl beifer 
verftehen al die großen Deutfchen, von denen feiner fic) damit begnügen Fonnte, 
ein Aufklärer zu fein und weiter nichts. 

So jtellen wir nicht neben, jondern über oder vor das Chrijtentum und die 
Renaiffance und die Aufllärung unfer angeborenes Deutfchtum. So behaupten wir 
ung mit unferer geiftigen und feelifhen Naturfraft gegen die Gefhichtsmächte, die 
uns übermwältigen wollen. Go ift aud) unfere Aufflarung zugleich Hingabe an fie 
und Kampf mit ihr. Kampf mit der Aufklärung und Sieg über fie war unfer 
Ydealismus von Sant und Goethe bis zu Schleiermadher und Hegel. Alles Dichten 
und Denken um 1800 war Logif, aber eine Logik, die in Myftik eingebettet ilt. Auch 
gerade die Kantifche Philofophie, die angeblich reines Denken ift, bleibt dod) im 
Zufammenhang mit dem, worauf fich diefes Denken richtet, chlechthin „undenkbar“ 
und ift als ein faft träumerifches Gervebe vertwachfen mit uralten Geheimniffen des 
deutichen Gewiffens. Man nennt Kant den Alleszermalmer und vergißt leicht, daß 
e3 Auflläarungsmweisheit gewefen ift, die er zermalmt hat und daß Parzival und 
Luther dabei feine ftillen, aber ftarfen Helfer geiwefen find. Der Sinn Ddiefer 
Denfarbeit reicht iiber alle Gedanfen hinaus. Das ift deutiche Wufflarung. Sie 
fennt ihre Grenzen. 

3. 

Das neunzehnte Jahrhundert ift das Jahrhundert einer Wufflarung, die gren- 
zenlos zu trerden droht, weil fie fich einer immer fdwadher werdenden Gemüts— 
fraft gegenüber fieht. GYmmer mehr Deutfdhe arbeiten daran, den Verftand bes — 
Ducchfchnittlichen Wiffenfchaft zum mahgebenden Lebensorgan zu machen. Befragen 
wir das Jahrhundert felbft nach feinem Sinn und feinem Namen. 

Sit e8 ein deutfcheh ri ftliche 8 Jahrhundert? Wm Anfang fteht Schleiermacher. 
Seine Reden find ein Ueberredungsperfudh; die Aufgellärten und „Gebildeten” follen 
e8 mit bem Chriftentum verfuchen. &8 gelingt ihm, in fich felbft und in Menfchen 
jeineögleichen jene Uebereinftimmung erklingen zu laffen, für die fopiele fein Gehör 
haben. Seine Glaubenslehre ift eine Epangelienharmonie des neunzehnten Fahre 
Bunderts, eine Harmonie nicht der Evangelien miteinander, fondern des Evangeli- 
ums mit dem Wiffenfchaftsgeift der Neuzeit. Andere vereinigen das fcheinbar Wider- 
ftrebende auf andere Weife. Wir haben fo deutfche Katholiten wie Görres und fo 
deutfche Proteftanten wie Arndt. Wir haben in Hegeld Religionsphilofophie jene 
dialektiiche Verflechtung von Glauben und Willen, die eine Zeitlang ein Beltand- 


9 


teil unjerer allgemeinen Bildung war. Ju Feuerbach und David Friedrich Strauß 
jiegte die Kritit über die Glaubensfraft. Neue Verjöhnungsverfuche, wie Loge 
dergleichen unternimmt, werden für die offentlide Meinung iwenig wirfiam. rn 
Niegiche fanıpfen vererbtes Ehrijtentum und Fröhliche Wiffenfchaft in Haß und Liebe 
einen furchtbaren Vernichtungstampf. Sit feine Lehre von der fchenfenden Tugend 
die eitform eines heroijdhen Ehrijtentums? Fit fie e8 nicht? Naumanns Briefe 
über Religion und Harnads Borlefungen über das Wefen des Chrijtentums, mit 
denen das neunzehnte Jahrhundert mehr fragend als antwortend zu Ende geht, 
erinnern uns wieder an Schleiermacher; feinen chriftlichen Entbufiasmus haben 
jie faum noch. Aber „interefjant” ift dDiefe moderne Theologie, weil fie den inneren 
Widerftreit des Jahrhundert in jedem ihrer Gelehrten und jedem ihrer Bücher 
widerfpiegelt. Aber wo ijt nod) ungebrodjene Glaubensfraft? Luthers Glaube ift 
Sheologie und damit felber Wiffenfchaft und Aufklärung geworden. 

Sit das neunzehnte Yahrhundert ein deutidh-griehifdes Yahrhundert? 
Wieder fteht eine Geftalt wie Wilhelm von Humboldt am Cingang. Wie Bismared gue 
gleich mit feiner Liebe zum Pietismus fam, fo findet Humboldt im Verein mit Karo— 
line den deutjch-hHumaniftiihen Bildungsglauben. Aber von Jahrzehnt zu Jahrzehnt 
geringer wird die Zahl derer, die diefen Bildungsweg gläubig gehen. Laffalle 
{Hrieb noch feinen Hevaflit. Was ijt heute unferen Arbeiterführern die griedhifche 
Thilojophie? Niegjches Geburt der Tragödie ijt der legte faujtifhe Nachlönmtling 
jener Ddeutjch-griehifchen Wahlverwandtichaft. Die flaffifehen Philologen jelber 
mögen es nicht hören, daß die Griechen auf diefe Weife wieder auferwedt werden 
jollen. Der Humanismus ift längft Hiftorifche Wltertumsfunde geiworden. Die 
Trümmer der Antike werden fleikig ausgegraben, aber die antifen (d. 5. deutjchen) 
Ideale werden in eben diefen Grabftätten zur Aube gebradt. Die Wiljenjchaft 
hat uns auch bier aufgeklärt über den Unterfchied von Wirklichkeit und Dichtung. 

Sind wir darüber zu Deutfhen geworden? Was früher fo nicht möglich 
ichien, ift in der Tat gefchehen: Wir haben im neunzehnten Jahrhundert deutjche 
Dichter, die unmittelbar der Antike wenig oder nichts verdanken. Wir Haben Hebbel 
und Keller, Fontane und Raabe. Wir hatten auch eine deutjche Romantik, die ung die 
vergefene Welt unferer Vater wieder entdedte. Wher lefen wir nun das Nibe- 
lungenlied mit der Liebe und Treue, die mehr ift ald romantifches Spiel? Klingt 
unfere altdeutfche uns wie eigene Sprache ins Ohr? Hegel völlig abwehrendes 
Urteil hat das neunzehnte Jahrhundert doch nicht wirklich widerlegt. Er findet 
in den Nibelungen viel zu ivenig von der Subjtantialität des deutfchen Volfsgeiftes 
wieder. Homer ift ihm die Volfsbibel des Griechentums und die ewige Offenbarung 
des epilhen Weltzufjtandes. Von unferem Epos aber jagt er: „Die Gefhichte Chrifti, 
Syerufalem, Bethlehem, da8 römische Recht, felbft der trojanifche Krieg haben viel 
mehr Gegenwart für uns als die Begebenheiten der Nibelungen, die für das 
nationale Betvußtfein nur eine vergangene, wie mit dent Befen rein mweggefegte 
Gefdhichte find.” Unfere Germanijtif ijt im neunzehnten Jahrhundert Wiljenfchaft 
geworden und auch geblieben; fie hat felten zum Herzen des Volfes gefprocen 
und fonnte das als Wiffenfchaft auch fchiwerlid) tun; aber auch fiir unfere Gebil- 
deten ift fie oft wie nicht vorhanden. Die nationale Begeifterung des neunzehnten 
Yahrhunderts blieb zumeift auf Staat und Politik, auf die Paulstirdhe und Bismard 
befhränft. Sie hat feine rechte deutfche Volksbildung zu erzeugen vermocht. Lnjere 
ebemals deutfch-chriftliche Volfsbildung hat fi) immer mehr in eine verjtändig- 
fritifche Aufllärungsbildung verwandelt. Auch das neunzehnte Jahrhundert war 
auf feine Weife ein deutfches Jahrhundert; aber manche von den beiten Deutjchen 
mußten wie Wellenbrecher gegen diefen Strom anfampfen, der gegen Ende des 
Xahrhunderts immer breiter wurde und Heute alle Damme überfchiwemmt: den 
Strom der aufgeflärten offentliden Meinung. 

Das neunzehnte Fahrhundert ift geiftig ein Jahrhundert der Wilfenfchaft. Was 
im achtzehnten Jahrhundert Philofophie war, wurde im neunzehnten Einzelwifien- 


10 


ichaft. Was im achtzehnten Jahrhundert die groken Denker befdaftigte, wurde tm 
neunzehnten eine Angelegenheit erjt der Gebildeten und dann auch der Maffe: die 
Aufklärung. Neben die Hrijtliche und die Humaniftifche ftellte fic) die naturiviffen- 
ichaftiiche Weltanschauung als die demofratifche und fozialiftifche Popularphilofophie, 
alg eine Kritik, die alles fritifiert, nur nicht fich felbit. Dabei verdrehte fich die 
Kant[he Philofophie in ihr Gegenteil. Was ijt dem Durchfchnittsdeutichen von 
heute felbjtverftandlich? Nicht, was Luthers Bibel ihm fagt, mas Goethes Dichtung 
oder Fichtes Reden ihm verkünden. Diefe Dinge find ihm gerade zweifelhaft oder 
längft für immer abgetan. Selbftverftändlich ift, was eine angeblide Tatjachen- 
wiffenfchaft vermeintlich lehrt. Diefe Anbetung der Wilfenjhaft ijt zum unwiſſen⸗ 
ſchaftlichen Volksglauben geworden; und auf dieſe inhaltsleere und formloſe Ver— 
miſchung von Volk und Wiſſenſchaft iſt man ſtolz, weil man das alles empfindet 
als eine gemeinſame Befreiungstat aller liberalen Köpfe des neunzehnten Jahr⸗ 
hunderts. 

Und wirklich — dieſes Jahrhundert war eine Aera der Befreiungen. Seine 
Loſung hieß: los von allen alten Bindungen! Los vom Chriſtentum, von der 
Antike, vom abſoluten Staat, von allem Abſoluten und Objektiven, das es einmal 
gab, aber nicht mehr gibt. Kein Gebundenſein mehr an Stand und Familie, an 
Haus und Heimat. Eine Freiheit folgte der anderen. Bürger und Bauern wurden 
frei. Grund und Boden wurde frei. Es kamen Freizügigkeit, Berufs- und Ge⸗ 
werbefreiheit, Lehrfreiheit und Lebensfreiheit in jedem Sinne. Das neunzehnte 
Jahrhundert brachte die Emanzipation der Juden und der Frauen, der Arbeiter 
und der Parteien. Sieht man es nur von dieſer Seite an, ſo werden Auflöſung 
und Aufklärung einigermaßen gleichbedeutend. Ein Volk treibt über alle Hem— 
mungen hinweg der haltloſen Vereinzelung entgegen. Jene andere Befreiung, die 
nicht einzelne Glieder vom Volksganzen ablöſte, ſondern das ganze Volk von der 
Fremdherrſchaft losriß und in ſich wieder zuſammenführte, jene Befreiung von 
1813 mutet uns dem gegenüber faſt wie eine rückläufige Bindung der Volkskräfte 
an. Wir wiſſen, wie ſchwer man dieſe Bindung auf die Dauer ertrug, weil ſie 
dem liberalen Zeitgeiſt widerſprach. Aehnlich wurde ja Bismarcks Reichsgründung 
von vielen halb als eine Feſſel empfunden, weil ſie einen Teil der Kräfte nicht 
mehr willkürlich ſchweifen ließ, ſondern unter eine feſte Ordnung zwang. Deutjch- 
land war zu liberal, als daß es dieſe Bindung ohne heimlichen und offenen Unwillen 
über ſich ergehen laſſen konnte. Heute wären wir vielleicht dankbar, wenn Bismarck 
zumal die liberalen Wirtſchaftskräfte kräftiger gebunden hätte. Aber gerade ihnen 
ließ er am eheſten Freiheit, weil er ſelber in wirtſchaftlichen Dingen liberal ge— 
weſen iſt. 

* 

&o leben wir heute unter der Vorberrfchaft einer Aufflarung, die feine anderen 
Götter mehr neben fich duldet. Unfere Gefchichtsbetrachtung ift zur Beitbetradtung 
getvorden, und der Reigenprozeß hat foeben bejtätigt, was wir jagen. Auch Erziehung 
ift jegt nichts anderes mehr ala nadte Aufflärung. Unfere Gugend foll fo erzogen 
werden, daß ſie jo früh wie möglich reif wird fiir die Kunst des „Neigens”. Denn 
uns jcheint die Sonne der Aufflarung. Anı achtzehnten Kahrhundert ift fie auf- 
gegangen mit leuchtendem Morgenrot. Ym neunzehnten Sahrhundert hat fie die 
Nebel verfheuhht und die Wolfen durchdrungen. Nun ijt im swanzigiten Jahr— 
Hundert endlich ein Tag gefommen, fo hell, wie feiner je gewefen if. Und es 
wird immer noch heller. Und die jüngfte Schicht unferes Volkes, der Arbeiter- 
ftand, ift e8, der uns auf diefem Lichtpfad Durch den fchattenlofen Mittag voran— 
gehen will. Sind wir twirflich nur fchwach auf den Augen, wenn wir und dur 
Toviel Licht geblendet fühlen? Oder ijt diefe moderne Höhenfonne vielleicht nur 
eine viefige eleftrifche Glühlampe, die mit Hilfe von Wiflenfchaft und Technik ein 
armes Bolt mit fünjtlichen Licht beitrahlt? Dietrih Ferdau. 


11 


Die Dichtungen des Öfalden 
Cail Gfallagrimsjon. 


Di Dichtung des germaniſchen Nordens zeigt uns eine Erſcheinung, die in der 
Kunſtgeſchichte wohl einzig daſteht: wir finden in ihr zwei Stile, die deutlich 
geſchieden Jahrhunderte lang neben einander beſtehen: der eine iſt der eddiſche, 
der der älteren Dichtweiſe auch der Südgermanen entſpricht; der andre, auf den 
Norden beſchränkt, iſt der ſtaldiſche Stil. Entſproſſen iſt dieſer dem rauhen Wurzel— 
boden der Wikingerzeit; da nimmt es Wunder, neben der inhaltſchweren eddiſchen 
Dichtung eine Kunſtrichtung zu finden, die die Form auf das innigſte pflegt und 
aufs höchſte verfeinert, ſo ſehr, daß ſie hierin ihresgleichen auf Erden ſucht. 

Wollen wir ein künſtleriſches Erzeugnis richtig werten, ſo haben wir vor 
allem zu fragen, wohin ſeines Schöpfers Kunſtwille geht. Der künſtleriſche Wille 
der Skalden zielt durchaus auf die Form. Beurteilen wir ihre Dichtungen nach 
dieſem Maßſtab, ſo müſſen wir ſagen: wie im Heldenliede, wie in der Saga, ſo 
hat auch hier die germaniſche Kunſt einen Höhepunkt erklommen, wie er an andrer 
Stelle in der Welt fchiwerlich erreicht, ficher nie übertroffen worden ijt. 

Leicht eingangig fiir den Horer — denn zum Hören, nicht zum Lefen ijt diefe 
Sprachkunft geichaffen — ift die Sfaldendictung freilich nicht. Stellt jchon da3 
eddifde Heldenlied mit feiner fnappen, nur die Gipfelpuntte herausarbeitenden 
Darftellungsart an den Aufnehmenden hohe Anforderungen, fo verlangt die Stalden- 
dichtung von ihm noch viel mehr. 

Eins ihrer widhtigften Kunftmittel ift eine Bilderfprache, die fic) bon der heute 
üblichen weit entfernt. 

Ein Gedicht des neunzehnten Jahrhunderts beginnt: 

Syn dem wilden Sriegestanze 
brach die jchönfte Heldenlanze... 
Hier wird der bildliche Ausdrud mit dem verglichenen Gegenftande jelbit zujammen- 
gefebt: Tanz mit Krieg, Vanze mit Held. Der Sfalde aber verbindet den bildlichen 
Ausdrud mit einem dritten Begriff; auf diefe Weife fennzeichnet er, was gemeint 
tit. Er würde alfo etwa jagen: 
| Yn dem wilden Walfürenfpiele 
brad) der befte Baum der Schladt. 
Die ffaldijdhe Umfdhreibung tritt alfo nicht ausmalend zu der gewöhnlichen Be- 
zeichnung des Gegenstandes Hinzu, fondern fie erfekt diefe; fie fordert daher von 
dem NAufnehmenden eine fortwwahrende Umdeutung des Gehörten. Nicht jelten 
werden nun die einzelnen Glieder der Umfchreibung felbjt wieder umfchrieben, To 
dab; mir dreigliedrige, viergliedrige, ja noch verivideltere Umfchreibungen erhalten. 
Der König, Kampflahhshaines 
Klangmwedern ein Schreden, 
hartgemut auf der Heide 
Heergaut3 Sturm vermehrte, 
bi8 des Räfilroſſes 
ragender Sonne Donnrer 
raſchen Sinns den Renner 
Randwers zur Schlacht wandte. 

Dieſes Geſätz, das neben andern eine viergliedrige und eine fünfgliedrige Um— 
ſchreibung enthält, wird jedem, der mit der Skaldendichtung nicht vertraut iſt, 
vollkommen unverſtändlich ſein. Mit Abſicht ſetze ich es als Warnungstafel hierher: 
dieſe Dichtung verlangt nicht nur ein dauerndes geiſtiges Mitarbeiten, eine fort— 
währende Umſchaffung des Gehörten, ſondern auch ein Eindringen in die Gedanken— 
welt der Wikingerzeit. Denn deren geiſtigem Beſitz ſind ja die Umſchreibungen ent— 
nommen: nur wer in der nordiſchen Götter- und Heldenſage zu Hauſe iſt, wird den 


12 


Gehalt der Sfaldendichtung richtig erfaffen fonnen. Wer drum nicht ein flein wenig 
Mühe auf fie verivenden will, der hore Hier auf zu lefen; ein fliichtiges Dritberhin- 
huichen führt weder zum Berftändnig noch zum Genufje diefer Kunjt.*) 

Aufragt unter den Sfalden Egil, des Sfallagrim, eines isländifhen Yand- 
nehmers, Sohn. Er ijt der bedeutendfte Stalde der älteren Zeit, überhaupt wohl der 
Dichter, bei dem der Sfaldenitil feine beite Ausprägung gefunden hat. Seine Aus- 
drüde und feine Umjchreibungen find oft fühn, doch nie gejchmadlos; feine bildhafte 
Darftellung zeigt eine ungewöhnliche Kraft. Reicht auch der gegenjtändliche Inhalt 
feiner Gedichte nicht an die Heldenlieder der Edda heran — das ijt nicht möglich, 
weil bei höchiter Steigerung der Form der Snhalt notwendig zurüdtreten muß —, 
fo fteht er doch unter den Skalden auch hierin in vorderiter Reihe. 

Das erfte der Gedichte Egils, die im folgenden in deutjcher Ueberfegung mitge- 
teilt werden follen, ift die Haupteslofung. C8 gehort zu der bei den Germanen jdon 
feit uralter Zeit üblichen Gattung der Preislieder: es verkündet den Ruhm eines 
lebenden Fürften, des Königs Eirif Blutagt, der, wegen feiner Graufamleit aus 
Norwegen vertrieben, in Nordhumberland ein neues Herrjchaftsgebiet gefunden 
hatte. Egil, der mit Cirif in grimmer Fehde lag und dem König fchwerjte Kräanfung 
angetan hatte, war an deffen Hof gefommen, wo jich fein Freund Arinbjorn in 
angefehener Machtitellung befand. Eirit wollte den Sfalden Hinrichten laffen, gab 
ihm aber dann, dank dem mannhaften Auftreten Arinbjörns, eine furge Frift und 
zugleich die Erlaubnis, ein Preislied vorgutragen. Durch diefes Lied lojte Egil fein 
Haupt aus des Königs Gewalt. Ob er es, wie die Egilsfaga erzählt, in einer Nacht 
gedichtet hat, fonnen tpir freilich nicht wilfen. 

Die Haupteslöfung ift in einem Versmah gedichtet, das neben dem immer ein 
RKurgzeilenpaar verflammernden Stabreim nod) den Schmud des immer zwei oder 
auch vier Kurzzeilen verbindenden Endreimes trägt. Die Bindung des Dichters durch 
die Form ift alfo äußerft ftreng; um fo mehr müffen wir e8 beivundern, wie frei fich 
der Sfalde in diefer engen Rüftung beivegt. 

Haupteslofung. 


1 3 
gern fam ich ber, Hor, Edling, an — 
ich führe da8 Meer e8 ehrt den Mann —, 
vom Erinnrungsitvand wie ich rithmen fann, 
Ddins zum Land; wenn id) Ruh gewann! 
309 das Schiff, als fort Es azte den Aar 
der Schnee ging, zum Fjord, Eirik fürwahr, 
des Ganges Hort liegen fah Dar 
an der Seele Bord. der Leichen Schar. 
2 4 
Mir ziemt für Empfang An Schildes Rand 
dem Fürften Dank: war Schwertlarm entbrannt; 
bring Odin’ Tranf der Fürft ward berannt, 
zur Angelnbant; der Fürft hielt ftand. 
zu fünden wei Aus Wunden fprang — 
id) Konigs Preis, gewaltig flang 
vom Herrfder Gehör Helmiwolfs Gefang — 
id) heut begebr. da Hugins Tran. 


*) Die Umjdreibungen der vorher angefiihrter Strophe haben folgende ee cnn, 
Kampflahs: Schwert; deffen Hain: der Schild (den e3 im Kampfe betritt); der Schild- 
flang: Sdladht; ihr Erweder: Krieger. Der Seefinige Räfil oder Randwer Rok: Schiff; 
deffen Sonne: der (an der Bordwand aufgehängte) Schild; deffen Donnrer: Krieger, 
bier der nun ah uts (Odins) Sturm: Schladt. Das Gefäß jagt aljo: der König, 
ein Schreden der (feindlichen) Krieger, {lug eine Schlaht auf der Heide; dann lenkte er 
ein Schiff zur Seejchlaht. Diejes Gejag jtammt übrigens nicht von Egil, der in feinen 
midhceibungen fich gewöhnlich nicht fo weit verjteigt. 
13 


14 


5 
Gefpannt ward recht 
des Speers Geflecht 
des Feinds der Schotten 
Schwertlandrotten. 
&8 braufte voll Wat, 
wo er im Blut 
unter Bannern lag, 
der Brandung Hag. 
6 
Hinfant das Heer 
bor des Herrichers Speer; 
Ehre gebradt 
hat Eirif die Schladht. 
7 


Melden ich till, 
find die Männer ftill, 
ich erfuhr noch viel 
bon Fiölnirs Spiel: 
Erzitrom fich mehrt, 
wo Eirif heert; 
das blaue Schwert 
Schilde verjehrt. 

8 


Die Blutflammen 
brauſten zuſammen, 
Harniſchverheerer 
und Helmverſehrer; 
weithin fielen 
in Waffenſpielen 
Odins Eichen 
vor Eiſens Streichen. 

9 

Da war Speergeſchwirr 
und Schwertgeklirr; 
Ehre gebracht 
hat Eirik die Schlacht. 

10 


Das Schwert ward rot, 
den Raben Brot 
der Gebieter bot, 
das Beil ſchuf Not. 
Fraß ward beſchert 
da Falas Pferd; 
die Schweſter Nar's 
trat Nahrung des Aars. 
11 
Wundgeflügel 
fand Walhügel, 
es holten Raben 
reiche Gaben, 
da Harſtmöven 
den Hauptſteven 


Wundtau netzte, 
der Wolf ſich letzte. 
12 


Der Hala Roß 
atzt Haralds Sproß; 
dem Wolf beut Mahl 
auf dem Meer ſein Stahl. 
13 
Geſpannt ward der Bogen, 
Blutvögel flogen, 
Friede war betrogen, 
Freki kam gezogen; 
Spieße ſtachen, 
Speere brachen, 
vom Sehnenſeile 
ſauſten Pfeile. 
14 


Beim Schwertzücken 
ziehn Schlachtmücken; 
nicht kann den Kecken 
Kampftod ſchrecken. 

Den Schlaf ſein Schwert 
der Schlachtmaid wehrt; 
Hürdenklang mehrt 
er Hakis Pferd. 

15 

Eirik ließ Eiben 
Erzbienen treiben; 
dem Wolf beut Mahl 
auf dem Meer ſein Stahl. 

16 

Will von des Helden 
Hochſinn melden 
im Saal der Streiter — 
mein Sang eilt weiter. 
Der Flammen der Flut 
Feind hält doch gut 
ſein Reich in Hut: 
Ruhm heiſcht ſein Mut. 

17 


Der Hortzerſtreuer 
bricht Handfeuer, 
kein Schatz iſt teuer 
dem Schlachterneuer; 
er füllt die Hand 
mit Flutenbrand, 
feil iſt ihm Sand 
vom Falkenſtrand. 

18 

Den Grund der Gere 
gibt dem Heere, 
ein Schatzverſchwender, 
Schwertſturms Sender; 


wahr ift mein Wort: Odins Wellen 


bier mwächjt, wie dort, auf Eirif fchwellen. 

Eirils Ehre, 20 

djtlich der Meere. Bum Kriegerfreis 

19 trug ich Königs Preis; 

Du börteft an, zu wählen weiß 

twie ich ehren kann; ih Worte mit Fleiß. 

recht dünft dich8 dann, Hob das Lied empor 

daß ih Ruh gewann. durch Ladens Tor, 

E3 ließ mein Mund frei trug ich8 vor 

aus Mutes Grund vor vieler Obr. 


Ein freimütiges Lied, feine hofifche Schmeichelei: des Königs Tapferkeit erfann- 
ten auch feine Feinde an. Aber aus der Umfchreibung „Bahhens Schacht“ hören wir 
doch veritedten Hohn des Sfalden Heraus: hier fühlt fich der König im Reiche des 
Geistes ald Sieger über den Snhaber der äußeren Macht. Dak die Umfdreibung 
mit bewußter Abficht gebraucht ijt, erfennen wir aus der Strophe, mit der Egil dem 
König für das Gefchent von Haupt und Freiheit auf der Stelle dankte; fie atmet 
denjelben jpöttifchen Geiit: Bin geneigt, 

zu nehmen, Fürit, 
den Helmfels, 

ift ex baglid auch! 
Wer erhielt 

bon Hochjinnigent 
Sebietsherrn 

bejjre Gabe? 

War aud die Form der Haupteslojung, de8 erjten den Endreim verivendenden 
Preisliedes, neu, ihr Gnhalt betwegt fih im ganzen doch in den herkömmlichen 
Bahnen. Den größten Teil des Liedes füllt eine, durch die preifenden furzen Kehr- 
Itrophen gegliederte, Schlachtfchilderung, die, twie faft alle ffaldijdhen Kamtpfbilder, 
nur die einer jeden Schlacht typifchen Züge wiedergibt. Alles glänzt und flimmert 


1. Erinnerungsjtrand: Bruft; Meer des Erinnerun an Ddins: der die Gabe der 
Didttunft verleihende Sfaldenmet, den Odin einjt durch Lijt in Riejenheim gewann; 
pier, wie oft, als Sinnbild der Dihtung. Man beachte, wie bier auch die Umjchrei- 
ungen dem Seewejen entnommen find! 

2. Ddins Trank: der Sfaldenmet, die Dichtung. 

3. Eirif azte den ac mit Sdladtleiden. Har: Odin. 

4. ge uni: Schwert oder Streitagt. Des Raben Sugin Sranf: Blut. 

5. Des Speers Gefledht: Schlaht. Schwertland: Schild; j. zu der Str. auf ©. 12. 
7 

8 

10 





Sdildrotien: Kriegerreihn. Der Brandung Sp: Meer. 

: te Ddins, Spiel: Schladt. Erzitrom: Blut. 

. Blutflamme: Schwert; Harnijchverheerer, Re bee rer desgl. 

. Der Riefin Fala Pferd: Wolf. Die Schweſter des Wolfs Nari: die Todesgöttin Hel. 

11. Wal: die Toten des Schlachtfeldes. Harſtmöpe: Rabe. Hauptesſteven: Schnabel. 
Wundtau: Blut. 

12. Der Rieſin Hala Roß: Wolf. Die — findet nahe der Küſte ſtatt; die an den 
Strand treibenden Leichen werden die Beute der Wölfe. 

13. Blutvögel: Pfeile. ee einer der Wölfe Odins, hier allgemein: Wolf. 

14. Schladtmüden: Pfeile. Schlahtmaid: Walfüre. Des Seekönigs Haki Pferd: Schiff; 
defien Hürde: die an der Bordwand an Schilde. Die Umfchreibung be- 
deutet aljo: er läßt die Schilde im Kampf erklingen. 

15. Eiben: die aus Eibenholz gefertigten Bogen. zbienen: Pfeile. 

16. Flanume der Flut: Gold; vgl. die Bezeihhnung des Rheingolds als Stern der Tiefe 
bei Rihard Wagner; Feind des Goldes: —— pet Fürſt. er 

17. Beriertreuer: Jreigebige König. Handfeuer: Goldring; der König zerbricht die 
piralfürmigen Armringe, um fie an jeine Krieger zu verjchenten. Flutenbrand: Gold. 
alfenjtrand: die Hand, die bei der Reiherbeize den Tzalfen trägt; ihr Gand: Golbd. 

18. Srund der Gere: Schild, vgl. zu Str. 5! Schwertiturms Sender: König. 

19. Des Mutes Grund: Bruft. Odins Wellen: Staldenmet, Dichtung. 

20. Ladens Tor: Mund. 


15 


in der Farbenpradht einer aufs hocdhjte gefteigerten Sprachfunft; aber das Bild hat 
jozujagen nur zwei Ausdehnungen, ihm mangelt die räumliche Tiefe: es fehlt jede 
Gliederung von Vordergrund und Hintergrund, fein Cinzelfampfer hebt fich heraus; 
wir tpiljen nicht einmal ficher, ob der Stalde nur eine Schlacht oder mehrere im Auge 
bat. Man denfe gum Vergleich an die Kampfdaritellungen des Walthariliedes oder 
des ziveiten Teiles des Nibelungenliedes, um den Gegenfag zu erfennen. 

Anders das Lied: Der Söhne Verlujt. E38 ift eine Totenklage Egild um jeine 
beiden Söhne, deren einer, Bodwar, im Meer ertrunfen, während der andere jchon 
früher an einer Krankheit gejtorben war. Wieviel e8 an herfommliden Zügen diefer 
ebenfall3 uralten germanifchen Liedgattung aufgenommen hat, fonnen tir genau 
nicht jagen, da wir über den Anhalt der älteren Totenflagen nur wenig wiffen. Der 
einleitende Gedanke, daß das Leid e8 dem Dichter fchiver mache, Worte zu finden, 
die Klage über die durch den Tod gerifjene Lüde und das Lob des Hingegangenen 
find wohl alter Bejtand. Aber daneben finden wir auch Töne, die ganz anders 
Hingen: da3 Auffagen der Freundfchaft an den höchiten Gott und doch wieder der 
Stolz; auf die bon diefem werliehene tröftende Sangeskunft; dies dürfen wir als 
etivas Neues anfehen, das erjt Egil in die nordijche Geijteswelt eingeführt Hat. 

Das Bersmaß des Liedes fteht dem vieler Eddalieder nahe; e8 unterfcheidet fi 
bon diefem aber dadurch, daß die ungraden Kurzzeilen regelmäßig nicht vierfilbig, 
fondern nur dreifilbig find. Die hierdurch geforderte Knappheit und das Weberiviegen 
ftarftoniger Silben geben diefer Form etwas Mearfiges und Gedrungenes. Richt ver- 
geffen werden darf beim Lefen, daß auch die dreifilbigen Zeilen zwei Hebungen 
tragen; nur wenn man Ddiefe fräftig betont, erhält man den richtigen Rhythmus; 
man lefe alfo: müh-traurig, der Glüd3-fund uf. 


Der Söhne Berluft. 
1 4 


16 


Mühtraurig Denn mein Stamm 
den Mind mir [oft fteht am Ende, 
Luftgewidt windzerfnidt, 

Der Liediwage; wie Waldafte; 
trübe jteht3 zergrämt gebt, 
um Thunds Beute: wer die Glieder trägt 
hart heblt fie toten Sohns 
ſich im Heim des Sinns. vom Saal ae 
2 

Nicht leicht laßt Doh muß ich 
ans Licht ſich ziehn — der Mutter Tod, 
laſtend Leid Vaters Fall 
liegt darüber — zuvor melden; 
der Glücksfund, will aus Worts 


vom Gatten Friggs 
einſt geraubt 
aus Rieſenheim. 


Leicht gelangs, 
als lebend weilte 
Nachens Njörd 
auf der Nattern Meer; 
drunten rauſcht 
Rieſenhalſes 
Blut am Tor 
von Bödwars Haus. 


Weihtum heben 

den Liedbaum, 

belaubt mit Ruhm. 
6 


Woge brach 
wehe Lücke 
meines Ahns 
Enkelzaune; 
immer klafft 
offen und leer 
Sohns Scharte, 
die die See mir ſchlug. 


> 
— 


7 
Herben Raub 

tat Ran mir an, 
arm bin ich 
an echten Freunden; 
meines Stamms 
ftarfgeflochtnes 
Sippenfeil 
die See zerriß. 

8 


Biel hat mir 
die Flut geraubt — 
Tod muß ih 
traurig fünden, 
da der Schild 
meines Gejchledhts 
zum Lichtpfad 
vom Leben jchied. 

9 


Weik e3 wohl: 
e3 wuths fein Keim 
mindern Manns 
in meinem Sohn, 
wär erblüht 
der Baum der Schlacht, 
bis Hars Hand 
ihn hinraffte. 

10 


Baters Wort 
folgt er immer, 
ob alle auch 
anders rieten; 
Hülfe bot 
im Haus er ntir, 
ſtützte ſtets 
ſtark meine Kraft. 
11 
Klagt ich die Schuld 
mit der Klinge ein, 
Aelbrauers 
Ende reifte; 
ftellte fich 
der Sturmbruder, 
aus 3g id 
wider Aegirs Maid. 
12 


Doh mid diinft: 

dieſes Mörders 

Kraft kann ich 

im Kampf nicht beſtehn; 
hier ſteh ich, 
hilfedarbend, 

alter Mann, 

vor aller Blick. 


Stapel, Deutſches Vollstum. 


13 
Mich gemahnt 
der Mondesbraut 
Fahrwind viel: 
mir fehlt der Bruder; 
dran denk ich, 
erdröhnt der Kampf, 
ſeh mich um 
und ſinne nach, 
14 
wer Wwobl fonjt 
zur Seite mir 
hochgemut 
im Harſt ſtünde; 
oft iſts not 
für Neidgegner: 
zagend fliegt 
der Freundloſe. 
15 
Keinen Mann 
im Kreis des Volks 
treff ich mehr, 
dem ich trauen kann: 
Bruderblut 
beut der Sippe 
Wolf ruchlos 
um Ringe feil. 
16 
So ſagt man: 
für den Sohn empfängt 
Erſatz nie, 
wer ihn ſelbſt nicht zeugt, 
keinen auch, 
der einem ſelbſt 
brudergleich 
geboren ſei. 


Nun meid ich 
Menſchenumgang, 
hält auch jetzt 
jeder Frieden; 
denn fort fuhr 
in Vogelwegs 
Saal mein Sohn 
zu ſeinen Ahnen. 

18 


Drum muß mir 
der Malzflut Herr 
hinfort feſt 
als Feind zählen; 
nicht kann ich, 
kummerbeſchwert, 


hoch halten 
das Haus des Sinns, 


17 


19 
feit mein Kind 

Krankheitlohe 
heißgrimmig 
dem Heim entriß; 
auch er war 
ohne Tadel, 
frei von Fehl 
erfand ich ihn. 

20 


Nie vergeß ich, 
daß ins Götterreich 
hinauf hob 
der Helden Freund 
den Eichbaum, 
den ich gepflanzt, 
meiner Frau 
friſchen Schößling. 

21 


Gern war ich Freund 


dem Gerkönig, 
arglos ihm 

immer trauend; 
doch jetzt bvach 

den Bund mit mir 
der Heergott, 

der Herr der Wagen. 


22 
Opfre drum 
voll Eifers nicht 
Wallhalls Herrn, 
Wilis Bruder; 
doch gab mir 
Grames Buße 
Mimirs Freund, 
die mehr mir gilt. 
23 
Mir verlieh 
makelloſe 
Kunſt des Wolfs 
kampfſchneller Feind, 
auch den Mut, 
der offen mir 
zum Trutz treibt 
die Trugſchmiede. 
24 


Fühl mich ſchwach: 
Fenrirs Schweſter 
hält harrend 
am Hügel ſchon; 
will nun froh, 
feſtes Sinnes, 
ſonder Harm 


auf Hel warten. 


Neben den großen Gedichten, von denen uns außer den beiden bier gebrachten 
nod ein Preislied auf Arinbjorn in etwas befdadigtem Zuftand überliefert ift, Haben 
wir bon Egil noch eine große Zahl Iofer Strophen, die einzeln meift aus der Lage 
des Augenblids gefchaffen find. Eine von diefen haben wir chon kennen lernen. Die 


1. Liedivage: die Bunge; bar Vufigewidt: das gefprodene Wort. Thunds (Ddins) Beute: 
der von Odin den Riejen ein entführte Sfaldenmet, vgl. zu Haupteslöfung Nr. 1! 
Heim des Sinns: die Bruft. 

3. Der Njord (Gott) des Nachens: Bödwar. Meer der Nattern: da8 Land; umgelehrt 

if das Meer bei den Skalden: Land der Möven, Flur der Filhe. Blut des Riejen- 
alles: das aus dem Blut des erjchlagenen Urriejen Ymir gejchaffene Dieer. Bödmwars 
aus: der Grabhügel. 
ihtum, Tempel, de3 Worts: Mund. 

. Ran: die Gattin des Meergottes Aegir. 

. Baum der Shladt: Bodwar. Har: Odin. 

. Aclbrauer, der Meeresgott Aegir, der die Gotter mit Bier bewirtet. Sturmbruder: 

das Meer. Aegirs Mtaid: die Welle. 

13. Mondesbraut: eine Riefin; der Riefin Yahrwind: eine häufige, ihrem Urjprung 

nad aber dunfle Umjhreibung für Sinn. 

15. Der Sippe Wolf: Sippenverberber; gemeint ift: heute Hallen fidh fhmablide Sippen- 

verderber durd) Bufegahlung abjinden, ftatt, wie einft, Rache zu nehmen. 

17. Bogelmweg: die Luft, ahnlich wie Land der Möbven für Meer und Meer der Nattern 

I Land. Luftjaal, hier wohl Walhall als eet toter Helden. 

: ie — das Bier; des Bieres Herr: Aegir, }. zu Str. 11! Haus des Sinns: 

as paupt. 

19. Hier ips Egil von feinem andern Sohne. 

20. Der Helden Freund: Odin. 

21. Gerlönig: der den Speer Gungnir führende Odin. Heergott, Herr dec Wagen: Odin. 

22. Walhall3 Gerc, Wilis Bruder, Mimird Freund: Odin. 

23. Des Feind: Ddin. Die zweite Halbftrophe will fagen, daß Egil heim« 

liche Ränkeſchmiede zu offner Feindichaft zwingt. 


mt ISD EN 


meijten bon ihnen find aber in einem weit funftvolferem Mae gedichtet, im „Hof- 
ton” (Drottfoatt), der beliebten Strophenform der Stalden. 

Bei diefem Gefäß find die Zeilen dreihebig. Jedes Zeilenpaar trägt drei Stäbe, 
bon denen der Hauptftab auf der erjten Hebung der ziveiten, die andern Stäbe auf 
zwei Hebungen der eriten Zeile ftehn. Dazu ift jede Zeile noch mit einem Silbenreim 
geijhmüdt, die ungrade mit einem Halbreim (Silbenreim mit Wechfel des Selbit- 
laut3: mwühlt — Wald; Stoß — Meiß . . el), die grade Zeile mit einem BVollreim. 
Dadurch wird die Form diefer von den Sfaldeh maffenhaft aus dem Stegreif ge- 
ichaffenen Gefäte nicht minder fiinftlidh wie die des NReimgefätes in der Hauptes- 
löſung. 

Die erſte der folgenden loſen Strophen ſchildert einen Sturm auf dem Meere. 
Die zweite dichtete Egil nach dem Tode ſeines Bruders Thorolf, der in der Schlacht 
auf der Winheide in Nordhumberland gefallen war, nachdem er den feindlichen 
Jarl Hring erſchlagen hatte. Die dritte ſprach der Skalde, als er den Tod ſeines 
Freundes Arinbjörn erfuhr. 

1 


2 

Lief geriwihlt des Waldes Zur Feindfchar fchritt vorwärts, 
wutgrollender Trollfeind jurdtlo8 in Hars Tofen — 
mit Sturmftoßes Meißel Hinfanf der hehre Thorolf — 
Stevenpferdes Fährte; Hrings fampfichneller Faller. 
der froitfeuchte Wülter Muß Todesgrant, grimmen — 
der Flur trifft ohne Schonung grün dedt num der Wina 
Harel3 Schwan mit fchwerem Heide den Heldenbruder — 
Schlag auf Hals und Nacen. Heblen im Schacht der Seele. 


8 
Der reihen Ringbrecher 
Reihn werden nun Kleiner, 
die oft häuften auf Habichts 
Hügel Schnee des Tiegels; 
auf Erdgürtel3 anderm 
eilandbenageltem Rande 
gönnt fo gern fein Freund uns 
Glanz des Mövenlande®. 
Selig Genzmer. 





—— 


1. Trollfeind des Waldes: Sturmwind. Stevenpferd: Schiff; feine Fährte: das Meer. 

Wiifter der N Sturm. Des Seefonigs Haref Schwan: a 
2. go (Odins) Toſen: Schlacht. pe aller: Thorolf. acht der Seele: Bruit. 
3. Ringbreder: freigebiger Mann, |. zu Baupteslöfung Nr. 17! Suge! des Habichts: 
die Hand, f. zu Haupteslöfung Nr. 17! Schnee des Tiegels: Silber. Man beachte, wie 
hier die Um Greibungen zu einem neuen Ronen Bilde zufammentreten: Schnee, der 
auf die Berge fällt. Erdgürtel: Meer; jein eilandbenagelter Rand: Schärentüjte. 
Movenland: Meer; fein Glanz: Gold. 


Die , Rulturabgabe*. 


De wirtſchaftliche Not unſerer Zeit macht ſich wohl nirgends ſo fühlbar wie 
unter den geiſtigen Arbeitern, und zwar um ſo ſtärker, je höher die Bil— 
dungsfchicht ift, der fie angehören. Gerade die Geiftesarbeiter, deren Hilfe wir 
unbedingt nötig haben, wenn unfer Volt wieder von innen hevaus gefunden foll, 
laufen jet fchwere Gefahr, zum Proletariat herabzufinten. Wie diefer Not fteuern? 
Wer fie auch nur linderte, würde fih um das deutfche Volkstum hochverdient madjen. 
Da bat fih nun Hofrat Dr. Friedrich Röfch zum Wort gemeldet und den Plan 
einer reichögefeglich einzuführenden Bildungsfteuer, von ihm „Kulturabgabe” ge- 
19 


nannt, al Heilmittel gegen die materielle Not der geiftigen Arbeiter dem offent- 
lichen Urteil unterbreitet. 

Der Gedanke des Herrn Röfh ijt nicht neu. Ferdinand Avenarius, der Her- 
ausgeber des „Kunftiwart“, Hat Schon um 1900 eine „Kulturkaffe” zugunjten der 
Geiftesarbeiter gefordert und dabei Vorjdlage gemacht, die fic) mit denen des 
Herrn Röſch berühren. Lebterer aber geht jebt weit über Avenarius und feine 
fonjtigen Vorläufer hinaus. Er verfährt — um ein Modewort zu gebrauchen — 
jo „großzügig” wie möglid). 

Nad feinem Plan foll zum Ladenpreis aller Bücher, Mufibalien ufmw. forte 
zum Eintrittsgeld aller Aufführungen ein Zufchlag von 10 v.9. erhoben werden. 
Bei den gefeglich noch gefchiibten Werfen foll dev Zufdlag den Autoren oder ihren 
Erben zugute fommen. Bei den frei gewordenen Werfen foll er in eine Mafje 
fließen, die ausfchlieglich „geiftigen Kulturziweden” dient. Als foldhe werden ge- 
nannt: Förderung bedürftiger werdienter Urheber, Beihilfe zur Veröffentlichung 
wertvoller neuer Werke und Beihilfe zur Verbreitung folder Werte in billigen (!) 
Ausgaben. Die Verwaltung diefer Rulturfaffe lage in den Händen eines Aus- 
ichuffes von Schriftitellern und Künitlern. 

Das erite Bedenken nun gegen diefen großzügigen Plan betrifft die 10 0.9. 
Die Buchhändler machen geltend, daß 10 v.9. zum Ladenpreis der Birdher ihren 
Abfay verringern würde, ferner aber, daß zu den 10 0.9 vermutlich noch 5 bis 
10 0.9. Berrechnungs- und Erhebungsfoften hingufamen. Wir wollen indefjen 
annehnıen, die böfen Buchhändler malen hier mal wieder aus eigenfüchtigen In— 
tereffen grau in grau, und uns den eigentlichen Steuerplan betrachten. 

Zunädjt begegnet uns da die Steuer auf die gefchiibten Werke. Ertvägen wir 
einmal ihre Folgen! Wäre e3 nicht wahrhaft herzerhebend, wenn Ridard Strauß, 
mit dem Herr Röfch innig befreundet fein joll, zu feinen ohnehin erfledlichen Ein- - 
nahmen nod 10 v.9. extra erbhielte, desgleichen Hauptmann und Sudermann, 
Blumenthal und RKadelburg und nicht minder der ganze Troß unfrer mit Recht 
fo. beliebten Romanjdhriftfteller, bon dem hochgemuten Rudolf Herzog herab bis zu 
unferer befdjeidbenen Courths-Mabler? Ach, und wie gut tate dieje Steuer in 
den noch tieferen Regionen! Ehe man es fich verjahe, taucdhte fidjer aus der Ver- 
ienfung ein Riefenlorbeerfranz auf, deffen Schleife in goldenen Budhftaben die SFir- 
ihrift trüge: „Shren: Gönner alle Autoren, die man zu [hmähen wagt als Mode- 
größen und Schundivarenfabrifanten.“ 

Schade nur, daß das Ding auch) eine Kehrfeite hat, und gwar eine redt be- 
trübliche! Denn wie erginge e3 wohl nah Einführung diefer Steuer all! den 
Scriftitelern, Mufitern, Künjtlern, die noch nicht „gemachte Leute” find, ja, die 
vielleicht nie einen lärmenden Erfolg dabontragen werden, jchon deshalb nicht, 
weil fie ihn verfdmaben? Wenn fo ein arnmes Wurm nun zu einen Berleger 
fame, e8 würde vermutlich ungefähr folgendes zu boren befommen: „Lieber Herr 
Doktor, Yor Werk it jehr eigenartig, aber wer foll e3 faufen, zumal jest, nach 
der neuen Steuer? ch bedaure lebhaft, aber verlegen kann ic) Yhr Buch nicht.” 
Holla! ruft jest aber Herr Röfeh in modernem Telegrammitil. Bin auch noch da! 
Habe Vorforge getroffen! Kulturkaffe aus der Steuer auf gemeinfreic Werke! Wohl 
oder übel müffen wir ung alfo jegt mit diefer Steuer befchäftigen. 

Kulturkaffe! Wir wilfen jchon, ver fie verwalten fol. Doch wir wiffen sod 
nicht, wie die Gefahren vermieden werden follen, die unbedingt entitehen werden, 
wenn die Syntereffenten felber über das Geld verfügen. Was würde wohl ge- 
ichehen? Sehr einfach! Hat die Kaffe nicht viel Geld, fo wird die einflußreiche 
Verwaltungsclique nur fih und ihren Anhang berüdfichtigen. Schwimmt fie aber 
im Weberfluß, jo werden auch andere Leute begnadet werden, nämlich die, die fi 
Herandrangen. Und herandrängen Averden fic) min nicht jene anftändigen 
Elemente, auf die es und vom Standpuntfte der deutfdhen Kultur aus anfonumt, 
fondern — fagen wir: die weniger anjtandigen, die viel zu vielen, die betriebfamen 


20 


Leutchen von einer gewiffen Preffe ufw. So entitande ein geiftiges Proletariat, 
das gar nichts mehr zu tun brauchte, fondern nur noch jchöpfen, fehöpfen aber — 
und das ift wirklich ein großartiger Wik des Herrn Rofd) — aus dem einzigen 
Schage, der uns Deutfchen geblieben ift, dem lauterjten Horte, den wir je gehabt 
haben, aus dem geiftigen Erbe unferer großen deutjchen Meeifter! 

Um den Gefolgsmannen des Herrn Hofrat einmal Har zu machen, was die 
Steuer auf die gemeinfreien Werte bedeutet, möchte ic” mir hier eine Eleine Ab- 
Ihweifung erlauben. 

Por einer Reihe von Jahren war der Antrag geftellt worden, die Sdhubfrift 
für Geifteswerfe von dreißig Jahren nad) dem Tode der Urheber auf fünfzig 
Jahre zu verlängern. Da war es nun eine Freude zu jehen, wie juft die Leute, 
denen das Geld nur fo zuftrömte (Hauptmann, Sudermann, aber auch der dealift 
Richard Dehmel ujw.), noch immer beforgt um ihre Familien waren. Da, e3 
war rithrend, wie Herr Eduard Engel im „Berliner Tageblatt” fi ins Zeug legte, 
wie er eiferte: „Fünfzig Jahre find das wenigfte, was ich fordere” und wie ein 
ſattſam bekaunter Berfaffer moderner Schweinereien ihm fefundierte. Es geſchah 
aber damals etwas Ruriofes. Während unfere Fiterarifchen Kröfuffe nicht Geld 
genug Ffriegen fonnten und Richard Strauß, der Freund unferes Herrn Rofd, fid 
bereits riiftete, mit feinem „Rofentavalier” nad) Frankreich zu flüchten, two die 
fünfzigjährige Schußfrift gilt, erhob fich ein Mann, der bis zu feinem ftebzigiten 
Geburtstag die Kolle des „Hungerpaftors“ gefpielt hatte und dabei nie „unwirrfch” 
aeworden war, fondern mit tieffinnigem Humor hingemwiefen hatte auf die quellenden 
Reichtiimer des deutfchen Gemittes, vor allem auf den deutichen Familienfinn. Und 
diefer Mann fchrieb nun, wer dafür ftimme, daß die Schußfrift auf fünfzig Sabre 
verlängert twerde, made fid) einer „chweren Verfiindigung” an feinem Volke 
Ihuldig, E3 war unfer treuer Edart, Wilheln: Raabe. 

Nicht zum mindeſten im Hinblid auch auf [eine Schriften weifen wir nuns 
mehr jeden VBerfuch zurüd, die Werke unferer deutfhen Meifter zu verteuern, bloß 
um ein fehäbiges und überdies vielfach volfsfremde3 Proletariat al8 Drohnen zu 
pappeln. Dod) diefe Entrüftung foll uns nicht Hindern, forgfam zu prüfen, ob 
denn die „Kulturabgabe” wirklid mit Stumpf und Stiel auszurotten ift. 

Prüfen wir nochmals den Plan des Herrn Rofch, fo finden wir einen Punkt, 
der bedeutfam erjcheint: Beihilfe zur Veröffentlihung wertvoller neuer Werke. Hier 
hat Röfch wirklich einen befonders wunden Punkt der gegenwärtigen Kultur berührt. 
Eine mir vorliegende Denkfchrift des „Börfenvereins der deutfchen Buchhändler in 
Leipzig“, die fich auf die Kulturabgabe bezieht, fucht allerdings auch diefe Anregung 
des Herrn Rofd gu entfraften. Der Verfaffer der Denkfchrift erinnert an Schopen- 
Hauer und fragt, ob denn wohl „Die Welt als Wille und Vorftellung” als ein wert- 
volles neues Werk, deffen Drudlegung und Verbreitung zu fordern, von den Beit- 
genofjen anerkannt worden ware. Vermutlich nicht. Allein ein Werk wie das 
genannte ift ein Ausnahmeiwerf, das Werk eines fo überragenden Genies, daß wir 
darauf fpäter noch zurüdtommen müffen. Für uns handelt es fich zunächft nicht um 
geniale, fondern um tüchtige, verdienftvolle Arbeiten, die durch die Ungunft der 
Zeit zugrunde zu gehen drohen. Selbft jene Denkfchrift berührt gelegentlich diefen 
Notitand, indem fie auf die Privatdozenten verweift, die fich den Weg zur Profeffur 
durch ein Streng wiffenfchaftliches Werk bahnen müffen und vielfach fehon jebt feinen 
Verleger finden, wenn fie nicht in der Lage find, ihm einen Zufchuß zu gewähren. 
Ya, wer ift denn aber dazu heut’ noch in der Lage? Sieht man denn nicht, welche 
ungeheure Gefahr bier für unfere Univerfitäten evwähft? Die Gefahr eines Nach— 
twuchles aus zwar fapitalkräftigen, für unfer Volfstum aber böchft bedrohlichen 
Kreifen! 

Wenn nun alfo hier eine Hilfe dringend notwendig wäre und wir gleichwohl 
jede Beftenerung der gemeinfreien Werke ablehnen, wie in aller Welt follen wir 
denn min unferem bedrangten afademifden Nachwuchs und darüber hinaus all’ 


21 


unjern emporjtrebenden, tüchtigen Geijtesarbeitern Hilfe jcaffen? Gu Buchhandler- 
freijen ijt beveits der Gedanke aufgetaucht, das alte Subjfriptionsivefen zu erneuern. 
Dod allzu weit werden wir dabei nicht fommen. Bielleicht führt aber ein ganz 
anderer Weg näher ans Ziel. Diejer Weg läuft allerdings dem von Heren Röfch 
vorgejhlagenen jchnurjtrads entgegen. Statt nämlich alle Sorten der erfolgreichen 
Autoren durch einen Zufchlag zum Ladenpreije ihrer Werke noch extra zu fördern, 
follte man diefen Zufchlag zwar erheben, die Erträge aber aus diefer Steuer zur 
Veröffentlichung wertvoller neuer, doch imı Abjag bejchränkter Werke benugen! 

E3 wide fic aljo darum handeln, die Gewinne aus Mafjenauflagen moderner 
Werke für die deutjche Kultur nugbar zu machen. Auch die Maffenaufführungen 
jolher Werke waren zu kulturellen Ziweden heranzuziehen. Ueber den Begriff der 
Mafjenauflage und Miafjenaufführung müßte man fich freilich vorher Kar werden. 
Nicht minder darüber, ob man die Steuer nicht befjer sivijden Autor und Verleger 
verteile und fie überdies noch ftaffele. Ferner müßte man von vornherein darauf 
bedacht jein, Unternehmungen auf volfstümlicher Grundlage, die teilmeife auch 
moderne Werke bringen, wie Reclams Univerjalbibliothef, die Wiesbadener Volts- 
bücher und dergl. nicht zu treffen. Um fo empfindlicher dagegen alle Unterneh- 
mungen, die irgendwelchen Schund liefern. Ganz bejondere Vorficht aber ware ge- 
boten bei Zufammenfegung de3 Ausfchuffes, der den Gewinn aus diefer Steuer 
zur Drudlegung der wertvollen neuen Werke zu verteilen hätte. Unter allen Um- 
ftänden müßte jedem Kliquenweſen vorgebeugt werden. 

Wer diefen meinen Vorjdlag, den ich bei der dritten Reichsfichtetagung in 
Leipzig gum erften Male vorgetragen habe, überblidt, wird zunäcdhjit zugeben, daß 
bier der Verfuch gemacht wird, Herrn Röfch gegenüber nicht bloß negativ zu fein. 
Bielleiht räumt man bei näherer Betrachtung fogar ein, daß der bon mir ans 
gedeutete Weg ziwar noch mannigfache Schwierigkeiten bietet, im großen Ganzen 
aber gangbar ijt. E38 follte mich freuen, wenn er wirklich aud) beſchritten würde. 

Eine Frage habe ich indeſſen noch zu beantworten, die ich ſelbſt zurückgeſtellt 
habe, nämlich die, ob denn nicht auch den Genies zu helfen wäre. 

Mir ſcheint, daß man bei den Genies zwei Typen, welche ſich allerdings auch 
miſchen können, zu unterſcheiden habe: Genies, die eine Kulturperiode abſchließen, 
indem ſie ihr zum klaſſiſchen Ausdruck verhelfen, und ſolche, die hinüberleiten zu 
einer neuen Periode. Die erſteren werden unter Verhältniſſen wie den heutigen 
ſich bald durchſetzen. Die letzteren dagegen werden immer zu einer tragiſchen Ver— 
einſamung verurteilt ſein. Ich erinnere nur an Schopenhauer oder Hebbel. Beide 
waren ihrer Zeit um ein halbes Jahrhundert voraus. 

Derartigen Genies iſt nun durch keinerlei Art von Küulturabgabe zu helfen. 
Und doch kann man auch für ſie ſorgen! Freilich nicht auf „geniale“ Weiſe, 
ſondern auf eine ſehr ſchlichte, ja, hausbackene. Es iſt dieſelbe Weiſe, die ſich uns 
darbietet, wenn wir die Frage löſen wollen, wie denn dem geiſtigen Arbeiter 
überhaupt zu helfen ſei, und zwar derart, daß er nicht nur ſchaffen, ſondern auch 
leben kann. Leben als ein anſtändiger Menſch, den ein Grauen bei dem Gedanken 
befällt, Almoſen zu empfangen. 

Ohne Sentimentalität muß es ausgeſprochen werden: es gilt ganz einfach, 
dem geiſtigen Arbeiter die Möglichkeit zu verſchaffen, ſich beruflich zu betätigen! 
Gewiß, die Gefahr beſteht, daß der Beruf die Kräfte des Genies zerreibt. Er kann 
aber auch heilſam ſein. Man denke nur an Gottfried Keller, der auf dem Wege 
war, zu verbummeln. Statt törichte Verſuche zu machen, dem Genie eine Extra— 
wurſt zu braten, die am Ende gar nicht ihm, ſondern nur dem Talmigenie zu— 
fiele, ſollte man ſich beſcheiden, mit geſammelter Kraft aber bedacht ſein, alle 
Einrichtungen zu ſtützen, die für die berufliche Betätigung des geiſtigen Arbeiters 
in Frage kommen, womöglich ſogar neue derartige Einrichtungen zu treffen. Gerade 
der Verlagsbuchhandel könnte hier mit gutem Beiſpiel vorangehen, beiſpielsweiſe 
dadurch, daß er wiſſenſchaftliche Gutachten entſprechend honorierte und mehr als 


22 


feüher wifjenjchaftliche Berater, die heute — bei dem auferordentlichen Rijifo de3 
Berlegers — erjt recht notwendig jind, unter günjtigen Bedingungen anftellte. 

Eine noch wichtigere Aufgabe de3 VBerlagsbuchhandels wäre aber die, dafür 
zu jorgen, daß Verträge, welche den Autor jchadigen, unmöglich werden. Sit auch 
das Verlagsbudwejen viel zu mannigjad, als daß e8 auf einen Normalvertrag 
fefigelegt werden könnte, dennoch wäre ein joldder Vertrag warm zu begrüßen, weil 
er eine Grundlage jchüfe, von tvelcder der Verleger nur mit Angabe feiner Grünve 
abweichen dürfte. Nicht minder jegensreich wiirde bei Streitigkeiten giwifejen Autor 
und Verleger ein Schiedsgericht wirfen. 

Wie einer der bei der dritten Reichsfichtetagung anmwejenden Verlagsbucdh- 
Handler mitteilte, jhmeben jegt Verhandlungen jowohl über ein Schiedsgericht wie 
über einen Normalvertrag, Möge man hierbei alle Schwierigkeiten überwinden 
und dann rüjtig weiter jchreiten, vielleicht auf Wegen, iwie ich fie mir anzudeuten 
erlaubte, bi8 e3 gelungen ijt, die Not des geijtigen Arbeiters, des Haupttragers 
unjerer Zufunft, iwenigjtens zu lindern! Bruno Goly. 








Bächerbriefe 
Von wittelhochdeutſchen Büchern. 


yous jige th und leje in Hegels Aefthetil. Drei Bande Vorlefungen, nach- 
gejchrieben von Studenten. ch ftelle mix den Alten vor, tvie er vor Hundert 
Zahren auf feinem Berliner Katheder fag, einer der großen Profefforen jener alt 
burgerliden Art, die es heute jo nicht mehr gibt. Sein Bildnis hängt über meinem 
Scıhreibtiih. Sein Schüler Hotho Hat feinen Kopf auch in Worten zu zeichnen 
verjucht: die fahlen, jchlaffen Züge, in denen fich die ganze Vergangenheit eines 
Zag und Nacht verjchiviegen fortarbeitenden Denkens twiderfpiegelte; aber auch die 
würdige Bildung des Hauptes, die edle Nafe, den Adel der Treue und gründlichen 
Rechtlichfeit in den Augen. Wo) höre, wenn ich lefe, diefe langatmigen und begriff- 
lihen Säße aus der Zeit des deutjchen Fdealismus, die einjt jo jtodend und fchiver- 
fällig aus Hegeld Munde gelonmen find und doch noch Heute den Lefer mit ihrem 
volltonenden Rhythmus erfüllen. Gerade heute wieder. Wie man den Klang der 
Scillerfhen Verje durch jchulmäpiges Auswendiglernen und fleinbitrgerlidhes Zi- 
tieren und Parodieren für unfer Ohr halb gerjtort hat, fo war auch der Stil der 
Hegelihen PBrofa zum Gefpott geworden. Das ift mun doch vorbei. Durd das 
Studium des jungen Hegel Hat auch der alte wieder Lebenstwahrheit für uns 
befommen. So habe ih num die Reihe der Künjte in Hegelfher Weltihau an 
mir vorüberziehen laffen. Mufil und Lyrik find die „geijtlojen” Künjte; von ihnen 
weiß dieje Philojophie des Geiftes dod) am ivenigiten gu jagen. Aber wo in der 
Kunjt ein großer mweltgejchichtlicher Fnhalt anzutreffen ist, da ift Hegel am Plage. 
Vor allem ift das Epos für ihn eine wahlverwandte Welt. Er ijt ja felber der Epifer 
unter den deutjchen Philojophen. Was ijt feine eigene Philofophie anders als der 
Entwurf zu einem abjoluten Epos des göttlichen Weltgefchehens? Wie der Sänger 
jein Epos, jo trägt Hegel als ein philofophifcher Nhapfode und Wbfanger feine 
endlos jtrömende Begriffsdichtung vor. Und wie gang ijt er dabei nun flaffifder 
Humanijt Am Vater Homer mift er alle anderen Epifer, ob fie Offian, Dante 
oder Arioft heifen oder überhaupt feinen Namen haben twie der mittelalterliche 
Sänger unferes Nibelungenliedes.... 

atc) hatte wohl noch lange fortgelefen, da jtörte mich ein junger Freund aus 
meinen Betrachtungen auf. Einer, der mich öfters befucht; einer von den belefenen 
jungen Deutfchen, die mit fchiveifendem Geijt aus allen Bächen und Quellen trinken 
und fich immter jtrebend bemühen, bald unt Doftojemsfi und Laotfe, bald um Speng- 


23 








Ter oder Revferling, bald um Plotin oder die Ynder; die Dann aber dod in feiner 
der vberfdiedenen Weltgegenden Befriediqung finden, weil auch nod eine gewiffe 
deutiche Sehnfucht in ihnen twaltet, von der fie felber oft am wenigften twiffen. Heute 
fam er und wollte fragen, was es mit dem Wort Mauspilli auf fich habe, too e8 zuerft 
porfomme und welde Anjchauung urfprünglich dahinter ftehe. Und wir famen wie 
immer in ein Gefprädh, diesmal wurde e8 ein altdeutjches. Mein Muspilli-Forjcher 
beflagte fic), bak er auf der Schule fo wenig vom alten Deutjch gelernt habe und nun 
nicht imftande fei, die Sprache feiner eigenen Vorfahren gu verftehen. €8 ijt doch 
merkwürdig, fagte er, daß wir Deutfchen die griechifchrömifche Beit als flafjijd 
bezeichnen und unfere eigene alte Kunft und Dichtung beinahe ganz darüber ver- 
geſſen. Ich antwortete: Diefelbe Frage ift e8, die mich eben auch beivegt. Sie fehen 
hier Hegels Aefthetit aufgefdhlagen. Da haben wir in drei Bänden etwas von dem 
beifammen, was hernach als allgemeines Bildungsgut gang und gäbe geworden ift, 
ivenigftens in Dingen der Kunst und Literatur. Noch heute leben vielerlei Hegeljche 
Werturteile, als folche meift unertannt, unter uns fort. Alle Romantit und Germani- 
jtif Hat daran wenig ändern fünnen. Hören Sie nur, was der alte Schwabe über die 
Kunft der Stauferzeit zu fagen weiß. Die Dome allerdings verfteht er zu jchildern, 
beffer al mancher Kunfthiftorifer; denn Hegel fucht den Zufammenhang von Kunft 
und Leben auf. Der Dom ift ihm der Raum für da3 höhere Leben des ganzen Volkes. 
Aber am Parzival geht er ziemlich ahnungslos vorbei; er nennt wohl nicht einmal 
Molfram von Efdhenbach mit Namen. Und das Nibelungenlied? Das ift ihm etwas 
wie Meifterfang, der noch im Anfang feiner Entfaltung fteht. Wie der Nibelungen 
dichter, meint er, fo fingen und fagen „Handiverkspurfche” von den alten Helden, 
ivenn fie einmal etwas Ungefähres davon gehört haben. Siegfried und Kriembild 
vergleicht er mit den rohen Holzfiguren, die in den Kirchennifchen ftehen. Sie wiffen 
ja, ich laffe mir Hegel nicht gern fchelten. Etivas Richtiges hat er auch Hier fogar 
nod) herausgefühlt: daß die Nibelungengeftalten und die Holzfiguren der mittelalter- 
lichen Blafti€ von verwandter Art find und daß man fie beide mit den Augen des 
altdeutichen Handiwerters anjehen muß. Daß diefer ein Meifter und Künftler fein 
fann, das hat Hegel nicht recht für möglich gehalten. Er felbft hat auch foldhe Augen 
nicht befefien. Er wollte überall griechifche Götter und Homerifche Bilder fehen und 
bat fein Organ fiir die Yunigkeit der altdeutfchen Seele. Er Hat eben auch fein 
Mittelhochdeutfch gekonnt, fo wenig wie im Grunde das ganze neunzehnte Yabr- 
hundert und wir noch heute. Lernen Sie mittelhochdeutfch, dann mag aud wohl jene 
altdeutiche Seele in Yhrem jungdeutfchen Leib noch einmal aufmachen! Bei dem 
Wort Muspillit fonnen Sie gleich beginnen. Wer Mittelhochdeutich lernen und lefen 
soil und auch Liebgewinnen, der muh halt ein Herz haben für die deutfche Spracde, 
nicht gerade für die Zeitungsfprache, aber für die wirkliche Volksiprade. Er muß 
fich etwa freuen, wenn er al3 Norddeutfcher einem Landsmann aus dem Süden be- 
gegnet, einem waderen Schwaben, einem Bajutwaren oder Deiterreiher. Von denen 
fönnen wir fürs Mittelhochdeutfche allerlei Iernen, obwohl fie e8 felber nicht mehr 
{fpredjen. So ähnlich wie unferen Oberdeutfchen bon heute war aud unferen mittel- 
Hoddeutidhen Didtersleuten der Schnabel gewadfen, wenn auch natürlich etwas 
anderd. Mein Lieber, Sie waren doch überhaupt fchon einmal in der Schiweis! 
Haben Sie damals Yhre Grokftadtohren nicht ein wenig aufgetan für den Volfs- 
mund? Nun find Sie nicht mehr dort. Wher vielleicht haben Sie Hebel3 Alemannifche 
Gedichte fon einmal gelefen? Die finden Sie fogar bei Reclam, und wenn Sie 
wollen, haben Sie da eine pädagogische Vorftufe zur Hebels älterem Nachbarn, der 
auf der anderen Seite des Schhvarzivaldes zu Haufe var, zu dem fchwäbischen Dienit- 
mann Hartmann von Aue und feinem feinsten und fchöniten Werf, dem Armen 
Heinrih. Hier in der mittelhochdeutfchen Ede meines Bücherfchranfes habe ich eine 
Tertausgabe von dem Münchener Germaniften Hermann Paul. Bei Mar Niemeyer 
in Halle erfchienen, einem der Hauptverleger fiir folche Literatur. Wenn ich Khnen 
den Anfang vorlefe, fo verftehen Sie doch alles. E8 ift feine fremde Sprache, 3 ift 


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Mutterfpracde, die wir nur feit Yahrhunderten aus den Ohren verloren Haben, die 
aber in uns allen jchläft. Bon Wilhelm Grimm gibt e3 übrigens eine Nacherzählung 
diejer Sage oder Legende; Hier ijt fie: Nr. 51 der Wiesbadener VBolfsbücher. Koftet 
heute leider auch fchon drei Mark oder mehr. Meinetwegen nehmen Sie auch noch 
Hauptmannz Drama dazu und Adalbert Chamifjos Nachdichtung in DVerjen; fo 
haben Sie den ganzen Stoff beifanmen und fonnen vergleichen, wer von den Dreien 
fih am beiten auf die Sache verftanden hat und daß es mit dem literarijchen Fort- 
ichritt vom dreizehnten zum neunzehnten Jahrhundert einfach nichts ijt. Bet Wilhelm 
denfen wir natürlih auch an Gafob Grinun. Die Britder gehoren zujammen, nicht 
bloß wegen der Märchen und Sagen. Die haben Sie von der Minderzeit her noch 
im Sinn und werden fie vielleicht erft wieder lefen, wenn Sie jelber eine Frau und 
Kinder haben. Aber e3 gibt verfchiedene Ausgaben von den Eleinen Schriften Jakob 
Grimms, jo etiwva in der Ynfelbibliothef. Nein, die Hauptfache wäre: Wenn Sie 
nädjtens in die Stadtbücherei (und Wärmehalle!) gehen, jo nehmen Sie doch einmal 
einen Band von Grimm berühmtem Wörterbuch) von Regal! Denn das ijt auch ein 
Weg in die unbefannte mittelhochdeutfche Welt hinein: Wortkunde, Wortgefchichte 
treiben! Gejchmad befommen an dem Bedeutungswandel und dem LVebens- 
Ichidjal eines einzelnen Wortes! Die Gefchichte manches Wortleins ift verjdlungener 
als die Handlung eines Romans. Und in jedem Wörtlein flammt zugleich ein Licht- 
lein oder Fünklein auf aus der Seele des Bolkes, die fich offenbaren will. Wir find 
alle jo geijtig geworden und reden immerfort vom deutfden Geift, aber wer kennt 
den Artikel „Geift” in Grimms Wörterbuch, den Rudolf Hildebrand gefchrieben hat, 
ein wahrer Sünger Jakob Grimms und einer der herghafteften deutichen Philologen, 
der eigentlich auch mit zu den Schußvätern des „Deutfchen Vollstums” gehörte? Sch 
babe hier zwei deutfche Wörterbücher, eines von Hermann Paul und ein anderes 
von Mori Heyne, meinem Göttinger Lehrer. Sn diefen fcheinbar fo trodenen 
Büchern lefe ich Lieber al3 in manchen, die für furzweilig gelten. Und bier ijt auch 
ein Feines Iafchenmwörterbuh, das nun befonders für mittelhochdeutfche Studien 
beftimmt tft. Bearbeitet von Matthias Lerer und erfchienen bei ©. Hirzel. Ein Aus- 
zug aus Lerer8 größerem Handiworterbud, das in den Bibliothefen fteht. Den 
„Leinen Lerer” muß man fich fchon faufen, obwobl e8 fiir den Anfang auch allerlei 
Dichterausgaben mit befonderen Wörterverzeichniffen gibt. So fehen Sie hier aus 
der Sammlung Göfchen gleich ein halbes Dutend Bändchen, die zur Einführung für 
den Baien geeignet find: Dichtungen aus der mittelhochdeutfchen Frühzeit und Spät- 
zeit, ausgewählte Stüde aus Wolfram von Efchenbadh und Gottfried von Straßburg, 
auch Proben aus Walther von der Vogeliveide und einigen anderen Minnefängern, 
das Meifte mit Einleitungen, Anmerkungen und Worterflärungen. Leichter läßt fich 
die Sache nicht machen. Auch ein „Reallommentar” zur ganzen mittelhochdeutfchen 
Dichtung ift bei Göfchen vorhanden: „Deutfches Leben im zwölften und dreizehnten 
Sabrhundert” von Profeffor Dieffenbacher. Diejes Doppelbändchen würde ich mir 
aud anfdaffen; e8 loft einem viele Rätfel, wenn man mit der Kulturgefchichte des 
Mittelalter noch weniger vertraut ijt. Endlich gibt 83 auch Göfchenausgaben vont 
Nibelungenlied und Gudrunlied. Die Nibelungenausgabe Nr. 1 der Sammlung) 
enthält zugleich eine mittelhochdeutfche „Srammatit” auf einigen zwanzig Seiten. 
Wer. Deutfch fann, braucht diefe Formenlehre nicht etiva auswendig zu lernen. Man 
lieft diefe ,Regeln” und „Beifpiele” und „Ausnahmen“ Tangfam, ftüdweife und 
wiederholt durch, am beten exit dann, wenn man mit der Lektüre fehon im Gange 
ijt. Vorher ift alle Grammatik Iangweilig, nachher befriedigt fie den natürlich ent- 
jtandenen jpradhlihen Wilfensdrang. Für den, der nach den erjten Verfuchen nicht 
ermattet, gibt e8 dann auch eingehende fyjtematifche Darftelungen des Mittelhoch- 
deutjchen, fo das Mättelhochdeutfche Clementarbuch von Michels und die Mittelhoch- 
deutfde Grammatif von Hermann Paul. Die Hauptfache bleibt: nicht gleichfam 
fremdfpradlide Regeln und Formen lernen, fondern lefen, und immer wieder 
Tefen! Und nicht leife, fondern laut! Das Obr ift gerade hier hilfreicher ala das 


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Auge und tragt unfer Verjtandnis verhaltnismapig leicht über manches Hemmnis 
hinweg, da8 die ungewohnte Schretbiveije uns zunächit entgegenitellt. Man muß fich 
den modernen Refpeft vor der Orthographie abgewöhnen. ... . 

Hier unterbrah unfer Muspillisgreund meinen jchulmeijterliden Redefluß. 
Ulle Bücher, die Sie mir da anpreifen, fagte er, und alle Berhaltungsmaßregeln, die 
Sie mir and Herz legen, helfen mir wenig. Wie fol ich laut und einigermaßen 
richtig Iefen, wenn ich nie mit eigenen Obren einen echten mittelhochdeutjchen Wort- 
Hang oder Satton vernommen habe? Sie haben recht, entgegnete ich; allerdings 
find unfere deutichen Philologen ja auch feine Spiritiften, die mit den Mtenjden des 
dreigehnien Jahrhunderts in perfönlidem Verkehr jtehen; auch fie haben niemals 
einen Zeitgenoffen der Kreuzzüge leibhaftig jprechen hören; fie Haben die Ausfprache 
erichloffen, aber nicht erlebt. Vieles bleibt da zweifelhaft. Da ijt nun eben die Stelle, 
too die heutigen Mundarten einem tweiterhelfen können; ein wenig Vautlehre, wie 
fie in allen mittelhochdeutichen Grammatifen gewöhnlich vorangeftellt wird, müßte 
man auch wohl ftudieren. Sm übrigen ift guter Rat teuer. $mmerhin bejteht faft 
überall die Möglichkeit, dak man fich von einem Studenten oder Gymnaftallehrer 
geiegentlich eine Seite Mittelhochdeutfch vorlejen läßt. Und wo eine Bolkshochichule 
am Orte ift, fönnte man darauf dringen, daß fte fich diefer Sache annimmt. Wir 
follien wirflich daran arbeiten, daß unter uns ivieder eine lebendige mittelhoch- 
deutiche Sprachüberlieferung entjteht, die nicht rein gelehrter Art wäre, jondern als 
Beitandteil einer edleren Boltsbildung gepflegt würde. An allen höheren Schulen 
wird ja heutzutage jhon das Nibelungenlied im Urtext gelejen; ebenjo die Lieder 
Walthers und manches andere. Unfere Primaner vernadhläffigen nur vielfach dies 
faum geivonnene Können iwieder, weil unfere Lehrpläne fo eingerichtet find, daß in 
der Prima nur felten noch einmal ein mittelhochdeutiches Wort ertönt. Oft wird 
diejer Unterricht wohl auch zu buchmäßig betrieben und zu renaiffancemäßig. Selbit 
unjere Univerjitäts- und Schulgermaniften pflegen ja das Nibelungenlied doch imnter- 
jo au lejen, daß fie dabei mit Neid an die „höhere“ Kunjt Homers denfen. Auch hier 
liegt Hegels Aefthetif eben noch nicht Hinter uns. Und doch erfcheinen faft ununter- 
broden neue Nibelungenausgaben zu den verjdiedenen herfönmlichen, die wir 
fon haben. Wenn Sie alfo mit dem erftgenannten Göfchenbändchen nicht zufrieden 
find, jo nehmen Sie Karl Lahmanns Ausgabe: Der Nibelunge Noth und die Rlage. 
Auf Lahmannz Liedertheorie brauchen Sie fich deshalb nicht einzufchwören; die ift 
fiher falfh. Auch von Bartih und Friedrih Zarnde find Ausgaben im Handel. 
Meber den Sinn und Unterfchied diefer verjchiedenen Tertformen unterrichten Sie 
fih am bequemften in dem Büchlein von Kofef Körner über „Das Nibelungenlied” 
(Aus Natur und Geifteswelt). Die drei neuejten Ausgaben unferes Epos habe ich 
nicht zur Hand. E38 find zwei Bände in den Tempelflaffifern (oon Andreas Heusler), 
ein Band in der befannten Goldenen Klafftkerbibliothef (von Freye) und ein Band 
auf Diinndrudpapier im Snjelverlag (von Sievers). Yn der Freyefhen Ausgabe 
haben Sie neben dem Urtert die Simrodiche Heberfegung, ebenfo in dem Tempel- 
band. Die Snfelausgabe enthält zugleich das Gudrunlied. Es ijt eben auch wobl 
am beiten, mit dem Nibelungenlied zu beginnen. Da kennt man den Stoff und and 
einigermaßen die Form. Was e3 mit diefer Form und überhaupt mit der mittel- 
hochdeutjchen Versfunft auf fich Hat, davon wollen wir ein andermal reden, wenn 
Sie erft eigene Erfahrungen auf diefem umiftrittenen Gebiet gefammelt haben. Für 
das Studium des Nibelungenliedes können Sie, wenn Sie wollen, noch zwei fleine 
Hilfebüchher zu Rate ziehen: Zupigas Einführung in das Studium des Mittelhoch- 
deutichen (Fronau) und ein ähnliches Heft aus der Deutfchhundlichen Bücherei von 
Duelle und Meyer. Hier ift zuguterleßt auch noch der Reinhart Fuchs von Heinrich 
dem Glichezacre aus dem Elfak; wenn Sie Goethes Reineke Fuchs fennen oder gar 
den mittelniederdentiden Reinke von 1498, fo könnten Sie auch hier den Anfang 
machen. Diefe Tierjage ijt doch ungemein anziehend und erfrifchend; wenn ich eine 
Stunde darin lefe, jo ijt mir, als hätte ich einen Tag auf dem Lande verbracht. Wud 


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dieje Ausgabe des mittelhochdeutichen Reinhart jtanımt aus Niemeyers Altdeutfcher 
Tertbibliothef. Mit Walther von der Vogelweide würde ich doch nicht beginnen; 
Lyrik ift fpradlich jdpwieriger; aud) die Spruchdidtung Walther8, fo fernig und 
{[hlagtraftig fie wirkt und gerade auf uns heute wirkt, verlangt, da man Vers und 
Sprache, Art und Sitte und au) Bolt und Staat um 1200 jcon einigermafen fennt. 
Alfo über Walther und all die anderen Lieder- und Spruchdidter wollen wir uns 
lieber das nächte Mal unterhalten, dann, wenn auch die Versfunft an die Reihe 
fommt. Da müßten wir ung auch befdaftigen mit diefem Buch hier im Hellgriinen 
Einband, das von allen Fritifchen Tertbüchern den fchönften Namen Hat: Des 
Minnefangs Frühling! Von Karl Lachmann und Morig Haupt. Auch Gottfrieds 
Triftan vollen wit bis dahin zurüditellen. Lejen Sie einjtweilen erjt die neuhod- 
deutiche Nachdichtung von Wilhelm Herb. Sie ijt fo genießbar, wie das in diefem Fall 
nur eben möglich ift; fajt alle anderen Vieberfegungen aus dem Mittelhochdeutichen 
werden auch für Sie ihre Lesbarkeit verlieren, fobald Sie erit einmal den Reiz der 
echten, alten Sprache aus der Duelle gefoftet haben. Nur ald Hilfsmittel für. das 
Ouellenftudium find die Ueberjegungen teilmweije unentbehrlid). Das werden Sie 
noch merken, wenn Sie fchon fein Anfänger mehr find und dann eines Tages ver- 
fuchen, Wolframs Parzival zu durchdringen, mit ähnlichen Gefühlen vielleicht, wie 
jie der deutiche Süngling bei der eriten Fauftleftüre hegt.*) 

So; und nun, deuticher Füngling und MuspillisForjcher, öffne Deine Arme. 
Du fannft alles mitnehmen, was ih an Nibelungenbüchern bier zur Hand habe: 
eins, zivei, drei, vier, fünf, jechs, fieben! Lexers Wörterbuch mögen Sie fich felber 
faufen; das kann ich nicht entbehren. Und nach acht Tagen ftellen Sie fic) wieder 
ein; dann wollen wir einen Abend lang mittelhochdeutjche Verje miteinander Iefen: 

Uns ijt in alten maeren wunders vil gefett 


von beleden Iobebaeren, von grozer arebett, 
bon fröuden, höchgeziten, bon weinen unde flagen, 
von füener reden jtriten muget ir nu wunder hoeren jagen ..... . 


Gs fchellte an der Flurtür; der PVoftbote überreicht unferer Martha ein Tele- 
gramm. Woher? Au Hamburg. ‚Bitte Bücherbrief. Stapel.“ 
Dietridh Ferdau. 


SLeine “Beiträge 


Bewahre Ber Seele! 


J nd was Nußes hätte der Menjd), ob er die ganze Welt gervönne und verlöre fich jelbjft.” 
—*\ lind verlöre jich jelbit: gehörte ich. felbft nicht mehr, mare — ſelbſt nicht mehr 
mächtig, hätte fremde Gewalten über ſich, die ihn beſtimmen und müßte darum einem 
andern Geſetz jolgen als dem Gejeb der eigenen Brujt, dem Gefeb des eigenen Weſens, 
are unfrei. Denn das ift Freiheit, dak ein Leben fic) nach feinen eigenften Wadstums- 
gejegen entfalten fann, fich felbft in allen Regungen und auf allen Stufen der Entwidlung 
treu bleiben darf. 7 

Das Wort des Evangeliums ijt uns gelaufiger in der andern Saffung: „Was hülfe 
es dem Menſchen, fo er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an ſeiner Seele. 
Aber daran hat fich eine Fülle fo verfehlter Vorftellungen angefdlofjen. Der Menfden, 
die — einmal leben, d. h. da ſind und für ihr Dafein ſorgen und die ſich nebenbei 
auch verpflichtet fühlen, für ihre Seele zu ſorgen. ß dann ein verſtändiger und nüchter⸗ 
ner ſich ſagt: „Was ſoll das, für ſeine Seele ſorgen? Was du ae bift und Lebft, darauf 
fommt e3 an!” Wer will ihm das verargen? So wird die Religion eine Er 
eine unter vielen Angelegenheiten, der man fid) je nad dem individuellen Gejhmad mehr 
oder weniger annimmt. 

© Von Wolfram fauft man fic) am beften feine — Werke: Wolfram 
von — Ausgabe von Karl Lachmann. 640 Seiten. Georg Reimer, Berlin. Eine 
bon Albert Leitzmann beſorgte Ausgabe des Parzival in der Altdeutſchen Textbibliothek 
(12—14) bei Niemeyer in Halle. 


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„Und nähme Schaden an feiner Seele — und berlore fic) jelbft.” Man „hat“ feine 
Seele, für die man — kann. Deine Seele, das iſt dein Leben, biſt du ſelbſt nach deinem 
gottgeſchaffenen Weſen, deiner dir eigenen, mit dir ſelbſt, deiner Geburt und Art innerlichſt 
aufgegebenen Beſtimmung. Deine Seele, das iſt dein allerperſönlichſtes, das dich zu dem 
Menſchen macht, der gerade du biſt und fein anderer, iſt, was dich zum Ich macht, Mög— 
lichkeit und Aufgabe der Perſönlichkeit, iſt das, worin du dein Leben, deine Freude, deinen 
Sinn, deine Sehnſucht und dein Glück haſt. 

„Und verlöre ſich ſelbſt!“ Vielleicht wird dir von da aus deutlich, warum man nicht 
— ſeine Seele durch irgend ein Werk, ſei es, wie es wolle, moraliſcher oder kultiſcher Art, 
orgen kann. Nein, danach allein geht die große Frage: Biſt du in deinem Tun frei? Und 
wertlos „ſeelenlos“ iſt jede Tat, die etwas anderes wäre als der notwendige Ausdruck, 
iy mt bale die Entfaltung deines Wefew3. Wertlos ift alles Tun, darin du did 
nicht jelbjt halt. 

ae fo lautet nun der Einwand: Und das miwralifche Gefeg? Und bier muß nun 
ganz ar werden, was es mit dem Sittengejeg, dem Gejeg Gottes auf fi) hat. Das ift 
fein mwoillfürlich auferlegtes fremdes Gebot, das uns Inechtete. Gott mat uns nicht zu 
Knedten, jondern gu Breien. Wir nennen e3 eben darum Gottes Gejeg, weil es des 
Schopfers Gejeg, das Lebensgejeg unferes eigenen Wejens ift, gleihjam das unantajtbare 
Naturgefeß des geiftigen Lebens. Freilich des geiftigen Lebens, und darum wirfend 
mit der Notwendigkeit, nicht der Natur, jondern der Freibeit. ES wird erfüllt immer nur 
bon dem Freien, dem, der e3 als eigenes Lebensgeje erfuhr und es nun aus der inneren 
Notwendigkeit des eigenen wejentlihen Seins in Ferien fittliher Bejahung diejes Seins er- 

üllt. Es iſt feine owe die fic) in den ,Mechanismus’ des Trieblebens einfdalten lagt, 
ondern die Einheit jel ft, zu der die Tat der Perfonlidfeit die Elemente der Seele fügt. 

3 ijt fein Bormund, eö enthebt uns nicht der Enticheidung, jondern ftellt uns gerade da=- 
bor. €3 gibt uns feine Regel, —5— verweiſt uns an das Gewiſſen. Autonomie und 
Theonomie, Freiheit und Gottesherrſchaft ita ein= und dasjelbe. 


yas Nukes hätte der Menjch, ob er die ganze Welt gemwönne und bverlöre jidh jelbjt.” 
Was von der —— gilt, es gilt ebenſo von der Volksperſönlichkeit. Da liegt 
der Grund, der zum Zuſammenbruch führte, daß unſer deutſches Volk ſich ſelbſt in einer ge— 
waltigen äußeren, in einer Entwicklung der — verlor, daß es ſeinem Weſen un— 
treu wurde, mab fein Leben nicht die he el e Entfaltung feiner Anlagen war und nicht 
die Erfüllung jeiner ihm eingeborenen Bejtimmung. So frevelte e3 gegen Gottes Gejeß. 
Und wurde durd) diejen Ungehorlem unfrei. Staat, Gejellichaft, rl t waren nun nicht 
mehr Organe feines Gemeinfdaftslebens, feines Volk-Seins. Vielmehr herrichten über uns 
Dinge und Madhte, die Selbjtgwed geworden waren und nad) ihren eigenen toten Gejegen 
u wangen, jtatt Ausdrud, Erjheinung deutihen Wejens zu fein, von innen her, vom 
Bolksgeift durchglüht, durchfeelt und jo be oo zu fein. Go war unfer Volk „außer fic” 
geraten, nicht mehr bei fich jelbjt. Und was f jo im Ganzen und Allgemeinen auswirtte, 
eg ergriff in Wechjelwirfung als lahmendes, fauliges Fieber alle und jeden. Da wurde der 
ee ne Mittel und Zwed und madte fich felbft dagu, in ee Menſchenwürde geſchändet, 
nicht mehr gehalten ünd gewertet in lebendigem menſchlichen Zuſammenhang, eingeordnet 
nur nach den Anforderungen der Materie und in ihrem Dienſt. 

Da wird ganz klar: die Freiheit unſeres Volkes iſt nicht erſt verloren gegangen durd 
den ,Sufall” des verlorenen Krieges. Ihe Zufälle gibt e8 nicht in der Weltgejchichte. 
Unjere Knedticdhaft ijt Schuld im tiefften Sinne, Schuld am Leben jelbjt. Und ein Tor, 
iver da oie der deutiden Vefreiung dienen zu fünnen, ohne zunädhjt dafür zu leben, daß 
dieje we entliche Schuld gefühnt wird. Sollen wir wieder frei werden vom Feind, fo müſſen 
wir zuvor werden in unſerem Weſen, müſſen uns ſelbſt, unſere Seele wiederfinden, 
müſſen die Treue lernen gegen die uns innewohnende Beſtimmung. 

Um ewigen Beſtimmung willen, um dieſes Schöpfungswillens Gottes, um der 
Aufgabe willen, die er ung geſtellt hat und die wir einlöſen müſſen — um des Perlen 
willen kämpfen wir um unjere Freiheit. Da liegt der Sinn, da das Recht, ein göttliche, 
eiwiges Recht unferes Kampfes. „Und ob jemand fämpfet, wird er doch nicht gekrönt, er 
fämpfe denn recht.“ Karl Bernhard Ritter. 


Staat und Stinnes. 


Dae⸗ deutſche Volk ſteht wieder in einer Zeit der ſtaatlichen Down . Unter der Hülle 
des abjterbenden Staates wachen neue gejellihaftsbildende Mächte heran. 

Nicht u eriten Male wirft das deutiche Volk feine Haut ab und verjüngt fic) unter 
zudenden Schmerzen. Der erite große Staat der Deutichen war das mittelalterliche 
„Römilche Reid) deutider Nation”. Es war eins der feltjamften Reide der Menjchheits- 
geihichte, herrlich an außerem Glanz, herrlicher an feeliihem Gehalt. Unter Friedrid 
dem Dritten — aucd jo einer, den uns das verderblide Haus Habsburg befdert hat — 
wurde fein Zerfall unaufhaltiam. Sein Sohn Mayimilian war nicht mehr im Stande, 
die Pläne eines einheitlichen ag ee bea einer allgemeinen Steuer, einer großen 
Zollgrenze durchzuführen. Unter der abjterbenden Haut aber hatten fid aus dem Mutter- 


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boden des Volfes neue Organe entiwidelt: die ,erritorialmadte”. Durd Jahrhunderte 
wuchs dieje neue ftaatlide Ordnung beran, bis ehr aus ihren Kämpfen eine neue 
deutiche Einheit unter Brandenburg: Preußens Führung erwuchs: das Bismardreid. 

Wie fid einjt unter dem mittelalterlichen minh die jungen Territorialmadte formten, 
jo begannen unter dem Bismardreich neue Wirtihaftsmächte fic) gu formen. Yn der 
Obhnmadt des Staates jeit der Revolution — fie ungebemmt und erftarfen gewaltig. 
Das mittelalterlidhe Reich ging zu Grunde, weil es fein dauernd mögliches Verhaltnis zu 
den Lerritorialmadten fand. Das neue Reid) geht zu Grunde, weil es fein mögliches Ber- 
bältnis zu den Wirtihaftsmädten findet, die das fapitalijtiih-indujftrielle Zeitalter hervor- 
——— Wir wollen die Geſamtheit dieſer neuen Mächte mit dem Wort „Induſtrie“ 

ezeichnen. 

Wilhelm der Zweite hat kein klares Verhältnis zur „Induſtrie“ finden können. 
Es liegt uns freilich fern, den ſchickſalhaften Gang der Geſchichte in allerlei perſönliche 
„Schuld“ aufzulöſen. Wir ſuchen nicht Schuldige, ſondern Erlenntniſſe) Was die Hohen— 

llern Jahrhunderte hindurch in Brandenburg und Preußen gekonnt haben, das haben 
ie ſchließlich im Deutſchen Reiche nicht mehr gekonnt. Nämlich: 

Als die — ——— in Brandenburg einzogen, brachen ſie nicht nur den feindlichen 
Widerſtand des —7 Adels und der ſelbſtherrlichen Städte, ſondern ſie machten 
ſich die Widerſtrebenden allmählich zu freundwilligen Dienern. Ebenſo das Bauerntum. 
Unter Friedrich Wilhelm dem Erſten wurde die Entwicklung vollendet: ein nach den drei 
Ständen des Adels, Bürgertums und Bauerntums ſauber geordneter Staat, in dem alle 
drei Stände dem Königtum als dem Repräſentanten des Ganzen unbedingt ergeben find. 
Seither wuchs ein ganz neuer Stand heran: die kapitaliſtiſche, unbürgerliche Induſtrie. 
Dieſe zerfällt gleichſam in zwei Hälften: Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Und zu dieſer 
neuen Volksſchicht nun fand der Hohenzollernſtaat nicht mehr oder nicht rechtzeitig genug 
dasſelbe Vechältnis wie zu den älteren, Schichten. Sonſt wäre das Kaiſertum niemals 
durch einen verlorenen Krieg geſtürzt, ſondern Volk und Fürſt wären wie in früheren 
Fällen dadurch nur inniger verbunden worden. 

ch war Wilhelm der Zweite ein „moderner“ Tyürit, der lebhafte perjönliche Teil- 
nahme für die neue Schicht hatte. (Vgl. dazu Friedrih Naumanns „Demokratie und 
Kaiſertum“, zumal in der erjten Auflage.) Der Bu fand ein Verhältnis zu den Arbeit- 
gebern, er verfehrte mit Männern wie Krupp und Ballin. Aber er wurde darüber Bar: 
tei. KEinjt hatten die Veen en jowohHl Bauern wie Adel gewonnen, jest hatten fie 
jowohl Arbeitnehmer wie Arbeitgeber gewinnen poles Eine freilich jehr jehivierige, 
wohl über die Kräfte einer Generation hinausgehende Aufgabe! Aber man jtelle jich 
bor, e3 wäre eine innere Verbindung zwilhen Hohenzollernjtaat und Arbeitervolk, zwiſchen 
Kaifertum und Arbeitertum hergejtellt worden — das Deutiche Reich ware eine unbefieg- 
bare moraliide Macht oe 

Das Bismardreid) ift hin. Der aus feinen Rejten nach wejtenropäihen Muftern 
zufammengefliekte Notbau, in dem allerlei Parlamentarier unter der allgemeinen xjronie 
des Volfes Minifterftühlchenevertaufhen jpielen, verliert troß allen woblgemeinten Er- 
mahnungen und berärgerten Verfügungen tagtäglihd an Anjehn. Aber während diejer 
Staat von allen guten Geijtern verlaffen fdeint, während das Volt ihm immer gleid)- 

ültiger Strate heroic aus der Yndujtriejdhidt Macdhte empor, aus denen die 
ben der Zukunft hervorgeht, eine Ordnung, die man bielleiht garnicht mehr als 
„Itaatlich” bezeichnen fann, fondern die vornehmlich wirtichaftlich ift und die Staaten nur 
als Wirtfchaftsgruppen in fich Hineinbaut. 

Wie e3 eint eine Ungahl Territorialmadte gab, teils ftaatliche teils tirdliche Gebilde, 
Die fid) folange befampften, big Brandenburg-Preupen die Fithrung befam, jo gibt es in 
der Gndujtriewelt mannigfahe Mächte, die um die Führung ringen. Man faun fie alle 
in die beiden großen Gruppen Gemertichaften und Unternehmerlonzerne einteilen. Beide 
Gruppen find wieder in fic) gefpalten. Aus diefen Kämpfen geht irgend einmal die neue 
Ordnung hervor. Deshalb haben Leute mit politifchem Ynjtintt mehr Teilnahme für 
Männer wie den Gewerkichaftsführer Stegeriwald oder den Unternehmer Stinnes als für 
die zeitweiligen Minifter, die je länger je mehr entweder zu ausführenden Organen oder zu 
Schahfiguren der neuen Mächte herabjinfen — und mögen fie nod) jo joztaliftiich oder 
fommuniftifd fein. Stinnes’ Wirtjchaftspropinzen, die großen Blöde der Arbeitnehmer — 
was werden dieje Mächte wirken? 

Stinnes erjcheint heute als der ar Mann Deutihlands. Dies Empfinden 

ittert, aud) im Haß, durch alle Zeitungen. Und die Zeitungslefer überjchlagen die 

inifterreden, um die Aeußerungen von Stinnes zu lejen. Die innere Notwendigfeit der 
Entwidlung jheint Stinnes in die Hand zu arbeiten. Xyft ex wirklich der bedeutende Geift? 
Wer wagt es gu entjcheiden! Aber das von ihm aufgerichtete Werk zieht wie ein Magnet 
taujend Entwidlungen in feine Richtung; es wirft wie ein Kriftallijationspunkt, als ob e8 
dazu feiner ntelligenz, fondern nur eines Schemas bedürfte. Und dieje ganze Entwidlung 


4 Bgl dazu die Beariffsbildung in meinem Aufjas ,.Bauerndammerung oder Varern- 
Herrjdaft?” im lebten Oftoberbeft. 


29 


bat in fi eine unleugbare Vernunft. —— unſer bismarckiſches Staatsempfin— 
den ſträubt ſich dagegen, die Reichseiſenbahnen an die Induſtrie (Unternehmer und Ge— 
werkſchaften) auszuliefern, ein Stück Staatsmacht in „private“ Induſtriemacht — ach, dieſe 
„Privat“mächte ſind heute mehr ,,offentlid” als der Staat! — zu verwandeln. Aber wer 
fann leugnen: der r an ijt jadlid — und zwingend. 

Sollen wir dieſe Entwicklung gutbeiben Wäre es einftmals nicht beffer — 
wenn ſich unter Maximilian ein einheitliches deutſches Reich ununterbrochen aus dem alten 
kaiſerlichen Lehnsreich entwickelt hätte? Und wenn unſerm Volke dadurch wieviele Kriege 
und Nöte auf heimatlichem Boden erſpart geblieben wären? Wohl wäre es ſchöner und 
——— erie er Wabhrideinlid) ware dann heute jhon das alte deutjche Volk in 

adt und Wohlitand verblüht. Weil fein Schidjal ein immermwährendes Stirb und Werde 
blieb, ift e8 — jo voller — Be und Möglichkeiten geblieben, wie außer ihm 
att bas ruſſiſche * Sollen wir darum verzweifeln, wenn unſere Gefchichte heut einen 
o ſeltſamen geht 

Ob wir wol oder nicht, die Gejchichte Be diefen Weg. Die zukünftige Lebensform 
der Völfer wird weniger von den bürgerlihen Organtjationen, die wir „Staaten“ nennen, 
alg bon den taptalifi}g-nuftcele Wirtihaftsmächten gejtaltet werden. Das große 
Zeitalter des Kapitalismus bricht an. 

€8 ijt merlwürdig, wie fich alles zu diefer Entwidlung zufpist. Gerade in der Zeit, 
da Stinnes mädtig wird, da die Gewerkihaften aufblühn, wird ein finanzielles 
Problem zum Ar lem der ganzen Welt: die deutihe Kriegsfhuld. Das an des 
Weltkrieges läuft in die Finanzfrage aus: Wie wird die geforderte Summe bezahlt? Diejes 
PBcoblem zwingt über den nationalen Sonderwillen der Staaten hinweg die großen In— 
duftriellen und Bantiers zu oat (done Verhandlungen zufammen. 

Wird diefe Entwidlung nicht [honungslos über den Beftand der Volkskörper, die biö- 
ber in der Gejellihaftsform der „Staaten“ organifiert waren, hinmweggehn? Gewiß glauben 
wir, daß ein Stinnes perjönlich national fühlt und im Sinne feiner Nation wirken 
will. Aber e3 gibt Notwendigkeiten, die ftarfer find als Stinnes. Cin Werk wadft oft 
über feinen Meifter en Wir lommen unweigerlich zu überjtaatlihen, zum mindejten 
—— wirtſchaftlichen Gebilden. 

ir unſerſeits ſehen bie Borgänge nidt mit den befdranften Empfindungen und 
Gedanken des dogmatijden Pagififten an: Halleluja, unjere dee fiegt! Die NEE 
dee fiegt nämlich nicht Auch die Fapitaliftiiche überjtaatlihe Ordnung bedeutet nicht 
ein ej Paradies. Auch in ihm enticheivet nicht ein abjtrattes Mtoralgefeb, fondern 
die Madht. Uns beivegen vielmehr zwei Fragen: 
‚ Erftens: Welche Stellung wird unjer deu Ges Volk in der neuen Ordnung einnehmen? 
Wird e8 durch Fluge Politik eine führende oder wenigftens gleichberechtigte Stellung er- 
ringen? Oder wird eS ein ausgebeutetes Volk werden wie die Ehinejen, Inder, Wegypter, 
die von ihren Pazififten mit „„deen” und mit dem „Stolz auf die alte Kultur” über ihr 
— s Sklavenlos hinweggetäuſcht werden? Ein Volk, deſſen Geſchichte mit Arminius 
innt, das erſt vor einem — Männer wie Stein, Arndt, Fichte, Scharnhorſt, 
Blücher, Gneiſenau oe das unter ne in Rußland, Galizien, Rumänien, 
Palajftina, Ytalien, Frankreich kampfte, ein jolhes Bolt wird fih nicht demütig in eine 
Reihe mit Kulis und Pariaz ftellen. Wollen die Englander einen folden Zujtand anjtreben, 
jo — dürften fie mit einigem Erjtaunen ihres Ne ologijden Yrrtums inne werden. 

Bweitens: Was wird in einer fitnftigen gejell oe tlichen Drdnung Europas, die wejent- 
lich wirtihaftlic gebunden ift, aus unjferm Volfstum? Wenn der „Staat“, diefe 
aus der bürgerlihen Schicht unjres Volles erwachjene Lebensordnung, zur augenpolitijden 
Bedeutungslofigfeit herabjinft, fo fan er doch eine andere Bedeutung gewinnen: eine 
fulturpolitifjce. [3 folder wird er deutfhe Sprade, deutjhe Kunft, 
deut ates Organijationsgefinnung (Föderalismus gegen entralismus), deut{ de 
Wirtſchafts eee sere Ee der Seele über die Siok Ueberordmung der Arbeit 
über das Kapital, Ueberordnung des Wertgutes über die bloße Majjenware) in der Welt 
vertreten und die neuen überftaatlihden Bindungen von innen Her 
deutjh zu Een uhen. Das nädfte Biel aber Ba fein: daß der deutiche 
„Staat“ die kulturpolitifche Form des gefamtendeutjhen Volkes werde, auf er 
die ae unfrer Vater nad Einheit, die auch unfre eigene Sehnjudt ijt, endlich do 
auf dieje Weife in Erfüllung gehe. Den „großdeutihen“ Staat wollen wir unferm Bolt3- 
tum gemäß ausbauen: er wird die „formale Demokratie” durch eine wirklich volf3gemäße 
Berfaffung überwinden und damit zum Vorbild der andern Staaten werden. St. 


Seitgenoffen. 
9. Der Bereinsobermeier. 
Cy” meine nicht jene Opferfreudigen, die ihre legte Freiftunde einer guten Sache ohne 
viel Aufbeben3 und ohne Dank widmen, pee ihn, den Obermeier, den meithin 
Sidtbaren und Hörbaren. Er tut nicht fonderlich viel für die unzähligen Vereine, die ihn 
zu ihren hervorragenditen Vorjtandsmitgliedern gablen. Arbeit ijt überhaupt nicht eigent- 
lich jeine Sade. Situngen find ja ein ganz angenehmer Erjat dafür, namentlich wenn 


30 


fie irgendiwelde Bwijdenfalle und Komplikationen verfpreden. Das Schönjte aber bleiben 
do immer die Beneralverjammlungen, Kundgebungen, Teite und andere große Tage des 
Bereind. Die Arbeit vorher hat man den anderen überlajjen, denen die Gache jtrengen 
Dienft auferlegt. Man hat fi bloß gelegentlich gezeigt. Aber an den großen 
Tagen felbft ift man frühzeitig da, um gefehen zu werden. Man halt die 
große Rede, begrüßt und empfängt, dankt und feftordnet, moglidjt mit einem Abzeichen 
geihmüdt, und wahrend man in den harten Vorbereitungswoden meiftens feine Zeit 
hatte, ijt man an diefem Tage im Handumdrehen an der Spite des Umzugs, im Border» 
grunde des Vorftands, der Menge weithin fihtbar. Dan ift ein Meijter eines gewiffen 
lyrifden Pathos, jener liberalen Gangerfeftphrajen, die dem deutihen Volk ſchon Y 
unendlich viel „genüßt” haben. Wie die moderne Parodie eines Adjtunddiergigers jteht 
man den oe und Verfammlungen vor, jemmelweid ijt Mtiene, Rede und Haltung. 
am ,alten” Deutichland hat derlei nicht Hoch in Kurs gejtanden, man jalng fich ziemlich 
weit linf3 durch unerfreulich düftere Büfche des Lebens. Yn der Revolution wurde man 
unentbehrlich: als bieder-treuherzigegemütlicher Statift für Veranftaltungen mit nationaler 
Note, aber mit deutliher Zurü —— jedes Nationalismus. Ein: — et 
und-madh-midhenicht-naß-Nationaler. Recht ein Mann, um mit feiner Hilfe jene Ber- 
beugung bor der nationalen “dee zu madjen, die doch auch für jehr Linksjtehende notwendig 
wurde, um populär zu bleiben. E3 gab immerhin Augenblide, in denen „das Bolt 
warm wurde bor Zorn und Scham: ba ag e8 ein iveni befchäftigt und abgelenft wer» 
den. Zu unjhädlihen Demonftrationen. Die guten Deutiden. Unfer Mann ift natür- 
lid) Demofrat. Das heißt: er verjteht es, Vollsverfammlungen zu „arrangieren“, jedem 
nah dem Mund zu reden und auf Geheiß jener Klügeren, die hinter ihm jtehen, die 
Puppe „Voll“ tanzen zu maden. Alles ehrenamtlid: bloß aus Citelfeit, —— 
und in Seligkeit —B———— wenn ihn ein Revolutionsminiſter empfängt oder das 
Abendblatt „verdienſtvoll“ nennt. In normalen Zeiten gens harmlos und nicht immer 
En apa lei, In gefährlichen Zeiten ein Vergettler, VBerfdleimer, Vertuer und Vere 
berber mebr jenes Reftes von gejundem Volfsempfinden, das uns in den enticheidenden 
Xagen allein von den Schiebern und „Führern“ hätte befreien und retten können. Dieje 
potenzierten Spießer bedeuten innmerhin Zufammenballungen von Charafterlofigfeit, die 
in een Stunden einem Kämpfenden den lebten Atem abjdnitren können. In 
der Schieber- und —— a ie nehmen die Verein8obermeier einen wichtigen plas 
ein. Gie find die wahren Unteroffigiere im SKampfe der ,Demofratie” gegen das Volk. 


ermann Ullmann. 
Die Naumburger Stifter. 


Es⸗ iſt ergreifend, in der Geſchichte der Kunſt dem Werden des deutſchen Geiſtes zuzuſehn. 
Kräftig äußert ſich von Anfang an ſeine Eigenart. Freilich, die vollendete und ee 
ormenfprade der Antike betrachtet er ftaunend und läßt ji von ihr im eigenen Schaffen 
anregen. Man follte aber für jene Frühzeit niemals von Einfluß, fondern eben nur von 
Anregung reden, um die geihichtlihen Tatjachen nicht zu fäljhen. Vom Ende des zwölften 
Sabrhun ert3 an, mit der Gotif, beginnt pe ae eine gewille Vorherrihaft in der Kunft 
auszuüben. Aber abaciegen davon, daß e3 aud) dort vor allen Dingen germanijcher 
(Franfen-, Normannen-, Surgunden- ift ift, der Ichafft, zeigt es fich, dag im deutjc)- 
jptedenden Lande unfec Volfstum dod) noc) reiner gu Tage tritt und fi) in fchonen Meijter- 
werten von franzöfiiher Abwandlung frei hält. 
tanfreich hatte namentlich die formen de3 Denen Lebens früher ausgebildet und 
Deutihland auf dem Gebiete beeinflußt. Und dod! nn wir die im dreizehnten Jahr— 
hundert entitandenen ge ag ag betradten, fo fonnen wir nidt anders 
als anerkennen: das ift wefenbaft deutider Udel. Was ijt Adel? Die Frage joll hier vom 
Standpunkt der bildenden Kunjt beantwortet werden. Sie formt die reihe Mannigfaltig- 
feit bes Lebens ab, die in der menjchlichen Gejellfchaft vom Bettler bis zum König reicht, 
und fie charakterifiert jowohl den Bettler, alg aud) den König. Ein fhöner Vorzug der 
deutſchen Kunſt ijt e8, dak fte e3 verftanden hat, in die Darftellung aud des Aermften und 
Niedrigiten einen Haud von Ewigkeit und innerem Adel zu legen, die Ehre und Würde 
des etlichen in jedem Stande zu erfühlen (Goes, Rembrandt). Dennod brin t aud 
fie gejelljchaftlichen Unterfhied. Der Hirt fteht anders aus als der Rn eine Hände, 
die Defichtögüge find wefentlid) anders gebildet. Das Mienenfpiel, die Geberden bewegen 
ih in einer befonderen Art. Um einen Hauptpuntt herausgugreifen: der König ift_durd 
Erziehung geformter. Seelentiefes Erfaffen des einfahen Mannes ift eine fpate Frucht 
a pa aie ein lebendiges Darftellen der fogenannten vornehmen Gejell{dajt 
on früh ein 
‚ Eine Probe jolhen Könnens geben die Naumburger Stifter. Sie follen an Mit- 
pleber der Häufer Wettin und Billung erinnern, die fih dur Stiftungen um den Raum: 
urger Dom verdient gemacdht haben. Die Werke find erft geraume Zeit nach dem Tod 
der Wobhltater entjtanden und nidt Bildniffe, fondern frei — ——— Verkörperung des 
Adels ihrer Zeit. Sie wecden um 1270 angeſetzt. Aber der Glanz des kaiſerlichen Bote, 
ben e8 dDamals nidt mehr gab, fdhimmert noch in den berrlicen Geftalten, und and die 


A, 31 


Seele der eben boraufgegangenen, großen deutihen Dichtung. Das find Herren und 
— fie das Nibelungenlied in Worten uns malt, kraftvoll und anmutig, Per— 
önlichkeiten, die den ſüßen Schmelz der Lieder Walthers empfanden. Zweierlei erſcheint 
wichtig. Man ſieht, daß ſie die feine höfiſche Erziehung erhalten haben, von der in den 
Vibelungen oft die Rede iſt. Ihre Erſcheinung hat etwas Gepflegtes und Gebildetes. 
Aber ebenſo wie in den Perſönlichkeiten jener geſunden, volkhaften Dichtung iſt in ihnen 
durch Erziehung die Natur nicht ertötet oder irgendwie verkünſtelt worden, ſondern nur 
entwickelt, verfeinert, eben geadelt. Wie herzlich, frit und unbejangen ate Reglindis! 
Wie natürlich angftlic jhaut Uta! Pradhtvoll derb, ftarf und felbjtbewußt jteht Edehart 
da. Um den Abjtand der Hofifdhen Zucht von ungebundener Art fic) flac gu maden, ver- 
De man bollandijche Bauern in Luft und Zorn auf Gemälden des fiebzehnten Sabre 

underts. 
In unſerm Zeitalter der fanatiſchen SEN. ijt e3 wohl nötig, hier einige Worte 
der Erläuterung einzujchieben. Es joll nicht der Verfdarfung gejellihaftliher Gegenjäge 
das Wort geredet werden. E3 ijt aber die Meinung, daß fie notwendig find und daß ein 
Bolkstörper an fünjtlider Gleidmacheret zugrunde gehn muß. Wir brauchen den Rabhr- 
boden der ewig frifd und lebendig quellenden unteren Schiht und die Geformtheit der 
oberen. Aber auch den Aufftieg, Zufuhr neuen Blutes nach oben. Langjam. Damit echter 
Adel entjtehe, braucht es der Pilege und Durchbildung und der Bewährung mehrerer auf- 
einander folgenden Gejchhlechter einer Familie. 

Die Steinbilder in Naumburg beweifer, ebenfo wie der Nibelungenfang, daß es im 

dreizehnten Jahrhundert in Deutichland einen herrlihen Adel gab. Aus dem Volke auf- 

ewadjen, voll bodenjtändiger Kraft und von höfiicher Feinheit. Cr hat fic) leider fo im 
fauf der Zeit nicht gehalten. Er unterlag — Einfluß. Gänzliche Entartung finden 
wir in den —— des achtzehnten Jahrhunderts. Der deutſche Adel, überhaupt die 
beſitzende und gebildete Geſellſchaft iſt von der franzöſiſchen kaum zu unterſcheiden. Nicht 
etwa, weil der Franzoſe deutſch geworden wäre, wie er es im dreizehnten dee noch 
in getviffem Mage war, jondern weil wir franzöfich wurden. Die Bildnifje des en 
Saunders haben den Ausdrud fofetten, felbjtgefalligen Wejens, einer fpielerijden, 
enießerijhen Art, die volkhaftes Veriwurzeltjein nicht mehr erfennen läßt, einer fihern 

eberrjdhung bon Formen, denen ein tieferer Lebensinhalt nicht a ugrunde liegt. 

Das legte ijt das ausfdlaggebende Senngeichen fremdlandijder aif eit. Es iſt 

dem Franzoſen natürlich, eine gewiſſe ha et Yormenmwelt zu beberrjden und ficer 
anzuwenden, die den Verfehr auf angenehme Weije regelt. Auch Deutjche gibt es, die jol 
lernen. Aber ihr Deutihtum ift dahin. Die Art unjerer Bolfheit läßt ein Außerliches 
Schalten mit Formeln nicht gu. €8 wird bei uns haglich und die Seele des veraugerlidten 
Menjchen verdirbt. Warum? C3 ijt wohl nicht guviel behauptet, wenn man fagt, dak die 
Wejtbolfer an Ynnerlidjfeit nidt fo viel gu verlieren haben wie wir. Darum werden fte 
durch Formeln nicht gejdadigt. Das Mak von Yunerlidfeit, das fie befigen, bleibt un- 
—— ja, eint ſich befriedigend mit eben jenen Formen. 

ei uns iſt es anders. Und doch möchten auch wir die ſchöne Form nicht miſſen. 
Was ſollen wir tun? Wir ſollen die Form haben, aber ſie muß immer Ausdruck inneren 
Erlebens ſein, nie leere Geberde. Sie muß immer geſättigt ſein mit lebendiger — an 
Herzlichkeit, Schönheit Reinheit. So wird fie deutich. Sale Adel. Wunderbar belehrt 
uns darüber die deutiche Kunft, und zwar bis in die Zeit Rembrandts hinein. Als der 
Barod jchon eine ne Verwelfdung des deutichen Adels gezeitigt hatte, malte Rem- 
brandt in mandem Bilde, 3. B. in der jchonen Berliner Saskia (1643) die edle Frau, deren 
Bet in Miene und Geberde aus dem Adel des Herzens quillt. 

o ijt es auch in Naumburg. Nur auf einer früheren Stufe. Bn den A ie 
Seftalten flingt etwas Frihlingshaftes, fie find, bon der Entwidlung des ganzen Volles 
aus gejehen, noch Kindheit. Sie find der Abglang des ertvachenden germanijdhen Geiftes, 
der mit triebhajter —— die ihm gemage orm findet. Der Künjtler hat es für gut 
befunden, fie in lebhafter Erregung darzujtellen. Dadurch kommt bejonders jhön die Ein» 
heit unverdorbener, kräftiger Natur und edler Zucht zum Ausdrud. ede Seelenregung, 
die jich zeigt, erjcheint tief erlebt, erfaßt den ganzen njden und äußert fih doch nicht 
zügellos oder coh, jondern in zarter und feiner Sitte. Auf jolde Menjchen pakt das 
deutihe Wort Adel, das ohne die Bedeutung des Edlen nicht zu denen ijt. Cs ijt darak- 
terijtiich, daß {pater und auch heute man jo gern von einer „Artftofratie” jpricht, durch diefe, 
für deutfhe Seelen leer bleibende Benennung, nur eine bevorrechtete Klafje bezeichnend. 

.. Nod) ein Wort zum rein een Wert. Die Geftalten wurden den Pfeilern des 
Kichencdors eingefügt, und wohlempfunden ift die Beziehung. An ihrer — bleibt 
etwas Gebundenes, das der Form des Pfeilers ſich anpaßt. Bons Abweichen in der Be- 
twegung der Glieder oder des Geiwandes wird ausdrudsvoll dazu in Bezug gejet, belebt die 
Kormbindung, aber hebt fie nicht auf. Das Lebendige der PBerjönlidykeiten fommt trogdem 
Doll und reid) an den Tag. C8 ijt ein jchöner Einklang erreicht von natürliher Bewegung 
und fünftlerijch reifer Bindung. Lebendig und vielfad abgewandelt wallt auch da3 herr- 
lihe Gefält der Gewänder. Man vergleiche, wie Reglindis und wie Uta den Mantel 
vafft. Und mit Sicherheit wird auch fchon unter dem Gewande der Körper fühlbar ge- 


oa) 
Ga 


es 


Wane Man bedauert eS mandmal, den Namen des großen Deutjden, der folches gu 
Ihaffen fabig war, nicht zu wilfen. Und wiederum findet man es fchön, daß er im Dunkel 
blieb. So fjcheint fein Werk wie der große Sana der Nibelungen aus dem dunfeln 
Urgrund des ganzen Volkes wejenhaft heraufzumacdjen. Maria Grunewald. 


Ser Beobachter 


Erſtaunlich ift Die geradegu religidje Geduld und Ergebenheit, mit der alles Volt das 
Schidjal hinnimmt, das thm von der Börje bereitet wird. Wenn irgend ein 
re die Arbeitszeit verlängern oder den Lohn fürzen will, fofort ift die Emporun 
und Abwehr da. Wenn aber die Börje das Geld eines ganzen Bolfes von einem Tag = 
den andern entivertet, jodaß der Lohn des Arbeiters, der Gehalt des Angejtellten, der Ge- 
Winn des Kaufmanns plöglig nur noch einen Teil feines urjprünglichen Wertes hat, 
dann — nimmt man das als unabänderliches Schiejal börjenergeben hin. Alle Zeitungen, 
jelbjt die Roten Fahnen — o rühret nicht daran! Die braven Leute, die den Schaden 
tragen, haben feinerlei Borjtellungen davon, warum das jo jein muß. Die Borie ijt 
ihnen eim geheimnisvolle Etwas wie der liebe Gott. Ueber Gott empört man ke immer 
hin, wenn er zu unpafjender Zeit Regen oder Sonnenjdein fdidt, itber Gott philojopbiert 
man, Gott jhafft man ab, wenn er einem nicht mehr paßt. Ueber die Börje empört man 
fih nicht, über die Börje philojophiert man nicht, die Börfe fchafft man nidt — aber wie 
fann man jich) durch jo „naive“ Gedanken blamieren! Die Börje ift der a Gott der 
fapitalijtiihen Welt, vor ihr oe das Volf dummt und verehrungspoll auf den Sinien zu 
liegen. en Gottesdienjt reformiert man, aber die Keterei, den Mammonsdienit an 
dem heiligen Börjentempel zu reformieren, wo die diden Auguren und Priejter die Opfer- 
gaben des gläubigen Volkes verwalten, die Steterei verdient den jchlimmiten Vorwurf, 
den man einem aufgefläcten und gebildeten Mammonsgläubigen nes fann, fie tft — 
„„dealismus“ und „Utopie“. Wer folde Gefühle im Bujen und Gedanken im Ropfe 
twälzt — anatbeme fit! 


Si die Deutjhe Wandervogelgemeinjchaft veröffentlicht Ernft Haud in Spittelftein, 
Bolt Deslau ber Koburg, einen Aufruf an die deutihen Burg-, Schloß- und Guts- 
herren: ji möchten in ihrem Bejigtum ein Meines, einfaches Gajtzimmer frei maden und 
darin alle Jahr einmal auf einige Zeit einen ee ten idter, Mufitanten oder Maler 
wohne: lajien. €8 geht ben deutiden Künftlern, jelbjt folden, die jchon einen guten 

Namen haben, in diejen Beitlauften oft herzlich jchleht. Zumal den ftillen, reinen, ver- 

Irefieiten itrengen oder lieben Menjchen, die um ihres ee innern Adels millen 

einen Anſchiuß an das große Geſchäft in Berlin finden. a3 würde es foldhen Menjchen 
bedeuten, wenn fie einmal ein paar Woden in der Hut nicht nur wohlhabender, —— 
auch vornehmer Menſchen ſorgenlos wohnen können! Das iſt wirklicher Volksdienſt. 


um „Reigen“prozeß ſchrieb der Vorwärts: „Nicht zwei Parteien ſtanden ſich in 
Moabit gegenüber. Das zwanzigſte Jahrhundert rang mit verweſenden Ueberreſten 

des Mittelalters. Dort Förderer der heute lebendigen Kultur. Träger der Zukunft. re 
telleftuelle, Gelehrte und Künjtler, deren Namen nicht nur in Deutichland jeder fennt und 
ehrt. Hier eine Handvoll objfurer Zeloten und muffiger VBetidwejtern, denen im tiefjten 
rgen alles Natirlide als TeufelSwerk gilt. Dort der normale Menfch mit oe en 
innen und unberdorbenem Denken und Fühlen, hiec intelleftuell und fittlih Srante, 
deren Seelenleben entweder bon Geburt an im Sterne verfault oder durch naturwidrigen 
Drill in perverfe Bahnen gelenkt worden Ma — Arbeiterblätter find dazu da, die 
Senüffe der Schieber (Hundert Mark der Plat und mehr!) — egen „das Mittel- 
alter” zu verteidigen. “sm „Reigen“ ijt der Dichter Schnigler zum bloßen tea ben 
geworden. Alles Gejchmuje der „Reigen“preffe über „Kunſt“ iſt in diefer Angelegenheit 
auf — als ſachliche Kunſtintereſſen zurückzuführen. Das iſt's alſo, was den deut— 
ſchen Arbeiter angeht: die rieſigen Tantième- und Valutagewinne eines Wiener Feuilleto— 
HEN: und die Kafjajorgen eines pleite-reifen Berlin-W-Theater3! Hübjcher hat IE nod 
jelten offenbart, vor melden Wagen der deutjche Arbeiter gefpannt ijt, der ein mod» 
— wie das im Vorwärts vorliegende (das der kerngeſunde Vorwärtsredakteur Dr. 
tanz Diederich nie geduldet hätte!) bezahlt. T. 


QJ [ Mitein erfüllt prompt alle pepe der Beit. Rleiderjdnitte und Rontinental- 
politif, Unterhaltungsrtomane und deutide Demofratie. Er flijdiert dem Volke 
in feinec „Berliner Qlluftrierten” alles, was zur vollwertigen Büldung des modernen 
Deutihen gehört: die legte Geliebte Landrüs in Paris und die ermordeten Mädchen der 


3 Stapel, Deutfches Voltstum 33 


„Tragödie von Slebelsdorj” (oder Ruebelsdorj oder jo abulicy — icy gehöre micht zu den 
Gebildeten, die genau informiert jind, twas das Gerd des Tages unter den Kunden 
Ulljteins ijt.) Wenn oe thee ift, wird Weihnadten gemadt. Ulljtein gibt dann ein 
,Weihnadts-Gonderheft” jeiner ,,.fllujtcierten” heraus. Der Ynbalt diefes ,Weihnadts”- 
Heftes: ,Exrfolgreide Films und die Gründe ihres Erfolges. hr Aufnahmen.“ 
„Der Tang als Befreier. Mit Bildern vieler Tänzerinnen.“ „Die Pracht des Kreml, 
dem Sik der Somjet-Regierung. PBhotographij ufnahmen.” „Ein Gaunerftüdcden. 
Bon Paul Simmel.” Wir fedlagen ie dag nadfte ,, nn ft” vor: „Der Kampf 
gegen allen Brunner. Mit photographiihen Bliglihtaufnahmen der verdunfelten 
„Reigen“ Auftritte.“  „Weihnadtstreiben in_ den Breudenbhaujern von Buenos Aires. 
Gefilmt.“ Dann würde a das Weihnadtsjeft fiir die Firma nod beffer rentieren. 
Wenn man Ion joldhe Weihnadtsgeldajte madt, dann aber ooch jefte! 

Kiek mal, wat der „zoldlad blüht. 

Willjte dir jchenieren? 

Det Yeldhafte mit Jemüt 

Dut fich jtets ventieren. 


er ,,Beobadter” hatte neulich eine Anzeige in den „Jungen Menjcen” beobachtet, 

“ wonad ein franzojenfveundlicher polinider Redakteur gegen „gutes Gehalt” und 
„pätere Gewinnbeteiligung” im bejegten Gebiet gejucht wurde. Walter Hammer, der 
Herausgeber der ,,.yungenMenfden” ijt uns gram geworden — nicht wegen diejes Angciffs, 
die Sade tbergehbter BAS fre rere — aber wegen eyes allgemeinen 
Bemerkung über jeine Zeitjchrift und über ihn jelbft. Er jucht dem Beobachter wigig zu 
antworten. Sein — Aerger verſäuert ihm leider den Witz. Es langt nur zu einer 
Retourkutſche“ und zu einem Nämenswitz — nach Goethe die niedrigſte Stufe des ee 
Dienen wir ihm aud mit einem zivar nicht Namens-, aber Pjeudonymswit. (Dak 
Hammer eigentlich anders heißt, beftreitet er nicht, er redet nur drum herum.) Aljo, Walter 
ammer: früher paßte diejer Name für Sie, als Sie in Yhren Kriegsflugblattern nod 
beget aus dem ,,sladderadatid” befriedigt nahdrudten und als in Ihrer Feldzeit— 
Ichrift „Wite” erfchienen, die ich „HZoten“ nennen wiirde. (Früher jandten Sie mir ja 
yore Werke regelmäßig zu.) Debt, jeitdbem Sie Pagifift find, müffen Sie den militärijchen 
Kamen (Walther: Walter des Heeres, Hammer: das fchmedt verdächtig antijemitijch!) 
ablegen. Nennen Sie fic) Bittfried Ambok. — Dak , Walter Hammer” nad der Prafktif 
derer, die’s nötig haben, inter mir berruft: Haltet den Dieb! nimmt mid nicht wunder. 
Er jhulmeiftert mich aljo: „Scharf mag der Kampf fein. Aber er bleibe jadlid) und ritter- 
lich!” — Nicht wahr, es ift jadlic) und ritterlih, wenn man feinen Lefern die Sade 
verjchweigt, die ich angegriffen habe, und herumſchwätzt, ich ne „zu den Helden, die 
mit dem Treideutihen Namen Schindluder treiben“ ufw. Der „freideutiche Name“ ijt mix 
twurfcht, feitdbem er zu einen: Aushängeichild für allerlei Gejchäfte geworden ijt. Es ijt ja 
bezeichnend, daß die Monatsihrift „reideutihe Jugend", naddem ie unter Bruno Lemfes 
Leitung wieder Charakter und Horizont befommen hat, den Namen „freideutich” fallen laßt 
und fid) „Die Bewegung“ nennt. Nad) der diirjtigen Talentprobe, die „Walter Hammer” 
in jeiner Polemit geliefert hat, verjichern wir, daß wir ihn fünftig in Rube lafjen werden. 
Möge er als gewandter junger Mann weiter mit Schere und Kleifter und mit ue der 
vielen Käftchen, tvorin er die verivendbaren Ausjchnitte jammelt, die „Jungen Menjchen” 
zufammenpappen. Wer’t mag, de mag't, und iver’t nich mag, de mag’t ja woll nid) mögen. 








Zwiefprache 


ir begannen den Jahrgang 1920 mit der Frage nad) dem Berhaltnis von Volf und 
Staat, dem Jahrgang 1921 mit der Kir — den heurigen beginnen wir mit 
der Adelsfrage. Ein Problem, das in ſeiner Bedeutung meiſt nicht genügend gewürdigt 
wird. Wenn ich über den Adel ſchreibe, ſo tue ich es natürlich von meinem bürgerlichen 
Standort aus und beſtreite nicht, daß von anderen Standorten aus ſich auch andre Ein-, 
An- und Ausſichten darbieten können. Mit meinem Aufſatz über den Adel bitte ich ie 
jammengulefen den fleinen Beitrag „Staat und Stinnes”. Beides ergänzt jie). Dieler 
„Keine Beitrag“ ift miv nicht unwichtig, er gibt meine grundjäßliche net ung zu den 
gegenwärtigen politiihen Fragen. Der Lefer fann fic) daraus ein, wie ich hoffe, Hares 
Bild von meiner politifchen Stellung machen, er wird allerlei einzelne Urteile, die er m 
„Beobachter“ ufiv. fand, in ihrem Zufammenhang feber. 

Die übrigen Aufjäge Ichließen fic) dem Leitthema irgendwie an. Der Kampf, den 
Dietrih Ferhau (d. i. Studienrat Wilhelm Schäfer in Stettin) gegen den Rationalismus 
aufnimmt und der zunächt in einer Frage ausklingt, wird im zivei weiteren Auffaben, die 
wiederum in fide) geichloffen find, fortgefubrt werden. 


34 








Die Bilder der Stifterfiguren von 1270 im Naumburger Dom zeigen uns den echten 
deutichen Bolfsadel. Nie bin ic) von einem SKunjtiwerf jo überwältigt tworden, wie da- 
mals, als ic} zuerjt in den Naumburger Dom eintrat. Diefer ungefchonte, lebendige Adel 
der Gefichter, der Hände, der Haltung, diefe Vejeeltheit jeder Gewandlinie! Kein Bild 
vermag das wiederzugeben. Geht und laßt euch einige Stunden einjam in den Raum 
hen und jdaut und jchaut, bis eud) das Wunder diejer deutihen NKnft aufgeht! 
Wenn ibr linfs unter dem Arm des Gefreuzigten durch den Lettner gebt, jo wendet eud, 
nachdem ihr bindurdy jeid, um und febt u die Maria etiva dreiviertel von hinten an. 
hr müßt jo jtehen, daß ihr nur noch das Gewand von der Seite und von hinten, nichts 
mebr vom Gejichte jeht, fo, daß von der menſchlichen Sejtalt nur noch die Singerfpigen 
aus dem Gewand herborragen. Und dann |jhaut das Gewand! Konnte je ein Grieche 
mit dem berrlichiten Menidenförper ausdrüden, was diejer Meilter durch die Falten des 
Geivandes tiindet? — Wir haben unfere Jahrgänge bisher mit Rembrandt, Dürer, Grüne- 
wald begonnen, diejen beginnen wir mit dem nicht minder großen, unbelannten Meijter 
der Naumburger Figuren. 

Der Bücherbrief joll-dazu anregen, fic) mit den edlen mittelhochdeutichen Dichtern, 
deren Terlen und Körper ja von derjelben Art find wie die der Naumburger Stifter, im 
Urtext gu bejcdajtigen. Es mıuß dahin kommen, daß der gebildete anche ganz felbjt- 
verjtandlid) mittelbodjdeutid lejen und boren fann, denn aus me Ueberjegungen fann 
er niemals die Seele jener Zeiten wirflid nacherleben. Die Plauderei joll dem Laien 
zeigen, wie er am beften praftijd) mit dem Einlejen in die alte Dichtung beginnt. Wir 

edenten, jolde Ratidhlage von Beit gu Zeit fortzufegen. — (yn derfelben Beit, da die Naum- 
urger Plajtifen und die mittelboddeutiden Dichtungen entjtanden, wurden auf Ysland 
die Sagas aufgezeichnet. hr Gubalt geht freilich auf ältere Zeiten zurüd. Der Stalde 
Egil aus dem zehnten Jahrhundert (901—983) ift eine der marligiten Gejtalten des 
nordijden Bauernadels. Wir freuen uns, ihn in der Meberjegung Proj. Dr. Gengmers 
ier vorführen zu fünnen. Gegen alle Uebertragungen bleiben die Bee ee ED Bore 

patie eftehn, die wir in unferm Aufjag im legten buguipett machten. Aber für dieje 
Ueberfegung gilt dasjelbe wie fiir Gengmers Cdda. Wir ziehen fie den Niednerjchen 
Strophen in dem Bande der Sammlung Thule vor, ohne die Bedeutung der früheren 
Yeiltung eben als früherer damit herabzujegen. — 

Bon den Büchern, die ich im vorigen Hejte anfiundigte, ijt weder der ziveite Band 
meines Kant noch die Reihe „Aus alten Bitcherjdranfen” herausgefommen. Cbenjo fam 
das Weihnachtsheft erjt Mitte des Monats. ES tut mir leid, ettvas angefündigt zu haben, 
was nicht eintraf. Aber nad) dem, was mir gejagt worden war, mußte ich das rechtzeitige 
Exjdeinen LER: Da die Bücher ntcht mehr vor Weihnadten ausgedrudt und ge- 
bunden worden find, jollen fie nun — heutzutage jagen die Buchhändler immer: „dem: 
näcjt ericeinen“. ,Demnadjt’ haben wir das Paradies auf Erden. — „Demnädjt er- 
— übrigens auch die vier Blätter von Meiſter Francke, die wir im Weihnachtsheft 

rachten, in beſonderem Umſchlag mit Vorwort von Dr. Benninghoff. reis etwa 
10 Mf. Die Wiedergaben find ja ungewöhnlich gut geraten. Sie waren eigentlid cin Ge- 
Ihent des Verlags an die Bezieher der Zeitichrift. Man wird heute felten jo gute Wieder- 
gaben für jolden Preis befommen. — 

Zu unferer Anfrage, ob die Lefer ein viergehntagiges Erjcheinen des „Deutjchen 
Volkstums“ wünſchen, ſind manche wertoollen Zufchriften eingegangen. Die Mehrzahl 7 
fix monatlides Erfceinen. Yeh wiirde die bloße aan) nicht achten, wenn id 
nicht ihren Gründen zuftimmen müßte. Um Plas’ im Terte gu fparen, drucen wir 
einige Briefe auf den Angeigenblattern mit ab. Danacd wolle man beurteilen, warum 
unjre zei rift vorläufig eine Monats jchrift bleibt. — - - 

: eihluß geben wir nicht ein paar weisheitsvolle Worte uber den Adel, jondern 
jtellen zwei fraftvolle alte deutjche Adelsgeftalten mit den Worten ihrer Zeitgenofjen Hin. 
Karl der Große ift uns bejdrieben von Cinhard (,RKaijer Karls Leben“), Otto der Große 
von Widukind („Sächſiſche Geſchichten“). Die Ueberjegung des Widutindjden Later 
Ichmedt etwas reichlich nad) Eicero- oder Yivius-PDeutic der Sefunda. Aber wenn es aud) 
fein gutes Deutich ift, jo ift es dody wenigſtens zuverläſſi HACHIER!. Man findet beide 
Werke in der Sammlung „Die Gefchichtichreiber der hen Vorzeit“ (Dykſche Buch— 
handlung, Yeipzia). Bd. 16: Einbard. Bd. 33: Widufind. St. 


Stimmen der Meifter. 


Einhard (T77040 ſchildert uns Kacl den Großen ſo: „Er war von breitem und lräf⸗ 
tigem Körperbau, hochragendem Wuchs, der jedoch das richtige Maß nicht überſchritt 
— denn ſeine Länge betrug ſieben ſeiner Füße — ſein Schädel war rund, ſeine Augen ſehr 
groß und lebendig, die Rate ging etwas über das Mittelmagk, er hatte jchönes weißes Haar 
und ein freundliches, heiteres Antlit. Go bot feine Geftalt, mochte er figen oder jtehen, 
eine höchjt würdige und jtattlihe Erjcheinung, wierwohl jein Naden — und zu kurz, 
eo Bauch etwas hervortretend jheinen fonnte; das Ebenmag der andern Glieder verdedte 
as... Gr fleidete fic) nach vaterfändiicher, nämlich fränkischer Weile. Auf dem Leib 


35 


trug. er ein leinenes Hemd und leinene Unterhojen, darüber ein Wamms, das nit jeidenen 
Streifen verbrämt war, und Hofjen; fodann bededte er die Beine mit Binden und Die 
süße mit Schuhen, und jchüßte mit einem aus Filchotter- und — verfertigten Rock 
im Winter Schultern und Bruſt; endlich trug er einen blauen Mantel und beſtändig das 
Schwert an der Seite, deſſen Griff und Gehenk von Gold oder Silber war. Bisweilen 
trug er auch ein mit Edelſteinen verziertes Schwert, dies jedoch nur bei pea ara Feſt⸗ 
lichkeiten oder wenn die Geſandten fremder Völker vor ihm erſchienen. Ausländiſche Klei— 
dung jedoch wies er zurück, mochte ſie auch noch ſo ſchön ſein, und ließ ſie ſich niemals 
anlegen, nur zu Rom kleidete er ſich einmal nach dem Wunſch des Papſtes Hadrian und 
ein zweites Mal ae Bitte von dejjen Nadfolger Leo in die lange Zunifa und Chlamys 
und z0g auch römilhe Schuhe an. Bei —— Gelegenheiten * er in einem mit 
Gold dürchwirkten Kleide und mit Edelſteinen beſetzten Schuhen einher, den Mantel durch 
eine goldene Spange zuſammengehalten, auf dem Haupte ein aus Gold und Edelſteinen 
verfertigtes Diadem; an andern Tagen unterſchied ſich ſeine Kleidung wenig von der ge— 
meinen Volkstracht. In Speiſe und Trank war er mäßig, mäßiger jedoch noch im Trank, 
denn die Trunkenheit ahnen er an jedem Deenjchen aufs euberfte gejchiweige denn an 
fic) und den jeinigen. m Efjen jedoch fonnte er nicht jo enthaltjam jern, vielmehr flagte 
er häufig, daß das Fajten feinem Körper fchade. Hodft felten gab er Gaftereien und nur 
bei bejonderen en Gelegenheiten, dann jedody in zahlreicher Gefellfdaft ... Wäh- 
rend der Zafel hörte er gerne Wiujif oder einen Borlejer. Er ließ te die Gejchidten und 
Zaten der Alten vorlejen; aud) an den Büchern des heiligen Augujtinus hatte er Freude, 
bejonders an denen, die „vom Staate Gottes“ betitelt find. Ym Genuß des Weins und 
jeglihen Getranfs war er jo mäßig, daß er über ae jelten mehr als dDreimal tranf. Ym 
Sommer nahm er nach dem Mittageffen etwas Objt zu fi und trank einmal, dann legte 
er Kleider und Schuhe ab, wie er es bei Nacht tat, und ruhte zwei bis drei Stunden. 
Nachts unterbrach er den Schlaf vier- oder fünfmal, indem er nicht bloß aufiwacdhte, jondern 
aud) aufjtand ... Reid und ficher floß ihm die Rede vom Munde, und was er wollte, 
fonnte er leicht und Flar ausdrüden. Es genügte ihm jedoch nicht an feiner —— e, 
ſondern er verwendete auf die Erlangung fremder Ben Fleiß: im Lateinijden bradte 
er eS jo weit, daß er es wie Deutich jprad), das Griechijde aber fonnte er befler pene 
als jelbjt jprehen. Dabei war er jo beredt, daß er fait geſchwätzig erſcheinen konnte. Die 
edlen Wiſſenſchaften pflegte er mit großer Liebe, die Meiſter in * chätzte er ungemein 
und erwies ihnen hohe Ehren ... Er erlernte die Kunſt zu rechnen und erforſchte mit 
emſigem Fleiß und großer Wißbegierde den Lauf der Geſtirne. Auch zu ſchreiben verſuchte 
er und pflegte deswegen Tafel und Büchlein im Bett unter dem Kopfkiſſen mit ſich umher— 
zuführen, um in müßigen Stunden ſeine Hand an die Geſtaltung von Buchſtaben zu ge— 
wöhnen. Indes brachte er es hierin mit feinen Bemühungen nicht weit, da er es zu ſpät 
angefangen hatte.” Ä 

Widulind (im zehnten Jahrhundert) jhildert uns Otto den Großen jo: „Er war vor 
allem ausgezeichnet durch Srömmtigkeit, in feinen Unternehmungen unter allen Sterblichen 
der Bejtändigfte, abgejehen vor dem Schreden des königlichen Ernftes immer freundlich, tm 
Schenken freigeb ‚im Schlafen mäßig, und während des Schlafes redet er immer, jodaß 
e3 den Anjcein Bit ala ob er jtetS mache. Seinen Freunden ijt er in allem willfährig 
und von mehr ala menjchlider Treue... Seine Geiftesgaben find bewunderungsmwürdig, 
denn nach dem Tode der Königin Edid lernte er die Sri, welche er vorher nicht fannte, 
jo gut, daß er volllommen Bücher Iefen und verftehen fann. Außerdem verfteht er in 
romanijher und jlabiiher Sprade zu reden. Doch geldieht eö jelten, daß er es für an- 
pesvetien Halt, fid) derfelben gu bedienen. Auf die Vagd geht er häufig, das Brettfpiel 
iebt er, die Anmut des Reiterfpiels übt er zuweilen mit föniglihem Anjtand. Hierzu 
gejellt fi) noch der gewaltige Körperbau, der die volle königliche Würde zeigt, das Haupt 
mit —— Haar bedeckt, die Augen funkelnd und nach Art des Blitzes durch plötzlich 
treffenden Blick einen gewiſſen Glanz ausſtrahlend, das Geſicht rötlich und der Bart reich— 
lich niederwallend, und zwar gegen den alten Brauch; die Bruſt iſt mit einer Act Löwen— 
mähne überdeckt, der Leib behäglich, der Schritt ſonſt raſch, jetzt gemeſſener; ſeine Kleidung 
die heimiſche, die er nie mit fremder Sitte vertauſcht hat. So oft er aber die Krone tragen 
muß, bereitet er ſich, wie man für wahr verſichert, ſtets durch Faſten vor.“ 








—— Dr. Wilhelm Gtapel. (Sir den Guhalt verantwortlig). — Gdriftleiter: Dr. Lud- 
wig aboff. — u ziften und Einfendbungen find zu richten an die Sihriftleitung des 
Deutjhen Volfstums, g 30, (ftenplag 2. Gur unverlangte Cinfendungen wird feine Derant- 
wortung ibernommen. — Berlagund Dru: Hanfeatifhe Derlagsanftalt Attiengejelifhaft, Hamburg 
Vrezu gspreis: Bierteljaprlid 12 Markt, Einzelheft 4,75 Mart., für das Ausland der doppelte Getrag. — 
oftfhedfonto: Hamburg 15475. 
Mahdruc¢ der Beitrage mit genaner Quellenangabe ift von der Schriftielinug ans erlaubt, unbefhadet 
der des Derfaffers. 


36 


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Deutihes Dolkstum | 


Deutfches 










 Dolkstum 





. Monatsfchrift für das deutfche Geiftesleben 


Hrernusgeber Wilhelm Stapel 


Inhalt: 


Paul Bröcker, Deutfdyes Kapital und deutfche Freiheit escoeses 
Chriftian Boek, Das Tudentum in der Literatur coesescaescea 
Herbert Freudenthal, Heimnatliche Spracdfdyule cocoesesescace 
Karl Peter, Caefar flaifhlen escsoacoescocacacacacaeser 


Biidjerbrief: Dr. Karl Grunsky, Aus dem Wagner - Schrifttum 





Kleine Beiträge: Dr. Karl Bernhard Ritter, Kinder des Lichts , 
Dr. Wilhelm Stählin, Unbewußtes und bewußtes Dolkstum / Dr. 
Wilhelm Stapel, Franzöfifdy oder jpanifch? / Hans Mafdymann, Zu 
Margarethe Havemanns Kunfleosescoacacaesescaesescarn 


Der Beobadter: Beamtenberuf und freier Beruf einft und jest / 
Don den Urfachen des Antifemitismus / Der liebe Bott, der ungläubige 
Lehrer und das zweifelnde Hänschen / Wie Hermann Löng der neuen 
deit angepaßt wird / Tleuefter Frerrgotts-Erfah cocaescoescaes 


Bilderbeilagen: Margarete Havemann: Maske / Holzfdynitt. 


Franjentifche Derlagsanftalt, Hamburg 


Dreis viertelj.]2 Mark 


februar 1922 





Einzelheft 4.75 Mark 


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Sede Schrift ift ein- 
zeln käuflich 





Schriftenſammlung in zwangloſer Reihenfolge 





Bisher ſind erſchienen: 


Bilanzen. Wie lieſt und beurteilt man B. Von M. Müller 
Geldwirtſchaft. Vom Tauſchverkehr zu G. Von Dr. M.Böhme 
Gewerkſchaften. Geiſtige Gliederung de G. Von P. Bröcker 


Handelsgeſellſchaften, Die .. . . . . . . ..... Von F. Butze 
Kreditwirtſchaft. Weſen und Bedeutung. Von Dr. Krämer 
Runft. Zeitkunft oder Volkskunft?........ Bon U. Sllies 
Runftgenuf. Bom rechten KR....... Gon Or. L. Venninghoff 


Marchenfdhinheit. Bon deutfher M.... Bon F. Heyden 
Mufil. Das Volf und feine M...:. Von Dr. 9. Unger-Röln 
Republik. Das geiftige Deutfchland unddieR. Von Dr.W. Stapel 
Steuerwejen. Derfchiedene Schriften erfter Fachleute. 


Syndifalismus. Die Gefahren de8 ©. ... Bon P. Bröder 
Umfasgfteuergefeg. Das U. ............ Bon £. Simon 
Bollstum oder Menschheit .............. Von Or. W. Stapel — 


Weitere Schriften find in Vorbereitung. 


Hanfeatifche Verlagsanftalt, 
Hamburg 





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Preis nad Umfang 
je 2 bis 5 Marf 














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Havemann 


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Margarethe 


us dem Deutſchen Vollstum 


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Deutiches Dolkstum 


2.5eft sine Monatsſchrift 1922 





Deutjches Kapital und deutjche Steiheit. 


De „Reparationsfrage“ heißt für den Bund unſerer Feinde nicht: erfüllbare 
Forderungen finden, die ihn befriedigen, ſondern unerfüllbare Forderungen, 
die ihn nicht ſchädigen. Unerfüllbar aber müſſen ſie ſein, ſonſt hätte der ganze dritte 
Weltkrieg für England keinen Zweck gehabt. Zunächſt müſſen die Forderungen unſer 
geſamtes altes Kapital erſchöpfen; dann wird man es uns als Anleihe wieder dar— 
leihen, die wir verzinfen; und das erarbeitete neue Kapital wird man als „Repara- 
tion“ fortwährend von neuem abjchöpfen. Unjere Arbeitnehmer werden nach wie vor 
ihren Lohn befommen, und, fo hofft man, im übrigen wird e8 ihnen einerlei fein, 
ob fie von englifchem oder deutfchem Kapital „ausgebeutet” werden. Unfere Re- 
gierenden im Reiche werden, ebenfo wie die Arbeitgeber in der Wirtjchaft, Beauf- 
tragte des fremden Kapitalismus fein, und unfere Regierungsform und Staatsform 
wird diejenige fein, die e3 erlaubt, unfer Volk in der Art am beiten international- 
Ecpitalijtifeh auszubeuten, daß es möglichft wenig merkt, wie der Blutfauger draußen 
und nicht drinnen figt. „Erfüllungswille” und „Bazifismus” forgen dafür, daß wir 
unmerflich ins gelobte Land hineingleiten. Dann allerdings wird auch bei uns 
Der die Haufe begreifen lernen, daß der „Kampf zwifchen Kapital und Arbeit” fo 
fadte ein Kampf der deutjchen Arbeit gegen das ausländifche Kapital geworden ijt. 
Soweit e3 dann im Ynnern noch einen „Klaffentampf“ gibt, ift er nichts als Selbit- 
zerfleifchung der Unterdrüdten, die untereinander um die Verteilung des Brodens 
fampfen, den der ausländifche Ausbeuter ihnen vorwarf. 

Wir werden dem Schidfal folder Kapitalsfnechtichaft vorerft nicht ausweichen 
fönnen. Alles was wir fönnen, ift, die Bahn für [pätere Neu» 
bildung eigenen Kapitals freigubhalten. Wir werden — falls nicht 
der Yutereffengegenfat der Gegner untereinander mittelbar eine andere Löjung hers 
beiführen follte — nicht verhindern können, daß der Bund unferer Feinde die 
deutfche Regierung zwingt, den gefamten Unternehmungsgewinn aus der deutfchen 
Bollswirtichaft als ,Reparation” über den Rhein und den Kanal abzuführen, fo 
da; wir auf allen notivendigen Sapitalzumwachs verzichten müffen und in etvige 
SKenechtichaft geraten. Dies wird niemals ohne die Arbeitnehmer- 
flaffeverbindert werden finnen. Heute will fie es nicht verhindern 
— und das ift mindefteng verftändlih. Sie befommt Lohn oder Gehalt, einerlei ob 
enrglifdes oder deutfches Kapital in der deutfchen Wirtfchaft regiert. Die Kapitals 
neubildung läßt fie fühl. Sie bewirkt fie zwar — und das weiß fie! — aber fie hat 
feine VBerfügungsgewalt darüber — und das weiß fie aud! Warum follte fie alfo 
das deut{dhe Kapital verteidigen? 

Der Unternehmungsgewinn ift der Teil der Einnahme, der nach Abzug aller 
Unfoften, auch der feften Kapitalverzinfung und des Entgelts der Arbeitnehmer- wie 
der Arbeitgeberjchaft fowie der Riidlagen verbleibt. Heute fließt er al8 Ueberver- 
zinfung der Rapitalseinlage gu und weiter in die Bankunternehmungen, vo» 
bei die Kapitalseinleger fich die Verfiigungsgewalt fidern. (Mur der Betrag geht 
pon dem Kapital ab, der von den Rapitalbefigern für ihre Lebenshaltung aufge- 
braucht wird.) Die Arbeitseinlage aber geht leer aus. Sie erhält feinen Ge- 
winnanteil, den fie nun ihrerfeit8 unter Wahrung ihrer Verfügungsgewalt dem 
Sefantlapital zuführen fonnte. Das aber bedeutet: Kapital fdafft jeder, der 


37 


arbeitet, leitend oder folgend; fapitals madtig aber ift nur die leitungsberechtigte 
Schicht, die andere dagegen nicht. Alfo: warum follen nun eigentlich die deutjchen 
Arbeitnehmer das deutiche Kapital verteidigen? Solange ihnen Lohn und Gehalt 
nicht gefcehmälert werden, ift e8 ihnen gleich, ob Franzofen, Engländer oder Deutjche 
die Kapitalsverfüger in der Wirtfchaft find. Und wer von diefen ihnen den höchiten 
Zohn gewährt, der ift ihnen der liebite „Ausbeuter”. Hoher Lohn, hohes Gehalt, gute 
Arbeitsbedingungen, hohe Sozialverfiherung unter fremdem Kapital find ihnen lieber, 
als niedrige Zöhne und Gehälter, fchledhte Arbeitsbedingungen, niedrige Sozialver- 
fiherung unter deutfhem Kapital. Wer nun Luft hat, möge ihnen daraus moralifche 
Vorwürfe machen. ch tu’8 nicht. Weil’3 nichts niibt. Yoh bin auch Arbeitnehmer 
ohne Kapitalvermögen. Aber ich arbeite lieber mit Eleinen Gehalt beim deutjden 
Arbeitgeber, ald mit hohem Gehalt beim fremden; ich berteidige das Kapital meines 
deutfchen „Ausbeuter8” als deut{dhes Kapital. Und viele Hunderttaufende 
denfen fo mit mir. Aber von der Arbeitnehmerfdaft als folder, als Klafje, ver- 
lange id) das nicht. Sie wird erft dann national handeln, wenn der Fremde ihr 
Lohn und Gehalt fhmälert — e8 fei denn, daß man fie noch jchnell zu Mit- 
trägernder Kapitalsverfügung madte. 

Was ich al8 Unternehmergewinn anjfehe, fagte ih fhon. Man verteile ihn 
anteilamäßig an Arbeitseinlage und-RKRapitalseinlage de Unter- 
nehmens, und gwar auf diefe nach ihrem Nennwert, auf jene nach deren Jahres— 
gebalt oder -Lohn. Und man verpflichte beide, den Gewinnanteil dem Gefamtfapital 
zuzuführen. Die Wahl des VBanfunternehmens fei freigeftellt. Yon beim Lebens- 
unterhalt zu verbrauden, fei verboten. Kapital aus Gewinnanteil foll nur als 
Produktivfredit gebraucht werden dürfen. Zum Lebensunterhalt find Lohn und Ge- 
Halt und hochftens fejte Verzinfung der Kapitalseinlage beftimmt. — Auf diefe Weife 
mürden die Unternehmungsgewinne noch ficherer als bisher der Kapitalneubildung 
zugeführt werden. Damit würde nur Gefeb werden, was heute Langit geübt wird. 

Soweit ließe fic) alles gejeglich beftimmen. — Nun aber würde e3 
Sadhe der Arbeitnebmerfhaft felber fein aud die Ver- 
fügungdgemwalt über den Anteil der Arbeit auı Gefamt- 
fapital zu behalten. Die Gewerffchaften, die heute fchon eigene Banken 
gründen, müßten die Treuhänder fein, fie müßten in ihren Banken, die nur Arbeit-- 
nehmerfapital aus Getvinnanteilen und Erfparniffe aus Lohn und Gehalt an- 
jammeln, über ihren, als der Arbeitnehmerklaffe, Anteil am Gefamtfapital verfügen. 
Sie würden ihren Gewinnanteil immer wieder al3 Kapitalsanteil in die Unter- 
nehmungen zurüdjchiden; er wird ihren Befiganteil am Betrieb darftellen. Arbeits- 
einlage und Rapitalseinlage im Unternehmen werden alsbald nicht mehr zivei 
Klaffen von Menfchen reprafentieren. Yeder Arbeitende wird Kapitalift, und jeder 
Kapitalift auch Arbeitender fein. Wer alt und fhwacdh tft, fol von Sozialrente und 
feiter Verzinfung leben können. 

Eine jolhe Kapitalsneubildung, getragen von einer über beide „Slaffen“ — 
über Leitende und Geleitete — hinweggreifenden Arbeiterfapitaliftenfdaft, der jeder 
angehört und die nicht wie heute eine afte ijt, wird jeder verteidigen. Sie als 
„Reparation” abjchöpfen laffen, hieße: der Arbeit ihre Gleichberechtigung mit dent 
Kapital, dem Arbeitenden feine Freiheit nehmen, hieke: jeden deutfchen Arbeit- 
nehmer feines Eigentums, die Arbeitnehmerflaffe des Werkzeugs ihrer Mitleitungs- 
macht in der Wirtjchaft berauben. Dann wird jeder deutjche Arbeitnehmer ohne 
Rüdficht auf Höhe oder Kleinheit von Gehalt und Lohn die „Reparationen” am 
eigenen Leibe al Schmach empfinden. 

Freilih: Das Kapital ijt das Werkzeug der Wirtfchaftsleitung und muß es 
bleiben. Snnerhalb des Unternehmens muß der Leitende die Verfügungsgewalt über 
Güter- und Geldfapital haben. Darum ijt der Gedanfe der „Werkgenoſſenſchaft“ 
fal{d, überhaupt jegliher Gedanke, die Arbeitnehmer: 
bewegungan die einzelnen jeweiligen Unternehmungen zu 


38 


binden. Die Arbeitnehmer miiffen ihr Kapital in die Gefamtiwirt{daft leiten 

und dur ihre freitvilligen Organifationen verwalten. Das Unters 
nehbnmungstapital muß don den Unternehmern veraltet werden, um die 
Arbeitnehmer betrieblich zu führen, dag Gefamtkapital dagegen muß von 
der Allgemeinheit verwaltet werden, um die Unternehmer, alfo die Leitenden, 
fittlich zu führen. Daserreiht man durd indirefte Kapitals- 
beteiligung der AUrbeitnehbmerfhaft an der Gefamtwirt- 
Ihaft, indem man im Unternehmen Arbeitseinlage und 
Kapitalseinlage gleihberehtigtam Gewinn beteiligt und 
die Gewinnanteile als Kapital in die WVirtfhaft zurüd- 
fließen laßt. Dadurch wird die Arbeitnehmerfchaft vom jeweiligen Unter- 
nehmen und die Unternehmungsleitung von der jeweiligen Arbeitnehmerfchaft un- 
abhängig. Und das Gefamtfapital der Bolftswirtfhaft wird 
zum Miteigentum der AWrbeitnehmerflaffe, das fie gegen 
jeden Feind verteidigen wird, der e8 ihr nehmen will, um 
fie in Zinsknechtſchaft zu zwingen. 

Ein einiges deutſches Volk wird frei — man ſehe auf Irland! 
Sobald die Kapitalherrſchaft der einen Klaſſe über die andere aufhört, wird unſer 
Volk einig ſein — ſonſt aber nie. Gelingt es uns nicht, dieſe Frage zu löſen, dann 
werden wir Kolonie und „Dominium“ werden. Weſſen? Nun, das werden die 
Waffen entſcheiden; nicht für oder gegen Deutſchland, ſondern um Deutſchland 
wird man kämpfen, und der Stärkere wird unſere jungen und alten Männer für 
dieſen Krieg — konſtribieren. S bald in Deutſchland jedermanndas 
Kapital verteidigt, weil es jedermanns Eigentum iſt, wird 
es für den Bund unſerer Feinde nötig werden, Forderungen 
zu finden, die erfüllbar ſind und welche die Neubildung 
eines eigenen deutſchen Gemeinkapitals möglich maden; 
denn von dem Augenblick an wird er ſich einer deutſchen Regierung gegenüberſehen, 
die den Volkswillen vertritt, weil ein einiges Volk hinter ihr ſteht. Bis dahin bleibt 
jede Staatsform, ſei ſie Monarchie oder Republik, jede Regierungsform, ſei ſie 
Autokratie oder Demokratie, Ohnmacht und Schein. 

Dann aber hätten wir dennoch geſiegt. Denn wir werden geſiegt haben, ſobald 
wir wieder frei werden. Deutſchland zur Kolonie zu machen, war ja das Ziel 
derer, die uns angriffen. 

Schafft foziale Gerechtigkeit — nur dann wird unfer Volk frei fein wollen. 
Und diefer Wille ift zuerft nötig. Paul Bröcker. 


Das Judentum in der Literatur. 


W enn man ſich mit der deutſchen Literatur der Gegenwart unvoreingenommen 
beſchäftigt, dann ſtößt man früher oder ſpäter auf die Tatſache, daß das 
Judentum eine außerordentlich große Rolle in ihr ſpielt. Während die Juden etwa 
anderthalb vom Hundert der Bevölkerung in Deutſchland bilden, witrde man fides 
zu niedrig greifen, wenn man annimmt, daß ſie mit einer zehnfach höheren Ver— 
höltniszahl in der modernen Literatur vertreten ſind. Sie betonen es gelegentlich 
ſelbſt, Moritz Goldſtein hat es offen gerühmt, daß die Juden es ſind, die „den 
geiſtigen Beſitz des deutſchen Volkes verwalten.“ — « 
E3 fragt fich, wie diefe Tatfache gu beurteilen ijt. Sie fiir ganz belanglos 
erflaren, geht nicht an. ES gibt freilich viele Duden und viele Deutfde, die da 
nicinen, e8 fet einerlei, ob einer Jude oder deutſchgeboren iſt, wenn der Jude nur 
das Beftreben habe, fid) ganz in das Deutfche hineingubegeben, fich gleidfam 
einzudeutfchen. Dak dies wenigjtens nötig ift, wird auch von denen zugegeben, die 
eine tiefgreifende Bedeutung der Yudenfrage leugnen, und damit geftehen. fie un: 


= 


willtürli ein, dak ein Wefensunterjcdhied gwijden einem Guden und einem Deutjch- 
geborenen bejteht, mag nun diefer Gegenjat nach ihrer Meinung entiweder durch den 
guten Willen des Yuden oder durd) den Brwang allgemeinerer Verbaltnijje über- 
rounden werden. t 

Aber das Beitreben, die Gegenjäge zu verwijchen, ſcheitert ſchon daran, daß es 
jehr viele Fuden gibt, die das nicht wollen, die jtolz find auf ihre bejondere Wejens- 
art und die eS weit von fich abweifen, jie zu verleugnen, dabei aber doch den Anz 
jprudh erheben, als Mitinhaber des deutfchen Sulturlebens zu gelten und deutfde 
Sdhriftiteller, deutjche Dichter zu fein. Eine flare Anjchauung diefes Gegenfabes 
muß ferner jeder haben, der bewußt das deutjche VolfStum fördern will. Das 
deutfche VolfSstum ijt eine einheitliche geiftige Größe, an der teilzuhaben es einer 
bejtimmten geijtigen Veranlagung bedarf, die man ich nicht willfürlich jchenten 
fann, fondern die einem mitgegeben fein muß und die in erjter Reihe an die 
ZBugchorigfeit gum deutjchen Volke gebunden it. Bon diefer Geijtesanlage unter- 
iheiden fich jüdifches Wefen und jüdifcher Geijt ganz deutlich, und e3 wäre nichts 
al3 eine Berfennung des tatfjahli Gegebenen, wenn man das leugnen 
wollte. 

Der Gegenfaß ift in Wirklichkeit fo grok, dak die Verjuche, ibn gu bededen, 

in der Negel feheitern. Das zeigt fi) gerade auf dem Gebiete der Literatur. Da 
alle Runjt, und fo auch die Dicdtfunft, die feinjten und gebeimiten Seelenjhmwin- 
gungen fichtbar macht und das Verborgenfte im Seelenleben zur Anjchauung bringt, 
fo muß fie auch diefen Gegenjag offenbar machen. Sn den meijten Fallen fann 
man e3 an jenen leijen, unaufdringlichen Zeichen, durch welche die Runft Seelen- 
neheimniffe enthüllt, merken, ob ein Dichtwerf, das harmlos in deutjchem Gewande 
auftritt, aus jüdildem Geifte entitanden ijt. Zumal wenn man fich etwas übt und 
den Blid für die Unterfchiede zu fchärfen fucht, fann man allmählich eine gemilfe 
Fertigkeit im Beltimmen diejer Pflanzen gewinnen, wie fie in unjerm Literatur- 
garten mwachfen. 
Da e8 ich in der Regel um die feiniten Merkmale handelt, die hier entjcheiden, 
fo ift ein Frrtum natürlich oft genug möglih. Nicht denen gegenüber, die bewußt 
ihre jüdiiche Art betonen, indem fie etwa alles Giidijde, auf das fie gu fprechen 
fommen, berausftreichen, jeden Yuden, vou dem fie reden, ins vorteilhaftejte Licht 
rüden. Wenn man dergleichen in einem Roman oder einer Erzählung findet — e8 
geichieht Häufig genug — dann braucht man, wenn auch die fonftigen Zeichen zu- 
treffen, nicht mehr zweifelhaft zu fein. Aber meiftens fehlen diefe deutlichen Finger- 
zeine, und man äft lediglich auf die mittelbaren Anzeichen angewiejen. Dazu 
fommmt noc, dak die jüdische Art in unjerm Schrifttum auf manche Deutfche, die 
in fich nicht feft find und feine deutjche Form gewonnen haben, einen bejonderen 
Reiz auszuüben fcheint, jodaß man mitunter in die Lage kommt, ein Werk als 
jüdifeh anzusprechen, bei defjen Verfaffer fich eine judiiche Abjtammung nicht nach» 
weijen läßt. 

Dagegen verleugnet fich das eigentlich Füdifche in den feltenften Fällen ganz. 
Gewiß, die Fähigkeit der Juden, fich einzufühlen, it außerordentlich groß, und fo 
läßt man fih manches Mal täufchen, big man meijtens chließlich doch wieder das 
Merkmal jüdiichen Geijtes findet. 

Wenn wir e8 unternehmen, einige der Zeichen anzugeben, an denen man bas 
jüdifhe Gut in unferer Literatur erfennen kann, fo müffen wir und gegenwärtig 
Halten, bak wir bier nur immer Einzelheiten voriweifen können, daß den Ausjchlag 
in der Beurteilung im einzelnen Fall dagegen jehr oft der Gefamteindrud gibt. E8 
gilt hier daSsfelbe, twas bei der äfthetifchen Beurteilung überhaupt wichtig ijt: all das 
Unmerfbare und Unfaßbare, das als Wirkung von einer Kunfterfcheinung ausgeht, 
ift im einzelnen nicht nachzumeijen, e8 muß erfühlt und durch die Anfchauung er- 
griffen werden. 

Unter Berücfichtigung diefer Tatfache Darf man wohl ſagen, daß das Vorwiegen 


40 


de8 Willens und des Beritandesmäßigen ein Kennzeichen der jüdifchen 
Seiftesartung ijt.’ Fr det Kunft foll beides immer nur eine zweite, dienende Rolle 
jpielen. Wo e3 gur Hauptiade wird, da feblt dem Kunftiverk gerade das Beite und 
da3 eigentlich Wunderbare. 

Wille und Verftand find im jüdischen Wefen ohne Ziveifel vorherrfchend. Sie 
verſchaffen den Juden den großen Erfolg auf jo manchen Lebensgebieten. Was 
liegt näher, alö daß er glaubt, auch auf dem Gebiete der Kunft mit diefen Mitteln 
Großes zu erringen, und was ift natürlicher, al8 daß diefe feine Wefenseigenfchaften 
jich aud) auf diefem Gebiete ganz von felbjt in den Vordergrund fdjieben. 

u der Literatur der legten Jahrzehnte macht ficd überhaupt ein Vortwalten 
des Willensd- und Berjtandesmäßigen bemerkbar. E83 wäre verkehrt, das allein dem 
jüdischen Einfluß zuzujchreiben. E3 liegt zum Teil daran, dak das Richtungswefen 
in Kunft und Literatur, wovon wir früher einmal ausführlicher gejprodhen haben, 
zu Uebertreibungen auffordert, und daran, daß die Literatur auch wirtfchaftlid 
Hauptberuf vieler Dichter geivorden ift. Beides wirkt nach der angedeuteten Rich- 
tung. Aber e3 unterliegt feinem Zmeifel, daß das Yudentum beide Dinge, die 
_dorauf hinauslaufen, die Literatur von dem Bolfsleben gu Iöfen, mächtig fördert, 
denn fie liegen feinem Wefen. Die große Fähigkeit, etwas Neues zu erfaflen, und 
die Luft zum Neuen fpornt die Juden an, in jeder neuen Richtung möglichft die 
Führung zu übernehnten, was fie in der Regel dann zum Steigern und Uebertreiben 
verleitet. Da fie ferner geneigt find, jede Sache, der fie id widmen, als Selbit- 
ziwedt zu betreiben — e8 ijt das etivas anderes, als eine Gace um ihrer felbit 
willen tun — find fie gerne bereit, die Literatur zu einem Gewerbe zu machen 
‚ und fie fo aus dem organifchen Bufammenhang des Lebens herauszunehmen. 

Durch den zähen Willen und den gefdmeidigen Verftand vermag der Jude 
vieles; die höchften Leiftungen der Gewandtheit und Gefchidlichkeit find ihm möglich. 
Machen die Werke unferer Literatur häufig den Eindrud größter Virtuofitat, hier 
liegt oft die Urfade davon. Aber e8 gibt doch manche Dinge, die laffen fi durd 
Verftand und Willen nicht aneignen, die miiffen aus ferneren Seelentiefen erblühen, 
wenn fie Leben und Beitand haben follen. 

Theodor von Bernhardi berichtet uns in feinen Lebenserinnerungen von einem 
Gefpracd) mit Paul de Lagarde aus der Zeit, als diefer nocd) Gymnafiallehrer in 
Berlin war. Lagarde erzählte von der außerordentlichen Begabung, die oft gerade 
die jüdifchen Schüler auszeichnete. Aber diefe Begabung habe doch ihre Grenzen, 
denn den Homer zum Beifpiel verftänden fie fehon nicht. 

Um das Eigentümliche Homers zu erfaffen, genügt der Verftand alleine nicht, 
hier find vielmehr andere Seelenträfte nötig. Und fo glaube ih auch, daß der 
Durhfchnittsjude Goethe nicht verfteht, troß der vielen Bücher über ihn, die von 
Suden gefchrieben find, und troß der zahlreichen Goethe-Biographien, die ung gerade 
<Suden befchert Haben. ch glaube, dag fie einen Worife, einen Storm, einen 
Dichter wie Timm Kröger nicht bis in fein Yunerftes erfaffen können, überhaupt 
all da3 nicht, was durch und durch deutfch beftimmt ift. 

So fehlt denn aud an ihren Werken da8 Befondere, das wir als die feinfte 
und zartejte Blüte der Poefie empfinden, das aus tieffter Anfchauung Geborene, 
das von Seelenduft Gefättigte, jene reiffte Form, in der Geiftiges und Ginnlides 
zu einer wunderbaren Einheit verfchmolzen find. Ghnen ift da8 Banuberwort ver- 
fagt, durch das in allen Weiten unferer Seele ein Klingen anhebt, das wir als einen 
Nachhall des fagenhaften Gefanges der Sphären bezeichnen möchten. Manchem 
mögen die Begriffsbeitimmungen etwas eigentümlich und fonderbar anmuten, aber 
man muß immer zu Bildern greifen, wenn man die legten Wirkungen der Hunft 
bejchreiben oder vielmehr andeuten will. Wenn das nicht ware, dann brauchten 
wir die Kunst nicht, und die Menfchen, die etivad Ungefagtes ausdrüden wollen, 
fonnten fich damit begnügen, ftatt eines Gedichtes ein Feuilleton zu fchreiben. 

So hat man zum Beifpiel mit Recht darauf aufmerkfam gemacht, daß in vielen 


41 


oder den meilten der Heinefchen Gedichte nicht die gefühlsgejättigte Anfhauung die 
Wirkung jchafft, fondern foldhe Vorjtellungen und Worte, die einen befonderen 
Gefiihlsmert haben, wie etwa Rojen, Lilien und dergleihen. Daraus folgt not- 
wendig, daß in dem Maße, wie dieje Gefühlswerte einzelner Worte fic) im Laufe 
der Zeiten abjchleifen und allmählich verlieren, auch die Wirkung der Gedichte auf- 
hört, die fich darauf gründen. Daher ijt e3 gum Teil zu erklären, daß die meijten 
der Heinefchen Gedichte heute nicht mehr recht wirken. | 

Ein anderes Beijpiel fet der Roman von elig Hollaender: „Der Weg des 
Thomas Truc”, ein bedeutendes Buch mit einem groken Gegenftand und aus 

ehrlicher Meberzeugung gejchrieben. €8 behandelt den Werdegang eines ideal jez 
finnten Menjchen durch die garenden Zeiten am Ende des vorigen Jahrhunderts. 
Mit der Kindheit des Helden hebt e8 an, und in ihrer Geftaltung finden fich chne 
Zieifel poetifche Stimmungen. Aber fie fchlagen nicht durch und werden nicht 
zwingend. Sie werden e8 vor allem desivegen nicht, weil fie fich gleichham im 
Unfinnlichen verlieren, weil die Anfchauung fehlt, aus der fic) eine Gefamtftint- 
iniung ergibt. Weberhaupt fehlt in dem ganzen Werke das Lekte, um die Geftalten 
und die Borgänge aus dem Stande der Schilderung in den des dichterifch Gefchauten 
zu erheben. Das mag zum Teil in einem perfönlichen Mangel des Dichters, an 
den Schranken feiner dichterijchen Begabung, liegen, gum Teil hat es aber feinen 
Grund darin, daß es dem einem fremden BVolfstum Entjproffenen unmöglich ift, _ 


deutjches Leben für Deutide Lefer bis zum Lebten dichterifch zu erfalfen. Anders 


iit €8, wenn ¢in ude fich darauf befchränft, jüdijches Leben zur Darjtellung zu 
bringen. Dann kann etwas durchaus Ubgefdloffenes und Abgerundetes zu Tage 
fommen, tie ettvoa bei Leopold Kompert in deffen Ghettogefchicdten. 

Seitdent aber die Yuden äußerlich in das deutfche Leben eingegangen find, 
ohne innerlich in ihm aufzugeben, da ihr eigenes BVolfstum fie daran hindert, ob 
fic wollen oder nicht, haben wir diefe Biwitterbliiten in unferer Literatur. Tragen 
fie auch die prächtigiten Farben und den betäubendften Duft, fo fehlt ihnen doch 
diefes: fie find bier nicht heimifch, fie find im beiten Falle unfruchtbar, wenn fie nicht 
gar ein Gift für unfer Bollstum enthalten. 

Sie find hier. nicht heimifch, da nicht auf dem Boden unferes Volfstums ge- 
wachen; e8 fehlt ihnen, wie wir fahen, das eigentümliche Gepräge, da3 die ur- 
fprüngliche Flora einer Gegend unter fich verwandt macht. Sie find unfruchtbar, 
da fie nichts zur Vertiefung und inneren Entiwidlung des Volkstums beitragen. 
Das trifft felbjt für die edelfte Form de3 Yudentung zu. Es gibt einen Typus 
des edlen Suden, er zeichnet ſich aus durch großes Wohlwollen, durch Gefühl für das 
Menſchliche, durch ein Leben im Ideal der Humanität. Aber ſelbſt dieſe Abart, 
auch wo ſie Dichter hervorbringt, wie etwa bei J. J. David, vermag uns nicht viel 
zu geben. Es fehlt ihr die innerliche Form, welche wir Deutſchen gebrauchen, 


die wir gar zu leicht ins Allgemein-Menſchliche zergehen und uns ſelbſt dabei ver 


lieren. — Dann gibt e8 aber noch eine Art des Fudentums, die wie Gift auf uns 
wirkt, und fie gerade tft e8, die befonders zahlreich in unferer Literatur vorhanden ift. 

Zum unmittelbaren Ausdrud eines Vollstums gehören die fittlihen und reli- 
giöjen Begriffe, Vorjtellungen, Bilder und Symbole. Sie find Formen, zu denen 
ih das Wefen eines Volfstums nach diefer einen Seite hin geftaltet. ECs gibt aber 
Zeiten, in denen infolge neuer Crfenntniffe oder fonftiger Ummälzungen diefe 
Formen in ein gewiffes Schwanfen geraten. Wer will leugnen, daß mir foldhe 
Uebergangszeiten durchgemacht haben und noch in ihnen befangen find? Golde 
Beiten find an und für fich gefährlich für den fittlichen und religiöfen Befig eines 
Boltes, da diejer fich dauernd nur in mehr oder weniger feiten Formen bewahren 
läßt. Diefen allgemeinen Zufammenhang wollen wir gerne für fich anerkennen 
und beitehen lafien. Aber was hat in diefen Zeiten des Schwantens das Fuden- 
tum zur Auflöfung aller feften Formen auf fittlihem und religiöfen Gebiet bei= 
getragen! Yndent e8 als ein fremdes Vollstum unjer Volfstum durchjegt, indem 


42 


eS beSwegen feine reiden Verjtandesfrafie nicht zur wachstiimlichen Entwidlung 
unjerer fittlihen Anlagen veriwenden founte, fondern nur dabin gu wirken vermochte, 
alle auflöjenden Kräfte zu verftärfen und zu befchleunigen, ift e8 zu einem guten Teil 
mitjchuldig geworden an dem ungeheuren Tritmmerhaufen, gu dem unfere zer- 
brochenen fittlichen Formen angewwachien find. Wie hat diefer verhangnisvolle Ein- 
flug fich gerade auch auf dem Felde der fchönen Literatur geltend gemacht! Hier 
fanden die auflojenden Strebungen Ausdrud, hier wurden fie, ganz unabfichtlich, 
aus der Beranlagung des jüdischen Wefens heraus, verteidigt und berherrlicht, hier 
wurden in Erzählung und Drama Helden der Auflöfung gefchaffen, und in der 
Lyrik fprad) fich die Seele des fremden Volfstums unmittelbar aus. €8 ift wohl 
nicht nötig hier einzelne Namen zu nennen. 

Iſt jomit das Judentum in der Literatur im weiten Maße eine Gefahr für 
unjer Volfstum, fo erhöht fich diefe noch dadurd), dak die Juden in ftillfehweigender 
Gemeinschaft einen „Klüngel” oder wie man e3 nennen will, bilden, der alles, iva8 
jüdifch ift, halt, jtügt, emporlobt. Da die Yuden in der Preffe unverhältnismäßig 
ftarf vertreten find, da fehr viele Zeitungen fich in jüdifchen Händen befinden, 
bilden fie entjcheidend mit an der öffentlichen Meinung, die auch in der Literatur 
eine gewaltige Macht if. Da die mahgebenden Bühnen gleichfalls meistens in 
jüdifher Hand find, haben fie auch bier zu einem guten Teile die Entfcheidung 
darüber, wejlen Werfe aufgeführt werden follen. Unter diejen Umftanden ftehen 
ihnen die Mittel zur Verfügung, ihre Stammesgenofien fritif und tätig-fördernd 
zu bevorzugen, dagegen alles, was ihnen nicht paßt, abzulehnen oder totzufchweigen. 
Sc werden Namen jüdifcher Schriftjteller und Dichter dem Volke in die Köpfe 
gerammt. Wie mancher harmlofe Zeitgenofje nennt vielleicht einen folchen Namen 
mit Achtung, ohne den Träger aus feinen Schriften zu kennen, nur weil er ihm 
in den Zeitungen immer wieder mit Lob und Verehrung vorgehalten ijt. Das 
geht- jo weit, daß man allen Anlaß hat, mißtrauifch zu werden, wenn plößlich ein 
Name mit merkfwiürdiger Uebereinftimmung in die Höhe gehoben wird. Vielleicht, 
jo muß man denken, ift hier der jüdifche Klüngel am Werke und fammelt fich 
wicder einmal um einen der Seinigen, fei e8 aus ganz fachlichen Bemweggründen, 
weil der neue Mann aus dem Geifte des Fudentums fchafft, fet e3 aber auch ganz 
betwuft deSiwegen, weil er ein Glied des groken Bruderbundes ift. 

Bei diefer Sachlage kann jeder, der ein Werk der Literatur prüft, nicht an 
der Frage vorbei, ob e8 ein Ausdrud jüdiichen Geiftes if. Man würde in einem 
fünftlichen Dunkel tappen und fich große Erfenntnismöglichkeiten verfchließen, mollte 
man bor diefer Frage die Augen zumakhen. E38 muß aber unfer Beltreben fein, 
wie in allen Dingen, fo auch bier möglichft flar gu fehen, und um der gefunden 
Entwidlung unferes Volfstums willen ein Schädliches abzulehnen, das aus fremdem 
Geijte geboren ift, oder ein Gutes feiner Herkunft nach zu bezeichnen und e8 fo mit 
flarer Einficht in die Dinge zu benugen. Das ift ein wichtiges Stüd der literarifchen 
Selbithilfe. Ehriftian Boed. 


Seimatliche Speneiyemie: 


ie Hoffnung, daß wir im ehe Berriffenen uns in der Arbeit an unfern 

Kindern zufammenfinden würden, fcheint eitel, wenn wir aufmerffam den 
Kampf um das Reichsfchulgefeg, um Religions- und Gefchichtsunterricht verfolgen. 
Unfere Jugend ift nicht mehr Heilighand, fie ift Beute geworden, Probe aufs 
Exempel der Macht: Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft. 

Und die oberften Priefter an diefem Heiligtum, die Lehrer in ihrer Maffe, find 
jelbjt mit in die Strudel der Zeititrömungen hineingeriffen. Die Politik, die das 
Leben unferes Volfes zerjest, nagt auch an der Schule und ihrer Wilfenfchaft. E38 
hat mandhesmal den Anfchein, als fei auch hier die Parteibrille unlösbar mit Auge 


43 


Ru 


und Hirn verwachjen, als gebe e8 feine reine Wiflenfchaft mehr, fein unboreinge- 
nommenes Erkennen und Erleben. 

©o flüchtet der Blid des ewig wahrhaft fuchenden Lehrers hin zu den weniger 
Priejtern ant Kinde, die mutig in der Mode der Zeit ihre rein pädagogifche Ein- 
jtellung bewahrten und im politifchen Larnı des Tages ftillfrohe Einfiedler wurden 
— Einfiedler in ihrer pädagogifhen Verantwortung und im Zufammenleben mit 
ihrer Klaffe. Sie find unfere Hoffnung. Und e8 geht wie ein Aufatmen durch unfere 
Reihen, wenn wir fie fprechen hören. — 

Sn der legten Neuerfcheinung bei Weftermann haben wir foldh ein Buch eines 
Stillen im Lande vor und: Guftap Schmidt, Eine hbeimatlide 
Sprachſchule. 

2 


Drganifation, beftimmt von Mächten, die dem Schulleben völlig fremd 
find, ftatt innere Gewadfenbheit aus padagogijdem Nährboden! Das ift gar 
baufig das Bild moderner Opportunitatspadagogif. Organifation über Organifa- 
tion, unter der alles pabdagogifde Leben erftidt. Da aber unfere Zeit traditionsfeind- 
lich ift, wird anftelle alter Gyfteme die Syftemlofigteit organifiert. „Freiheit! Frei- 
heit!” fchreit e8 ung aus taufend Büchern der Gegenwart über Unterricht und Er- 
jiehung entgegen — in der Einleitung, und am Schluß ift die Freiheit bis ins 
eingelfte hinein organifiert — „geivährleiftet” — das heißt: gefettet und gefnechtet. 
Und der arme Lehrer fommt von der Schlla in die Charybdis. 

Das Buch von Schmidt ift fteiniger Boden für alle Organifationsbeftrebungen 
und Dabei doch ein üppiges Nährland für inneres padagogiihes Wachstum. Bon 
dem Wichtigiten Gebiet des Unterrichts Handelt e8, von der Sprache. E3 reißt das 
lateinifch-grammatifche Syitem, das unfere Schulfprache würgt wie da8 Neb der 
Spinne ein lebensfrohes Ynfett, herunter von dem zappelnden Körper, zeigt un8 das 
frifche Leben in der Sprache und den Flug vom Kind zur Kultur in der Freiheit 
der Arbeit. 

Bon der Sprache handelt dies Buch, von der deutfchen Sprache in der deutfchen 
Sule. Vom Sprechdeutidh und nicht vom Schriftdeutfh. „Zagtäglicd wird ein 
feines Ohr durch die fchlechte Ausfprache des Hochdeutfchen beleidigt. Gleichgültigkeit 
berrfcht gegenüber der Aussprache. Welch eine Sorgfalt verwendet man hingegen 
auf richtiges Schreiben! Man maft fich fogar an, aus der Rechtfchreibung einen 
Schluß auf den ganzen Menfchen ziehen zu fonnen, bedenkt aber nicht, wieviel mehr 
fic) in der Ausfprache, der Redetveife und im Tonfall Anlagen und Stimmung 
offenbaren. Hier hat der leidige Tintenteufel einmal wieder die Deutjchen genarrt, 
daß fie eine richtige Schreibung höher fchägen als eine fließende, treffende und {done 
Rede — das dauernde Bild galt für wichtiger als das flüchtige Leben.” (§ 191.) 

„Das flüchtige Leben”. — Hier liegt der Kernpuntt de3 Sdmidtiden Buches, 
und damit folgt der Verfaffer den Bahnen feiner Vorkampfer Jenſen, Lamczus, 
Gansberg, Scharrelmann, Linke u. a. Aber während jene zumeift den Hebel ihrer 
Kritit an da8 Papierdeutfch des fehulmäßigen Auffates festen und fchlieklich ihre 
Forderungen in diefer einen gipfeln ließen: „Die Kinder müffen fo fehreiben, wie fie 
iprechen!” — padt Schmidt das Sprachübel tiefer: Fit das Sprechdeutfch die Grund- 
bedingung für das Schriftdeutich, fo muß alle regelnde Sprachbeeinfluffung feitens 
des Lehrers fußen auf einer umfaffenden Erkenntnis, Pflege und Fortbildung der 
gefprodmenen Sprade. 

Sit es nicht gleich, wird man fagen, iv o der Lehrer feine Kraft einfegt, bei der 
gefprochenen oder der gefchriebenen Sprache? 3 ift gleich, wenn in beiden da3 
grammatifche Syftem herrjcht, daß die Kinder, die draußen leichtfühig ihre Spielmelt 
durchfliegen, in der Schule plöglic auf Stödelfchuhen einhertrippeln. Dann ift 
Sprehen Zufammenfegen toter Formen, mehr oder minder unbeholfenes Yonge 
lieren mit Ieblojen Baufteinen eines leblofen Syftem3 — und nidt Ausdrud 
eines eigenen jpringenden, drangenden, fpradhichaffenden Lebens; denn Grammatik 


44 


und Sprade find Gegenfage wie: Syftem und Leben. Wenn wir aber die Pforten 
der Schule weit öffnen, daß das gefprochene Kinderwort von Straße und Haus, ohne 
ſich ſchämen zu müffen, eintreten kann, dann bringt es Sfnhalt mit, dann fchlüpfen 
die Sachen, die Hinter den Worten jtehen, mit herein und unfer Schulzimmer ift 
ploglic) voll von Leben — Leben aus PBuppenjtube und Kramerladen, von fonnigen 
Schlagballfeldern und geheimnisdunflen Torwegen, von Sampffpielen der Knaben 
und Tanzfpielen der Mädchen, Leben, in dent die Seele des Sindes pulft. 

Bon diefer „barbariichen Sprade außerhalb der Klaffenwande” reden zwei— 
hundert Seiten des Schmidtjchen Buches, das heißt, fie redet felber in taufend Bei- 
{piefen aus den wirflichen Lebensgebieten des Kindes. Und wir fühlen e8: Yn ihr 
allein it für das Rind Sprache Ausdrud. Gn ihr ijt Leben, Befeelung, Zivang, 
Notwendigkeit von innen ber, Da ift fein Ort für die Phrafe. Da ift Sprache und 
Gace, Name und Ding, Wort und Anhalt eins. Yn ihr allein padt man das 
»{lichtige Leben”. — So bildet jih ein Sprachgefühl von innen her. Gprade aus 
dem Leben, in der Sprache Leben! 

Am Anfang war das Wort — daz lebenerfüllte, lebenfpendende Wort. 


3. 

Wohl niemals ijt foviel uber padagogifde Probleme geredet worden wie in 
diefen fahren. Troß der hohen Papierpreife ift der Biichermarft überfchivemmt von 
Fluafchriften, Heften, Büchern über alle Fragen de3 Unterrichi3 und der Erziehung 
von Laien, Lehrern und Gelehrten. Meift find es Progranıme und Tagestendenzen 
— wenn nicht geihäftstüchtige Manifeftationen einer padagogifdhen Hochfonjunttur 
— deren Vebensfrijt furz bemefjen fein wird. 

Viel Altes wird dabei harmlos als neuefte Zeitforderung vorgetragen. So ift 
auch der Kampf gegen das grammatifche Syiten in der Sprachlehre nicht neu. 
„Seit einem Kahrhundert zeigen die Sprachforfcher, dab das fremde Gervand (des 
grammatifchen Syftems) doch nicht wie angegoffen fitt, und fie verjuchen, der deut- 
iden Sprache ein neues Kleid anzumeffen.” (©. 16f.) Aber fie mefjen nur und 
itellen in furzatmigen Brofchüren mit vielen Worten Forderungen auf. Und jo 
fommt e3, dak man Sprache und Sprachunterricht nahezu tottheoretifiert und der 
arme Lehrer, der auf die Stimmen von draußen hört, nicht mehr aus, noch ein weiß. 

Arbeitsfchule ift Trumpf; aber in der Arbeitsjchule ftehen Spiel und 
Theorie an erfter Stelle. 

„Die heimatliche Sprachlehre” it ein Buch, das Arbeit atmet — und Arbeit 
fordert. „Sm Gegenfag zur Mehrzahl der heutigen Spracdhichulen lege ich meine 
Hauptarbeit auf den Grund, auf dem wir aufbauen vollen, und auf die Arbeit; von 
den Zielen wird weniger die Rede fein.” (©. 9.) 

Das Buch atmet Arbeit, indem e8 ftatt [höner Gedanken über fprachunter- 
tichtliche Luftichlöfferbauten ein mit Bienenfleiß zufammengetragenes und gejichtetes 
Material bringt, in dem jeder Baufteine fiir ein eigenes Dach im Spvachunierricht 
findet. Das Theoretifche nimmt auch nur den zehnten Teil des ganzen Buches rin 
und ift zudem auch noch meist troden fachlich gehalten. les andere tft Material 
in fchier erichhöpfender Fülle, dem Leben der Sprache abgelaufcht und abgerungen. 

Das Sud fordert Arbeit. Zunähft vom Schüler. „An und met den 
Dingen, unter Aıtteil des ganzen Menfchen, wird das Wort und die richtige Fornt 
erworben” (S. 36). Der tätige Anteil des Kindes in der Spracherwerbung bleibt 
gemahrt; es fammtelt jelbit (mit dem Lehrer zufanmen), vergleicht, beobachtet, deutet, 
erobert fic) feine Sprache, erhebt fie, die es lange fennt, weil es fie jpricht, ins 
Bewußtſein und mißt fie am Hochdeutfchen, lernt feine Sammlungen jchäten und 
feiner Kraft vertrauen. €8 wird innerlich erfüllt und bewegt von diejer frafte- 
bildenden Arbeit, weil überall die Sachen hindurchleuchten; das Biel ft ja nicht 
mehr Regel, Tabelle, Ueberficht, Abftraktion, fondern Bewuptmachung des Lebens 
in der Sprache, Eroberung ihrer nur geahnten Lebensgebiete, Schärfung des Sprad)- 


45 


gefubls fur Dedung von Ynhalt und Form. Und nod eins: „Auch hier wird 
Hebung gefordert. Wir werden bedeutend weniger itben al8 die alten Gramma- 
tifen, aber nmfo eifriger und nachhaltiger... Was an der Mundart feinen Riid- 
halt findet, muß durch Uebung zum Hochdeutfchen umgebogen werden. Die Er- 
fabrung hat gezeigt, daß hier nur die aufflärende Hebung hilft.” (S. 29). 

„Wir wollen den Schüler rege machen, daß er fich arbeitend die Hochdeutjche 
Sprache erwerbe.” (©. 37). „So werden unfere Schüler zwar fein lüdenlojes 
Syitem über die Sprache befigen, aber fie werden beffer fprechen können.” (S. 29). 

Aber auch) vom Lehrer wird Arbeit gefordert. Denn die „heimatlide Sprad- 
jchule ift trop ihrer praftifchen WUWnlage ein ,Lehrerbuch, fein Sehiilerheft.” Nicht 
alg ob fie einen neuen Lehrplan aufftellen wollte! Vielmehr wird gerade die 
Arbeit vom Lehrer gefordert, dak er fich fein eigenes Haus baue, in dem er zu 
einent fpradliden Zujammenleben mit feinen Schülern gelangt. Die Baufteine 
Dazu find ihm geliefert in einer umfangreihen Sammlung, Baujfteine, die er fi 
aber ebenfall3 wieder erarbeiten muß an Hand des Spracdhichaßes feiner Schüler, 
indem er miterlebend den feinen Kanälen und verfchwiegenen Quellen ihrer Sprad)- 
erwerbungen nachjpürt. 

Nicht zu feinem Schaden. Er wird fi) damit das Wefen feiner Kinder, bier 
das Wefen der hamburgifden Schuljugend, erarbeiten — und ihre Herzen erobern. 


4. | 


Wie fieht nun diefe Kinderjprade aus? Handelt e8 fich lediglich) darum, Alters- 
mundarten der Kinder Herauszuftellen, wie e3 3. B. Berthold Otto verfucht hat? 

Das Haus- und Kinderdeutfch hat ganz andere Wurzeln und Wachstumsbedin- 
gungen. Wohl verändern die Schüler den Heinen Sprahhicha auch nach der fee- 
lifchen Eigenart ihrer Altersjtufe und ihrer individuellen Erlebnis- und Gejtaltungs- 
fraft. Aber all das fällt bei weiten nicht fo ins Gewicht wie die Beeinflufjung 
des Hochdeutichen vom Niederdeutfchen, der völkifchen Kulturfprache von der Mund- 
art. 
Die Mundart ift die jpradhliche Heimat des Kindes. Yn ihr deden fih Form 
und Anhalt am reinften. Eine Heimatlidhe Sprachfchule heißt daher das 
Schmidtfhe Bud; die Heimat ift fein zweiter Kriftallifationspuntt. Ym Vorder- 
grund von Unterfuhung und Anwendung fteht die Mundart und das durch fie 
veränderte, „verderbte” Hausdeutfch. Es bringt neben der Fülle padender Beilpiele 
aus dem Spracherleben Hamburgifcher Voltsfchulfinder zum erjten Male ein Wörter: 
verzeichnis zur hamburgifden Schülerjprache, alles von folder Treue und Wahr- 
haftigteit, Dak dem längst erivachfenen Hamburger ungen beim Durdlefen nod 
das Herz aufgeht und ihm bei jedem einzelnen Worte plöplich ganze Bilder aus 
feiner Kindheit vor der Seele jtehen. 

Die Heimat — für ung Lehrer „fängt nıın endlich die Zeit des langverfündeten 
Evangeliums von der Heimat al Grundlage aller Erziehung an. Wenn wir fo 
die Heimat als das piychologish Nahe aufgefaßt haben, haben wir damit einen’ 
findertümlichen, anfchaulichen Stoff gewonnen. Wir haben zwar nicht die abge- 
flarte, rein wiffenfchaftliche Seite der Sprachlehre uns erworben, aber dafür haben 
wir Zeben über Leben.” (S. 34 ff.) 

Anſchauung iſt ſchon ſeit Peftalozzi ausgefprodhen die Grundlage aller Er- 
fenntnis. Nun ift ja allerdings die unmittelbare örtlicde Ummelt des Kindes in 
allen ihren einzelnen Teilen nicht immer auch feine feelifche Ummelt, die raum- 
liche Nahe nicht immer diefelbe wie die pfochologifche. Sn der Sprache aber gilt diefe 
Unterfcheidung nicht; hier ift bedingungslos da raumlih Nahe, in der heimat- 
fihen Mundart auch das feelifch Nahe, weil Inhalt und Form vollig überein- 
ftimmen, weil nur die Notwendigkeit der Dinge und des Lebens aus ihr fpricht 
und nicht irgendein Yiwang von außen, wie der der Schule. Im ſprachlichen Leben 


46 


fann alle Anjchauung nur auf heimatlihem Boden erwachien; völlige UWeberein- 
ftimmung gwifden Leben und Ausdrud findet fih nur im Wortfhag und Sabbau 
der Mundart. So ijt das mundartliche Haus- und Kinderdeutfh Ausgangspunkt 
jedes Sprachunterricht3. 

Wir erwarten aber noch etivas ganz anderes von der Pflege des Heimatlichen 
und Mundartliden. Die Zeiten Iofalpatriotiihen Pfahlbürgertums find voritber 
— ir wünjchen es wenigftens. Weber die Heimat hinaus, durch die Heimat bins 
durch wollen wir Volk und Vaterland fehen. Und fo felbitverftändlich uns allmäh- 
lich ald Ausgang 3punft allen Unterrichts die Heimat geworden ift, ebenfo 
flar muß fein, daß wir bei ihr nicht verweilen dürfen, daß fie al8 Ziel ung 
nicht genügen fanı. So fommt die Mundart in der Schule nicht fo fehr um ihrer 
jelbjt willen zu Worte, fondern weil in ihr Sprache und Leben einander völlig 
deden und in Ddiefer Uebereinftimmung einen feften Grund abgeben für einen 
Ipradhlichen Aufbau, für die Erwerbung und Aneignung der lebendigen hochdeutfchen 
Kulturfprahe. So ijt das Ziel diefes Unterrichts die Ausgleichung und Weber- 
führung von Mundart und Hausdeutich in Bolksiprache und „Bühnen“deutich unter 
Beibehaltung des lebendigen Inhalts. „Wir mitffen verfuchen, die Volfsfchiiler 
im Hochdeutfchen ebenfo heimifch werden zu laffen wie in der Mundart.” (S. 25.) 

„Wir wiffen und damit in eine große Sulturbewegung hineingeftellt, die die 
führenden Männer unferes Volkes ergriffen hat. &3 ift, al$ wollten wir alle da8 
Sehnen des Geiftes und des Gemütes nach der Heimat befriedigen, al3 müßte das 
Belinnen auf die Werte der Heimat uns etiva8 von der Haft und Unruhe unferes 
Lebens nehmen, als ftedten in den heimatlichen Stoffen und Ueberlieferungen Heil- 
mittel für fo manches Leiden unferes Zeitalterd. Wir fangen an, ung auf das 
Gute, das unfere Vorfahren befaßen, zu befinnen, und fnüpfen die berivorrenen 
Faden unferer Entwidlung da wieder an.” (©. 34.) 

Das find fchlichte innige Worte, in denen der Pulsfchlag viner tiefen Liebe 
zur Heimat zu fühlen ift. Und doch müffen wir weiter, von der Heimat, durch die 
Heimat zum Volf. Ln jedem Unterrichtsfah. Ein Weg im deutfchen Spradhunter- 
richt ift der von Schmidt aufgezeigte: Auf der breiten Grundlage der lebenſprühenden 
Mundart zum verinnerlichten Hochdeutfh. „Bon hier aus können wir die Faden 
zur bochdeutfchen Kulturfprache mweiterfpinnen.” (S. 36). „Dieje Gegenüberjtellung 
Kinderfpradce — RKulturfprache gibt Ausgang und Biel an; die Brüde zmwifchen 
beiden zu fchlagen, ift Aufgabe der Volfsfdhule.” (G6. 9.) 

Wer fo verfährt, treibt echte Heimatkunde. Der führt die Heimat Hin zum 
Vaterland, die Familie zum Volk, die Stadt zum Staat, das Yndividuum gur Gee 
meinfchaft, das Haus zur Welt. Der laßt die Liebe zum deutjchen Bolkstum lebens- 
fraftig feimen und Wurzel fchlagen in der Liebe zur engeren Heimat. 


5. 

8 gibt einen Wertmeffer fiir alle Schriften über Sprache und Sprachunterricht, 
ein Buch, das bereits fünfzig Jahre alt ift — greifenhaft in unferer fchnellebigen 
Zeit — und noch feine einzige Feine Runzel im Antlig hat, noch fo jugendhaft ijt 
wie anno 1867, al8 e8 zum erften Mal erfchien, wenig beachtet, zu früh für feine 
Lefer: Rudolf Hildebrands „Vom deutfchen Sprachunterricht in der Schule und 
etlihem ganz Anderen, das doch damit zufammenhängt.” Da finden mir (©. 5): 

„Eritens: Der Sprachunterricht follte mit der Sprache zugleich den Inhalt 
der Sprache, ihren Lebensgehalt voll und frifeh und warm erfafjen. 

SZmeitens: Der Lehrer des Deutjchen follte niht3 lehren, was die Schüler 
jelbft aus fih finden fonnen, fondern alles das fie unter feiner Leitung finden 
laffen. 

Drittens: Das Hauptgerwidht follte auf die gefprodene und gehirte Spradje 
gelegt werden, nicht auf die gefchriebene und gefehene. 

Biertens: Das Hochdeutjch, ala Ziel des Unterrichts, Jollte nicht al3 etwas für 


47 


fich gelehrt werden, wie ein anderes Latein, fondern im engiten Anflug an Die 
in der Klaffe vorfindliche VBoltsfprache oder Hausfprache.“ 

Dann hätte Gustav Schmidt alfo garnicht Neues gebracht in feinem Buch? 

Dazu jagt Hildebrand an gleicher Stelle: „Uebrigens will ich lieber gleich 
felbft ausfprechen, daß ich feinesivegs Damit ganz Neues aufzuftellen wähne; doch ... 
e8 gibt ja Dinge und Gedanken, die man nie oft genug, nie zu viel jagen und 
wiederholen kann, das find foldhe, die in der Gedanfenmwelt gleich Kernen find mit 
unerfchöpflicher, immer wahrquellender Lebensfülle.“ Und: e8 bleibt in der „heimat- 
lihen Sprachfchule” ja nicht bei ausgejprochenen Gedanken. Hier fpriht Tat, prat- 
tifche Arbeit, die Hildebrands Forderungen endlich zu verwirklichen jtrebt. — 

©&o ift da8 beite, was wir von dem Buch jagen können, daß es in der aufredten, 
tätigen Nachfolge Hildebrands gefchrieben ift und daß der Verfafjer zu den Lehrern 
gehört, von denen Hildebrand ausruft: „Was hängt nicht alles von ihnen ab! Gott 
fegne unfere Zukunft — durch unfere Lehrer.” Herbert Freudentbhal. 


Caefar Slaifchlen. 


Die e8 angebht, lefenz nicht, 
und die e8 lejen, gehts nidts an — 
wenn immer aud die Wahrheit fpridt, 
e8 fommt nit an den Mann. 


W eshalb mühen wir Geiſt-Menſchen uns in dieſer kulturfeindlichen Zeit 
ſo ab? Wieviele Kräfte könnten wir ſparen, wenn wir die offenbar nutz— 
loſe Arbeit aufſteckten? Weshalb legen wir die Feder nicht hin, weshalb ſchließen 
wir die Pforten der Tempel und Heiligtümer unſerer Kunſt nicht, weshalb ſchlagen 
wir nicht die Bücher der Lebensweisheit zu in gerechtem Grimm über die un— 
kluge, törichte, irrſinnige, brutale, allem Echten und Edlen abholde Zeit? Glauben 
wir wahrhaft und wirklich, wir könnten mit unſerem reinen Wollen den Ausſatz 
dieſer Epoche tilgen, auch nur hintanhalten? Die Um- und Entwertung aller 
Werte hat ſich ſo gründlich vollzogen, daß all unſer Beginnen von Anfang an zum 
Welken und Sterben verdammt zu ſein ſcheint. Will ich nicht lieber ſchweigen, 
als zu wiſſen, auch nur die Gefahr zu laufen, meine unter tiefen Schmerzen der 
Seele geborenen Worte könnte ein moderner Reicher und Gebildeter kaufen, ein 
Mann etwa, der kaum ſeinen Namen ſchreiben kann und der mein Buch in ſeinen 
prunkvollen, mit Wäſche- und Lebensmittelüppigkeiten gefüllten Bücherſchrank ein— 
ſperren wird? Werfen wir nicht heute die Perlen vor die Säue? Zerren wir 
nicht unſere Seele auf den Markt, um ſie vor lüſternen, ſchmutzigen Augen zu ent— 
blößen? 

Wer gibt uns den Mut, trotz dem und alledem zu ſagen, zu ſchreiben, zu ſchaffen? 

Denn die, denen wir gute Hege unſerer Gedanken zutrauen, ſind arm und 
können kaum zu uns gelangen. Die anderen aber, die zu uns kommen können 
und denen ja in aller erſter Reihe ſo manches Mal gerade heute unſere in Zorn 
gezeugte Arbeit gilt, denen wir die Maske vom entſtellten Antlitz, den Goldflitter 
vom unreinen Leib reißen und einen Spiegel vorhalten wollen zum Erkennen 
ihrer Talmiſeele, ja die verſtehen uns nicht, oder wo ſie's doch mal könnten, geraten 
ſie nicht an uns. Denn es iſt ja reiner Zufall, wenn ſie etwas von uns in die 
Hand und mit nach Hauſe nehmen; der Einband, der Titel, ein falſch geleſenes 
Wort beim Durchblättern, die Anpreiſung des Kunſthändlers mögen die Anreger 
zum Kaufe ſein. 

Ach ja, es wäre ſchon beſſer, wir ſorgten uns nicht Tag und Nacht um die 
Bae und Gejundung unjerer Kultur. Leben wir doch auch zurzeit feine 

ichte. 


48 


% 


Das ift das Siegende ewiger Kunft: 
unbeirrt bom Wandel der Zeiten, 
unbefümmert um Haß oder Gunft, 
verhängt mitunter von Wolfen und Dunit, 
aus Stillen Höhen ber flar und rein 
leuchtende, fchaffende Sonne zu fein! 

Darin liegt’ begründet. Diefe göttliche Sonnenkraft in uns lakt un8 nicht 
raften, zwingt ung immer wieder die Feder in die Hand, läßt uns aller Verken— 
nung, Enttäufchungen, Läjterungen, Verlegungen, Entbehrungen und Entblößungen 
zum Troß auf die Märkte unfere Schritte lenfen. Der göttliche Sonnentrieb in 
uns ijt nicht zu erftiden mit Vernunft und Wollen. Er muß fich auszeugen, jonft 
eripiirgt er uns. 

Sonne ift Erzeuger, Entwidler, Fruchtbringer aller Wefen und Dinge. Ohne 
fie fann nicht8 feimen, wachfen, blühen, reifen; jelber twieder erzeugen und gebären. 
Shrem Schöpferdrang entgeht niemand und nicht. Und twen fie mit eigener Kraft 
fegnet, der muß gleich ihr feinen Weg gehen, ungeachtet aller Wolken und Wetter. 
Der muß gleich ihr brennen, daß e8 Tag werde. 

ok 


Es Hilft nichts, alter Freund! wir beide, 
wir bringen weder Beit nod Zunft 
zur Vernunft, 
wir drehn die Räder nicht zurüd, 
auch nicht für einen Augenblid! 
MWir können nichts tun, al auf Poften bleiben 
und auf der Hut fein ohne Raft, 
daß uns ihr Badenwerf nidt faht! 

Das ift das zweite, was uns fchaffen heißt und werfen und zimmern entgegen 
der heute giltigen Bauordnung. Wollen wir uns oben halten und behaupten, fo 
müffen mir bormärtzjchreiten, mweiterarbeiten und fampfen. Stillitehen, und fei 
e8 noch fo feit, tut’8 alleine nicht. Wir müffen auch mit diefer Zeit fchreiten, und 
das heikt: mit ihr ringen. 

Wenn wir auch die heutige Lebensführung der Maffen und Tonangebenden 
und die Dadurch gegebene „Nacht und Tanz-fultur” als Begleiterfcheinungen der 
Revolution anfehen und wiffen, da jolche jeder Ummälzung folgende Ausgeburt 
der Maffeninftinfte — von denen uns Frankreich und da3 alte Rom genügend zu 
erzählen wiffen — naturnotivendige Auslöfungen find, die fich einmal totrennen 
und durch neues Leben eines Tages abgelöft werden, wenn wir folher Buverfidt 
ganz gewiß find, jo dürfen wir doch nicht abwarten und die Hände im Schoß 
Halten. Wenn unfer Wort jet verhallt und unfer Werk im Zeitwirbel den Augen 
der Ummelt entgleitet, jo bauen wir doc) Stein auf Stein an der Grundmauer des 
neuen Gebäudes, das aufzmrichten unfrer Yugend als ein hochheiliges Amt einft 
anvertraut wird. edes Siefelchen, aus unferer Hand geformt, dem einen oder 
anderen fchon fichtbar und erfreuend und nubbar, ift in der Zukunft gefundender 
Tage ein guter fefter Bauftein. 

HH 
hr Eonntet nicht früh genug alles haben 
und feid e8 nun müde und lakt ihm den Lauf, 
gabt Wunfh und Kampf und Sehnfucht auf! 
ch Habe gewartet und ftehe noch immer 
an fröhlichen Waffen, die Hand am Snauf, 
hab alles vor mir und freu mich drauf! 

Probleme über Probleme twerden gemwälzt, die Jugend wird hin und Her ge- 
trieben, daß ihr der Atem vergeht. Und nur felten, ach betrübend felten, ragt aus 
der Reden, Taten und Erfcheinungen Flüchtigleit und Wirrnis die Geftalt eines 


49 


Meijters auf. Der eine und andere von ihnen enttäufchte [yon bitterlich, verjagte, 
geriet in den Taumel des inielleftualijtifden oder fapitaliftifden Tagesjtaubes. Und 
die Harften, fefteften, die beiten Führer und Meifter verlaffen uns für immer. Die 
Jugend aber in ihrem Sturmesdrängen, das vulfanisch toll fiedet und brauft — 
Klarheit und Freiheit überwallend wie mit Heifer Laiwamafje, indem e3 Klarheit 
und Freiheit fjucht — fie verliert in ihm alsbald die Toten aus den Augen. 

Wir wollen die Toten nicht befchhvoren, wo uns die Lebenden Nothelfer find. 
Aber wir dürfen der Toten nicht vergeffen um vermeintliche Befreier, um laute 
Marktichreier. 

Da weiß ich der Jugend und jeden, dev jung fühlt und glaubig ijt, niemand 
ehrlider und heißer vors Herz zu jtellen in diefer führerlofen Beit als Cafar 
slaifchlen, der, jung im edeliten Sinne des Wortes, von ung ging. Er war fo 
voll Schopferfraft und Helfereifer, daß er gerade zulegt wiederholt freudig erklärte, 
er babe foviel zu jchaffen, daß er mindejtens noch fünfundziwanzig Yabre leben 
müffe, un dieje voll auszufüllen mit feinen Werfen. Ein tiefer Yammer erfiillte 
uns daher, als er fo plöglich und viel zu früh Abfchied nahm... Ein Kummer, der 
umjo mehr bedrüdte, als die lauten, haftenden Tage verhinderten, daß die SFugend 
zu feinem Werke griff, wie e8 früher zu gefchehen pflegte, wenn ein Schaffender ftarb. 

Se düfterer e8 um uns wurde, dejto heller ward er fich feiner Pflicht beivußt, 
Baufteine zu fegen. Defto heifer brannte in ihm die Sonnenkraft, dejto eifriger 
galt e8 für ihn, fic) zu regen, auftwärtszufchreiten, fih und fein Werk von fünf- 
undzsiwanzig fahren zu behaupten für die Zukunft durch neue Arbeit. 

Go ift Caefar Fleifchlen der Jugend — mozu ich jeden zähle, der ungeachtet 
feiner Lebensjahre, Glauben hat an fich und unfer Bolt — für ihr oben gedeutetes 
Bauenıt ein Baumeifter fondergleichen in feiner eigenen, fcharf umriffenen Art. 

* 


Kaum hatte Flaiſchlen nach längerer, durch den Krieg bedungener Pauſe ein 
neues Buch zuſammengeſtellt, für das er ſogar ſchon die genaue Anordnung und 
Ausſchmückung vermerkt hatte, da rief ihn der Tod. Das Buch iſt kürzlich unter 
dem Titel „Mandolinchen, Leierkaſtenmann und Kuckuck“ bei Fleiſchel u. Co. heraus— 
gekommen; alle hier gebrachten Worte Flaiſchlens ſind dieſem Buch entnommen. 
Flaiſchlen nennt das Buch „Ein Liederbuch von Sehnſucht und Erfüllung“ und 
gibt ſeinem ganzen Schaffen damit das Thema an. Alle ſeine Werke, insbeſondere 
ſeine Hauptwerke „Lehr- und Wanderjahre“, „Von Alltag und Sonne“ und „Joſt 
Seyfried“, ſind durchzogen von dem einen in hundert Abſtufungen und Ableitungen 
gegliederten Grundton: Sehnſucht und Sonne (Sonne gleich Erfüllung). Er hear 
nicht Romane, Skizzen, Gedichte geſchrieben in dem üblichen Sinne dieſer Dichtungs— 
arten. Bei ihm iſt um den allgemeinen Grundton ſtets das Eigenerleben, Selbſt— 
ringen, Ich-verden und Ich-gewordenſein geſponnen — ohne daß Flaiſchlen je 
ein einziges Mal als Ich-Menſch (zu deutſch Egoiſt) als IchGott (zu deutſch 
Realiſt und Materialiſt) erſcheint. Selbſtloſer als er konnte ein Dichter nicht 
ſchaffen. Daß er dabei ſich ſelber immer wieder nennt und zeigt und ſein Kämpfen, 
Unterliegen und Gewinnen darſtellt, und immer wieder in neuen Farben, Tönen 
und von anderen Blickpunkten aus, das gereicht ſeinem Werke eben dazu, für jeden 
Sich-Regenden Wegleiter zu ſein. Wenn er in ſeinem größten Buch „Joſt Seyfried“ 
den jahreharten Kampf des Dichters zeigt, ſo iſt das Buch dennoch kein Katechismus 
nur für werdende Dichtersleute oder ein Troſtbuch nur für nicht gewordene. Dichter 
und Menſch muß eins ſein, wo beide zum letzten ſtreben. Menſch-ſein heißt Dichter— 
ſein — das zeigt ſich nicht allemal; aber es gibt eben auch Dichter, die nicht in 
Wort und Verſen ihre Kraft von ſich geben, die als Menſchen, als Perſönlichkeiten, 
als Lebenskünſtler in lauterſter Lebensführung Dichtwerke leben, Gott nahe kommen. 
Dichter-ſein heißt Menſch-ſein. Iſt dieſer ein Lump, ſo muß es mit aller Natur— 
gezwungenheit der Dichter oder der Künſtler auch ſein. Denn Talent und Genie 
allein machen den wahren Dichter noch nicht; die ſind ſchon eher dem Verbrecher 


50 


nahe. Zum Dichtersiverden gehört mehr. Und das ift Menfch-werden. Menfch 
aber wird nur, wer von Gott wiffen will und Gott fpürt. 

„oſt Seyfried“ ijt jomit ein hehres Buchwerf der Menjch-Werdung. Denn 
Kämpfe von der Art Foft Sevyfrieds macht durch, wer er von Beruf aud fein 
mag, wer eben „durch“ will, wer „hinauf“ muß. 

Man erhebt gegen Flaifchlen den Einwand und Voriwurf, daß er einfeitig, arm 
an Einfällen, an Stoff und Gedanken fei, da er ja immer wieder über dasjelbe 
fchreibe, namlich von „Sonne im Herzen”. Wer fo fagt, hat recht und unrecht. 
Gewif, wir haben feinen zweiten deutfchen Dichter, der jo wenig Stoffe behandelt 
bat, wie er. Aber, welche Kraft, welche nicht zu verrechnende Kraft liegt darin, 
dasjelbe Thema jahrzehntelang, bandedid zu bearbeiten, vorzuleben und darin doch 
immer tvieder neue Farben, neue Bilder, neue Empfindungen, neue Gedanken zu 
bringen. Sn feiner Einjeitigfeit eine Vielfeitigtcit, die verftummen madt. Taufen- 
den ware die Feder nicht den zehnten Teil des von TFlaifchlen zuritdgelegten Weges 
gefolgt. 
Und dann — es handelt fich bei Flaifhlen ja um die Grundfragen aller 
Lebensführung: wie beiRe ich mich durch, wie fommte ich über die Damme hinmeg, 
wie tilge ich) die Wollen über meinem Lebensiveg; wie beivahre ich mir mein Lied, 
wie genieße ich am gründlichiten das fchone gegenwärtige Leben (denn es will auf 
Erden gelebt fein) und wie werde ich teilhaftig der Lebensfonne außer und in mir? 
Sujammengefakt heiken die Fragen: Wie bejahe ich mein Dafein durch die Tat? 

Und da ift e8 fdon recht und ein unlohnbares Verdienft, dak einer fein Le- 
benswerf, fein ganzes Leben felbft daran twandte, bas den Menfchen in allen 
Sprachen, des Herzens, des Verftandes und der Seele, zu fagen. Yn einer Sprade, 
die auch einfachen Menfchen, den gehegten, abgevafpelten Kindern unferes Yahr- 
hundert3 eingehen Tann. 

So ijt Caefar Flaifchlen der Dichter der Lebensbejahung im wabhriten Sinne 
des Wortes. 

Lebensbejahung aber ift — fo wir ihr nachtradten — unfere höchite Sehnfucht; 
fo wir ihrer teilhaftig find — die Erfüllung unferes Lebenszimeds, die Sonne über 
unſerem All- wie Feiertag. — 

€8 ift doch auch ein gewaltiger Unterfchied dazwischen, ob jemand uns immer 
wieder in neuer Form, mit frifchem Herzen und fefter Hand zu unferen bejten 
- Gaben und Rechten und Pflichten unferes Seins, denen wir im Philifteriumsraufch 
diefer Epoche fo Leicht entgleiten, zurüdführt, oder ob man uns mit ftetS denfelben 
abgegriffenen Leiern und Litaneien, wie e3 in der Politik, in der Preffe und vor 
allem in der Partei gefchieht, bedient, müde macht und forttreibt von unferen 
Menjchen- und Volfsbitrgerpflidten. Das Schlagwort, das im Irrſinn gezeugte 
und geborene Kind der heutigen Partei, halte man fic vor Augen, um zu er- 
fennen, wie reich und fraftiq Flaifchleng Werk ift! 

* 


Yeh habe mich, da bet der Fülle feiner Lebensweifungen die Wahl an fid 
Ihon fchwer, bei dem Raum eines Auffakes befonders fchwer fein würde, Darauf 
befohräntt, nur Worte aus feinen legten Buche zu bringen. Vergleicht man folche 
Aussprüche mit ähnlichen aus früheren Werfen, fo gewahrt man neben aller ge- 
twachfenen Sicherheit gegenüber den Widerftanden des Tages eine unveränderte 
Raturhaftigkeit und Sonnenfreudigfeit. Sehnte er früher Blüte, Frucht und Feftig- 
feit gegenüber Hunger und Philijtertum — Klarheit in Werk und Wegen berbei, 
fo fehnt er fich jeßt zurück zu blühenden Hedenwegen und der Slaubenzjeligfeit 
junger Jahre. Er ijt halt der Mann in gereifteften Jahren, da gibts jo viel 
voraus nicht mehr zu erjehnen. Mber er befcheidet fich jet doch manches Mal in 
der Erkenntnis: „Es ift ein lächerlich Gebilde, / zu dem wir uns die Welt ge- 
macht! / fein Menfch wird mehr des Lebens froh, / jedoch die Menfchen tollen 
es fo!” / „aß e8 rollen, Tach’ dazu,” weiß er den Humor des Lebensmweifen, des, 


51 


der die LebenSpriifung beftanden, gu lächeln. Denn „Du änderjt nichts .. / bet 
nichts und niemand! / Du änderft nichts, / mit feinem Bitten und feinem Flehn! / 
fie bleiben auf ihrem Kram beftehn! / Du fannjt das Herz dir aus dem Leibe reißen / 
und ihnen vor die Füße jchmeißen: / Zertretet es! um zu beweijen, / wie heilig und 
wie ernft e8 Dir fet. . / e8 ijt ihıten völlig einerlei!“ Nicht aber hat ihn unjere Uıt= 
zeit verbittert. Er lächelt und trägt Sehnjucht dabei nad) Dingen — die nie geivorden. 

Aber er glaubt an fic) — wie fonnt’ er fonft anderen raten. Vom neuen Fabre 
jagt er Drum: ,Da8 Jahr hat feine Macht darüber, / ob e8 Heller oder trüber, / ob 
es Sturm ijt oder Ruh. . / das Jahr bin ich, das ahr bijt du! / und was wir 
wollen, wills und gilts, / und was wir [haffen, das erfüllis!” Und vie 
reine menjchenqualsentbundene Natur befeligt ihn wie vor Yabhrzehnten : , Wir gehen 
wie in alter Zeit / hedenentlang, von Blüten bejchneit, / und plaudern von Glüd 
und von Liebe!“ 

Denn die Sonne, feine herzlich-liebe-goldene Gonne, fteht und geht noch über 
ihm und allem. „Hellblauer Himmel und Sonnenjchein . . / fo will ich’8 haben, fo 
muß es jein!“ z 


Aes Groke ift in der Bejhichte der Menfchheit nur einmal gegeben. Alle 
Helden der Waffe, der Hijtorie; des Kopfes, der Philofophie; der Feder und des 
Pinjel3 und des Griffeld waren einmal zu Saft auf der Erde. Schüler Hinterließen 
fie, aber niemand, der ihnen auch nur nahe fam in ihrer Bejonderheit und eigenen 
Artung. Spitzweg, Schwind, Raabe, Flaifhlen — wo ift der Ebenbürtige, der 
Sleichgeartete, der Kopf, der Aehnliches aus fich gebar? Ein Teil von ihnen findet 
ji), aber der ganze Menfch und Künftler nie wieder. | 

Das ijt der Wertmeffer alles wahrhaft Großen und Eten. An ihm gemeffen, 
jteht Caejar Flaifchlen als Großer da. Sn feiner Beichränkfung, jehen wir, lag feine 
Stärke. Yn feiner Form lag etwas Neues und Bejonderes, das mancherlei Nach» 
bildner gejchaffen Hat. Aber feiner reicht iiber gelegentlich ein Gedicht an Flaifihlen 
hevan, denn «3 fehlt der Geift des Urjehopfers; e ijt Nachjichaffen. Und es fehlt allen 
anderen an der Lebenseinftellung, die Flaifchlen zu folder Form und Dichtiveije 
führte. Denn jeder jchafft, wie ihn das Leben jchafft. 

So find Cacfar Flaifchlens Eigenart und Einzigartigkeit die Zeugen feiner 
Größe und Echtheit. Ein Fechter war er für Wahrheit aller Dinge. Die Großen 
waren ftets Dffenbarer der legten Wahrheiten. Sn der Verlogenheit unjerer Zeit 
ragt Baefar Flailchlen als folder doppelt rein und groß hervor. 

x 


Kunjtgeziefer Ä 
Du gabjt dein Belted ... und fie quaden 
Dodnajig lag: 


Was foll ung das?! 
was follen derart wiglos fale, 
triviale 
Alltagsdinge, 
platt und leer?! 
Willit du Dichter fein, fo finge 
wie der und der! 
Warum erregt dich das?! FYedeiner fonnt 
fich doch in feinem Horizont 
und 
nach feiner Pfeife Faffungstraft .. 
und jeder Strauch Hat fein Geziefer, 
das ihn befliegt! ... 
Man lacht und hängt e8 tiefer! 
dag genügt! 
Kudud! 
52 


Flaifchlen hat nicht unmer dazu geladt. Die „Zunftdruderichaft” und Schub— 
fachgelehrfanifeit anıd Seritiftritteiei der legten Jahrzehnte Haben ihn nıanchen Zorn 
entjacht. | 

wivge Bott ihn Davor beivahren, daß er dennoch eines Tages auf den fiterar- 
Hiitorifig-iritiichen Seztertijch gelegt werde! Wir jegnen alle Zage, da das nicht ge- 
fhieht. Das Beite unjerer Beiten geht bei diejer entjeglichen Mißachtung und Miß— 
handlung zugrunde und verloren, in der jich bejonders unjere Univerjttot auszeichnet. 

Yur Buchhandel wird Flaijchlen als „Badfifch>Lektüre” verkauft und empfohlen. 
Nichts beweijt deutlicher, wie fehr auch er noch verfannt wird trog aller, ihn jehr 
beglüdenden, Aneitennung zu Lebzeiien. Das macht vor allem, daß ivir Stinder 
von Heute eS verlernt oder nie gelerut haben, richtig gu lefen. Wir überlejen etwas, 
leien etwas durd), aber wir erlejen e8 nicht. Unfere auperen Sinne haben jchon 
lange den Dienst der inneren mit übernommen, fie fonnen die doppelte Arbeit aber 
nicht bewältigen; da wird die urjprüngliche nicht einmal vollflommen mehr erfüllt. 
Und die innere Sinnesarbeit überiaßt man gern anderen. 

Sronie des Gejhides: gerade an Flaiſchlens Dichtart kann man richtig Lefer 
und denken lernen. Die jchlichte, ruhige Spracde, die Fermung und Einteilung der 
Strophen fommen dem Lejenden jo außerordentlich zu Hilfe. Flaifehlen ijt jo wenig 
Badfijdh-Dichter wie der Dichter der , Rauber” und des ,,Tell” Dichter fiir Ber: 
bredyer und Wnardijten tt. 

Gewiß, unferer lauten, brutalen, gleißenden, prahlenden Epoche mag Flaifedlen 
fentimental, weich flingen. Ein Lyriker fanıı feine Kriegsfanfare blafen. Deshalb ijt 
auch der andere Einwand gegen ihn, daß er nicht deutfch und Mann genug fei, bin- 
fällig. Seit wann könnte ein Lyriker fein Mann fein? Dean mißt da an dem Mann 
des Tages, dem Politifer, den Zeitungsjchreiber oder am Revolutions4Ezrpreffions- 
Konfufions-Dichter. Wenn das Männer find, ja, dann .... Aber ift nur Mtamn, wer 
nörgelt, lärmt, tobt und jchimpft, im Strome jchiwimmt, wer viele Worte maddt und 
Schlagworte wirft oder in byjterifcher Efitafe Dred für Gold, die Dirne zur Dia- 
Donna erklärt? 

Wir leben in der Zeit der Schwager und Schaumfchläger — an Männern aber 
gebrichts ung gerade; hätten wir nur ein paar folder mehr wie Cacfar Flaifchlen war! 
Die einfach-unbefiimmerte, ftille, feiende und nicht-feinswollende Sprache Caefar 
Tzlaifchlens zeigt den deutjchen Dichter. Und e8 gibt Ausfprüche von ihm, die — 
wenn fein ganzes Wert mit feinem zähen Ringen, das ihm nicht Hunderttaufende 
nachmachen, nicht überzeugen kann! — genug zeigen, daß er ein deutjcher Dann tft. 
Klipp und flar und jcharf geht er dem Uebel zu Leibe, und auf den Stern aller 
Dinge zu. 

Drum fei jedem, der folche Vorwürfe gegen Cacfar Flaifehlen erhebt, als einzige 
Antwort: „lies und verftehe thn!” 


E3 gab Tage zu Lebzeiten Caefar Flaifchlens, da haben wir um ihn gebangt. 
Das war, als fein „Hab Sonne im Herzen“ als Lied in vieler Munde und Spruch- 
bild in fchr vielen Häufern Mode war. Da drohte die Gefahr, daß Flaifchlen felber 
Mode werden fonne. Das , Sonne im Herzen” hatte fich bereits gu einer Art Schlag: 
wort ausgetvachfen — bei dem niemand etivad Redjtes oder iiberhaupt ettoas denft. 
&o fand man den Spruch denn aud) in den Behaufungen der griesgramigften wie der 
amitfementsbediirftigiten und denfunfabigiten Erdenfinder. Gott lob — die Kranf- 
heit ging borüber. 

So haben wir freien Pfad, uns Caefar Flaifchlen als deutfchen Wegbereiter und 
Lebensfreund gu eigen zu maden und uns durch ihn und mit ihm wahre Sonne ti: 
Snnern zu erhalten und zu pflegen. Er ift alg Kämpfer unferer Zeit der Dichte 
unferer Sehnfucht und unferer Sonne. Gerade ung, fei e8 als Werdende, fet 
e3 al8 Führende, foll er der rechte Lenker und Deuter fein zum Weiterfdreiten und 
Durhhalten über diefe Ohnmacht unferes Vaterlandes hinweg. Sein liebewarmes 


53 


Herz ift ftet3 bereit, unfere Gegenwartspfade mit Sonne zu erhellen — denn er hatte 
fo viel Davon — und unferem ZBufunftsfehnen Erfüllung zu verheißen. 
Das fagt und zeigt er und immer aufs Neue, aus eigenem, tiefen Geworden- 
fein und Erlebt-baben heraus: 
‚ie reich das Leben, 
und wie gewaltig, 
wie gottgroß und Herrlich, 
wie unausfhöpfbar 
über und unter 
und um uns die Welt!” — 
Wer gu Caefar Flaifdlen gefunden, erfahrt es täglich! Karl Peter. 


Biicherbriefe 
Aus dem Wagner-Orhrifttum. 


©’ mande Anfrage, die mündlich oder brieflid) vorgebradht wird, fo mande 
Klage über verfehlten Kauf, verlorene Zeit legt den Gedanken nahe, aus dem 
ungeheuerlich angefhwollenen Schrifttum, da3 mit Wagner zufammenhängt, heraus- 
zugreifen, was zuverläffig und wertvoll genug erfcheint, um eigene Eindrüde und 
Urteile gewinnen zu helfen. Zunäcdft eröffnen wir die Ueberfchau mit einer Be- 
merfung, die nicht oft genug wiederholt werden kann: wenn jemand erfahren will, 
was hinter einer Perfon ftedt, fo tut er am beften, fich gu diefer felber zu bemühen. 
Dagegen wird häufig gefehlt. Man fucht andere auf, und holt aus ihnen alles 
Mögliche über einen Dritten heraus. Das ijt, wie wenn ich einen Bilderjaal 
aus fchriftlichen VBefchreibungen der Gemälde kennen lernen und würdigen wollte, 
Ein Bild ift etwas einzigartig Schönes, weil es nur fich felber gibt. Da lakt fied 
nicht, wie in Schrift und Rede, durchftreichen, ungiltig machen, vertufchen oder 
verbeffern. Das Bild fagt durch fich felber, wie e8 ift. Genau fo verhält e3 fich 
mit einem Menfden. Was ich je Gutes oder Schlimmes gedacht, gefühlt, geivollt, 
getan habe, liegt in meiner Art befchlofien: es ift nicht möglich zu jagen: dies oder 
das hat nicht gegolten. So liegen die Dinge nun auch beim großen Menfden, der 
etwas für andere bedeutet. Wie er war, was er wollte, was er wert ift, erfahre ich 
am allerbeften dadurch, daß ich mich dem Anfchauen feiner Perfönlichkeit hingebe. 
Laffen wir alfo Wagner vor allem durch fich felber wirkten. Die meiften erfahren 
von ihm zuerst etiva8 durch feine Mufik, der fie bald huldigen. Aber nun kommt 
die Rückſprache mit Bekannten, das Lefen der Zeitungen: da ereignet e3 fid oft, 
daß die Eindrüde, die doch bildhaft bejtimmt waren, in Zweifel gezogen werden, 
daß man an dem und jenem irre wird. Wagner hat übermächtige Gegner gehabt; 
boran den Geift des Yudentums. Was den größten Eindrud machte, darf ich aus 
der Sfugendzeit befennen: das war das Heldifche an diefem Meifter, der wohl zeit- 
weilen zagte, aber nie verzweifelte. Auf diefes Charaftervolle fommt alles an. 
Hort man dann fpater died und das, was bei ganz gewöhnlichen Menfden ver 
ftimmt, fo tft in der Wagfdale gu Gunften des Helden fchon fo viel Gewicht, daß 
fie nicht fdiwanten kann. BVolllommenheit in jeder Binficht verlangen wir aud 
pon Beethoven, Goethe, Dante, Schiller nicht. Warum follen eingelne weniger 
anfprechende Vorfommniffe oder Züge davan hindern, uns an einer echten, großen 
Perfönlichkeit zu bereihern? Man mub großes Mitleid mit der Armfeligfeit haben, 
die alles gujammentragt, was einem ein Leben, ein Wirken verleiden kann. 

Nun find die jüdifchen Kritifer Richard Wagners, abgefehen bom Befchweigen 
oder von Hafausbriiden, fo vorgegangen, daß fie zunächft an Wagner vieles be= 
ftehen ließen, aber doc zugleich auch recht vieles in Zmeifel zogen. Meifterhaft 
54 








wußte man dabei die Barbe gu wechfeln, je nach der Eigenart deffen, dem etwas 
borgemadht wurde. Aus Nietiche. wilfen wir genugfam, wie widerwärtig einem 
gewiflen Lebensftandpunft jede hohe, erhabene Mufik if. Wile, denen das Ein- 
dringen in fie jchiver und mühfam erfcheinen will, werden in der Richtung bear- 
beitet, daß e3 jich nicht lohne, einer Mufit näherzutreten, die über den finnliden 
Genuß Hinausjtrebe. Alles, was den Menfchen padt und emporreift, wird als 
Pathos verdädtigt. Mozart, Bizet und andere werden ihrer ,,Heiterfeit” wegen 
bevorzugt. 

Das entgegengefeste Verfahren hat man da eingefdlagen, wo Wagner8 hoc)- 
gerichtete Mtufif fdon Eindrud gemacht Hatte. Fest war ſie plötzlich „ſinnlich“. 
Ya warum nicht gar! Dan hatte doch von ihr abgefchredt, weil fie angeblid) in 
feinem Sinne finnlich fei. Aus der Zeit der Kämpfe (etwa feit 1887) erinnere ich 
mich noch deutlich, wie der Vorwurf der Sinnlichkeit herumgefprochen wurde, als 
alles andere niht mehr verfing. Er fcdeint an vielen. Stellen als 
Schlagwort haften geblieben zu fein. Man beachte wohl, daß aud) diefe Redensart 
in ziiejpältigem Sinne gebraucht wird. Ein Beitungsroman feierte fürzlic) den 
Triftan in verftiegenen Tönen, weil er gum gefdlechtliden Bewuftfein anrege. 
Andererfeit3 fommt aber natürlich der ehrfame Spießer durch den Gedanfen der 
Sinnlichkeit außer Rand und Band, flucht diefer Kunft und zeiht fi) der Sünde, 
eine Note von Wagner zu haben. Ein hochgebildetes fatholifches Fräulein liek fics 
bon mir bereitwilligft aus Wagner vorfpielen, um nachher in den Seufzer auszu- 
brechen: inden Sie nicht, dak Wager dod etwas finnlid ijt? Sie hatte e3 aus 
der Preffe oder Unterhaltung irgendiwo aufgefdnappt und e8 beunrubigte fie. 

AN diefem Hin und Her wird ein Ende gemacht, wenn man fid-an der Leben’s- 
quelle de8 Bayreuther Meifterd felber erquidt. Daher lautet der erfte Rat: 
Bange machen gilt nicht. Wende dich zubörderft, wenn dich die Mufik anzog, an die 
Dihtungen,andie Schriften, an die Briefe Wagners. Eine der beften 
neueren Ausgaben der Gefammelten Schriften und Dihtungen if 
die vurh Golther beforgte, bei Bong (10 Teile). Die vollftändigfte hat Breitfopf 
(16 Bände, einfchließlich der eigenen großen Lebensbefchreibung, die zuerft. 1911 
bei Brudmann erfchien). Unter den Briefen find die an Lifzt,an Minna 
und an Mathilde Wefendond bis jest die bedeutendften. (Man achte beim 
Lefen auf die Folge: Minna, dann Mathilde Wefendond!) Eine trefflihe Auswahl 
„des Briefitoffes, mit fundigen Einführungen, hat Dr. Siegmund Benedict 
fiir Breitfopf gufammengejtellt. Wagners Entwürfe zu Meifterfingern, Triftan 
und Parfifal gab Hans von Wolzogen heraus; von demfelben ftammt eine 
Auswahl von Wagners Schriften über Staat, unftund Religion. Unter 
den ziemlich ungleichwertigen Erinnerungen greife man zuerft etwa zu denen 
von Gustav A. Kies, Hans von Wolzogen und von Ludwig Söcde- 
mann, dem berühmten Lagarde- und GobineausfForfcher, der auch durch feine 
Schrift: „Won deutfcher Zukunft” bekannt ift. Schließlich gehört in die Reihe der 
eriten Quellen noch die Sammlung WagnersLebenundWerfeimBilde 
von Erid W. Engel (Wien, Verlag von Emil Engel. Man findet da außer 
einer Fülle von Unterlagen gu anfdaulider Betradtung auch einen berbindenden 
Zert, der verftandnisvoll aus Wagners eigenen Worten eingetragen ift. 8 gibt 
außerbem, etiva in der Art von Zeitler8 Goethehandbud, ein Wagnerlerifon 
und eine Magnerencytlopadie von Glafenapp und Heinrih von 
Stein, welde unter Sach- wie Perfonennamen alle Gedanfen und Bemerkungen 
Wagners gefammelt haben. 

Lebensbefdreibungen find in fehr großer Auswahl borhanden. Das grund- 
legende Wert, aus dem alle fchöpfen, ift das von Slafenapp (in jehs Bänden; 
Breitlopf). Neuerdings hat aud) Mar Kod (der bekannte deutide Literatur- 
bijtorifer) eine Wagnerbefchreibung in drei Bänden veroffentlidt (Sammlung 
„Seifteshelden” im Verlag von Ernjt Hofmann, Berlin). Als drittes Werk reiht fid 


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an: Das Wagnerdbuhb Ehamberlains (Brudmann; mit und ohne Bilder). Der 
Denker, der ung neuerdings mit dem religiöfen Buche „Menfch und Gott” bereichert 
hat, legt mehr Nachdrud auf das rein Geiftige, ald auf das einzelne Bejhhichtliche. 
Bu einer unter dem Gefichtspuntt der Heimat ausgeftalteten Biographie wurde das 
Buch von Dr. Walter Lange: Wagner und feine Vaterjtadt Leipzig (Siegel- 
Linnemann). 

Beitgenöffifche Zeugniffe find zulammengetragen von Wilhelm Tappert 
unter dent Titel: Wagner im Spiegel der Kritik (Siegel-Linnemann); 
man follie fie immer wieder einfeben, wenn man fich die Schwere diejes Lebens- 
Eampfes vor Augen führen will. Ueber Wagnerund die Fuden habe ich für 
Dr. Böpples Sammlung (Schopenhauer, Luther, Goethe uf.) gefchrieben. Das Ber- 
Haltnis gu Ludwig dem Zweiten ift dargeftellt von Gebaftian Rod! (O. Bee); 
da8 Verhaltnis gur Romantif von Dr. Artur RKieRling, gur Antife von 
Bratfhomanoff (beides im Zenienverlag). Ueber Bayreuth lefe man von 
Prof. Dr. Artur Prifer: Das Werk von Bayreuth (Giegel-Linne- 
mann), um zu begreifen, welche Summe von Gedanken und Kraften, Arbeit und 
Taten im fchlichten Feitfpielbau dort auf dem Hügel von Bayreuth befchlofjen ruht. 
Wenn e8 die Berhältniffe irgendwie geftatten, follen die Feitipiele 1923 erneuert mer- 
den. Wie mancher, der von den Parjifalaufführungen genug hat, fehnt fich wieder 
nach einer anderen Darftellung in Bayreuth! Und wie notwendig find die Wieder- 
gaben auch der anderen Werke, befonders der früheren, die am meiften im Opern- 
betrieb leiden! Weber die Frage des Parfifal[mubes ift das deutjche Volk, 
wie über fo manches andere, mit Ausnügung aller Mißverjtäandniffe, ungenügend 
oder falfch unterrichtet worden. Man lefe einmal unbefangen den Bortrag von Dr. 
Benedict Culiz, Liffa i. P.) oder die Schrift von Friedrih von Schön 
(Siegel-Linnemann). Auch Prof. Dr. Artur Seidl! trat in den „Wagneri- 
ana” (3 Bände; Schufter und Xöffler) für den Schuß des geweihten Feitjpiels ein. 
Feſſelnd ift die Betrachtung des Falles „Eonrad gegen Eonried“. 

€3 ijt bei den Deutjchen üblich, nach etwas „Objektivem” zu fuchen. Pan wird 
geneigt fein, anjtelle des bisher genannten Schrifttums oder ald Ergänzung eine 
Reihe von Schriftjtellern zu fuchen, die mehr gegen als für Wagner zefchrieben 
haben. Diefe Wünfche verweifen wir auf die Feitfchriften des Jahres 1913, die zum 
Zeil mehr die vorgebliche „Ueberwindung” Wagners, als fein bleibendes Teil feier- 
ten. E8 waren auch Angriffe darunter, die denen zu Lebzeiten an Giftgehalt faum 
nachitanden. Dem Berlangen nach folder „Objektivität“ liegt die fonderbare An- 
fhauung gu Grunde, ala gehöre das Genie wie ein Verbrecher auf die Anklagebanf, 
um jedem Beliebigen Rede und Antwort zu ftehen. So liegen die Dinge des Geiftes 
nicht. Vielmehr ift daS Genie, um im Vergleich zu bleiben, eine Art Richter und 
Herzenskündiger, und wir find die Eleinen Leute oder Armefünder, die geduldig 
warten müffen, ma3 uns mitgeteilt wird. Ohne Bild gejagt: Hinter das Geheimnis 
einer großen Perfönlichkeit wird nur das Licht kommen, das von Liebe ausgeht; 
Liebe als echtes Feuer gedacht, nicht als blinde und blöde Schwärmerei. Der für 
Wagner Begeifterte macht oft den Fehler, andere zur Unzeit gewinnen zu tollen. 
Dod man muß verlernen, für die feinen Eindrüde von KHunft und Leben moglidft 
viele Gefellen gu fuchen. Denn es ijt vergebene Mühe, über die Dinge zu reden, 
wenn die Dinge nicht felber zu dem reden, den man überzeugen möchte. Wer Wagner 
liebt, meiß, wie wahr im Reich des Geiltes die Liebe fieht. Unter dem Schein der 
Sleicheiltigfeit zu Tieben, bringt niemand fertig. Denen «aber, die fich eine geiftige 
Bereicherung, die wir dem Großen verdanken, eben nur als Barteinahme vorijtellen 
fönnen, möchten wir raten, immer wieder an die Quellen zu gehen und 3. B. einmal die 
Bapreutber Blätter auf fich wirken zu laffen. Diefe gehaltvolle, von Hans 
pon Wolgogen herausgegebene Zeitjchrift, die 1878 von Wagner felber ins 
Leben gerufen worden ift, hat fich durch all die fchweren Zeiten durdhgerungen und 
berührt: feit Tangem, ja von jeher Fragen, die von der jüdiichen Preffe gemieden 
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wurden. (Nebenbei gejagt: fie haben ihren jehr billigen Bezug bisher nicht erhöht!) 
Hans von Wolzogen hat zu Wagners mufitalifchen Dramen Führer ver- 
faßt, die immer noch den erjten Pla unter diefer Gattung behaupten. Sehr viel 
lernt man auch auß feiner Schrift über Wagners Sprache. Von Ehbamber- 
[ain ntitfjen wir nod) die fleine Schrift über Das Drama Wagners nennen 
(bei Breitfopf). Sie bietet weit mehr ala eine „Anregung“: alles Wefentliche faßt 
fie Har und fcharf zufanımen, daß man e3 nicht leicht vergeffen kann. Außerdem ift 
hodjt anziehend, was Chamberlain in dem Buche: Lebenswege meines 
Denfens (Brudmann) ber Wagner erzahlt und vorbringt. Wer bedenkt, daß 
unter denen, die für Bayreuth eintreten, Männer von der Bedeutung Chamberlains, 
Wolzogens, Schemanns find, wird entfchieden lieber deren Schriften twäahlen, als das, 
was uns die Yulius Rapp oder Emil Ludwig vorfegen. Zum Schluffe vergeffe man 
niht Niegfhes3 Wagner in Bayreuth wieder aufzufchlagen. Die Frage, 
wo ntehr Erkenntnis und TFeinheit ftede, hier oder in den fpateren Schmähungen, 
mag fich jeder jelber beantworten. Wir für unfern Teil halten e8 immer mit dem, 
der ung bereichert, und laffen den ungelejen, der uns verarmt. | 
, Zum Schluffe möchten wir noch etwas über Siegfried Wagner fagen, 
der die alte Gegnerichaft gegen feinen Water mitgeerbt hat. Seit 1908 betätigte er 
fih als 2eiter der Bayreuther Feitfpiele, und die fundigen Befucher wiffen wohl, 
was man feinem vieljeitigen Wirken und Eingreifen zu danten hat. Außerdem aber 
it Siegfried Wagner mit einer ftattlihen Reihe von nurfifalifden Dramen hervor» 
getreten, die fi), man möge fie mehr oder weniger hoch einfchägen, in einem eigenen 
Stil beiwegen, der von dem feines Waters wejentlid verfdieden ift; jedenfall3 zeugen 
fie von erftaunlicher Schaffenstraft. E38 ijt num merfwitrdig, daß fich felbft recht3- 
ftebende Zeitungen einen Ton gegen Siegfried Wagner leiften, der nichts weniger 
ale Rüdjicht fennt. Man kann fi) im Gefpräch jederzeit davon überzeugen, daß die 
porfchnellen Urteile von feinerlei Sach oder Perfonentenntnis getrübt find. Nur 
die Unraft heutigen Lebens erklärt e3, dak der Lefer die Mikachtung feiner Zeitung 
teilt, ohne fich auch nur im geringften einen Gedanken über die eigentlichen Urfachen 
gu bilden. Sobald man den in der Srre Tappenden au) nur wenige bon 
den Yeiftungen und Werken Siegfrieds erzählt, kann man das Erwachen der Anteil- 
nahme beobachten. Mer Sinn für deutfche Sagen, Märchen, Gefchichte hat, wird 
eine willlommene Anregung aus dem Bude von Paul PrewK{dh über Sieg- 
fried Wagner jhhöpfen und vielleiht fpäter zu Glafenapps größerem 
Werke greifen (beides bei Breitlopf). Karl Grunsty. 








Rieine Beitrage 








Kinder des Licht, 


ur Adventszeit im vergangenen Jahr haben meine Kinder cin lieblidjes Geſchenk be— 

kommen, ein Adventskalenderlein. Da konnten ſie jeden Tag ein Fenſterlein auftun, 
durch das dann das Licht mit dunkelroten leuchtenden Strahlen eindrang. Zuletzt, als alle 
Fenſter aufgetan waren, öffnete ſich die große Tür in der Mitten und das Kind in der 
Rrip e ftrablte auf goldenem Grund und Maria und Yofeph beteten e3 an. 

3 ijt ein gar bejinnliches Spielwerf, diejer Weijer durd) die Adventszeit. Das haar 
wir lernen: alle Fenfter auftun, alle Fenfter der Seele. Und follen redt prüfen, daß mir 
feines vergeffen, damit wir ganz offen find bis ins Aynnerjte, ganz bereit, ganz willig. 
Denn wenn alle Fenjter aufgetan find, dann will da3 große heilige Licht fommen und und 
erleuchten big auf den Grund. Daß mir gu ,Lichtesfindern” werden. 

Der Heiland hat einmal ein Gleidnis gejproden, das doch viel mehr ijt als ein 
Gleichnis: Das Auge ift_des Leibes Licht. Wenn dein Auge einfaltig ijt, dann wird dein 
anger Leib Licht fei. Haft du jchon einmal erlebt, wie e3 tut, wenn du aus den duntlen 
hellen nen: in denen der Strom der Menjhen fremd und fröftelnd dahintrieb, ins 
elle freundlide Zimmer trittft und der warme Schein der Lampe did) umfangt? Wie 
dann langjam alles Tribe und Unrubhige abfinft! Wie es dann ganz frei und froh und 


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Ait bale in Dir und alle böjen Sudte und Sorgen fliehen müffen! Nur mußt du ganz 
till halten, ganz einfältig da jein. 

u erlebjt wieder einmal, tvie deutiches Leben in diefer Zeit von trüben Strudeln in 
die Tiefe gerifjen wird, um nie wieder aufgutauden, wie junge Blüten abgerifjen und 
zertreten werden, und eine jchwere Traurigkeit überjchattet dich. Da trittft du ang Fenjter 
und deine Augen juchen die Sterne und du jhauft in einfältigem Verlangen nad) oben. 
Und nun dringt Strahl um, Strahl bei dir ein, wie ara ten Ne Grüße aus der Ewigfeit. Es 
wird jtill und flar_in dir und nun jhreden die Gedanten nidt mehr — fiehe, es ift alles 

ut, Gott iff bei Dir. Und dieje arme Erde, fie ift auch cin Gottesftern in der groken 
hellen Wotteswelt und wird getragen von einer allumfafjenden Liebe. 

Es ijt mehr als ein Gleidnis, wenn Jeſus von dem Lichtiverden des Leibes fpricht: 
Wenn dein Auge einfaltig ijt...! Und wir fpiiren, wie e3 ein Gohannes meint, wenn er 
fein Gotteserlebnis, das thm der Meijter fdentte, in dad VBefenntnis gujammenfaft: ,Das 
it die — die wir von ihm oor haben, und eud) verfiindigen, dak Gott Lidt 
tit, und in ihm ift feine Finjternis.” Cs ijt devjelbe Gohannes, bei dem die Worte ree 

eit, Leben immer wiederfehren, bei dem wir das herrliche Wort eh Gott ijt die Liebe. 

n dem Wabehe lebt dies: Gott ijt Licht — weiter. Wo Licht, da ijt Liebe und da ijt Leben. 

a tt rheit. 

Gott ijt Licht. Darum ift da, wo er ift, Finfternis nidt u E3 gibt einen ganz 
einfachen und — Beweis dafür, ob Gott da iſt oder nit. Wo er iſt, ſchwindet alles 
Dumpfe, Dunkle, alles, was ſich verbergen muß, alles, was wir nicht ſehen laſſen, uns 
nicht eingeſtehen mögen. Wo er iſt, da iſt alles klar, rein, offen — einfältig. Wie bei den 
Kindern. Die laſſen ſichs gtd anmerfen, wenn irgend etwas nicht „gut“ it fie verjtehen 
es nod nicht, wie die Erwadjenen, fic iuber Storungen de3 reinen Lebens hinwegzu— 
peg ate Und Kinder find jo froh, wenn wieder alles „gut” ift, gleich fangen fie wieder an, 
zu jtrahlen. Gie find „Kinder des Lichts“. 

E3 gibt feinen ärgeren Vorhang gegen das Licht al3 die —— Sie macht 
den Menſchen unzugänglich für alle gute Helle. Gibt es etwas Trüberes als die Menſchen, 
die immer recht haben? Sie haben in der Tat recht, man kann nichts dagegen fagen, aber 
es iſt und bleibt ein hoffnungsloſer Zuſtand. Es fehlt ihnen an der Einfalt. Und darum 
kann das Licht nicht eindringen. Es ren ihnen die Demut. Und das ijt ein gang deut- 
lides Zeichen dafür, daß fie Gott a erne find. Denn wer Gott faut, wer das Licht 
cuf fich wirken läßt, der erfennt jicy jelbit. Und wer fic) jelbit erfennt, der wird demütig. 
Se näher wir Gott fommen, umfo aufrichtiger wird die Selbjterfenntnis. Die größten 
Shriften haben fich immer als die unmwürdigften empfunden. Das ijt weder Heuchelei nod 
Berfehrtheit der Gefinnung. Se näher ein Menjich Gott fommt, umfo ftarfer und fdmerge 
licher empfindet er alles am eigenen Sein, was nicht gottlid ijt. Wer mn der Dammerun 
ht und in einem Buche lieft, kann jehr leicht die Empfindung dafür verlieren, wie dunfe 
es jhon im Zimmer wurde. Wenn dann die Lampe angezündet wird, find wir überrajcht. 
Was einem Gott aufgejhlojjenen, einem einfältigen Sind des Lichts ſchon Dunkelheit 
bedeutet und e3 traurig madt, das merkt der andere gat nicht al3 Trubung cee Lebens. 
Ya, man fönnte als fihern Maßjtab für die innere Reife eines Menjden jeine Empfin- 
Sungsiäbtgteit für dad, was unmenfhlid, unmöglich ift, bezeichnen. 

| er auch das Umpgefehrte gilt: je jchlichter und abehattiner wir uns eingefteben, 
toas und feblt, umfo mebr Fenfterladen ftoken wir auf, umfo ungebemmter fann das Licht 
in die Seele fluten. Die Gonne jceint allezeit. Und alle Dunfelheit fommt daber, daß 
wir uns felbjt im Lichte jtehen. Das Licht ijt da, e3 ftrahlt golden und warm und trojtoo 
über Guten und Böjen. Das Leben ijt groß und gut. €3 liegt an un, wenn wir’s nicht 
faffen, an unjern Augen, die nicht einfältig find. €8 ijt das Klugjeinmwollen und Beffer- 
iijlen, das uns betrügt. Weil wir ausziehen und unfer Glüd fuchen, finden wir es nicht. 
Aber der fchlichte Ge an geht den rechten Weg, findet den Schlüffel und öffnet die 
Pforte des verlorenen Paradiejes. Die reinen Herzen fchauen Gott. 

ar! Bernhard Ritter. 


Unbewußtes und beiwuhtes Vollätum. 


2 (nier Freund Dr. Wilhelm Stählin hat kürzlich einen Vortrag über „Unjere geijtige 
Lage und die Aufgabe der Führer” (mit einem Nachtwort an die deutihe Studenten- 
{oaft) bet E S. Mittler und Sohn in Berlin veröffentlicht (20 Seiten), auf den wir unjere 
ejer befonders al möchten, weil er die Führerfrage ganz in unferm Sinne behandelt. 
Wir möchten aus Stählins Gedankenentwidlung hier das folgende Stüd wiedergeben, das 
fih Enapp und Mar mit einer oft aufgeiworfenen Frage bejhäftigt: _ 

Man fann gwar einer politiichen Partei aus irgendwelchen Gründen beitreten, aber 
man fann gar nicht wählen und enticheiden, ob man eine gejunde Selle am Leibe jeines 
Volkes fein will. Das ift man oder man ift es nit. Unzählige Menfchen, die gar nicht 
jabig find, die Zufammenhänge des Vollsganzen zu überjhauen oder auch nur die Idee 

er Nation zu denken, find dennoch gefunde und wertvolle Glieder der Volksgemeinſchaft. 
Sn den erjten Augufttagen 1914 hat mir eine Bäuerin zu meiner großen Entrüjtung ber- 


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fihert, ihr fei es gang gleidgultig, ob wir unter deutider, frangofijder oder rujfiidher 
Lerr[daft jtunden, wenn nur die Kartoffeln geraten; aber wenn nun diejelbe Bäuerin, 
während der Mann im Felde war, mit der jelbjtverftändlichen Treue gegen die Scholle der 
Heimat das Feld bejtellte, ihr Haus in Drönung bielt und ihre Kinder zu aller guten Sitte 
anbielt, fo it diefe Bauernfrau troß ihres gänzlihen Mangels an nationaler Gefinnung 
unzweifelhaft völfifcy wertvoller als alle die, die mit „patriotifher” Gefinnung fehr wohl 
eine fraffe Selbjtjudt und eine ffrupellofe Geldgier gu verbinden wußten. Gerade die 
nationalen Führer jollten immer allem Raujch der großen Worte epenüder eine unerbitt- 
lihe Nücdhternheit bewahren und nicht vergejien, daß es eben — en Menſchen und 
nicht auf ſeine Gedanken ankommt, daß Tauſende von Bauern ihre deutſchen Dörfer 
haben und in deutſcher Sitte ſtehen, daß Tauſende von Handwerkern und Induſtriearbei— 
tern, ohne es zu wiſſen, Arbeit den Stempel des deutſchen Geiſtes aufdrücken, ba 
ungegablte Menfden in ihrem greet Sein mit dem Gebalt deutider Didtung un 
Kunjt verflodten jind. Daß e3 diefe Menfden gibt, ift fiir die Volfsgejundheit unendlid 
viel bedeutjamer und wertvoller als alles Gerede von Volksgemeinſchaft und Volfsernene- 
rung, das nur aus dem Hirn, aber nicht aus dem Blut ftammt. Nur die Verworrenheit 
unjerer geijtigen Lage madt e3 notwendig, diefe Selbftverftandlicdfeit zu jagen. 

Aber dod bleibt hier ein tiefer Mangel. Diefes feiner felbft unbewufte Vollstum 
darf doch nicht — werden. Solange es eben ſeiner ſelbſt unbewußt iſt, kann der 
Sinn ducch das Fieber der Zeit betört und von Worten und Gedanken gefangengenommen 
werden, die von lebendigem Volkszuſammenhang nichts wiſſen. Erſt da, wo der einzelne 
Menſch ſein perſönliches Schickſal als ein Stück des ganzen Volksſchickſals erkennt, 
exſt da, wo der einzelne Menſch ſich des Erbes bewußt wird, das ihm aus den Reid 
tümern und den Kämpfen * nationalen Kultur zugewachſen iſt, erſt da iſt die Volks— 
gemeinſchaft ſtatt eines blaſſen und unkräftigen Begriffs oder einer Sache dumpfen Gefühls 
eine lebendige und bewußt — Macht gewocden. Im Auguſt 1914 empfand jeder, 
daß ſein Leben nun unweigerlich hineingeriſſen war in das — Kriegsſchickſal, und 
eben darum gab e3 dDamals eine wabrhattias Volksgemeinſchaft; heute haben wir aud) des< 
wegen feine Bollögemeinjchaft, weil un ahrige jogenannte Deutide den Leidensiveg ihres 
BVolfes wie von einer fernen Ynjel (der Knie ihrer Selbjtjuht) aus als Zujdaner betrade 
ten und gar nicht ahnen, daß auch ihr eigenes Leben dem Zwang des gemeinjamen Volfs- 
ls unterliegt. Und was bedeutet es für die Volfsgemeinjchaft, daß das große geijtige 

rhe unferes BVolfes tatjadhlid in uns allen irgendiwie wirkt und mit an unjerem Leben 
baut, wenn der einzelne nicht3 ahnt von diefen Schägen, deren gemeinfamer nigh erit 
eigentlich eine Nation bildet! Syn irgendeinem modernen Schulerlaß heißt e3, der gejamte 
Unterricht foll erteilt werden „auf der Örundlage des gemeinfamen nationalen Bildungs» 
gutes“. Gibt e3 denn überhaupt ein folches — — — als gemeinſam erkanntes! — 
nationales Bildungsgut? Der erſchütternde Satz, daß ſeit — Bibelüberſetzung kein 
Buch mehr erſchienen ſei, daß das ganze Volk befchafti t, ift vollfommen ridtig. Erjt wer 
weiß, Har weiß, daß in jedem Deutichhen etwas von PBarzival und den Nibelungen, etwas 
bon Edehardt und Luther, etwas von Faujt und Beethoven lebendig ilt, iM ein bewuptes 
Glied der deutihen Voltögemeinjchaft geworden. Dean ijt eben nidt nebenbei Glied ene 
Volfes. Nur jene heilloje Zerjpaltenheit fonnte den Wahn dulden, als ob die Zugehörig- 
feit zur BolfSgemeinfdaft ein Lebensgebiet neben anderen fei, in denen die nationale 
Eigenart nichts zu tun und nicht zu bedeuten habe. Und doc ift alle Kunft und alle 
Philofophie ganz in der Tiefe mitbedingt dur das Bolklstum, aus dem fie entjtehen; zu 
einem Volfe gehören heißt teilhaben an der bejtimmten Art, Menjch pu fein, die en 
Volf verliehen ijt, und die nun auf allen Lebensgebieten fih auswirkt. Wo diejer Bu- 

jammenbang bewupt gefpiirt wird, da ijt Voll{Sgemeinfdaft wirflicd. 
Wilhelm Stabhlin. 


Branzöfifh oder fpanifd? 


3.wird darüber gejtritten, welche von den neueren Fremdipraden oe Sugend lernen 

follte. Darüber, daß wir vor allem Englifh lernen miffen, ijt faum etn Zweifel. 
Grete braudt der Kaufmann, der Politifer, der Gelehrte; fie fommen nidt daran vorbei. 
Cnglijd aber braucht auch der Gebildete überhaupt; denn die engel ihtung wollen 
wir nicht entbehren. Man muß einige Dramen Shafejpeares englijch Iefen. Dan fann 
Didens und Robert Burns nidt nur aus en get en genießen. ieviele engliſche 
oho gibt e3, die ganz jelbjtverjtändlich in den Bücherjchrant eines gebildeten Deutjchen 
gehören! 

Darüber, daß unjre —— außer dem —* vor allem Ruſſiſch lernen müßte, 
jollte fein Zweifel fein. Rein praftiih: Rußland hat jeine Intelligenz umgebracht, es 
wird eines Tages eine groke Menge deutider Gntelligeng an fich faugen: Chemifer, Ted)- 
nifer, Kaufleute, Lehrer. Wir miter uns auf einen ftarfen Zu — deutſcher und 
ruſſiſcher Menjden gefaßt machen, aus dem unter Umftänden ein neuer Volkögeijt erwädhlt. 
Aber auch abgejehn von folhen Erwägungen: die ruffiihe Dichtung enthält Werte, die uns 
befonders Hegen — fonnten wir fie nur wirflid) in der Urfprade lejen! 


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Doh es wird fcjrwer fein, den ruffifhen Spradunterridt allgemein in unjre Schulen 
einzuführen. Unjre Gefdhidte ijt uns im Wege: das Noel sper und adtzgehnte Jahrhundert 
ftedt uns nod gu ae im Blute. Dem Kaufmann und Gelehrten zwar liegt verhältnismäßig 
wenig am Frangofijhen. Aber der Gebildete, insbejondere der Demokrat und Rationalijt, 
echebt nod) immer ebrfiirdtig bie Wugen zu dem dverblidenen Glanz der einjtigen fran- 
zöltichen Kultur. Seien wir dody ehrlih: außer ein paar Stüden bon Moliere bedeutet 
die Elaffiiche jranzöfiihe Dichtung den meiften von uns nichts, vor allem hat jie fur uns 
feine großen Sufunftswerte. Dean weijt auf neuere franzöfiihe Dichter und Schriftiteller 
hin, die und mehr fein fonnten als die leder * Uber es dürften da Ueberjegungen 
eae Das franzöliiche Geijtesleben als Gejamtgröße ift feit dem — Jahr⸗ 

undert langſam, aber ſtetig in eine immer größere Entfernung vom deutſchen Geiſtesleben 
gerückt. Dieſer Vorgang ſchreitet unaufhaltſam fort trotz der franzöſiſchen Kulturpropa— 
anda jenſeits des Rheins, ja er wird durch ſie —— efördert: „Man merkt die 
bſicht und man wird verſtinimt.“ Die militäriſchen Gründe, die man einſt für den fran— 
— — geltend machte, fallen heut auch für den fort, der von dem TFriedens- 
gerede nicht viel halt. 

Wir brauden in unfrer aufgewühlten, nach dem en Snnigiten und Herbiten ver- 
langenden Seele ganz andres, als uns die frangofijde Dichtung bieten fann — vielleicht 
bon einigen flamijden Werfen abgejehn, die in franzöfiiher Spradhe gefdrieben find. 
Wenn man fdon eine romanijde Sprade lehren will, 1 ung man aljo zu einer folder 

reifen, die jenem deutlichen rlangen Erfüllung bietet. 

ttalieniihe und die jpanijche Sprade. ~~ RE 

_ Stalien bietet uns vor allem Dantes Göttliche Komödie, ein Werk, um deffentiwillen 
gu jeder qe viele Deutidhe Ftalienifd gelernt haben und lernen werden. Wud) Petrarcas 
edichte haben nod) immer ihren Sauber, Be ohne uns inbaltlid) etwas Unentbebr- 
Niches gu geben. Und dasjelbe gilt für das meifte Hafftiihe Schrifttum der ur Aber 
e3 reizt der Verjuch, aus dem italtenifden Sebbetst den italienijden Sunftgeijt gu er 
fennen. Das wird aber immer mehr ein Liebhaberjtudium bleiben. 

Spanien hat feinen Dante, aber e3 hat ein Werk, das jeder Deutjche aus Ueberjegungen 
tennt, eine Geftalt, die felbft in unjern Kinderftuben herzlich geliebt wird, eine Gejtalt, 
die uns Deutichen fo innig verwandt ijt wie feine italienijche, — denn —— 
den wackern Ritter von La Mancha, Don Quichote. Wir pflegen uns an der ſchönen Tieck— 
ſchen Ueberſetzung dieſes Werkes zu erbauen, aber Kenner des Spaniſchen behaupten, daß 
man einen vollen Genuß vom Don Quichote, insbeſondere von ſeinen ebenſo geiſtreichen 
wie langwierigen Reden erſt habe, wenn man ihn ſpaniſch leſe. Der Don Quichote iſt 
ein Buch, das wir gerade jetzt gebrauchen, das uns auch für die Zukunft unendlich viel ſein 
kann, vielleicht als den Spaniern fet Außer Cervantes geben un3 die Spanier 
den Calderon und Lope de Vega — was find uns ng Racine, Corneille und Moliéce! 


a famen in Betracht die 


Aber außer der Dichtung fallt fiir das Spanifde nod ind Gewicht, daß es die Spradhe 
Südamerifas ijt, eines Erdteils, zu dem wir befondere Beziehungen haben. Ein jehr großer 
Zeil unfrer Kaufleute wird immer jpanijch lernen müflen. 

Wenn oe die Frage ift, welche bon den wejtliden Spradjen wir auger Englijd lernen 
jollen, jo verlangt uns am erften nach dem Spanifden. St. 


Zu Margarethe Havemanns Kunft. 


Cire Beit, die fich feines Geiftes riubmen fann, der gut Klärung taufender fich twiderjtrei- 
tender Yndibioualtriebe dient, darf nidyt den fühnen Anjpruch erheben, die große 
Stunde anzufündigen, in welcher der alle Kräfte in fic) fammelnde Genius erjteht. Das 
heutige literarifhe und fritifche Handwerk efelt den Cingetreihten an. Vor dem Kriege 
war es die jtrenge ftaatliche Zucht, die jede individuelle Freiheit erjtidte. Das wirtihaft- 
lide Leben ubertwucherte das geiftige. Sekt, aller Feffeln der Zenjur ledig, erleben wir das 
peinlide Schaufpiel, daß der deutiche Geijt dem Andrang eines eingep — raſſen⸗ 
fremden Literatentums nicht Trotz iu bieten vermag. Starfgehobene Gejtaltungen, in 
intuitivem Schauen aus der Wurzel deutjchen Geiftes aujfdiekend, mitffen dialeftijchem 
a nn weichen, le Crgeugnifje als der mafgeblide Ausdrud heutiger 
eijtigfeit gelten. Die formalijtijhen Auswüchfe heutiger Kunft, die nur in mee 
itarten Kräften die Ankündigung einer Verinnerlidung it werden begrüßt und gepriejen 
al3 geniale NAeußerungen höcdhften Wollend. Der Eingemweihte fieht das dreifte Spiel ver- 
Iogener Schwäche. Ein Geringer im Geift Hammert fi an den Geringeren, von dem er 
weiß, daß er einen en, hinter 1 hat. dem die willig horchende Deffentlichkeit ihr 
Obr leiht. Und mander, der in Wahr ye tigfeit fich treu bleiben wiirde, drangte ibn nidt 
brinjtiges Verlangen zum Ruhm, begibt fid) in den liigenhaften Gdein der Yournalijtif, 
der fonderbare Schatten feiner Geftalt in das Publitum wirft. Der Geift de3 deutjchen 
Schrifttums jtinft! Aber der Gerudsfinn der urteilsunfähigen Maffe tjt fo een 
gegen üble Gerüche, daß fie fremden Sprachgeift und die Sprade einer Läfterfunft für den 
usdrud eigenen Erlebens nimmt. 

Der Wert einer Zeit wird nicht ausgedrüdt durd) die Kumjt, die fich ducch laute 


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marktſchreieriſche Anpreiſung bombaſtiſch ankündigt. Man denke ſich Tollers — 
Erzeugniſſe ane jein Mündener Gdidjal, aus dem Kapital gejdlagen wird. Taumelnd 
olgt die Majje der Reklame. Dasjelbe Bild bei Georg RKaijers dialettifdher Kunft, die 
een ohne jeeliihe Träger gibt. — Die Maske herunter vom faden Gefichte des Literaten- 
tums unjerer Zeit, das A gebärdet mit dem einen Erlebnis des Krieges und der Rebolu- 
tion als einer Stoffquelle fur jeine bewußten Wallungen, die nur Re zu fein 
jheint Wo ijt der Dichter, der die Ereignifje der legten re jo tief erlebt hat wie 
die Gejamtheit der Völker, um mit dämonijder Kraft das jeeliih Gejchaute in endgültige 
Bo zu bringen! Jn den Kliquen der Kunftjünger, die fid) um die Federjpiben der 
agestritifer dbrangen, um thr Lalentdhen anerfannt ju fehen, ijt nicht jener Geijt Iebendig, 
der in die Ewigkeit erhabener Xerfe treibt. Aufrichtige Kunjt hat nie einem plebejiichen 
Chacafter, auc) nidt, wenn fie ihre Motive aus dem Höllenjumpf des Lebens holt. 

Das fet gefagt, um auf eine Kinftlerin hinzumweifen, die durdy ihre vornehmen Perfon- 
lidfeitswerte von dem marktichreieriigen Treiben des modernen Kunſtlebens zurückgehalten 
wird. Margarethe Havdemann ift nur in engen Kreijen befannt. Hier bedeutet fie die Wir- 
fung, die Ergriffenbheit ijt, ein Leben im Wahrhaft-Beiftigen. 

ch betone das Wort, um auf den Gehalt ihrer Kunjt Hinzumeifen. 

_ ast Frau Havemanns Atelier ijt zur Beit ein Werk im Entjtehen, nur wenigen zu: 
ganglid). Aus einem in tiefen Falten gegliederten weiten Gewand, aufbegehrender Mafle 
des Steins — fo treiben die Linien aufwärts — ringt jich die von fich jchleudernde Gebarde 
der Arme eines von der Laft materialiftiihen Beitgeijtes niedergehaltenen Mannes. Die 
unbeziwingbare Schwere einer Welt wudtet im Godel unter ihm, dejjen Linien jih an 
eine aufftrebende Gebärde popes. Die Hande prefjen fich flach ineinander. Der Kopf ftcht 
tarr, leiyt nach jhräg vorn gebeugt wie bei cinem, der jich gegen eine Lajt ftemmiend jeine 
Kraft im Naden jammelt. Der aus dec Gegenwart des Lebens in die Haut diejes Ant- 
liges zujammengezogene er beivegt das Geficht. Durd die Didjtung unferer Zeit 
ringt fi das bewupte Streben, den Gerft diefer Cpode in Lyrik und Drama zu gejtalten. 
Ein Werk, daz ae Wollen genitgt hatte, ift bis jest nicht zur Tat geworden. &n diejer 
ey en Plajftif erfdeint das ungeheure Srauen, das den geijtigen Teil der heutigen 

enfdbeit bis in ihre fernjten ee ken erigüttert. ES ijt der Ausdrud jener legten 
Verzweiflung, mit der der Sfeptifer jih nod) einmal an den als eng DEE dott 
wendet, um mit ihm feine Seele angufillen. Seine leste Erfernntnis bleibt, an der Fulle 
Dente bannen Geijtes gemeffen, die Obnmadt der etvigen Madte, das Leid im Men- 
enlos zu tilgen. Der Geijt ijt wie a eine im inneren Menjchen endloje Glade ge- 
reitet, über der eine raumloje Bejonnenbeit in hoher Unendlichteit brütet. 
bh muß darauf Hinmweijen, bak, diefe Worte jih aus der Eigenart der Kunft Marga- 
rethe Havdemanns ergeben. SYhre Sejtalten beginnen demjenigen, der die Fähigkeiten be- 
ibt, fich in iby ftarfes Cigenleben zu verfenfen, in diejer Spradye zu reden. An Zahl ume 
angreich find die Werke nicht, die die Künftlerin zeigen fann. Seit zwei Jahren erft 
rängt ihre geftaltende Kraft in die plaftiihe Form. Cs ijt bezeichnend für die Richtung 
ihres Geijtes, daß fie fab nur Werke gejdaffen hat, die das menjdlide Antlig — als den 
Sammelpuntft aller jeeli sf iftigen Erfahrung — zum Ausdrudsmittel ihres perjönlichiten 
Wefens machen. Wer Gefühl für Raummaße hat, der muß um die ftark zufammengeballte 
eee Spannung, die jich in diejen Gefichtern ausdrüdt, mit innerem Auge eine rchitek⸗ 
tur ſchaffen, die die Gefühlskraft zu einer harmoniſchen Gliederung aufſtrebender Maſſen 
atoingt. Und bierin liegt ein Wejenhaftes diefer Kunjt, das mehr nod) in den Holgfcnitten 
tm Ausdrud fommt. Fern allem bewupten Veftreben, ihren Geift in das primitive Er: 
eben findhafter Kulturen zurüdzufchrauben, aus Margarethe Havemann aus gotifdem 
Empfinden, dem die Flucht in den Raum zu myſtiſchem Erlebnis wird. Fore Werke ftehen 
famtlic) in einem von perfönlihem Licht durchfluteten feelifhen Raum. Das Geundinotiv 
eines fo veranlagten Menjchen ift der Schmerz, muß der Sen fein aus dem Urerlebnis 
der heutigen Zeit. Wie fich aus der Struktur der Materie das Wefenhafte des Geiftes loft, 
jo drängt fich alles Gefühl in die Darjtellung des Schmerzes zufammen. 

Es ijt wie eine Aufballung über dem Seelifh-Beiftigen, eine Zujammenfaffung des 
am tiefiten Exlebten in die Verfnotung eines Augenblids, was ji in den „Masten“ aus- 
dritdt. Einzelne Gefichter haben foviel gu fagen, daß es einer gefammelten Vertiefung 
bedarf, um das Wefentliche auszufhöpfen. Nur Geiftigitarke werden diefe Kunft en 
diejenigen, die fich Hindurdlebten durd) ihr Leben, das fich nur in der Art ihrer Perjon- 
lichkeit auftürmte aus der breiten Flut der Maffe, vereinzelte Wellentöpfe, Herausgemworfen 
aus Weiter ap 2 ke lade, aus unberwufter, nie erfannter Urjadhe. Es ift eine 
Kunjt, der die Einfamkeit zum Urerlebnis wird, die Ginjamteit jeelijch- und gefublsmadt- 
voller Menfchlichkeit. Dieje Hunftmerte werden, fo ficher fie in den Deutungen des inneren 
Lebens find, immer nur für wenige erkennbar, ivie als fihtbarer Ausdrud des Wertvolliten, 
was die Zeit über die jeweilige Gegenwart hinausführt. 

„Wie das Antlih trieft vom Leide”: das bezeichnen die ftärkjten diefer Masten, die fich 
tm Ausdrud fteigern vom „Verjchloffenen”, der nach dent Elementarjten der Schmerz- 
erfahrung eingefehrt ift in die Erhabenheit feines Schweigens; bis zu jener des „Grauens“, 
das dec empfindet, der plößlich verftumntt vor feiner Qual in der Erjhöpfung aller feeli- 


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oe Kräfte und twillenlos in den dunfeln Wbgrund in fid) hineinjtürzt, aus dem feine 
ettung möglich ift. — €3 ware eine einfeitige Veranlagung, id) will befjer fagen: eine 
naturveranlagte Befdranfung de3 Kiinftlers, wollte er nur aus peffimijtifder Anjdauung 
des Lebens heraus gejtalten, was an Erfahrung und Ereignis feine jeclijd-geiftige Struftur 
durhwirkt. Margarethe Havemanns Lebensanihauung, die im weltichmerzlichen Empfin- 
den ihren Mittelpunkt hat, Hlärt ji) ab in ab erifhe Rube. Und aus der Rüdichau wird 
thr der geijtige Gewinn ei Erfahrungen zur beiteren Erhebung über das 
Zrübe der Eulenbraden MWiderjprüche, die von Menjh zu Menjich gehen. Sie wandeln II 
in ungeruhten Bewegen unjerer Zeit nur deutlider als in jener fünjtleriid armen der 
Borkriegszeit, die ihre aciftinen Motive von der Oberfläche des Genußleben3 jammelte. 
Margarethe Havemann hat bis jegt nur ein plaftiihes Werk gefdaffen, das die Ber- 
forperung gerubjamer, erhabener ae ijt. €8 ijt das völlig gejfammelte Gefühl in 
einer firauenmasfe, das ich nur vergleihen tann mit jener reftlofen bildhaften Einmün- 
dung alles Lebens in das Antlig, wenn fich die feeliihe Tiefe des Menjhen gang im 
IDEEOENDEN Mund und Gefihtsausdrud öffnet. Diefe Maske fordert zur Zwieſprache mit 


auf. 

Daß die Künjtlerin im Beifte dichterifher Anfchauung lebt, bezeugen ihre Holzihnitte. 
Shre Schnitte bezeichnete fie mit Verjen der Dichterin Hetta Mayr. Wie die Verwandt» 
jhaft beider Rinitlerinnen fic) im Charafter ihrer Kunft zeigt, will ih an einigen Bet- 
Ipielen zeigen. Hetta Mayr geftaltet zuweilen jo bildhatte Worte, daß die im Lefer 
erzeugte Vorftellung an Barladjjdye Blattit erinnert. 

; argarethe Havemanns Holzjchnitt „Zwei Engel” hat gotifhe Anjdaulidfeit. Man 
fühlt die Macht des unendlichen Raumes, von Sternen durhglüht. Die wunderbare Drd- 
nung der Öejtirne öffnet fid) in en und Fernen. Zwei Engel fchweben. Die Phantafie- 
traft des Bildes drüde ich am beiten mit den Worten a Rat aus: „Wir Engel 
ipreiten, traurige Stünftler, unjere Saupfligel über Gejege, die fic) felber einbalten.” 
Der Holzihnitt vermittelt une diefe Worte das Empfinden der drängenden fchöpferiihen 
Kraft, die 2 in die ewige Gefeslicdfeit einordnet. — Dann das Blatt des „Judas“. Der 
leidenjchaftlihde Willensimpuls des Kopfes, den die Unmittelbarfeit der Schwarzweißtechnik 
pat um Ausdrud DE ift ganz auf da3 Biel diejes problematiihen Jüngers gerichtet, 

n Meffias zur Vollendung in feinem Konigtum zu drängen. Diesjeits alles Lebens 
wohnt der Geift, im Menfchlichen aller jhöpferiichen Kraft, die zur Tat treibt. Hetta Mayr 
Ipricht ihre Bilderjpradhe: „Einer aber, der jie — gewinnt ein Lächeln und zieht es 
von ſeinen Lippen einwärts, die ſchwer ſich zutun, güldentorige Verſchlüſſe, hinter dem her— 
eingetragenen Licht.“ — Daß die Bedeutung der Kunſt Frau Kan ganz in ihrer 
eigenen ‘Perfonlidfeit begrundet ift und nicht der rje bedarf, fie zu erflaren, 
muß jedem Betrachter en Werke gum Bewußtſein werden, der jenes Blatt des er- 
—535 — Menſchen verſtanden hat. „Wie ſich Hände vors Geſicht legen, um die Er— 

ütterungen zuzudecken“ heißt es bei Hetta Mayr. Der Holzſchnitt iſt mehr als die 
namentliche Geſtaält der Dichtung, aus der das Wort genommen iſt. In ihm iſt jene höchſte 
Kraft geſtaltet, die die Vornehmheit des geiſtigen Menſchen iſt, ſeine ſchmerzvollſten Er— 
lenntniſſe niemand zu zeigen. 

Aus der bildneri Kunſt Margarethe Havemanns ſpricht der Menſch ee 
im Namen des feclifden Cros, der itber den Gejdledtern jteht. (Cin feltjam Typiſches 
ihrer Kunſt: an ihren „Masken“ iſt oft nicht zu erlennen, ob ein männliches oder weib— 
liches Geſicht dem Motiv zur erſten Anſchauung,. verhalf.) Sie nimmt ihre Motive aus der 
überreihen Natur der ſeeliſchen Welt, die geringeren Kräften, weil der Umfang ſeines 
Geiſtes den Menſchen bindet, ein verichloffenes Reich bleiben wird. 

Sans Majhmann. 








Der “Beobachter 





Voz dem Kriege war es das Ideal des braven Deutſchen, Beamter zu werden. Die 
Mutter ermahnte die mannbare Tochter: „Deern, ſeh zu, daß du einen Beamten 
kriegſt. Wenn er denn ſtirbt, haſt du doch immer die en enfichon.“ Der Beamte war 
— — aus dem immer ängſtlicheren Wettlauf ums Leben im überfüllten Deutſch— 
and. Er konnte beruhigt alt werden und ſterben. Seit dem Zuſammenbruch hat ſich das 
Verhältnis zwiſchen Beämtenſchaft und Bevölkerung umgekehrt. Heut iſt der Bauer, der 
andwerker, vor allem aber der geſchickte Kaufmann in der Lage, mit der Geldentwertung 
chritt zu halten. Und der Arbeiter fann immerbin ftreifen. Aber der Beamte? Sein 
verarmter Staat fann ihn nur notdürftig bezahlen. Er weiß nicht, wieviel dereinjt oe 
„Ihöne Penfion“ noch wert ift. Wie einjt der geficherte Beamte, fo ijt heute der valuta- 
gewandte Kaufmann das deal. Welches von beiden ift bejjer? — Keins von beiden. 


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Bye „mdilhe Weltverfhwörung” und „das jüdifche Streben nah Weltherrfchaft” fpielt 
eine große Rolle im antifemitifhen Schrifttum. Wir unferfeits glauben nicht an 
einen einheitlich geleiteten jüdiichen „Weltbund“. Wir willen, wie leicht fih einem Arge 
wohnifden aud) harmlofes Material zu einem bejtimmten PBhantafiebild zufammenjcließen 
fann. Uber man darf darum die Antifemiten nicht ala bösmwillig und verlogen Hinjtellen. | 
Wie entjtehen denn folde Anfchauungen? Wir lefen in der „Küdifchen Arbeiterftinme, 
aD der jüdifchen fozialdemofratifhen Arbeiter-Organifation Poale Zion in Deutich 
land” vom 15. Dezember 1921 Dokumente, welde die Ukraine betreffen: dem Bericht 
einer „Außerordentlihen diplomatiihen Miffion in der Tichechoflowatei” heißt es: „Ende 
zul (1921) fand in Prag eine borbereitende Sikung der Zionijten für den Karlöbader 

ongreß Statt. Unter den — befand ſich der bei uns bekannte Politiker W. N. 
Jabotinskyj, gegenwärtig Mitglied des Zentral-Exekutivkomitees der Zioniſten und Chef 
des zioniſtiſchen SO ence (unter ſeinem Einfluß befinden ſich 450 Tage— 
blätter der ganzen Welt), mit dem ich zwei Zujammenfünfte hatte. Als alte Freunde be— 
ſprachen wir prinzipiell die Frage, wie man die öffentliche jüdiihe Weltmeinung Lal 
lid) des Ufrainertums wieder einrenfen fonnte ... M. Slawinstyj.” Ferner lejen twir 
in einem „Ablommen“: „Beim Heere der ufrainifden Boltsrepublit wird proviforifch 
im Berbande der ufrainiihen Staats-Gendarmerie jüdiihe Gendarmerie begründet mit 
der Spezialaufgabe, die jüpdijche Bevölferung in den von den Truppen der ufrainifchen 
Bollsrepublif eroberten Städten zu befhügen ... An_ die Spike der jüdifchen Gen- 
darmerie wird ein „Jude gejtellt ujw.” Wir lejen von Yabotinstyjs „Altion im N 
1915 für die Schaffung einer jüdiichen Legion, die an der Seite der Alliierten füc 
Palaftina kämpfen jollte”. Und dann fommen die Niht-Zioniften und haben [ae die, 
welche bei folder Lektüre bedenklich werden, nichts als ein paar Grobheiten oder ein paar 
Worte vom böcdhjiten moralifhen Roß herab. Die Pflicht, den andern zu verftehen, gilt 
nicht nur für den Antifemiten, fondern aud fiir den Yuden. 


Girne wahre Gefdicdte aus Greig: Vor einem Duet jteht in Betradhtung verjunten 
— ein Mann, der wie ein guter Onfel ausfieht. Ploglid) fühlt der Mtann, wie fid eine 
Kinderhand in jeine Hand jhiebt. Er wendet fi und bemerkt irgend einen achtiährigen 
Hans; der hat offenbar großes Vertrauen zu ihm gewonnen. Hans bricht ploglid) ohne 
Umjtände in die Frage aus: ,Gaq mal, gibt es einen lieben Gott?” Der Onfel ijt erftaunt 
und nimmt jich des alles an. Er geht mit dem Hänscen jpazieren und erfährt: „Meine 
Eltern jagen, e3 gibt einen lieben Gott, aber unfer Lehrer jagt, e3 gibt feinen. Wir follen 
bloß glauben, was wir fehn und anfafjen können. Und er bat uns gefragt, ob wir den 
lieben ®ott jhon mal gejehn oder angefaßt haben. Das haben wir ja nidyt.” — Schade, 
daß der Mann vor dem Budladen in Greiz eın wirfli guter Onkel war. Wenn die 
Geihichte dem „Beobadhter” paffiert ware, jo würde er Ginsden folgendermaßen angeftiftet 
haben: „Lieber Hans, euer Lehrer weiß von dem lieben Gott a deshalb nichts, weil er 
ein tuppiger Stecl ift, der fein Herz im Leibe hat. Der liebe Gott jieht e3 gern, wenn man 
olde ruppigen Lehrer grün und gelb ärgert. Aljo gehe mit deinen Kameraden hin und 
piele dem Herrn Lehrer joviel Streiche, bis er vor Wut zerplagt und alle Biere von fid 
tredt. Denn Leute, die nicht an den lieben Gott glauben, pflegen über Gungensftreide 
bor Wut zu plagen. Und daran gefchieht ihnen recht.“ 


Ser „Beobachter“ muß ein reuevolles Bekenntnis ablegen. Er hat die „Jungen Men: 
jen” in den Verdadht gebradt, dak fie in der Saat ein Gammelfurium bon 
allerlei Zufammengelejenem feien und daß ihr nunmehr pazififtiicher Herausgeber „Walter 
Banner: bauptfählich mit Zettelläften arbeite. Nein, Hammer ift ein ganz originaler 
Schöpfer, das jei zu jeiner Ehre ED feftgeftellt. Er ift fogar ein Dichter! 
didtet Lieder von Hermann Löns völlig felbjtandig um. Lons hat in feinem „Reitergmann” 
got: „Ein Reiter zu Pferde / So reit ich durch'3 Land / Für Kailer und König / Und 
aterland.” Das ift natürlich veraltet. Da Löns tot ift und 1a aljo leider nidyt mehr 
der zuc Zeit fonjunkturgerechten Gefinnung anpaffen fann, entgiftet „Walter Hammer“ die 
monardiftifdhen Verfe ene en: „Ein Reiter zu Pferde / So reit ich durch’8 Land / 
ür Heimat, fiir Freiheit / Und Vaterland.” Der len Ausdrud „Baterland” 
ätte immerbin vermieden werden jollen. Bet weiterec politijmer Entwidelung reiten wir 
vielleicht „für Freiheit und Engelland“. Das reimt fih doh auch. Aber Hermann Lons? 
Der ift freilich „für Kaifer und König” ins Feld gezogen und dafür gefallen. Die Worte 
„für Ratjer und Konig” find für ihn fo etwas wie Belenntnis. Aber der Kerl i3 ja dot, 
man ijt fiher, daß er nicht eines Tages mit einem ftachlichen Wacholderait in der Yohns- 
allee auftaucht und die „jungen Menfchen“ nach veralteten pädagogiihen Anjhauungen 
bearbeitet. Einfach auslaffen fann man ihn nidt, denn er hat bet der Yugend eine gute 
Konjunktur. arum aljo nicht ein bißchen literariihe Leihenihändung? Am Ende 
merkt’3 nicht mal einer; denn das Lafter der Griindlidfeit hat fic ja die „Freideutiche 
Jugend“ mit Hilfe ihrer mafjenhaften genialen Führer glüd — abgewöhnt. So 
ziemlich das Einzige, was ſie bisher „gründlich“ beforgt bat. 


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J (rex eigenes Bolf, unjern eignen Staat, unfre — Kirche vermögen wir nicht zu 
geſtalten. Was tun wir alto in unjrer one eit? Wir madden uns an die Ge- 
ftaltung der gangen Wenjadheit. Pajftor otthold Liebejanft und Prof. Theodor 
Griibeltief müſſen alſo „die Menjchheit” organifieren und fie mit threr edlen Gejinnung 
pourdtranten”. est haben dieje beiden Deutiden einen „Religivien Menjchheitsbund“” 
ausgebrütet. Sie fragen mit erhobener Hand und tiefdringendem Blid: „Wer wird die 
Welt retten aus der gemeinjamen ungeheuren Not?” Und geben darauf in ihrem Daher 
die Antivort: „Der einmütige, ftarfe, gemeinjdajftlidhe Wille aller Berantiwortliden der 
gejamten Kulturmenjchheit. ie Hauptjade ijt ein gemeinschaftlich geivedtes Welt- 
le ift der Drud einer gemeinjchaftlich geformten srontliden Meinung, ijt ein ge- 
meinjames Gefühl für das mwohlverjtandene Yntereffe aller mit allen.” Und die SGdoje 
wird ent{dlofjen angepadt. Cs wird leet eine Organijation — „Zweck und 
Sinn der Sache ſind, ein Menſchheits-Gewiſſſenm zu ſchaffen, dieſem Gewiſſen Geltung 
au verjdaffen und die Gewiffenbaften in aller Welt zu vereinen, um dem Verhältnilje der 

ölfer, Shidten und SKlaffen zueinander das Gefewk der Gerechtigkeit und das Gefühl 
wechjeljeitiger Verantwortlichfeit aufzuziwingen ...“ Man will „Durch Wedung und Ver: 
bindung der Gewifjen das allgemeine Gejdehen und den Weltlauf felber weithin dem 
dunklen Walten „lozialer Gejete” und den dämonijhen Mächten der Gruppen-Egoismen 
Deda ihn rationalifieren.” Alfo die Gewiffen werden folleftin organifiert als 
„Menjchheits-Gewillen“. Dann brauden wir den unfähigen Herrgott nicht mehr, der die 
Harmonie der Gerechtigleit, die doch von Liebejanft jo deutlich gefühlt und von Grübeltief 
jo fathederflar Ddedugiert wird, immerlos durd „dunkles Walten“ und „dämoniſche 
Mächte” und ähnliche — Geſchichten ſtört. Wir, die Nachfolger des agen Petrus 
der Legende, verjtehn das BWeltregiment beffer als der a Kunjtjtüd! — Das 
Merkwurdigfte aber ift, daß jene Säbe gar nicht von Liebejanft und Grübeltief jtammen, 
jondern bon — Brof. Rudolf Dtto in Marburg, einem Manne, der immerhin Büder 
wie „Das Heilige” geichrieben hat. Hoffen wir, daß die Welt mit dem Herrgottserjas 
von Marburg nun befjer fährt als bisher. 


Zwieſprache 


Da⸗ Thema Kunſt und Sittlichkeit in Verbindung mit dem Schnitzlerſchen Reigen haben 
wir um ein Heft verſchieben müſſen; denn „unſer Herr Grippo fuhr über Land“, und 
Grippo, der „Urweltsſchlammwurm“, der „Lurch im Urſtrupp“, iſt, wie Friedrich Theodor 
Viſcher lehrt, ein mächtiger Herrſcher. Wir haben alſo das Heft anders aufbauen müſſen. 
Die beiden erſten Aufſätze geben nicht Endgültiges, ſondern Anregungen, beſtimmte Dinge 
genauer als üblich zu betrachten. 

Man macht es unſerm Volk zum Vorwurf, daß es nicht alles an ſeine Freiheit zu ſetzen 
bexeit ſei, und weiſt auf das Geſchlecht von 1813 hin. Aber vergeſſen wir nicht: 1813 war 
al möglich geworden, al3 das ganze Volk die Folgen feiner Unfreiheit handgreiflich im 
Alltagsleben jpürte. Wag merken wir denn heut Handgreiflich davon, daß wir une 
— ſind? Das Leben läßt ſich ja für die weitaus meiſten ertragen. Davon, daß man in— 
olge der Valuta ausgebeutet wird, merkt man nichts, man weiß es nur aus gedank— 
lichen Ueberlegungen. Man muß das Problem einmal ſo ſtellen: wie wird unſerm Volk 
= wirkliche Lage handgreiflid) wahrnehmbar und wie verbindet fi fein alltäglider Da- 











einswille mit der natürlihen Freiheitsfehnjuht? Erft wenn die Notwendigkeit der VBolk3- 
reiheit fiir jeden eine fühlbare Lebensfrage wird, ift zu hoffen, daß der Freiheitswille aus 
r Welt der jehönen Gedanken in die Wirklichkeit einfließt und in den Dafeinswillen auf- 
enommen wird. Dieje Problemjtelung Bröders follte fortan über allen fozialen Er- 
orterungen jtehn. — 

Die Yudenfrage haben wir feit einem vollen Sahıe nicht mehr in diefen Blättern be- 
handelt. Was bon uns aus gur Gade gu fagen ijt, haben wir hinreichend gefagt. Boeds 
Ausführungen, bilden eine notwendige Ergänzung zu feinen früheren Auffagen über 
literarifche Kritil. Daß für den Künftler feine Volkheit ebenfo bedeutfam ijt wie feine 
Perfönlichkeit, ift nicht zu bezweifeln. Fraglich ijt, wie weit man fics als Aufnehmender 
in fremdes VolfStum einleben fann. Boe gibt daritber jeine Anfdhauung, ohne fie näher 
zu begründen. - Wir werden in einem der nadften Hefte einen Auffag über das „Erleben 
des eignen und Verftehen des fremden VBolfstums“ bringen, der fid) grundfäglich mit der 
Stage b.jchäftigt. Befonders wertvoll find mir einige Hinweife Boeds auf volfspfydolo- 
giihe Verjchiedenheiten wie auf das Verhältnis des Judentums zu Homer. Yn einem Ge- 
Iprad) wurde ich einmal darauf aufmerijam gemadt, daß die Guden fein Verhältnis zu 
dem Olympifden des Griedentums Hatten; foviel Wertvolles jiidifde WAltphilologen aud 
a hätten, einen wirklich großen griehiihen Bhilologen, von einer dem Clympi- 
Gen tongenialen Art, hätten fie nicht hervorgebradt. Das Olympifde und Apollinifche 


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tft fiherlich tief in der Cehnindt de3 Deutiden angeleqt — = möchte nur auf Hans Hoff- 
manns rührende Gefhichten vom „Gymnafium zu Stolpenburg” hinweifen — aber ih 
muß geitchen, unter den jüdifchen Schriftitellern fehe ich mid) vergeblid nad einer ähn- 
lien innern Einftellung um. Deutihtum und Griedhentum ergibt zufammen meift einen 
wundervollen Klang. sudentum und Griechentum ergibt immer Gnojtif und dergleichen. 
&3 liegen da —— Unterſchiede volkhafter Art. Das Gebiet völkerpſychologiſcher 
Beobachtungen ſollte von der veel mehr angebaut werden. Bor dem reinen Geift 
der Wiljenjhajt wird das Frampfhafte Verhüllen und das Refjentiment auf der einen, das 
blinde oder Halbfidtige Anjcyuldigen auf der andern Seite weichen. — 

Ueber Ricard Wagner find gelegentlich Eritifche Bemerkungen in unferer — 

emacht worden. Ich En bin mufifalifch nicht gebildet und wage fein Urteil abzugeben. 

er ich will ganz perjönlich gejtehen, daß eine Parfifal-Aufführung meine übernommene 
Wagner-Verehrung beunruhigt hat. Das Yneinander des Einnlich-Heißen und des 
Spirituell-Heiligen war mir fchließlih jchwer erträglid. Yh jehe es als ein Unglüd 
oder jagen wir offen: als eine Robeit an, dak man Wagners Willen nicht geachtet und 
den Barjifal freigegeben hat. Cin foldhes Werk verträgt es nicht, durch die Geſchäfts— 
theater gejchleppt zu werden, es ift überall außerhalb Bayreuth unmöglich. ch wünfchte, 
dak man den Schaden wieder gut mace und den Parfifal allem Schematismus des 
Gefeges gum Trog allein dem Bayreuther Feltfpielhaus vorbehalte. Das verlangt nanz 
einfah die Natur dicfes Werkes: gerade wegen feiner inneren Schwierigkeit darf es 
nit denen ausgelicfert werden, die aus der Ausbeutung feiner Effekte ein Gefchäft 
machen. Ueber den Grund der Wirkung, die der Parfifal auf mid) ausübte, glaube id 
vortrefflide Erfenntniffe in Dr. Bruno Gols’ Schrift , Wagner und Wolfram” (bei Voigt- 
länder in Leipzig) gefunden zu haben. Aber Wagner bleibt bei aller RKritif das grofe 
Genie, und bor feinen ,,.Meijterfingern” verftummt jeder Einwand. Go haben wir ihm 
einen Bücherbrief gewidmet, von einem Renner und Berehrer des Meijters, um dem 
— zu helfen, aus der Maſſe der Wagner-Literatur das Weſentliche herauszu— 
inden. — | 

Zu dem Hinweis auf Stählina Vortrag vorn in den „Kleinen Beiträgen” möchten wir 
qe eine größere Schrift Stählins ankündigen, die in einigen Wochen bei der Hanfcatifchen 

erlagSanjtalt erjcheint und fi ausführlick mit den Fragen befchäftigt, die zur Zeit die 
Jugend bewegen. Titel: „Sieber und Heil in der Fugendbewegung“. 

Daß die Bilderbeilagen diesmal vielen wieder nicht eingehn werden, weiß id. Auf 
ir eingänglide Gedanken antwortet der Deutjche gewöhnlich jo, daß er fie entweder 
adtungsvoll dahingejtellt jein laßt oder daß er — ſie zu verſtehn. Auf ungewöhn— 
liche Bildwecke antwortet er ſo, daß er den Künſtler für verrückt erklärt und die Zeit— 
ſchrift, die ſolche Künſtler ernſt nimmt, abbeſtellt. Wir laſſen's darauf ankommen. Wir 
wiſſen, daß Margarethe Havemanns Kunſt, die freilich nicht ſo un ut wie bie 
Bilder in den HFliegenden Blättern, e3 wert ijt, die Empörung derer, die jel bftver- 
ftandlig 2 Kunftverjtändnis haben al3 ich, in Kauf zu nehmen. Die Anfchrift dec 
Kinjtlerin ijt Hamburg, Ublenborfter Weg 3. Ps . 

on Zeit zu Beit erhalten wir eine Bufdrift wegen der Fremdwörter in 
unjern Wufjaben. Yoh felbjt bermeide nach Möglichkeit die Fremdwörter, die als fremde 
aus dem deutihen Spradflang herausfallen. Wörter wie Politif, Kultur, Religion 
Ihrinden mir im Zufammenklang der deutihen Sprache höchft unangenehm aufs Irom: 
melfel. Einmal (im Leitaufja des erjten Heftes 1919) habe ich den Verjuch gemacht, 
auc jolche Wörter wie „politiich“ uf. zu vermeiden. Aber es ift ungeheuer fdirer, da 
man mit diejen Wörtern auf bejtimmte Borftellungsinhalte. die nun einmal fo geprägt 
find, verzichten und das Gemeinte ander® — und möglichjt beffer — ausdrüden — Die 
Zeit, die dazu nötig iſt, hat man als Tagesſchriftſteller nicht. auch wenn man wie ich 
gewohnt iſt, ſehr langſam zu ſchreiben und oft zu Manchmal hat man mit einem 
eſtimmten Fremdwort einen beſtimmten Zmed. Jedenfalls darf ich von mir ſagen. daß 
mir verhältnismäßig ſelten ein unbedachtes Fremdwort durchſchlüpft. Auch meinen 
Mitarbeitern ſtreiche ich mit ihrer Crlaubnis manches Fremdmort. Doch achte ich gege— 
benenfalls ihren eigenen Willen. Ich kann keine Schulmeiſterei vertragen, darum mag 
ich auch andere nicht ſchulmeiſtern. 

Die Worte am Schluß ſind aus Grimmelshauſens „Ganz neu eingerichteten, allent⸗ 
halben viel verbeſſerten abenteuerlichen Simplicius Simpliciſſimus“. Dieſes 1668 zuerſt 
erſchienene Buch verdient es. den Gelehrten entriſſen zu werden. Es kann heute ein Volks— 
buch der geſchichtlich Gebildeten werden. (Gute Ausgobe von Reinhard Buchwald im 
eee Wir verftehen feit dem Krieg und der Revolution diefen aotifch-baroden 

cift wieder, gerade auch mit feinen Schrullen und Narreteien. Und fo empfindlich 
fuliiviert find wir wohl auch nicht mehr, daß wir ung vor den derben Geriiden des Buches 
die Nafe zuhalten — wir fonnen wieder lachen darüber. — 

‚ Bon der zweiten Umfchlagfeite des vorigen Heftes habe.ich troß eifrigem Bemühen 
feinen Rorrefturab ug befommen. Daher ift ein geradezu ſchamloſer Druckfehler ſtehn ge— 
blieben: E3 muß Sei e 5 von unten heißen: über der Elbe. ftatt- über die Elbe Dah 
der erjte Beiftrih auf Zeile 10 v. u. cin Drudfebler ift, verjteht fi von felbit. — 

65 


Bum Schluß fei auf zwei Sachen hingewiefen: erftens anf eine Teilausgabe von 
— Naumanns —— „Gotteshilfe“, die unter dem Titel „Der Gottesglaube“ 
124 &., kart. 16 ME.) bei Bandenhoed und Rupredt in Göttingen erichienen ijt. Es iſt 
erfreulich, daß der Verlag aus der grofen Andadtfammlung diefen kleineren billigen Aus— 
eae herausgegeben hat. Yn diefem Bande ijt gerade aud) der bejonders jchöne Zeil, der 
ie Andachten „Gott und die Natur“ enthalt. — Brweitens: einige Hefte der „Süddeutjchen 
Monatshefte” von 1921 möchten wir bejonders aufführen: Yunibeft: ar “ (Ge- 
angenenbebandlung in Deutidland nad auslandifden Urteilen, Behandlung deuticher Ge- 
angener bei den Heinden) ayulibeft: ,Der große Betrug” (Urkunden zuc Sculdfrage). 

uguftheft: „Ein deutiches Gefangenenlager” (Ueberficht itber das Gefangenenlager bei 
aingolftadt, mit 33 Bildern, die a — der Gefangenen ſelbſt gemacht ſind). Sep— 
temberheft: „Die Wahrheit über Oberſch an (objeftive Beridte). Br ter te t: „Das 
beffere Deutidland im Krieg, von Harold PBicton” (von einem Engländer, der fi bemüht, 
objeftiv gu fein. Ueberjegt von Fr. W. Utfch). Diefe Hefte follten auch im Ausland mög- 
lichft befannt werden, um der Haß-Suggeition gegen alles Deutfche entgegenguwirfen. 
Yedes Heft foftet 4.50 ME. — | 

Die feit Dezember eingetretene ungewöhnliche AN DEN. der Bildwiedergaben 
notigt uns nun dod, Hin und wieder, wie in diefem Heft, die Bilder gu_befdranten. 
Nehmen wir dazu die Teuerung der Poft feit dem Wnfang diejes Yahres, die fiir eine Beit- 
fchrift erheblich ing Gewicht fällt — fo —— jeder, was bei 12 Me. vierteljährlich, wo— 
von noch der Buchhändlerrabatt abgeht, vom Verlag zu liefern iſt! St. 


Stimmen der Meiſter. 


Veni Wort feind befjer als ein langes Geplauder im Gedädhtnus zu behalten, und 
ihaffen, wann fie anders Saft und Nahdrud haben, dur das Nachdenken größern 
Nugen als en langer Sermon, den man ausdrüdlich verjtanden hat und bald wieder zu 
vergefien pflegt. — 
nalen jdhagte mid vor einen ohnmeilen Toren, und id) hielte jeglichen vor einen 
geiheiten Narren. ui ebraud) ijt meines Erachtens in der Welt noch ublidh, maßen 
ein jeder mit feinem Wig zufrieden und 1a einbildet, ex fet der Geicheitjte unter allen, 
da e8 doch redlidh eit: Stultorum plena junt omnia. — 
laube, e8 fei fein Menjd) in der Welt, der nicht einen Hafen im Bufen habe; dann 
wir find ja alle einerlei Gemadts, und fann ich bei meinen Birn wohl merken, warn andre 
geitig fein. , Oui, Ged,” modte mir einer antivorten, „mann du ein Narr bijt, meinft du 
arum, andre fein e8 aud?” Nein, das fage ich nicht; dann e3 wäre zuviel geredt. Aber 
dies halte ich davor, daß einer den Nacrn beffer verbirgt als der ander. E3 ift einer darum 
fein Narr, wannihon er närriihe Einfälle hat; dann wir haben in der vn end gemeinig- 
lih alle dergleichen; welcher aber folce herausläßt, wird vor einen gehalten, mweil teils 
ihn gar nicht, andre aber nur halb jehen laſſen. Welche ihren gar unterdrüden, fein rechte 
Sauertöpfe; die aber den ihrigen nad —— der Zeit bisweilen ein wenig mit den 
Ohren — und Atem ſchöpfen laſſen, damit er nicht gar bei ihnen erttide, die⸗ 
ſe ine alte ich vor die befte und berjtändigite Leut. — 
‘3 oy jih vor dem Tier, das Böpfe hat, will Er anders jein Glid und Heil 
0 n. — 

Was zur Nefjel werden foll, brennt beizeiten. — 

D Welt, behitte dicdy Gott, dann in deinem Haus führt man weder ein heilig Leben 
nod) einen gleihmäßigen Tod. Der eine ftirbt in der Wiege, der ander in der Jugend auf 
dem Bette, der dritte am Strid, der vierte am Schwert, der fünfte auf dem Rad, der jechite 
auf bem Sdeiterhaufen der fiebente im Weinglas, der adte in einem Wafjerfluß, der 
neunte erjtidt im reßhafen, der zehente eriworgt am Gift, der eilfte ftirbt gähling, der 
awolfte_in einer Schladht, der —— durch Zauberei, und der vierzehente ertränkt ſeine 
arme Seele im Tintenfaß. — 

Ihr redet von der Sache wie ein Teutſcher; wann ihr aber einer andern Nation wärt, 
fo mollte ich jagen, ihr hättet davon geredet wie ein Narr! 

Hans Yacob Chriftoffel pon Grimmelshaufen. 





Derzmageber: Dr. Wilhelm Stapel. (Fir den Guhalt verantwortlig). — Schriftleiter: Dr. Tu 
wig n .— RufSriften und Einfendungen find zu ridsten an I Scriftleitung bes 
Deutiben Golfstums, tg 36, iftenplag 2. unvetiangte Ginfendungen wird feine Derant- 
wortung übernommen. — Derlag anb Drurd: Danfeatiihe Deriagsanftalt Attiengefsilfchaft, Hamburg 
Dezngspreis: Disrteljäpelih 12 Markt, Einzelheft 4,75 MMart., für das Ausland ber doppelts Getrag. — 
PoK{Hettonto: Hamburg 15475. 

Rag@bruad ber Deiträge mit genausr Cigelienangabe if von ber GHetfticitung aus erianbt, anbsfhadet 
bec Megas bes Derfaffers. 


66 


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Aus dem Deutſchen Vollstum 


ann, Sonnenaufgang 


ethe Havem 


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Des Bahnfireiks wegen muß 
anftelle des nicht eingetroffenen 
Umfclagkartons diesmal ein 
Papierftoff Derwendung finden 


Deutfches 
Dolkstum 


Monatsfchrift für dns deutfche Geiftesleben 
Hernusgeber Wilhelm Stapel 


| Poftamtliger Himveis | 
Beutiges Dolkstum | 








Inhalt: 
Dr. Peter Ridjard Rohden, Dom Derftehen des fremden und Erleben 


de8 eigenen Dolkstums eseseseseseseseseseseseseses 
Dr. Hermann Ullmann, Raffedienft und nationale Zukunft eseses 
De. Wilhelm Stapel, Das Sefdift mit Serualien eseseseseses 


Bücderbrief: Dr. Ludwig Benninghoff, Bildermappen und Kunft- 


Kleine Beiträge: Dr. Karl Bernhard Ritter, Dom unbekümmerten 
Leben / „Tiur durd; den Dreck führt der Weg zu den Beftirnen“ / 
Dr. Wilhelm Stapel, Beamtenftreik / Dr. Hermann Ullmann, Zeit- 
genoffen. ]0. Der Dielfeitige / Dr. Karl Theodor Strafjer, IIwe Jens 
Lornfen / Prof. Dr. Ludwig Curtius - Heidelberg, Adolf Fu eseses 


Der Beobadter: Wie man anftändig und wie man unanftändig 
ftveikt / Der Tleid als Triebkraft einer neuen Zeit / Das beneideng- 
werte Krokodil / Sdjmock befingt den Blanz im Haufe Rathenau / 
Der nbgeblitte Uliftein / Der mit grüner Seife tiberftridjene Ernft 
Mori Arndt / Praktifcye Anwendung der Einfteinfchen Theorie im 
franzöfiijhen Parlament eseseseseses 


Bilderbeilngen: Adolf Fus: Engelskopf / Flußlandfchaft / Sol- 


datenkopf / Bergpredigt eseseseseseseseseseseseseses 





ETITCIOTEI OT 





Franjenatifche Derlagsanftalt, Hamburg 
Preis viertelj. 12 Mark Einzelheft 4.75 Mark 


März 1922 








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Schriftenfammlung in zwanglojer Reihenfolge 





Bisher find erfchienen: 


Bilanzen. Wie lieft und beurteilt man B. Don M. Müller 
Sreigeld. Hilft und $...........-.. Bon Edm. Kleinfchmidt 
Geldwirtichaft. Vom Taufchverkehr zur G.- Von dr. M.Böhme 
Gewertichaften. Geiftige Gliederung der G. Von YD. Bröder 


Handelsgejellihaften, Die............. Von F. Buße 
KRreditwirtfchaft. Wefen und Bedeutung. Von Dr. Krämer 
Runft. Seittunft oder Volfsfunft?........ Bon U. Sllies 
Runftgenuß. Dom rechten R....... Bon Dr. 2. Venning hoff 


Märchenichönheit. Von deutfcher M.... Von 5. Heyden 
Muſik. Das Volk und feine M..... Bon Dr. 9. Unger-Köln 
Reichstag. Etwas vom R. der Republit Bon Walther Lambach 
Republik. Das geiftige Deutfchland unddieR. Von Dr. W.Stapel 
Steuerwefen. BVerfchiedene Schriften erfter Fachleute. 


Syndifalismus. Die Gefahren de8 ©. ... Won BP. Bröder 
Umfasgfteuergefeg. Das U............. Von L. Gimon 
CVol€Stum oder Menfdbeit .............. Gon Or. W. Stapel 


Weitere Schriften find in Vorbereitung. 


Hanfeatiiche VBerlagsanitalt, 


Hamburg 


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TEICHE CT EEE 


Preis nad Umfang 
je 2 bis 10 Mark 


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Aus dem Deutiihen Volfstum - Adolf FJus, Engelfopf 





Deutiches Dollstum 


3.5eft sine Monatsſchrift J922 





Dom Derftehen des fremden und Crleben 


des eigenen “Bolfstums. 
1. 

& 8 erfcheint fo einfach, fo felbjtverftandlid), dak die Menichen einander veritehen. 

Und doch follte Schon die ganz alltägliche Erfahrung des Mihverjtehens, des 
Aneinandervorbeiredeng, jowie die tiefe innige Freude im Falle eines jeelifchen 
Einvernehmens zur VBorficht mahnen und felbit in dem geiftig Trägen eine Ahnung 
von der inneren Seltfamkeit diefes Zufammenftimmens erweden. Cinfad und 
jelbjtverftandlid) ijt der Vorgang des Verjtehens eigentlihd nur in der exakten 
Wiffenfchaft. Ein mathematijches Ariom ijt unbejtreitbar. Aber in diefent Falle 
handelt e8 fi auch gar nicht um das Verjtehen einer geiftigen Wejenheit, jondern 
fediglich um die Ueberleitung fonventioneller Denkformeln von einem Hirn in das 
andere. Shre Berechtigung erhalten diefe Formeln aus ihrer Anwendbarkeit in 
der Welt der Erfahrung. Es find Abkürzungen der Wirklichkeit, fignaturae rerum, 
ertvadjjen aus dem Willen des Menfchen, die Außenwelt feinen Zmweden dienftbar 
zu machen. Sie siwingen fich daher jeden zivilifierten d. §. auf Naturbeberrjdung 
abzielenden Menjchen von felbft auf. 

Diefe Art des Verftehens ift alfo sivedhaft gebunden und aus ihrem Bived 
her eindeutig bejtimmbar. Sie braucht ung nicht zu befchäftigen. Für uns Handelt 
es fih um ein anderes Problem: da3 Verftehen einer geiftigen Wefenheit. — Cin 
Freund erzählt uns ein Erlebnis, vielleicht in taftenden, ftammelnden, ganz unzu— 
reihenden Worten. Und twabhrend wir ihm laufchen, jpringt mit einen Male 
ein eleftrifcher Funfe von dem Sprecher auf uns über. Wir verjtehen plöglich 
nicht nur die Worte, fondern ihren Sinn, ihren Gehalt, da8 lUnfagbare, jenjeits 
aller Konvention Stehende, das Ziifchen ihnen Lebt und wwebt. (Sehr bildhaft 
bezeichnet diefen Vorgang das lateinische intellegere — „zwifchen den Zeilen Lefen.”) 
— Oder wir hören ein Gedicht, umd plößlich erfteht uns aus Tonfall und Wort: 
wohl greifbar die VBilion des Dichters, das Erlebnis, das in den Verfen Geftalt 
gewann. Man twird vielleicht einmwenden: das ijt eine Selbittäufchung. Das Gefühl, 
das die Dichtug in uns erregt, braucht gar nichts mit dem des Dichters zu tun zu 
haben und hat Höchftwahrfcheinlich auch gar nichts damit au tun. Aber ftellen 
wir uns dod) einmal probeweije auf den Standpunft diefes folgerichtigen Solipfis- 
mus. Was ijt die Folge? Die Unmöglichkeit jeder Philofophie, jeder Kumft, jeder 
Religion, furz einer jeden geijtigen Betätigung, die nicht mehr unter den Zweck— 
gedanken fällt. Yn grenzenlofer Einfamkeit fteht der Menfch da, nur auf jich jelbit 
gejtellt. Aller Sinn ift tot, alle Gemeinschaft zerriffen. Sollen die Begriffe: Ge- 
hichte, Kunft, Religion überhaupt eine Bedeutung für uns haben, fo müffen wir 
die Möglichkeit des Verftehens grundfäglich zugeben. 

Was aber ijt denn nun diefes Verftehen, und welche Rolle fpielt e3 in unferer 
geiftigen Welt? Das ,,Berftehen” Liegt in der Mitte zwifchen dem „Begreifen“ 
und dem „Erleben“. Ym Begriff machen wir uns ein Zeichen zu eigen, im 
Erlebnis aber eine geiftige Wirflichfeit. So fprechen twir zunı Beifpiel von dent 
Liebes,,erlebnis”. Wenn wir lieben, fo beherrfcht uns das Gefühl der Liebe. Es 
füllt uns aus. Wir erleben unmittelbar die geiftige Wefenheit „Liebe“. Das 


69 


Verftehen nun zielt givar aud) auf eine geiftige Wirklichkeit, aber e8 geht nicht 
völlig in ihr auf, fondern bleibt zeitlich oder räumlich von ihr getrennt. Zivifchen 
dem BVerjtehenden und dem Zuwerftehenden liegt eine Fremdheit, eine Kluft. Um 
Mephifto zu verftehen, braucht man nicht Mephifto zu fein. Man verfteht ihn, 
ohne in ihm aufzugehen, ohne fein eigenes geiftiges Sein aufzugeben. Der Abjtand 
gwijden der Goethefden Gejtalt und dem verftehenden Lefer bleibt gewahrt. Oder 
ein Beifpiel für die zeitliche Trennung: Wir erinnern uns an ein vergangenes 
Erlebnis, 3.38. einen Snabenftreih, und fuchen ihn zu verftehen. Bedeutet das 
etiva den Wunfch, ihn noch einmal zu begehen? Reineswegs! Wir empfinden ihn 
als etwas zeitlich von uns Getrenntes, zu dem wir jedoch durch die Kontinuität 
unferer eigenen Entwidlung noch eine getviffe Beziehung Haben. Dadurd) aber 
Icheidet fich reinlich da3 Verjtehen von dem Erleben. Der Erlebende ift ausgefüllt 
bon einem geiftigen Sein. Der Berftehende erfaßt eine geijtige Wirklichkeit als 
räumlich oder zeitlich von fich gejchieden, als irgendwie fchon durch das Medium 
eine3 fremden oder eines eigenen früheren Erlebniffes Hindurchgegangen und ge- 
formt. Die Vorausfegung des Verftehens ijt alfo eine doppelte: Fremdheit und 
doch Berührung. Wo jeder Berührungspunft fehlt, da ift fein Verjtändnis möglich. 
Der Taube verjteht nicht das Weien des Tones, der Blinde nicht das des Lichtes. 
E3 ift ihnen auch durch feine Belehrung beizubringen, fondern bleibt für fie ein 
inhaltlofer Begriff. 

Die einfachfte und vollfommenfte Art der Berührung unter gleichzeitiger Be- 
wahrung der Frembdheit ift num die Erinnerung. Die Heiligen Schriften der Yuder 
fagen von Buddha: „Er wußte um alle Geburten.” Er war einmal Stein, Pflanze, 
Tier, Paria, Krieger, Priefter. Und darum verfteht er den Stein, die Pflanze, 
das Tier, den Paria, den Krieger, den Priefter. Sein Verftehen ijt das Wieder- 
emporrufen einer übertwundenen Lebensforn, ohne daß er jedoch in diefelbe zurüd- 
finft. Er bleibt Buddha, aber er verfteht den Stein. Auf diefe Form des Ver- 
jtehens dürfte alles gejchichtliche Verftandnis guriidgufithren fein, twenigitens fotvett 
e3 di¢ Entiwidlung de3 eigenen Vollstums betrifft. Wie der Mtenfch tm Mutterleibe 
die verfdiedenen vormenfdliden Stufen durdmacht, fo durchläuft feine Seele in 
einer abgefürzten Wiederholung die Vergangenheit der Kulturgemeinfchaft, in die 
fie hineingeboren wird. Wir verjtehen das Mittelalter, weil wir felbft noch Mittel- 
alter in uns tragen. Dieje Keime fommen aber beim modernen Menjchen nicht 
zur Entfaltung. Es find in uns fchlummernde Möglichkeiten, die nicht mehr ver- 
twirklicht werden, aus irgend welchen Gründen nicht mehr verwirklicht werden 
fünnen. Der Abjtand braucht übrigens durchaus nicht immer ein zeitlicher zu jein, 
er fann aud) in einer räumlichen Abzweigung beftehen. So ftellt 3. B. die indifde 
Kultur die Verwirklihung einer der arifchen Seele eingeborenen Möglichkeit dar, 
die der Germane nicht vollendet hat. Das Raffenbewußtfein aber, das noch unter- 
Halb des völkifchen Gefühles fchlummert, läßt den deutfchen Geift auch diefen nicht 
bejchrittenen Weg noch als eine dumpfe Erinnerung an ein einst felbft erjtrebtes, 
Dann aber verfunfenes Ziel empfinden. 

sit nun bei der Erinnerung die Berührung zivifchen Verftehendem und Zu- 
beritehendem die denkbar engfte, weil wir uns ja nur eine frühere Wirflichfeits- 
form unjeres Jchs ing Gedächtnis zurüdrufen, jo bildet dazu den genauen Gegenpol 
da8 negative Verftehen, das Verftehen vom Niht-Jch Her. Die Berührung ift dann 
nicht mehr eine Ueberdachung, fondern ein Abtaften von Punkt zu Punkt, aus deren 
fonjtruftiver Verbindung nach miihevoller Arbeit lineare Grenzen entftehen, die fic 
Ihließlich zu einer gefchloffenen Figur verdichten fonnen. D. h. wir umschreiben 
und um-greifen den Gebalt de3 Nicht-Ydh folange, bis fich eine flare Form heraus- 
jtellt. Goethe hat diefe Art des negativen Verftehens vortrefflich in dem Verhältnis 
Mephiftos zu den Müttern ausgedrüdt. Der Verneiner kann die dee, Das fchöpfe- 
tiihe Leben nicht erfaflen. Wohl aber kann er den Weg dorthin befchreiben da- 
durch, daß er alle Yrrivege verneint und fie jo dem Suchenden gleichfam vertritt. 


70 


„Wohin der Weg?” — „Kein Weg! Wns Unbetretene, nicht zu Betretende; ein 
Weg ans Unerbetene, nicht zu Exbittende.” Die UAniweifung betvegt fic in lauter 
Negationen. Das ift logifd ein offenbarer Widerfinn. Und doch gehen wir als 
Verſtehende bejtändig diejen pfadlofen Weg. Das fommt am fchärfiten zum Aus- 
drud, wenn wir Das Lebensgefühl eines vollfommen fremden Kulturkreijes zu er- 
fafjen fuchen, 3. B. das Weltbild des Lao-Tje. Hier verjagt die Erinnerung voll- 
fommen. Denn das abendländifche und das mongolijche Weltgefühl Haben fic nie- 
mals in nennenstwerter Weife beeinflußt, gejchtweige denn durddrungen. Trokdent 
fonnen wir uns ein in den Umrifjen leidlich Eares Bild vom Denten und Fühlen 
des fernen Ditens mahen. Wir gehen überall von unferen Wertbeivußtjein aus 
und fonjtruieren ung dazu den fontradiftorijden Gegenjab, bis fchlieklich aus den 
dauernden Negationen und ihrer Verknüpfung der Umriß einer allerdings jchemen- 
haften Welt evwädhjlt, die an feinem Punkte die unfere ift. 

sn jedem praftifchen Alt des Verftehens nun freugen fich diefe beiden Me- 
thoden, und es ift für die Erfenntnistheorie oft gar nicht leicht, fie reinlich zu ent- 
wirren. Denn jelbit das rein negative Verfahren fest immer eine flüchtige Be- 
rührung, d.h. die gedachte oder zum mindeften dentbare Möglichkeit einer höheren 
Einheit voraus. Srgend ein „Sntereffe” muß vorhanden fein; ohne diefen Anreiz 
fommt ein Berjtehen nicht zujtande. Andrerfeits aber birgt auch die vollflommenite 
Art des direkten Verjtehens eine Fremdheit, einen Deutlich gefühlten Abitand. Denn 
Tobald ich mich reftlos an den betreffenden Wert Hingebe, jchlägt daS Verftehen in 
ein Erleben um. Wie in der Mathematik zwiichen den Werten O und „unendlich“ Die 
ganze Bablenreihe liegt, jo jteigen die einzelnen Alte des VGerjtehens an von der 
völligen Berührungslofigkeit zwifchen Seele und Kulturivert, die jedes VBerjtändnis 
ausfchließt, bis zur völligen Vereinigung, die den Akt des Erlebens ausmacht. 

2 


Welches aber ijt nun die Rolle des Berftehens in Rahmen unferer Kultur? 
Worin beruht fein Wert? Da muß nun gegenüber allen modernen Theorien auf 
das beitimmtefte betont werden, daß dem Berjtehen ein unmittelbarer Wert nicht 
gufommt. Das Verjtehen ijt zunächjt vollfommen twertindifferent. Einzig das 
. Erleben ift jchöpferiich, jchafft Werte. Das Verftehen dagegen übernimmt fremde 
Werte. €8 Hantiert gleicham mit ihnen. C8 ijt wertbeziehend. Wie wir dent 
Berftehen feine Stelle in der geiftigen Welt nur vom Erleben her anmeijen fonnten, 
indem wir es als ein Nicht-mehr-Erleben oder ein Nochenicht-Erleben bezeichneten, 
fo erhält e8 auch feinen Wert ausfdlieblid von der höheren Synftanz ber. Der 
Mert des Berjtehens richtet jich einzig und allein danad), tvieweit e8 zum Erleben 
hinführt beztv. wegführt. Denn beides ift möglih. Der Akt des Verjtehens fann 
der Sturmbod fein, der die Pforte zum Erlebnis fprengt. Wndrerjeits aber fann 
auch die verwirrende Fülle der Verjtandnismoglichfeiten den Weg zum eigenen 
Erleben erfchiweren oder gar verfperren. Unter dem Einfluß des Hiftorismus hat 
unfere Zeit da3 Berhältnis von Erleben und Verftehen geradezu auf den Ropf 
geitellt.. Ausgehend von der Tatjache des Verftehens, fuchte fie das Erleben als 
eine Grenzform desjelben zu begreifen. So gelangte fie notivendig zu dem völlig 
finnlofen deal des Allesverjtehens. Diefes deal aber ijt eine metaphyſiſche Un— 
möglichkeit. Das ‚„AM”, den jeder Formung fich entziehenden, lebendigen Beilt fann 
man nicht veritehen, fondern nur erleben. Jedes Verftehen fest eine Vorgeformt- 
heit voraus. E3 bedingt mithin, feinem Wefen nach, die Befchränfung auf einen 
bejtimmten Wertfompler. Brwifchen dem Verjtehen und dem Erleben bejteht nicht 
ein Gradunterfdhied, fondern ein Artunterfdied. Rein nod fo weitgetriebenes 
Verjtehen fann das Erleben erjeten, jowenig die Hochjte ausdenfbare Zahl den 
Begriff der Unendlichkeit überflüffig machen fann. 

Um nun diefen Grundirrtum unferer Beit über den Rang und Wert des Ver- 
ftehens „veritehend” zu erfaffen, muß man ausgehen von dem Wechfeljpiel ziwifchen 
Berftehen und Erleben, das die Gefhichte Der Menfchheit durchzieht. Zeiten und 

71 


Menfchen, die über ein ftarfes, eigenes Lebensgefühl verfügen, find gumeift dent 
Beritehen abhold. Sie verwirklichen eine feelifhe Dafeinsform fo reitlos, daß 
ihnen feine Zeit für die liebevolle Betrachtung der übrigen bleibt. Sn Epochen 
abjinfender Lebenskraft dagegen verfagt da3 eigene Erleben, jodak man fic) am Ver- 
ftehen jchadlos halt. €8 macht fic dann jenes fattfam befannte Philiftertum breit, 
das den Kampf der Lebensgefiihle bejammert und fich darüber aufhält, daß Goethe 
und SKleijt fic) abjtieken. War aber nicht jeder diefer Großen jo ausfchlieglich damit 
bejchäftigt, die in feiner Seele fchlummernden Möglichkeiten zu verwirklichen, daf 
er fich nicht damit befaffen konnte, dem andern gerecht zu werden? Erft dem 
Epigonen ift es auf Grund feines geſchwächten Lebensgefühles vergount, die Gegen- 
füge rüdjchauend zu „verjühnen”. 

Gegen eine folcde nachträgliche Betrachtung ift nun an fich durchaus nichts 
einzuwenden, folange fic) der Nachgeborene feines geringeren Wertes gegenüber 
den großen fchöpferifchen Geiftern betwußt bleibt und nicht verfucht, das Verhältnis 
von Beritehen und Erleben auf den Kopf zu ftellen. Diefe Gefahr aber ijt fehr 
grok einestetls aus dem allen Menjchen innewohnenden Trieb zur Selbitbejahung, 
andernteil8 aber aus dem verführerifchen Reiz, den das Verftehen mit feiner un- 
endlichen Weite auf den inftinktunficheren, unfchöpferifhen Menfchen ausübt. Denn 
Die Werte bzw. Wertfomplere, in denen wir leben, find notwendig begrenzt. Das 
Beritehen dagegen ijt nahezu — Wohl jeder denkende Menſch kann die 
Ausſprüche Chriſti verſtehen, d. h. ſie in ihrer Eigengeſetzlichkeit mitſamt allen 
daraus fliegenden Folgerungen erfaffen. Nur fehr tvenige aber fünnen nad) ihnen 
Ieben. Wird nun für das Berwußtfein des Verftehenden der Wefensunterfchied 
zwilchen Erleben und Berjtehen veriwifcht, fo ergibt fic) das grotesfe Bild, dak fic 
der Beritehende dem Erlebenden, der Reproduftive dem Produftiven überordnet. 
Berjtändnis verpflichtet nicht. E3 gehört weiter nicht3 dazu als ein ivenig guter 
Wille. Das Erlebnis dagegen fann man nicht erzivingen. Es ift Gnade. 

Daber find beide für einen gefühlsficheren Menfchen leicht gu fceiden. Und 
doch Evanft unfere Zeit an diefer Verwedflung. Unfer Gefchlecht droht unter der 
Tülle des gefchichtlichen Ballaftes zu erliegen. Das Wiffen um die Krankheit 
Ichließt zivar das Begehren nach Heilung ein, ift aber noch nicht die Heilung felbft, 
ja nicht einmal ein erjter, ernjthafter Schritt dazu. Der Ichlüffigite Beweis für die 
gedanklicde Notwendigkeit abjoluter Werte bedeutet noch feinesivegs den Belit eines 
in jich gefeftigten Wertbewußtjeind. „Es tft ein ander Ding zu glauben, ein anderes, 
die Notiwendigfeit des Glaubens zu eriweifen”, jagt ein deutfdher Myjtifer. Dem 
wahrhaft Treuen ijt die Treue fein Problem. Gerade Die Tatjache, daß wir fo 
frampfhaft über die Begriffe „Perfönlichkeit, Gemeinfchaft, Gott“ nachdenken, liefert 
den Berveis, dak fie ums nicht eigen find. Sonft würden wir fchtveigend danach 
bandeln, nicht aber davon fprechen und fchreiben. Diefe innere Unfichenheit ift 
nicht gedanklich zu überwinden. Solange wir an dem Bwiejpalt leiden, miiffen 
wir uns damit begnügen, die Wertreihe theoretifch vichtigzuftellen: Glaube über 
Wiffen, Gnade über Freiheit, Kunft über Kritik, Metaphyjif über Pfychologie und 
— um zum Ausgangspunkt zurüdzufehren: — Erleben über Veritehen. Das Er- 
febnis ijt der abfolute Wert. Das Verjtehen, an fic) twertindifferent, erhalt von ihm 
feine Würde. Leben ift mehr als ratio. Wertefchaffen mehr ald Werte verjtehen. 

Peter Rihard Rohden. 


KRafjedienft und nationale Sufunft. 


DIT alle wiffen ffar oder fühlen 2 wenigſtens dunkel: nicht die äußere Not 
bedrückt uns am ſchwerſten, das Schlimmſte iſt der Mangel an Autorität. 
Nur noch ganz kleine Geiſter (die jetzt allerdings den Staat, nicht das Volk beherr— 
ſchen) können nach dieſen Erfahrungen und Erlebniſſen glauben, daß irgendeine, und 


72 





war's die feinft erfliigelie Gefelljdhaftsordnung allein uns erlofen fonne. Wie fie 
auch ausjehen mögen, diefe Zufunftsftaaten alle: ohne eine int Tiefften und Legten 
veranferte Autorität, ohne jeelifch-geiftige Führung, Hat noch feine menjchliche 
Gemeinschaft beitehen. fonnen. Diefe aber fann man nidt erzwingen mit den Hebeln 
und Schrauben irgendeiner ftaatliden Ordnung, am wenigiten nad) dem Reifbrett- 
enttvurf erhißter, naturfremder Köpfe; fie muß wachfen. Und fie wird nicht eher 
wachfen, alg bis man wieder dvemütig und zum Warten fähig geworden 
ijt. Darum ift alles, was in Zeiten tie diefen die den Erdenfreis bis zum ande 
füllende Unruhe vermehrt, von höherer Warte gefehen, fündhaft — mag e3 bor den 
Barteigögen noch foviel Gnade finden. 

Meiit lebt ja in diefem frvampfhaften Springen nach dem allein-feligmadenden 
Staatsideal, ob es nun von rechts oder links unternommen wird, twenigitens ein 
Verfohnendes: der Glaube an eine noch irgendiwie beffere Zukunft. Aber diejer 
Slaube ijt Klein, ungeduldig, vom Tag genährt und mit ihm todgeweiht. O ihr 
Kleingläubigen, möchte man denen zurufen, die da meinen, fie müßten das Bolt 
oder gar die Menfchheit — immer in allerlegter Stunde — durdy Putjche, Staat3- 
Itreiche, getwagtefte Abenteuer und Experimente vom Abgrund zurüdreißen. Und 
mancher don denen, die fic) riejenjtart gebärden und die Rolle des Diftators zu 
fpielen unternehmen, ift nichts als ein nervenüberreizter Schwähling — mie fich in 
den Stunden der Enttäufhung und des Zufammenbruches zeigt. Wenn unfer Volt 
wur noch durch folche allerfchlimmite, törichtfte Gewaltfamtleit gerettet werden fan 
— dann ijt e3 auf alle valle zu fpat. Dann tut völlige Entfagung not. 

Und diefe it wohl im ganzen notwendig. Entfagung, aber nicht ohne Glauben; 
Entjagung fiir den Augenblid und fur dieſes Gefdlecdht, im Glauben an die fom- 
menden. Es wird uns, wollen wir ein unferer Lage gemafes, wiirdiges, flares und 
ganzes Lebensgefühl gewinnen — und ohne diejes fann nicdts Gegentvartiges und 
Zufünftiges gedeihn — gunachjt nichts übrig bleiben, als ung mit der Aufgabe der 
Wegbereiter, beitenfalls mit der Johannesleiftung zu begnügen. Vielleicht: 
tern wir diefer ung ehrlich und mit Treue widmen, daf unfere Demut und Hingabe 
belohnt wird; daß wir fehneller als wir hofften zum wirklichen Erlöferwerf, zum _ 
innerften Reuaufbau gelangen. Aber eins iſt ſicher: ohne demütige und ehrlich— 
ſachliche Selbſtbeſcheidung iſt es uns nicht beſchieden zu wachſen und neu 
zu werden. Alles ungeduldig, ſchnellfertig, fingergewandt, rede- und organiſations— 
luſtig Gemachte iſt gerade für uns Deutſche leer und ſinnlos. Wir ſind von der 
Zeit vor dem Kriege und ihren Schwächen, von dieſer Zeit der großen Geſten und 
Faſſaden, des Machen-WirGeiſtes und der Phraſe, des undeutſchen Betriebs und der 
verantwortungsloſen Erfolgsberauſchung noch nicht losgekommen — trotz des Zu— 
ſammenbruches. Wir glauben noch immer allzuſehr daran, daß wir dort anknüpfen 
können, wo wir 1914 aufhören mußten. Wir beklagen — mit Recht — die Ueber— 
wucherung durch volks- und artfremde Einflüſſe, durch Kräfte, die unſerem Weſen 
innerlich entgegenwirken, indem ſie naturfremd bis zur Entartung jenes ungeduldig— 
unfruchtbare Machen, jenes fanatiſche Springen nach dem alleinſeligmachenden 
Staatsideal geſchäftsmäßig oder aus eigener innerer Unraſt preiſen und fördern. 
Aber wir bedenken nicht, daß wir dieſes uns jetzt ſo erſchreckende Ueberwuchern des 
uns im Innerſten fremden, uns ſo ſchädlichen Ziviliſations-, Gründer- und Literaten— 
weſens (auf allen Gebieten) ſchon in der glorreichen Zeit vor 1914 von oben bis 
unten durch unſere eigene Verweichlichung vorbereitet und gezüchtet haben. Längſt 
ſind Menſchen, die aus unſerer eigenſten Art dem Blute nach entſprungen ſind, zu 
Schmarotzern am Volkskörper geworden, ſodaß die Unnatur nicht mehr auf dem 
allzueinfach⸗mechaniſchen Wege der Politik und der „Maßnahmen“ zu heilen iſt, 
ſondern nur noch vom Innerſten her, aus einer neuen Sittlichkeit und Sitten— 
geſtaltung. 
| Die Grundlagen diefer „neuen“ Sittlichkeit, die zugleich an die älteften Weis- 
heiten der menfchlichen inneren und Außeren Erfahrung antnüpft, find fehon ange- 


73 


deutet: mehr als bisher dem Werden, dem Wachlen, der Natur und dem Ererbten 
vertrauen, weniger dem Gemadten, Fertigen, dem Menfcheniverk und dem Crivor- 
benen. Mehrfidals Vorberetterund PflegerderZufunftdenn 
als „Behberriher” der Gegenwart oder gar als ,BVollender” 
der Vergangenheit fublen. Uns Deutjchen ift noch diejes Bufunfthlebens- 
gefühl erlaubt und möglih. Für ung ift e8, in diefer Vertworrenheit aller Wünjche 
und Begriffe, vielleicht im AWugenblid, ohne dah wir e3 wiffen, der feitejte Halt gegen- 
über den Weitvölfern. 
2. 


Doppelter Art find die Güter eines Volles: einmal feine Ueberlieferungsierte, 
alles, was e8 an Erlerns und Erwerbbarem befist, an Kultur, gejehichtlicher Er- 
innerung, Boden und Wirtihaftl. Dann aber jeine unmittelbaren Erbiverte: das 
an Lebenskraft, Leiblich-feelifcher Anlage, was mit dem Einzelnen geboren wird. 

Ein Volk ijt jolange nicht verloren, als feine Erbiwerte nicht vernichtet jind; 
ed tarın aber zugrunde gehen, auch wenn es mit den geivaltigiten Weberlieferungs- 
werten ausgerüjtet it. Hochjte volfijde Pflicht alfo ift e8: die Erbmwerte 
wahren und womöglidh bejjern. 

Den geheimnisvollen Gefegen, nach denen die Natur die Erbiwerte der Familien 
und Volfer verwaltet, ijt die neuere Natupwifjenjchaft auf vielen Wegen nachgegangen. 
Fhre Erlenntniffe bieten, jo wenig fie bisher troß ihrer Wichtigleit gepflegt wurden, 
Doch Ichon erite und gewichtige Möglichkeiten, da8 Walten der Natur zu unterjtügen, 
vor allem dort, wo menfdlide Willfiir und Naturiwidrigfett ihr entgegenwirkten. 
Sreilich rühren diefe Möglichkeiten an die tiefften Ratfel der menfcdliden Willens- 
freiheit. Wenn es aber wahr ift (und von diefer Annahme leben wir): daß es die 
Aufgabe des Menjchen ift, fein Leben ge jtaltend zu leben, jo reicht diefe Aufgabe, 
wenn fie Sinn haben fol, auch unzweifelhaft über fein eigenes individuelles Dajein 
hinaus. Während aber jelbjt härtefte, nüchternfte Tatfachenmenjchen den Sinn ihres 
Lebens darin erbliden, bei ihrem Tode Macht, Reichtum, Leiftung, Ueberlieferungs- 
werte ihren Bolt oder ihrer Familie zu binterlaffen, find die wenigſten 
beiwußt darauf bedacht, die von ihnen Hinterlafjenen Erbiverte fo gut wie irgend 
möglih zu gejtalten; ihren Kindern nach beitem Willen und Gewiljen die bejte 
Gewähr zu gutem Gedeihen: gute Erbanlagen, zu Hinterlaffen. Dabei weiß 
man Heute jchon genau, tvelche Krankheiten die Erbiverte jhädigen und geradezu die 
Erzeugung von Kindern verbieten: Alkoholismus, Syphilis, vielleicht auch Tuber- 
fulofe der Eltern. Wichtiger aber noch als diefe Pflichten des Einzelnen gegenüber 
feinen Kindern und Kindeskindern find Die der Gemeinfchaft gegenüber den fommen- 
den Gejdledtern und damit gegen fich felbft. Hier liegt eigentlich erft die grund- 
jtürgende WAufgabe der ,nenuen” Sittlidfeit. Zivar fann diefe nur wirfen, wenn fic 
der Einzelne ihr unterordnet und feine ganze Lebensführung nach ihr geftaltet. 
Die Gefamtheit fann ja aud erft für Sitten und Gefege gewonnen werden, wenn 
die Einzelnen genug erzogen find, die Natur wieder in ihre uralten Rechte eingu- 
ſetzen, wo menſchliche Willkür fich allzufehr ausgebreitet Hat. Aber das Verhalten 
des Einzelnen bleibt für dag Wohl und Wehe ganzer Gefchlechter machtlos, wenn 
nicht Die Gefamtheit diefem bewußt dient. Denn diefes Wohl und Wehe der fonr- 
menden Gejchlechter hängt nur zum geringiten Teile davon ab, wie die Einzelnen 
ihr individuelles Leben verbracht haben, ob in Not oder Glanz, fondern davon, welche 
Auslefe bei ihrer Fortpflanzung ftattgefunden Hat. Ermworbene Eigenjchaften 
werden, bis auf jene genannten Schädigungen, nicht vererbt. Diefe WAuslefe wird 
bei den Tieren und jungen Völkern von der Natur fo vorgenommen, daß die zum 
Dafein und zur Erhaltung und Gattung geeignetiten Individuen die „Erbjubitanz” 
empfangen und weitergeben. Bei Menfchen in „höheren“ Zivilifationszuftänden aber 
ift die Auslefe verfälicht. Unfere europäifchen Wirtfchafts- und Gefellfichaftsformen 
führen auch jolche Sndividuen der Fortpflanzung zu, deren Erbfubitanz weder zum 
individuellen Dafein noch zur Erhaltung der Gattung tauglich macht. Der „Kampf 


74 


ums Dafein” ijt gegenitber urtiinilideren Zuftänden nicht milder geivorden, aber 
anders gerichtet, der hinjtliden Gejellihaftsordönung angepaßt, in der wir leben. 
Diefe Gejelljhaftsordnung hat das Leben unterjocht, ftatt ihm zu dienen. Sie ijt 
Selbitzived geworden, ftatt Mittel zu bleiben. Am jchlimmiten wirkt fie dort, vo die 
Natur ihr eigenjtes Gebiet hat: int Leben der Gattung. Unfere Gefellfchaftsordnung 
wirft darauf Hin, daß gerade die beffer Gejtellten am jpätejten zur Fortpflanzung 
gelangen und die geringjte Anzahl von Kindern haben; daß die leiftungsmäßig und 
jozial tiefer Stehenden fich „proletarifch” vermehren; daß die Gattentwahl nach oft 
raffendienjtlih jehr ungünftigen Merkmalen vorgenommen wird und Tarjende 
tajjendienjtlich wertvoller Frauen nicht Mütter werden; daß Kranke und Srre zur 
Sortpflanzung gelangen und Wertvolle, Gefunde, durch die falfche Auslefe des 
modernen Majchinentrieges ausgerottet oder durch den Dafeinstanıpf gehemmt wer- 
den. Die moderne Geldwirtjchaft Löjt die Familie auf, enttwurzelt das Streben nad) 
Kindern, tötet das Verantivortungsgefühl gegenüber den Ungeborenen. Unjere 
Wirtihafts- und SejellfhaftSorönungmußzguallereritvon 
dDiefem Gebiete aus befampft werden, in allererfter Reihe unter Be- 
rüdjichtigung diefer Schäden. Man befämpft fie von ganz anderen Bedürfniffen und 
Wünſchen aus — ohne innerjtes Recht und deshalb ohne wahren Erfolg. Nicht der 
fommenden Gejchlechter wegen, nicht um jener unabjehbaren Reihe willen, in der 
Vater, Sohn, Enfel, Urenfel aneinander fich fügen, durch die das Leben des Ein- 
zelnen wahrhaft in die Unendlichkeit und Unsterblichkeit fich weitet, nicht um jener 
heiligen Gemeinjchaft willen, die dem Leben des Einzelnen Sinn gibt und fich vor 
yamilie gu Bolkstum, Volkheit und organisch wachjender Völkergemeinfchaft weitet: 
jondern um des erbärmlichen Vorteils des jet und Heute lebenden Einzelnen willen. 


3. 

Hier und nicht an den Banalitäten, Aeukerlichfeiten und Schlagiworten des 
politiihen Alltags jcheiden jid) wabhrhaft die Geijter. Die zwei Lebensrichtungen, 
die von Hier aus auseinanderitreben, laffen fic) mit feinem der üblichen politijchen 
Schlagworte bezeichnen; alle diefe find zu jehr mißbraucht und entwertet. E3 ware 
das Heilige Vorrecht derer, die fich fonjervativ, volfifch, national nennen, fich als 
Die Haupttrager jenes Verantwortungsgefühls gegen die heilige Erbgemeinjchaft des 
Blutes zu betrachten. Aber fie haben ihre Namen allzufehr belaftet mit Forderungen 
der Tages- und Wirtjchaftspolitif, als daß fie noch in jenem tieferen Sinne Autorität 
und Führung hätten. Die Gegenjeite ijt vielleicht leichter zu bezeichnen: das Liberal 
Mandefterlihe im Wirtjchaftlihen und Seelifdh-Rulturellen, daz Gewabhrenlaffen, 
die Verteidigung der individuellen Ungebundenheit, gegründet auf dem bequemen 
und dem Erfolgreichen günftigen Glauben, daß „der Menfch” „gut“ fei, diefe eigen- 
tümlich vationaliftifche Lehre „möglichft großes Glück möglichft Vieler”, die feit der 
frangöfifchen Revolution nicht nur im bürgerlich-[iberalen Handlerideal, fondern auch 
im Marzismus lebendig ift, dieje geiftigsjeelifche Haltung der (nicht politifch, fondern 
fulturell) „Fortichrittlichen” ift deutlich als eine einheitliche Geiftesrichtung fenntlich. 
Auch der Marrismus, der jeheinbar die Außerjte Gebundenheit des Einzelnen in der 
Sejamtheit anjtrebt, will diefe Bindung um der Wohlfahrt des Einzelnen 
tpillen, den er zudor aus der natürlichen und zeitlofen Gebundenheit und Gemeinfchaft, 
auch (mas man zu wenig beachtet) in den Wohlfahrt3- und Verfiherungswünjchen 
bon Familie und Volfstum, loft, unt ihn dann defto gewaltfamer in die fimitlid 
ziviltfatorifche, zeitliche der „Klafje” zu zwingen, die er wohl auch zur „Menſchheit“ 
jich erweitert träumt. Das Slafjenfampfideal ijt im tiefiten Sinn individualiftiich, 
nicht gemeinjchaftlich: es geht auf das „möglichit große Glüd möglichit Vieler” aus. 

&o deutlich fich in ihren Kulturinjtinkten diefe beiden Richtungen fcheiden: in 
Deutfchland zumal werden fie durch die politifchen Begriffe arg verwirrt. Auf der 
politifchen Linfen jtehen viele, die in Kulturdingen und im Wefentlichen völkiſch- 
national denken; auf der politifchen Rechten viele, die nicht feiter in der Bluts- und 
Erbgemeinfchaft wurzeln als irgendein Entiwurzelter und Fremder der Linken. Da- 


75 


durch vor allem verfnaueln fid) alle politi{den Rampfe in Deutfdland fo hoffmungs- 
log, Manfann nigt gugleih einemungehemmten KRapitalis= 
musundBVodenwuderdas Bortredenundnationale Kulture 
aufgaben pflegen. Sultureller Ronjerbati8mus fann mit wirtjchaftlich- 
politijdhen Reforniwiunfden fehr gut zufammengehen. a, e8 ift ficher: die raffe- 
dienjtlichen Fdeale verlangen gewiffe „Jozialiftifche” (nicht marziftifche), deutſch: 
gemeinfdaftlide Bindungen. 
4. 

So vermöchten wir, von einer Jicheren Grundlage aus, ohne Rüdficht auf die 
parteipolitifchen Verballhornungen, einen wahrhaften Nationalismus aufzubauen; 
ein volfifches Gemeinfchaftsideal, das an urtümlicher Bindungskraft dent mwurzellos- 
rationaliftifhen, an zeitliche Wirtjchafts- und Klaffenbegriffe gebundenen Sozialis- 
mus überlegen, an Einfachheit und Geradheit ihm gewadhfen wäre. Bon feinem 
Samiliengefühle aus fann jeder, auch der Einfachite, weiterbauen zu dem Verantiwor- 
tungsgefühl für die Gemeinschaft. Nicht die Wohlfahrt des gegenwärtigen Einzelnen, 
auch nicht des „Nebenmenfchen” ift das Nichtziel, fondern die Wohlfahrt der fom- 
menden Gefchlechter. Diefe „neue” Sittlichleit würde, wenn fie Gemeingut geivejen 
ware, unferer gefamten Gefebgebung, bom Strafrecht bis zur fozialen Fürforge und 
zu den Steuerplänen, ein anderes Wefen geben. Sie würde unfere Parlamente 
allmählich umgeftalten, weil fie politifche Forderungen in den Vordergrund fchöde, 
denen feine Partei außer aus offensraffefeindlicden Gründen fich widerfegen fonnte 
(ohne dah man, wie jebt, diefe Naffenfeindichaft Hinter politifhen Schlagworten ver= 
bergen fonnte), fie wiirde unfer Schul- und Erziehungsweſen, unſer Familienleben, 
unjere Wirtfchaft und unfere Sitten umformen. Und fie würde, das wäre die 
unmittelbarfte Wirkung, auch da8 Lebensgefühl des gegenwärtigen Gefdledts ver- 
tiefen und flaren. — 

Bor Furzem jtarb einer der meiftwerdienten Männer der legten Jahrzehnte, 
Wilhelm Schallmayer. Die Zeitungen nahmen faum Kenntnis davon. Wenn fein 
Bud „Vererbung und Auslefe im Leben der Volker”*) in einer Inappen leicht Ies- 
baren Volfsausgabe verbreitet twürde, fo bedeutete das eine ganz andere Stärkung 
des nationalen Lebens als die ftrammiften Agitationsphrafen der politifchen Vereine. 
Die Ueberlieferungswerte zu wahren durch völkifche Erziehung und Bildung ift etn 
wichtiges Mittel im Kampf um die Rettung des tiefvunden deutfchen Volfstums. 
Der vornehmite Gegenstand diefer völkifchen Erziehung aber fet: die Pflege der 
Erbiwerte, unverfümmert durch Phrafen und Schlagworte, rein und ficher zu lehren. 

Dan frage alle unfere Abgeordneten in den Parlamenten Mitteleuropas: mwie- 
viele von ihnen diefe Aufgabe auch nur verftehben. Man prüfe unfere „Führer“ 
auf allen Gebieten, wie tveit hr Denken jenen Aufgaben Rechnung trägt. Raffedienft 
(der mit dem Kampf der Raffen an fich nicht das geringfte zu tun hat) ift gerade 
dem deutichen Volke einftweilen noch unendlich fremd. Sn England und Amerika 
haben jtarfe, bewußt geführte Bewegungen im Anfchluß an jene Gedanken eingefeßt. 
Bei ung ijt einftweilen die „Linke“ (im kulturellen Sinne) ein bemwußter Gegner des 
Raffedienlichen (teild aus Raffeneid, teil aus Naturentfremdung und Doltrinaris- 
mus), die fulturelle Rechte aber ein viel zu dilettantifcher, unbetwußter, führungs- 
und bildungslofer Freund des Raffedienliden. Gn England und Amerika gibts 
nur politifche, nicht in unferem Sinne fulturelle Rechts- und Linf8parteiung. Iſt 
dort der Raffedienft überhaupt einmal als national dienlih erfannt, fo ift er 
auch praftiid anerkannt. Bet uns forgen Freund wie Feind des NRaffedienites 
(wie Schallmayer die Raffehygiene eben wegen des Mifbraucdhs diefes Wortes 
nennt) dafiir, daß politifche, unfachliche Motive fich einmifchen. Sehr fcadlich ift 
der Sache des Raffedienftes bet uns der dilettantifche Raffedünfel, die Spielerei mit 
Blondheit und „germanifchen” Orden. Sie hängt fich wie ſoviel wohlmeinender 
Dilettantismus und fo mandes gejchäftstüchtige Demagogentum der nationalen 


*) Guftad Fifdher Verlag, Jena. 2. Auflage 1910. 
76 


Bewegung als Ballaft an und bietet ihren Feinden, den bewukten Gegnern alles 
Raffedienlichen, den Fürfprechern und Helfern de3 Chaos und der Entartung, fdad- 
lihe Angriffsflähen. Auch aus diejem Grunde: um in der nationalen Bewegung 
mehr Sadlidfeit und Feftigung gegen PHrafen, fowie fampferijhe Schulung gegen 
die Entartung und deren Helferjchaft zu erzielen, tut dringend die gründliche Be- 
Ihäftigung mit den Fragen des Raffedienftes not. 

Bor allem aber und am metften in den Grenggebteten. Dort gibt3 an vielen 
Stellen geradezu nur noch diefe eine Rettung vor volligem Untergang in politifcher 
und fultureller Bedriidung: bewußte Pflege der Erbiverte. Das Grenzdeutjchtunt 
ift auch hier twie auf vielen Gebieten eine Probe auf die Lebensfähigkeit des ganzen 
deutjchen Bolfes. DBerjagt es, jo verfagt das Deutjchtum im Ganzen. Raffedienit 
zufammen mit Pflege der Ueberlieferungsiwerte allein fann e8 retten. 

Hermann Ulli mann. 


Das Gefchäft mit Gexuatlien. 


UVeberflüffige Gebietsftreitigfeiten. 


e mehr die Menfchen ihre Unbefangenheit verloren und fich des unmwillfürlichen, 
finnenhaften, quellfrifchen Lebens entwöhnt haben, je mehr fie alle Entjchlüffe 
und Taten, Statt fie vom Herzen in die Hand ftromen zu laffen, ins Gehirn hinauf- 
pumpen und durd die Filter des disfurfiven Denkens feihen, um jo mehr zer- 
brödelt ihnen das Eine große Dafein ringsumber in Imuter „Gebiete”. Der Denker 
abjtrabiert und fyftematifiert: dDiefen feelifden Akten kommt da3 Merkmal des 
Sittlihen zu, fie gehören in das Gebiet der Sittlichkeit; jenen aber kommt das 
Merktmal des Politifhen zu, fie gehören in das Gebiet der Politif; den dritten 
fommt das Merkmal des Nefthetifchen zu, fie gehören in da8 Gebiet der Runft. 
Und nun liegt das Leben vor der armen Seele da wie die Landkarte des mweiland 
heiligen römifchen Reiches: ein buntfchediges Nebeneinander von taufend Territo- 
rien. Sn jedem Gebiet hat ein Fachfimpel feinen abfoluten Herrfcherthron aufge: 
richtet, er hat Zollfchranten gefegt und wacht mit Fachkunde darüber, dak fic) fein 
religiöfes Urteil ins Politifche, fein fittliches ing Wefthetifde, fein politifches ins 
Wirtichaftliche Hinüberwagt. Sereniffimus Fachfimpel find von ihrem Gottesgnaden- 
tum tief Durchdrungen und willen, daß höchftdero Gebiet, genau genonmnten, allein 
geltungsberechtigt fet. Der abjolute Fachfimpel ift nicht weniger unduldfam als 
der abfolute Fürft des rationaliftifchen Zeitalters: ex fucht mit feinen Bataillonen 
die andern Gebiete fich untertan zu machen — wenn’s fein muß, auch durch Heiraten. 
Seit der Berftand das Leben mit Begriffszäunen durchzogen und umzirkt hat, 
find aud aus den beiden menfchlichen Verhaltungsweifen, die wir fittlid) und 
afthetifd nennen, stvet ,,Gebiete” getworden. Das Sittlihe ift für die Leute da, die 
e3 mit der „Jittlichen Erziehung des Menfchengefchlechts“ zu tun haben, insbefondere 
für die Paftoren und Dorffchullehrer. (Für die andern fommt die Sache weniger 
in Betradt.) Das Nefthetifche ift für die Künftler da (und in entfprechender Ab- 
minderung für alle Kunftgenießer). Dem Paftor darf die Kunft Hefuba fein, und 
der Künftler darf auf die Sittlichkeit pfeifen. Feder fißt auf feinem Thröncdhen und 
behauptet die „Eigengefeglichkeit” feines Gebietes. Er fieht in das jenfeitige Gebiet 
nicht ohne etivelches Wähtrauen hiniiber — ift da8 Andere, Fremde nicht eine über- 
flüffige, ja gefährliche, vernunftwidrige Ausgeburt des Lebens, die man durch einen 
Krieg oder durch eine entfchloffene Heirat aus der Welt jchaffen müßte? — — 

So entitehen die „Konflikte“ zivifchen „Kunft” und „Sittlichkeit”. Alle Naivität 
ijt dahin; die einzige Naivität, die wir uns bewahrt haben, ift die Einbildung, wir 
lebten im ziwanzigiten Sahrhundert. Wir leben nach wie vor im adtzehnten 
Sahrhundert. Die Kalendermacher haben fich beim Auszählen der Sonnenumläufe 
verrechnet. 

Wenn die Menfchheit ing zivanzigfte Syahrhundert einlaufen wird, fo wird fie 


17 


begreifen,. wa3 ihr früher jo felbjtverftandlid) war, dak fie e8 gar nicht erft zu 
„begreifen“ brauchte: daf Kunft und Sittlichkeit aus ein und derjelben Seele erblühen 
und daß darum beide eben die Struktur diefer Seele haben. C8 fommt allein davauf 
an, daß die Seele wohlgeraten aus Gotte8 Hand hervorgegangen ift — fo ift 
fie echt und recht. Echt in ihrer Sittlichfeit und echt in ihrer Kunft. Ein guter 
Baum bringet gute Früchte, aber ein fauler Baum bringet arge Früchte. Ein 
gewifjenlojer Künftler und ein finnenfremder Pfaff find faule Bäume. Sie haben 
beide den Wurm in fich, der nie ruht und die Früchte vergiftet, 

Mögen die Erzieher und die Aeftheten fich jtreiten um den „fittlichen Gehalt“ 
und den „Kunjtivert”, wir fragen: ijt das Werk echter Ausdrud einer gottbegna- 
deten, wohlgeratenen Seele? So wie wir uns die Freunde fuchen, die zu ung 
paffen, fo fucen wir uns die Kunjtwerfe, die zu uns paffen. Und fo wie 
wir nicht Menjchen in unjer Haus aufnehmen, die uns in der Seele zuwider find, 
jo lafjen wir ung feine Kunjtiverfe aufziwingen, die nad) Mofchus ftinfen. Diejes 
„Mögen“ und „Nichtmögen” ijt fein leichtfertiges Urteilen, fondern e8 ift getragen 
bon der Achtung für alles Lebendige. Darum dürfen wir fcheiden. Und darum 
iit unfre Liebe bejtimmt und Har, unfer Haß feft und rücdjichtslos. Unfer freies, 
unbegreiflihes Mögen und Nichtmögen ift unfer Re dt. 


Die erfte Vige. 

Wir fragen aljo nicht, ob der Benusiwagen, ob Schnitlers Reigen oder Celly 
de Rheydts und Lola Bachs Nadttänze Merkmale aufweifen, vermittels deren man 
jie bor den Bataillonen des abjoluten Sittlichfeitsfimpels in das Herrichaftsgebiet 
des abjoluten Kunftjimpels Hinüberflüchten kann, fondern wir fragen: was für 
einer Seele Kinder find fie? Können fie uns ernfthafte oder auch nur auf ein 
Weildhen liebenswiirdige Freunde fein? Können wir mit ihnen verkehren, ohne 
das Gefühl zu haben, in mindermwertiger Gefellfehaft zu fein? 

Ganz gewiß hängt die Entfcheidung nicht davon ab, ob die Tänzerin befleidet 
ijt oder nicht, ob das Bildiwerk gefchlechtliche oder fonjtige Vorgänge darftellt, ob 
in einem Schaufpiel gefündigt wird oder nicht. ES darf in einem Schaufpiel oder 
auf einem Bilde geftohlen, gemmrdet, ehegebrochen, gelogen, verraten werden durch 
alle Abgründe der Hölle Hindurdh. Alfo fame es nur auf das Wie, auf die „Form“ 
an, wie die geiftig Armen unter den Sntellektuellen meinen? Dann wäre Kunft 
nicht von Künftlichkeit zu unterfcheiden. E3 fommt auf die Künftlichkeit der Form 
ebenfo wenig an wie auf den Inhalt. 

Das Kunftwer! empfängt feinen Wert bom Werte feines Schöpfers. Mag 
die Form barbarifch, mag der Anhalt gehäufte Todfiinde fein, wenn der Meifter, 
der diefe Welt geftaltete, eine große Seele hat, jo — lobt das Werk den Meifter, 
und wir achten das Werk vie feinen Schöpfer. (Wir fagen „Meifter” und „geitalten”. 
Ein Stümper ift fein Meifter und fitfden ift nicht geftalten. Aber das find 
Vorausfebungen. Am übrigen gilt Raabes Wort: „Was ein bedeutender 
Menfdh Mittelmagiges gemacht hat, das ift bon größerem Wert für die Menjchheit, 
als was ein mittelmäßiger Menfch Bedeutendes gemadht.”) 

€3 fommt alfo nit auf die Sünde an, die in einem Werfe geftaltet ift, fondern 
auf die Seele, welche die Sünde geftaltet hat. Will ein Künftler durch fein Werk 
irgend eine Gemeinheit propagieren, oder will er fih an der Gemeinheit in 
der Phantafie meiden, fo würde man ihn mit Recht einen Lumpen nennen und 
fein Werk in den Mülllaften der Kunft und Literaturgefchichte werfen. (Mach 
hundert Sahren fommen dann Lumpenfammiler wie Franz Blei und wiiblen einiges 
heraus, twas fic) an mifgeborene Gourmands verhofern läßt. Lumpenfammier 
wollen um jeden Preis leben.) Ein Künstler fol als Menih über der Welt 
itehn, die er bewegt. Er foll, um eines jener genialen Raabemworte zu gebraudhen: 
frei durchgehn. Dem, aber auch nur dem ift alles erlaubt, der durch Elend 
und Lafter, durch Glanz und Herrlichkeit frei Hindurchgeht. 

Sehen wir nun Schniglers Reigen — da wird freilich eine große, ffeptifche 


78 


Seele gemimt. Aber es ift uns nicht wohl bei ihrer Berührung. Wir empfinden 
Pofe. Schnitler geht nicht frei durch. Der Schlingel hat ein Lüftiges Behagen 
an feinen gehäuften Zötchen. Die „Pbilofophie” des Reigens ift nur eine Kuliffe, 
die das Liljtchen des Autors und der Geniefer — verfteht fih: der Sorte Genießer, 
die Bejcheid weiß — entfchuldigen joll gegenüber denen, die fauber empfinden. In 
der Maske de3 Philofophen lakt Sdnibler feine Perfonen Dinge jagen und tun, 
die fie nicht um diefer Pbhilojophie willen jagen und tun, fondern um Arthur 
Schnitler und jeinesgleichen janft anzugeilen und erotifd zu fibeln.*) Die Kunft ala 
Entihuldigung. 

Hier liegt die Liige jo mander „Kunjtiverfe”: die Form der Kunft wird benust, 
um darin unbehelligt da3 unreine Wefen de8 Autors auszulaffen und fich mit 
Genoffen im Kot lächelnd zu verjtändigen. Kommt der Staatsanwalt, nun — fo 
it e8 eben „Kunst“. Und es findet fich wohl auch ein Richterlein, das auf das 
Brimborium hineinfällt; wenigstens in Berlin. 


Dieandere Vige. 


Bon Fean Francois Millet erzählt man eine Anekdote: Um fein Leben zu friften, 
malte er eine Zeitlang Kleine Nuditäten im Stil de8 achtzehnten Jahrhunderts. 
Als er eines Tages vor einer Kunfthandlung ftand, in der folch eines feiner Bilder 
auslag, hörte er jemand fagen: Ah, der Millet macht immer diefe hübjchen nadten 
Frauen! Da — jhämte er fich, verlieh Paris und ging in den Wald von Barbizon. 

Man jtelle fi vor: Goethe hätte aus irgend einer Laune ein frivoles Büchlein 
geichrieben. Ein Buchhändler hätte davon erfahren und ihm mit wäfjerndem Munde 
ein „Bombenhonorar” angeboten. Würde Goethe — gemacht haben da8 Gejchäft? 
Bor dem Blid Goethes wäre der Buchhändler gedudt zur Tür hinausgefrochen. 

Arthur Schnigler — hat gemacht das Gefchäft. Die Graphifer, die fic) von 
Gurlitt an den Venuswagen fpannen ließen, haben auch gemacht das Gefcaft. 
Ouod licet Yovi, et licet bovi: Was ein Gott darf, darf auch eine Kuh — meinten 
in ihrer Geldverlegenbeit die Celly, die Lola und was ſonſt in der erjten Mainadt 
auf dem Befen durd) den Schornftein fahrt, tangten im Blodsbergfojtiim auf den 
Standpunk Sdniglers und der Venuswagenmeijter und madten a u ch da8 Gefdhaft. 
Das Gefchaft. Das Gefdmhaft? Kun ft madten fie, Herr Staatsaniwalt! 

Miirde Gurlitt den Venuswagen herausgebracdt haben, wenn er fein Gefcaft 
damit hätte machen finnen? Wiirde Sdnibler den Reigen haben auffiihren laffen, 
wenn er feine Tantiemen dafiir befommen hätte? Würden die Theaterdireftoren 
den Reigen auf die Bühne bringen, wenn er nicht ihre Kaffen füllte? Oder tun 
wir den Leuten mit unferm Zweifel unreht? Dann fchlagen wir folgendes Gefeh 
por: Die Zenfur bleibt abgefchafft, aber — von jedem Theaterftüd, Tanz, Buch, Bild, 
das jich befonders an das erotifche Yntereffe wendet, erhält der Künjtler und Ge- 
Ihäftsmann nichts als die baren Auslagen, aller Gewinn fließt in die Staat3- 
faffe. Dann wollen wir fehn, was für Opfer die Herren Schnibler, Stade, 
Gurlitt, Seweloh und was fonft in diefe ferieufe Atmofphäre gehört, im reinen 
Dienft der Kunft bringen. Wenn fie dann noch ihren Betrieb mit Serualien auf- 
recht erhalten, wollen wir an ihren guten Glauben nicht mehr zweifeln. 

Einem Goethe würde fchon der Berdacht unerträglich fein, daß er um 
Geldes willen Schlüpfrigfeiten unter8 Volk laffe. Er würde auch den Schein meiden. 
Wie manchen Vers hat er vor der begierlichen Menge unterdrüdt! Bon den ge- 
nannten Damen und Herren der neueren Kunftbrandhe aber fann man nicht jagen, 
daß fie den Schein (und die Scheine) meiden. Mon Dieu... Benzol, Batichuli, 
Alphaltitaub, Zigarettenraucdh... welfes Laub, ftinfendes Geld... e8 geht alles jo 


*) Den Beiveis bringen wir nadhträgli an andrer Stelle. Einen aus ührlichen Nach⸗ 
weis bringt Erich Schlaikjer in dem Auflag „Die Madonna auf dem Nadttiih”. Unter: 
baltungsbeilage der Tagliden Rundfdau, 20. Dezember 1921. 


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unentiwirrbar ineinander... das müde Hirn, die Welt... wozu die Srupel? 
Wenn's nur Geld bringt, recht viel Geld. 

Das ijt die zweite Lüge: Diefelben Leute, welche die Kunst jo hoch erheben, 
damit fie iiber alle andern Lebensiverte frei hinausrage, benuten eben diefe Kunft, 
um ein — reden wir in der „plump Spraf” — Ihmusßiges Gejchäft damit zu machen. 
Sie verfchmähen es nicht, die angeblich „göttliche“ und „heilige“ Kunft zu einer ge- 
IHäftlihen Spekulation auf die untermenfdliden Yutereffen der Vielzuvielen gu be- 
nugen. €8 wandelt fie feine Scham an (oder doch?), wenn fie die „ungebundene 
Boöttin“ vor den Karren ihres fhäbigen Wiener oder Berliner Afphaltdafeing binden. 
Die Kunft ift ihnen je nach Bedarf Göttin oder Milhfuh. Göttin gegenüber dem 
Richter, der das Abiturienteneramen in Pofemudel gemacht Hat und infolgedeffen 
dumm genug ift, fich imponieren zu laffen. Milchkub, wenn man die Angelegenheit 
mit dem verftandnisvollen Sfidor Falkulatorifch behandelt. 

Wie jie daftanden vor dem Gericht: die Künjtler, die Theaterdireftoren, die 
Kunfthändler! Yeder Zoll ein Vertreter reinfter, heiligfter Menjichheitsiverte. Seder 
tat, al8 ob er fi im Dienfie der Kunft aufopferte. Reiner von ihnen hatte vor 
Gericht foviel Charakter, ehrlich zu erklären: ich habe eben ein Gefchäft machen 
wollen. Das war unehrlide Feigheit. Webel wurde einem vor diefem feigen 
Sich-um-die-Wahrheit-drüden. E83 waren Hangvolle Namen darunter. Gleichwohl: 
Lumpenpad! Yhre einzige Entfchuldigung ift: fie wiffen nicht, was fie tun, weil 
fte zu lange in Berlin wohnen. 

Diefe gefchäftliche Kunftlüge hat für den Beruf der Schaufpielerin eine befon- 
ders grauenhafte Folge. E3 ift fonderbar, wie wenig das beachtet wird. Vielmehr, 
e8 ijt ein Zeichen für das mangelnde Sauberfeitsgefühl unferes öffentlichen Lebens. 
Man will es nicht beachten, weil e3 das Gefchaft ftören würde. Nämlich, die 
Schaufpielerin, die im Reigen oder in einem ähnlichen auf „Kunft“ gefehmintten 
senilleton auftreten muß, tut fo, als ob fie im Dienste der Kun ft arbeitet. Tate 
jächlich arbeitet jie im Dienfte de8 Gefhäfts, und zivar eines Gefchäfts, das mit 
erotifher Aufregung und fehmieriger Neugier gemadht wird. Die Schaufpielerin 
iveiß, zum wenigften im Hintergrund ihres Bervußtfeins (es fei denn, daß fie ihn 
mit Kokain betaubt hat), ganz genau: diefes Publitum da fieht in dir nicht die 
Künftlerin, e8 geilt fi) an den Vorgangen auf, die du darftellft, e8 beäugt dein ent- 
blößtes Fleifch und Friecht mit feinen fdmugigen Blicen an deinen Seidenflorwaden 
auf und ab. Die Schaufpielerin fühlt: fie dient einem Publitum, das aus irgend 
welchen Hemmungen nicht gerade ins Bordell gehen will, ala Erfat für die Dirne. 
Schuld daran trägt zuerft der Schriftfteller und der Theaterdirektor, der diejes 
Publitum will. Er will nicht eine Kunftgemeinde, fondern zahlungsfähiges Publi- 
fun. Man jage mir: welch ein fittlicher Unterfchied ift ziwifchen einer Schaufpielerin, 
Die fid) von joldhen Schriftjtellern und Theaterdireftoren fchauftellen läßt, und dem 
armen Mädel, das fich, vielleicht von Lebensangft getrieben, auf der Friedrichitraße 
anbietet? Das Mädchen in der Friedrichitraße hat in ihrer Not, in ihrer Unbildung, 
in ihrer Verlafjenheit, in ihrem ehrlichen Unterliegen gegenüber dent Trieb vielleicht 
eine befjere Entjchuldigung als die Schaufpielerin. Oder — ift diefe auch nur fo ein 
bedauernswertes Wefen, das, um nicht zu verhungern, den ffrupellofen Theater- 
geihäftsleuten das facrificiumt morale bringt? Wehe diefen Schuften und Seelen- 
verfäufern! 

sn einem echten Kunftwerk vor einer um der Kunft willen verfammelten Ge- 
meinde darf eine Schaufpielerin alles wagen. Da bleibt die Seele rein. Aber die 
Schaufpielerin, die vor einem Publifum von Schiebern und angefaulten Bourgeois, 
um die Kaffe zu füllen, in dirnenhafter Entkleidung Dirnentollen fpielt, proftituiert 
ih. Die Herren Theaterdireftoren im Gehpelz, die ihrem „Perfonal“ derartiges zu- 
muten, follten in den „Verein der Bordellwirte” eintreten, um die gemeinfamen 
Snterefjen gemeinschaftlich wahrzunehmen. Auch fie nähren fich von der raffinierten 
Ausbeutung der Erotif, Ecco (um mit Freund Kerr zu reden). 


80 


Die dritte und größte Lüge, 


Die Kunit ift genau wie die Sprache oder da8 Staatsleben nicht nur Angelegen- 
heit von Brivatperjonen, fondern Angelegenheit des ganzen Bolfes. Sprache, Kurt, 
Staat, Recht, Religion werden geboren und entwidelt aus den jchöpferifchen Er- 
regungen Einzelner, aber dieje Einzelnen fchaffen in ihren heiligen Augenbliden 
jtellvertretend fir ihr Vole, und twas fie hervorbringen, das Fflingt in großen 
Schwingungen durch das ganze Volk hin. Die Sprache, die Luther pragte, die Lieder, 
die Goethe fchuf, der politifhe Wille, den Bismard ausftrömte, fie hallen durch das 
Volt hin und beivegen irgendiwie auch die Seele des ferniten Tagelöhners, der nur 
Such die Schulfibel und durch Wirtshausgefpräche mit dem großen Ganzen ver- 
bunden ijt. 

Nun fragen wir: ergibt fih aus diefer Tatfache eine Verantivortlicfeit oder 
nicht? Die Manchefter-Gndividualijten, die nur da8 Dafein von Privatperjonen 
anerfennen und die nad dem Grundjaß leben: Kümmere dich um den Mitmenfchen 
nur, foweit du Borteil von ihm ziehen kannt, lehnen diefe Verantiwortlichfeit ab. 
Der jüdifche Rabbi Paulus, der mit glühenden Eifer an feinem Bolfe hing, und der 
deutiche Profefjor Luther, dejfen brütende Seele fein liebes deutfches Volf herzlich 
umfing, neigen fich beide dem armen Bruder und hüten fich, feiner Seele Schaden 
gu tun. Beide folgen darin dem Heiland (Miatth. 18, 6 bis 8). Sie löjchen freilich 
niemals das Feuer aus, mit dem die Welt in Brand zu fegen fie vom Schidjal be- 
ftimmt find; aber fie verzichten auf jeden Genuß, felbit auf jede bloße Erleichte- 
rung, wenn fie dadurch die Brüder irre machen könnten. Da liegt e8: it der 
Lebensgenuß des Einzelnen (und der Dienst der Kunft, der nur Genuß ift) 
fo bedeutfam, daß nıan das fittlihe Volfsempfinden, das nun einmal fo befchaffen 
ift, wie es ift, darum opfern darf? 

Die Frage wird verfchieden beantivortet. Für den, der fich nicht zu einem 
Volke gehörig fürhlt, fondern der nur als Einzelner aus dem Nochsnicht-fein durch 
den trüben Schein der Weltgefchichte ins Nicht-mehr-fein hinüberfpaziert, ift die 
Frage gegenstandslos. Er hat nur an fich zu denken. Er ijt unfer Feind, weil er 
aus fchidfalhafter Unvollfommenheit uns andere, uns Volfsgebundene nicht völlig 
verftehen fann und oft genug aus fittlider Bequemlichkeit nicht auch nur achten will. 
Mit ihm kämpfen wir nicht um da8 Recht, fondern um die Macht. Doch verlangen 
wir, daß er ehrlich kämpft; denn das Moralifche verjteht fic) auch fiir ifm von 
felbft. Wir verachten ihn, wenn er mit Waffen gegen uns gu Felde zieht, die er — 
uns geftohlen hat. Wir reden noch davon. 

Der Volflofe pflegt eine andere Einftellung zur Kunft zu haben als der Volfs- 
gebundene. Man bat oft darauf hingetviefen, mit welchem Eifer jich reichgeivordene 
Yuden um die Kunjt bemühn, wie „bootifch” dagegen im Durchfchnitt der deutjche 
Adel fei. E38 ift falfeh, aus diefen Tatfachen auf die geiftige Minderivertigfeit des 
wohlhabenden Deutjchen zu jchließen. Der deutfche Adel wie der emporjteigende | 
Deutjche überhaupt ruht feit und ficher in feinem Bollstum. Er lebt ruhig und 
finnenhaft in feiner Art und kommt jelten auf den Gedanken, fich rein „älthetifch” 
auf die Welt einzustellen, in der er arbeitet und wandert, jagt und jegelt. Der Jude 
aber, der fich feinem eigenen Volke entfremdet hat und doch im deutjchen Volfe nicht 
zur inneren Ruhe gefonmen ijt, fühlt ein Bedürfnis, das der Volfsgebundene nicht 
fo fühlt, er fucht Geniiffe, deren der Volfsgebundene nicht bedarf. Er betrachtet Die 
ihm innerlich fremde Welt viel leichter ajthetifh. Und er fällt dem jedesmal Neue- 
ften und Erregendften gu, wahrend der Volfsgebundene inftinftiv dent guneigt, was 
voller Ausdrud feines Wefens ijt, und daher allem vordringlicd Senfationellen zu— 
nächft mißtraut. Dem Bolklofen ift die Kunft perfonlider Genuf, dem Volfs- 
gebundenen ijt fie edle Steigerung feines volfhaften Dajetns: im religtofen 
Kult, im weltlich heiteren Volfsfeft, im feierlicher Reprafentation ufiw. Ihm iſt 
Kunft nie Selbitzived. 

Wer mit feiner Seele in feinen Volfe lebt und webt, dem graut dabor, dak 


81 


um feines perfonliden Genuffes willen feines Bruders Seele Schaden angetan wird. 
Er verzichtet unwillfürlih und fchlehthin auf das bifchen Genuß, das ihn ja kaum 
reicher und edler madıt. Sit er aber ein Aufgeflärter und hat er alfo da8 Sidhe 
beriwundern und das Grauen verlernt, ift er überzeugt, fich vorn an der Spibe der 
Menjchheitsentwidlung zu befinden, jo wird der Affekt in ihm eine andere Bewußt- 
feinsform annehmen: die padagogijde. Er wird fagen: man muß das Volk zu dem 
Genuß erzieben. 

asebt liegt die Frage jo: Wird durch Schniglers Reigen, duch den Venusiwagen, 
durch die Nadttänze unfer Volk feelifch entwidelt und bedeutet die Aufnahmefähig- 
feit für folche Erfcheinungen eine fittlich höhere Stufe? E3 genügt, diefe Frage an- 
Ihaulih zu ftellen, um die Auguren lächeln zu MODERN. Dennoch wird die Be- 
hauptung, e3 fei jo, immer wieder gervagt. 

Da fucdht ein Dr. W. Weije in einer etivas — —— — Denkſchrift über den 
Venuswagen, die der Verlag Gurlitt den Reichstagsabgeordneten zugeſtellt hat, den 
Eindruck zu erwecken, als eifere er gegen „Schäden im Tiefſten unſeres Volkstums.“ 
(Dieſer Vorkämpfer des Venuswagens ſchreibt von „grundlegenden Schritten”, die 
„Wurzel ſchlagen“ ſollen) Er erſtrebt mit der Venuswagenkunſt einen „natur— 
gewachſenen Vollmenſchen, deſſen Glauben in der Einheit des Schönen und Guten 
wurzelt im Sinne Goethes und aller wahrhaft freien Geiſter unſeres Volkes.“ 
(Unter uns, Doktorchen — warum gehen Sie ſo für den Venuswagen ins Geſchirr? 
Sind Sie Teilhaber, oder iſt es ſonſtwie — pinkepinke? Sie brauchen ſich nicht zu 
genieren. Wenn Leute wie Schnitzler Geſchäfte mit Sexualien machen, warum nicht 
auch ein ſozuſagen anonymes Doktorchen? Oder iſt es bei Ihnen wirklich purer 
Idealismus? Sind Sie vielleicht gar „naturgewachſener“ Berliner „Vollmenſch“? 
Dann ſeien Sie bei Ihren grundlegenden Schritten auf dem Berliner Trottoir nur 
recht vorſichtig, damit Sie nicht plötzlich Wurzel ſchlagen und dann — daſtehn und 
für alle noch nicht Angewurzelten ein Verkehrshindernis ſind.) Dieſer Treffliche 
ſieht bei denen, die anders urteilen als er, „ſexuelle Ueberreizung“ und „ethiſche 
Verbildung“. 

In etwas beſſer angeeignetem Deutſch ſchreibt John Schikowſki im Vorwärts, 
daß im Reigenprozeß ſich „zwei welthiſtoriſche Epochen“ gegenübergeſtanden wären. 
Die, welche ſich verſtändnisvoll über Schnitzlers Zötchen amüſieren, ſeien „Förderer 
der heute lebendigen Kultur, Träger der Zukunft“, ſie, z. B. Schikowſti aus Kroto— 
ſchin, ſeien „normale Menſchen mit geſunden Sinnen“. Die aber, die dem Meiſter 
das Geſchäft ſtören, ſeien „obſture Zeloten und muffige Betſchweſtern“, „intellektuell 
und ſittlich Kranke, deren Seelenleben entweder von Geburt an im Kern verfault 
oder durch naturwidrigen Drill in perverſe Bahnen gelenkt worden iſt“. Es gehört 
offenbar auch mit zu der höheren Sittlichkeit der „Dräger der Zukunft“, den harm— 
loſen und ehrenwerten deutſchen Arbeiter anzulügen. Es muß doch ſchließlich 
Leute geben, die geduldig den Amüſierbetrieb der „Träger der Zukunft“ durch ihre 
Arbeit und ihre Wahlſtimmen ſtützen. Die Sorte Schikowſti hofft, der 
deutſche Arbeiter ſei noch dumm genug, ſich bemauſcheln zu laſſen. 

Der große Alfred Kerr darf nicht fehlen in einem Kampfe, wo die Haut nicht 
in Gefahr kommt, geritzt zu werden, und wo die Zungenbeweglichkeit den Sieger 
macht — Gott, wie ſpritzt ihm der Speichel im Eifer, dem pyrgos Ebraion! Es is 
e grauße, grauße Sach! Gott ſoll mer bewahren, e ganz grauße Sach!“) Der Perzeß 
is geweſen „ein Konzil des heutigen Geiſteskampfes“. Und der Kerr iſt ein neuer 
Luther und „appelliert von dem ſchlecht unterrichteten Papſt Brunner an das beſſer 
zu unterrichtende Gewiſſen der Menſchheit“. Und dann unterrichtet er das Gewiſſen 
der Menſchheit. Das Gewiſſen der Menſchheit hat zu begreifen, daß Alfred Kerrs 


*) Der Unkundige wolle die Sprache entſchuldigen. Es iſt mittelhochdeutſch. 
Kerr ſchrieb im Berliner Tageblatt: „Das Jiddiſch iſt ja präterpropter mittelalterliches 
Deutih.” Es ſei der „aufbewahrte Mutterlaut Wolframs und Walthers und Gottfrieds.“ 
Seitdem verfalle ich, ſobald ich an Kerr denke, unwillküclich ins „Mittelhochdeutſche“. 


82 


Sittlichfeit die höhere ift. Perfpektiven! Er fühlt fich in Szene. „Das überfüllte 
Haus jubelte Alfred Kerr zu.” — Alfred Kerr hat ein „überfülltes Haus”. Wir 
haben ein — Bolt. Er ftirbt. Wir bleiben. Armer Kerl! 

Auch Univerfitätsprofefjoren bemühen fi um die „neue“ Sittlichkeit, in der 
die Kunjt des Reigens vor allem „öffentlichen Aergernisnehmen” gefichert ijt. Der 
Profefjor Georg Witfowsti von der Leipziger Univerfität behauptet, daß Heute die 
„bantifche Sittlichkeit” überwunden fei und daß wir nunmehr in das Paradies der 
unjhuldigen Sündhaftigkeit gelangt feien, in dem der Menfchheit Schnitler unge- 
hindert der Menjchheit Schnigel — und was für Schnigel! Wiener Schnigel! — 
fräufeln darf. Nun ift der gute Witlomsfi an fich freilich nur ein wifjenfchaftliches 
Dreierlidt — man blättere nad), wie er ausgerechnet den Fauft fommentiert! Daß 
der Mann ein Katheder befommen hat, liegt offenbar daran, daf zu feiner Zeit das 
twiffenjchaftliche Gebiet, auf da8 er fich verlegt hat, ziemlich fteril war. E3 ſchwamm 
da bei der Bewäfferung fo allerlei mit hinein. Nachdem das gefchehen ift, geni “+ 
er die Würde und das Vertrauen, das ein deutjcher Profeffor in weiten Streifen 
unjres Volkes hat. Er mißbraudt nun die geiftige Autorität des Profefjorentums, 
die er niht errungen, fondern nur erhalten hat, dazu, die ehrliche deutfche 
Bolfsfittlichkeit, die ja nicht von Sant Ätamımt, jondern von Sant nur eine ihrer 
Formulierungen empfangen hat, zu entiverten, er feßt die deutfche Profefforen- 
autorität ein für die ftinfige Bodsfittlichkeit der Gefchäftstheater. Das ift immerhin 
eine Tat, die der fchiweigenden Leipziger Univerfität nicht zur Ehre gereicht 

Genug der Beifpiele. Man verfucht in der Tat, die natürliche deutfde Bolfs- 
jittlichfeit, deren Beiliger Grund die Scham ift, ala „mittelalterlih”, al3 „ver- 
gangen”, al8 ,minderiwertig”, und die Sittlidfcit der Schnigler, Gurlitt, Sladef, 
Seweloh als eine höhere Lebensform hHingzujtellen. Wie fommt das? Berfolgt man 
die Kette der Urfachen, fo findet man ala primum mobdens die fittlice Unbedenflid- 
feit einer Anzahl Menfchen, die das geile Bedürfnis eines zahlungsfähigen Publi- 
fums in Geld umjegen. 

Vaffen wir zufammen: Die erfte Viige ift, dak eine gewiffe Sorte von Menfden 
den Anfchein der Kunft dagu verwendet, ich unbehelligt am Schmuß zu werden. 
Die zweite Liige ijt, dak man tut, als fei das Gef daft mit fünftlerifch frifiertem 
Shmug ein ehrlidher Dien ft fiir die KHunft. Die dritte Liige ijt, daß man eine 
{hmugige Moral al8 Fortfchritt der Menfchheit preift. Die dritte Viige ift die grofte. 
Wo fie geglaubt wird, verdirbt fie die Menfchen bis ins Herz und Mark. Diefe Liige 
verfhmußt und entheiligt den ftillen Grund der Schambaftigfeit, aus dem uns die 
feelifche Kraft gu reinen, edlen Taten aufquillt. Deshalb find die Leute, die diefe 
Berfhmußung betreiben (auch der Leipziger Univerfitätsprofeffor Witlomsti) die 
Feinde, Die ganz perjönlich geächtet und unfchädlich gemacht werden müffen. Um 
unjrer lieben Kinder, um unfrer Volf3zufunft willen. — 

Manche Kiinftler, welche die allgemeine Lage des Streites nicht überbliden, und 
Aejtheten, die noch immer in der Kdeenwelt des Kampfes um die Ler Heinze fteden, 
befürchten: wir, die wir — nicht den Reigen, den Venuswagen an fic, wohl aber 
das Gef haft damit befampfen, wollten dem Künstler die Welt feiner Gegenstände 
befdranfen. Das ift Humbug. C3 denkt niemand daran, einen Bille gu hindern, das 
zu zeichnen, mwas er will, und es ju verfaufen, two er’8 mit Chren verfaufen fann. 
Aber wir erinnern die Herren, die Goethes Namen fo gern mikbrauchlid im Munde 
führen: Goethe hat gewiffe Dinge gejchrieben, die er nicht einmal gedrudt wiffen 
wollte, Dinge, mit denen er unter feinen Umständen ein Berlegergefhäft 
gemacht hatte. Was wir als unfittlicd empfinden, ift nicht, daß der Künftler Unfitt- 
liches geitaltet, fondern daß man das alfo Geftaltete hinterher rein fapitali- 
jtijch ausmwertet. Der Künjtler darf alles malen, dichten, tanzen ufiw. Aber er darf 
nicht mit allem fapitaliftifde Gefhäfte machen. So wenig wie ein Hand- 
werfer, ein Kaufmann, ein Fabrilant, ein Bankier. Nicht in der Kunjt, aber in der 
geichäftlihen Ausbeutung der Kunft gibt e8 Grenzen. Das Gemeine am Venus- 


83 


wagen ift nicht dies Bild und das Bild, fondern die Rufammenhaufung de3 
jeruellen Stoffes, die nicht aus fünftlerifchen, fondern aus gefchäftlichen Rüdfichten 
erfolgt ift: um durch den Stoff Käufer anzuloden. Wäre e8 dem Unternehmer nur 
um die Kunft zu tun geivefen, fo hätte er nicht diefe Zufammenftellung zu unter- 
nehmen brauchen. Schnigler darf dichten, was ihm beliebt. Aber dak er feinen 
Reigen um der Tantiémen willen freigibt fir jedes Bubliktum, das Geld dafür bietet, 
das ilt es, was wir ihm al3 Gemeinheit vorwerfen. Und es tft eine Gemeinbeit, 
für die fih Schnigler mit feinem Drumbherumreden entfchuldigen Fann, E38 gut 
eben feine befondere Gittlicdfeit für Künftler. Yn feiner Kunft bilde dev 
Künftler, was er bilden muß, das ift das Freiheitsgebiet feiner Seele, das ihm nie- 
mand antaften darf. Aber als Gefdmaftsmann hat der Künitler ebenfo an- 
ftändig zu fein wie jeder Arbeiter.*) St. 





Bächerbriefe 
Bildermappen und Kunftbücher. 


— H. — Eigenartig iſt es doch: früher ſaßen wir in einem Haus zuſammen, um 
das auf zwei Seiten der Wald ſo ſchwer lag, daß man nicht einmal die ferne 
Eiſenbahn dahinter rollen hören konnte, auf der dritten breiteten ſich Felder bis 
dahin, wo die Wolken auf die Erde hingen, und nach der vierten ging über Wieſen 
ein getretener Pfad, einen ſanften Grund hinab mit zwei Balken über den Bach, 
weit durch Wieſen bis an das Waſſer rings um ein graues Schloß und führte ſeit— 
wärts zu einem Kirchlein aus Hauſteinen mit dem kleinen Dachreiter, und obenauf 
der Poſaunenengel als Windfahne. Die hohe alte Mauer dahinter mit Epheu über— 
hangen umfriedete den Kirchhof, auf dem Trauereſchen ihre Klagen herniederbogen 
und wilde Roſenbüſche die Hoffnung ewigen Lebens aufwärts hoben. Nun ſitzt die 
eine im Süden in menſchenlärmender Stadt, die andere gar in Berlin, der dritte in 
Hamburg. Aber alle Straßen aus der Welt führen doch zuſammen, bis die breiten 
Bahnſtränge und die großen Wege einmünden in den engen Pfad über den Wieſen— 
grund zu dem ſtillen alten Haus. Und alle Tage und Jahre gehen zurück bis an die 
Abende, wo wir bei der Lampe um einen Tiſch ſaßen, auf dem lag ein dickes Buch, 
an den Rändern zerfetzt, mit großen Ohren und halb zerriſſenen Seiten. In dem 
Buch ſtanden lauter Buchſtaben, von denen wir nichts leſen konnten und viele Bilder, 
über die wir uns freuten oder erſchraken. Aber eins kann ich mir genau vorſtellen, 
wenn ich auch nie gewußt habe, von wem es war und ob es „bedeutend“ war: auf 
dem war das Meer und ein kleines Menſchenkind am Strand des großen Meeres. 
Die Kleider des Kindes wehten im Wind und vor ihm lag ein Weſen mit Menſchen— 
haupt und großen Augen und einem Fiſchſchwanz. Das Weſen ſah das Kind an. 
Ich fühle noch das Waſſer und den öden Strand und die Augen, die nach dem 
Menſchenkind ſahen und uns ſo leid taten. Wenn wir dann in dem Kinderbett 
zwiſchen weichen Kiſſen lagen und nach der Decke mit den dicken Balken ſahen, die 
große Schatten warfen von dem kleinen Nachtlämpchen, draußen aber war die große, 
dunkle Nacht, und beteten: „... Alle, die mir ſind verwandt, / Gott laß ruhn in 
deiner Hand ...“«dachte ich an das Weſen, das am Geſtade des endloſen, kalten 
Meeres mit wehen Augen nach dem Menſchenkind blickte. Die kleine Menſchenſeele 
will zu dem fernen Geſchwiſter, will mit ihm eins ſein in der ruhigen Hut Gottes, 
deſſen Liebe alles umfaßt, daß er über der heimlichen Stube iſt und über den Meeren 
und Ebenen der Erde, wie durch Himmelswäſſer in der ſtillen Nacht der lichte Mond— 
kahn ſchwimmt. — Was mag wohl Kunſt ſein? Warum will unſere Seele ſie und 


*) Eine zweite Aufſatzreihe zu dem Thema folgt im nächſten Heft. Näheres hinten in 
der Zwieſprache. 


84 


fann ruhig in ihr werden? Weil das Gotteswunder fich in ihr offenbart. Weil die 
Seele aus dem Symbol des Bildes alles Leben und Sein in fich.hineinziehn fann 
und wieder fich verjenken in alle Schöpfungen des lebendigen Gottes, daß fie von ihr 
erfüllt und mit iby befeelt werden. Yn dem Bilde treffen fic) alle Strahlen des 
Kosmos und vereinigen ſich durch ſein Mittel mit uns. Alles Nächſte und Fernſte, 
Größte und Geringſte lebt in uns. Wir aber treten aus unſerer Selbſtheit und den 
Banden der Ichſucht und ſind in allem, in Waſſer, Stein und Berg, in Menſch und 
Tier, in Baum und Blume, in Stern und Welt. Die Schranken von Zeit und Raum 
fallen, wir ſind im All und zugleich im kleinſten Raum, in Urtagen und in den 
Zeiten des Zukünftigen. — 

Zu dem heranwachſenden Knaben kam ſpäter das, was ſich als „Kunſt“ gab und 
mit dem Bewußtſein, Kunſt zu empfangen, aufgenommen wurde: die ſchlichten, 
grauen Mappen von Ferdinand Avenarius' Kunſtwartunter— 
nehmungen. Es war wieder dasſelbe wie bei dem Bild in der frühen Kindheit: 
Schule und Stadt waren nicht mehr da, es durfte nichts von ihnen bis an dieſes 
Heiligtum, nur die Bilder blieben, aber mit ihnen lebte Wieſe und Wald, Sonne 
und Wind, Morgen und Abend ein tiefes, in ein Wunder verwobenes Leben. Bei 
Schwind am ſtärkſten. Jedes Blatt hatte ſeine Stunde und ſeinen Tag, der mit ihm 
unverlöſchlich war, aber alles war ſo ſtill und anders, ſo viel tiefer geworden, gleich 
als ſei Zeit und Welt verwundert und als Wunder neu in das Symbol des Bildes 
geſchaffen. Die erſte Mappe war am ſtillſten, die zweite freudig mannigfaltiger, die 
dritte voll Erzählens, der „Wunderliche Heilige“ und der ſchöne Lichtdruck „Die 
Symphonie“ waren darin. Hinzu trat die liebe Unergründlichkeit der Märchen— 
zyklen. — Später in Sommertagen mit dunklem Laub und hellem Sonnenlicht fam 
Böcklin. Ein Gewitter drohte am Horizont, zog dumpf herauf, lautlos und ſchwer, 
wie die Trauer allein herrſcht auf dem Pietabild mit der verhüllten Welt und der 
Gottesmutter über dem bleichen Leib des Heilands auf kaltem Stein. Aber nach dem 
Wetter kam der Bogen des Friedens und die Seele beugte ſich vor dem Walten 
Gottes wie die Prieſter im „heiligen Hain“ vor der Flamme des Altars. 

Ich weiß, dieſe Kunſt als Offenbarungswunder iſt ſpäter nicht immer in den 
Herausgaben des Kunſtwarts geblieben. Es iſt viel von Bildung und Verbreiterung 
hereingekommen. Die Seele ſchwieg bei manchen Blättern. Der Weg weiter hätte 
zu Runge und zu Caſpar David Fried rich führen müſſen und in dem ſelbſt— 
loſen Aufgehn und Sichganzhingeben zu einem Einzigen unter unſeren Jüngſten 
gewieſen, zu der Myſtik Franz Mares, deſſen Seele fähig war, aus ſich heraus— 
zutreten und in das Weſen der Kreatur, der „dumpfen“ Tierheit zu ſteigen und ſie 
zu offenbaren. Und zurück zu den alten Miniaturen und der Gotik mußte die Aus— 
wahl zeigen. Wie dem aber auch ſei, für die Herausgabe von zwei Neueren können 
wir dem Kunſtwart nicht dankbar genug ſein, dieſe beiden entſchädigen für vieles 
andere völlig. Sie geben die künſtleriſche Offenbarung, die unſere Seele verſunken 
macht und erfüllt, zwei Schweizer, Albert Welti, den der Tod gu früh aus 
feinem Werk geriſſen, und Ernſt Kreidolf. 

Vielleicht in der geſamten neueren germaniſchen Kunſt gibt es keinen, in dem 
wie in Albert Welti die Größe und das Geheimnis der unbekümmerten Selbſt— 
verſtändlichkeit unſerer mittelalterlichen Meiſter lebt, im Wirklichen ſo überſinnlich 
zu ſein, ſo im tiefſten Sinne Symbol. Man ſehe die Landſchaft mit dem alten 
Mann, der über Fluß und Tal in die ſchöne Welt ſieht. Das iſt etwas von dem 
alten Fauſt und zugleich von Wagners Hans Sachs: die leiſe, gütige Melancholie, 
die alle Dinge und Weſen dieſer Welt mit ihrer Liebe umfaßt und doch über ihnen 
iſt. Oder das ergreifende Blatt mit dem Hochzeitszug auf der Brücke und dem Ab— 
ſchied von Mutter und Braut. Wie ſchön iſt die Bergwelt, mit welcher Tiefe lebt 
Baum und Pfad wieder, wie ewig ſchickſallos rinnt das Waſſer aus dem Maul des 
ſteinernen Brückenbildes, wie zukunftsſchwer von Weh und Glück liegt es über 
Menſch und Natur. Und der ſpringende Geiger, er hat etwas ſo Unheimliches, in 


85 


feinem Kleid und Hut und hiipfenden Gab fo fpudhaft grauenvoll Grotesfes, er, 
der fie alle hinter fich herzieht an feinen Fiedeltönen, man tweik nidt, ift e3 ins 
Leben oder geiftert etwas von dem Ddiiftern Totentanzführer vor den Schreitenden. 
Sch muß bei dem Bilde immer an Kellers Romeo und Yulia auf dem Dorfe denen 
und an den Todesgeiger, der das arme Paar in fein Todesglüd hineinfiedelt. Ueber- 
haupt ftehn fi Künftler felten fo nah wie Keller und Welti, einmal fider durd die 
Trarbigfeit, die beide ala Schweizer, die von den Bergen aus die bunte Welt fehen, 
in fich tragen, dann aber in dem Symbolifchen, zu dem fich ihnen das Alltägliche 
erhebt und eben in dem Wirklih-Unmirklid-Traumbaften, das beide haben. Man 
lefe die fieben Legenden und fehe Weltis „Königstöchter”, da wird e8 bejonders 
deutlich. 

Viel leifer nod, gang Traum ift Ernft Kreidolf: zum Traumbaften wird 
ihm alles: die Knofpen eines Biweiges find wie dumpfe Sdidfalsaugen, in einent 
Herbitblatt und einem Trauermantel auf dem Wafjer verdichtet fic) die Trauer und 
das Sterben der ganzen Welt, in den Blumenreigen ift alles befeelt. Dabei zeige 
man mir auf Kreidolfs Blättern nur ein Geficht, das jchon im üblichen Sinne tit, 
eine Stelle, wo die Befeeltheit der Blumen und Grafer ins Platte oder Sentimentale 
geht. Und diefer Künstler hat das Blatt, was da3 unbewußte Fühlen des Mindes 
bei feinem Abendgebet am tiefjten und reinften offenbart: „in Gottes Hut”. Da zieht 
der Gott aller Welt mit feiner ftillen Liebesflamme über die ruhende nächtliche Erde, 
das bergende Haus liegt Drunten umbegt vom Zaun feiner Borfehung, der Baum 
fühlt ihn und die Kreatur, der Hirfch, vveif von ihm, und fie alle find eins unter dem 
Fittich der ewigen Güte. Sn den Blättern, in denen Kreidolf diefe Allbefeelung ver- 
läßt, ift er nicht fo glüdlih. Sein harfefpielender David laßt mich falter, feine 
pxrranten{divefter” ift fein und tief empfunden, aber das alles ift nichts gegen die 
Blatter, wo er mit Blumen und Geijtern TFefte tiefiter, nur diefem Einen gemährter 
Gefichte feiert. Kreidolf wird von den firen Begriffsbeitinmlern Herablaffend als 
„Sindermaler” bezeichnet. Er ift e8, und zwar fo groß wie vielleicht noch feiner tvar, 
aber nicht, weil er es verjteht, fich niederzulaffen zum Kinde, fondern weil ihm das 
Seltene, unendlich Seltene befcheert ward, reinen Herzens zu fein und die Liebe in 
fich zu tragen, die da8 Größte auf Erden ift. Hoffentlich find unter uns die Beiten 
fo glitdlich, in feinem Werk diefe Reinheit und Größe in fich zu fühlen und aus 
unferer Ueberheblichkeit Elein und doch tief beglüdt hinzufinden zu der einen, großen 
Kindheit, die uns allein gliidlich macht, zu der Kindheit in Gott. Ein Glüd ift es, 
dak uns Welti und Kreidolf von einem Mann in diefen Ausgaben gegeben werden, 
deflen Text zu den Bildern bezeugt, daß er fich nicht „hineinzuleben“ braucht, fon- 
dern aus feiner eigensten Welt fpriht. Es ift Leopold Weber. Yn ihm lebt 
die gleiche germanifche Seele wie in Welti und Kreidolf, die alle Welt in fich trägt 
und fid) in alle Wefen fenft. Es ift fein Zufall, dak Weber die einzige wahrhaft 
bidhterifdhe Schöpfung nach den Gotterliedern der Edda gefdaffen hat: Welti und 
Kreidolf find Geift von dem gleiden Geift, Blut von demfelben Blut. 

Ich habe zu allen Kunjtwartausgaben eine weit ftarfere perfönliche Stellung 
alg ju andern Herausgaben ähnliher Art. Fh Habe immer da8 Gefühl 
einer ganz befonders liebenden Sorgfalt in allem. Wenn ich die ftattlice Th o ma- 
mappe jehe, die ernft jhone Feuerbahmappe, die neue Holbein- 
mappe, die Michelangelomappen — übrigens ficher die vollendetite 
Bildausgabe Michelangelofcher Werke, — überall fühlt man eine ftarfe perfönliche 
Kraft dahinter. E38 gibt Leute, die mängeln an der Art der Wiedergaben, fie 
empfinden den Wechjel der Technik bei den verfchiedenen Blättern als ftdrend, als 
uneinheitlich. Yo fann mid nicht dazu bekennen, im Gegenteil. Wie die Originale 
berjchieden find, mögen e8 auch gerne die Wiedergaben fein, die Einheitlichkeit ftedkt 
nicht in der Oberflächlichfeit einer und derfelben Technik, fondern in der Perfon 
des Künftler3 und in der Seele deffen, der ihn uns darbietet. Diefe innere 
Einheit ift ftetS vorhanden. Gerade da3 Mannigfache im Aeukern, das Geloderte, 


86 


f 
‘ 


daß man jedes Bild für fic) hat, und dak dod) mehr als nur die Hiille der Mappe 
alle verbindet, ift jo foftlid. Gelbft die oft betonte Behauptung, man fonne nur 
bor dem Original die Seele eines Bildes erleben, fällt hier zufammen: mir haben 
die Bilder Unendliches gegeben, und beim Anblid der Originale irgendwo in einem 
Mufeumsfaal einer fremden Stadt überfiel mich eine leife Wehmut nad) dem 
ftillen Land, two fie in den Wiedergaben innerlic” mein Eigen geworden. Man 
mag an Auswahl und Technik im einzelnen manches ausfegen — das Rembrandt- 
felbitbildnis von 1658 in der Rembrandtmappe, das ftolzefte, Heldenhaft tragifchite 
vielleicht aller Bildniffe der gefamten Kunft, ift vollig mißraten in der Wiedergabe, 
die Tonholzfchnitte der Bodlinmappe find alles andere als ideal, — als Ganges 
hat das deutjche Volk in dem Kunftwartwerk Ferdinand Avenarius’ ein Vermadt- 
nis, dem wohl fein Volk der Erde etwas an die Seite gu feken Hat, und dem 
Schöpfer diefes Werkes bleibt fiir immer der Dank Taufender und Abertaufender. 
Es mag weitergebaut werden und im einzelnen verbeffert und erneuert, Genera- 
tionen werden noch die Früchte diefer Arbeit genießen und an ihr innerlich reicher 
und glüdlicder werden. | 

Dazu Hält die Art der Mappe mit Einzelbildern fich ftreng fern von dem 
böfen Originalerfaß, wie er uns durch jede große, anfpruchsvolle Einzelreproduftion 
aufgetifcht wird. Die Heine Reproduktion jchließt einen „Erfah” des Originales 
aus, fie führt nur zum Künftler und zu feinem Werk hin, gibt gleihfam nur An- 
deutung und Probe. Die Blätter wollen nicht zum üblichen Wandfhmud 
auf billige Art verhelfen, fondern Erleben weden. Deshalb ftehe ich den Borzug3- 
druden des KHunftwarts, die für die Wand gedacht find, in vielen Fallen Eritifcher 
gegenüber. lS MWandfdmud erjtehe man fic einen Holzfchnitt oder eine Radierung, 
die auf die Dauer dem Zufammenleben im Raum ftandhalten und nicht nur 
dekorativ wirken. Wenn das in weiten Umfang gefdieht, wird die Originalgraphif, 
die jest nur einzeln vom Künjtler abgefeßt wird und deshalb teuer fein muß, billig 
und jedem, der wirklich einem Opfer für Kunft in feinem Haufe zugänglich ift, 
erreichbar. 

Bei anderen, allgemein verbreiteten Bildherausgaben fann man fich nicht 
fo rüdhaltlos freuen. Yo) fann mir nicht helfen, mit den allbefannten blauen 
Langemwiefche-Bilderbänden weiß ich nicht fehr viel anzufangen. Vieles mag 
für fie fprechen, fie wollen gewiß Gutes, id) gebe gern gu, dak mande Terte, be- 
fonders die Texte von Profeffor Gauerland, auferordentlid) wertvoll find, und 
trogdem, id) werde da8 Gefühl von „Kulturmware” nicht los. C8 ift mir faft gudiel 
großzügige Organifation dahinter. Sie weden nicht Erleben, fondern find eine Ange- 
legenheit der Bildung. Das Aeußerliche: Bilder feitenmweife nebeneinander und über- 
einander zu geben, muß die Seele eines Bildes töten. Man befommt einen Schwung 
Bilder von mehr oder weniger befannten Meiftern in die Hand, große und Eleine, zu- 
fammengeftellt in gefhmadvollen Arrangements, und dann fennt man die Gade. 
Alfo das alles hat der und der gemalt. Das weiß ich nun und habe es im Ropfe. 
Das ift das Schlimme. Bei den Kunftwartmappen war jedes Einzelleben zart 
bebiitet, hier find Bilder wie Dinge gehäuft unter jchönen Sammelnamen voll 
Gefühl wie „Itiller Garten“ oder gar ,Blumenforb”. Das ift ein Eingriff in das 
Wefen eines Bildes, der fi) dadurch rächt, daß das Bild fic) von uns abfehrt und 
für ung tot bleibt. Wiffenfchaftliche, kunfthiftorifche Werke fann man hier nicht 
vergleichen, die haben andere Aufgaben und gehen von anderen Blidpunften aus. 
Yh glaube, weniger wäre mehr. Ein Bild, das ich erleben kann, ift mir lieber 
als hundert, die leblog bleiben, in noch fo anmutiger Folge. €8 fommt wahrhaftig 
nicht auf die Maffe des intelleftuell und gedächtnismäßig Ergriffenen an, das ijt 
eine verhängnisvolle Einftellung einer Beit, die hoffentlich hinter uns liegt. Der 
Himmel bewahre uns vor noch mehr kunftgefchichtlich mohlbefchlagenen Penfionats- 
badfifhen. Daß viel Gutes unter den Büchern mit Dom- und Bürgerbauten ift, 
fei gerne anerfannt. ch weiß, daß mir gefagt wird, e3 wird fo aud) dem Un- 


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bemittelten erjtaunlich viel an Kunft gegeben. Aeußerlich erjtaunlich viel mag es 
wohl fein, ob e3 aber eine Notwendigkeit und eine Quelle innerer Bereicherung 
ift, bleibt eine andere Frage. Dak Vangerwiefdhe allerdings überhaupt SKünitler 
wie Runge und Friedrich erit wieder Menfchen, außerhalb der Lichtwarkichen 
Arbeit in Hamburg, gezeigt Hat, bleibt fein unbeftrittenes Verdienft. 

- An alle die Gefahren, die eine Reproduktion einem Gemälde bringt, jet fie ein- 
farbig oder mehrfarbig, führt der Grundfag vorbei, ald Mappenwerfe Zeichnungen 
und Schattenriffe zu veröffentlichen, die ausgejprochen fiir eine folche Veroffent- 
lihung gedacht find. Aus der reichen Fülle derartiger Erjcheinungen greife ich für 
diesmal.die im Verlag Ziwißler, Wolfenbüttel, erfchienenen Mappen mit Blättern 
von Rudolf Sievers heraus. Gievers ijt einer der Frühvollendeten, einer, 
den die feindliche Kugel aus einem Leben voll freudiger Liebe und herzlicher Din- 
gabe rif. Er gehört in die Schar der Jungen, die uns durch das Opfer ihres 
Lebens hoffen heißen, daß ein Volf, in dem eine folde Gugend wadjt, in die Bu- 
funft bineinlebt. Er ift von der Art der fingenden Stürmer bei Langemarf, der 
Walter-Fler- und Wandervogeljeelen, in denen eine neue, befreite, jelbjtlofen Opfers 
fabige Jugend aufflammt, die wieder träumen und [pielen, ivandern und fingen, 
glauben und lieben fann und ihre Hingabefraft mit dem Tod bejiegelt. Eine Folge 
Schwarzfpiele: Zwölf Schattenriffe, verbunden mit Zeichnung Natur, 
Spnne, Menih, Baum, Blume, Ornament verfchfingen fich zu einem Ganzen bon 
ftarfer Stimmungsgewalt. Zarte Liebe und derbe Soldaten-Landstnechtsfreudigkeit 
itehen nebeneinander, Sinderhoffnung, Märchen und Todesfhwermut: alles in allem 
eben die jauchzende und traurigitille, unmittelbare Seele eines glüdlich jugendlichen 
Menjhen. Mitten dazwifchen ein Fahnenfchiwinger: wer gefiihlt hat, wie ein Volt 
unter höherer Macht zufammenmwächjlt zu einem neuen, gejchloffenen Leben mit un— 
geahnter Sturmgewalt, findet Hier ein fchönes Symbol diefes Willens zum Bu- 
jammenfalug. Unfere ganze heranmachfende Fugend follte da8 Blatt vor Augen 
und im Herzen tragen. Und, wie einst bei den Romantifern: Sievers Yugendfraft, 
Erdenfreude, Märchenluft mündet im Göttlihen: ein Blatt zeigt Sterne de8 AU, 
untranft von den Erlöferdornen in Kreuzform, ein anderes Arbeiter im Eifenwerf, 
und über ihnen jteigt aus Dunkel und Glut ein Dom in den lichten Himmntel: 
„Zobet Gott den Herren“. 

Das Ergreifendite aber und Bezeichnendjte für Sievers ift fein Kunter- 
buntes Bilderbud. Das Buch ijt unter dem Eindrud des Krieges ent- 
jtanden, und was füllt gut die Hälfte? Launige, verträumte, genial tolle Zeich- 
nungen, vom Herginnigen bis zum Wapriccio, flinfe Gchnorfel und ruhige, tiefe 
Freude. Was follen diefe Zeichnungen mit dem Krieg gemein haben? Wer weiß, 
wie uns im Krieg war, vorne, unmittelbar am Feind, wird fie al8 wahrjten 
Ausdrud, wie e8 um unfer Herz beftellt, immer Tieb behalten. Habt ihr im 
Graben in rubiger Zeit, dicht am Feinde einmal Blumen, Ried und Schnitiverf 
gefehen, mitten ziwifchen Tod und DVernichtung, habt ihr nicht nur „Sriegsfrei- 
willige”, fondern ,alte Leute” dabei beobachtet, wie fie Stonfervenbüchfen mit 
Dräbten durchzogen und zu einer Harfe abjtimmten, ohne einen Gedanken an groß- 
fpurige Verachtung der Kampflage, jondern aus dem uns Deutfchen innetwohnenden, 
nicht abzutötenden Willen, aus innerer Freudigkeit, aus dem Hang, ich felbit. in 
allem Elend aus dem eigenen Herzen ein Gliid heraufzuholen? So find Sievers 
Zeichnungen zu verstehen. Sie find nicht Abiwendung von dem Graus des Krieges, 
nicht Flucht in ein Reich des Spiels und der Schönbeit, fie find farbiges Leben, 
das umfo tiefer und Föftlicher wird, je näher der Tod dahinterfteht. Daher fünnen 
auch auf diefe fröhlichen Zeichnungen die ernjten Schilderungen des Krieges folgen, 
daher verlett da8 Spiel nicht und das Furchtbare wedt nicht efelndes Entjegen, 
fondern beide münden in gotthingegebenem, jugendfreudigem, opfermutigem Leben. 
Ym Grunde ijt dies Beieinander von Humor und Tragif dasfelbe Deutjche wie 
bei Raabe, den fie darum einen Humorijten nennen mochten. 


88 


Eine kleine Mappe mit Zeichnungen aus Braunfhmweig von Sievers atmet 
die ruhige Gewachfenheit und Heimlichfeit wirklicher, deutfcher Kultur. Wer 
Perfönliches über den Menjchen und Künstler Sievers mwiffen möchte, findet das 
in dem warmberzigen, liebeerfüllten Nachruf an den Toten: „Das nicht ver- 
gejfenmwerde. Erinnerungsblätter an R. Sievers von &9. Schaumburg”. 

‘Bon Buchausgaben über Kunft mag für diefes Mal der Hinweis auf ein 
Werk genügen: Lothar Brieger: Theodor Hofemann, ein Alt- 
meifter Berliner Malerei. Der Delphin-Verlag, deffen Bücher mufter- 
gültig an Ausjtattung find, hat die größte Sorgfalt an die Eöftliche Veröffentlichung 
gewandt: 6 Handfolorierte Blätter, 70 Nekätungen, 42 Strichzeichnungen nad) 
Werfen Hofemanns fhmüden das Bud. Warum wirft auf uns die Kunft des 
biedern, alten Hojemann fo erfrifhend? Weil in diejer Zeit der Originalitätsfucht 
und der großen Gebärde mit einmal einer vor ung fteht, der nicht wichtig tut und 
fih feinen großen Anfchein gibt, dem nicht ajthetijd und philofophifch beizufommen 
ijt, Der aber aud) nicht Einfalt heuchelt, fondern fchlecht und recht ein Stüd Leben 
abjcildert. Und dies Stüd Leben, obivohl es Berlin bedeutet, ift fchon, weil es 
edt und wahr ift. Sn diefem Berlin, bei diefem Künftler, hat man das, was uns 
allen binfhwinden will: fejten Boden unter den Füßen. Daher fann man fid 
herzhaft freuen an den Bildern, die, wenn auch nod) jo gut gemalt oder gezeichnet, 
zunächft mal das betreffende Exemplar Men, das darauf ftebht, famt farierter 
Hofe, Zylinder und Schnauzbart zur Freude des Künftlers, Gottes und der Mit- 
menfchheit in Del und Blei fonjervieren wollen; daher reift man mit den Augen 
umber auf diefen „SUuftrationen”, die Rube und Gelbitlofigkeit genug haben, 
erzählen zu tollen und zu konnen. Lothar Briegers Text ift befonders danfens- 
wert in feinen Ausführungen über das alte Berlin, in dem Aufbau de3 ganzen 
Milieus, deffen vollendeter Ausdrud Hofemanns Werk ift. Hin und wieder geht 
er bei der Wertung des Meifters meiner Anficht nach zu viel in die Richtung der 
funithiftorifchen „Beziehungen“. Mir ijt Hojemann lieb, weil er ift, wie er ift, 
weil in feinem Werk ein Sti Tiebenswürdigiten deutfchen Lebens ftedt. Dak er 
ein „Bahnbrecher für den Jmpreffionismus“ ift und bezeichnendermweife von Lieber- 
mann fehr gefchäßt wird, Iaßt mich gleichgültiger. Wir wollen auch nicht nebenbei 
einen Stein auf Schwind und Richter werfen, weil fie „romantifch“ ftatt realijtifch- 
fleinbiirgerlid) find — Gott fet Dank miinden fie im Ueberfinnliden — fondern 
jeden nach feiner Art lieben, wenn er ung etwas Rechtes zu geben hat. 

Ludwig VBenninghoff. 


* 

Kunftwartmappen, Berlag ©. D. W. Ealliwey, ee Dean verlange durch jede 
Buchhandlung .odec den Verlag ‚Brolpent, — Albert Welti- appe. — „Aus Albert Weltis 
Leben“, ———— und Budodrudradiecungen. Text von Leopold Weber. — Ernft- 
Sreidolf-Mappe. Alle im Verlag von Eallwey. — Rudolf Sievers, „Schwarzipiele”, Ver- 
lag bon Julius Hmißler, Wolfenbüttel, 24 Marl. — Rudolf Sievers, „Srunterbuntes 
Bilderbuch”, 18 Mark. — Rudolf Sievers, NE IEG 18 Mark. — „Das nicht ber- 
gelten werde.” Erinnerungsblätter an Rudolf Sievers, den Mann und fein Werk. Bon 

. H. Schaumburg. 4.20 Mark. Alles im Verlag von ue Ziwißler, Wolfenbüttel. — 
„Zheodor Hojemann, ein Altmeifter Berliner Malerei.” Bon Lothar Brieger, Delphin- 
Verlag, Mhinden. 


SLUeine “Beiträge 


Vom unbeliimmerten Leben. 


cyt Evangelium St. Johannis Iejen wir, daß die Yuden gu_Gefus famen mit der Frage: 
was follen, wir tun, daß wir Gottes Werk wirken? Der Meifter gibt ihnen etne 
Antwort, die fie recht befcheidet: Das ift Gottes Werk, daß ihr glaubet an den, dem er 
a hat. Damit weilt er ihre Frageftellung guriid: thr wollt Gottes Werk wirken? 

a8 fonnt ihr nidt. ttes Werk wirken, das ijt nicht eine Sache de3 Wiffens und 
Wollens, das ijt eine Sache des Seins. Fhr werdet immer das tun, was ihr feid. Eure 


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Zaten find die O —— eures Herzens. Was füllt euer Herz? Das prüfet! Ach. 
wenn Gott euer Herz ausfuͤllte und bewegte, würdet ihr noch fragen, was ihr tun ſollt? 
Eure Frage verrät, daß ihr noch ferne ſeid von dem, der allein Gutes wirken kann. Da 
wird das Gute getan ünd nur da, wo das gute Leben ſelbſt, wo Gott wirkt. Nur wen 
Gott ergriffen hat und wen er treibt, der kann ſein Werk tun. Gutes tut nur, wer glaubt. 

Die Juden kommen und möchten den Weg wiſſen, den ſie gehen können, um gerecht 
zu ſein, um mit ſich zufrieden ſein und Gott zufriedenſtellen zu können. Aber Jeſus 
faßt ihre Frage mit einem Ernſt und in einer Tiefe auf, die ſie nicht ahnen, als ſie zu 
ihm kommen. Gottes Werk wollt ihr tun? Gott will nicht dies oder das von euch. Gott 
will euch ſelbſt, euch ganz. Gottes Werk — da bleibt nichts für euch übrig, er nimmt 
das ganze Leben, da tritt der ſeine Herrſchaft an, vor dem niemand beſteht, mit feinem 
Werk. Io Gott abet da hören wir auf, jelber zu wählen und zu bejtimmen, da fängt 
die große Unbedingtheit des heiligen Lebens an, Gottes Werk tun, das heißt nicht, dies oder 
jenes tun, fondern: Gottes Leben mitleben. Vor Gott a eö& nicht einzelne Taten, die 
man für fi betradten könnte. Bor Gott hat alles Sinn und Bedeutung durd den 
Zufammenhang alles Lebens in feiner großen heiligen Ordnung. 

Bilt du im diefe Lebensordnung glaubend eingetreten, dann verftummt die Frage: 
Was foll 4 tun? Diefe Unficherheit währt nur, jolange du nod nit von dem Leben 
einbezogen bit, das uns übermältigt, jobald wir e8 recht erfannten. Da jteht der Menjch 
ratlos, tajtend vor taufend Möglichkeiten. Ydeale beftimmen ibn, Weltanfdauungen 
Den zur Auseinanderfegung auf, die Zeit mit ihren Problemen, Erlebnijjen und 
Erwägungen mannigfaltigjter Art, Menjchen, nahe und ferne, fordern ihr Recht. Der 
Glaubende hat feine u ate mehr, et ijt hineingejtellt in eine Wirflid- 
fett. Yhn erfüllt urtümliches, in fich felbft rubendes, aus fic felbjt bejtimmtes Leben, 
das vor allem ijt, was der zeit angehört. Nun muß er mit der hohen Strenge und 
Schönheit des Crgriffenen. Sein Leben wird zum Gehorfam. Er wählt nidt, er ift 
erwählt und wird geführt. Und kann, was er muß, weil in dem Leben, dem er 
ge orfam ift, beides in Einem fih auftut: Aufgabe und Löfung Jede Willlür bleibt 
+ REN Der Ernjt des Dienjtes ijt begnadete Kraft. Gottes Dienft ift Duelle des 
eben. 

. Menjdhendienft macht mitde, endet immer in Brweifel und Ermattung. Weil Menfden- 
dienjt enttanfdt. Weil wir in foldem Dienft nie erreichen, wonach es uns verlangt. Und 
wenn wir erreiden, was wir wollten, wag ift dann? Wir werden erft recht enttäufcht. 
Dank und Lohn der Menjhen macht nicht fatt, gibt uns kein Lebensbrot. Menſchendienſt 
trägt immer den Keim des Todes in fid. vergeht, und feine Erfolge —— Was 
* gilt — nicht mehr. Der Menſchen Dienſt verbraucht. Aber Gottes 

enft erneuert. 

| Gotteabient madt nicht mide. ,,€r fcentt den Müden Kraft und Stärke genug 
den Unvermögenden.” Du weißt es, wenn es dir nur einmal gefhah, dak du durch allen 
Menſchendienſt deines Lebens hindurch drangft und nur und rein fiir Gott da warft, nur 
der einen Stimme gehorfam, der eigenen Stimme des demütigen Herzens. Wie fank da alle 
Müdigkeit und Enttäufhung ab und du fandeft Erfüllung, fandeft Heil. Gottesdienjt 
madt unabhängig vom Erfolg. Er trägt feinen Lohn im fich felbjt. Nicht, was id ere 
reicht, fondern daß ich gehorfam bin, das i Freude. Nidt mein Wille, fondern Dein 
Wille gejhehe — das ijt das Geheimnis der Kraft. Dies Gebet ijt fein Verzicht, fein 
dumpfes Sichfügen, fein Fatalismus. Wer e8 fo betet, betet es nicht. Es ift frohes und 
getroftes Bitten um den guten und gnädigen Willen Gottes — ich will, dak fein Wille 
Rie , viel taujendmal lieber, als daß je einer meiner Wünjche in Erfüllung gebe. 

‚ih will nichts anderes mehr! War Jjefus enttanfdt, als fie ihn gefangen nahmen 
und die Syünger ihn verliefen? Wäre fein Wert Menfchendienjt gewejen, dann war dies 
u vet Bujammenbrud. Go aber fann er als Sieger befennen und danken: es ift 

ollbradt. 

Ohne Glauben ift ja gerade dag Leben der Edeljten und Beiten, der Sydealiften eine 
untragbare Laft, die notwendig zum Berreiben, gum Bermiirben der Kraft führt. Da 
tragen wir eine Verantwortung, die wir doch nicht tragen fonnen. Wie viele, die bor 
der Fülle der drangenden Aufgaben erliegen! Manch einer rettet fi), indem er abjtumpft. 
Andere verzehren fic. Sie leben in der Angft: fie werden e3 nicht vollbringen, das 
treibt fie. Und darum fchaffen fie nichts Echtes und nichts Ganzes. Sie find nicht ge- 
borfam, und datum mifadten fie die notivendigen und heiligen Grenzen ihres Wefens. 
$ fommt nidt gur Leibwerdung. Ucberfpannt, geframpft, find fie nad überhigter 
age bald ausgebrannt. Wo liegt der Trug? Es ift die Lüge des unerlöften 

enfden, der meint: er muß e8 machen. Aber der Glaubende ift gelaffen. mit das 
Werk von Gott, fo wirds perk ijts Menfchenwert, jo wird e3 untergeben.” Wer 
Gott dient, ijt getroft. Gottes Sache geht nicht unter. Darum ijt der Glaubende and 
dann nody getrojt, wenn alle den Stopf {diitteln und zweifeln. Die Wahrheit ftegt. Das 
Licht ift das Licht. ES braucht feine Gorge. sit das verantwortungslojes Dabeifteben 
und Burvarten? Nein, ein freudiges Tun, ein Leben aus dem Frieden, aus dem ruben- 


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überlaffen bleibt. CExft wenn diefelben Menfchen, die unferes Geiftes find, auch bie 
nüchternften und materielliten Dinge meiftern; erit dann kann der Menfchlichkeit auf Erden 
eine Stätte erwahjen. Darum wollen wir bewußt dieje Zimwieipältigleit. Wir wollen 
nicht Menjhen einerjeit3 und Politiker anderfeits, jondern politit he Menfaen, 
und da wir die Politifer nigt gu Menfder maden fonnen, müffen wir die Menfden 
Helge Art gu Politifern madden, die aud) als Politiler die Ziele de8 Menjchentums in 
tiefiter Seele veranfert halten. 

Das ift das Ziel unferer Arbeit. Denn nur durch den Dred führt der Weg zu den 
Gejtirnen! E3 fer denn, man begnügt fi damit, fie in Träumen zu erreichen, anjtatt 
im twirfenden Leben! 

Die Sungio ialiften find Diefe innere Verbindung, einerfeits Gogialiften, das 
heißt Ic real, Fehr nüchtern, ſehr Heinlih und notwendig Eleinlicy arbeitende Politiker, 
andererjeit3 Yugendbewegung, d. h. eine nad tiefiten Ouellen des Menihlien 
fi fehnende Gemeinfdaft. Diefe jo notiwendige Verbindung, diefer eleftriide Strom aus 
der Spannung des pojitiven und des negativen Pols bleibt vielen DEN. 

Die Parteibongen halten uns für Schmwärmer und fdledte Realpolitifer, weil wir 
durch die dee hindurd den Weg ins Leben fuchen, und die Mtenfden der DE NG 
dire uns fiir Unmenfden, weil wir aus der dee heraus fo tief in die irdifde Welt 

HEBEN, um in ihr zu wirken.“ 

E a ift die Stellung der —— in ihren Kreiſen. Aber freilich: ein 

geivifler nterfdied ijt aud im Dienfdliden swifden Yungdeutiden und Fungfogialiften. 

an beadte, wie in jenent Brief die Welt als ,Majcine”, die Politi’ als ,erlernbare 
Technik“ und das Politibtreiben als ein ,falfulieren und fpefulieren”, al8 ,rednen” und 
„kühl ausklügeln“ perce wird. Das iit eine Auffaffung, die das Gewicht befonders auf 
das Yutelleftuelle im Politifer legt. it fehen den Politifer mehr als einen , Ringer” 
an, der „das Leben umfaßt hält, und taufendgliedrig, nad allen Windungen de3 Kampfes, 
nad allen Widerftanden, Drüden, Ausweihungen und Reaktionen, empfindet und fpürt“. 
(Heinrich von Kleift, Bon der Ueberlegung.) Uns ift der Polititer mehr nod alg Redner 
ein finnenhaft, unmittelbar lebendes und fampfendes Weien. Während daher bei den 
Sozialijten die bevorzugten Wiffenjchaften die technijchen find fowie die theoretifche Volts- 
wirtfchaftlehre, bevorzugen hir Gefdidte, Piychologie und Biologie. Damit glauben 
wir eber gegen die = t oefeit gu fein, doftrinar gu werden, miiffer uns aber vor der 
andern Gefahr biiten, das Grundjaglide auger adt gu lafjen. St. 


Beamtenitreil, 


Sy DBeamtenjtaat hat den alten Lehensftaat feit Jahrhunderten abgeloft. Wie das Das 
— fein de3 Vehens ftaates davon abbing, dak der Lehensmann in Treue dem Willen 
seine Lehensherrn folgte, jo hängt das Dafein des Beamtenftaates davon ab, dah 

er Beamte in Rehtlichleit den Redhtsgrundfaben feines Staates gehorht. Das 
Redt verpflidtet den Staat gegenüber feinen Beamten und die Beamten gegenüber 
ibrem Staat. Yn dem Augenblid, two diefes Redtsverhaltnis angetaftet wird, beginnt bie 
Auflöfung des Staates. — 

Durd den rehtsgültigen Anftellungsvertrag hebt der Staat feinen Beamten aus dem 
Kampf ums Dafein, den das übrige Volt fämpft, heraus. Er eröffnet dem Beamten eine 
bejtimmte Laufbahn bis zum Tode; er fidhert ihn gegen die wirtichaftlichen Gefahren der 
Krankheit und des Alters; er nimmt ihm die hr für feine Hinterbleibenden ab. Damit 
en die Beamten grundfablid anders geftellt alg alles übrige Boll. Sie find in bee 
onderer Weile, mehr als die andern, Träger des Staates. Der Staat ift nit nur ihr 
„Arbeitgeber“, fondern er tit ihr ganzes Dafein. Außer dem Staat find fie nichts. 

Nun tritt folgendes ein: Meußere Feinde des Staates arene feine Cinfiinfte fort- 
wabrend fiir fic) ab, der Staat verarmt vollig. Aber die Privatwirt{dhaft verarmt nidt 
oder wenigitens widt fo bedrüdend fühlbar. Solange es dem Staate gut gu waren die 
Beamtengehälter und wags daranhing twertvoller als die Lohne und Gebaltec in der 
Privatwirtihaft.e Babllofe Menſchen drängten fich deshalb, beamtet gu werden. Der 
Beamte wurde das Lebensideal des SGpieher$s, der nits Hobheres wiinfdte als feine „ges 
ficherte Exifteng” mit ,PBenfionsberedtiqung”’. Verarmt der Staat, fo lehrt fic) die Gace 
um. Nun geht e8 dem Beamten fdledter als dem Privatangejtellten und Arbeiter. Und 
wenn der Staat Bankerott machen müßte, [age der Beamte völlig hilflos auf dem Trodenen. 
Er hat die jieben fetten Jahre Hinter fich, nun foll er fich durch die fieben mageren bin- 
durdhungern. Früher wurde er beneidet, jegt wird er bedauert. Wird feine Redts- 
gramm fo ftark fein, daß fie den Wechjel des Glüds überfteht? Wird er mit ftarrer 

echtlichkeit fagen: „Was fchiert mich Werb, was fchiert mi Kind? .. Yo habe mir bas 
Gute gefallen laffen, nun will ih, gehorfam dem Recht, aud das Schlimme ertragen.” 
Dder wird ihn die Bitterleit beim Anblid derer, die es befjer haben, wird ihn der jhmerz- 
lihe Gedanke an Weib und Kind, wird ihn der Born iiber die unverfdulbdete Proletart- 
fierung übermannen? 

Gewinnt das Gefühl Macht über das Recht, fo ift das Reht — only a ferap of paper — 


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= 


erriffen. Legt der Beamte feine Arbeit nieder, fo gibt er damit alsbald dem Staat das 
Recht ihr: gegebenenfalls ausgufperren, d. h. ihn gu jeder ihm paffenden Zeit zu entlaffen. 
Wo Streit gilt, gilt aud Ausfperrung; denn was dent einen redt ijt, ift dem andern 
oe Dann veriwandelt fid) das Beamtenverhaltnis, das ein Cebensverbhaltnis it, in 
ein bloßes Arbeitsverhältnis, das Beamtenreht in eimen „freien — 
Der Beamte wird Lohnarbeiter. Wollte der Staat nach dem Beamtenſtreik rein grund⸗ 
Lich verfahren, ohne menſchliche Milde, lo würde er dem jtreilenden Beamten alle 

niptiiche auf Karriére, Rubegehalt, Hinterbliebenenpenfion guriidweifen. Der Staat, 
der von feinen Beamten wie ein beliebiger Arbeitgeber behandelt wird, fann feine Be- 
amten wie beliebige Xohnarbeiter behandeln. 

Darum gilt grundfäglich: Fällt der Staat, fo fällt der Beamte mit. Der Beamte, der 
jtveitt, fägt den Wit ab, auf dem er figt. Er jauft mit feinem Aft vettungslos im die Tiefe. 
* höher und gewaltiger der Aſt in den Himmel gewachſen war, um ſo furchtbarer wird er 

inkrachen und zerſchellen. — 

Die Natur iſt ſchließlich immer ſtärker als das Recht. Wenn ein Vater ſeine Kinder 
nicht mehr ſättigen, kleiden und wärmen kann, dann wird er wild, und — nur der darf 
einen Stein auf ihn werfen, der gewiß iſt, daß er ſich mit ſeiner Familie lieber ver— 
zn ern ließe, ehe er einen Vertrag brade. Naturreht bricht Staatsrecht. Krieg zer⸗ 

richt Ordnung Erdbeben zerjtört Menfdenftadte. Das „Duden deinoteron” des 

Sophokles ijt falih. Elementare Gewalten find — als Menſchenwille. Sittlich zu 
tadeln iſt nur der, welcher ſich nicht bis aufs äußerſte gegen die wilden Elemente geſtemmt 
hat, welcher nicht das „Menſchenmögliche“ getan hat, den Krieg (jeder Streik iſt ein Krieg 
— a zu vermeiden und das Recht und den Frieden zu bemwabhreır. 

Wir haben e3 jegt zum erjten Mal erlebt, daß der Beamte feinem eigenen Staate den 
Krieg erflarte. Niht zum legten Male! Der Staat wird weiter verarmen, je 
mehr fic die Folgen von Verfailles geltend madhen. Das bischen Gehaltszulage wird bald 
von dem finfenden Geldwert überholt. Danır gibt es neue Kämpfe der Beamten gegen 
— die Grundlage ihrer eigenen Erijtenz. „Wenn ein Reich mit ihm felbit unein® wird, 
mag e3 nicht bejteher.” (Mark. 4, 24.) Der von der Not der Kreatur erziwungene Strom 
der Ereigniffe treibt zur Staatsauflöfung. Die Arde Noa des Staates fällt auf den 
Wogen der allzu lange dauernden Sintflut auseinander, und die Beamten, die unter dem 
[hügenden Dache fen, allen ins Wafferr. Der Staat geht gefhihtsnot- 
mendigzugrunde, 8 ift die bittere Lehre, die wir den tauberw Obren vergeblich 
predigen. hr frampft euch ein Lächeln zufammen, als wäre da3 „Miesmacherei”. Es 
ul eine Wirklichkeit, die jeder wird vorausgefehit haben, fobalb e3 — ju fpat ijt. Fm 

terbebett ijt es nicht fdjwer, mweife zu fein. 

„ Die einzige Möglichkeit der Rettung ift die Befreiung des Staates vom den au3- 
märtigen gend en, die ihm das Blut ausfaugen, die alfo in Wahrheit auch unfern 
Beamten das Blut ausfaugen. Der Beamte bekämpft feinen Staat, er follte — den aus- 
wärtigen Feind befümpfen. Er kämpft in falfher Frontjtellung. Statt zum Schaden der 
Teinde ftreit er zu feinem eigenen Schaden. Wenm der franzöfifche oder engliihe Kom- 
mandant mit der PBeitfche winkt, dann friecht er ehrfurchtspoll und jchidfalsergeben an die 
Arbeit. An die Arbeit, die er dem eigenen Staat und Volf und Vaterland verweigert! 
Ein Anblid, Granit zu erweichen! Aber — wer will die Angft der armen SKreatur 
chelten? änner? Ehre? Stolz? Zorn? Du lieber Himmel, ſolche Begriffe ſind 

ute von oben bis unten beſabbelt und beſpeichelt von den Betriebſamen, welche die 
Stimmungen einer Volksmaſſe mißbrauchen, die zu unwiſſend iſt, um ihr geſchichtliches 
Schickſal überſchauen zu können. 

Aber die Privatwirtſchaft bricht nicht zuſammen. Sie hält ſich. Sie überſteht auch 
einige Generalſtreils. Es iſt gerade umgekehrt wie in Rußland. Das hat ſeine hiſtoriſchen 
und völkerpſychologiſchen Gründe. Die deutſche Wirtſchaft wird auch über den Ruinen 
des Beamtenſtaates gedeihen. Aus der Wirtſchaft erwächſt das ſoziale Gebilde der Zu— 
kunft, der neue „Staat“. Begreifet: Das Bindende der Wirtſchaft iſt das Wirtſchafts⸗ 
intereſſe, ihre Moral iſt die Solidarität. Die Beamten ſtellen — in naturgetriebener 
Not — das Wirtſchaftsintereſſe über das Staatsintereſſe. Auch bei ihnen ſiegt die Moral 
der Solidarität über die Moral der Rechtlichkeit. Es geht alles ſeinen Weg 
nach ewigen Geſetzen. Und die Dummheit ſitzt mit einem Schlaubergergeſicht am Steuer— 
ruder und glaubt wunder, was ihr wieder einmal gelungen iſt, wenn ſie eine alberne 
parlamentariſche Majorität ergattert hat. St. 


Zeitgenoſſen. 
10. Der Vielſeitige. 
Soin Menſch weiß recht, woher er fam. E3 gehen dunkle Tagen von einer Jugend in 
Dftgalizien und von zerrifienen Schuhen, mit denen man das Großjtadtpflajter 


betrat. edenfalls hat er heute elegantejte ae an und bewohnt eine vornehme 
Etage. Wenn man nach dem äußeren Anjchein fejtitellen wollte, was er von friih bis {pat 


93 


made, fo wiirde man geftehen miifjen: Wize. Er ift immer in Bewegung, immer bejhäf- 
tigt, über alles unterrichtet, von nichts verblüfft, jcheinbar nicht gu verbluffen. Er redet 
fajt ununterbrochen und man weiß, daß er dabei an ganz anderes denkt. Sein Bau hat 
taujfend Türen und Türen, er fann wohl faum einen geraden Gedanken fallen, und die 
Welt befteht für ihn nur aus jeinesgleihen. Er traut niemandem über den Weg und hält 
jeden geraden Menjchen für einen Zrottel. &o jehr feine OR, zum Laden reizt, 
o unbebhaglid) ijt fie nad) den erjten Minuten. Bynismugs ijt fein Begriff, um ihn zu 
afjen. Er fteht jenfeits davon. „yhm ijt der vollfommenjte Mangel jeder Art von An- 
tandigfett taglide Atemluft. hm fehlt jedes Verbhaltnis gum Anjtandigen. Das 
Amoralijde verjteht fich fur ibn von felbft. Alfo ein unbezahlbarer Mann für alle dunflen 
Unternehmungen. Aber: und bier beginnt feine zeitgenöjliiche Problematik: ex will ns 
jein als nur ein Schieber. Cr will das begriffliche Gegenteil jein: ein Stüd jtaatli 
Autorität; ein Stüd öffentlidde Sittlichkeit; ein Stüd hochite Mivral; ein Stiid Polizei. 
Jeder Staatsanwalt muß vielleicht in feiner Seele ein Eden ER em begen, um 
jeinen Beruf auszufüllen, und jener Meifterdeteltiv, den wir im Film beivundern, woher 
nimmt er jeine Peak Geiftestraft als aus einer lekten fe mit dem ber- 
folgten Apaden? zreilih unjer Amortalifcher fällt gelegentlid) aus der Nolle, dreht mit 
den verfolgten Schiebern auch mal eine ao und läuft ihnen dann wieder nad. Git bald 
Staatsgewalt, bald von ihr bedrohter Dunfelmann, bald Gericht, bald Gerichtsreifer, bald 
Hüter des Rechts, bald jein Berdreher. Man weiß nie, welche feiner Rollen er im Augen- 
blid fpielt. Die vertvidelte und unüberjehbare Yntrigue tft feine Leidenfchaft mindeitens 
ebenjojehr wie der oft recht zweifelhafte Gewinn. Er muß mindejtens zehn Menjchen zu 
gleider Zeit bemogeln, jonft ift ihm nicht wohl. Unbhetmlid find ihm folde, bet denen 
er nicht die gleiche Abficht entdeden kann. Yhnen geht er denn aud am_ meiften 
aus dem Wege. Dennoch fällt er gelegentlich herein: es gibt ja auch joldhe, die felbjt für 
das Geld, da3 fie nehmen, nicht Fäuflich find. So mußte er denn fhon mehrere Dale den 
Chauplag wedjeln, und fein Name war faon oft bedenklich nahe an diefem oder jenem 
Skandal. Aber er hat joviel Fäden in der Hand, an denen er ziehen fann, wenn's irgendwo 
gefährlich heint, fovicle find ihm jhuldig und mitjchuldig, foviele ae und zinsbar: 
e3 gibt für ihn feine Gefahr, folange er wad)fam ift und folange dieje Zeiten mit ihren 
demofkratifhen Tugenden blühn. Eine Zeitlang fhhien e3, als regiere er ein gut Stüd der 
YUemter und als falle ihm ein Mächtiger, dem er unentbehrlich geworden war, gang gu. 
Ein Weitblidender, der machtlos war, jeufzte damals: finig Germaniae. Wenn Leute vom 
Schlage unferes BVielfeitig-Unvermwüftlihen ein ftarkes Wolf überhaupt verderben fönnten: 
wir wären längft nicht mehr. Es wimmelt von Bielfeitigen unter uns. 

Hermann Ullmann. 


Uwe Jens Lornfen. 


an man, hinmweifend auf das Unbehagen, das nod) der Schatten diejes bedeutenden 

Mannes den Dänen der Abftimmungszeit eingeflößt hat, einen Deutjchen fragt, 
wer eigentlidy Lornfen gewefen fei, fo fällt faft immer die Antwort: Er war eim Friefe! 
Selten ift die Stammeseigentümlichkeit die fürzefte Formel eines Menfden. Cinfamfeit, 
Trog, Unendlichkeit der Horizonte find die Merkmale Lornfens. Jn pradtvoller Cinfad- 
beit hebt fic dagegen fein außeres Leben nur wenige Schritte Hin. 

n Keitum auf Sylt betritt er während der Kampagne in Frankreich die Welt. Er 
olf Kapitän werden wie der Vater. Aber Napoleon, in dew auferften Nadwirkungen 
einer lontinentjperrenden Derrihergeite, die alle Schiffahrt erftidt, biegt die Schleife 
eines Laufs. Er wird Schüler in Zondern und Schleswig, Landsmann{dafter bon 
altem „Pennalgeijt” no in Kiel, 1818 Mitglied der frifchgejtifteten Burjhenihaft, ein 
Genoffe v. Gagern3 und Sands, ein Verehrer Year Pauls, ein ungefdladter Riejen- 
jüngling, bald voll närrifch-genialifcher Ausgelaffenheit wie der junge Bismard, jtrogend 
bor Luft zu Wikgefedten, bald niedergefunten in feltfame Schwermut, voll bligender Auf- 
ertun und verhaltener Kraft. Ein geheimer König wie der merkwürdig verwandte 

ent. Er fann mit jeder Hand eine Tonne Roggen auf den Kornwagen heben. Trägt 
fen Samtmiigden mit dem Schirn nad hinten, da jest dod alles verkehrt ſei in der 
elt. 1820 fpringt er auf, um für Griechenlands Freiheit zu fechten wie ein Student 
der Freiheitstriege, wie Byron. So wollte Biörnjon 1864 für Dänemark gegen Deutjch- 
land kämpfen. Altgermanifches Abenteuern! Doc jtatt deffen nimmt ihn die Kanglei- 
jtube in Kopenhagen auf. Seine Begabung laßt ihn zum Abteilungsvoritand und Rat 
auffteigen. Nun wollen ihn die Frauen natürlich teils heiraten, teil8 verheiraten. Aber 
es trifft ihn der furchtbare Stachel. Die geheimnisvolle Krankheit Kierlegaards. Bald 
heißt er fie Gicht, bald Hautleiden, ein Mitfchüler habe ihn angeftedt, bald bobrenbde 
Sdhwermut, ein Nervenübel. Er kann nicht weiter und bewirbt fih um die Stellung 
eines Landbogt3 bon, Sylt. an : 
Da reißt ihn die SFauft der Weltgefhhichte in den Strom. Die frangojijdhe Yuli- 
revolution erhebt 1830 Louis sh el en erjten. ,Biirgerfonig” Europas. Als Lornfen 
in demfelben SYahre auf der Reife nad Sylt in Kiel landet, jteht fein Herz in Flammen. 


91 


Die Kunde, er fet angefommen, durdftirgt mit Feuergefhwindigkeit die Stadt. Alle 
jungen Fretheitsmanner jammeln fic, die alten eilen mit herbei. Man bejchlie t, da3 
Land redend zu bereijen, jeder einen Zeil, man will Stimmen fammeln für eine ale 
an den König zur Schaffung von Provingialjtanden. Berfrüht und niedergefdlagen febhrt 
Lornfen aber aus Flensburg zurüd. dlih veranlaßt man ihn, feine frifd aus der 
Feder geflofiene Schrift „Ueber das Berfaffungswert in Schleswigholftein“ den Ber- 
einigten vorzulejen. Die Beifall braufende Berjammlung in „Stadt Kopenhagen” jubelt 
dem Führer zu, fie befchließt jofortige Verbreitung feines frühlingliden Wertchens in 
10 000 Stüden. Hier [priht der ganze Mann. Hier weht der große Atem dur Schleswig- 
Holjteins Geſchichte. „Wir ftehen am Vorabend großer Ereignijje. Nur der König und 
der ze ey ung gemeinfhaftlid. Die Finanzverwaltung des Staates ift ein Geheimnis 
vor der Gejamtheit der Staatsbürger. Die gefammten höhern adminiftrativen Ein- 
ridtungen unjers Landes bedürfen einer gänzlihen Umgejtaltung. Unfer Konig ift fein 
5 ſondern ein geborener Bürgerkönig.“ Dieſe Schrift, ein praſſelnder Donner, 
litzt in Funken. Sie trinkt ſich köſtlich wie kräftiger Wein. Lornſen verlangte Pro— 
vinzialſtände, wie die Könige des Wiener Kongreſſes ſie verſprachen, und Zurück— 
chraubung der Verbindung mit Dänemark auf bloße Perſonalunion. Seine Vaterlands- 
ehnſucht erhebt ſich dem Liede ähnlich von Nachtigallen, die Mainächte durchſchluchzen. 
„eder weſentliche Fortſchritt geſchieht nur durch Oppoſition“, iſt eins ſeiner Worte. Und 
das men oan ihönere: „Meine Sade ijt jo Har wie die Sonne“. Gerade darum traf 
ihn die Radjudt danifdher Dejpotie. Die Feigheit fchleswigicher Zopfrichter verurteilte 
dieſen ——— mit der Jämmerlichkeit offenen Rechtsverbrechens „wegen mög— 
licherweiſe Eh werden fonnender Handlungen” zu anderthalb Jahren Fejtung und 
Zugwind, laflojigteit und nafjfen Rafematten. 

ALS er Fiedrichsort und Rendsburg verließ, noch ungebrochen, im SYubel der Freunde, 
wat dod) fon die Art dem Riefenbaum an die Wurzel gelegt. Sein altes Leid mit der 
qualvollen Einbildung, es fei ein anjtedendes Leiden, trug er geheim, voll Sehnen nad 
Gefelligteit, Familie und politifcem Leben. Gn der Cinjamfeit trug er ein Jahrzehnt 
lang wie ein unvollendetes Drama die ,,Unionverfafjung”, fein Hauptwerf. Endlich zer- 
brad er unduldvoll die Schmadh der vom Schidjal aufgeziwungenen Untätigleit. Er fuchte 
Heilung in Rio de Janeiro. „Entweder fjterbe ich dort, oder ich Lehre gejund zurüd.“ 
Berlaffen verfhloß er die heiße Heimatsliebe am Gejtade der Amazonen, oft mit dem 
— bon einſamer Klippe Schiffe der Frieſen erſpähend. Doch nah Jahren landet er 
ranker als je in Marſeille und bleibt in Genf. Noch erkennt man den großen Mann 
mit dem Jupiterkopf, reich an dichtem, gekräuſeltem, dunklem Haar, der offenen Stirn 
und dem leuchtenden Auge, der ehrfurchtgebietenden Geſtalt, dem würdevollen Gang. 
Aber an einem Tage des Hornung im Jahre 1838 fand man den ungekrönten König 
Schleswigholſteins (er ſchrieb das Doppẽlwort ſtets in einem) erſchoſſen am Ufer des 
Genfer Sees. Verſchwenderiſch hatte die Natur ein Genie zerſtört. Seine Qual wuchs 
über ihn — aber ſein Werk hatte der Todwunde vollendet. Seine Tat Beſtimmung, 
ſein Leben frühlinghaft rein, ſein Wirken ins Unendliche. So ward dieſem Einſamen das 
Schickſal jenes Heinxich von Kleiſt, der vor den Menſchen voll Unſal, vor Gott und dem 
Vaterlande in überſtrömender Seligkeit, ein Vorfrühlingsgewitter über den mit Bitter— 
keiten gefärbten deutſchen Himmel ſtob und deſſen Taten wie ewige Sterne leuchten, weil 
ſie ewig entſtehen. Karl Theodor Straſſer 


Adolf Jutz. 


Sy neue Bewegung der deutidhen Kunft, deutlich |chon in den legten Syahren vor dem 
Krieg, ijt wie jede große Stilbildung in der Gefchichte erfüllt von zwei Gedanken, 
die freilich nur die beiden Seiten eines Willens find. Sie fucht eine neue Form. 
Statt der aufgelöjten eine zufammengefaßte, ftatt der bloß in der Natur gejehenen eine 
innerlich ejhaute, ftatt der nüchternen eine dichterifch erfüllte. Das zufällige Natur- 
erlebnis foll wieder untergeordnet werden einer neuen Bildeinheit oder einem neuen 
plajtiihen oder malerijhen Rhythmus. Die Dinge der fihtbaren Welt haben wieder 
ihr Bee Geheimnis, und in verfchtedenen Experimenten verjudt die Kunft diejes 
zu vffenbaren. 

De innere Zwang, unter dem fich dag Formfucen abfpielt, ijt eine neue Gefinnung. 
Man fönnte fie im allgemeinften Sinne als eine religiöfe bezeichnen, mug fich dabei aber 
besvuBt bleiben, daß viele Mitläufer der Bewegung, Künjtler, Literaten und Publikum 
wenig mit diejer neuen religtdfen Haltung gu tun haben, ja dak, da wir am Anfang der 
Sturve jtehen, der neue Gehalt fic) felten rein und eindeutig ausfpridt. Manche heute 
führend jcheinenden Maler, die energie mit der neuen Form ringen, wurzelm in ihrer 
Gefinming noch ganz in der Frangöfit en defadenten Kultur oder deuten ihre impreffio- 
niftifde Grundhaltung nur in neuen Zeichen aus. Yn wenigen Sahren wird das Chaos 
fic beruhigt haben und das Echte bom Unedten fic) fondern. 

Die neue Kunst jucht ihre ee in der Darftellung der neu begriffenen Lebens- 
gewalten. Das Geheimnisvoll-Sdhidjalmakige in Grofftadtitraken oder Ardhiteftuven, 


95 


in denen der Menfch jchemenhaft auftaucht, fich begegnet oder verjchwindet, ivie auf den 
Gemälden Feiningers; die duldende göttlihe Unjhuld in den Tieren Frang Mares oder 
die riefige Einheit von bewegter Strandlinie, Meer und Wolfen in den Zeichnungen 
Noldes oder die Tragif der lebensfdweren Portraits Kofofdtas. Immer iſt die finnlide 
- Form des Bildes erfüllt von einem überfinnlihen Element. Da die frühere Form diejes 


nicht zu faffen vermag, muß fie gefprengt werden und jo haben neue Bilder freilih ihre 
— erriſſenheit, zumal alle Schmerzen dieſes erſchütterten Europa in ſie ein— 
münden. 


homas Idyllenglück und Boecklins romantiſche Phantaſien nicht mehr 
möglich und Liebermanns ſchmerzhafte Nüchternheit muß an all dem vorbeiſehen. 

Wenn wir in dieſem Zuſammenhang auf Adolf Jutz aufmerkſam machen, ſo müſſen 
wir dabei auch unſer inneres Widerſtreben — enn, da wir das ganze Werk dieſes 
Künſtlers, vor allem ſeine Entwicklung ſeit dem Krieg kennen, ſo ſcheinen uns die bei— 
pepe enen Bilder, an denen wir doc demonstrieren müflen, für die Schilderung diefer 

edeutenden Künftlerperfönkichkeit nicht ausreichend. Yn feinem Wefentliden, vor allem 
in feinem großen Stil, fommt der Künftler hier nicht zu Wort. Aber was diesmal Um- 
Itände haben — laſſen, kann ſpäter nachgeholt werden. Und es kommt uns nicht 
darauf an, den Leſer zu überreden oder zu überzeugen, ſondern ihn neugierig zu machen, 
ihn anzuregen, das ganze Werk des Künſtlers zu ſuchen. 

Jutz if wie ein paar ihm nabeftehende fuddeutide Maler aus dem Stil des eriten 
Sahrzehnts diefes Yahrhunderts herausgewadjen, gequalt in feiner Befangenbeit, nicht 
wirklich selefelt bon der frangofijden, von Cézanne herfommenden Lehre, aber von ihr 
befrudjtet. Natürlich hat aud van Gogh auf ihn gewirkt. Aber feine bejondere Ent- 
widlung ijt eine rein deutfde. Daf ihn die Freundfdaft mit einem jo aroßen, gejtaltungs- 
reihen Künftler verband wie Shinnerer, war das befondere Glüd feiner Entwid- 
lung. Und mit diefem mag er fi} auch tröjten, wenn die mean gealtnpe unter unjeren 
Kunftichreibern a nod iiberfehen zu können glauben. Aber die eigentliche Wurzel 
Ben groben Stils ift feine innerfte Verbindung in Glauben und Sehen mit der deutichen 

othik. 

Die Freiburger Flußlandſchaft (Lithographie) iſt ſo entſtanden: Föhn, winterliche 
Bäume, ein rauſchender Bach unmutig ſein ſchmutziges Gewäſſer daherwälzend. Wir— 
kungen maleriſcher Kontraſte, die bisher nur die Radierung vermochte. Eine merkwürdige 
Unruhe in dem Bilde, etwas Klagendes, Halbfertiges in der Natur. Die große Kurve 
des ausgewafdenen Slubufers fi in der Tiefe verlierend, die jchmerzvoll nadten Bäume, 
im. Hintergrunde die halb verfleierten Berge, und darüber das zerfahren launifde Gee 
wolfe. — Sein Teil des Bildes ift bloß bejchreibend, in jedem ift die Form „altiv”, das 
Ganze voll befeelter Natur. | 

Die Zeichnung eines Soldaten im Felde ift cine Probe aus dem fehr reihen Kriegs— 
werk des Malers, von dem leider die jtärkiten Stüde bier nicht gezeigt werden. Sonit 
würde offenbar werden, daß der Künjtler feine auf dem gleichen ®ebiete arbeitenden 
Genoffen weit hinter fic läßt. Nicht foldatiihe Bravour, nicht „Heldentum” und „SKriegs- 
leid“ im Sinne der üblichen Kriegsliteraten ijt fein Thema. Er jucht fein bejonderes 
Menjhentum im der Armee auf, die tcouigen Charaftere, ftarffnodige großgebaute Gee 
roe mit ihrem Ausdrud von verbiffener Kraft, Soldatenjchlauheit und phrajenfeindlider 

abrheit, über denen allen ein nicht weiter bejtimmbarer Zug von Kommißhaftigfeit des 
undifferengierten „gemeinen Mannes” liegt. Aber fo weit aud) diefe Portraitilizzen in 
ihrer großzügigen Eharakteriftit getrieben find, fie intereffieren den Künftler und uns 
nit um ihrer felbjt willen, fie find nicht etwa „Portraits“ mit dem gegenftändlichen 
Intereſſe an der Individualität. Sondern alle diefe —— Ra find unter £9 
duch) ein gebetmnisvolles Band verbunden, eingetaudt in die gleihe Atmofphäre. ie 
eigenwilligen Figuren, oft redenhaft und erfüllt von der Größe des Soldatentums, find 
alle befangen von einer fte gleichfam rap aa hc Tragit. Ueber ihnen waltet ein ihnen 
felber unverftändliches Yatum, feffelt ihre Freiheit, bricht ihre Kraft — und heiligt fie 
wider ihren Willen. us dem BZwiejpalt der großartig gejehenen Wildheit des ger= 
manifden Soldatendarafters und de3 fataliftifden en eins in Dienft und Sdidfal 
entjteht ein merlwürdiger moderner Typus Menfd, herrijch zugleih und demütig, boje 
zugleid und unendlid gütig, großartig und armfelig, Iafterhaft und findlich fromm. 

_ Das dritte Bild gibt eine der zahlreichen Falfungen, nicht die Iegte, eines Vorwurfs, 
mit dem der Siinjtler unablajfig ringt, Chriftus predigend (1920. Steindrud). Diesmal 
bleibt freilich der reer ae der den malerifhen SKontraften und der Weichheit des 
Originals nicht zu folgen vermag, weit hinter dem Original zurüd. Der „Rabbi“ vor 
den Mühjeligen und Beladenen. Die Kraft des Worts. Die Erwedung der Seelen im 
neuen Geifte. Daß die Kunjt der zahlreichen religiöfen Blatter des Kiinjtlers von Rem- 
brandt beeinflußt ijt, bemerkt jeder leicht. Aber die Kunftmittel, in diefem Falle der von 
pub zuerit zu folder Wirkung gefteigerte Steindrud, feine Behandlung von Hell und 

unfel, find gänzlich neu. Und wie die Gruppe diefer Zmwölfe mit ihrer halb neugierig 
gleihgültigen, halb jehnfücdhtig — und dumpf verſtehenden Art des Bubdrens 
aus dem Geiſt der Zeit geboren iſt, braucht keine Erläuterung. In der Gruppe jeden 


96 


einzelnen Charafter a ee eee fie Dod fompojitionell zu fdliefen und in dte tiefer 

wage att überzuleiten, die Figur Ehrifti überragend zu oHetem. das. Figürliche durch 

ie Anordnung des landichaftlihden Hintergrundes zu fejtigen und die Erregung des 

sinters, ausklingen zu laffen, ift das Ziel immer wiederholter Bemühungen des 
ünſtlers. 

ir hoffen, an dieſer Stelle gelegentlich die Entwicklung des Malers, in die wir hier 

nur durch Vorahnungen einführen wollten, weiter zu verfolgen. Ludwig Curtius. 


Der "Beobachter 


YA fann anjtandig ftreifen und man fann unanjftandig jtreifer. Wenn man an- 

jtandig jtreift, jorgt man dafür, daß nit unnüg Material zerjtört wird, * das 
ſchuldloſe Dritte aufkommen müſſen. Wenn die Lokomotivführer anſtändig ſtreiken, 
dann fahren ſie ihren Zug dahin, wo er gehört, ſorgen dafür, daß das Waſſer aus dem 
i gelajjen wird, damit der Kejjel nicht vom Froft bejdhadigt wird ujw. Denn wer 
muß die zerjtörte Mafchine bezahlen? Der Steuerzahler, aljo au der Beamte felbjt! 
E3 ift unanftändig, grinjend davonzuftapfen und die Werkzeuge kaputt gehn zu Laffer, die 
der Allgemeinheit gehören. Vor den Xolomotivführern haben wir immer bejonderen 
Reipelt gehabt. Ste erfdeinen uns neben den Buchdrudern als die Elitetruppen der 
Arbeit. Der Lolomotivführer braudht eine Menge Senntnifje, mehr, er braudt gute 
Nerven und einen fejten Charakter. Er ijt verantwortlider Herr über das Leben von 
Taufenden, die hig ihm anvertrauen. Und eine moderne Lofomotive gu behandeln, it 
fein Kinderfpiel. Wir haben uns immer vorgeftellt, ein Lolomotivführer hätte eine geiwille 
Liebe zu feiner Mafdine. Dak fo und fo viele nun einfad die Majchine zum Teufel gehn 
lieBen, Das hat uns — lagen wir: merkwürdig berührt. Man verjteht es, wenn ein 
Menih, von der Not des Lebens bedrängt, jagt: Nu i8’t 'noog, nu willt wt oof jtretfen. 
Aber man verjteht es nicht, wie ein Merch fo wenig auf Berufsehre halten fann, daß er 
wertvollite Mafchinen ziwedlos verderben läßt. B. 


ie „Rote Fahne” bradte während des Eifenbahneritreils einen Aufruf, der die fitt- 

lihen Triebfrafte der „neuen Zeit” jehr deutlich offenbart: „Der Reidhsprafident 
„verdient“ jett 300000 Mart — erhält außerdem 400 000 Mark „Aufwandsgeld“ 
(zum ſtandesgemäßen Empfang von Gäſten, die nicht Arbeiter ſind), ferner freie Dienſt— 
wohnung (genaue Angaben über die Zahl der Räume erteilt das Wohnungsamt für 
Obdachloſe). Arbeiterinnen, wundert Ihr Euch noch, daß der Reichspräſident den hungrigen 
Eiſenbahnern das Streiken verbietet? Proletarierinnen, unterſtüßt die kämpfenden 
Brüder!” Aus dem Neide wird eine herrliche Zeit exwachſen. Heil der Zeit, in der 
Lenin vierter Klaſſe nach Genuaga fahren, dort in einer Schlafburſchenſtelle nächtigen und 
im Gedenken an ſeine verhungernden Untertanen von trocken Brot und Waſſer leben 
wird! Nur dem fetten Nicht-Arbeiter Apfelbaum alias Sinowjew mit der goldenen Uhr— 
kette auf der Sowjetweſte und ſeinen brillantbeſetzten Kallen wird die neueſte „neue Zeit“ 
wenig gefallen. 


Ab ein Beifpiel des bittern Humors diefer Beit feien —— Worte aus den Leit— 
aufſätzen des Vorwärts vom 5. und 9. Februar aufgehoben: „Die Streikleitung hat 
verfügt, daß auch keine Notſtandsarbeiten verrichtet werden ſollen; nur die Pumpen der 
Untergrundbahnanlagen ſollen in Gang bleiben, die Pflegeanſtalten und — das 
Aquarium des Zoologiſchen Gartens —* verſorgt werden. Die Krokodile werden 
alſo von heute ab die beneidenswerteſten Berliner ſein; warum die Streikleitung mit 
dieſen intereſſanten Geſchöpfen mehr Mitgefühl hat als mit den Proletarierkindern, denen 
nicht einmal ein Glas Waſſer bleibt, iſt bisher nicht ergründet worden.“ „Während ſich 
die Krokodile und Waſſerſpinnen im Zoologiſchen Garten der väterlichen Fürſorge der 
Streikleitung erfreuten, mußten die Proletarier des Berliner Oſtens und Nordens ohne 
ein Schluck ſſer und ohne Licht die letzten Tage verbringen.“ Das Krokodil, das mit 
dem vergnügten Bewußtſein „Mir dut keener wat“ der beneidenswerteſte Berliner iſt, ver— 
dient in den Sprichwörterſchatz aufgenommen zu werden. 


cy dem publifumsbefliffenen Boulevardblatt, das Ulljtein in Berlin fein eigen nennt, 
in der B. 3 am Mittag, jchreibt ihr ,Diplomatifus’-Leibjdmod, der durch feine 
taftlojen und gudringliden Yndistretionen bekannt ijt und hinter dem fich eim jehr füd- 
Oftlider Heros des ,,deutfden” Geifteslebens verbirgt, ein journaliftiiches Epos über ein 
„Diplomatifches Diner bei Rathenau”. „Der Reihsminijter des Aeußern Dr. Walther 
Rathenau gab Sonnabend ein diplomatijdes Eſſen im elterlichen Haufe. (Gott, was für 
e re Familie!) Seine Mutter, die Witwe Emil Rathenaus, des Begründers der 
4. €. G., madte die Honneurs. — Adel!) Reichspräſident Ebert führte Frau 
Rathenau zu Tiſch. Eſchmock ſchreibt auf ſeine Manſchette) Es waren Ba u 40 Pers 
fonen eingeladen.” an denke, mahezu! ... „Man konnte vier deutiche Augenminifter 
97 


ı 


nebeneinander ale Rathenau, Müller, Köfter, Kühlmann, wozu man nod) als fünften 
Reidstangler Wirth rednen fann, der ja (mam dente!) das Minifterium des Auswärtigen 
eine ganze Zeitlang jelbft gefiihrt hat.” (Weld ein Glan; im meine niedre Hütte... .) 
— Berlin famufe. Und da verbietet man, um der Not der Zeit gerecht gu werden, 
Faſchingumzüge. 3: 
Abe zuweilen wird Ulljtein doch —— Bekanntlich ſucht er ſich auch bei der 
oer ect Jugend mit einem guten Gefdaft eingufilgen: er läßt „die“ deutfche ee 
zeitjchrift erjcheinen mit einem Titel, der jeden Laffen und jedes Bahlamm zum Abbone- 
ment reizen muß: „Der heitere Fridolin“. Und nun madt er e grauße Reklame for den 
heitern Sribolin, Mit diefer Reflame fam er bei den „Blättern für hamburgifdes Jugend- 
wejen” an den Unredten. Diefe Blätter quittieren auf die Ullfteinfche Sn jo: 
„Schlecht“ ift das Ding nicht, aber dumm, unglaublich dumm, ohne bantafie, ohne Humor. 
Beihämend für ein Land, zu deffen Bürgern doch immerhin einmal Wilhelm Bufch gehört 
at. Ullftein WG. bittet uns, das Blatt zu befprechen, gleichzeitig — merft ihr was? — 
ietet man uns eine Anzeige an. „zit das nun naib oder dreift? Wir fehen nur eine 
Verwendung für diefe Ueberflüffigkeit: Ajcheimer!” Web & out Was ijt das deutide 
Bol fiir cin unumganglides Volt! Verſtehn nix vons äft. 
AN ite Liebe roftet nicht. Wir fchlagen alfo tro allem das erjte Heft des neuen Sahr- 
- % gangs der „zungen Menjchen“ auf und finden an der Spike — erftaune, Mitwelt! 
Die Anpaffung verftorbener und alfo wehrlofer deuticher Dichter an die „neue Zeit” wird 
erfolgreich fortgefegt. Nach Löns kommt jet Ernft Morig Arndt dran. (Wenn Sie mal 
in dem Himmel kommen, Walter Hammer, fehn Gie fid) nur vor, dak Sie dem Alten 
nit in die Faufte geraten. Der ware imftande, Yhnen die Flügel auszurupfen und Sie 
mit einem Schwung in die Tiefe zu jchmeißen, daß Sie wie ein halb gar gebadener Pfann- 
fuden an den Gitterftäben der Hölle Elebten und leife wimmernd ins Nirwana zerflöffen.) 
Die Jungen — ſtreichen des alten Arndt klirrendes Eiſenlied mit fader grüner 
Seife faſt bis zur Unkenntlichkeit zu: 
„Der Gott, der Palmen wachſen ließ, 
Der zürnete (lies mit derſelben Betonung wie Fliedertee) den Knechten, 
Darum zerbrach Er Schwert und Spieß 
Dem Mann in ſeiner Rechten. 
Drum gab er ihm Blutzeugenmut 
Und Seines Wortes Stärlke, 
Daß über Leib und Hab und Gut 
Ihm ſtünden ſeine Werke. 
Die Werke Gottes, die wir ſiolz 
Auch unſere Werke beigen, 
iit die Er ftarb am Marterhols. — 
ie Palme übers Ci- (hoppla) Eigen.” 
E3 ift nun nod iibrig, dak auch die Melodie durd fentimentale pagififtijde Palmolfauce 
gezogen wird. Und dann mug Stnud Whlborm femmelweid und blond im Mondfdein auf 
eine Düne fteigen und den Kantus vorjingen. Alle Meeresgötter werden vor Vergnügen 
quietfden. — Lloyd George hat neulich davon geredet, dak man die deutiche Sfugend 
beadten miiffe. &3 fei bedentlih, wenn fich bei ihr Gedanken von Volfsfreiheit und 
Bollswürde feitfegten. Wir raten Herrn Wirth, um die Stirn des allerhödhiten Herrn in 
London zu glätten, die beiden Herausgeber der „ungen Menfden” als Probe-Exemplare 
der deutichen Jugend nad) London zu jenden. Als angemejjenes Behältnis für den 
Transport der deutihen Sklaven fdlagen wir einen Kafig vor. Wenn Lloyd George 
diefe deutiche Jugend befichtigt hat, wird er zivar jagen: „Gott jei Dank, daß jte feine 
Enaländer find.” Aber er wird huldreich hinzufegen: „Mit diejer deutidhen Jugend 
wird fein Krieg mehr nötig fein, die pariert beffer als die indijden Kulis.“ 


X38 dem Kriege war e3 FERN üblich, über den bitrofratijden Formalismus unferer 
Regierung zu fcelten. Dak e8 jedoch in diefer Hinfidht auch in Franfreidh, dem 
„Zande der idealen Demokratie”, nicht befjer fteht, beweift folgender bhubfder Vorfall: 
Am Silvefterabend trat die franzöfiihe Kammer in die Beratung des Staatshaushalts 
ein. Da fih Kammer und Senat nicht einigen fonnten, fo zoger fich die Debatten bis tief 
in die Naht hin. Nach der Verfaflung muß jedoch das a mit dem Jahresſchluß 
verabjchiedet werden. Was tat alfo der Kammerpräfident? Er lie um %12 Uhr die 
offiztellen Saaluhren anhalten. Und während draußen die Parifer das neue Jahr be- 
grüßten, berieten ihre Vertreter in der Kammer bis zum anderen Morgen um 10 Ubr 
weiter, unter der Fiktion, daß es immer no %12 fei. — So hat man Elugerweije das 
alte Yabhr, mit deffen Lange die franzöfiihen Gefepgeber nicht austamen, eim wenig ge- 
jtredt und-die Einfteinfche Relativitätstheorie zum erjten Mal für die Politif nugbar ge- 
madt. Mir fällt dabei ein altes Kafperlftüd ein, in dem ein zum Harafirt verurtetlter 
japanifher Großmwürdenträger jammert: ,,Uehrden, jteh’ ftille, und du, Monderl, Er 


98 


a 





Swiefprache 


Sy) Auffag Dr. Rohdens tft angeregt durd meinen Aufjag „Ueberjegungen“ im 
Augujtheft des vorigen Jahrgangs. Er betont das Verftandnis aud) des premodern. 
Die Unterjheidung von Berjtehen und Erleben ijt aud) praktijch jehr_ bedeutjam. 

Dr. Ullmanns Aufjag mag man zugleid als eine rechte Cinjtellung auf das 
Schlimme nehmen, was dann folgt. Diefen Aufjag über den Serualienhandel habe id) 
mit viel Widerjtreben gejdrieben. Daher fommt er fo jpät. Und er ijt nod nicht ein- 
mal fertig. Ym nädjiten Heft folgt eine zweite Portion gleichen Umfangs. Die Unter- 
titel — Verſchiedene Sittlichkeit. Juden und Jüden. Verbindungsmänner und 
sere ie EB lie Der Kampf um die Madt. Selbithilfe. — Ein Berg von 

eitungsaus[dnitten, Zeitichriften und allerlei Zufendungen hat fi in diefer Sadje auf 
meinem Schreibtijch angefammelt. Wenn der ganze Dred verarbeitet und ins Ardiv ge- 
fchüttet ift, werde ich dem Ueberzieher vom Hafen nehmen und durd$& einfame Moor gehn, 
tief aufatmend, daß ich audy über diefe Arbeit hinweg bin. Es muß ja fein. Da mir 
nun einmal fozufagen ein paar Faufte gewadfen find, die fih dazu eignen, Lumpenpad 
anzufaffer, muß ich wohl diefe Faufte dazu gebrauchen. Der Leer, der nicht gern ee 
at en zufhaut, mag drüber hinwegfehn. Daß der Kampf notwendig ift, darf er freilich 
ni treiten. 

Das Wort ,,Sexualien” habe ic mir gejucht, weil „Erotik“ zu zart und vornehm fur 
die Sade flingt und das Wort „Nuditäten“ nicht das Richtige trifft. Es handelt fich ja 
nit um das Wus- oder Angezogenfein. Die viertelbefleideten Tange der Celly de Rheydt 
fonnen unter Umftanden gemeiner fein als die in völliger Nuditat. Es handelt fic) eben, 
ob mit oder ohne RKieidung, darum, dak mit Sdcauftellungen, Tangen, Bildern uftv., die 
ihr yatereiie nur aus dem Befdledtliden beziehen, Handel getrieben wird. 

5 ak dex Kampf gum Teil ein Kampf gegen BPerfomen ift, liegt in der Natur der 

ade. — 

a3 im borigen Heft genannte Bud von Dr. Wilhelm Stählin ift ingwifden in der 

ger hen Berlagsanftalt erjhienen: „Fieber und Heil im der GYugendbewegung”. 
reis 20 ME., dazu die üblihen Aufichläge. Vielleiht wird das Bud) fdon in diefen 
Woden ein wenig teurer. Umfang 9 Seiten. Anhalt: Die Jugend und die Krijis 
unferer Kultur. r Wille zur Form. ran Gale Der Verkehr der Geichledter. 
Werden und Wollen. Jugendbeivegung und Che. Erlöfung. — Man merkt es dem Bud 
an, daß e3 meift „draußen im Wald entjtanden ift, während Eichen über mir raufdten, 
Kühe um mid) mweideten, Geißen joe Sprünge madten und große Gänfeherden mit 
lautem Gefchrei über mich hinweg flogen“. &3 ijt fo quidlebendig gefchrieben, daß man 
e3 in einem Zuge liejt, mern man angefangen hat, und es it voll gefunder, fröhlicher 

Bosheiten. tablin behandelt die Schäden wie ein toohlmeinender Arzt, der den 
Patienten jehr gut kennt und ihm eben deshalb offen die Wahrheit jagen fan. — Eine 
nung dazu ift Stabling Rede vom Heidelberger Bundestag des Bundes Deuzjcher 
Augendvereine: „efus und die Jugend”. Ste ift mec ene worden und liegt mun 
in iibidjer Ausjtattung vor: Buchverlag des Bundes Deutfder jugendvereine, Sollftedt 
bei NRordhaufen. — Fm Anfchluß daran weifen wir auf die Schrift eines andern jung- 
deutichen ;sreumndes hin: Oberrealjchuldireftor Dr. Edmund Neuendorff hat in der Weidmann- 
Den Buchhandlung ein eines Heft erfheinen lafjen: „Volt in Not“. Cine fachliche 

eberficht über die Entartungserfcheinungen bei unfrer Jugend und über die Yorderungen, 
die auf Grund der Tatfachen an die Schule zu jtellen find. — we 

Der Engelstopf von Adolf Gus vorn im Heft fonnte leider nicht nach dem Original, 
fondern nur nad einer Eleinem Photographie wiedergegeben werden. Die Anjchrift 
ssubens ijt: Adolf Jus, Freiburg i. Br., Sternwaldjtr. 15. 

_ Bruno Lemles Monatsfdrift „Freideutſche sugend” hat aus äußeren Gründen bor- 
läufig noch nicht den Titel in „Die Bewegung“ umgeändert, wie auf Grund einer An- 
fü gung unfer Beobadter im anuar erwähnt hatte. — 

‚daß in Karl Peters a uae über Flaifhlen im Februarheft der Vorname des 
Didters als Caefar ftatt als Cajar erfdeint, ijt nicht Schuld des Berfaffers. Seine 
Korreltur war verloren gegangen. Ich perjünlid made mir nidt3 aus folden ortho- 
grep tient Sineffen und bin fogar bereit, einen Menjchen, der Göthe ftatt Goethe jchreibt, 
alg gebildet gelten zu lafjen. Wenn er’3 nur ridtig fpridt! Aber um der Schwachen 
willen, die mit roter Tinte aufgepäppelt find und über jeden nicht vorjriftsmäßigen 
Budjtaben ftolpern, fet die Sade festaefteltt Alfo Eäfar heikt der Mann mit Vornamen, 
nicht Eaefar. Legterer war keim Schwabe, fondern ein alter Römer, der zwar mehr Sonne 
am Himmel, aber weniger im Herzen hatte und mit dem weniger qut Kirjden effen war. — 

er Umfchlag zu diefem Heft wird wahrjcheinlich etwas unwabhrideinlid nefärbt Fu 
Man muß infolge der Streiferei das Papier nehmen, das mam gerade kriegen fan. Und 


99 


bariatio delectat. Mit unjerm bisherigen Drucdpapter find wir nun zu Ende. Bom 
April ab müfjen wir neues nehmen. Das wird wohl freilich auch nicht beffer fein als das 
bisherige, aber fehr viel teurer. Wieviel, das wifjen wir heut noch nicht. tem muß die 
Zeitfhrift im April wieder teurer werden. Der Fricdenspreis des „Deutichen. VBolfs- 
tum3“ betrug drei Mark Me lation Nad) dem Steigen der Zehnpfennigmarfe und der 
Straßenbahnpreije berechnet, miikten wir jebt alfo fechaig Mark vierteljährlich mehmen. 
Aber keine Angft — fopiel wird's nicht! an denen es fauer wird: rührt die Fauite, 
braudt die — in der rechten Weiſe! aͤcht ſich klagend aufs Altenteil zurückziehn 
oder ſich an die nd drüden [affen! Organifiert euch! GFordert! Das Geijtige foll 
Herr bleiben. Aljo verwendet in dDiefer Zeit euren Geift auh darauf, das Gelb, 
das ihr zum Leben braucht, herauszuquetihen. Wollt ihr dulden, daf die Kinder von 
Halunten die Herren eurer Kinder werden? Nochmals: Drganifiert eudy und haut um 
euch, daß die Lappen fliegen! Drüdt der Kanaille die Knie auf die Brujt! Dann fonnt 
ihr auch das „Deutjche Vollstum“ bezahlen. 

Aber eS gibt auc) fortan etwas mehr für's Geld. Die „Mitteilungen der Fidtegefell- 
ihaft“, die über unfre Volfser — — berichten werden, ſollen vierteljährlich der 
Geſamtauflage unſerer ——8 eiliegen. — 

Die Worte unten ſtammen aus Fr. Th. Viſchers „Auch Einer“, und zwar aus dem 
Tagebuch Albert Einharts. Sie ſind mir einmal in den aufgewühlten Tagen der Jugend 
ein — Kompaß gee und haben mid) mit ihrer reinigenden Kraft gut geleitet. 
Wie ii i das ganze Buch. Yd) denfe, die Worte werden aud) jest nod der Brwangig- 
jabrigen belfen. ' Ot. 


Stimmen der Meiiter. 


Gewitß enthält das Geſchlechtsleben des Menſchen reichen Stoff des Komiſchen. Es 
wäre abgeſchmackt, dieſe Quelle für Lachen und Witz verpönen zu wollen. Wo fängt 
nun das Gemeine, Wachtſtubenmäßige an? Was iſt die Grenzlinie? Habe oft darüber 
nachgedacht, es iſt ſchwer zu finden. Ungefähr ſo: das Gemeine beginnt, wo der Stoff 
nicht mehr sete gufalligen fomifden Rontraft ober durd ergeugten, et heißt durh Wig 
verflüchtigt wird, fondern wo er ala Stoff fon intereffant fein joll. E3 muß ein Plus 
bon Foiniiähen Kontraft oder Wig über den Stoff da fein. Wie efeln mich die Serle an, 
die meinen, eS fet an fic) [chon wißgig, wenn man dies oder jenes auf das @ejchlechtliche 
bezieht! Dann das Augengiwinfern, Zuniden: weißt, wir verjtehen, wir kennen das! 
Dann das ftintige Bodsgeladhter. Dieje Schweine in Glacéhandſchuhen haben fogar vor 
dem Vater und Gobn, die nebeneinander faßen, Zoten Gennes. Schamlos; es find Dred- 
nen — Man fann die Menfdhen nicht feufh machen, aber die Shambhafttigteit 
ollten jie fih erhalten, Mann wie Weib. Keufchheit verloren ift nod) nist Sdam ver- 
loren, fonjt wäre ja die Ehe etwas Schamlofes. Schambaftigfert zum Teufel, jo ijt dte 
Schmwungfeder zu allem Ydealen in der Seele zum Teufel. — Das Gejdhledtsleben ijt an 
ſich ehrwürdig, pee er unberdorbene Yüngling verehrt unbewußt in der Jungfrau 
da8 geheimnisvolle Gefäß von Menfchenkeimen. Das Gefchlechtliche fteht alfo an jtch 
{Ns tweg in feinem Kontraſt gum rein Spirituellen in der Liebe. Der tiefjte Geijt fann 
o Ziefes nicht erfinden, wie das Wunder der Zeugung. Natürlich jedoh müjjen Be- 
leuchtungsmomente eintreten, wo fdarfer Kontrajtichein entiteht. Höchſten ethiſchen 
een Gefühlen gegenüber fällt auf das Sezguelle das Schlaglicht des Tierijden, ja 
ehanijhen. Man Dat über diejen Kontrajt gelacht, jolange die Welt jteht, auch -das 
reinfte Weib. — Gut, dann ladt! Sucht es aber nicht, macht nicht Jagd nad folden 
Beziehungen, meint nicht, es jei jhon wisig anzudeuten, ae euch der Geſchlechtsprozeß 
und ſeine Luſt befannt fei; das ijt ja Kot! Das heißt ja: fich freuen Tier zu fein, unter 
dem Tier, das Tier reißt feine Zoten! — 
Keufchheit verloren, 
Etwas verloren, 
yn der Ehe etwas gewonnen. 
am verloren, 
AHes_ verloren, 
Die Seele in Schmuß zerronnen. 
Sriedrih Theodor Bilder. 








Hecausgeber: De. Wilhelm Stapel. (Sic den Inhalt verautwortlih). — tiftletter: Dr. fud~ 
wig uninghoff. — u riften und Einfenbungen find gu ridten an dle bes 
Dentiden Golfstums, rg 36, ftenplat 2. unverlangte Cinfendungen wirb feine Derant- 
wortung übernommen. — Derlag nub Drud: Hanjeatiihe Derlagsanftalt Aftiengefelifhaft, Hamburg 
Dezugspreis: Dierteljäprlih 12 Markt, Einzelheft 4,75 Mart., für bas Ausland ber boppelte Betrag. — 


Dofihedtonto: Hamburg 15475. 
MNakbdrul der Beiträge mit genauer Üpellenangabe ift von ber Gchräftleitung aus erlaubt, unbejheab et 

bes Gerfaffers. 
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Adolf Aus: Soldat, Koblenzeihnung 


Aus dem Deutihen Volfstum 


QUOYNE rjlaq ‘pnaquiys ‘BiqaadGrg : Ing J10q% unsnog WORMS ag INK 








| sropamilider Gimocis | 
[fe Fake | hamburg] Felt 4 | 
 Deutfges Dolkstum | 


Deutfches. 
Dolkstum 


Monatsfchrift für das deutfchhe Seiftesleben 
Herausgeber Wilhelm Stapel 









Inhalt: 


Dr. Sruno Solz, Macht und Gerechtigkeit 
Otto Corbady, Die Tragddie der deutfdjen Kolonifation tn Rupland 
Walther Schwabe, frangzofifhe Kulturarbeit am Rhein 
Dr. Wilhelm Stapel, Das Sefdhiift mit Sepnalien. 2. 








Bücderbrief: Augo Stehn, Wegweijer religiöfer Erneuerung es 


Kleine Beiträge: Dr. Karl Bernhard Ritter, Dag religiöfe Interefje 
und der Glanbe s Dr. Wilhelm Stapel, Parzivals Charfreitag / 
Dr. Stapel, Warum id nidyt Anthropofoph werde ; Dr. Ludwig 
Senninghoff, Arthur Kampf 





Der Seobadter: ,Konfirmation” / Cine Polemik gegen dns 
Nibelungenlied ; Zum allerlegten Mal Walter Hammer / Das 
„brüllende Hornvich” 








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Bilderbeilagen: Arthur Kampf: fidtes Reden an die dent{he 
Nation / ficjtekopf darans / Das ftörrifdye Pferd 








Franjentijche Derlagsanfialt, Hamburg 
Preis viertelj.1$ Mark Einzelheft 7.- Mark 


April 1922 


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„Fichte⸗Geſellſchaft“ E. V. 


„Die Fichte⸗Geſellſchaft will im Glauben an den Eigenwert des deutſchen Volkes 





ſich in den Dienſt der Volkserziehung ſtellen. Sie will alle, in denen völfifche Kraft. 


und Verantwortlichkeit lebendig iſt, zuſammenſchließen und ſo den deutſchen Geiſt zur 
beherrſchenden Macht unſeres geſamten Volkslebens machen, insbeſondere auch den 
deutſchen Staat aus dem deutſchen Geiſt herausgeſtalten helfen. 

Die grundſaͤtzliche Beſchraͤnkung auf die fuͤr alle Deutſchen gemeinſamen Angelegen⸗ 
heiten bewahrt dem Verein allen einſeitig politiſchen, konfeſſionellen und wirtſchaft⸗ 
lichen Parteiungen gegenuͤber ſeine Selbſtaͤndigkeit.“ 

Die Fichte-Geſellſchaft arbeitet bisher auf folgenden Gebieten: 

Volkshochſchulweſen. Die Fichte-Geſellſchaft hat Fichtehochſchulen eingerich⸗ 
tet, die in Arbeitsgemeinſchaften und durch Vortraͤge das Gefuͤhl und Verſtaͤndnis fuͤr 
das weſentlich Deutſche in unſrer Dichtung, Kunſt, Weltanſchauung, Geſchichte uſw. 
wecken ſollen. 

Vortragsweſen. die FichteGeſellſchaft veranſtaltet Vortraͤge, die das deutſche 
Verantwortungsbewußtſein ſtaͤrken ſollen. 

Bühnenweſen. Die Fichte-Geſellſchaft bekaͤmpft das reine Geſchaͤftstheater, 
indem ſie anſtelle eines bloßen „Publikums“ wirkliche Theatergemeinden zu ſchaffen 
ſucht. Sie arbeitet zuſammen mit der Deutſchen Buͤhne E. V., die aus ihren Kreiſen 
entſtanden iſt. 

Puppentheater. Die Fichte⸗Geſellſchaft ſammelt alles Material uͤber Mario⸗ 
nettentheater und SHandpuppenfpiele, fördert das Kntfteben foldher Bühnen, gibt 
Schriften darüber, auch Spielterte, heraus. 

Scıhrifterum. Die Sichte-Befellfchaft bearbeiter einen literarifchen Aatgeber, 
fördert den Abfarz guter Bücher, verbreitet ihre Bedanken dur) Auffäge und VTotizen 
in Zeitfchriften und Zeitungen. Sie gibt auch eigene Schriftenreihen unter dem Titel 
‚Schriften der Sichte-Gefellfhaft” heraus. 

Bildende KRunft. Die Sihte-Befellfhaft fördert die Derbreitung von HTappen 
mit Öriginalgrapbif. Sie fördert aud die Verbreitung guter Reproduftionen. 

Wir laden alle, die unfer Ziel und unfre Arbeit bejaben, cin, Witglieder der Side: 
BGefellfdafe zu werden. Dev Sabresbeitrag ift 40 Wark (aud halb- und viertelj. 3abl bar). 
Die Mitglieder erhalten das „Deutfche Dolfstum” zu einem VDorzuqspreife. Sir das 
Jahr J922 berräot die Mitgliedfhaft mie Bezug des „Deutfchen Dolkstums” 95 Mark. 

Sörderer der Befellfchaft zanlen einen Jahresbeitrag von mindeftens 250 Mark. 
Alle „Sörderer” erhalten das „Deutfche Dolkstum” geliefert. 

Die Anfchrift der Sichte- Bejellfchafte ift: Samburg 36, Poftfdlieffad 124. Das 
Doftihedfonto ift: Samburg Yir. 10606, Schagmeifter Ehriftian Krauß. 

Wir bitten audy, unfre Werbung dur) Angabe von Anfchriften zu unterftünen, 
an die wir unfre Werbeichriften fenden Fönnen. 


Be SIPS BO EL) BIR Ba IBA BS OE | BS SUL BS Pb Boy IBS BSL! Bae EI PS EPL Bo IB BNR BIE LL. Be NCP! BIEL BOSE POLL BA IC Pe SSI Pe A BT 


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N 





Aus dem Deuffchen Bolkstum Arthur Kampf: Fichte 


Wit Genehmigung Ser Whofographifechen Gefellfchaff, Gharloffenburg (Copr.) 





Kupferfieföruck von’ Brofckek & Go., Hamburg * 





Deutſches Dolfstum 


4.5eft sine Mionatsfchrift 1922 








Macht und Gerechtigkeit. 


c änger als ein Jahr hatte das TFeldartillerieregiment, dem ich angehörte, in 

Rumänien geweilt. E3 war feit der Unteriverfung des Landes bis zum Sereth 
im großen Ganzen eine ruhige Zeit geiwejen, die merfiviirdig abjtach von unjerm 
porausgegangenen, twildbewegten Leben. Wir hatten twirflich einige Muße. Und jo 
wurde ich denn eines Tages erjucht, vor dem DOffizierforps meines Regiments einen 
Vortrag zu halten. Die Wahl des Gegenstandes überließ man mir. Obwohl ich 
mich nun früher nie ernftlich mit Politif befchäftigt Hatte, verfiel ich doch auf ein 
politisches Thema, das allerdings tief in der Ethif twurzelte: „Macht und Geredtig- 
feit”. Unbefiimmert wie ein rechter Landslnecht, ging ich friich auf meinen Gegen- 
ftand 108 und fchrieb am 22. März (1918), alfo am Geburtstage unferes alteıt - 
Kaifers, einen Entwurf nieder. Yoh hoffte damals, auf Grund diefes Entwurfes 
meinen Vortrag bald halten zu fonnen. Allein das Blatt der Weltgefhichte wandte 
fih. Die lebte große Offenfive unferes Heeres, die jo günftig eingefeßt hatte, geriet 
ins Stoden. Mein Regiment wurde wieder gen Wefterr gerufen und damit fant 
meine ganze „vita contemplativa” jäh in den Abgrund. Weil ich aber das Gefühl 
Hatte, ir meiner Skizze Dinge berührt zu haben, die unjer Bolf gar nicht oder doch 
nicht genug berüdfichtigt hatte, bemühte ich mich, die wenigen Seiten in irgend 
einer Zeitfchrift unterzubringen. Vergeblich! Jeder Herausgeber entfehuldigte fich, 
meift mit Raummangel. Erjt nach langem Bentühen fand fich ein Unterjchlupf. Als 
ich ee aber meinen Entwurf zu jehen befam, traute ich meinen Augen nicht, jo 
graufant 'verftimmelt war er. 

Inzwiſchen war ein Umfchtwung der allgemeinen Lage eingetreten, der immer 
furdtbarer zu werden drohte und mich gar nicht mehr an die Schriftjtellerei denken 
ließ. Exit als das Unglaubliche gejchehen war und unfer Volk fich der „Gerechtig- 
feit“ unferer Todfeinde blindlings preisgegeben hatte, winfte mir wieder eine Muße, 
auf die ich Freilich Lieber verzichtet Hätte. Sekt ware e8 mir fogar möglich geiwejen, 
jenen flüchtigen Entwurf auszuarbeiten und ihn in Einklang zu bringen mit den 
jüngjten, grauenhaften Erfahrungen. m meiner urjpriingliden Eigenjchaft als 
Hiftorifer trug ich aber und trage ich nod) immer Bedenken, an jenen wenigen 
Seiten etwas zu ändern. (Nur einige Anführungen habe ich berichtigt oder er- 
weitert.) Wir fcheint, es Bann nicht fchaden, wenn ein fünftiger Gefchichtsforfcher ein- 
mal ein Dokument findet, welches beweift, daß unfer Bol vor feinem Zufanımenbrud) 
doch nicht jo ganz von Gott verlaffen ivar, fondern in feinem Heere Männer hatte, 
die bemüht waren, eine Brüde herzujtellen ziwifchen dem Wefen der Politif und dem 
icheinbar fo unpolitifchen Charakter des deutjchen Volfes. Hier ift nun diefe meine 
Brüde oder vielmehr mein Steg! Er jchwanft wohl? Ya, der Pionier, der ihn 
ichlug, hatte Eile..... 


In Stalien vollzog fih einst der Bruch mit der Weltanfdhauung des „Mittel- 
alters“. Die „PBerfönlichkeit” machte auf allen Gebieten ihre Rechte geltend. Meit 
befonderent Nachdrud auf dem Gebiete der Bolitit. Das bisher noch innmer miannig- 
fach gehemmte Prinzip der Macht erhielt im ‚„Fürften” Macchiavellis rüdlichts- 
Sojen Ausdruck. 


ok 


101 


Anders verlief die Entwidlung in Deutfchland. Luther forderte die „Freiheit“ 
des Chriftenmenfden, befdrantte fie jedoch auf den inneren Menfchen. Während 
Machiavelli fogar einen Cafar Borgia beivunderte, twwies Luther das Schwert felbjt 
des ritterliden Hutten zurüd. MNidjt der Macht vertraute er, fondern der 
Gerehtigkeit. 

Unter den Deutidhen de3 Reformationszeitalters gewann Machhiavelli moh! 
nur einen gelehrigen Schüler, den gejchmeidigen Mori von Gadfen. Soni 
triumpbierte im protejtantifchen Deutjchland Luthers Geift, zum fdweren Schaden 
der Iutherifchen Sache. 

Die Aufklärung fchien dann allerdings den Standpunkt Luthers zu rechtfertigen. 
Als typifcher Aufklärer, zugleich jedoch als typifcher Deutfcher fchrieb der Kronprinz 
sriedrich feinen „Antimacchiavell”. Er wollte die Welt überzeugen, daß „die wahre, 
einzig auf die Gerechtigkeit, Klugheit und Güte gegründete Staatskunft in jeder Hin- 
fiht dem unrichtigen und abjcheulichen Lehrgebäude vorzuziehen wäre, ivelches 
Mackhiavelli der Welt darzubieten die Frechheit gehabt.” 

Sn der harten Schule des Lebens reifte Friedrich bald zu einem würdigen 
Nachfolger des großen Surfiirjten, zum König, Helden und Realpolitifer. Sein 
Unredt an Macchiavellt hat er aber nicht gefühnt. 

Das PVerftändnis für ihn brach fih in Deutfchland exit Bahn unter dem Drud 
‘von Napoleons Youd. Fichte rettete die Ehre Machiavellis als eines herrlichen 
Beiftes, eines feurigen Patrioten und legte gleichzeitig die philofophifden Grund- 
lagen zu jeter willensftarfen Bolitif, die der Freiherr von Stein und Ernft Morik 
Arndt gegen Napoleon den CErften, Bismard und Treitfchte gegen Napoleon den 
Dritten verfochten. 

Allein diefe Politit genügte noch nicht einem modernen Euphorion und Yfarus, 
dem deutichen Philofophen Friedrich Nietfche. Sein fehrantenlofer „Wille zur 
Macht” liek nur Napoleon und — Cajfar Borgia als politifche Vorbilder gelten. 

Wud) dies Extrem fand bei uns Anhang. Hingegen fchiwoll aber auch die Partei 
einer unbedingten Qdealpolitif gerade in Deutfchland immer von neuem empor. Sie 
beherrichte fchon das Parlament der Paulsticche und rollte fpater im Reichstag 
ftäandig Steine des Anjtoßes auf Bismards Weg. Gegenwärtig droht fie, die Zügel 
der Regierung an fich zu reißen, ja, fie hat fie wohl fchon ergriffen. Berficherte doch 
neuewings ein deutfcher Kanzler (Hertling), zwar durchaus nicht mit Berufung auf 
einen Steger, wohl aber auf den Heiligen Auguftin: „Die Gerechtigkeit ift die Grund- 
lage der Staaten”. 

&o befindet ficd denn der gute Deutfche zur Zeit in einer bedenklichen Lage. 
Wie einft im Mittelalter: „Hie Welf, hie Waibling” hallt es jegt um ihn: „Sie 
Wille zur Mäicht, hie Wille zur Gerechtigkeit”. Er, den Hans Thoma als Erzengel 
Michael dargeftellt hat, in feiner Rechten das Schwert, in der Linken die Wage, 
gerät in den fowohl von Fichte wie Auguftin als den gefährlichiten hingeftellten Zir- 
ftand: „Da man zugleich auch nicht will, was man will, und zugleih anc) will, was 
man nicht will“. 

Unfer guter Michael ijt drauf und dran, darob ivieder zum Michel zu werden 
und, des Haders um fid) und in fi” müde, feine Zipfelmüte über die Ohren zu 
ziehen. €8 ift aber höchfte Zeit für ihn, fich zu bejinnen, da eine fo günftige Stunde 
wie diefer Weltkrieg für ihn wohl nicht mehr fchlägt. Nach links geivendet, muß er 
fragen: gilt denn nur noch die Wage? und nach recht8 gewendet: gilt einzig und 
allein das Schwert? Um Erzengel zu bleiben, muß er den Mut zur Kritik haben. 

Ein Dichter, der mit allen Engeln und Erzengeln auf Du und Du jtand, hat 
gleichwohl den biedern Deutfchen gewarnt: „fer nicht allzu gerecht!” Klopſtock hatte 
nämlich erfannt, daß der Deutfche — nur der Deutfche — Gefahr läuft, vor lauter 
Gerechtigkeit gegen die fremden Völker, ungerecht gegen fein eigenes Volk zu werden. 


102 


Er felbft nahm fich die Warnung zu Herzen. Sein ,,Meffias” hinderte ihn nicht, 
eine ,Dermannsfdladt” zu jchreiben. 

Nicht fo befonnen wie hier der „Wille zur Gerechtigkeit” zeigte fich vielfach 
der „Wille zur Macht”. Seine unbedingteiten Verfechter, aber auch weniger extreme 
Vertreter diefes Willens ermangelten nur gar zu oft der Selbftkritil. Sie haben 
daher zumeift auch nicht genugjam gefchieden ziwifchen Macht und bloßer Gewalt. 
Und doch muß fich der Deutjche — will er nicht in innere Konflikte geraten — über 
diefen bedeutfanten Unterfchied Har werden. | 

Kurz gefagt: Gewalt ift die Kraft, die eine andere niederringt: Mad t, die 
‚fie in Abhängigkeit erhält. Man erhält aber feine Kraft in Abhängigkeit, ohne ge- 
wife Höhere Eigenfchhaften, mögen diefe nun mehr intelleftueller oder mehr 
moralifcher Natur fein. (Damit joll jedoch durchaus nicht ettva die Möglichkeit des 
allmählichen Ueberganges von der Gewalt zur Macht geleugnet werden; jede „tüch- 
tige” Gewalt umfchließt den Keim einer „Tugend“.) 

Wage und Schwert, die Sinnbilder unferer Volkskraft, ftehen demnach nicht in 
feindlidem Gegenfag! Für fich allein fann jedenfalls feines beftehen. 

Bei folder Sachlage pflegt fic) der Gedanke eines Ausgleiches aufzudrängen. 
Erfolgt der Ausgleich auf derfelben Grundlage, der die zu verſöhnenden Gegenſätze 
angehören, fpricht man von einem „Kompromiß”. Von einer „Synthefe” redet man, 
wenn der Ausgleich auf übergeordneter Grundlage gejchieht. Der Kompromif ift 
immer mißlid. Die Syntheje aber reift nur allmählich; überdies bleibt fie ftets 
durch einen der beiden Gegenfäte ftärter gefärbt, weil völliger Ausgleich völligen 
Stillftand bedeuten würde. Wer alfo Gegenfage ausgleichen will, tut dennoch aut, 
Tsarbe zu befennen. Auch unfer Michael muß es, jo fehr er auch beide Sinnbilder 
feines Wefens lieben mag. 

Ein wenig „tumb” umberfchauend, wird er als vechtfchaffener Erzengel, nad)- 
dem er Klopftod und fogar Luther befragt, fich vielleicht an nod) ältere deutfche und 
zugleich chriftlide Manner wenden. 

Aus der Zeiten Dunkel treten ihm da zwei Geiftesreden entgegen. Michael 
bittet fie treuherzig um Rat. Doch der Eine, der Dichter des „Heliand”, fchlägt 
twortlos an fein Schwert; es ijt noch bom Blut gerötet, vom Blut eines hohen- 
priefierlidjen ober — franfijden Rnedhtes. Der Andere fpridt: ,Erjage Dir des 
Leibes Preis und zugleich der Seele Paradeis mit Schild und Speer!” 

Ueber diefe Rätjelrunen Wolframs beginnt der Erzengel zu grübeln. Endlich 
begreift er ihren Sinn: verbinde irdifche Macht mit himmliſcher Gerechtigkeit, aber 
fo, dak du, fo Tange du auf Erden weilft, nie gut irdifcher Waffen vergiffeft . 

Wofern Michael ein wirtlider Erzengel und fein bloker Michel tft, wird Wolf- 
rams Rat tief und ehern in ihm widerhallen. Ohne Zögern wird er fich hinftig 
zum Prinzip der Macht befennen. Zum Prinzip allerdings der geredten 
Ma ch t. 

Dies Prinzip nun verhält fich zu dem der bloßen Macht wie das lehtere zum 
Prinzip der Gewalt. Da jedod) die Macht als folche fhon gewwiffe höhere (wenn auch 
nicht immer „moralijche”) Eigenfchaften erfordert, Eafft feine Kluft zwifchen der 
gerechten und der bloßen Macht. 

Set indeffen erhebt fich eine fchiverwwiegende Frage. Gefett auch, das Prinzip 
der gerechten Macht fei ein organifches Gebilde und entipreche am beiten dem deut- 
Ihen Wefen, liegt darin für uns nicht eine ungeheure Gefahr, namentlich in diejem 
fuchtbaren Weltfriege, gegenüber unferem Hauptfeinde? 

Der Engländer wurzelt im alten Teftament tvie der Deutfche in neuen. Für 
den Puritaner beftand gar fein Zweifel, wer nunmehr Gottes auserwähltes Volf 
auf Erden wäre. So verblüffend war die Aehnlichkeit zwiſchen dem engliſchen Volk 
und dem Volk Fsrael, dak zur Zeit Oliver Cromwells ein berühmter Rabbi aus 


103 


dem fernen Orient nad) England reifte, um zu erforfchen, od fich in dem gewaltigen 
Lord-Brotektor nicht der den Yuden verheifene Lowe aus dem Stamme Juda barge. 

Bach fpiegelt deutjches Wefen. Händel würde das englifche fpiegeln, wenn nicht 
die .eigentümliche Färbung feines „Willens zur Macht“ allerorten feine deutjche Her- 
funft verriete. 

Das Fragezeichen, das Händel Hinter den englifden, nichts weniger al3 ,,ge- 
vechten” Madhtwillen feste, haben fpäter fogar erlauchte Englander in den Tiefen 
idrer Seele jehmerzlich gefpürt. Als „Königin des Kontingnts” begrüßte Carlyle im 
Deutjch-franzöfifchen Krieg das „edle, geduldige, tiefe, fromme, endlich zufanmen- 
geichtveißte” Deutjchland, und Didens — ficher fein Mann der Phrafe — nannte in 
einem Brief an feinen erjten deutjchen Weberjeger das deutfche Volf „Bottes ans 
erwähltes Volk”. 

So erfreulich aber auch diefe Anerkennung fein mag, — die Gefahr, die dem 
gerechten Meachtivillen von dem ftrupellofen droht, wird dadurch nicht geringer. 
Herr der ungeheuren Gefahr fonnen wir erft werden, wenn wir uns des Grund- 
jages erinnern, zu dent jid) aud) Goethe befannte: „natura non facit faltus”. — 

Gewalt, Macht und gerechte Macht find Stufen einer allmählichen, organt- 
[hen Entividlung. €8 gilt, fie fo langfam und bedadtig zurüdzulegen, wie Leffing 
e8 anriet im Hinblid auf die Stufen der Religion in feinem Elafjifchen Auffag über 
„Die Erziehung des Menfchengefchlechtes”. Leffing zeigte, wie gefährlich es ift, auch 
nur eine Stufe itberhüpfen zu wollen. €8 fdeint aber, al3 ob der Deutjche troß 
taufendfahem Schaden noch Tangft nicht Elug geworden. 

Die beiden niederen Stufen als Politiker zu betveten, halt ein rechtichaffener 
Ydeologe — „Schwärmer” würde Lejjing jagen — natürlich unter feiner Würde, 
wofern er fie nicht etiva wie Niebfcdhe phantajtifd in die Wolfen treibt. Er beachtet 
erjt Die dritte Stufe. Ya, felbjt diefe genügt ihm kaum. Sollte e8 nicht cine nod 
höhere geben? 

Cine folche gibt es allerdings. Denn der Gegenfaß zwifchen dem „Willen zur 
Macht” und dem „Willen zur Gerechtigkeit”, den wir zuguniten der Macht ent- 
Ichteden, Taßt fich auch anders löjen: zugunjten der Gerechtigkeit. EI erwächit dann 
eine machterfüllte Gerechtigkeit. 

Die ,‚Mahtder Gerehtigfeit” mun ijt die vierte, noch höhere Stufe, 
zu der jeder echt deutfche SFdeologe emporflügelt, unbefiimmert um Hals und Bein 
und um die Kleinliche Tatfache, daß diefe Stufe gar nicht mehr zur Politif gehört, 
fondern {don zur Religion. . 

Und dabei Hat es nicht fein Beivenden. Cin gut Teil unferer heutigen Ideo— 
logen ruht nicht, bis er die fatale ,Macht” vollig verflüchtigt hat, bid er dajteht, 
ohne Saft und ohne. Kraft, dod) of — wie fittlich! 

Angefichts einer derartigen BVerblajenheit fann der wahre deutfche Politiker 
nicht fcharf genug die grundlegende Bedeutung von Gewalt und Macht betonen. 
Ein gefundes Miktrauen wird ftets ihn befeelen. Er wird den Vorwurf der Gut- 
nrütigfeit mehr fürchten als den der Strenge. Denn Strenge in der Politik fchadet_ 
felten, Gutmiitigfeit aber immer. Ohne ftraffe Strenge unjrerfeits hohnlacht 
Aldbion ..... 

Wir mögen uns über den gegenwärtigen Krieg noch immer täufchen. Doch 
jollten dvix uns nicht in der Sllufion iwienen, auch der britifche Lowe taufde fid. 
Der ijt gwar alt geworden, blinzelt aber nur um fo liftiger, jo pfiffig, wie nur je 
ein „Lötwe aus dem Stamme Yuda“. Er fennt beim Streite mit dem Ddeutjchen 
Adker ganz genau den Preis: die Weltherrichaft! — 

Bisher lag fie in den Klauen des englischen Volkes, weil dies unter allen 
europäischen Völkern den zäheften „Willen zur Macht“ befaß. Um die ganze Welt 
dauernd in Abhängigkeit zu erhalten, genügt aber nicht mehr der bloße Machtiville. 


104 


Es gilt, ihn zu erweitern! Eriveitern fann ihn aber kraft feiner natürlichen Anlage: 
feinem Pflichtgefühl, feinem helläugigen Sinn für Treue und Gerechtigkeit, nur das 
deutiche Bolf. 

Nur das deutfche Volf fann das englifche in der Weltherrichaft ablöfen, vo r- 
ausgejegkt,daßesfteineSprünge macht, vor allen nicht den verhäng- 
nisvollen Salto mortale aus der Politik in fein Lieblingsgebiet, die fo leicht mif- 
deutete Religion... . 

Mochte Luther auch Huttens Schwert verfegmähen, — in feinem Hodgefang 
auf die göttliche Gerechtigkeit Elirrt e8 doch von Macht und daher auch von Eifen. 
„Ein fejte Burg ijt unfer Gott, ein gute Wehr und Waffen.” Luther fehrieb fogar: 
„Siehe an die rechten Krieger: die züden nicht balde, trogen nicht, haben nicht Luft 
zu jchlahen; aber wenn man fie zwingt, daß fie müffen, fo hüt dich für ihn, fo 
Ihimpfen fie nicht: ihr Meffer jtedt feft, aber müfjen fie es züden, fo fummt’s nicht 
ohne Blut wieder in die Scheiden.” Den Verteidigungsfrieg ließ denmach der Re- 
formator immerhin gelten. 

Gleichwohl follten wir das Wefen der uns von Luther überlieferten Religion 
genau fo unverzagt prüfen, wie Luther einft das Papfttum geprüft hat, und ninuner 
die Politif unter da8 Zeichen des Kreuzes jtellen! Sonjt erwirbt unfer innerer 
Menfd) den Himmel, die Erde aber geht für unferen äußeren Menfchen verloren. 
Mus einem SHerrenvolf werden wir bei all unjern fchnell dann zu gemütlichen 
Schwächen entartenden Tugenden ein Sflavenvolf. 

Gerade ein von Luthers Beift erfüllter Deutfcher Hat uns ja eingefchärft: „Der 
Gott, der Eifen wachien liek, der wollte feine Knechte.” Auch wir, die wir jest 
im Felde jtehen, wollen feine Stnedhte. Wir wollen feine werden und wollen feine 
machen! Napoleon, deffen Yor) ja der gerechte Unwille unferer Ahnen zerbrad), 
lodt uns nicht. Gefchweige Eäfar Borgia. Noch viel weniger aber lodt uns fo ein 
moderner, fentimentaler, weidlider Stimmungsmenfd. 

Ein ftrenges Regiment verfedten wir, Zucht und Ordnung fichern twir. Dod 
unfere Strenge fchließt die Güte ein und unfere Manneszucht die Freiheit. Wir 
haffen nicht, aber wir zürnen. Wir rächen nicht, aber wir richten. Wir fürchten 
nur Gott. Aber eben aus Furcht des Herrn Hiiten wir uns vor der Feigheit morfchen 
BVerzidhtens. Denn der Herr, unfer Gott, dem wir — aud in der Politif — 
Nechenfchaft abzulegen bereit find, Hat die Gerechtigkeit des neuen Teftamentes mit 
der Macht des alten vereinigt und als ein ftarfer, marfiger ,Paratklet” 
auf ein neues, ein drittes Reich gedeutet. 

Wenn wir — auch nach dem Kriege, den unfere lieben Dulder daheim ent- 
jcheiden helfen — fo, allezeit tapfer, ung jtrebend bemühen und wenn dann die Liebe 
gar von oben an uns teilnimmt, dürfen wir Deutjchen hoffen, dereinft mehr 
noch zu werden als ein Herrenvolf, — ein Voll, das den Geift verkörpert bon 
Händels Oratorien, mit Didens zu fpreden: „das ausermwählte Bolt 
Gotte3 auf Erden“. 

:* 

Als ich dieſe wenigen Seiten niederſchrieb, glaubte ich an den Sieg unſeres 
Volkes. Ich glaube aber noch heute, daß wir hätten ſiegen können, wenn die Idee 
des ſittlichen Ausgleiches zwiſchen Macht und Gerechtigkeit, wie ich ſie damals aus— 
zuſprechen verſuchte, Allgemeingut geweſen wäre, wenn dieſe Idee als Ideal der 
„gerechten Macht“ unſer Volk geſtählt hätte. Doch unſere damaligen Führer 
pochten zumeiſt auf die bloße Macht und verwechſelten ſie gar mit der Gewalt. Für 
fie hatte Fichte vergeblich geſchrieben: „Nicht die Gewalt der Arme, noch die Tüch— 
tiakeit der Waffen, ſondern die Kraft des Gemütes iſt es, welche Siege erkämpft.“ 
Gemüt? Die Fürſorge für das Gemüt überließ man den Feldgeiſtlichen, die freilich 
größtenteils verſagten. Wir hatten ja aber auch Feldbüchereien. Der Verlag von 
Ullſtein nahm ſich ihrer mit beſonderer Liebe an. Weltliche Gemüter konnten da 

105 


bei einem vecht fpannenden Roman in aller Behaglichkeit auf ihre Rechnung 
fommen. Den Zujammenhang von Gemiit und dem, twas Goethe das „Dämonifche” 
nannte und die Romer ,, Furor Teutonicus” hießen, ahnte man nicht. Cbhenfowenig 
den Zufammenhang von Gemüt und deutfchen Geift. Mein Gott! Geift ift eben 
eine „geiltreiche” Sache — verordnen twir dafür Unterrichtsoffiziere oder gar einige 


Profefforen mit der Verpflichtung, das „DBaterländijche” zu betonen — und damit 


Bunktum. 

Es ijt unleugbar: die Mehrzahl unferer jogenannten Führer hatte längjt die 
Fühlung mit dem deutjchen Sdealismus verloren und war im Grunde materialiftifch 
geiinnt! Sprach man nicht bor dem Kriege gern von „Markiteinen der Gejchichte”? 
Nun, als einen folden Markitein wird eint der Gejchichtsjchreiber die Tatjache ver- 
buchen, daß ein ameritanifcher (!) Botichafter in Berlin (!) abgelehnt wurde, weil 
er nicht genug Geld hatte fiir reprajentative Biwede. Derfelbe Hiftorifer wird dann 
aud) erörtern, wie e8 fan, dah ein Ameritaner fich des deutfchen Ydeali8mus be- 
mächtigen, ihm forgjan allen gefährliden „Spiritus“ entziehen und daraus eine 
Limonade brauen fonnte, an der gleichwohl Hermann (genannt der deutfche Michel) 
und Dorothea jett einzugehen drohen, wie es fchon mit einem ähnlichen Gebräu 
dem Liebespaar eines gewillen Schiller widerfuhr. 

Bor lauter Materialismus überjahen jene Herrichaften ganz das Material, 
utit dent fie doch nun einmal zu arbeiten Hatten: das Wejen des deutfchen Volfes! 
Dies Wefen ift aber nit unpolitifh [hlehtweg Es ver- 
langt nur zu feiner Polititden Einfhlag einer dee, woz 
moglid eines Ydeales. Geltjam, vielmehr bedeutjam genug! Der 
Materialismus umijtridte auch das deutfche Volk und doch fehnte e8 fich gerade auf 
politifchem Gebiete nach etwas Höherem. Hieran hätten unfere Führer anfnüpfen 
nuifjfen. Ware unjerem Volfe fchon vor dem Kriege Har gemacht worden, welche 
idealen Giiter die Rujfifizierung in den Oftfeeprovingen und die Romanifierung in 
Belgien gefährdeten— die Herren ,Realpolitifer” hätten ihr Gerede von „Anirtichaft- 
lichen“ und dergleichen „Garantien“ fparen können, iveil wir zum Schuße der hohen 
Kultur unferer Stanmesbrüder, der Balten und Flamen, auch der uns fo lieben 
Siebenbürger Sachen, viel tiefer greifende Garantien gefordert und dabei dem Herrn 
Wilfon den Wind feiner „Serechtigkeit” mit gutem Gewiffen aus den Segeln weg- 
gefangen hätten. Gene Verfennung der deutjchen Bolfsjeele gab aber unferen 
Speologen allmählich Oberiwaffer. Sie arbeiteten Herrn Wilfon in die Hände und 
begannen mit dem größten Vumpen unferes Volkes an der Spite das Werk der 
inneren Zerſtörung. Als der geivaltige Bau des deutjchen Reiches genug gelodert 
war, gingen endlich unfere durch ihre „materialiftiiche” Gefchichtsauffaffung ver- 
biendeten Arbeiter drauf und dran, int Namen der „Gerecdtigfeit” Gewalt zu 
HOE: avs 3 

Das Einzige, twas wir ung jest zum Trojte fagen diirfen, ift: im Rampfe um 
die Weltherrfchaft blieb das deutjche Volk wenigitens ehrlich! Unfere Feinde waren 
wert ärgere Materialiften als wir. Sie wußten ficd aber idealiftifch zu drapieren, 
Itellten ung als die Barbaren hin und „jiegten”. Doch um diejen Sieg beneiden mir 
jie nicht. Er dünkt ung zu teuer erbauft. Denn die fchlimmfte aller Sünden, die 
eigentliche Todjiinde, ijt die wider den heiligen Geilt der Wahrheit. 

Wir wollen auch hier gerecht bleiben und gerne zugejtehen, daß ein Mann ivie 
Wilfon vielleicht nicht bewußt geheuchelt Hat. Jit denn aber eine unbewußte 
Heuchelei nicht fehnöder noch als eine bewufte? Berrät fie nicht eine VBerderbnis 
bis in das Mark der Seele? 

Bon diefer tiefften Verderbnis wiffen wir uns fret, und darum Hoffen wir 
trop allen Krämpfen, die unferen RKirper jebt durchfchiitteln, auf einen Retter 
des Abendlandes aus dem Schoße unferes Volles. 

Bruno Bol;. 


106 








Die Tragödie der deutschen Solonifation: in 
Rußland. 


NR idt weniger als zehn Gowvernements wurden im legten Sommer in Soivjet- 
vußland von einer großen Dürre heimgejucdht, die für eine Bevölkerung bon 
zwölf Millionen eine fchredliche Hungersnot heraufbefhrwor. Meerfiviirdigeriveife 
waren e3 gerade von deutichen Stoloniften bejiedelte Gebiete, two infolge der Miß— 
ernte Hunger und Seuchen die fchlimmften Verheerungen anridteten. Die alte 
befannte Ueberlegenheit der Wirtjchaften diefer Iandwirtfchaftliden Pioniere über 
die ruffiichen bäuerlichen Betriebe Hätte, fo follte man meinen, dod) eine entjprechende 
jtarfere Widerftandsfraft gegen ein natürliches Mikgefhid mit fich bringen müffen. 
Da das doch nicht der Fall war, fo mußte fich fchon vor Eintreten der Mihernte die 
Lage der deutjchen Kolonijten in Rußland gegen früher außerordentlich verichlechtert 
haben. Tatfadhlich haben die Berichte aus den Hungergebieten denn auch bejtätigt, 
daß fich die fcharfe Schneide der revolutionären Maßnahmen der Sorvjetregierung 
jeweils viel mehr gegen die deutfchen Kolonisten, als gegen die Bauern flavifcher 
Herfunft richteten. So fehr die Somjetregierung in der Theorie au) der Eigenart 
jeder Nationalität gerecht werden wollte, fo jehr Tiefen ihre Maßnahmen in der 
Praxis darauf hinaus, daf fie, nur in langjamerer und fchmerzloferer Weife, be - 
wirfte, was die berüchtigten Liquidationsgefebe begivedten, bet deren Aus- 
führung die Zarenregierung von der Revolution überrafcht wurde: die Vernichiung 
der deutfchen Bauernkolonifation in Rußland. 

Bor dem Weltfriege hatten im deutfchen Stammlande nur ganz wenige eine 
Ahnung von dem Beitehen, gejchtveige dem Umfang und der Bedeutung einer deut- 
{hen Bauernfolonifation in Rußland. Ereigniffe des Weltkrieges und der boljcheivi- 
{tijden Revolution lenften die Aufmerkfamteit weiter Kreife in Deutjchland wie in 
aller Welt auf diefe lange verfchollenen Gruppen deutfchen Volfstums3; aber felbft 
Heute ift das öffentliche Yntereffe an ihrem Schiefal bei ung noch recht gering. Der 
Berzweiflungsfchrei Hungernder Volksgenofien an der MWolga trifft in der alten 
Heimat meijt auf taube oder jtumpfe Ohren, und nur träge fließen die Gaben, die 
von den Organifationen gegen den Hunger,in Rußland gefammelt werden. Gewiß: 
die Deutfchen im Reiche befinden fich felbft in jchiwerer wirtfchaftlicher und politifcher 
Bedrängnis und noch immer mehr Unheil droht die Zukunft für fie mit fich zu 
bringen. Doch das alles reicht nicht aus, das Maß der Gleichgültigkeit zu erklären, 
das man bei uns der Oungerfatajtrophe in den deutjchen Anfiedlungen in Rußland 
entgegenbringt. 

Mer ahnt denn überhaupt, was mit der deutichen Kolonifation in Rußland für 
das gefamte Deutjchtum verloren ginge! Man entfinne fich der Zeiten der Maien- 
blüte reichsdeutjcher Kolonialpolitit: Was war das für ein Lärm und Gejchret über 
ein „Größeres Deutjchland”. Wie wurde in Wort und Schrift unverdrofjen fiir 
Deutfchlands folonifatorijhe Sendung im ſchwarzen Exrdteil, in der Südfee und in 
DOftafien Stimmung gemacht! Und Tirpig befam jede neue Flottenvorlage bewilligt, 
damit das „größere Deutjchland” genügenden Schuß habe. Und heute? Wie lächerlich 
muten uns all jene folonialpolitifchen Phrafen an, daß das deutiche Volk ohne über- 
feeifche Kolonifation nicht zu leben vermöchte, wenn man bedenkt, unter welch un- 
fagbar fchweren Bedingungen tpir nun ohne überfeeifche Kolonien, ohne Flotte, ohne 
reiche Gebiete des alten Reiches felbit als Unterlegene unfer Dafein frijten müffen. 
Und nun eriväge man einmal, all jene Kräfte, die wir fir überfeeifche Kolonien, 
für eine Flotte zu ihrem Schuge und für die folonialpolitifche Propaganda in der 
Heimat aufwandten, hätten wir den Nachfommen jener deutjchen Bauern zugeivandt, 
die vor hundert bis Hundertfünfzig Jahren auf eigene Fauft, ohne Schuß heimatlicher 
Behörden, im Gegenteil meift von ihnen verfolgt, nur geftüßt auf die Baftfreundfchaft 


107 


einer fremden Regierung, auszogen, um im Ojten Europas univirtlide Steppen 
dem Pfluge zu unterwerfen? E83 hatte fid) dabei keineswegs um politifche Be- 
Itrebungen handeln brauchen oder follen, nur um wirtfhaftlidhe und fultu- 
velle Auf jeden Fall wären die deutfchen SKoloniften dann ganz anders aus- 
gerüftet und organifiert geivefen, um die Prüfungen und Sdidfale der Kriegs- 
und Rebdolutionszeit zu iiberftehen, und in dem deutfchen Stammlande hätte man 
in den tweiteften Kreifen an ihrem Scyiedfal Anteil genommen. Sicher wären die 
deutfchen Kolonien dann in ihrer großen Mehrheit unerjchüttert aus den Stürmen 
der Revolution herdorgegangen. 

Man fchagte vor dem Kriege die Zahl der deutfden Koloniften Ruklands ein- 
Ichließlich Polens und Beflarabiens auf über zwei Millionen. Davon umfaßte die 
polnifch-wolhynifche Gruppe 300 000, die Petersburger und innerruffifhe Gruppe 
100 000, die Wolgagruppe 600 000, die faufafifde Gruppe 100 000, die jüdrufitiche 
600 000. Der übrige Zeil der Kolonijten verteilte fich über verfchiedene Teile des 
europäifchen Rußland, Sibirien und Mittelafien. Die weitaus widtigite Gruppe 
ift die füdruffiiche. „Die Kolonisten diejer Gruppe,” riihmt einer der beiten Kenner 
ihrer Anfiedlungen, €. Schmid, ihnen nach, „haben fich als zähe, tätige, weit aus- 
blidende Pioniere deutfcher Art und Arbeit eriwiefen, fo gut ivie jeweils die beiten 
Kolonifatoren. Sie haben im vergangenen Sahrhundert die Weizentammer Europas 
in Südrußland entiwidelt, die Liquidation des dortigen adligen Grundbefiges in 
Angriff genommen und ein deutfches Wirtfchaftsgebiet begründet, das in der Zahl 
der Vertreter, in der Größe des Befigtums und an Wert der Produktion alle andern 
deutschen Anfiedlungsgebiete in Rußland weit übertrifft.” Aus den älteften Kolonien 
enifprofien mit der Beit eine große Anzahl von „Zochterfolonien”. Die jüngeren 
Söhne, die feinen Landanteil zu eriwarten hatten, zogen, ausgerüftet mit ein paar 
Pferden, einer Kuh, mit Wagen und Pflug, mit den notwendigen Geräten und 
Sämereien, in die Steppe, pachteten auf den ausgedehnten Adelsgütern Vand, das 
fie nach wenigen Jahren als Eigentum erwerben konnten. Sm Odefjaer Kreife 
eriwvarben fie über die Hälfte des gefantten Rulturlandes. Der Tiraspoler und 
Cherfoner Kreis wurden von da aus befiedelt; ebenjo Teile des Ananjeiver und 
Elifjawetgrader Kreifes. Von Often her reichten die Kolonien der Goubernentents 
Sefaterinoslaw und Taurien, die fehon die Krim befiedelt hatten, die Sand. Gemein“ 
jam wurden nun die reife Dnjeprowff, Wlerandroiwff und Patvlograd bearbeitet, 
dann drangen die deutfchen Koloniften Sidrußlands nah Norden vor in den Is— 
jumer Kreis des Charfower Gouvernements und über den Vadjmuter Kreis nad 
Often in das Gebiet der donifdhen Kojaden bis gumt Donez und Don. Darüber 
hinaus befiedeltem fie Teile des nördlichen Kaukafus im Kuban- und Terefgebiet 
und im Gouvernement Statvropol. Sie famen weiter nah Norden und fauften 
große Ländereien in den Gouvernements Woronefh, Saratoiw und Samara. Sie 
iiberfaten das ungeheure Gouvernement Orenburg und Teile von Ufa mit deutjchen 
Dörfern und Niederlaffungen und drangen nach Sibirien, ins Gouvernement Tomff 
und Tobolft und in die ntittelafiatijde Steppe vor. Der unftilbare Drang nad 
eigenem, billigen: und reichlichen Land führte fie auch übers Meer, wo jie die Staaten 
Ohiv und die beiden Dakota, [päter auch Teras und andere weltliche Staaten der 
nordamerifanifden Union bevolferten. Im ganzen ſchätzt man die Zahl deutich- 
rufiiiher Koloniften in den Vereinigten Staaten auf dreiviertel Millionen. 

Diefes erftaunlicde folonifatorijde Wirken deutfcher Bauern ijt vor fics ge- 
gangen ohne irgendiwelche Förderung oder Begünftigung vom Stammlande aus. 
Umfo tragifcher erfcheint e8, daß es fih nun in großem Umfange wiederum mur 
darıım gehandelt hat, daß deutfche VBolkstraft als Kulturdünger für eine fremde 
Raffe dienen mußte. Es find alte politische Erbfehler des Deutfchtums, die fich hier 
bitter rächen. Das Deutfchtum im Reiche hat fein völkiſches Zuſammengehörigkeits— 
108 





gefühl einem Staat geopfert, der trügerifchen überfeeiihen Goldlandvorfpiegelungen 
nachlief und feiner natürlichen europäijchen folonijatorifhen Sendung, die ofttwärts 
jielte, untreu wurde. Freilich, der Deutiche im Stammlande büßt nun fchwer für 
die Abirrung von der urfprünglihden Richtlinie feines nationalen Inſtinktes; der 
Weltkrieg hat über fein Reich, das fi) um Millionen deutfcher Stanmesgenoffen in 
Dfteuropa nicht kümmerte, furchtbar gerichtet. Und man kann, fo graßlich auch das 
Hungerelend in den deutfchen Anfiedlungen in Rußland ift, noch im Zweifel darüber 
fein, wer mehr zu bedauern ift, der Hungernde oder verhungernde deutiche Kolonijt 
an der Wolga oder im Schtwarzmeergebiet, oder der Deutiche im Reiche, der fid 
‚wohl noch täglich fatt effen fann, aber ju einent twillenlofen Sklaven der Entente 
herabgefunten ift. | Otto Corbad. 


Stanzöfifche Rulturarbeit am Rhein. 


SY Leiden, welche die Rheinländer der befeßten Gebiete zu ertragen haben, dev 
äußere Drud und der innere, feelifche Schmerz, den fie um ihrer deutfchen 
Volfzart willen erdulden müffen, verdienen unfer aller inniges Mitfühlen. Nicht 
daß mir e8 alles miffen, fondern daß wir es in feiner vollen Bedeutung tief 
innerlich erfahren, fann uns und ihnen fonımen. Darum auch twollen die folgenden 
Zeilen weniger ihren Gegenftand erjchöpfend behandeln, als vielmehr vieler Herz 
und Sinnen einmal tvieder gu jenem Lande wenden, das einft fiir unfer Volfs- 
beiwußtjein jo hoch im Werte ftand und dem wir aud jest nod) Adtung und Dank 
ichulden. 

Die während der Friedensverhandlungen von Franfreich von vornherein wid 
fo heftig angeftrebte politifde Voslojung der Rheinlande pom Deutfden Reich 
wurde von den Alliierten nicht gebilligt. Wohl aber gelang e8 dem zähen Eifer 
Clemenceans, eine fünfzehnjährige militärische Bejegung des Iinksrheinifchen Ge- 
bieies zu erreihen. Wilfon war der erfte, der nachgab und unterfchrieb. Das war 
am 20. April 1919. Am Tage darauf verließ er Europa; fein Profefforentraun — 
inenn e8 ein folder gewefen ijt — ivar aus. 

Clemenceau aber wurde von den Nationalijten beftig getadelt, weil ihre 
Wiinfde nicht voll befriedigt waren. Mori Barres war der beredte Sprecher diefer 
Klage, und noch heute erftrebt Frankreich mit allen Mitteln eine Wenderung des 
Vertrages im Sinne der politifchen Loslofung der Linfsrheinifchen Gebiete vom 
Reid. 

Unterdeffen aber begnügt man fich mit dem Erreichten und nugt die Beit der 
Befegung, um deren Verlängerung fich Frankreichs äußere Politif fraftig bemiht 
und weiter bemühen wird, jo gut man fan. Man bejcheidet jich, weil man durch 
andere Mittel zum langerfehnten Ziele zu gelangen hofft. Durch eine planvolle, 
groß angelegte Kulturpropaganda will man die Rheinländer und Pfälzer während 
der Zeit der Befegung jo eindringlich) von der Ueberlegenheit de8 frangofifden 
Genius überzeugen, daß fie fich einft „freiwillig“ als freie Republifen von Deutfch- 
land [osjagen, um dann als jolche zu tun, was das neue Mutterland Frankreich ihnen 
zu tun gewährt. Dies Streben führt den Namen Autonomiepolitit. Eine befonders 
Icharfe Prägung gewinnt diefe Abficht in Verbindung mit der dee der Schaffung 
des „sranfenbundes“, d. b. einer Reihe von franzöfiich gerichteten Staaten, die von 
Rumänien über die Tiheho-Slomwalei und die füd- und tweltdeutfhen Republifen 
b18 nach Belgien um Deutfchland einen feften Ring legen follert. 

Die Durdhdringung der Rheinlande mit fangzojijher Gefinnung nennen die 
‚stanzofen penetration intellectuelle oder auch: pacifique. Yn feiner Kammerrede 
pam 30. Auguft 1919 entwidelte Mori Barres, die Seele der nationaliftiichen Be- 
itrebungen, die Grundfäge feines Rulturprogramms. Wenn man von den Hanbd- 


109 


haben diefer friedliden Befehrung lieft und Hort, Hingt e8 uns Deutjchen zum 
niindeften eigentiimlid, wenn Barres in diefer Rede fagt: ,AWuf der Vorderfeite des 
Triedensvertrages fteht der Grundjak gedruct, der fich allmählich im Verlauf de3 
Strieges allen friegfiihrenden Mächten auferlegte, namlic) der des Selbit- 
bejtimmungsrecdhts der Voller. Möge doch diefes freie Selbitbejtimmungsrecht der 
Völker dag Prinzip, die Triebfeder unferer rheinifchen Politik fein. Es fteht un 8 
nicht an, unfer Rheinprogramm abzufaffen und zu erfinden. Die Sade der Be - 
bölferung ift e8, ung dasfelbe vorzufchreiben. .... Frankreich, die Regierung, 
wir alle, find wir in der Lage, zu der Verwirklichung diefer Autonomie beizutragen 
und den. Wünfchen der Rheinländer gevecht zu werden? Sicherlich ja! Wir können, 
wir müjfen daran arbeiten, die neue Verwandtichaft zu ftarfen, fie gu verjiingen 
und zu verwerten. .... Sn der ganzen Welt find die Sieger dazu berufen, aus 
dem Anfehen Frankreichs über die Geifter Nuten zu ziehen. Steine bedeutendere 
Aufgabe gibt es für Franfreihs Gefchid, al gerade die, die im Rheinlande erfüllt 
werden fol.” (Nach der Verdeutfchung in Peter Hartmann, „Franzöfiiche Kultur- 
arbeit am Rhein”.) Diefe Aufgabe hat vielleicht der Temps am 21. Mai 1919 auf 
die fnappefte Formel gebracht: „Frankreich fteht heute vor der Aufgabe, die ger- 
manifde Kultur am Rhein zu überwinden und durch die franzöfifch-romanijche 
zu erfeßen.“ 

Wenn man nun die Methode betrachtet, mit der dies Programm vom Beginn 
der Befegung bis heute durchzuführen verjucht worden ijt, fo tut man gut daran, 
da8 Saarland von den übrigen Rheinlanden zu fcheiden, und ferner, die Zeit bor 
und die nad der Vertragsunterzeihnung auseinander zu Halten. Das unglüd- 
liche Saarland betradgten die Franzojen als bereits einverleibt und behandelt e3 
entfpredjend nad) ihren Grundjagen von Freiheit und Recht. Die Leiden und Be- 
{chwerden feiner Bevolferung find durch die Reithstagsbejpredhungen und andere 
Beröffentlichungen der legten Zeit nur zu befannt. Für die übrigen Gebiete ijt das 
Endziel Dasfelbe, nur ift der Weg länger und die Methode eine mehr indirefte. Die 
Unterzeichnung des Friedens hat den Rheinländern zivar eine Reihe Milderungen 
und Erleichterungen gebracht, aber das hauptfählichte Mittel, die beglüdende 
Miffton der franzöfifchen Kultur zu fördern, bleibt nach wie vor die vielberufene 
„militärische Notwendigkeit”, welche für die Sicherheit der franzöfischen Befatungs- 
truppen gu forgen Hat. So werden die Mebergriffe der franzöfiichen Milttär- 
fommandos in die Angelegenheiten der deutfchen Zivilvderwaltung begründet. Doch 
fönnen diefe Stellen zur Sicherftellung des franzöfifchen Einfluffes auch jehr leicht 
eine unmittelbare Wirkung auf die Bevölkerung ausüben. Das ift fo zu veritehen: 
Die Einquartierung — etwa — fremder Offiziere und Soldaten, jelbjt wenn fie 
der weißen Raffe angehören, und die oft hiermit verbundene Musquartierung der 
eigenen Häuslichkeit ift jeden friedlichen Bürger läftig. Wenn nun angejehene oder 
im öffentlichen Leben ftehende Leute zu frangofifden Propagandaperanjtaltungen 
tr fchriftlicher und höflicher Form eingeladen iverden, fo ijt es im Hinblid auf die 
Erträglichfeit des häuslichen Glüds nicht ganz unbedenklich, folchen Rulturfetern 
den Nachdrud des perfönlichen Erfcheinens zu verfagen. Sch erwähne dies Beifpiel, 
um erkennen zu laffen, wieviel Widerjtandstraft dic Rheinlander als Gefamtheit 
aufbringen müffen, um troß der Länge der Befetungsdauer feft und treu zu bleiben. 

Für die Franzofen ijt die pénétration intellectuelle fein unerprobtes Gebiet. 
Sie find Meifter der MKulturpropaganda. Fn die fem Punkte haben fie berechtigten 
Grund, fich uns weit überlegen zu fühlen. Hinter der penetration fteht ein wohl- 
organifiertes und feftgefitates Sy ftem. Die verfchtedenen Verbände, die jchon vor 
dem Kriege nicht nur in Belgien und in den Ländern lateinifcher Raffe, fondern in 
der ganzen Welt, mit jo großem Erfolge für Frankreich warben und deren Zahl 
fich im Kriege ftark vermehrte, find feit Anfang 1918 zufammengefaßt und einheit- 
lich geleitet durch die Union des Grandes Affociations Francaifes. Die Leitung 
110 








diefer Gründung übernahm Paul Deschanel und Ernft Laviffe. Wohl alle Politiker 
von Bedeutung gehören ihr an, 11000 Gefellfchaften und Verbände aller Art, und 
nad) vorfichtiger Schäßung vertritt fie die Ueberzeugung von mindeitens 30 Mil- 
lionen Franzofen. Fhre ausgefprochene Abficht ift die wirtfchaftliche und kulturelle 
Vormadt Frankreichs auf den Kontinent und die Aufredterhaltung des Mif- 
trauens gegen Deutjchland. Pazifijtijehe Regungen werden von ihr nachdrüdlich 
befämpft. Durd das Office central d’expanfion, welches dem Ministerium des 
Heuperen untergeordnet ift, werden die Leiftungen der Union regterungsjeitig über- 
wacht und unterjtügt. Für die befonderen Zivede der ARheinpolitif ift ein Sonder- 
ausihuß gejchaffen worden, das Eomtite de la rive gauche du Rhin, das in den bez 
deutenderen Städten des bejegten Gebietes feine Zentralftellen hat. Dies Comite 
ijt übrigens au) jhon während des Krieges gegründet worden; e3 fteht zudem 
in Verbindung mit dem in Köln eingerichteten Bureau des Renfeignements Com- 
merciaur du Haut Commiffariat de la République Fransaife dans les territoires 
occupes rhenans. Diefe lebtere Tatjache ijt fehr bezeichnend dafür, wie der 
franzöfifhe Werbedienft durh Anknüpfung faufmännifch-induftrieller Beziehungen 
und Gewährung von wirtfhaftlihen Erleichterungen und Vorteilen für die 
Kreije der Finanz und Fnduftrie feiner Kulturarbeit die Wege zu öffnen verfucht. 
Ganz bejonderen Wert legt die franzöfifche Kulturarbeit natürlich auf die Be— 
einfluffung der BPreffe. Sn der erjten Zeit waren eine jcharfe Zenfur und die An- 
entpfeblung der fogenannten Zivangsartifel, deren Nichtaufnahme man als feindliche 
Handlung anfah, ein vorzügliches Mittel, um im rheinifchen Blättertwald für die 
galliichen Befreier Stimmung zu machen. Einerjeit3 verfchaffte man fic) auf diefe 
Weife den Verbiindeten gegenüber die nötigen Grundlagen für die Autonomie— 
politik, andererfeit8 aber aud) hatten diefe Stimmungsfundgebungen den be- 
dauernswerten Erfolg, daß manch Teichtgläubiger Deutjche der unbehelligten Gebicte 
fie für bare Münze nahm und auf die wanfelmütigen, unzuverläffigen Rheinländer 
Ichalt. Nach dem Frieden ijt die Yenfur erleichtert, Doch blieben den Franzoſen 
noch mandherlei Wege, fi) Eingang zu verfchaffen. Durch zu häufige Verbote kann 
man auf Hleinere Provinzzeitungen einen wirtichaftlichden Drud ausüben; eine Zeit: 
lang auch wubten die fremden militärifchen Behörden die Zınrveifung des Papiers 
gefcidt gu verwenden. Franzöfifhe Nachrichtendienfte find eingerichtet, in Wies- 
baden fchaffte man mit Unterftiigung der Befabungsbehorden harniloje Rorrefpon- 
denzbiiros. Ein vielgeibtes Mittel ijt der WAntauf Heinerer Zeitungen durch fran- 
zöfifhes Kapital. Befonders beachtensivert ift der fyftematifche Ankauf der Gaar- 
zeitungen. Daneben gründet man eigene Zeitjchriften und Tagesblatter, die 
meift zweifprachig erfcheinen. (Bekannt find: Le RHin illuftré, Revue rhénane, 
Pfalzer Woche u. a.) Durd Verbreitung von Büchern und Drudjchriften, 
die in Gütermwagenladungen verfandt werden, und die man planvoll von 
den zentral gelegenen Stellen aus über das Land verteilt, verjpriht man 
fih eine nocd) nachbaltigere Wirtung. Unter diefen ijt Rageots Schrift 
über die franzöfifche Kultur, welche franzöfifches und deutjches Wefen aun- 
befümmert wie Weiß und Schwarz gegenüberftellt, auch im unbejeßten Ge- 
biet häufiger beachtet tworden, zumal in der lehten Zeit eine deutjche Gegenjchrift 
unternommen twird. Ferner fucht man durch Konzerte aller Art mit anjchließenden 
Vorträgen, durch franzöfifche Kulturfeiern (der Napoleonfult machte viel von fich 
reden), durch Gajtfpiele Parifer Truppen (Eomedie fransaife und Grand Opéra) 
mit franzöfifchen Stüden, franzöfifche Tanz und Modefchauen, durch Tunjtgeiwerb- 
liche Ausstellungen ımd dergleichen Veranftaltungen die Rheinländer für fran- 
zöftfches Wefen zu geivinnen. Allen diefen Beftrebungen mußte natürlich eine ge- 
nügend tragfähige Grundlage gegeben werden. Dies gejchah einmal durch die 
franzöfifchen Zeitfchriften, die fic) um deutfche pazififtiiche Mitarbeiter nicht immer 
erfolglos bemühten, dann aber auch dadurch, daß man der Befabung einen recht ım- 
111 


fangreihen Troß von Beantten mit ihren Damen und Familien folgen ließ. Fur 
die Kinder der Offiziere und Beamten nun mußten franzöfiihe Schulen gegründet 
werden, welche neben diefem ihrem Zived vor allen Dingen der franzöftichen Kultur- 
aufgabe dienen follen. Yn allen folden Gründungen kann man umfo großzügiger 
verfahren, als ja wir Deutfche die Kojten felbit bezahlen müffen. 

Die Schulpropaganda ift ein Kapitel für fih. E3 beginnt mit den befouders 
im Saarland und in der Pfalz mit Nachdrud betriebenen franzöfifhen Sprad- 
furjen, geht über die öffentlichen feierlichen Schlußfeiern an deutichen Schulen (mie 
Priim-Cifel oder Wiesbaden) mit den franzöftfchen Preisverteilungen bis zur Hod)- 
jhulpolitif. Yn Bonn hatten die franzöfifchen Behörden mit der Gründung eines 
franzöfifchen Zmweiges fein Glüd. Bn Maing aber wurde am 15. Mai 1920 eine 
Ecole de Droit und gleichzeitig eine Ecole de Commerce erdffuet. Beide werden von 
Straßburger Profefforen verforgt und find dagu beftimmt, den Rbheinlandern die 
Kenntnis des „Rechts“ und der franzöfifchen Been gu vermitteln. _ 

Wir haben nur einiges geftreift; ausführliche Darftellungen findet man bei 
Peter Hartmann: „Franzöfifhe Kulturarbeit am Rhein“. Sedem, der fich fichere 
und eingehende Kenntnis der Verhältniffe erwerben will, fteht die Zentrale des 
Reidhsverbandes der Rbheinlander in Berlin, Sigisnumdjtr. 7, mit zuverläffigent 
und gut geordnetem Material gerne zur Verfügung. Ganz vorzüglid) unterrichtet 
über alle rheinischen Fragen kultureller, wirtfchaftlicder und politifcher Art „Der 
Rheinische Beobachter” (Verlag von Edmund Stein, Potsdam). Diefe Zeitfchrift 
ijt Durch jedes Poftamt zu beziehen und enthält Beiträge aus fantlichen Parteien. 
Sie enthält auch Anzeigen und Befprechungen der Hauptfacdhliden Bücher und 
Schriften über rheinifche Kultur, Kunft und Literatur, über wiffenfchaftliche Dar- 
ftclungen der durch die franzöfifche Propaganda in Erregung gehaltenen Hiftorifchen 
Fragen. Wer den Eindrud der jebigen Franzofenzeit auf das natürliche alltägliche 
Bollsempfinden naderleben will, fet auf da8 wibige Buch veriviefen, das 1m Dom- 
Rerlag erfdienen ift und deffen Verfaffer fid) unter dem Dednamen Allemand 
Daudet verborgen hält: „Tartarin am Rhein“. Ym befebten Gebiet ijt fein Ver- 
trieb verboten. 

Bum Schluß nur noch ein Wort. Wir fagten im Anfang, den Rheinlandern ge- 
bibre Danf. Und mit Recht; denn mit Ausnahme der vom Verantiwortungs- 
gefühl der Rheinländer fdarf fontrollierten, wenig zahlreichen Französlinge 
(Smects, Dorten u. a.) haben die Rheinländer die Treue zum deutichen Volfstunt, 
zum deutfchen Reiche bewahrt. Dem Beichluß von Königswinter traten, wie ver- 
Ihieden fie jonft über die künftige innerpolitifche Geftaltung der ARheinlande denfen 
mögen, [amtliche Parteien bei. Das war vor ftarf einem Yahre. Der Ynbhalt 
diejes Entjchluffes war, dak alle Beftrebungen für eine Neuregelung des Verhält- 
niffes der Rheinlande zum Reich zurüdgeftellt werden follten bid gu der Zeit, wo 
ih diefe Veftrebungen ohne den Zwang der Befatungsbehörden frei auswirken 
fonnten. Walther Schwabe. 


2 * 
Das Geſchäft mit Gexualien. 
Verſchiedene Sittlichkeit. 
ie Bakairi am Kuliſehu lebten ehrbar in unbekümmerter Nacktheit, ehe die 
braſiliſchen Kulturträger mit Kattun, Soldaten, Maſſentaufen und euro— 
päiſcher Sittlichkeit in ihre Gebiete drangen. Die Bakairi waren Menſchen von zarter 
Schamhaftigkeit, es war ihnen unfaßbar, daß jemand ſich erlauben könnte, in Gegen— 
wart eines anderen zu — eſſen. Ein jeglicher ging mit ſeiner Mahlzeit ſchamhaft 


*) y Dieſe Aufſatzreihe hat im vorigen Heft begonnen und wird im nächſten Heft abge— 
ſchloſſen. Soi dazu auch die Worte hinten N der Zwieſprache. 


112 


— 





in einen Winfel und verjehrte fie im Heinlichfeit. Die Scham braucht fich alfo 
nicht immer an diejelben Lebensvorgange ju fniipfen wie bei den Europäern. Aber 
jie iff trgendtvie da. 

Nehmen wir an, Alfred Kerr erjdiene mit feiner Wftenmappe auf einen Dorf- 
play am Stulifehu und beäugte die ihn umftaunenden Eingeborenen. Er würde 
von der Höhe feines Berliner Kulturgefühls herab die indianifde Schambaftigteit 
für eine böchjt mindermwertige Stufe des fittlichen Entwidlung halten, er würde 
eine Wurftitulle hervorziehen, das zerfnitterte Bapier a la Grunewald anf den Plas 
werfen und mit vollen Baden zu fauen beginnen, hochft beluftigt über das fubalterne 
Entjegen diefer Trottel von Cingeborenen. Denn es ift „eine abfolıt richtigere 
Idee“, daß die Menjchen fo efjen, wie e8 dem europäifierten Kerr fulturtviirdig 
erfcheint. 

Ein rechter Deutfcher freilich pflegt fih anders zu verhalten. Er befpöttelt 
nicht die Lebensart anderer Volker, jondern erjtaunt darüber. Er hütet fich, die 
fremden Sitten zu zerjtören; denn — hängt nicht ein zartes, unbegreifliches Leben 
in diefen jeltfamen Formen? Ein Bafairi, der ſich des Eſſens ſchämt, iſt adlig 
in feiner Scham. Ein Balairi, der, um jeine Kulturtünche fcheinen zu laffen, in 
Gegenwart andrer ift, ware um nichts beffer als der Nigger Jimbo, der im Varicté 
auftritt. Der Nigger Vimbo ift ein Kulturproduft der Aufflärungszeit. Aber der 
in Recht und Sitte ungefräntte Eingeborene ijt — nur in der edlen Welt Goethes 
möglid. Scham ijt etivas Adliges, wie immer fie fich äußert. „Scham ijt ein 
Schloß ob allen Sitten” jagt Wolfranı von Cjdenbad. 

Bei den germanifchen Völkern ift die Scham weit mehr als bei den Mittelmeer- 
volfern ein Schloß vor allem innerlichen Leben, darum auch ein Schloß vor. dem 
Liebesleben. Wir lefen in den Sagas, da es auf sland bei nicht geringer Strafe 
verboten gewefen fei, Liebeslieder, die fih an eine bejtimmte Geliebte richten, zu 
verbreiten. Nicht als ob die isländifchen Bauern des Mättelalters jo überaus zart 
gemwefen wären! Sie gingen fehr handfejt mit den Mädchen um, und nahmen es 
auc) nit der Einehe nicht genau. Aber — die Schambaftigfeit durfte nicht verlegt: 
das PBerfönlichite, das Geheimnispolle durfte niht an die Oeffentlidfeit 
gezerrt werden. Der Mann des adhtzehnten Jahrhunderts fann das nicht verftehn 
und belehrt ung in feiner Aufflärungsmoral über „Heuchelei” und „Unebrlichkeit”. 
Er hat in fich nicht3 von der bebenden Scheu vor den Wurzelgründen des Lebens, 
die auch dent einfaltigiten deutjchen Jungen durch feine Art eingeboven ift, er fei 
denn entartet oder unartig aus Artlofigfeit. 

Die Scham ift wie die Knofpenhülle der jungen Triebe. Sie hütet das meiche, 
unentfaltete, noch nicht gewordene, fondern erft werdende Leben vor dem Biwang 
und Drang der auferen Welt. Unter diefer Hülle träumt und reift e8 einfam 
heran, bis feine Zeit erfüllt ijt und die Kraft von innen die Snofpe zerreikt. Hebbel: 

„eben beißt, tief einfam fein; 
In die ſpröde Knoſpe drängt 
Sich kein Tropfen Taus hinein, 
Eh' ſie innre Glut zerſprengt.“ 

Es iſt ſchon zuviel, wenn man von ſolchen Dingen ſpricht. Aber der deutſche 
Baum iſt von Schmarotzern befallen. Sie zerſtören die Knoſpenhüllen, ſie verderben 
und verkrüppeln ſchon im Triebe die künftigen Blüten und Früchte. Es iſt keine 
Heilung ohne Diagnoſe möglich. — 

Scham umhüllt die Seele, wenn ſie Gott ſucht. Matthäus 6,6: „Wenn du 
aber beteſt, ſo gehe in dein Kämmerlein, und ſchleuß die Tür zu, und bet' zu deinem 
Vater im Verborgenen.“ Scham umhüllt auch das Leben der Liebe, daraus ein 
neues Leben in die Welt der Wirklichkeit geboren werden ſoll. Es ift traut und 
muß alſo heimlich ſein. Weil wir Deutſche von Natur ſo wenig rationaliſtiſch 
ſind, weil wir zur Scheu, zum Grauen, zur Ehrfurcht, zum urſprünglichen Gefühl 


113 


des Gebheimniffes angelegt find, weil wir das Heilige weniger denen als emp- 
finden, darum muß unfer Liebesleben durch die Schainhaftigtcit vor Entweihung 
und Berjtörung gefhügt fein. Der Rationalift freilich regelt fein Liebesleben durch 
verftandige Erwägungen und Willensentfchlüffe.. Und felbjt wenn er e8 zerftört 
oder mißbraucht, tut er ed nach menfchlichen „Ziveden” (Aufzucht des Nachrwuchfes, 
Vergnügen, Senfation und was immer), Dem Deutfchen, deffen Leben aus dem 
Seelengrunde quillt, graut davor, daß man mit Berechnung und Willtür daS Ge- 
heimnis in die Welt der Zivede einfpannt. Kann man auch beten, wann man 
will? Das wäre nur Gedanfeniibung und Lippenwerf. Beten fann man nur, 
wenn man muß. Das Liebesereignis ift etwas Unmwillfürlicdhes, das den 
Menfchen mit Naturkvaft ergreift und bedrängt, wie Gott fein Gefchöpf im Gebete 
ergreift und geftaltet. Daher ijt das deutfche Liebesleben voller Myitif und Emig- 
feitsfchauer: Durch den Körper glutet und flutet jenes unergründliche Leben, deffen 
wir feine menjchliche Gewalt haben. Darum ift es bei uns fo: Wo die Scham: 
haftigfeit nicht erjt dann, wenn die Zeit erfüllt ift, von der inneren Glut zerfprengt 
wird, too das Bagen und Beben von den boreiligen Fingern des flugen Verftandes 
niedergepreßt wird, da entartet unfer Leben. Duft und Hauch und Glanz find 
abgejtreift, e8 bleibt nichts als ein dummer und laderlider phyfifher Vorgang, 
an den fich da8 Gemeine hängt. Weil unfer deutiches Liebesleben nichts ijt, jobald 
feine triebhaft dumpfe und unbefangene oder feine ahnende, erdänmernde Berbin- 
dung nit dem Etivigen zerfehnitten ijt; weil es in fade, breite, Hugjchwäßertiche 
Spiehigteit auslauft, fobald das ,Gemitt” erftorben ijt, darum iwehren wir uns 
gegen die Stechfliegen, die den Stich in die verfchloffene Knofpe tun. E38 geht um 
Tod und Leben: Entiveder die Scele unjres Volfes oder die Stechfliegen! Eins 
von beiden muß fterben. 

Der ftets Verfohnlide fann das Enttvedersoder nicht vertragen. Er madt den 
liberalen Borjchlag: Erziehen twir unjere Kinder fo, dak fie wunentpfindlidh werden 
gegen jene Fliegen. Er empfiehlt „Aufllärung“ und „Abhärtung” in den feruellen 
Dingen. Das jcheint wie eine Löfung. Aber: 

Stellen wir ung einen deutfchen Jungen in feinen inneren Nöten vor. Seine 
Einbildungsfraft taucht da3 Unbebannte in eine überfhrwängliche Glüdfeligkeit und 
umglänzt e8 mit dem ftärkften Licht, jodaß es vor lauter Licht unjichtbar ijt. Das 
Geheimnis im Lichtglanz lodt ihn, und doch weicht er zaghaft davor zurüd. Das 
„Slüd” bietet fich ihm an, irgendivo, vielleicht zudringlich abends im Laternenjdjein 
der Straße. Aber da ift Schminke, Puder, Frifur — ihn efelt. Doch einmal tft 
fein Blut von der Einbildung jo erhigt, daß er diefe widrigen Künſtlichkeiten nicht 
mehr fieht. Er will zugreifen und — fann nist. Die „Desillufionierten“, die 
Rationaliften feiner Belanntfchaft Tpötteln über „jeruelle Feigheit.” Der arme 
unge nimmt fich dor, das nächite Mal „tapfer“ zu fein und die „alberne Scham- 
haftigteit” abjutun. Aber in dem Augenblid, da er ja fagen will, ift fein Wille 
wie ausgelöſcht. Er fagt etwas, das garnicht aus ihm kommt: eine feltfam fremde, 
unerregte, freundliche Abweifung an das gligernde „Slüd“. Was bedeutet das? 
Wer greift feinem perfönlichen Willen vor? E38 ift die Stimme feiner Vorfahren in 
feinem Blut und in feiner Seele, die mächtiger ift als er. E3 ijt die Zucht 
jeiner Ahnen, die den Jungen vor feinem eigenen töridten 
Willen bewahrt. Gefegnet feien die fittenjtvengen Väter und Mittter, die 
aus verfuntenen Gefilden der Vorzeit durch die Kraft der „Art“ das heilige Leben 
betreuen! C8 trifft ung der Fluch aus den verfuntenen Garten, wenn wir diefe 
trene, fchügende Kraft nicht weiterleiten zu unfern Kindern und Enfeln. Wir 
fonnen e8 nur durch ein herbes, verfchloffenes, heimliches Leben. Nur dadurch, 
daß ivir mit Körper und Seele de ut{d leben. 

Nun aber wird jener Junge aufgeklärt, daß das Liebesleben „nichts weiter fet 
als...“, dab man „die Gefchichte vernünftig betrachten” und „in die eigene Gewalt 


114 


befontiten” ntiffe. Es handle jid um pbhyfiologijhe Vorgänge, die mit „Moral“ 
nicht8 weiter zu tun Haben, fondern die einfach „zwedmäßig“ zu benußen jeien. 
(Der „Zived” ijt einesteils Fortpflanzung, andernteils Pläfier, beides ift „natürlich“, 
alfo...). Die Sache twird demonftriert. Den edleren Jungen fehaudert ein wenig. 
Der rohere unge grinft. Sn beiden regt fich die gefunde Natur gegen die alt- 
Fuge, verjtändige Gadlidfeit. Nur der zukünftige Spiegbürger fpigt wißbegierig 
und gefühllos, aber fenfuell berührt, die Efelsohren, Doch jenem edleren Jungen 
wird duch die Aufklärung das Geheimnis, das Ahnende, das Atembedrängende, 
genommen. Alle Metaphyfis ift- zum Teufel, nur die maffive Phyfis ift geblieben. 
Aber das ijt noch da3 Wenigfte. €8 ijt zugleich verloren die Zucht der Vorfahren, 
die Art des Blutes und der Seele. Der Verftand triumphiert durch den ziwedhaft- 
rational bejtimmten Willen über die „Art“. Der Junge ift nun nichts als ein 
rationaliftifches ,,iudividuum’, er ijt Hinausgetreten aus der natürlichen RKette 
feines Lebens. Yn dent Augenblid, da der Beritandeswille bewußt die Scham weg— 
wirft, zerreißt das heilige Band, das die innerfte Kraft des Lebenden an das Lebeıt 
feiner Ahnen fnüpft. Die langft Verfunfenen weinen in ihren Gärten, und es gebt 
ein Fröfteln durch die Seelen der ungeborenen Enkel bei den Müttern im „Unbe- 
tretenen, nicht zu Betretenden.” Und: „das Schaudern ijt der Menfchheit beftes 
Teil.” (Fauft.) Mit jenem gewaltfamen Rik in der Natur hat der Menfch die 
Möglichkeit des „unmittelbaven“ Lebens verloren. Seht euch an, was je und je 
aus der frechen Jugend getvorden ift und wird, welche die Scham verhohnt. Kluge 
Spieker, nidts andres. Unter ung Deutichen Haben die großen Seelen niemals 
die Scham verleugnet. Lächle, wer mag, tiber den Freiherrn von Stein, der rot 
murde, wenn ein Offizier bet Tijd) eine Bote wagte. 

Gs handelt fich nicht um CEnthaltjamfeit, fondern um Schambaftigfeit. Die 
Deutfchen find ficerlich in feruellen Dingen nicht beffer oder ,,gefiinder” als andre 
Völker in ihrer Art. Aber fie ftellen mun einmal die Hochzeitsbetten fo wenig tte 
die Sterbebetten an die Straße, und in das Schlafzimmer führen fie die Fremden 
nicht hinein. Wo fie das Gegengewicht der Schambaftigfeit verlieren, werden fie 
niedriger und fehlimmer als andre. Das liegt in ihrer „fauftifchen” Natur, in ihrer 
Unerfättlichfeit, in ihrer Sehnfucht nach Fülle und Gangheit. Einmal don den 
Banden gelöft, vafen fie ins Grengenlofe, bi zur Selbftzerftörung. Die eigentünt- 
liche „Weisheit der Natur“, welche die Organismen durch das Gleichgewicht wider- 
itrebender Kräfte formt, hat darum der Liebesfraft des deutjchen Wefens die Kraft 
der Scham entgegengefest und hat beide aufs Yunigite verfnitpft. Die deutjche 
„snnerlichkeit” ift unmöglich ohne die Schambaftigfeit. Wo diefe nicht iſt, kommt 
ms Annerliche unferes Wefens nie zur Entfaltung. 

Rühren wir alfo nicht an diefe Dinge! Klären wir unfere Kinder nicht auf, 
fie werden fonft hell und nüchtern wie der Alltag. Härten wir fie nicht feeliich ab, 
fie werden fonft verhärtet und unedel. Wir zerjtören mit diefer rationaliftifden 
Pädagogik die feinfte und reinfte Kraft der Art in unfern Kindern: die Mar de ne 
traft der Liebe. Uber ftarfen wir in ihnen die Ehrfurcht vor den heiligen Er- 
eigniffen der Zeuguug und Geburt, des Schlafes und des Todes, indem wir die 
Sitte feitigen und den Sinn der Sitte in lebendiger Ueberlieferung wach er- 
halten. 

Weit iveniger bedeutet die Scham bei Völkern von jtark intelleftueller oder 
äfthetifher Art. Sie bedürfen nicht der Metaphyfif der Liebe, weder de3 Schauderns 
nocd) des Märchens. Bei ihnen fann daher die Liebe ohne Ernit fein und gum geijt- 
reihen Spiel werden. Der Jude fann feine Scham wegiverfen ohne dauernden 
Schaden für feine Seele. Durd) die ihm eigene ftarfe Fähigkeit zur Abftraktion 
trennt er das „nur“ Körperliche von „höheren“ Geiftigen. Was mit dem Störper 
gefchieht, trifft für fein Bemwupßtfein nicht den Geift, der „Darüber“ jteht und der ihm 
das Weſentliche iſt. Dem Deutſchen aber will es nicht gelingen, Körper und Geiſt, 

115 


Blut und Vernunft zu. trennen. Er kann ji) daher nidt fo leicht aus dem untern 
ing obere Stodwerk retten. Unbefchreiblich anders ift e8 beim taliener, Wenn 
wir den Boccaccio lejen, widerftrebt uns darin ein jchiwer faohbares Etwas. Nach 
wenigen Geſchichten müſſen wir das Buch für eine Weile beiſeite legen. Aber 
Boccaccio iſt nicht ärger als unſer barbariſcher Eulenſpiegel oder der derbe Grim— 
melshauſen. Warum leſen wir dieſe mit behaglichem Schmunzeln oder freiem 
Lachen (es gibt auch ein Lachen des herzlichen Abſcheus), jenen aber bei aller Achtung 
vor ſeiner vollendeten Kunſt mit einem verqueren Gefühl? Gerade die Kultur 
des ſexuellen Witzes, die durch die Beſeitigung des Schamgefühls oder durch das 
Spiel mitdieſem Gefühlerſt ermöglicht wird, ſtößt uns peinlich ab. Beim 
Till und beim Simpliciſſimus (auch bei Goethes Geſpenſtern der Walpurgisnacht) 
iſt ungebändigte, unkultivierte Sinnlichkeit, mehr: es iſt geradezu Geſtank und 
Schmutz da. Aber es fehlt das „Raffinement“. Die Scham bleibt eine heilige 
Macht, ſie wird nicht zur Erhöhung des kitzelnden Genuſſes „benutzt“. Das Recht 
der Scham wird trotz aller Raſerei der entfeſſelten Natur nicht angetaſtet. Die 
Scham wird nicht wie bei Boccaccio durch Kunſt „überwunden“. Das Liebesleben 
ijt bet Boccaccio gang Kultur geworden. (Die Naivitat ift nur afthe tif.) 
Bei Goethe ft es Natur, darum in wilden Nächten auch roh und geauenhaft. 
Aber weil es Natur ijt, bleibt e8 immer unmittelbar, quellend, ftrönend, grenzen- 
{o8 und reftlos Hingegeben. 

Geri, das alles trifft nicht ohne weiteres auf die Menge zu. Aber es trifft auf 
die Be ften gu. Vor allem auf die wirklichen Künftler. Und darımı handelt es fich. 
Wir wollen unferm Bolfe die Möglichkeit wahren, fein Beites ungefränft im Leben 
zu entfalten. Lafjen wir es zu, daß Schniglers Reigen, von wirdelojen Schaujpielern 
vor einem geil grinjenden und zotig kichernden Publifum heruntergefpielt, eine 
jelbftverftändliche und dauernde Erfcheinung auf unfern Bühnen wird; laffen wir es 
ju, dak Gelly de Rheydt, angekündigt durch bordelhinäßige Worte eines augenzivin- 
fernden „Sonferenciers”, teil zu einer Madonnenfigur, teils zu den Zigaretten 
vaudenden Zufchauern gewendet, in aller Deffentlichfeit nadt herunmmimt; Laffen 
wir e8 zu, daß uns aus allen Schaufenstern aufdringliche Dirnen in „Original- 
radierungen” anbliden, fo .twird unfere Jugend mit der Beit ficherlih „auf: 
geklärt” (richtiger: frech) und „abgehärtet” (richtiger: ,abgebriiht”). Sie wird eben 
dadurch mit zunehmendem Alter fpießig und wachtitubenmäßig gemein. Yn einem 
gemeinen, frechen und jpießigen Volk aber muß endlich auch die hündiſch werdende 
Runft auf den Hund fommen. E3 verjiegt in einem folchen Volfe das heilig drän- 
gende Gefühl, die lautere Kraft der Schnfucht und der Gefichte, welche die Menjchen 
zu Künftlern werden läßt. Die Kunft läuft aus in eine elegante, Flügelnde, epigoni- 
jhe Künftelei, die nur noch dem Reiz und Kitel banaler Seelen dient. Yndem wir 
unfre Art der Sittlidfeit vor der Zerftörung duch fremde Art bewahren, 
wahren wir unferer Kunft zufiinftige Moglicfeiten. Wir wollen de m Riinftler, der 
nicht um des Genuffes willen, fondern im Dienfte de3 Emwigen — aus unbefannten 
Tiefen — mm Gottes willen — jchafft, feine „Srenzen” fteden, fondern ihm ein 
empfängliches Volk bereiten. Ein Volt, dem die Kunjt mehr ijt als perfönlicher 
Genuß. Ohne dies fann ein deutfcher Künftler nicht gedeihen; denn er will nicht 
bloß Spiel, er will nicht nur ein „Bubliltum” „erfreuen“ oder „erheben“ oder 
Herrn Müller und Fraulein Goldftein „feelifch vertiefen“, fondern er will durd 
feine Kunft fein Bolf geftalten: fein Shaffen ift Gejtaltung der Volts- 
feele Heinrid) Wölfflin drüdt es am Schluß feines Bortrags über Albrecht 
Dürer*) fo aus: „Es erhellt aber auch, wie er ald Maler mitten auf den Kampfplag 
des Tages tritt. Die Kunjt war ihm nicht nur eine Offenbarerin der Schönheit, 
nicht nur ein Werkzeug der Andacht, fondern cin Mtittel im Kampf der 
Geifter. Nicht mit dem Zivang logijcher Gründe fanıı er überzeugen, wohl aber 


*) Verlag von Otto Reit, Darmjtadt. 
116 


mit der Macht geivaltiger Menjchenbildungen, aus dewen da8 Gefeg der 
Sittlidfeit fpridt. Db er damit über die natürliche Aufgabe der Kunft 
hinausgegangen fei oder nicht, mag jeder für fich entfcheiden. Mit einem andern 
großen Deutjchen würde er jich jedenfalls in diefer Auffafjung des SKünftlerberufs 
verjtanden haben, ich meine mit Schiller: — Der Menjchheit Würde ift in eure 
Hand gegeben.” 

Die Minjtler gehören in dem Kampf gegen die fünjtelnden und fünftlernden 
Genüßlinge auf die Seite des in feiner Wefensart bedrohten 
Boltes. Es geht um da3 Schidjal eines Volfe3. Darum müffen wir alle Rüd- 
fichten fallen laffen. Darum dürfen twir dem Gegner weh tun. | 


Yuden und Jüden. 


Wir find daran gewöhnt worden, eine gemwiffe Sorte von Deutfchen als 
„zeutiche” zu bezeichnen: jolche, die durch altertiimelnde Wunderlichteiten oder durch 
übertreibende Betonung ihr Deutjchtun hervorfehren. (Diefer Eifer ift freilich nicht 
immer ein Zeichen reinjten Germanentums und fucht zuweilen den Mangel des 
Seins durch die Heftigkeit des Sein-wollens auszugleichen.) So merkwürdig es ift, 
daß ein Volk feinen eigenen Volfsnamen gur Selbjtbefpottelung verwendet, jo hat 
dieje Unterfcheidung doch eine gewifje praftifche Bedeutung geivonnen. Wir fchlagen 
bor, auch bei dem jüdifchen Bolfe die Unart von der Art durd Abwandlung des 
Volfsnamens gu unterjcheiden. 

Die Glieder des jüdifchen Volles, die fich ihres Vollstums fhämen (und fo 
am feltfamiten Orte der Scham frönen) und e3 zu verbergen trachten, weil jie den 
feeliihen Zufammenhang nit ihren Vätern verloren haben und etwas fcheinen 
swollen, was fie nicht find, jollte man nicht mehr Yuden, fondern „Süden“ nennen. 
Es find die fic aus ihrem Volke löfenden Menschen, die nur nod) Yndividuen fein 
twollen und darum auch nur Yndividuelles gelten laffen fonnen. Sie find die ge- 
Idivorenen Feinde alles Volfhajten, des Yidifchen wie des Deutichen. (Wobei in 
der Regel eine gewifje Pietät für das Fiidifce bleibt und der Haf fich un fo heftiger 
auf das Deutjche ftürzt.) Das Volt muß theoretifch wegdisputiert und praftifch zer= - 
fest werden, fo verlangt e8 der Glaube, den fie für ihr inneres Gleichgewicht 
brauchen. Sie find ja fo troftlos einfam: wo immer fie an etwas Großes geraten, 
ift es unfaßbar überindividuell. Sie müfjen auf alles Seelifche, auf das aus der 
Ziefe ber Geftaltende verzichten und fich auf das twillfürliche Spiel des Tyntefl:ft3 
und auf die Senfation der Nerven beſchränken. Aber die niedergehaltene Natur rädhz 
fih durch das Refjentiment. Sie müffen fich und andern vorlügen, daß das Volf- 
bafte etwas Minderivertiges, Barbarifches, entiwidlungsgefhichtlihd Nudimentäres 
fei. Nur durch einen Banntkreis von Eitelfeit, Spöttelei und Hohn bewahren fie d«8 
arme Tröpflein Sch Davor, daß e3 ergriffen werde bom großen Strom der Religion 
oder des Volkes. Sie find ausgefallen, und es bleibt ihnen nichts übrig, als gegen 
Da8 Große ausfällig zu werden. | 

Die Yüvden find feineswegs nur jüdischer Herkunft. E38 gejellt fich ihnen der 
Abfall der andern Völker zu. Wer durch feelifche Flacheit oder durch Ueberwuche- 
rung des ntelleft3 in feinem Verhältnis zum eigenen Volle unficher getworden tft, 
wer infolge rein intellettueller Bildung oder bitterer Bereinfamung von jeinem Bolt 
abgefprengt ift, findet in der Kiidenfchaft ein Surrogat für die Heimat. Aber das 
Wort „Süden“ befteht zu recht; denn die Mehrzahl diefer Leute wird vom jüdijchen 
Volke geliefert. Das ift durch das Leben der Yuden im der Diafpora bedingt, in 
vielen Fällen auch durch die innere Erjchütterung, die der bom Often kommende 
Sude bei feiner Europäifierung durhmacht: er verliert fein Bolf und fucht fich als 
Erfag ein Gefchäft oder eine „dee“, um fein Leben auszufüllen. Womöglich eine 
dee, die zugleich ein Gefchaft iit. 

Die Beiftigleit der Jüden ift anders als die der Juden, obgleid) fie freilich Blut 
und Seele ihrer Herkunft nicht verleugiien fönnen. Der Jude, der mit feinem Volfe 

117 


berbunden tft, hat ein twahrhaftiges Verhältnis zu den überperjönlichen Werten. 
Auch der Vude, der fi zivar von feinen väterlich-mütterlicden Volk innerlich ent- 
fernt und einem andern Volk angenähert hat, der alfo zwifchen den Völkern ftebt, 
aber unverbildet und redlich genug ift, die Bedeutung des Volkes und Volkstums 
anzuerkennen, hat nicht jene Wüftenei des Hohnes und der Gehäffigfeit gegen das 
Volfhafte um fich her gebreitet. Yhn adelt die Refignation gegenüber den Schidjal. 
Das Wohlwollen und die Güte, die das Ergebnis alles fittlichen Verzichteng find, 
geben ihm Würde. Alice Salomon hat das Berdienit, felbft in das Berliner Tage- 
blatt ein Wort der Befinnung gebracht zur Haben. 

So ftehen nun auf der einen Seite Deutfche und Juden, die ihr eigenes Volfs- 
tum lieben und fremdes VolfStum achten, auf der andern Seite die Füden, die das 
Bolkstum zerftören. Diefe find es, dieden Kampfgegen die Bolfs- 
fittlihfeit führen. Sie fuden der deutfchen Deffentlichkeit den „Reigen“ 
aufzuzwingen. Sie feiern in Unterhaltungsromanen und Feuilletons die Kokotte. 
Sie entzüden fi) an den Senfationen der Schamlofigkeit. Sie find die natürlichen 
reunde aller jener Gejchäftsleute, die erotifche Literatur und Aufflärungsfilme, 
entblößte Schaufpielerinnen und Nadttänze in Geld umfegen. Sie treten für Die 
„Mündigfeit“ und „Freiheit“ des „Bublilung” ein: „Das Publifum mag fich felbit 
hüten.” Aber wenn das Publifum fic felbjt fchiist, fet e8 durch einen Theater- 
jfandal, fei es durch einen Brief an Polizei oder Staatsanwalt, dann nennen fie 
das „mündige“ und „freie” Publikum plöglich eine minderiwertige Maffe mit ver- 
Dorbenen Yujtiniten. Nichts ift abjcheulider als der Diide, tvenn er in Mengen auf- 
tritt. Das fchwagt und fdrvafelt und {prigelt, bas maufchelt und geftifuliert, zappelt 
und medert und fdrillt — man muß jene Konferenz fennen, in der die Berliner 
Preffevertreter, vielmehr die SJüdenfchaft der Berliner Preffe, dem Profeffor 
Brunner faft den Rod pom Leibe ri. Und diefem Wbfcdhaum des Menjchentums 
follen wir die Macht einräumen in unjrer Oeffentlidfeit? „Das Publitum mag 
ſich ſelbſt ſchützen!“ 

Wir beſtreiten den Jüden die Gleichberechtigung des ethiſchen Urteils. Es fehlt 
ihnen der ſeeliſche Grund der echten Sozialität, aus dem eine giltige ethiſche Wert— 
entſcheidung hervorgehen kann, und damit fehlt ihnen die Möglichkeit des kategori— 
ſchen ſittlichen Urteils. Zwei Beiſpiele. 

Erſtens: Emil Ludwig (Cohn ſagt er leiſe) ſchreibt im „Acht-Uhr⸗Abendblatt“ 
Viktor Hahns über Celly de Rheydt: „Phryne aus Schmargendorf iſt friſch, Buſen, 
Hüften geſchmeidig und feſt, die Beine durchgebildet, ſteif und kühl, und wenn ſie 
auch kein Genie des Tanzes iſt, ſo iſt ſie doch keinesfalls eine ſchlüpfrige Verführerin 
der Jugend. . . . Warum wird ſie verklagt? Weil ihre Brüſte ſchön genug ſind, 
um fchleierlog zu atmen. Weil ihre Schleier oder halben Mieder eine Nuance durdj- 
fihtiger find als in der Oper. Weil fie für Geld in verrauderten Kabaretts unt 
Mitternacht fo tanzen muß, wie die Mädchen in Hellevau aus Luft um Mittag auf 
den Wiejen fpielen. Weil fie feine Gouvdernante ift wie die Duncan, fondern Sini- 
lichkeit. Mit Euch, Komödianten, hübfche junge Frauen, mit Eudy fühlt die Jugend 
und die Kunft, felbft an der Spree! Wer Euch anklagt, verdient Spott, wer Eud) 
verurteilt, fondammniert die Schönheit. Hätteft Du fchlottrige Brüfte und weiche Knie, 
dann gehörteft Du ins Siechen- oder Zuchthaus. Deine Glieder fprechen Dich frei, 
Phryne aus: Schmargendorf!“ | 

Sit mit einem Manne, der da3 in Zeitungen jehreibt, eine Erörterung ſittlicher 
(und künſtleriſcher) Angelegenheiten überhaupt noch möglich? Derſelbe Emil 
Ludwig (Cohn) ſchreibt Bücher über Richard Wagner und Bismarck. Er ſchreibt ein 
zweibändiges Werk über Goethe, in dem er Goethes Sittlichkeit ſo ſchildert, wie er 
fie verſteht. Wer will es uns verargen, wenn wir von ihm laut ſagen: Er iſt ein 
Jüd. Hier iſt nicht zu diskutieren, ſondern nur zu erledigen. seed 

Bweitens: Yn feineren Formen dringt diefe tvidrige Nerven-Sinnlichkeit, Die 


118 


aller menfdliden Riidficht bar ijt, felbjt in die Prozehberichte ein. Paul Schlejinger, 
der Spezialift der Voffifden Zeitung in Gaden de Reigens und der Nadttänze, 
gebührt der Ruhm, bei uns als Erjter e8 gewagt zu haben, eine Zeugin im Mord- 
prozeß Grupen mit „ein bißchen väterlicher Verliebtheit” zu beäugen und in der 
Zeitung zu befchreiben. Er riihmt den ,adligen Schlag” des Mädchens, ihr „stolzes 
veiches Lächeln“, als fie „blond und zierlich, mit dem blauen, Tlugen Auge, wieder 
und wieder vor Gericht erfdien”. Er erzählt: „Sie liebte ihn nicht und gab jich ihm 
dod, weil man da oben im Holfteinifden nidt foviel hermadht.” (Nebenbei: Was 
weif der Sid in Berlin von der Sittlicdfeit ,da oben im Holfteinifden“’?*) Sind 
nicht einmal die Zeuginnen im Gerichtsfaal mehr vor foldjen Mugen und vor folchen 
Schreibereien ficher? 

Die Züdenfchaft (jüdifcher wie deutfcher Herkunft), die in Berlin Feuilleton, 
Operetten, Filme, Schwänfe, Zeichnungen, Moden, Theater, Zeitfchriften, Kritik 
und Fortfchritt aller Art macht, ift wie ein Gefchrviir, das fich an einem franfen Leibe 
aufammengezogen hat. Die Natur des Volkes bringt das Gegengift des Antifemitis- 
mus hervor. Die Parafiten twerden zunächit nur no) virulenter. Der verjtändige 
Arzt wird der Natur helfen. 

Betradhten wir num die KErebszellen diejer Krankheit. St. 


Bücherbriefe 


Megweifer religiöfer Erneuerung. 


We Religion lebt vom Objektiven, von einer über uns und außer uns ivefenden 

Wirklichkeit. Religion ift die Hingabe an diefe Wirklichleit- E3 gibt aber 
Zeiten, two alles Objektive der Religion in Frage geftellt wird. Der kritifche Ver- 
jtand reißt die Herrfchaft an fich, zerftört das altgeheiligte Gedanfengebäude, die 
bunte Bilderivelt religiöfer Vorjtellungen, und nun fehen die Menfchen ihre ganze 
Armut: zu ſchwach, fich eine neue Welt zu erbauen, trauern fie um die verlovene; 
e8 bleibt nad ein Haufen heimatlofer Gefühle und Stimmungen und Erlebniffe, 
denen aber da8 große Objektive fehlt, an dem fie fich emporranten könnten. 

Sn folden Zeiten religiöfer Dürre brauchen wir Xeute, die den Schutt und die 
_ Trimmer abgebraudter Borftellungen und Formen megräumen und die Grund- 
mauern wieder bloßlegen zum Neuaufbau. Ohne Bild gefprodjen: Wenn in einer 
“Bert religiofen Niedergangs wieder neues Leben und neues Suchen erwacht, dann 
bejinnen fi die Menfchen twieder auf die allererften und urfprünglichften Quellen 
des Leben, dann kehrt man dorthin zurüd, wo die Religion ihren Anfang nimmt, 
two ihre Wurzeln liegen. Reformation heißt „Zurüdbildung“, Zuriidgehen auf 
da3 Urfprüngliche, Einfache, Wurzelhafte. Die Gefchidte der Religion bewegt fid 
Hin und ber: fie entfaltet fich in der Welt, erftarrt und verfruftet; dann wird die 
Krufte zerfchlagen, die verfchütteten Quellen brechen wieder auf, um mit ge- 
fantmelter Kraft in die Welt zu ftrömen. 

Diefe Quellen liegen nun entweder in der menfdliden Seele: man be- 
finnt fic) auf den religiöfen Grundtrieb, oder fie liegen in der Gefhicdte: 
man befinnt fid) auf die Grundtatfade der Religion. 

Wir leben Heute wieder in folcher Uebergangszeit. Das alte Weltbild und Ge- 
DSanfengebaude, mit dem das Chriftentum feit Jahrhunderten verfuiipft tar, liegt 
Darnieder, und wir modernen Menfchen gehen zurüd zu den Urſprüngen und 

*) Vielleicht hat Schlejinger diefe Weisheit von Guftav Frenjjen. Wher Frenffer ijt nicht 
topiich, fondern hat fid aus jeiner perjönlichen Schwäde eine Weltanfdaunng guredt- 
gemacht, wie e3 unkritiiche Menfchen tun, um vor fic) felbft beftehu gu fonnen. 


119 


— 


ſuchen nun in der wirren Gegenwart nach neuen Anſatzpunkten für unſer religiöſes 
Leben. Wir begnügen uns nicht mehr damit, die Gedanken nachzudenken und die 
Bilder nachzufühlen, mit denen andere von ihrem religiöſen Leben zeugten, wir 
ſuchen die Wirklichkeit Gottes ſelbſt zu erleben. Und ſei es uns auch nur 
vergönnt, einen Zipfel Seines Gewandes zu berühren, das iſt uns mehr wert als 
die taufend Herrlichkeiten, die andere ung von Ihm zu erzählen wiſſen. Und ge— 
fingt e8 uns auch mur an einem Punkte des gegenwärtigen Lebens, diefe Wirklich- 
feit Gottes auf Erden Geftalt gewinnen zu laffen, fo ift und das mehr wert, als 
taufend in weltentrüdter Andacht vertraumte Stunden. Es ijt ein Dornenvoller 
Weg, aber wir müfjen ihn gehen. Uns follen dazu einige Bücher helfen, die man 
nicht einmal durchfliegt, fondern immer wieder al3 treue Wegiweifer in diejem 
Ranıpfe erproben kann. 

Wir beginnen mit Shleiermahers Reden über die Religion; 
jie find zivar 1799 gejchrieben, aber gerade für ung heute wieder jehr bedeutungsvoll. 
Die Gefchichte der Religion bewegt fich ja nicht in grader Linie aufwärts, fordern 
in Kreijen, gleichlam im Spiralen; fie jteht heute ebenda, wo fie zu Schleiermachers 
Zeit ftand: ein Zeitalter der Verjtandesherrichaft geht zu Ende, eine Zeit mpjtifcher 
Berienkung, unmittelbaren Lebens aus Gott bereitet jich vor. Die Religion hatte 
fich zerfegt in Wilfen und Moral. Schleiermacher erobert ihr wieder eine Proving 
im Gemüt: fie ift Sinn und Gefdmad firs Unendlicde. Einige Gabe mögen 
zeigen, vie er gerade dem Suchen unferer Zeit entgegentommt: „Wer nicht hier 
und da mit der lebendigiten Ueberzeugung fühlt, daß ein gottlider Geift ihn treibt, 
und daß er aus beiliger Eingebung Handelt; twer fich nicht wenigitens feiner Ge- 
fühle als unmittelbarer Einwirkungen des Univerfums bewußt ift, . . der hat feine 
Religion. Glauben, was man gemeinhin jo nennt, annehmen, was ein anderer 
getan bat, nachdenten und nachfühlen wollen, was ein anderer gedacht und gefühlt 
Hut, ift ein Harter und unwündiger Dienft.” (S. 62.) „Mitten in der Endlichkett 
eins werden mit dem Unendlichen und ewig fein in einem Augenblid, das ijt die 
Unjterblichkeit der Religion.” (S. 68.) Wer fraftige Wortlein gegen den Bildung3- 
fanatismus, gegen die Verquidung von Kirche und Staat hören will, wird fchon bei 
Schleiermacher Antwort finden. Wir empfehlen die Ausgabe von Rudolf Otto, 
die durch eine unter dem Text fortlaufende Snhaltsüberficht das Verftändnis febr 
erleichtert. 

Bon Schleiermahers Reden geht eine gerade Linie zu dem Werke des jüngft 
verftorbenen Marburger Theologen Wilhelm Herrmann: „Der Vers 
tehbrdesChriften mit Gott” Einig ift er mit jenem in der fcharfen Front» 
jtellung gegen jede Berjtandesreligion. Doch [heut er wiederum die rein müftijche Er- 
hebung des Gefihl3. Nur was ung wirklich über ung hinaushebt, was uns bon 
ung felbit erlöjt, erkennt er als eine religiofe Macht an. Herrmann geht nun auf 
den Urfprung unjerer Religion in der Gefdidte und findet als Grundtatiacde, 
die uns zur Ehrfurcht zwingt und uns erneuert, als den Punkt, Ivo die göttliche - 
Welt in die irdifce hineinragt, da8 perfonlide Leben Yefu. Hier ift etwas ganz 
Gewiffes, jedem empfanglimen Gemiite Buganglides. Das Buch will uns auf 
immer neuen Wegen zu dem einen Biel führen, daß wir in Jeſus unſeres Gottes 
froh werden; grade in diejer Einfeitigkeit ift e3 bon dauerndem Gewinn für unjer 
zerfahrenes Gefchledt. 

Neben Herrmann ijt YFohannes Miller zu nennen. Su den 
„Duellen de3 Lebens“ geht er ganz fcharf auf den Iekten Urfprung aller 
Religion guriid; fie ijt eine neue Cinftellung gum Leben, die Kunft, freudig ja zu 
allem zu fagen und mit ganzer Hingabe, unmittelbar, dem Augenblid zu Ieben 
und Ihm Lebensantriebe zu empfangen. Gott ijt die fchöpferifche Lebensmacht 
und nicht nurrein ,3ujtand des Bewußtjeins”. Auch Miller ijt ein entichiedener 
Gegner der Beritandesreligion; ja er jcheut davor zurüd, dah fich zwifchen die 


120 








reiigiofen Cindriide irgendiweldje fejte Vorftellungen fcieben; Empfänglichkeit ift 
alles. Bon hier aus gewinnt er einen neuen Sinn für die Perfonlicfeit Yefu. 
„Die Bergpredigt” und die „Reden Zefu” Hat er verdeuticht und vergegemvärtigt. 
Den modernen Menfchen, der an den mannigfaltigen Aufgaben des Leben fich felbjt 
verloren hat, führt Müller zur Sammlung, zu Einfachheit, dak die verjtopften 
Duellen feines urjprünglicen, Tindlichen Wejens wieder fprudeln. 

hm jehr nabe fteht Reinhard Liebe in feinem Bude „Die Neu: 
geburtdes Ehriftentums” Das Bud leuchtet ganz hell in die veligiöfe 
Krifis der Gegenwart hinein und gibt dem Suchenden Werkzeuge in die Hand, um 
vom religiöjen Urerlebnis heraus die Fragen der Weltanfchauung und Lebens- 
geftaltung zu löfen. Dergerquidend ift die Klare Scheidung zwifhen Wirtlidh- 
LeitSreligion und BPhantajiereligion. Yene ift das Ergriffenfein von einer 
höheren Macht, die dem Menfchen die Herrfchaft des Yd), oer Perfönlichkeit, über 
die niederen Geivalten verleiht, diefe ijt ein Gebilde des Mienjchengeijtes. Das 
bergängliche Beiwerk finkt in den Staub, die ,,chriftlidje Religion” liegt int Sterben, 
aber von Fefus kommen die Menfchen nicht los. Das Wunder des gottmenfchlichen 
Lebens, ivie es fih in ihm offenbart und in uns wiederholen muß, ift Grund und 
Duelle aller wahren Religion. Go eilt Liebe ähnlicd wie Müller die inneren 
Triebfräfte des Lebens Jefu auf. Dann entwidelt er da3 „neue Chrijtfein”. Ehr- 
fürchtig taftet er fic) an das Geheimnis „Gott“ heran; der triebhafte Schöpfungs- 
wille, die ,fuchende” Liebe, fich in einem Wefen felbjt zu fpiegeln, und die „be- 
figende” Liebe, die Vatergüte, die Er über feine Kinder breitet, find Wefenszüge 
Gottes. Mit den gottfernen Menschen aber hat Er nichts zu tun. Nicht jeder ift 
zur „Seligfeit” bejtimmt. $mmer wieder erfreut die Kühnheit und Wahrhaftigkeit, 
mit der Liebe diefen fchiveren Problemen zu Leibe geht. E83 ift dirrdhaus fein ver- 
mäflernder Liberalismus, was er uns bietet; er fennt den Ernft des fittlichen 
Kampfes, er fteht ftill vor der Hoheit Fefu, nichts ift Phrafe, überall jpürt man 
den Nachklang felbft durchfochtener Kämpfe und das Verlangen, davon zu zeugen 
in der Sprache de3 heutigen Gefchlehhtes. Dies Buch follte getroft auch der 
theofogifh und philofophifeh Ungefchulte zur Hand nehmen. 

Am tiefften führt uns in die Krifis der Gegenwart hinein Ludwig 
Heitmann in feinem dreibändigen Werfe „Sroßftadt und Religion“. 
Die Grofftadt, a8 Vebenszentrum der modernen Welt, wird auch Träger der Tünf- 
tigen Geiftesgefchichte werden. E83 gilt nicht, die fertige Religion der Grofftadt 
gegenüberzuftellen und nun zu fehen, wie fie fic) miteinander abfinden. Heitmann 
fchürft tiefer als die befannten Verteidiger des Ehriftentums. Er fpürt den religiöfen 
Kräften nach, die in der Großftadtentwidlung fehlummern. Er gibt uns Ein- 
blide in die feelifche Struktur de8 Großftadtmenfchen, in die Seele des Maflen- 
menfchen, der, Tosgelöft von den älteren fozialen Verbänden, enttwurzelt, gefchichts- 
los, rubelo8, heimatlos in einen rüdfichtslofen Dafeinsfampf Hineingezerrt wird. 
Wie fann nun da bei all den zerftörenden Gewalten ein neuer Körper, ein Organis- 
mus wachfen, den die Religion unbedingt zu ihrem Gedeihen braucht? 
Während der erfte Teil „vie religiöfe Situation inder Broßftadt“ 
behandelt, wendet fi der zweite dem „Kampf um die Religion in der 
Großſtadt“ zu. 

Dieſer Teil erſchien nach dem Kriege, und ich kenne kein Buch, das mit ſo 
tiefem Ernſt und ſchneidender Schärfe die Lehren aus dem Zuſammenbruch zieht 
wie dieſes. Mit verhaltenem Atem ſpürt man immer wieder den Schritt des 
lebendigen Gottes, der unſer Volk zur Umkehr, zur Umwertung aller Werte ruft. 
„Der Weltkrieg bedeutet die Bankerotterklärung eines ganzen Zeitalters.“ Die 
Mächte der Zerſetzung ſind erſtens der Ich wille. Der „Individualismus“, der 
auf wirtſchaftlichem Gebiete die rückfichtsloſe Freiheit der Perſönlichkeit und auf 
religiöſem Gebiete die Pflege der Einzelfrömmigkeit förderte, muß überwunden 

121 


‚werden durch eine neue Bindung des Menjaen an ein Objeftives. Religion ijt nicht 
Privatfache, fondern Volfs- und Gemeinfdhaftsjade. Der ziveite Feind ift die 
Triebfultur. Die Gefchäftigfeit, die finnlofe Schentfaltung des „Auffchivungs- 
zeilalters” war nicht ein Wille, fondern ein Treiben. Der reißenden Entfaltung 
des Ichwillens nach außen entjpricht ein ebenfo veißender Verfall der fittlichen 
Kräfte nah innen. Die Wurzekf organifchen Lebens find zerjtört. Der dritte 
Beind ift Die technische Erftarrung. „Der religiöfe Wille, der lebendige 
Kraft und fittlide Bindung in enger VBertvachfenheit gujammenbalt, loft fich fterbend 
in feine Beftandteile auf: die lebendige Kraft ward zum twuchernden Triebe und 
die fittlihe Bindung zur auferlichen Erftarrung” „Das Yo, der Trieb, die 
technische Organifation; und diefe drei find eind. Wir ftehen der vollendeten drei- 
einigen Derrichaft de3 Satans gegenüber.” Da verfagen alle außeren Reformen 
und Mättel. Diefer toten, gottfernen Welt muß eine neue Welt entgegentreten, 
die fich organifch ganz auf ihren eigenen Wachstumsgefepen aufbaut. Aus ber 
Urzelle, der Familie, muß die neue Gemeinde wachen, in derem Mittel- 
punkt die Jugendarbeit fteht. Sie foll in die dem Fehwillen verfallene Welt den 
Familienwillen hineintvagen. Ebenfo tief ivie Heitmann den Triebfräften des Ver- 
falles nachfpürte, weilt er uns nun die neuen Bahnen: Erneuerung der Familie.*) 
Wir müffen uns bier kurz faffen, glauben aber gezeigt zu haben, wie gerade diefe 
beiden erjten Teile des Heitmannfchen Werkes flar die Entfcheidung zeigen, vor der 
wir heute ftehen: ob wir als Volk weiter hinfterben oder uns in letter Stunde auf 
die Kräfte der völkifchen Erneuerung bejinnen. Diefen beiden Bänden fommt eine 
ähnliche Bedeutung gu wie ctiva Niehls „Naturgefchichte des deutfchen Volfes”. 
Senfationsluft wird hier nicht befriedigt werden. Heitmann hat viel mit Spengler 
gemein, aber ein Unterfchied trennt beide vadifal: jener ift Prophet, der alles, was 
in uns noch lebensivert ijt, aufriittelt; diefer ijt Bhilofoph, deffen Wiffensfiille er- 
gößt. Prophetiihe Frömmigkeit atmet auch der dritte Teil des Werkes: „Die 
religiöfe Wahrheit für die Großftadt”. Er führt ung in oft vecht 
ichiwierigen Gedanfengangen in die eigentliche religiöfe und theologijde Krifis der 
Gegenwart Hinein. Trog mannigfadher Gegenfabe berührt Heitmann fic in 
einem Punkte mit allen früher erwähnten Theologen: er begnügt fich nicht wie 
unfere alten Dogmatiter damit, die veligiöfe Wahrheit in einem fchonen Gedanfen- 
jyftem zu fonfervieren; er fcheut jede Erjtarrung: Wahrheit ift Leben, gegenmwärtiges 
Leben; nicht die veligiöfen Vorjtelungen und Begriffe auf eine Perlenfhnur zu 
reihen, fondern den Gejeten des religiöfen Lebens nachjzufpüren und den Lebens» 
vborgang darzuftellen, darin fieht er feine Aufgabe. ede myftijde Ber- 
ihrvommenpheit ift ihm fremd. Heitmann ift Willensmenfch, es ift eine durch- 
aus männliche Frömmigkeit, die in ihm lebt. Das eine große Grundgefeg unferer 
Religion ift das: „Stirb und Werde”, das ftete Hindurchgehen durh Schuld, 
Vergebung und Erlöfung Alle Gejchichtstatfachen haben mur foweit Bedeutung, 
als fie dDiefem Lebensprozek dienen. Berfchieden find die Vermwirklichungsitufen 
diefes Grundgefebes, wie ein Sturzbah jih im Sonnenjchein in verfchiedenen 
Farben fpiegelt: aber e3 ift die eine Kraft. C8 gibt daher auch fein anderes Be- 
fenntnis als das des Lebens und der Tat. — 

ast allen Werfen, die wir befprachen, fanden wir diefes entfchiedene Zurüd- 
gehen auf die religiöfe Wirklichkeit, eine Scheu vor allem Erdachten und Gemadten, 
eine Ehrfurcht vor dem Leben. So allein werden wir der Religion einen Plas 
im Gegenwartsleben verjchaffen, daß wir ganz Mar und wahr von dem zeugen, ivas 
wir wirklich erfahren Haben. Alle diefe Bücher follen nicht unfer Wiffen be- 
veichern, fondern ung Lebensanftöße geben. Wir konnten hier nur andeuten, 


ii * Wir haben im Novemberheft 1920 eine Probe davon erhalten in dem Aufſatz: „Die 
Mutter”. 


122 


nun [age eS am Lejer, jich eines von ihnen zu nehmen und jich nicht nur für Stunden 
oder Tage, jondern für jahre mit ihm herumzufchlagen. Denn das ift das Schidfal 
und Erbe, da8 wir von Luther iberfommen haben: dak wir felbft gufehen, wie wir 


einen gnädigen Gott friegen. Hugo Stebhn. 
* 


Friedr. Schleiermacher: Ueber die Religion, Reden an die Gebildeten unter ihren 
Verächtern. Hecausgegeben von Rudolf Otto. Göttingen, Vandenhoeck u. Ruprecht; 
196 Seiten. — Wilhelm Herrmann: Der Verkehr des Chriſten mit Gott. Stuttgart, Cotta; 
288 Seiten. — Johannes Müller: Von den Quellen des Lebens. Die Bergpredigt. Die 
Reden Jeſu (2, Bände). München, Beck; je etwa 350 Seiten. — Reinhard Liebe: Die 
Neugeburt des Chriſtentums. Mauckiſch, Freiberg i. Sa.; 190 Seiten. — Ludwig Heit— 
mann: Großſtadt und Religion (3 Bände). Hamburg, Boyien; insgeſamt etwa 960 Seiten. 





Rieine Beitrage 


Das religisſe Iutereffe und der Glaube, 
1 


S): tlebemdige Gott, das ift die Offenbarung, die wir in dem Menjchen Yefus ven 
Nazareth anfdauen. Sein Evangelium ift nichts anderes als diefe Botihaft: Gott 
lebt mitten unter und. Er ift unfer Urfprung und unfer Biel, unfere Natur und unfer 
Schidjal. Ym Chrijtus fchauen wir die Deenfchheit in ihrem wahren Sein, in ihrem Velen 
an. Was Menschheit ift, wird durch ihn Har. Sein Schidjal tft die große nd ewige. Dar- 
jtelung des Schidjals Menfdh, das immer Gott heißt. So wird im Vaterunfer mit der 
zweiten Bitte unfere eigenjte Angelegenheit vorgetragen: Dein Reid) fomme. Das bitten 
wir, auf daß wir zu uns fommen modten. 

Damit ift allen „Religionen“ ein Ende gemacht. Paulus verkündet den Athenern 
zu ihren Göttern nicht einen neuen, anderen Gott, er fpricht ihnen von dem „unbelannten“ 
Gott, den alle ihre Altäre und Spiele, ihre Lehren und Philofophien meinen, „in dem 
wir leben, weben und find“. Gott wird nicht hier oder da angebetet, und feiner fann dem 
andern fagen: Tue dies oder das. Gott haben heißt: Menſch fein. „Wer an nich glaubt, 
von der Liebe werden Ströme des lebendigen Waflers fließen.” 


2 


Das große Mikverftändnis des Glaubens tft die Vorftellung, die fich bei Chrijten 
und Nidtdrijten, bet ,Religiofen” und fl für nicht Intereſſierten“ eingefreſſen hat, es 





handele ſich bei der Religion um eine Welt für ſich — an der man Anteil nehmen kann 
oder nicht; um eine Welt, über die man ſich belehren läßt, Gedanken macht, Vorſtellungen 
bildet, eine Welt neben oder über der Welt, in der wir alle leben. Es gibt kaum nod) 
eine Möglichkeit für den glaubenden Menjden, jich auszufpredhen, ohne daß dies Mip- 
verftandnis fich feiner Worte bemädhtigt. 

Es ijt die große Not der fogenannten Gebildeten unferer Zeit, daß jie die Verbindung 
mit dem Anhalt ihres Lebens immer im Wiffen, mit dem Verftand fucen. Sie find darum 
b ut iwie unfähig geworden, eine Wahrheit, ein Wort nicht als die Mitteilung der Sache, 
ondern al3 den Weg zur Sache, als Offenbarung eines Seins aufzufaljen, dem man da= 
dureh nicht nahe kommt, daß man Kenntnis von feiner Erfcheinung nimmt. Diefe Menſchen 
find für alles interefftert, aber Sfnterefje ijt gerade diejenige Haltung, mit der man am 
allerwenigften an das heran fommt, worum e8 dem Glauben gebt. 

Man fest fid mit allem auseinander, im eigentlichiten Sinne des Wortes: aug—ein- 
ander. Man bildet fi ein Urteil, man nimmt Stellung, man fucht zw verjtehen, fragt 
nach dem Woher und Wohin und Wozu, fucht alles einzuordnen in die eigene Welt, in 
die Welt, die einem big dahin gilt. So entiteht die Frage: wie paßt der Glaube in unfer 
modernes Weldbild? Und dabei wird ganz überjehen, daß eben dies ganze Weltbild durch 
den Glauben in Frage geftellt wird. 


3 


Eine religiöje Erfenntnis, die man jo haben fonnte, dak man felbjt der bleibt und ba 
bleibt, wo man bis dahin ift, gibt es nicht. Gn der Religion bandelt e8 fic) gerade nicht 
um Bermehrung meines Wiffens, um CEriweiterung meiner Vorjtelungswelt. Die Welt 
Gottes ift nicht eine Welt, die man fennen lernen fann. Sie ift gar feine andere Welt 
als diefe Welt, die wir die „wirkliche“ zu nennen pflegen. Das „anderjein” der Welt 
Gottes gegenüber der „wirklichen“ Welt liegt in dem Standort, von deut aus fie an- 


123 


gefchaut wird, in dem „Andersfein” des Betrachtens felbft, in dem, was bor allem Inhalt 
der Erkenntnis vorhergeht, in dem Urfprung, im Alt des Erfennens felbft, in der Form, 
die fich den Synhalt bildet. 

Gott ijt fein Gegenftand des ntereffes. Wer ihn in irgend einem Sinne zum 
Gegenftand madt, der hat ihn verloren oder hat ihn nie gehabt. Damit ijt er allem 
Streit der Distuffion entriidt. Ueber Gott fann man nicht Diskutieren. An 
Gott fann man nicht zweifeln. Wer zweifelt, der zweifelt an Vorjtellungen, Lehren, 
Worten. Um Gott fann man nur ringen mit dem Einjat des ganzen Lebeng. 

Gott ift Anfang, niemals Ergebnis des Nachdentens. Die Frageftellung: ob denn auch 
der Glaube mit den Ergebniffen der wiffenfdaftliden Forihung verträglich fei, dag Bee 
dürfnis, den Glauben mit „exakter empiriiher Methode zu kontrollieren”, da man dod 
alg Menfd unferer Beit ficher und zuverläffig willen wolle, qehen am Glauben und an 
Gott vorbei. Unternehmungen diefer Art, wie eiwa die Anthropofophie, find der Iektec, 
verzweifelte Verfuch einer intellektualiftiichen Zeit, fi des Glaubens zu bemächtigen, der 
durchaus jenfeitz diefer Zeit lebt. Alle dieje Verfude tun fo, als fonne Gott irgendwo in 
der Fülle der Gegenftände unjeres Wufmerfens auftauden. Womit dabei aufgemerft 
wird, ob mit den üblichen oder mit dazu bejonders entiwidelten Organen, ift völlig gleich- 
gültig. Gott ift nicht draußen, fondern drinnen, auch nicht in dem Snnern, das man zu 
einem Draußen mat — entiweder fiehft du alle Dinge in ihm und erfährst von ihm bei 
Gelegenheit jeder Erkenntnis und jeder Tat, jedes Atemzugs — entiveder ift dein Leben 
ein Erkennen Gottes, oder aber du wirft ihn vergeblich fuhen und immer nur Bögen in 
der Hand halten. 2 


€3 ijt fennzeichnend für unjere Zeit, die unglaubig ijt und die darum fein urfpriing- 
liches, in fich felbjt rubendes Leben, feine Urtatfaden mehr fennt, die dDarum obne Halt 
in fic) felbjt taftet, fdrantt, fudt und Hungert, daß in ihr nichts foldhen Anklang findet 
als die mannigfachen intelleftualijtiihen Umpdentungen der Religion. Geheimlehren 
über das enfeit3, Verkehr mit Geiftern der anderen Welt, die Erkenntnis „höherer 
Welten“ erjegen den fehlenden Glauben. An die Stelle des lebendigen und immer gegen= 
wartigen, weil ewigen Geiftes tritt eine Geifterwelt und man ftimmt lieber den iwunder- 
lidjten Behauptungen zu, ald daß man fich entichlöffe, zu glauben, bas Heißt: zu fein. 
„Ber die Wahrheit tut, fommt an das Licht”: Man erkennt genau fo viel von der Wahr- 
heit al3 man fie felber if. Ye tiefer man in die lebendige Wahrheit eindringt, umfo 
größer wird der Abftand von dem Streit um PBorftellungen, umfo mehr rüdt einein das 
alles an die Peripherie, wo e3 hingehört. Die Probleme des Willens, der Neugier werden 
dann ganz von jelbft zu den vorläufigiten und duferlidjten. Wer du bift, nidhı was du 
weißt, darauf fommt e8 an — oder vielmehr: was du weißt, wird feine Tiefe, feinen Wert, 
feinen Gehalt an Wahrheit — und das ift nichts anderes als feine fchopferifde Geftaltu.-q3- 
fraft — eben aus deinem Sein gewinnen. KarlBernhardfittir. 


Parzivals Charfreitag. 


A® Parzival den Gral verloren hatte, irrte er im Hader mit Gott durch bie Welt, bis 
er am Charfreitag zu dem Einfiedler Trevizent fam. Mit dem Hatte er eine er- 
löfende Bwiefprade. Diejes Gefprad ift von folher Bedeutung für da& deutjche Gottes- 
gefühl im Anfang des dreigehnten Jahrhunderts, daß wir e8 hier möglichft begriffsgetreu 
überjegen, als eine Dftergabe für unfere Lefer: * 

„Parzival ſprach: Freude iſt mir nur noch ein Traum, denn ich trage eine ſchwere 
Bürde: ich trage Reue. Herr, ich will es Euch gan z ſagen: Wo man Gottes Ehre ver— 
kündet, in Kirchen und Münſtern, ließ ich mich ſeit jenen Zeiten niemals mehr blicken, 
ſondern ich ſuchte nur Kampf und Streit. Und ich trage einen großen Haß gegen Gott 
— iſt er doch der Pate meiner Sorgen. So hoch hat er die Sorgen auf mich gehäuft, daß 
all meine Freude lebendig begraben iſt. Wenn Gott mit ſeiner Kraft mir hülfe, was für 
ein Anker könnte dann meine Freude ſein, die durch den dunkeln Grund der Reue ſinkt! 
Wenn mein mannliches Herze wund iſt und nicht davor bewahrt wird, daß die Reue ihren 
ſtachligen Kranz auf meine Ehre ſetzt, die ich mir im Schildesamt gegen wehrhafte Gegner 
erſtritten habe, ſo rechne ich es dem zur Schande, der die Macht hat, allen zu helfen. Iſt 
pille hilfsbereit, warum Hilft er mir nicht, von deffen „Hilfe“ man foviel Wejens 
nacht 


Der Einfiedler feufzte und fah ihn an. Dann fprad er: Herr, wenn hr bei Sinnen 
jetd, fo müßt hr Gott trauen — er hilft Euch, wenn er helfen muß. Ab, müßte Gott 
uns beiden helfen! Herr, jagt mir — aber fitet bitte zuvor nieder — fagt mir mit lauterem 
Belinnen, wie Euer Zürnen fi” anhob, daraus Euer Gotteshak entftanden ijt. Aber 
bevor Ahr Klage wider Gott erhebt, geduldet Euch freundlich und vernehmt von mir feine 
Unſchuld. Gemwißlich, er ift ein unverzagter Helfer. Obwohl ich fein Priefter bin, konnte 
ich doch die heiligen Schriften Iefen und jhhreiben und daraus vernehmen, wie der Menfcy 


124 


im Dienfte verharren foll des großen Helfers, der inuner unverdroffen half, wenn Seelen 
a verfinfen drobten. Stehet getreulich ohne Wanken zu ihm, da Gott felbft eitel 

treue ijt — niemals pet er trüglich gehandelt. Wir follten ihm danfbar dafiir fein, 
daß er um unmjertwillen jo Pe getan hat, daß jein edle hohe Art um unjertwillen 
zu einem Menjchgebilde ward. Gott heißt und ijt die Wahrheit, falfde Wege geht er nicht 
— das vergeffet nie! An feinem Wefen kann er wanfelmütig handeln. Darun prägt Eud 
seit ein, daß auch Yhr gegen ihn ohne Wankelmut handelt. Mit Zorn könnt Fhr ihm 
nicht3 abdringen. Drum, wer Euren Haß gegen ibn fieht, muß an Eurem Verftande 
zweifeln. Bedenkt, wie e8 Lılzifern mit feinen Kampfgenofjen erging. Sie waren einft 
Wefen ohne Zorn und Hak — nun fagt, Herr, woher nahmen fie ihren Groll, um deffent 
willen ihr endelojer Kampf ihnen fchließlich den bittern Lohn der Hölle eintrug? Aitiroth 
und Belzimon, Belet und Radamant und andere, von denen ich gelefen habe, e3 war eine 
lichte Himmlifhe Schar, aber ihres Grolles wegen mußten fie zur Holle fahren. Darnad, 
als Luzifer zur Hölle gefahren war, entjtand ein irdifher Menjh: Gott [Huf aus Erden 
unfern lieben Adam, und aus Adams Leib brad er Eva. Die bradte das Ungemadh 
über uns und ftörte unfer fröhliches Leben, da fie ihrem Schöpfer nicht folgete. Bon 
Adam und Eva kamen die Menjhen. Und ihrer einen trieb fein Ungenügen, daß er dur 
gterige Ueberhebung feiner Ahne die Sungfräulichkeit nahnı. Nun mögen mandye, ebe fie 
weiicres davon vernehmen, einiwenden, wie das zugehen fonnte. & e3 ward mit 
Sinden offenbar. 

Parzival fprad) darauf zu ihn: Herr, ich glaube wohl, dak dergleiden etnmial ge- 
ihehen ijt. Aber von wem wurde der jonderbare Mann geboren, der, wie hr fast, 
ſeine fob um ihre Sungfraulidfeit bradte? Es fcheint, Goer wollt mir dod nidt 
alle3 Jagen. 

Der Einfiedler fprad) wiederum zu ihn: Das will ih Euch wohl fagen, und fage ich 
Euch nicht die Wahrheit, jo dürft Yor Euch über meine Unmwahrbeit erzürnen. Die Erde 
war Adams Mutter und von der Erde Frucht nährte jih Adam. Gleichwohl blieb die 
Erde eine Gungfrau. Aber hr wollt ja willen, wer ihr die Syungfräulichkeit nahm. 
Adam war Kain Bater. Kain erfchlug Abel um elenden Gutes willen. °AWlZ nun Blut 
auf die reine Erde fiel, da war ihre SJungfräulichleit dahin. Wdams Sohn trug die 
Schuld. Damals zuerft erhob fi der Menfhen Grinm, und feitdem währet er immer- 
fort. Nichts ift wahrlich fo rein in der Welt wie ein arglojes Mädchen. Denkt: fo rein 
ift ein Mägpdlein, daß Gott felbft ein Mägdlein zur Mutter erwählte. Nur geet Menfchen 
find von jungfraulider Geburt:, Adam und Ehriftus. Gott felbjt hat ein Menjchenange- 
fiht genommen nad dem Bilde des erften Wtenfchen, der von einer Yungfray fam — 
das war das Bild feiner hohen Herkunft. Aus Adams Gefchleht erhoben fih Leid und 
Wonne; denn der, den alle Engel über fich jehen, verleugnet unfere Sippe nicht; aber die 
Sippe ift auch voller Sünde, fo daß wir Sünden tragen müffen. So find wir Gottes und 
der Sünde zugleih. Darüber erbarme fich die Kraft defien, bei dem das Erbarmen meilt; 
denn feine getreue menubar! ftreitet mit Treue gegen Untreue. Ihr ſollt ihm nicht 
zürnen, bei Verluft Eurer Geligfeit. Bühet Eure Sunde! Seid nicht zuchtlos in Rede 
und Werk! Denn wer dadurch fein Leid rächen will, daß er freche Reden führt, der fpricht 
i. wiffet! fein eigenes Urteil. Nehmt uralte Weisheit al3 neue an, fie maa Eud 

reue lehren. Der Prophet Plato verkündete e3 zu feinen Zeiten und ebenfo die un- 
tritglide Prophetin Sibille; fie fagten oftmals vor vielen Kahren, ung würde wahrlich 
für unjere höcjfte Schuld ein Pfand gefendet werden. Da wir der Hölle verfallen find, er- 
griff uns des Hodjten Hand in gottlider Liebe, die Frechen nur liek er von fic. Von 
dem, der und wahrhaftig liebt, erzählen uns jene holden VGerfiindigungen, dak er ein 
durchleuchtendes Licht fet und von feiner Liebe nicht wanke. Wem er Liebe erzeigen 
muf, der wird mit diefer Liebe felig. Seine Liebe und fein Haß find geteilt und werden 
aller Welt dargeboten. Ermwäget, iwelches von beiden beffer fet. Der reuelofe Schuldigne 
flieht bor der gottliden Trene; wer aber die Sündenfhuld büßet, der wirbt um edle 
Site. Die Güte ift bet Gott, der dur die Gedanken fährt. Yn das Denken der 
Menfchen dringt fein Blid der Sonne hinein, das Denken ift ohne Schloß verfhlofjen 
und verwahrt, jo daß keine Sreatur in die Gedanken hineinfehen fann, das Denken ift 
lichtlofe Finjternis. Aber die Gottheit fann lauter fein, fie alänzet durch die finftere 
Wand hindurch und erblidt die verborgenen Gedanken, fie fpringt den heimlichen Sprung, 
der nicht fchallet noch Elingt, wenn er vom Herzen fpringt. Kein Gedanke ift fo fehnell — 
ehe er bom Herzen durch die Bruft herborbricht, gewahrt ihn Gott, und des reinen 
nimmt Gott jih an. Da nun Gott die Gedanken fo wohl erfpäbt, fo wehe dem, der 
haglide Werle gefchehen apt. Wo die Werke Gottes Gruß verwirken, fo daß die 
Gottheit fish fhämen muß, wie fol dem menjhlidhe Erziehung helfen? Wo- 
hin foll die arme Seele fi flüchten? Gedenft Yhr nun, Gott durd Troß ein Letdes gu 
tun, ihm, der gu beidem, gur Liebe umd gum Zorn bereit ijt, fo feid hr der Berlorene. 
Mendet Euer Gemüt fo, daß er Euch mit Güte dantt.“ St. 


125 


Warum ich nicht Anthropofoph werbde, 


einer — kann man zur Zeit ſchwerer — als der anthropoſophiſchen. 
Von allen Seiten rückt ſie uns auf den Leib. Leute, die ich ſchätze, verſichern mir, 
fie fennten die ia tale mak ie zwar nicht näher, aber fie hätten den „Eindrud , alg fei 
was daran, und ich jolle mich doch damit beichaftigen, ob „wirflich etwa dran fei”. (Eine 
ne ng) Aber ich jtelle mir meine Aufgaben felbit.) Andere erklären mid 
ür einen „Barbaren“, bag ich bon der größten Geijtestat des Beitalters feine Kenntnis 
nehme. (qjd) [age die Barbaren höher als die Kulturmenfhen, die von allem etwas 
Kenntnis nehmen.) Die Dritten rufen mein a ae ee an: Steiner werde von 
der Schulgelehrjamfeit, die fich wie ftets gegen das große Neue fträube, verfannt und ber- 
lajtert, man muffe doch twenigjtens anerkennen uf. (Das beruht auf Gegenfeitigfeit: bie 
— — geben den Zunftgelehrten im Wortgefecht bul nah. Sie willen ———— 
zu plea) Bettidriften, Vereine, Vorträge, Volfshodfdulen, Hocdfdulfurje, Biicder, 
Prediger, Altiengejellihaften — das ganze moderne Arfenal einer ,Bewegung” bombardiert 
Stopf und Nerven. Und hier fibe ih mit dem Eigenfinn deffen, der fic) abmitht, da3, was 
ihm felbjt zuteil geworden ift, zu geitalten, und jdiebe das ganze große Spectaculum nicht 
ohne Jronie bei Seite. €8 is mein perfonlides Menfchenredt, die eigenen Gedanken in 
Rube auszudenten, vielleicht jogar meine Menfchenpflicht (Xuf. 19, 12—27). Aber außer 
diejem perjönlichen Recht gibt es rein jadhliche Gründe der Ablehnung, die ich den Anthro- 
pojopben, die mich le wollen, bier zur Erwägung unterbreite. 
itens: Die Anthropofophie ift eine Art Gnofis und unterliegt der Gefahr aller 
Gnofis: die Menfden in eine ,wifjende” und darum höhere und in eine uneingeweibte 
und darum niedere Klaffe zu teilen. Fir uns ift der eigentliche Wert des Menfchen 
durch jeine menjchlihe und nicht zum ere durch jeine fittlihe Tüchtigfeit beftimmt. 
Der mübhjeligjte Hafenarbeiter, der mweltfernite Holzfäller, der drei ‚Kreuze anftelle feines 
Namens zeichnet, gilt ung als ein in feiner Art volllommener Menidh, wenn er treu, redlich, 
tapfer, gültig ijt, wenn er — ohne alle Weltanfhauung und Religionsphilojophie — un- 
mittelbar aus der Kraft feines A recht und jchlicht fein Leben vollbringt. Was Hilft 
e8 dem Menjden, wenn er die Crienntnis der gangen Welt und aller Yenjeitfe gewinnt? 
Das ift das mote an der (nicht gnoftijd erfakten) chriftlichen Religion: fie erfordert feine 
Theologie, feine hiftorijche, feine dogmatifhe Wilfenichaft — das Kind gilt vor Gott nicht 
weniger al3 der Erforider tiefjter Geheimnifje. Und ein gutes Sind gilt vor ihm mehr 
als ein eitler Gelehrter. Nun aber kommen die Antbhropofophen, fie verkünden neue 
Quellen der Erkenntnis und neuartige Erkenntnife. Diefe Erfenntnisquellen und Erfennt- 
niffe haben einem entjcheidenden Wert: wer fie befigt, gehört einer „höheren“ Stufe der 
Entiwidlung an. €8 gibt bei den Wnthropofophen eine ge Rangordnung von Stufen 
der Erkenntnis, die zugleich Wertftufen find, und diefe Stufen werden durch die Gnofis, 
die neuartige Erkenntnis bejtimmt. Dagegen fehrt fic mein Wertempfinden aufs Ent- 
jchiedenfte. Die Gemwißheit meines Herzens fteht IR gegen alle Verjuche, eine gnojtijche 
DHierardie hinguftellen und danad) einen Wertunterfchied —25 — den Menſchen augen. 
ter. €3 bleibe jedem unbehindert, nach feiner Begabung Erfenntniffe neuer Welten zu 
gewinnen; mit feinem menjhlihen Werte hat das nichts gu tun. Wohl ihm, wenn 
er jeine €rfenntniffe im Dienfte der armen Kreatur gebraudt. Weh ihm, wenn er 
daraus einen Sodel hierardhiicher Größe madht. 
Zweitens: Zweifellos gibt es jeeliiche Fähigkeiten und Erfenntniffe (jymbolifder, nicht 
im eigentlihen Sinn wiffenfdaftlider Art), die außer der Reichweite aller „Schulmweisheit” 
liegen. Die Seele ift ein unermeßlicher Brunn und ein aufdämmernder Stern. Wer weiß, 
aus welchen Tiefen thre Srafte ftromen? Und wer rat ihre ie im jchwebenden AU? 
(Eg überjchatten uns jchauerliche Gefichte, und es erblüben in unjferm Bemwußtfein Licht- 
blumen bon unausipredlicher Seligfeit. Es ijt ein grauenvoller Gedanke, daß unjer Ver- 
ſtand ſich idee pe eimnisvoller Gefichte eg und fie in „Erfenntnifje” rubrigiert. 
Ihr, die ihr dergleichen nicht wirklih fennt, agt euch jagen, daß ih Scheu davor habe 
und — feinen Willen zu jolden Dingen. Solde Dinge jind Züchtigung, und find Gnade. 
Die Gnade wird durch fein Wollen hberbeigezwungen, ee tn wird gegeben. Und num 
fommt die —— und rationaliſiert das Geheimnis in eine Stufenlehre und macht 
die Gnade zu einem —5 menſchlichen Willens (nicht nur Begehrens!) und tiftelt 
eine Seelengymnaſtik aus, duch die man zu überſinnlichen Erkenntniſſen gelangen kann. 
Gut, man kann dazu gelangen. Ob in einer Entwidlungsfolge der — bezweifle 
ich, da ich nicht meh an die übliche Entividlungslehre glauben fann. Aber geben wir 
einmal gu: e§ witdhjen der Menjchheit in Wore Eutwidlung neue Erfenntni8organe an. 
Müffen fie nicht von felbjt wadjen und au De: Darf man die Knojpe einer Rofe 
boreilig mit den Fingern auseinander zerren? Darf man mit rationeller Gymnaftif und 
Maflage die Seele zu Leijtungen gwingen, au der fie — noch nicht reif if? Darf man 
das Gebenlernen üben, ehe die Knochen jet arg ieee Vielleicht ijt die Seele einiger 
— reif, ich weiß es nicht. reim Durchſchnitt iſt die Anthropoſophie doch 
nur ein Ausdruck der Ungeduld und Haſtigleit unſrer Zeit, die nicht warten kann. Sie 
betrügt ſich aus Ungeduld durch ein künſtlich gemachtes Scheinerlebnis. All die grübel— 


126 





ftirnigen Wald- und Wiejen-Anthropofophen, die duch den Tamtam der Reflame _,,ge- 
wonnen” find, qualen fid) ettoas am, was doc; gar nicht in ihnen lebendig werden fann. 
Darım — alle Möglichkeit und Wahrheit der Antbropofophie theoretifch zugegeben — es 
Iheint mir eine Unteufdbheit, aus diefen Dingen eine organifierte Üaenbeivenung zu 
maden. Wieviel reiner und größer ijt Yafob Bohme! 

Drittens: Yn der anthropofophijdhen Bewegung ijt etwas, das mir fdhledthin wider 
den Gefdhmad gebt: die berfludt geignte Weltläufigfeit. Das eine Wort: „Der Kommende 
Zag 4. ©.” wirkt auf mid wie Kaviar auf Kohlrübenfheiben. Das mag ih nit. Es iſt 
möglich, daß die Anthropofophen zum Beweis ihrer Lehren eine Aktiengejellichaft gründen 
müjjen. Warum dann aber nach der Manier von Zahnpajta- oder Sdhubfreme-Fabrifanten? 
Man denke ji, der Apoftel Paulus hätte einen Verein „Gottesfindfhaft €. B.”, oder 
Zutber ne eine „SolasFide-A.®.” gegründet. Wo das Geiftige und Wirtichaftliche in 
einer bejtimmten Weife gemifcht wird, entjteht ein Geruch von Scharlatanerei und Quad: 
falberei. m Fall der Anthropofophie vielleiht zu Unredt. Aber jene Gefdhmadlofigteit 
und nicht die eine allein) ift begangen. Hinter folden Gefdmadlofigfeiten wittern mir 

merifanismus. Wir find aber Gegner der Umerifanifierung. Wlfo mögen die Anthro- 
pofophen e3 nicht jogleich für Boshert, Niedertradht und PVerjtodtheit nehmen, wenn man 
ob ihrer Methoden jtubig wird. — 

Mit all dem ijt über Welen und nhalt der Anthropojophie nichts geurteilt. ch 
fenne fie nicht genügend, um urteilen zu dürfen. Sych will auch niemanden, dem e3 dazıı 
drängt, abhalten, fic) mit der Anthroporopbie näber zu bejfajjen. Aber ich will jagen, was 
mid objeftiv daran hindert, e8 meinerjeit3 zu tun. Bernfene werden ji) duch meine 
en nicht hindern laffen, Unberufene gehindert zu haben, würde mir als ein merken 
erjcheinen. 


Arthur Kampf. 


Nn pct wird einem fo hundeelend über die Erbärmlichkeit unjerer Tage, nirgend 
überfällt einen die DVerdichtung des Jammerz diejfer Zeit hoffnungslojer, als in 
einem Kreis der heutzutage in Kunjt Machenden. Wenn jhon nirgends Perjönlichkeit, 
ala Erfag für fie aber Partei und Programm herrihen, unter deren Schuß jedes Talg- 
ferglein nad) Gefallen fladert, warım nicht in der Kunft? Wer nicht von der offiziell 
propagierten Richtung ijt, fann hidjtens mitleidig genannt werden, oder man fanı fi) 
mit der Erwähnung jeines Namens jhwer blamieren. Das heißt, weil der einzige Franz 
Marc feiner inbrünjtigen Naturliebe und feinen Vifionen, die aus thm jelbit, jeiner reinen 
nn und een Liebe, fommenden Farber und Formen gab, jcdhändet der 
anbagel von. defadenten Ueberintellettucllen und hemmungslofen Madern jein Werk, 
indent in Sreisjeqmenten und moglidft vielen Farben getitidt wird. Dan kann nämlich 
in „Marc“ fo gut fitidhen wie in „Bödlin“. Nur daß das legtere mehr zeichneriſches 
Können erfordert und „unmodern” ift. Weil in Nolde die elementare Niederjacfentraft, 
die lang gehemmte, einmal die Schranken des eigenen ch durdhbridt und flammend auf⸗ 
lodert, ſchmutzen die Nachläufer das äußerlich Erlernbare ſeiner Art nach, fördern farben- 
treifdende Scheufäligkeiten zu Tage, vergreifen fich freh an dem Thema Chriftus und 
deden die —— Perverſitäten mit dem Mißbrauch der augenblicklich hoch im Kurs 
ſtehenden Begriffe Eros, Myſtik und Kosmos. IR in 
Das Geheimnis, dak aller Kunft Anfang und Ende Berjönli hf eit ijt, bleibt bem 
Ihnellen Bölthen fern, e8 verwedjelt Ehrfurcht vor der Perjönlichkeit mit der Forderung 
an die Umivelt, dad eigene Lichtlein gebührend zu bejtaunen und durd reidlide Nahrung 
am Verlöfhen zu verhindern, e3 fühlt fich Achilleus, weil es weiß, daß e3 eine perwundbare 
perfe hat. Die ewige Schopferfraft aber fehrt fic) nicht im geringften an Zeitforderungen 
und Stromungen und at jet in den Tagen der Sozialifierung und allgemeinen Gletdh- 
heit Künftler, das heißt Offenbarer und Propheten, weder in Rudeln nod) in Ridtungs- 
flanzungen gedeihen, fondern ift fparjam nrit ihren beiten Gaben und fendet fie aus der 
tille des Landes oder dem Lärm der Stadt nad unerforfhlichen, verborgenen Gejepen. 
E3 gibt feine größeren Spießer und gehäffig verblendeteren Weberheblichleiten als unter 
den zanatifern der „neuen Kunjt’, die thre Haltlofigheit und Unfruchtbarkeit durch Tautes 
Geichrei für die alleinjeligmachende „neue Richtung” verbergen. Dann boden * 
Wackeren in irgend einer Großſtadt in „Künſtlerheimen“ eines Gönners oder einer hoch— 
Meiers Gonnecin gujammen, Manner mit graver Haut und abgelebten, jung und alt 
gleihmäßig jehematifierenden, [chlaffen Zügen, mit eigenartig verdämmerten Augen, fpar- 
lihem Haar und frechen, falten Stimmen; aejthetifche Damen, die Anmut, Herzensbildung, 
Wurde völlig erjegen durch übereinandergeichlagene Beine, die in Seidenftriimpfen aus 
furgen Rödcden ragen, brennende Zigaretten und geftugte Bubilöpfe, deren bornüber 
fallende — dann und wann genial — in den Nacken geworfen werden. 
Das Wort „Kunſt“ iſt vielleicht ganze Epochen hindurch ie fo oft gebraudt al3 an 
einem folden Abend. Man jigt dabei, befrembdet, wird befdhamt, man weih nicht 
warum, po ieee einem heiß der Born in die Schläfen, dann tommt ein troftlofes 
Web, fdlieblich fader, wiirgender, uniiberwindlider Efel: Kiünftlec und Kunftförderer: 
„Der Menjaheit Würde ift in eure Hand gegeben ..... 5 


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Zu Haufe will einen die Trojtlofigkeit übermannen, da nimmt man ein belt in die 
aa halb gleichgültig, angeftedt von der hilflos macenden Entnerbung des Erlebten. 
Ein Name, der im Klang fhon etwas wie Energie trägt, fällt auf. Arthur fKampf.*) 
Man blättert, fieht mit halbem Blid oft gejehene Bilder. Aber ganz langjam, ganz all» 
Pr überflommt einen eine Rube, eine Sicherheit, eine mwachjende Energie: von diejen 
ftraffen, in Bildern jtrömt wieder Kraft. Alles hat Gejtalt, alles ijt zur Geftaltung, 
zur Klarheit geziwungene Schöpfung. E3 tft al3 wenn in die fich verwirrende Welt des 
Stnaben der 08 Schritt des Baters tritt, der bergende Schuß, die willenwedende Macht 
einer Mannlidfeit. Da ijt das Wunder aller Kunft, dem nicht aefthetifd und funft- 
— beizukommen iſt, das elementar wirkt und deſſen einzelne Ströme nur an ihrer 
dirkung zu erkennen ſind: Perſönlichkeit. Ich weiß, wie die Auguren lächeln: 
Siftorifche Bilder! Die Kunft ift zeitlos. Der Gegenftand muß des Zufälligen von Ort 
und Beit entfleidet werden.... Der Codex ware endlos fortzujegen. Was fann er gegen 
perio Wirkung, gegen das Erleben, das ich von den Bildern habe, befagen? E38 laßt 
ih nicht beftreiten, die Hiftorienmalerei war eine böje Verirrung. Aber einmal, es tit 
meine perjönliche Angelegenheit, ob id) mid an einer mir plöglich bildhaft werdenden 
proben Lat dex Gejdidte aufridte oder lieber mit der Zunge fchnalze über einen fabel- 
ajt gut gemalten eingelegten Haring. Zum anderen, ein theaterhaft aufgezogenes iwelt- 
Hiftorijdhes Malheur von Piloty oder Maler Sledjels Abjchilderung: „Wie Bertold 
— —* wenig Stunden, des Pulvers ſchwarze Kunſt erfunden“ iſt etwas anderes als 
Alfred Rethels Karlsfresken oder Arthur Kampfs hiſtoriſche Bilder. Am eindringlichſten 
acigt den Unterjchied cine Mufgablung, die meijten Bilder werden dem Lefer befannt jein 
und bor das geijtige Auge treten, auf alle Fälle tut jeder gut, fic) die unten angegebene 
{done Ausgabe des Dom-Berlages, die recht J iſt, zu kaufen. Sie gehört zum nötigen 
Bild- und Buchſchatz einer deutſchen Familie. Eänſegnung der Freiwilligen 
1818. Eine höhere Macht ſchließt zum Kampf fertige Männer und Jünglinge, mutig 
opfernde Frauen zuſammen; von einer Geſtalt, von einer Männlichkeit, die hoch über 
Sina jiebt, dem jegnenden greifen Geiftlichen, geht der Bann aus, der fie alle niederzivingt: 
ingabe und Rrait der mannliden Perfonlidhfeit, Brofefjor Steffens redet 
zugunften der VolfSerhebung 1813. Die Mannesgejtalt, die überragende, 
bie fic) borlegt, dak ibr Geift und Wort wie Fliigel iiber die didhte Schar der Hörer wächſt, 
daß graue Gelehrte, vergeiſtigte feine Köpfe und jugendlich kraftvolle Körper e ine Ein— 
ii ın feinem Willen, in feinemt Gebot des Selbjtopfers werden: Manneswille im 
ienft Der Yoee. ,Rede Friedrighs des Grofen an feine Generale.” 
Der franfe Konig, der vom Bett aus in feinen wetterharten Kriegergeitalten den Stahl 
der Energie gur Glut des Todeswillens glübt. Das Fidtebild, defjen Nachbildung 
wir bringen, ja, die frühe Arbeit ,Aufbahbrung Kaifer Wilhelms des 
Erjten“, wo von dem toten Helden noch zwingende Kraft ausgeht: ein einziges, immer 
neues Zeugnis willenwedender Männlichkeit zum Dienjt für die pre, fiir da8 Ganje, das 
Boll. Das ift mehr al3 „Hiftorienmalerei”, e3 ift der Ausdrud einer Mannesfeele, die 
rh ward, ihr Volt emporzureißen zu dem Willen, bon dem fie erfüllt ift und zeugen 
muß. i 
Bu dem Begriff Hiftorienmalerei noch einen anderen, der nod — in den Köpfen 
fpuft. Kampfs Schopfungen find Monumentalbilder. er Begriff Monumen- 
talitat fic ein Bild dedt fi) nicht mit großem Format oder Fresfo. Monumentalitat läßt 
fi nicht erreidhen lediglid) durd Darftellung eines bedeutenden Stoffes. Makarts 
raufdende Feftivitaten in — ſind nicht monumental, Rethels Totentanz— 
lzſchnitte, Holbeins Totentanzbilder kleinſten Formates, Menzels Illuſtrationen zu Ge— 
chichte und Werken pres des ope {ind monumental. n Beweis für die 
legteren bringen die Vergroferungen in Voigtlanders Verlag, die erjteren projiziere mar 
mit Scheinwerfer auf eine weiße Wand beliebiger Größe, man wird erdritdt pon ihrer 
Gerwalt. C8 ijt dasjelbe wie bet der Hiftorienmalerei, nicht eine Vorjchrift bejtimmt das 
ee der Kunjt, fondern die Perfönlichteit, die Größe des Schöpfers ijt allem 
ausjdhlaggebend. Auch Hodler fann nicht fiir Generationen das Rezept für Wandgemälde 
abgeben, ‘eine orm ijt nur das ihm, feiner Natur gemage, gewaltig mannlide Ausdruds- 
mittel. Ein weicher, fleiner Menfd wird, wenn er das WMeufere der Hodlerjden Geftaltung 
und feinen Barallelismus noch fo gut begriffen hat und yiaidt nadbilden fann, durch 
Anwendung diejes Sdhliffels nit „monumental” wirken. igh Kampf ift monumental 
durch den Hinretpenden —— Perſönlichkeit, die aus ſeinen Bildern ſpricht. Die 
Bilder wirken wie Fanale auf, Bergen in der Frühlingsnacht. Er iſt monumental, weil 
fon mannlider Wille aus der Herben Gejftaltung jeder N ur und Linte redet und den Be- 
bauer dem Banı jeines Willens unterwirft. Eindrin theres, als den Kopf jeines Fichte- 
bildes gibt es nicht. Das ift nicht nur ein Porträt Fidtes als Dofument, fo und jo jah der 
Mann dann und dann aus, es ijt die Verfinnlichung des Geiftes Fichte, die Verfinnlihung 


*) Arthur Kampf, herausgegeben von der freien Lehrervereinigung für le 
pflege, Berlin. Geleitwort von Alexander Troll. 12 Bilder in vorgiiglider Wiederga 
24 Mark. Dom-Verlag. 

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des line der Menichheit, wie diefer marfige Kopf mit erhobenem Arm, beffen 
Musteln fick) in dec Biegung fpannen, die Seelen und die Geifter zufammenzwingt. €3 ift 
da3 Bild des Führers der deutichen Menjchheit. Die Rraft, das Leben in dielem Ropf 
durchbebt die ganze jhwere Geftalt, die in den rauhen Stiefeln einen Schritt vorwart3 
tritt, die mit der Hand den Mantel vafft und dadurd wie eine unerbittliche, wuchtende 
Slementargewalt alles beugt. Sie jteht einfam und hoch, zwei Bäume heben fic jtren 
und hart in den lichten Himmel: Volfsfrühling. Die Menjhen um Fichte nicht theatralif 

gelagerte Majje, fondern Bolt: geprägte Form: Kopf für Kopf durdgebildet und do 

eine Einheit alle. Wie ballt fic) diejer Cinheitswille gufammen in den Studentenhauptern 
in dex Mitte vor dex Geftalt Frdtes, wie geht eine Linie der Erhebung durd die Frauen, 
von der Sibkenden gu Ftcdhtes Fugen, die ihrer jelbjt ganz vergefien den Worten Taufcht, 
weiter die andere, durd) die Erwachen zudt, bi3 hinauf gu den beiden Stehenden, deren 
Augen leuchten. — Daß nicht der Vorwurf, das Stoffliche ausjchlaggebend für die Monu- 
mentalitat Kampf3 ift, zeigt unjer Bild, auf dem der Dann das Horrifde Pferd zwingt. 
Die gleiche Mannlichfert, derfelbe Wille wie in den Hiftorifhen Bildern redt fih auf. 
Die maffig aufjteigende Wucht des Tieres, der ungehemmten Kreatur, der Menjch, der fie 
bandigt, nicht in aufgeregtem Ringen, fondern in ruhig überlegener Kraft. Prachtvoll 
begleitet die auffdnellende ee Eee Hundes die große Linie. 

Dak Kampfs Art pm resfo drängt, zeigt das Fichtebild. Seine Monumentalität 
fordert die großen Wände. C8 werden Bande gefchrieben über malerifhen Raumjchmud, 
über „nur“ delorative Kunft. E83 gibt nur Kunjt oder Nichtkunft, feine Abjtufungen, die 
fih mit einem Mittelding —— könnten. Kunſt iſt Ausdruck des Seeliſchen, die Form 
des Bildes muß die letzte Läuterung dieſes Ausdrucks ſein. Sie richtet ſich nach dem 
inneren Müſſen der ſchöpferiſchen Perſönlichkeit; wo ſie nur Dekoration ſein will oder 
ſoll, braucht es der Seele nicht. Auch eine Freskenkunſt kann leicht und freudig ſein, weil 
der Künſtler froh und ſpielend ſchafft. Der Unterſchied liegt nicht in der Vorſchrift: nur 
dekorativ oder ſtofflich gehaltvoll, ſondern in der Art des Schaffenden. Wehe aber, wenn 
er Gebärden macht, anſtatt aus innerer Kraft zu ſchöpfen. Unter Kampfs Magdeburger 
Fresken iſt am wuchtigſten der Einzug Ottos des Großen in Magdeburg. Er wirkt auf 
mich wie eine Apotheoſe an des Meiſters Landsmann Alfred Rethel. In zwei Ströme 
teilt ſich das Bild, der eine mit den ermatteten Gefangenen drängt auf den Beſchauer zu, 
der andere quer durch den Bildraum hin. Die eine, ſchwere Geſtalt des Gefeſſelten 
vor dem Kaiſer, der auf wuchtigem Streithengſt hinreitet, gibt den Eindruck endlos 
wallender Scharen unterjochter Feinde. Wer Kampfs Bilder daraufhin betrachtet, wird 
immer die Vereinigung des Flächenhaften, des Stromes, der Linie, die quer über das 
Bild hinzieht, vereinigt finden mit der Erweiterung zum Räumlichen, mit dem willens— 
mäßig energiſchen Vorſtoß aus dem Bilde heraus auf den Beſchauer zu. In dem Fichte— 
bild, ja auch in dem ſtörriſchen Pferd ſind dieſe beiden energiſchen Ströme. Die Bilder 
haben e!?was Werbendes, ſich aus der Objektivität heraus unmittelbar an den Beſchauer 
wendendes, perſönliche Eindringlichkeit. 

Der Meifter ift Rheinländer von Geburt, Nachener, aus der Gegend, wo fid die 
Lebhaftigkeit des Franken mit der ruhigen Kraft des Niederfahjen milht. Gn Rethel 
muds ein ähnlicher Typus aus demfelben Boden. Zu der natürlichen Beanlagung tritt 
die Vergangenheit, die in Aachen aus den Steinen und von den Wänden fpriht. Da muß 
das Hiftoriihe ji bejonders ftark entwideln. Düffeldorfs Akademie mit Gebhardt und 
ssanfen beftärfte Kampf in feiner Art. Reifen, unter anderem nad Spanien, halfen mit, 
aus dem fic bildenden Talent den feiner Kraft und feiner Sendung bewußten Mann 
zu fcbaffen. sebt it Arthur Kampf Direktor der Akademie der bildenden Fünfte in Berlin. 

Wir haben einige Kunftmwerke, die über Zeiten hiniveg leben, die nicht fo fehr rein 
fünftleriih Bahnbrecher, Förderer oder Anjtoßfteine find, als dak fie auf unfer ganzes 
Bolk wirken. Kampfs Schöpfungen gehören dazu. Sein Fichtebild wird dicfe Zeiten des 
— überdauern und einmal erhebend und hinreißend mithelfen, die Seelen und 

rzen zuſammenzuſchweißen zu einem großen, einigen Willen. 
Ludwig Benninghoff. 








Der Beobachter 








Warum hat das gute alte Wort Einſegnung dem für das Volk unverſtändlichen 

und Dee len Wort Konfirmation weidhen müffen?- Warum jagt 
man ftatt Pjarrjdhule heute überall Konfirmationsunterricht und ftatt Pfarrfditlec Kon- 
firmand? Den großen Ejelsorden dem, der für diefen Unfinn eine Rechtfertigung auf- 
treibt! Und ein warmes Plätchen in der Hölle allen Ober-, Mittel» und Unterficchentäten, 
die das theologische Tintenlatein immer weiter „Lonfervieren” und „Eultivieren”! | 


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Sy Hamburger Echo bringt eine Polemik gegen — das Nibelungenlied. Von einem | 
rofeffor Doctor Sordan (ausgerechnet). Stegfried, jagt er, wolle nur „die Hand“ 
Kriemhildes gewinnen, „vom Herzen ijt nicht die Rede, wie — im Nibelungen⸗ 
liede immer nur der ſhone Leib“ gefeiert wird.“ (Dieſer Profeſſor Doctor weiß alſo nicht, 
daß das Wort lip: Leib im Mittelhochdeutſchen nicht bloß Leib, ſondern Leben und Perſon 
überhaupt bedeutet. Schad't nicht, das Echo merkt ſolche Dummheiten nicht.) Kriemhild 
und Brunhild zanken ſich „wie zwei Fiſchweiber“. Das ganze Lied ſei voll (Sperrdruck): 
Falſchheit, Hinterliſt, Gemeinheit, Roheit widerlichſter Art. Kann der Deutſche ſtolz ſein 
auf fein Nibelungenlied? Eignet es fo für die Erziehung der Jugend, die fid gu neuen 
Menfden entwideln joll? Su njden von edler, aufridtiger Gefinnung, voller 
Friedensſehnſucht und Menſchenliebe? Xorbilder hier bu bietet dag ,,Volfsepos der 
Deutfchen“ nicht.“ Harmodius Mufffe von der madthabenden und madtanwendenden 
Mehrheit nidt befriedigt. Diefe aifden Nibelungen — igittigitt! Da fdamt man fid ja 
orntlid) mit feine edle Gefinnung und Menfdentiebe. Wir braucjen einen neuen Jordan, 
der die Nibelungen ins Zeitgemäße umdichtet. Natiirlid) in Alexandriner. Siegfried mit 
didem Baud und Kriembilde mit Plattfüßer. Damit die Progerei mit dem „jchönen 
Leib“ endlich aufhört. Und denn müffen fie fich natürlich ümmerlos edel benehmen. Am 
Schluß kommt jtatt des großen Mordens ein Volferbund unter dem Proteftorat Cpels. 
Siegfried, der nur aus Berjehen 'n büfchen lädiert wurde, ijt gulest wieder hergeftellt und 
wird zum Präfidenten des Volferbundes gewählt, lehrt e3 aber aus Edelmut ab, weil es 
Hauviniftifd gedeutet werden fonnte. Er fclagt menfdentliebend dew Frangojen Roland jtatt 
einer bor. Mebrigens ijt da in der deutiden Literatur nod) fo ein gemeiner, nidjtswirdiger 
idter (Goethe), der den Handelfiidtigen Gog und den Verfuhrer und Betrüger Fauft 
verberrlicht hat. Und gar Schiller, Kleift, und — Hebbel und Wagner mit ihren Nibelun- 
gen. ih damit aus den Schulbibliotheten und Unterrichtsftunden der Republik der 
enfdenliebe! 


PEG ater Hammer (Hoefterey) hat in jeinen Jungen Menfden einen Briefan mid gecid- 
tet, in dem es mit ihm durchgeht. Er hatte als Ueberfdrift nist ,Herr Doftor 
Wilhelm Stapel!“ jchreiben follen, fondern: „Herrrr. . . !!!” Damit die Ueberjchrift dem 
Inhalt entſpräche. Auf all das u babren eingugebn, liegt fein Anlaß vor. 
Wen’z interejfiert, vergleiche felbit. er eine Tatfache möchte ich hervorheben, da fie 
beweijt, daß mein Spott nicht jemanden getroffen pee ber e3 nidjt verdient hatte. Hammer 
ihreibt in Sperrdrud: „Die Aufnahme einer ruhig und fahlic gehaltenen Berichtigung 
aber haben Sie mir ritterlid) verfagt” Weder if nod) fonjt jemand bei uns bat eine 
Berichtigung oder auch nur eine Zufhrift von Hammer oder einem feiner Freunde tn diefer 
Sache — Alſo kann ich gar keine Berichtigung verſagt haben. Walter Hammer hat 
die Behauptung glatt aus den Fingern geſogen. Ohne jeden Beweis aus den Fingern 
pe ogen. Und tut Re als Antvalt der Meikner ormel von der „Wahrhaftigkeit“ auf. Da 
ft nichts weiter zu tun ala die Adyfel zu zuden. — Hammer prophezeit mir: „Warten Sie 
nur, wenn erft die Hohenzollern wiederfehren, dann befommen Sie einen Orden, einen 
bo b en preugifmen Orden.” Wenn fie wiedeckehren, dann wird Hammer fi ben 
neuen Verhaltniffen anpaffen und fid) dorthin fdlangeln, wo die Orden regnen. Etwas 
Retujde ge er ja immer im Kaften. Yo meinerfeits wiirde jeden Orden ablehnen und 
wie bon Anfang meiner Arbeit an die ntereffen vertreten, die immer zu Fuucz fommen, 
teil e8 ungemein viel Hammer in Deutfdhland gibt. — Nacdtraglid haben wir bemertt, 
daß Knud Ahlborn nidt mehr als Herausgeber der ungen Menfchen zeichnet. Er üt aljo 
audy nicht verantwortlich fiir die Verballhornung Crnjt Morip Arndts. Daher bedauern 
wir, ihn in unfern Spott mit einbezogen zu haben. 

Nahirift: Während des Umbruds fommt mir das neufte bert der Fungen Menfden 
zu Gefidt. Hammer drudt meine Veridtigung wegen der angeblich ihm verfagten Be- 
ridtigung ab. Er teilt mit, er habe mir Ende Oftober gefdrieben, daß man aus feinem 
Namentechfel nicht etwa auf jüdiihe Abjtammung jehliegen diirfe. (Was wir aud gar 
nicht wollen; wir befämpfen Pfeudonymitat aus viel allgemeineren Gründen) Aber 
Hammer hat behauptet, ich hätte ihm eine Berichtigung „unritterlid verfagt”. Verſagen 
I abſchlagen. Ehe er das jchreibt, muß er ein Zeugnis für das PVerjagen in Händen 

aben. Daß Hammer nun den Verdadt ausipridt, id) hatte den Brief „überjehen oder 
vergejien“, könnten wir damit beantworten, ob er ihn vielleicht abzufenden vergefien habe. 
Aber wir haben’s fatt. 


Ein Wiener Vid Alfred Polgar bewigelt im Berliner Tageblatt die Deutiden von 1914: 
„Hornvieh it eben Hornvieh. .. Sdladjtvieh hat feine Ahnung von dem, mas fomunt. 
Zu Kriegsbeginn ijt der Beweis en maffe erbradht worden. Da fah man es froh brüllend 
ae die Straßen ziehen und die Stirnen, der Keule verfallen, hod tragen. Damals ftand 
allerdings die ganze Welt der unverniinftigen Gefdopfe unter dem etymologijdhen Irrtum, 
daß das Wort „Schlaht” aus der Wurzel „Vaterland“ abzuleiten jei, indes €3 doc, wie 
neuere Yorfhungen ergaben, von „ſchlachten“ kommt.“ Die Tageblatt-Quden tragen zur 
Zeit brüllend N Haupt ae durch die Straßen. Haben fie in ihrer Hornviehhaftigfeit fein 
Gefühl dafür, daß ihre Hybris die Keule Herausfordert: 

130 : 








Swiefprarhe 


I“ Dr. Solzens Auffah, deffen Entjtehung in der Einleitung erflärt ift, leiten wic 
weitere Auseinanderjegungen über die Fragen des Pazifismus ein. 
. Die Auffagfolge über den Segualienbandel wird erft im nadften belt abgeſchloſſen. 
er wir den ganzen Reit [0% im borliegenden Heft unterbringen wollen, jo wäre zu 
nig Raum fiir andres übrig geblieben. c erjfte Teil der Anfjabe hat etnen luftigen 
Erfo gehabt. Nämlich: 

lfred Kerr iſt gereizt aus ſeinem Bau gekrochen. — Faſſen wir ihn an und drehen 
wir ihn um. Die Säure, die er verſpritzt, ungefährlich. Sie hilft wie Ameiſenſäure 
gegen Kopfſchmerzen. 

Alfred Kecr tut, was ein gereizter Jüd (ſiehe vorn) zunächſt immer tut: wie der 
angegriffene Ohrwurm ſeine untauglichen — martialiſch zum Blüffen erhebt, 
ſo one t er For „berühmtes” Haupt und mimt Erhabenheit. Es ijt fehr pofjierlid. 

Ifred Kerr nennt den Namen unfres Blattes nist. Denn er meint, i 
ware — froh, wenn ſein Titel genannt würde.“ Hineingefallen! „Juſtament“ 
vor kurzer Zeit hat das Berliner Tageblatt das „Deutſche Volkstum“ mit ſäuerlichem Bei— 
fall des langen und breiten zitiert. Wir haben's gemerkt und — gelächelt. 

Alfred Kerr nennt auch das Thema nicht, über das ich geſchrieben habe. Er gibt 
an, ich hätte über den Reigen-Prozeß geſchrieben. Irrtum! a habe das Gejchäft mit 
Zerualien behandelt. Kerr hält e3 für beffer, wenn jeine Lejer nicht erfahren, wovon 
eigentlich die Rede ift. Ein Neugieriger fonnte nacdlefen, was der Kerr wohl fo erboft. . . 

Alfred Kerr verjdweigt aud, w.a 3 ich geihrieben habe. Er Mebt einige burdlodecte 
Sapfegen aus verjhhiedenen Teilen des Heftes a Tene die al8 Zitate wirfen follen. 
Der befannte Wusweg derer, die mit ihrer Yntelligens fparfam umgebhen Be Wenn 
man unter einen Emailletopf ein allzu ftarfes Feuer macht, fpringt die Emaille ab. Und 
ni ift eben nicht3 als emailliertes Blech. Das kommt zu Tage, fobald man ihm bheif 
madt. 

Alfred Kerr ars gleid) im erjten Ubjak nad den Finanzen unfrer Beitichrift: „Wer 
dag Gelde hergibt, jteht dahin.” (Diefes Yutereffe on — Gründe.) Das 
Geld, das die Bezieher des „Deutichen Volkstums“ bezahlen, wi minbeftens fo redlid 
erarbeitet fein wie das Geld, mit dem Rerrs fünjtlihe Schlagfahne wird beßahlt vor 
denen, die fie mögen. Yenfeits von Moffe und Ullftein gibt’3 aud nod eine Welt. 

Alfred Kerr jchreibt: „Stapel, deſſen Talentlofigkeit über jeden Zweifel erhaben tft 
und Lejer zu Tränen rührt.” Gin diefem alle gu Tranen der Wut.) ,,Die fubalterne Be- 
ichaffenheit des Schreiblings bildet feinen Grund zuc Zurüdhaltung.“ Guter Kerr, Fr 
Zalent ift nur das des Auffchnappens und Anfühlen3 mit den Nerven. Ein vielleicht gut 
bezahltes, aber objeftiv —— — Talent. Wo Intelligenz erfordert wird, verſagt 
bekanntlich Ihr Urteil. Aber es handelt ſich gar nicht um mein Talent, ee aps um 
die Wahrheit. Cine talentlofe Wa et ijt mehe wert als ein unehrlides Talent. 
(Nah deutfhem Wertmaß, nicht na brem.) 8 ift mir gleichgültig, was die Welt 
von meinem Talente denkt, mir ift e8 um Wahrheit und Anftändigfeit zu tun. 

Alfred Kerr wagt nicht, jeinen Lefern die Worte vorzufegen, die ich ihm befonders 
gewidmet habe, feine Lefer würden über ihn laden. Sch febe meinen Lejern vor, was er 
uber nich Schreibt. Und fie laden über — ihn. Cine betrüblidhe Welt! 

Alfred Kerr animiert die Leute, die ich befämpfe, zum Kadi zu Taufen. Trop meiner 
„hubalternen Na tei Er gibt ihnen audy den Tip, wie und was man mimen muß, 
wWenn’s gelingen fol. Niht er will’3 tun, die andern follen’s. Hahnemann, geh du 
voran! — Meine Auffäge über den Segualienhandel find nody nicht zu Ende, es kommt 
nod) mehr. Cin wenig Geduld — dann ift’s ein Aufwaſchen. 

Kerr, Sie bleiben beffer bei der Fabrifation fiinjtlider Literariider Schlagjahne. 
Allenfall3 verfafien Sie us reihshauptjtädtiihe Rundblide für die rejpeftvollen Königs: 
berger fern am —— ann kommen Sie nicht in die Lage, ſich über uns „ungemein 
völkiſche“ und boſe Menſchen aufregen zu müſſen. — 

u dem Aufſatz über die deutſchen Bauern in Rußland; Otto Corbach iſt erſt kürzlich 
aus Südrußland zurückgekehrt. Hinter jenen allgemeinen u pen, bon der Tragit 
jener Bauernfolonifation fteht erlebte Anfhauung. Wie wenig Verbindung haben wir _ 
Deutichen untereinander über die Staatögrenzen hinweg, daß Hunderttaujende verfommen, 
ohne daß die deutide Gefamtheit fic |pontan regt! — é 

Die Korrektur des Auffages von Prof. Dr. Ludwig Eurtius-Heidelberg über Adolf 

7 hatten wir nicht rechtzeitig zurüderhalten. Man wolle alfo beridtigen: Seite 95 
eile 19 v. u. fällt das Wort „große“ auß. ©. 96 3. 9 vb. o. lies jeherhafte ſtatt ſchmecz⸗ 
afte. 8. 20 vb. o. lies bon ftatt in. Bor den beiden Schlußzeilen füge den Abjag ein: 
„Der Engel: Skizze zu einer Berfündigung. Handzeihnung. Den Verhindigungsengel 


131 


alg {done binmlijde Exjdeinung, in jugendlide Blüte des Gefichts und Pradt der Ge- 
wandung zu geben, war die Abiicht der Spätgotit und der Renaifjance. Yn dem rein 
malerifchen baroden —— der Bilder Rembrandts ftampjen die Engel beretn 
wie dice — — Der Engel unſeres Malers iſt eine ganz neue Erfindung. 
Das eigentümlich lang gezogene Geſicht mit dem wenig herrſchenden sige und dem geöff- 
neten Mund ijt abficht ip blöde, ganz antiintelleftualijtiich gedacht. einer Geborjam, 
bloger Dienjt, Verfiunder einer aus anderer Welt ftammenden Wahcbheit, ftrenge Liebe. 
Maria bricht in der ausgeführten Kompofition erfgüttert durch den göttlichen Gruß in fich 
zujammen. Das Körperliche gang Seele geworden. Das Antlis reine Empfindung.” — 

Bon Walther Elajjens „Werden des deutien Volfes” ift das jechite Heft in 
unferm Berlag erfhienen (112 ©., geh. 18 Mt). Es enthalt drei Teile. Erjtens: Der 
deutiche Staat 1254 bis 1439. (Meue Mactbildungen in Mitteleuropa. Der bürgerliche 
Kaijer und Landesfürjt. Der erfte Titrfenfrieg. Mißlungene Kirchenrefocm und Sulltter. 
ea Die eriten eee te Brweitens: Das Bürgertum. (Die Hanja. Sta Nee 

einofratie und die jFürften. Die Gotik, die Entdedung der Seele.) Drittens; Der deu 
Staat am Ausgang des hohen Mittelalter3. (Das neue Militariwejen. Miglungene Reich3- 
reform. An den Ditgrenzen des Reiches.) — Diefer neue Teil gehört wohl zu den am 
trefflichften gelungenen des ganzen Werfes. — 

Bu dem Auffag über die frangofifhe Propaganda am Rhein weifen wir auf das 
Märzheft der „Suddeutihen Monatshefte” hin, das unter dem Titel „Hekarbeit?“ über 
die nationaliftifde Erziehung der Frangofen handelt. — : 

Bum erften Male liegen die Mitieilungen der Fichte-Gefelihaft unferm Hefte bei. 
Wir machen die Lefer darauf befonders aufmerkffam. Wer Näheres über die Gejelljchaft 
wiffen will, wende fi an die Gejchäftsitelle, Hamburg 36, Pojtidhlichfad 124. Die Fichte: 
Gefellfdaft bedeutet eine Art Selbjthilfe gegen die zerjtörenden Einflüffe des Gefchäfts- 
geiltes, des Rationalismus ufw. in unjrer deutfhen Kultur. Wer die Gefinnung diefer 
Beitfchrift bejaht, follte Mitglied der Gefellihaft werden. Es trifft fich gut, dak wir 
Arthur Kampfes Fichtelopf gerade diefem Hefte poranjeken können. 

Die Worte am Schluß find mit Degiehung auf meinen Auflag gewählt. Sie ftammen 
aus Stifters „Narrenburg”. Die lebten Zeilen, die einen Kapitelichluß bilden, habe ich 
außer dem Zufammenbhang hinzugefügt, um auf die unfäglide Schönheit des wenig geleje- 
nen Werfes aufmerffam zu machen. Man jchreibe die „Proja” in Verjen untereinander, 
und man hat eine Strophe, die auch ein Mörike nicht übertrifft. St. 


Stimmen ber Meiiter, 


n beiden mwallte und zitterte das Gefühl, wodurch der Schöpfer feine Menfchheit halt 
— das feltfam unergründliche Gefühl, im Anfange fo gaghaft, dak eS fich in jede 
alte der Seele verfriehen will, und dann fo riejenhaft, daß e3 Vater und Mutter wd 
Alles befiegt und verläßt, um dem Gatten anzubangen — es tit ein Gefühl, das Gott 
nur an dem Menfchen, an feinem vernünftigen Freunde, fo jchön gemacht hat, weil er 
feiner zermalmenden Urgewalt ein zartes Gegengewicht angehängt — ein zartes, aber 
unzerreißbares — die Scham. Darum, was das Tier erjt recht tierifch macht, da3 hebt den 
Menfchen zum Engel des Himmels und der Sitte, und die rechten Liebenden find heilig imt 
menfchenvollen Saale und in der Laube, wo bloß die Nachtluft um fie zittert — fa gerade 
da find fie e8 noch mehr, und bei ihnen en fein Blättchen zu frühe oder unreif aus der 
großen Glüdsblume, die der Schöpfer ihnen zugemefjen hatte; e3 fällt nicht, eben weil 
e3 nicht fallen fann. — — 
Und wie fie fo faßen und fehiviegen, und wie um fie auch die ganze glänzende Nacht 
Ihmwien — und Minute nah Minute verging, ohne daß das Herz es wußte: da frähte bell 
und Mar der Hahn, die Trompete des Morgens, der Herold, der da fagt, dak Mtitternadt 
vorüber, und ein nener Taq anbridt. — — 
Die glangende Nactftille blich von nun an ungeftort, und nichts rührte fich, al3 unten 
die emfig ricfelnden Waffer und oben die Spipen der flimmernden Sterne. 
Adalbert Stifter. 


> 





Herausaeber: Dr. Wilhelm Gtapel. (Sar en Gnbhalt verantwortli6). — Gariftletter: Dr. Ind» 
wig Benninghoff. — Aufhriften und Finfendungen find zu ridten an die Shriftleitung des 
Deutihen Volfstams, Hamburg 56, Holftenplas, $. Sur unverlanote Cinfendbungen wird feine BDeront- 
wortung ibernommen. — GVerlagund Drud: Hanfeatifhe Berlagesarftalt Aftiengefritfdaft, Fomturg 
Bezugspreis: Vierteljährlich JS Mark, Einzelheft 7,— Mart, für das Ausland ber doppelte Betrag. — 


Pofihedtonte: Hamburg 13475. 
NMadhdbrud der Beiträge mit genauer Onellenangabe it von ber Gchriftleitung aus srlaubt, unbejhabet 


ber Rete des Verfafjere. 
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Arthur Kampf, Fichte 


Aus dem Deutichen Volfstun 


Mit Genehmigung der Photographifthen Gefellfthaft, Charlottenburg (Copr.) 





5 ftörriihe Pferd 


‚Da 


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Arthur Kamp 


Aus dem Deutſchen Vollstum 


Mit Genehmigung der Photographiſchen Geſellſchaft, Charlottenburg (Copr.) 





7, Fahr 
| Deut 


des Dolkstum 


Deutſches 
Dolkstum 


Monatsfchrift für das deutfche Beiftesleben 
Herausgeber Wilhelm Stapel 





Inhalt: 


Prof. Dr. Ernft Hentſchel, Zur Naturgefdyichte der Bibeleseseses nu 
franz Freyden, Schöpfung und Seftaltung in deutfcher Lyrik. 4. Ludwig 

Uhlands frühlingslieder 
Dr. Marin Grunewald, Wilhelm Lehmbruk esses 
Dr. Wilhelm Stapel, Das Gefhäft mit Serunlien. 3; Die Reigenprejfe. 
Fournaliftifche Untergrundkanäle. Der Kampf um die Macht. Belbfthilfe 


Kleine Beiträge: Otto Corbadj, Wir und der ruffifdje Hunger / 
Seorg Kleibömer, Zu Sdyniblers ,Reigen” / Dr. Wilhelm Stapel, Der 
pverkaßte Kant eseseses 


Der Seobadjter: Die Bedentung des Wortes ,Germanen” / In- 
tenfive ftatt ertenfive Zeitungswirtfchaft! ; L’Etat c’est la clique! / 
Kutfdjenkultur und Automobilkultur / Klang und Eros / Geftelzte 
Wandervögel ; Einftein, der Heros / Oftern im Welt-Spiegel / Die 
deutidje Oberfdjule und das Berliner Tngeblatt / Die deutfdje Ober- 
fehule und der Dorwärts ; ÖkonomieReferendare eseseseses . 


Bilderbeilngen: Wilhelm Cehmbrnck: Mutter und Kind / Kopf 
eines Denkers / Der Beftürzte eseseseseseseseseuseseses 

















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7 





Aus dem Deutihen Volfstum Wilhelm Lebmbrud, Mutter und Kind 


Deutiches Dollstum 


5.SHeft Eine Mionatsfchrift 1922 





Zur Maturgefchichte der Bibel. 


Cc" Buch ijt nicht nur der Ynbegriff beftimmter Gedanfen, fondern jobald es 
gelefen wird, dringt e8 in das Wefen des Lefenden ein und wird ein Beftand- 
‘teil des Lebens in ihin. Das umfo mehr, je häufiger, fleikiger, ernfter 3 gelefen, 
je mehr e3 vorgelefen, befprochen, anerfannt und befonders: je mehr e3 geliebt wird. 
Cin Buch ift nidt damit abgetan, dah beftimmte Gedanken in ihm widerlegt, oder 
fagen wir vorfichtiger, nicht mehr für richtig gehalten tverden, fondern, fofern mod) 
Wejentliches an und in und aus ihm erlebt wird, fo ift allein das für die Schabung 
feines Snhalts maßgebend. Und wenn umgetehrt alle Gedanken in dem Buche wahr 
tären, e8 würde aber nichts dabei gefühlt, jo wäre es nichts wert. Was nicht mehr 
erlebt wird, hat auch feinen Wahrheitsiwert mehr. — 

Gludlidh ein Volk, das ein Buch befikt, in dem e8 ehrfürdhtig den Ynbegriff 
feiner eigenen beften Art und Sitte erfennt. Go rubte da8 Griecheniwefen auf dem 
alten Grunde des Homer. Sein Geift durchftromte e8, folange e8 gefund war, wie 
das Blut die Adern des Körpers. Cin unlösbarer organifcher Zufammenhang be- 
Itand zwifchen Bolf und Buch. Das eine war nicht ohne das andere zu denken. 
Ein einziges Leben lebten beide zufanımen, umfo mehr, da dies „Buch“ nicht aus 
Blättern beftand, fondern mit der bunten Fülle feiner herrlichen Bilder, mit der 
Weisheit feiner Gedanken, mit feiner hohen vhythmifchen Sprache in den Menjchen 
felber var, allezeit bereit, jich unmittelbar in’ den lebendigen Strom der Worte zu 
ergieken. — Wir find nicht fo glidlid. Einen organifhen Zufammenhang mit 
unferer alten Volfsdictung befigen wir nicht mehr. Auch der Fauft ijt uns fein 
Homer, dazu ift er zu jehr Literatur, gu fehr gebildet fiir Gebildete. Wir befigen 
fein jolches Buch. 

Und doch ift ein Buch feit mehr als taufend Yahren feit verwachjen mit unferm 
Volksweſen. Seit vier Kahrhunderten fpricht e8 in bejter deutjcher Sprache zu 
uns. Nod) heute ergquiden fich täglich unzählige deutfche Menjchen an feinen alten 
großen Worten, viele unferer reinften, tiefiten, beiten Herzen. Auch bei denen, die 
nicht unter Büchern zu leben gewohnt find, findet man wohl dies Buch, alt und 
abgegriffen, durch Gefchlechter vererbt, mit Ehrfurcht betrachtet, felbjt wenn es 
wenig gelefen wird. Ein einfamer Heimatlofer hat e3 am Grunde feines Koffers, 
ein leßtes Andenken an eine geliebte Mutter. Viele Taufende weihen die hohen 
Felttage ihres Lebens mit den alten, fo oft ehrfurchtsvoll gehörten Sprüchen, felbit 
wenn fie ihnen fonft wenig bedeuten. E3 find nicht die Beiten von ung, aus deren 
Leben die Ehrfurcht por diefem Buche ganz verloren gegangen ijt. Aber viele unjerer 
Beiten find unter denen, die fich alle Abende in die alte heilige Schrift verjenten, in 
denen dies Buch lebt, twie ihr innerjtes Leben felbft. 

Der wifjenfchaftliche Geift unferer Zeit ift wieder einmal mit der Bibel fertig 
geworden. Er braucht fie nicht mehr; beffere Ware ift eingetroffen: die Wiffenjchaft. 
Wohl verftändlih. Ein Zeitalter, das den Vorzug bejigt, in Wifjenjchaftlichkeit 
Höchftes erreicht zu haben, muß wohl auch die Schwäche haben, in ihr das Höchite 
zu fehen. Zumal einem Buche gegenüber, da8 Gedanken anbietet, erfennt es 
fich felbit als höchften Richter, gegen den es feine Berufung gibt. Chedem — id 
denke an die Sdolaftif — fah fie ihr hohes Amt darin, die Wilfenjchaftlichleit der 


133 


Gedanfen diejes Buches gu betweifen und es damit zu rechtfertigen; heute verwirft 
fie diefe Gedanken, weil fie unmviffenfchaftlich find, und verwirft damit die Bibel. 

Die wifjenfchaftlihe Weltanfhauung hat immer ein lestes Makgebendes an- 
erfannt: den Ariftoteles, die Vernunft, die Kirche, auch die Bibel und faplieflich die 
Natur. Heute mißt fie die Welt an der Natur. Bor allem auch den Menfchen. 
Die Natur deutet ihr den Menfchen. Und was fie an der Bibel ablehnt, warum fie 
die Bibel ablehnt, das ijt in letter Linie deren andersartige Deutung des Menjchen. 
Wir bejigen in der Biologie eine Wiffenfchaft, die behaupten darf, den Menjchen zu 
fennen, jo gut nur je eine Wiffenfchaft ihn gekannt hat. Und dennoch —. Aber 
nein, e3 ijt nicht unjere Abficht, biblifche Wahrheit gegen wiffenjchaftlihe Wahrheit 
zu verteidigen. E38 foll nicht von der Wahrheit die Rede fein, fondern von dem 
Bud. Das aber in einem gut biologischen Sinne, fofern e8 wenigitens erlaubt ijt, 
wie e3 ja die biologifche Bildung fic allgemein erlaubt, von geiftigen Dingen 
biologisch zu reden. Fit das erlaubt? — Yeh meine, ja. Bum tvenigiten in dem 
Sinne, in dem e8 hier gejchehen foll. 

Warum hat eigentlich die Biologia militang — ich meine nicht die reine Wilfen- 
Ihaft, fondern die auf das felbftgelebte Menfchenleben zum eigenen Beften an- 
getvandte — warum hat die eigentlich mit der Bibel immer nur um die Wahrheit 
gefampft? Der reinen Biologie ift e8 ja doch ganz gleichgültig, ob in Büchern, die 
fie nicht gejchrieben hat, über das Leben Wahrheit fteht oder nit. Die angewandte 
aber — fie will doch nur auf Grund ihrer Kenntnis das Menfchenleben fördern. 
Auch das alte heilige Buch will vermöge feines Jnhalts das Menfchenleben fördern. 
Sp wäre denn doc) der Streitpuntt eigentlich der, ob dies Buch das Leben fördert 
oder nicht? — Natürlich, antwortet der Mon .. . ich wollte fagen, der Biologe. 
SGelbftverftandlich! Aber das ift es ja eben, daß da in dem alten Schmöfer dummes 
Zeug Steht, und dak die Wahrheit, die reine wifjenjchaftliche Wahrheit, das Erite 
und Lebte ist, deffen es zur Forderung des Lebens bedarf. 

Die reine Wahrheit. — Freund! Wir find nicht ganz einig über das, was dte 
Wahrheit ift. ch gebe dir gern Recht, als dem guten, Eugen, redlichen Biologen, 
aber nicht als dem Menfchendeuter. Und wie, wenn nun vielleicht dein Gedanfe 
faljh ware? Wenn e8 fchadlide Wahrheit gabe? — Furdthare Kegeret! Wie 
fann ein wiffenjchaftliches Ohr fo etwas anhören! — Geduld! Yo will diefen Ge- 
danken nicht verteidigen. Daß es fhon manchmal ſchädliche Wiſſenſchaft ge— 
geben hat, ift allerdings meine ehrlihde Meinung. ch will überhaupt die Wahrheit 
der Bibel nicht verteidigen, fondern — jagen wir einmal: die Lebensericheinung 
Bibel im Leben meines deutjchen Volkes: 

Shr Biologifer geht mit dem Meffer eurer Logif auf mein Volt Io8 und 
ichneidet ihm die Wurzeln ab. Dann fewt ihr e8 in die fchine Vafe der Wahrheit und 
jagt: Nun wachfe, blithe und gedeihe, nun bift du das fchmusgige Erdreich [08. Ich 
fürchte, Herr Doktor, und ware felbit Knopfche Nährlöfung in eurer Vaje, id 
fürchte, tvir armen Deutfchen halten das nicht lange aus. Uns fehlt der alte Erd- 
geruch, der im Negen nod) fraftiger auffteigt, als im milden Sonnenfcein, ung fehlt 
troß aller eurer herrlichen Nährfalze das Salz der Erde, der Heimaterde. Euer 
Salz ift dumm. 

Luthers Bibel gehört zur deutfchen Heimaterde. Wie der wachfende Wald fid 
immer wieder felbft feinen Boden bereitet, jo hat das deutfche Blut fich immer wieder 
in dies Buch verjtromt, um immer wieder lebendig daraus herborzufprudeln. Wir 
nennen diefe Schrift die Heilige. Wenn etwas im Leben der Menjchen heilig iit, 
fo ift es das Eigenfte, Snnerfte, Tieffte, das Wurzelhafte. Wenn wir die Ehrfurcht 
vor den Wurzeln unferes Wefens verlieren, fo verlieren wir früher oder fpater uns 
jelbft. Und um ihretwillen müffen wir vor dem Erdreich Ehrfurcht haben, aus dem 
toir wachen. Der Boden muß uns heilig fein. Sollte es wahr fein, dak unfer 
Boden fo arm geworden ift, dak wir uns ganz verpflanzen müßten, — dann ja, 


134 


te 


dann müßten wir neuen, bejferen Boden fuchen. Solange aber noch Saftitröme aus 
dem alten Grunde empordringen, dürfen wir ihn nicht verachten. E8 gibt in allen 
Böltergejhichten Zeiten, in denen fih die Bahnen alter Saftitröme verfchließen; 
vielleicht ijt e8 auch heute fo bei ung, bei vielen von und. Mag e3 die Kirche fein 
oder die Wiljenjchaft, was div oder mir die Wege beiter Nahrung verfchließt, die 
doch Hier ohne Ziveifel lange, lange in den deutfchen Leib drang — folange nod) viele 
durjtige Seelen hier trinken, hier allein ihren- Durft löfchen können, folange ift eg ein 
Frevel, dem Deutjchen das Buch aus der Hand zu fchlagen. 

Die Bibel lebt. Und’ damit ijt fie gerechtfertigt. Leben nicht die Gleichniffe 
Jeſu twie vor ziveitaufend Jahren? Lebt nicht in ganz Deutfchland die Weihnachts- 
geichichte? Sind fie nicht lebendig, die Gebote, das Vaterumfer, die geiltesmächtigen 
Plalmen? Wie lebten in unjern Kinderherzen Abraham, Gafob und feine Söhne, 
Mojes und David, wie blühte der Garten des Paradiejes! Und wir haben doch aud). 
Kinder, die andadtig die alten Gefchichten hören. Bon Yeremias, von Hiob haben 
wir viel deutichen Ernjt und Hoheit empfangen. Seit unferes Volkes Gugendzeit 
hat fich fein fittlidjes Wejen an diefem Buche geftarft und geftrafft wie an feinem 
andern. Seit fo vielen Jahrhunderten hat fi unfer Schmerz vertieft und gereinigt 
in dem, was wir die Pafjion nennen. Paffion! Da wachen aus der Bibel Johann 
Sebajtian Vachs Wunderiwverfe empor, da blidt da3 Haupt unter der Dornenfrone 
aus Dürers Werfftatt ung an, da errichten ung Grünewald und Rembrandt die drei 
Kreuze. — Und das follte nun vorbei fein? Habt ihr nicht gehört, wie da3 Blut der 
Bibel in den legten furchtbaren Fahren wieder in den Adern Deutjchlands zu 
pochen begann? BVerarmte Gedanfenmenfden famen wohl um den Gedanken „Gott“ 
ärmer aus dem Sriege heim. Ga, wenn Gott ein Gedanke wäre! E3 gab andere, 
in denen er plöglich gewaltiam aufbrah: „Wie der Hirfch fchreit nach frifchem 
Waffer, fo fchreit meine Seele, Gott, zu Dir!“ 

Da liegt nun deine alte Bibel. Du magft fie nicht mehr lefen. Langweilige 
alte jüdische Gejhichten, Syehova im Streit mit allerlei Gößen, leere Geichlechter- 
tafeln, Geganfe um die Bejchneidung, Pfalmen, die um alle irdifchen Güter beten, 
mifdeutete Wahrjagereien, verivorrene Weltuntergangsphantafien. — Wahr! Die 
Bibel bleibt bei allen ihren Herrlichkeiten ein fteiniges Erdreih. Sie verlangt Ge- 
duld. Sie lefen gu fonnen, verlangt Stenntnis. Aber wenn e8 wahr ift, dak die 
Bibel zum deutfchen Erdreich gehört, als wefentlider Beftandteil dazu gehört — 
dann fragt e3 fich nur, wie ſtark wir unfere deutjche Art lieben, ob wir unfer altes 
Bolt genug lieben, um mit ihm aus den alten Quellen trinken zu fönnen. 

Deutfh! — Ya, ein gutes deutfches Buch. Und doch. Wie anders würde 
urjprünglich deutjche Sittenlehre aus Luthers Munde geflungen haben als 
judijde. Vielleicht auch würde deutjche Religion, von einem Germanen gefchaffer, 
anders fein, als die Religion Jeſu? Bit nicht der Heliand ein deutfcheres Buch, 
als die Evangelien? Wohl — für den Geift, nicht für das Leben. Der Heliand 
lebt nicht mehr in Deutfchland, und das allein beftimmt feinen Wert. Aber es ift 
in allen diefen Bedenfen aud) Wahres enthalten. Nachdem das Raffenbewußtfein 
fo jtarf in ung aufgetvacht, der Raffengedanfe aus biologischer Wiffenfchaft fo in 
uns eingedrungen tft, [pricht man viel von der Germanifierung des Chriftentums. 
Das jcheint ein echt biologischer Gedanke. Da will man nun doch den Eriverb der 
Wiffenfehaft fir das Leben der germanifden Volfer mugen, fozujagen den Boden 
umgraben, von den Steinen reinigen, ihn neu düngen. 

Ohne Zweifel, diefer Gedanke ift nicht Teichthin von der Gand zu ieifen. 
Reines deutfdes Wefen in reinem deutfchen Schrifttum zu veranfern, ift eine herr- 
lihe Sache. Und ift nicht eben das der natürliche Vorgang in der Gegemivart, die 
organifche Entiwidlung, die in uns felbit vorgeht, daß wir uns mehr und mehr aus 
dem einjt alles beherrjchenden Geifte der Bibel herauslofen? Dak wir aus unjerer 
Religion das Fremdvolfifche und das vielleicht viel mehr ftdrende Niedrigitufige aus- 


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fondern und ung mit guter, ftarfer, reinerer Nahrung gefund machen? Sollte nicht 
das iwenigiteng am legten Ende unfer Biel fein? — Yeh wage nicht, diefe Frage mit 
Nein zu beantivorten. Aber ich hege große Zweifel, ob der Gedante mehr ijt, als 
ein unerreichbares “deal. Deutfdhtum, Religion, Chriftentum, Bibel find eine un- 
zerreißbare Slette geworden. Wer das erjte Glied ergreift, fann da8 lebte nicht-Tiegen 
lafjen. — Und doch: Gollten wir nicht wenigjtens foviel wie möglich „verdeutfchen”? 

Ich antworte: Luther, Bach, Diirer, Bismard. — Fo meine, ein Germane 
germanifiert unablajfig das Chriftentum. Ahr wollt aus dem alten Buche aus- 
wählen, ausmerzen, darin umiftellen, vielleicht Neues zufügen. ft das möglich? 
asit da3 heute noch möglih? An diefem Buche hängt die Ehrfurcht von Jahr— 
taufenden. hr fcafft ein neues Buch. Die Ehrfurcht — die fchafft ihr nicht mit. 
Die Bibel ift feine Literatur, fie ift eine Naturerfcheinung Man hat fchon öfter 
da8 Buch in verbefferter Auflage herausgeben tollen, und noch immer fteht e3 da, 
unantajtbar, fertig. Eine Dichtung im Sinne des Heliand, wenn fie heute und für 
heute gefchrieben wiirde, hätte wohl einen bedeutenden Wert für ung, aber fie würde 
die Bibel nicht von ihrem Plabe verdrängen. Sie würde auch nur ein Weg zur 
Bibel fein, wie e3 deren viele und gute gibt, und wie jedes Zeitalter neuer bedarf. 
Die Raffenbegeifterung wird fdneller vorbeigehen als die Bibel. Mag in dem ge- 
drudten Buch viel Ungermanifdes ftehen; in dem gelebten, fofern wir nur wirklich 
Germanenblut in den Adern haben, fteht gut Germanifches. Gewiß, wir müffen 
immer und oft hart darum arbeiten, daß wir lernen, auf deutiche Art in diejem 
Buche zu lefen. Aber hat denn, wer nicht um feine Religion arbeiten und ringen 
will, überhaupt Religion? Und fommen die Widerjtände des Textes wirklich fo fehr 
in Betracht neben den Widerjtänden, die in der Tiefe der großen Gedanten felbjt und 
im nnern des Lefenden liegen? Wer nicht entjchloffen ijt, auch fteinige Wege zu 
gehen, wem die höchiten Dinge nicht harter Mühe wert find, nun — der verjuche e8 
meinetivegen mit religiojen Lichtbildervortragen. Für die Bibel it er wohl nod 
nicht reif. a 

Ich kann mich des Gefühl! nicht erwehren, daß es mehr an uns liegt als an 
der Bibel, wenn uns ihr gegenüber ein Gefühl des Abjterbens ergreift. Sch ver- 
mag darin nicht eine höhere Stufe natürlicher Entwidlung zu feben, fondern nur 
frankthafte Schwächung. Die meiften von uns Stehen zur Bibel weder in herzhafter 
Freundschaft, noch in herzhafter Feindichaft. Das Liegt doch wohl daran, daf e3 
ung überhaupt an Herzhaftigfeit fehlt. Denn eine „Stellungnahme” achtungsvoller 
Sleichgültigfeit gegen ein Buch, das in der deutjchen Entwidlung eine fo große Rolle 
geipielt Hat, ijt für einen, der in feinem Volke wirklich lebt, fchiverlich möglich. 

Bon einem müfjen wir fchlieglich doch noch einmal jprechen: Bon dem Wahr- 
heitögehalt der Bibel. Denn fo ganz unrecht hat die Wiffenfchaft wohl nicht, wenn 
fie Den Wert der Wahrheit fiir das Leben fo hoch erhebt. Nun bin ich der Meinung, 
daß man in Sachen der biblifchen Wahrheit vermöge einer gewandten Dialektik alles 
beweifen und auch alles wegbeiweifen kann, vorausgefegt — daß man Glauben findet. 
E3 fragt fich Schließlich doch immer wieder nur: Können wir an den Snnhalt der Bibel 
glauben oder nicht? Und wenn wir unfer Volt danach fragen — darum handelt 
e8 fic, nicht um Gelehrte oder Priefter! — fo antwortet un8 unbedingtes Ya und 
unbedingtes Nein, zumeist aber nicht Ja und nicht Nein. 

Diefe Antivorten bringen uns nicht weiter. Doch wir twollen ja nicht von dem 
Buche als Snbegriff in Worten fejtgelegter „Lehren“ fprechen, fondern von der Bibel 
als Iebendigem „Wirken“ in unferem Boll. Reine andere als religiofe Wabhr- 
Heit will die Bibel bewirten. C8 fragt fich aljo nur, ob fie das tut, ob fie das noch 
fortdauernd tun fann. Tut fie e8, fo ift fie wahr. Und dann muß man, fofern man 
überhaupt diefe Wahrheit will, um der organischen Bindung willen, in der nun ein- 
mal feit vielen Jahrhunderten die Bibel mit unferm Leben zufammenhängt, auch fie 
wollen. — Nun: Daß dies Buch an religiöfen Wahrheiten unfruchtbar fei, hat wohl 


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noch fein frommer Menjcd — nur der hat ja ein Urteil darüber — empfunden, 
gleichviel, ob er die Wahrheiten in den Worten unmittelbar fertig und feit geprägt 
fand, oder ob fie an diefen Worten fich in ihm entividelten. 

Gin frommes Volk, täglich aus diefer Quelle trinfend, jieht in fi) die Wahr- 
heit wachfen und wachfen. Aus den alten hohen Sprüchen blühen ihm immer aufs 
neue die Wunder höchiter Weisheit hervor. E3 fühlt, daß die Wurzeln feines Wahr- 
heitsbejiges in dem heiligen Buch ruhen. Aus ihm bat es fein Leben lang Wahr: 
heit getvonnen, in ihm fieht es fie liegen, wie in einem fojtbaren Schrein. Darin 
liegt die einzigartige Bedeutung der Bibel für uns, daß fie, die feit mehr als einem 
Kahrtaufend naturhaft mit unjerm Wefen verwachien ift, allein unter allen Büchern 
al3 Snbegriff volterlebter Wahrheit in uns immer wieder — entjtehen funn. 

Ernſt Hentſchel. 


Schöpfung und Geſtaltung in deutſcher Lyrik. 


Ludwig Uhlands Frühlingslieder. 


Iris oft ift der deutfche Frühling befungen worden, und doch find die 
wirklich geftalteten. Frühlingsgedichte in der deutfchen Lyrik leicht zu zählen. 
„srühling und Liebe” werden als vogelfreie Beute von allen Auchdichtern be- 
trachtet, die nach „poetifchen” Stoffen fuchen, weil fie aus Mangel an dichterifcher 
Schöpfungs- und Geftaltungsfraft fich gezwungen fehen, die Poefte billig zu er- 
werben. Man braucht darum jene beiden Worte nur zu vertaufden, fo pakt aud fur 
den Frühling Theodor Storms Vers: 

„Lieder, die bon Liebe reimen, fommen Tag für Tage tvieder; 

Doch wir zwei Verliebte fprechen: Das.find feine Liebeslieder.” 
Dennoch find wir nicht arm an Frühlingspoefie, denn unfere wenigen echten und 
vollendeten Frühlingsgedichte bergen einen beglüdenden Reichtum in fic, den uns 
{hon eine kurze Ueberjchau lebhaft vor die Seele jtellen kann. 

€3 gibt nad) Uhland wohl feinen zweiten Dichter, deffen Lyrif fo von echter 
Srühlingspoefie durchwoben ijt, wie die Theodor Storms. Schon die Verfe, in 
denen er das Wefen feines Iyrifchen Dichtertums beleuchtet: „Doch fehreiten wir 
lieber an Maientagen, Wenn die Primeln blühn und die Droffeln jchlagen, Still 
finnend an des Baches Rand” — atmen füße Frühlingspoefie. Und: wie verlodend 
weiß er am Schluß feines Oftoberliedes die Poefie der „blauen Tage” zu fünden, 
wie innig in „Mai“ den Frühling in Eindlicher Auffaffung zu fchauen und gu ge- 
jtalten. Sein eigenes ganz perfönliches Frühlingserleben aber fommt in den viel 
zu Menig bekannten „April“ überjchriebenen Berfen zum vollendeten Ausdrud. 
Wie lebhaft und unmittelbar rufen die Eingangsverje das Frühlingserlebnis in 
uns toad: „Das ilt die Droffel, die da fchlägt, 

Der Frühling, der mein Herz beivegt . . .“ 
Und tie ganz der feinnerdig fenfitiven Didternatur Storms entfprechend flingt es 
aus in den von pflanzlich zartem Miterleben erfüllten Worten: 

„Das Leben fliekRet wie ein Traum — 

Mir ift wie Slime, Blatt und Baum.” 

Nicht in gleichem Mahe fubjeftiv perfonlid) ijt Mörites fchines ,,¥riihling 
läßt fein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte“, während wir in dem weit 
bedeutenderen „Hier lieg’ ich auf dem Frühlingshügel” das Frühlingserlebnis in der 
ganzen Tiefe und Sonderart diefes genialen Lyriker geftaltet finden. — Wollen mir 
die ganze Spanniveite empfinden, die bei zwei verfchiedenen Dichtern in der Auf: 
faffung und Darjtellung des Frithlingserlebens möglich ift, fo müfjen wir Goethes 
glühend Leidenfchaftliches Frühlingsgediht ,,Ganymed” der friedlich idYllifchen 


137 


Hrublingsfhau Holtys in feinem ,,Mailied” gegeniiberftellen. Beide find in ihrer 
Art gleich vollendet geftaltet und in dem religiöfen Gehalt beriihren fich auch bier 
die Gegenfäge. — Und wieder zivei Polen gleich ftehen fich Klaus Groths flict 
und offen herzliches „Hell int Finfter fchint de Sinn“ und Hölderlins bis zur 
Sprödigfeit geformtes und verinnerlichtes „Wenn auf Gefilden neues Entzüden 
feimt” gegenüber, gleichfalls zwei Iyrijche Edeljteine, aus welchen das Frühlings: 
erleben ihrer Dichter gleich echt, wern auc) in ganz verfchieden gebrochenen Strahlen, 
herausleuchtet. . 

Go fpiegelt fich das Frühlingserlebnis in jedem diefer erlauchten „Genies des 
Gemitts” in ganz eigener Weife, und wer ein Ohr für die Sprache der Lyrik hat, 
der wird durch fie fein eigenes Frühlingserleben vertieft, geklärt und bereichert finden 
und in jeder einzelnen diefer Geftaltungen die unergründlicde und unerfchöpfliche 
Schönheit echter Dichtung jpüren. Reinem aber ijt e8 gelungen, feine Liebe zum 
Srühling fo fchlicht volfstiimlich und Dichterifch vollendet zugleich zu gejtalten wie 
Ludwig Ubland, dem Sänger des deutjchen Frühlings. Ymmer wieder bricht diefe 
innige Frühlingsliebe in feiner Lyrik durch. 

„sch bin jo Hold den fanften Tagen, 

Wann in der eriten Frühlingszeit 

Der Himmel, blaulich aufgefchlagen, 

Bur Erde Glanz und Segen ftreut” — 
das ift feine Liebeserklärung an den Frühling, und felbjt „gm Herbite” grüßt er den 
blauen Himmel und die goldne Sonne „mit Frühlingsivonne” und ahnt „fanfte, jüße 
Frühlingslieder”. Unter feinen eigentlichen Frühlingsgedichten erjcheinen ung als die 
bollendetiten das Diftihon „Märznacht” und die beiden eriten ſeiner „Frühlings— 
lieder”: Frühlingsahnung und Frühlingsglaube, während die übrigen Stüde aus 
diefem Zyklus doch mehr oder weniger von der Vlaffe de3 Gedanfens angefrantfelt 
find, denn felbft in dem vielgelobten und vielgefungenen „Lob des Frühlings” will 
fich un8 die gedrangte Reihe der Worte und Begriffe nicht zum Bild gejtalten und 
zum Gedicht fügen. 

Marzgnadt. 

Horch! wie braufet der Sturm und der fchwellende Strom in der Nacht Hin! 

Schaurig füßes Gefühl! Lieblider Frühling, du nabft! 

Mit jo fnappen Worten, wie in der erften Verszeile diefes Diftichons, ift wohl 
jelten eine fo ftarf finnlide und zugleich ftimmungsgefättigte Wirkung erzeugt 
worden. Das Braujen des Sturm3 und des Stromes wird im Klang der vollen 
dumpfen Vobale der Tonworte „Horch, braufet, Sturm, Strom“, deren malender 
Bollllang durch das jedesmal Hinzutretende „r” zu intenjivfter Wirkung verjtärkt 
wird, ganz unübertrefflich „vertont“. Wir glauben die mächtige Stimme der Natur 
felbjt zu vernehmen und empfinden doch zugleich dag Raufden und Braufew der 
Naturfrafte ins Mufibalifche erhoben. Der Dichter weiß dem Ynjtrument der 
Sprache den hier dem Gegenstand und der feelifhen Stimmung entjprechenden voll- 
tonigen Wobhlflang einer Orgel zu entloden. Und mit dem malenden und 
ftimmungwedenden Klang der einzelnen Laute vereint fich der gleich finnfällig ab- 
bildende Rhythmus. Nicht wirkfamer als in der Form diefes zu freier fortlaufender 
Bewegung ausgiebig Raum lafjenden flaffijhen Verfes kann das jtoß- und wellen- 
formige Vorivartsdrangen von Sturm und Strom rhythmifch verfinnlicht werden. 
Beachten wir daneben, tvie in dem Elanglich dominierenden „Sturm“ jeder einzelne 
Laut zur dollen Auswirfung kommt, und damit der Wortflang zur 
Höchitleiftung gegenftändlich malender Bildfraft erhoben wivd; wie das „jchwellende” 
im Klang feiner Konfonanten die hebende Spanntraft und die fteigend flutende Be- 
wegung des Waffers geradezu plaftifch abbildet; wie Sinn und Gefühlswert der 
Worte „horch“ und „Nacht“ uns gleichfam aus Stille und Dunkel den Hintergrund 
malen, von dem fich das fchaurige Vorfrublingsbraujen wirkjam abhebt; achten wir 


138 


endlich auf die didjterijche Feinheit, wie in dem abflingenden Versfdhluk wir durd 
da3 Worthen ,bin” gum räumlichen Schauen der Nacht und zum Verfolgen der in 
ihr verlaufenden Bewegung von Sturm und Strom geziwungen iverden: jo find wir 
uns einiger der gedanklich faßbaren dichterifchen Kunftmittel bewußt geimorden, die 
bier zufammentirfen, un mit ein paar fchlichten Worten die denkbar ftärkjte finn- 
lich-jeelifche Wirkung zu erzeugen. Wer fich dem ftarfen Cindrud diefes Verfes voll- 
fommen bingibt, dem werden die meilterhaft fnapp deutenden und zujammenfaffen- 
den Worte „jchaurig füßes Gefühl” zum Ausdrud eigener Empfindung werden, und 
er wird in ihnen inhaltlich und Elanglich Abbild und Bindeglied fehen, in welchen fich 
die beiden Hälften des Dijtihong und, dementjprechend, die beiden Seiten des aug- 
gedrüdten Gefühls verkörpern und verbinden. So eindringlich die Schauer der 
Märznaht im Klang und Rhythmus des- eriten Verjes zu uns fprechen, fo ein- 
Ihmeichelnd malen die janft und fü Eingenden Laute des ziweiten die befeligende 
Ahnung des nahenden Frühlings, in die das erregte Gefühl beruhigt ab- und 
ausflingt. 

Schon ganz von diejer weichen Stimmung durcdhflungen ijt 

| Srühlingsahnung. 
D fanfter, füßer Haud, 
Schon mwedeit du wieder 
Mir Frühlimgslieder. 
Bald blühen die Veilden aud). 

Auch hier ift die Geftaltung in Klang, Rhythmus und Aufbau fo vollendet, daß 
man den Ablauf des ausgedrüdten Gefühls denkbar getreu in Worten abgebildet 
findet. Gleichjam wie ein tiefes, voll auskojtendes Einatmen des erften fanft 
fächelnden, füß duftenden Frühlingshauches empfinden wir die flanglidj-rhythmifde 
Wirkung der erjten Berszeile, die in dem weichen VBollllang der Volale, dem jäufeln- - 
den Stabreim des doppelten „8“, dem tonlos aushauchenden „ch“ ihren Gegenftand 
jelbit verfinnlicht. Und wie von dem belebenden Hauch in derSeele ausgeloft, fteigt nun 
das getvedte Gefühl im lebhafteren Rhythmus der Mittelzeilen herauf, um im 
Schlußvers in innig feligem Schauen und Borgenuß erfüllter Ahnung traumhaft 
fanft und leicht zu verebben und zu verjchweben. 

MWie diefe kurzen Berfe erft durch die legte Formung gum gefchloffenen Kunft- 
wert geworden find, mag ein Vergleich mit der ung aufbetvahrten erften Faffung des 
Bersleins zeigen. Yn diefer hatte Uhland gejchrieben: 

D füßes, lindes Webhn! 

Kein Veilchen ift noch zu ſehn, 
Mir blühen fchon wieder 

Die Frühlingslieder. 

Derfelbe Gedanfengehalt und ganz ähnliche Worte wie dort vermögen hier doch 
nicht eine auch nur annähernd fo ftarfe Gefühlswirfung hervorzurufen. Das er- 
icheint vor allem darin begründet, daß der Gefühlsablauf, deffen Linie wir oben 
machzuzeichnen fuchten, nach diefer erjten Faffung nicht in ungeftortem Fluß erfolgen 
fann. Die hier an zweiter Stelle -jtehende Zeile „Kein Beilchen ift noch zu jehn“ 
ergänzt nicht die in der erften gelwedte Stimmung, fondern liegt in ihrer negativen 
Form tot und gefühlshemmend im Wege. Dadurch ift die Verbindung zwijchen den 
an fich gefühlsbetonten übrigen Zeilen und damit Einheitlichfeit, Gejchloffenheit und 
tragende Kraft des Gefühlsftromes zerftört worden. Sn der endgültigen Form ift 
num nicht nur durch die veränderte Zeilenfolge die Hemmung Hinweggeraumt, die 
thythmifche Bewegung belebt, und zugleich mit der Wendung der nun letten Seile 
in die bejahende Form jener wundervoll abjchließende Ausklang gefchaffen worden: 
auch in der fonftigen Umgeftaltung ift alles getan, um einen freien, leichten und be- 
wegten Fluß des Sprachklanges und des durch ihn fprechenden Gefühls zu fürdern. 
Man achte nur auf die dem Ohre wohltuend eingehenden Klangverbindungen durd) 
den Stabreim in fanfter und füher, iwedeit und iwieder, bald und blühen, auf den 


139 


lebhafteren Stlangmedfel in den Reimen, von denen jest die voller flingenden 
männlichen Daud) und auch die hellen weiblichen wieder und Lieder umfdjliefen. 
Auch inhaltlid) hat das Kleine Ganze dadurch Gefchloffenheit, Abrundung und 
organifche Form gewonnen, daß nun die beiden lieder des Naturbildes die in-de3 
Dichterd Bruft gewedte Gefiihlsbewegung umrahmen. Weil alle diefe Dinge nicht 
belangloje Aeußerlichkeiten, jondern Aeuperungen und Gejtaltungen des von innen 
Her quellendenr Gefühls find, weil in ihnen des Dichters Seele fchrvingt und erklingt, 
fördern fie auch das Mitfchiwingen unferer Seele, und wir empfinden fie alg not- 
wendig und fchön. 

Am Abend des 20. März 1812 Hatte der Dichter in fein Tagebuch gefchrieben: 
„Regen, laue Luft, Frühlingsahnungen“, und am darauffolgenden Tage entitanden 
Frühlingsahnung und 


Frühlingsglaube. 

Die linden Lüfte ſind erwacht, Die Welt wird ſchöner mit jedem Tag. 
Sie ſäuſeln und weben Tag und Nacht, Man weiß nicht, was noch werden mag, 
Sie ſchaffen an allen Enden. Das Blühen will nicht enden. 

O friſcher Duft, o neuer Klang! Es blüht das fernſte tiefſte Tal: 
Nun, armes Herz, ſei nicht bang! Nun, armes Herz, vergiß der Qual! 
Nun muß ſich alles, alles wenden. Nun muß ſich alles, alles wenden. 


Wie uns durch Uhlands Tagebuch beſtätigt wird, daß beide Gedichte aus dem— 
ſelben Erlebnis geſchöpft und unmittelbar nacheinander entſtanden ſind, ſo iſt auch 
ihre innere Zuſammengehörigkeit keinen Augenblick zu verkennen, und wir ſprechen 
„Frühlingsglaube“ unwillkürlich als eins der Frühlingslieder an, die jener ſanfte, 
ſüße Hauch geweckt hat. Aber auch von der „Märznacht“ finden wir leicht die 
innere Beziehung zu dieſen beiden Frühlingsliedern, und wir haben in unſern drei 
Gedichten nicht nur eine vollendetere, ſondern auch eine in ihrem Zuſammenhang ein— 
heitlichere und innigere Geſtaltung des Frühlingsergebniſſes, als in dem Zyklus der 
acht Frühlingslieder. Die Schauer der Märznacht erregen das aus Kampf, Sehn— 
ſucht und Ahnung gemiſchte Gefühl der Vorfrühlingsſtimmung, das nach kurzem 
plötzlichem Durchbruch in ſchweigendes Erwarten verfällt. Der erſte weiche Lenz— 
hauch berührt dann gleich einer Wünſchelrute die Dichterſeele, die darüber in ein 
ſinnendes, liederſeliges Ahnen und Träumen verſinkt. Erſt die dauernde Gegen— 
wart der webenden und ſchaffenden linden Lüfte weckt ein Lied voll zukunftsfrohen, 
leidüberwindenden Glaubens, in dem ſich die Frühlingsſtimmung voll auswirkt und 
ausjubelt. 

Im Gleichtakt mit dem wellenförmigen Pulsſchlag des Rhythmus der erſten 
Verszeile erhebt ſich, wie auf den Flügeln der linden Lüfte getragen, das ſieghafte 
Gefühl, von Zeile zu Zeile ſich höher aufſchwingend, bis es, in dem Ausruf des 
doppelten „o“ gipfelnd, in unmittelbare ſchlicht bildloſe Anrede und Ausſprache des 
„armen Herzens“ umſchlagen und ausbrechen muß. Aber noch hat es ſich nicht er— 
ſchöpft und völlig ausgewirkt. Noch einmal erhebt es ſich, von höherer Stufe in er— 
neutem Aufſchwung noch höher emporgetragen, um in dem mit weltumarmender 
Gebärde weit ausladenden „es blüht das fernſte tiefſte Tal“ den reſtlos erſchöpfen— 
den Ausdruck und in der bekräftigenden Wiederholung der zugleich tröſtenden und 
jubelnden unmittelbaren Ausſprache ſich genugtuende Beruhigung zu finden. 

Suchen wir die unmittelbar mitreißende Wirkung des Gefühlsſtromes in dieſem 
Gedicht zu erforſchen, ſo finden wir ſie vor allem in der innigen Verſchmelzung der 
ſinnlichen Darſtellungsmittel (Bild, Klang, Rhythmus) mit dem durch ſie ver— 
mittelten Gefühl, ſowie in dem ungewollt ſchlichten ſprachlichen Ausdruck begründet. 
Wenn wir das Stormſche Wort: „Am vollendetſten erſcheint mir das Gedicht, deſſen 
Wirkung zunächſt eine ſinnliche iſt, aus der ſich dann die geiſtige von ſelbſt ergibt, 
wie aus der Blüte die Frucht“, hier als Maßſtab anlegen, ſo gehört unſer Gedicht 
ſicher zu den „vollendeten“. Nur ſind ſinnliche und geiſtige Wirkung hier ſo eins 
und untrennbar gleichzeitig, daß man von einem „zunächſt“ und „dann“ kaum 


140 


jpredhen mag. Klang und Rhythmus und Naturbild find jo fehr nur Trager der 
Empfindung, dak (und das gilt auch von der fchlidjten Sprache) ihr Eigentvert ganz. 
zurüd- und das Gefühl gleichfam nadt Hervortrit. Damit hängt auch die Lied- 
mäßige Wirkung unjeres Gedichtes eng zufammen: dem fich Hingebenden Gefühl kann 
e3 erfdeinen, al3 ob die Empfindung ohne Vermittlung der Worte unmittelbar in 
Tönen ausftrömt. 

€8 ijt reigvoll, auch im einzelnen zu verfolgen, wie das Gefühl durch die finnliche 
Geftaltung Hindurch immer wieder in den Vordergrund tritt. Unfer Auge, der 
eigentlich plajtiihe Sinn, wird zunächft überhaupt nicht angefprochen. Wir fühlen 
den linden Hauch der Früblingslüfte, Hören ihr Säufeln und können ihr ge- 
Heimnisvolles Weben und Schaffen überhaupt nicht finnlich, fondern nur phantafie- 
und gefühlsmäßig fpiiren. Und wie der Hauch und das Säufeln der Lüfte, fo wirken 
auch ihr Duft und Klang auf die gefühlsnahen Sinne und werden durch die be- 
jtimmenden Beitworte noch mehr in die geijtige Sphäre erhoben. SKniipft fic) fo in 
der eriten Strophe die Gefühlswirfung an die unfichtbaren, aber gegenwärtigen, bon 
allen andern Sinnen wahrnehmbaren Frühlingslüfte, jo wird auch in der weiten 
Strophe nur fcheinbar der Gefichtsjinn, tatfächlich das vorausfchauende geiftige Auge 
der Phantafie angefproden. E38 wird fein Augenbild gezeichnet, fondern nur mit 
ganz wenigen Worten das Schauen der fiinftigen Frühlingsherrlichkeit angedeutet; 
dejto mehr Spielraum aber bleibt der gefühlsbeichwingten Phantafte, fich ihre un- 
endliche, den Sinnen unfaßbete und unausfprehlicde Schönheit auszumalen. Darum 
aud) die fajt armfelig anmutende Schlichtheit der Sprache mit ihren Wiederholungen 
und anfdauungsarmen Begriffen in Wendungen wie „Tag und Nadıt, an allen 
Enden, o frifcher Duft, o neuer Klang, mit jedem Tag, man weik nicht, twas nod 
werden niag, das Blüben will nicht enden, muß fic) alles, alles wenden“. Aber 
gerade Dadurch, daß die Sprache jtammelnd und fuchend an den Grenzen der Aus- 
drudsfähigfeit herumzutaften fcheint, wird der Eindrud des übervollen Herzens, des 
Unausiprechlichen, nur dem begeijteten Gefühl Erfagbaren erwedt, und nur auf den 
Schwingen folchen Gefühls vermag der Klang fo rührend fchlichter Worte, wie „es 
blüht das fernfte tieffte Tal” ung in fchier unendliche Weiten paradiefiichen Früb- 
Iingsblühens hinauszutragen, fic) in dem mehr als fchlichten ‚alles, alles” die ganze 
Seligfeit des erlöfenden Frühlingsglüdes mit unvergleichliher Wucht auszudrüden, 

Man fcheut jich faft, bei einem Gedicht, da8 tie diefes fo gang Mtujif gewordenes 
Gefühl ift, noch auf dichterifhe Kunftmittel zur Erhöhung des Wohlflanges vie 
Stabreim und Affonanz hinzuweifen, die der Dichter fo meijterhaft zu handhaben 
weiß. Aber man muß fich immer deffen beivußt bleiben, daß die finnliche Wirkung 
diefes Frühlingsliedes vor allen Klangiwirfung ijt. Lautflang, Melodie und 
RHythmus vereinigen fid, um Bewegung und Mufif der linden Lüfte zu malen, 
und felbft das Hin und Her ihres heimlichen Webens und Wirkeng glaubt man in 
der rhythmifch wiegenden Betwegung der Worte „fie faufeln und weben Tag und 
Nacht“ nachgebildet zu finden. Symmter aber find diefe rhythmifd-Flangliden Wus- 
drudsmittel Träger der Gefühlsbeivegung, die durch fie bejchwingt wird. Wir rufen 
auch in diefem Zufammenhang nod einmal die in ihrer beriidenden Schönheit nicht 
- auszujhöpfenden Worte „es blüht das fernite tiefite Tal” vor das Ohr des Lejers, 
um mitempfinden zu laffen, wie im Klang der Vokale die ganze Gefühlsfeligkeit fich 
auszutönen fdeint, und wie durch das vierfach ftabende „t” auch räumlich das Ziel 
der fich in die Unendlichkeit hHinausträumenden ſchwelgend jchauenden Seele immer 
weiter hinausgeflecdt wird. 

Wir ftimmen Hebbel voll zu, wenn er dies Gedicht Ubland3s als das Früh: 
lingslied begeiftert preift. €3 gibt fein zweites Gedicht, das uns das Frublings- 
erlebnis fo eindringlich, erfchöpfend und fo für unjer Volfsempfinden typijch vor die 
Seele itellt und zu eigen mad, keins, das fo voll fchöpferifchen Zukunftsgefühls und 
feivübertwvindenden Glaubens ift. eran, Heyden. 


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‘Wilhelm Lehmbrucf. 


zen Lehmbrud ijt geboren 1881 in Meiderich bei Duisburg als Sohn 
eines Bergarbeiters. Die Vorfahren beider Eltern waren Bauern. Er lernt 
in Düffeldorf, macht eine kurze Stalienreife, geht nad) Paris und arbeitet fchliehlich 
Hauptjächlich in Berlin. Er ftirbt dafelbit 1919. 

Auf die Enttwidlung des Künftlers fann in einem kurzen Auffag nicht ein- 
gegangen werden. Wir wenden uns den reifen Werfen zu. FYhr Wefen wollen wir 
faffen, und wir finden ausgedrüdt ein Zweifein im Menfchen: Sinnlichkeit und 
Geift, ihr Yneinanderweben und ihr Auseinanderftehn. 

Korperlides ijt Wusdrud der Seele in der Knieenden. Solche Glieder gibt e3 im 
Wirklichen nicht, fie find zu lang und zu fchmal. Yhre Ueberfeine läßt aus unferer 
Borftellung die Nähe erdgebundenen Stoffes entweichen. Wir empfinden nicht das 
grobe Fleifch und Blut, fondern Formkraft der Seele. Sie zwingt das Fleifch in 
ihren Willen und geftaltet e3 gum Ausdrud ihres Wefens. Eines Weibjeins in 
inniger Schönheit. SKriftallene Unberührbarfeit des keufchen Herzens und weiches 
Umfangen inniger Hingabe fingen im fehwingenden, Tanggezogenen Auf und Ab. 
Es richtet fich auf in fteiler Linie und fließt in warmem Neigen, es weht im hauch= 
feinen Formenatem der Haut. 

Lehmbrud ift Deutfcher. Wir bliden zurüd in unfere Vergangenheit, um den 
Zufammenhang aufzudeden. Für wefentliches Verftärfonis ift es belanglos, daß er 
gerade in Paris erwadhte, daß franzöjiihe Künftler ihm Anregung boten. Sein 
Ahn lebte in Deutfchland. Gmmer Schon Hat man ihn Gotifer genannt. Es ift aber 
möglich, genauer zu fein; fein früher Bruder ift Riemenfchneider. Die Frage ware, 
ob er dejjen Werte gelannt hat. Während feines längeren Berliner Aufenthalts jah 
er jehr wahrjcheinlich die im dortigen Mufeum befindlichen. Auch vorher mögen 
ihm Abbildungen zu Geficht gefommen fein. Ob er fie, wenn gefehen, aber auch be- 
achtet hat? Unmittelbare Formentlehungen find nicht feitzuftellen. Das ijt jedoch 
beim Betonen der Beziehung auch nicht gemeint. C8 foll auf die gleiche deutjche 
Seele hingewiefen werden, die fic) in beiden offenbart. So ijt Rembrandt Griine- 
wald eng verwandt, obwohl er ihn nicht gefannt hat. Das Blut fpricht von jelbft. 
Keufchheit und Anmut, das jchaut gleich Lehynbrud auch Riemenfdneider. Wud) er 
formt überfchlante Körper, die Zeichen find für feelifches Sein; auch er hat da8 aller- 
feinste Gefühl für den Zauber einer vom Atem der Seele bewegten Haut. Borform 
der „Knieenden” Lehmbruds ift feine Eva in Würzburg. Das Wort „Borform“ 
foll aber nur früher und zugleich etiva8 andersartige Geftalt bedeuten, nicht etiva 
eine geringer tvertige, nod) unentwidelte. Franzöfiiche Gotifer, obwohl ja twahr- 
iheinlih auch aus germanifchem Blut geboren, find doch anders; die Abwandlung 
des Volf8tums macht fich bemerkbar. Sie neigen zum Geiftreiden, Pifanten. 
Riemenfchneider und Lehmbrud find natürlich, tief und unjchuldig. 

Und merkwürdig! Tro der überwiegenden Formfraft haben beide volles Er- 
leben finnlichen Seins. Sn der Knieenden ift trog allem die Seele an den Störper 
gebunden, fie verflüchtigt fich nicht in bloßen Liniengehalt. Natur ift nidt aus. 
gelöfcht. Vielmehr wird feelifcher. Ausdrud aus der natürlichen Erjdheinung des 
Mustelfpiels, der Makverhaltniffe, der Gebärde entwidelt. Man meint, jolde Form 
an Lebenden gefehn zu haben, deren reines Herz in ihrer fihtbaren Geftalt offenbar 
wurde. Nur ift alles über das gemein Wirkliche hinausgefteigert. Cs behält den 
finnlichen Lebensodem und tvird dod) mehr, als e3 je Natur fein kann, reines Bild 
geijtiger Werte. | : 

Sn tiefere Gründe noch fentt fi) der Meifter, wenn ev dem Reid) der Mütter 
naht. Ex taucht uns hinab in niederfte Stoffgebundenheit, erdliche Notdurft. Fu 
der Art, wie er ein Kind bettet in den Mutterarm, triebhaft tierlich, fchlägt uns der 
Dunft befchräntter Enge finnlichen Dafeins entgegen. Und doch webt in allen 


142 


Formen des Steinbildes „Mutter und Kind“ ein unfakbares feelifches Geheimnis, 
das alles Irdiſche ich unter die Füße zwingt. E3 weht uns an in dem fteil ge- 
richteten Kopf der Mutter, in feiner finnenden, halben Neigung, in fanfter Schwer- 
nut der Züge, der großen Entwidlung des Schädels, des Denkjites — ein Seelen- 
jein, das fein Erleben bewußt und gläubig tief im Urgrund der Welt verankert findet. 

Wir denken twieder an Riemenfchneider, an die Maria auf dent Halbmond in 
Berlin: an die ganz findhafte, Findifche Unbehilflichteit des Kindes und die göttliche 
Tiefe des Mutterbewußtjeind. Go etwas gibt e8 nur in Deutfchland. 

Das Werben feiner Gedanken um finnliches Sein in Liebe und Mutterfchaft 
bat den Meijter gu einer Reihe von Zeichnungen veranlaft. Mann und Weib, die 
fih finden in Hingabe oder ringen im Widerftand, die Mutter mit dem Kinde und 
der Körper der Frau in befonderer Betonung und Entwidlung von Leib und 
Hüften, dem Bezirk des Empfangens und Gebärens, find Gegenstand diefer Blätter. 
Zu den fconften gehört die getönte Zeichnung einiger lebensgroßen, ftehenden 
Frauen mit borgerundetem Leib. Werdenden Müttern? Wie fromm ift das finn- 
liche Sein empfunden, das göttliche Geheimnis zeugenden Lebens! E83 weht wie Ehr- 
furdt und Gebet in der feufchen Schönheit der Linie. Beziehung zu deutjcher 
Dichtung fallt ein. Wie Lehmbrud in Linien, formt Thylmann das Lebensgeheinnis 
in Worten „Einer Klein twie ein Bogelein jchläft in nährender Kammer nod”. 

Als legte Frucht des Sinnens erfcheint das vollendete Werk „Mutter und Kind“. 
Das Schöne Wort Thylmanns meint man auch in ihm noch verforpert gu finden. 
So fehr ift der Wefenszufammenhang beider jinnlich fühlbar gemadt. 

Wir folgen nun dem Meifter auf anderer Bahn. Yhn erfaßt brennend die 
Fähigkeit des Menfchen: zu denken, zu ertennen. Das fucht er im Stein mitzuteilen. 
Die Ausbildung des Schädels, bei der Mutter Ausdrud bewußt gläubigen Erlebens 
finnlich-feelifchen Seins, wird zum Träger reiner Geiftestraft im „Kopf eines Den- 
ters”. Der Schädel ift übermäcdhtig gewslbt, die andern Formen werden flüchtig 
und [chmal. Sehr lebendig erwädjlt die Vorftellung eines Menjchen, der in graben- 
der, edler Dentarbeit fich verzehrt. Wie mun die übrigen Formen auch dem 
Schädel weichen, fie erfcheinen doch nicht leer und leblos, vielmehr aufs tiefite finn- 
voll. Eine feine, adelige Seele gibt fich in jeder hauchflüchtigen Bewegung fund. 
Wir empfinden den Menfchen, der durch beftändiges Ringen um überfinnliche Ziele 
feinen Körper vergeiitet. 

Ein ähnlicher Anhalt wird geftaltet im „emporjteigenden iingling”. Der 
Mann fühlt feinen Körper nicht, fein Tun ift geiftige Regung. Das Steigen tit 
nicht ftofflich, e8 ift Emporgehn des Geiftes. Miühfames Eindringen mit fchmwer 
arbeitendem, vorfichtigem Schritt in das fpröde Reich de3 Erfennen’. 

Bei einem Vergleich der Knieenden und des Emporfteigenden ergibt fich ein 
Unterjchied im Bezug der Seele zum Körper. Fn beiden wird vor allen Dingen 
Seelifches dargejtellt. Aber fchon möchte man das Wort „Seelifches” nicht auf 
beide anwenden. Ym Emporfteigenden ift e8 Getjt; die Seele [hiwingt nur als 
Begleitung mit in der Verfeinerung des Körpers. Und während in der Snieenden 
der Körper mit erregt ift und fich mitempfindet im Seelenfein, wird er im Yüng- 
ling zum bloßen Diener, aufgefogen vom Geift. 

Surchtbar ift der Eindrud des „Geftürzten”. Steil ftürzt das Verhängnis und 
würgt. Nicht nur den Leib. Auch der Beift vertweht. So läßt der Menjch 108. 
Er fühlt den Willen, gegen den es fein Aufbäumen gibt. Steil finkft der Kopf, 
die Hände öffnen fich. Sede Linie fagt Ende. rauen fehüttelt uns — und dod) 
wiederum feimt, immer mächtiger werdend, ftaunende Andacht vor der erhabenen 
Größe des Empfindens. Wer hätte je das Hoffnungslofe jo zerjchneidend gefaßt! 
Diiftrer Wille im Mitgehn des Gefchlagenen mit dem Unerbittlichen fteilt in harten 
Linien. Und dann doch fchwantt leife, gitternde Wehmut, die bei Lehmbrud nie- 


143 


mals feblt, aus Herzenstiefen, Seelenanmut wie feinfter Bliitenhaud. Yn den 
Händen, den Armen, den rührenden Schenfeln ift foviel Demut. Deutjche Seele — 

Weftheim nennt in feinem Buche das Werk „jterbender Krieger”. Die Be- 
zeichnung trifft nicht dag Wefen. E3 ift moglid), dak der erjte Gedanfe des Meifters 
in die Richtung ging; Zeichnungen fdeinen c3 zu beweifen. Das reife Bild loft 
fih von dem Anlaß und ift viel mehr. Jn der Ausftellung bet Paul Cajfirer- 
Berlin 1920 hatte e3 den treffenden Titel „Der Gejtürzte”. 

Die Form bringt, verglichen mit den vorher behandelten Arbeiten, Neues. 
E3 weicht die Bewegung des Lebens zum Teil reiner. Linie. An Rüden und Hüften 
ift Iebendige Geftalt fchon ausgelöfcht; die Linie befommt etwas Geometrijches, 
Starres. Sollte das die Zeicheniprache nahenden Todes fein? Man empfindet 
e8 fo, und der erjchütternde Eindrud wird durd) diefe beginnende Todesleere 
beritärft. 

Dagegen berührt der bloße Linienaufbau in der „Betenden” kalt; das Leben 
und damit die warme Wirkung von Herz zu Herz fehlt. Wejtheim nennt das Stüdf 
Fragment. Nehmen wir an, daß wir eine Skizze vor uns haben, daß nicht etiva 
der Meifter geneigt var, in da3 Lager jener Linienfünftler überzugehn, die den 
warmen Hauch des Lebens einer miftifchen Spielerei opfern. 

Dem Aufbau des Liniengefüges widmet Lehnbrud immer große Aufmerkjam- 
feit. €3 ift überall fünftlerifch Durhdacdht und vollendet, aud) abgefehu von dem 
feelifchen Ausdrud, der ung zunächft wichtig war. Seine Werke find außerordentlich 
gebaut; die Form hat neben dem feelifchen auch einen Eigenwert. Studien der 
Art madt er häufig in Radierungen, und zwar handelt e8 fich da oft unt Gruppen. 
Sehr wichtig fcheint ihm in foldden Blättern das Liniengefüge zu fein. So übte 
er Empfindung für ftreng gefügten Aufbau und fie fpricht fich ftarf aud) in den 
förperlichden Einzelfiguren aus. 

Die ausgeprägte Eigenart feiner Formfügung legt nun fofort den Gedanfer 
nahe: two und wie miiffen diefe Gebilde aufgeftellt werden? Und man wird mit 
Bedauern einfehn: das Baumerf, in das fie gehören, ift noch nicht erdadt. Man 
nennt Lehmbrud einen Gotifer. Und gewiß, feine Formenfprade ijt der Gotif 
eng verivandt. Wber felbft in einen gotifchen Dom würden die Geftalten nidt fo 
ganz paffen. Sie gehören troß allem einer anderen, unferer Zeit an. Aus unjerm 
Empfinden ift ihre Seele und ihre Form geboren. 

Die Seele offenbart ein neues, unfer Gottesbewußtfein. Der Gotifer kannte 
nur jeine biblifchen und Heiligengefdicdten, die fic) in einem uns heut eng er- 
Iheinenden Kreis von Borftellungen beivegen. Was bedeutete ihm das Geheimnis 
de3 zeugenden Lebens oder die erfchütternde Macht ohne Vorbehalt grabender 
Gedanken oder ein unentrinnbares Verhängnis, ausgedacht in feiner ganzen Furdt- 
barkeit! Das find Lebensftrome, die yon ihm noch nicht bewußt in Gottesnähe 
gebracht oder doch nur in einer gewiffen Abfhwadhung fromm erfakt wurden. 
vest wird die Welt des Geijtes und Lebens ungeheuer weit und fie ijt Gottes, 
Das fagt jede Linie Lehmbruds. Niemals begnügt er fic) mit platter, alltaglider 
Wirklichkeit, fondern immer erhebt fich feine Form zum Ausdrud eines Bewußt- 
feins, da8 fein Erleben in ewigen Urgründen verankert findet. 

Wie die feelifche Einjtellung, fo muß auch der rein formliche Aufbau, tft der 
Sünftler folgerichtig, vom gotifhen Wefen abweichen. Und Lehmbrud ijt es. 
Seine Formenfprache ift neu. Wie [chin ware e8, wenn der Baumeifter fich fände, 
der aus tiefer Andacht das Gotteshaus geftaltete, in dem diefe Werke heimifch fein 
fonnten! Yndeffen erinnern wir uns an den Bericht des Romers Tacitus, unfere 
Vorfahren Hätten das Göttliche in heiligen Hainen verehrt. Würden die Sinieende 
und der Emporfteigende nicht jhön in einem Haine ftehn? Graulich ziwifchen den 
ragenden, rötlichen, lihtdurchfladten Stämmen märkifcher Kiefern. Cin tiefblauer 
See daneben, ein Birkenhag und vielleicht ein Stüdchen Bufchwerf. Aber die 


144 


Geftalten dürften faum tief in Vaub gejtellt werden; dazu find fie zu febr auf 
Linie gearbeitet. Die fteile, fdhiwanfende Richtung des Kiefernftammes mit feiner 
dünnen, hohen Strone gabe die fchönfte Begleitung. Und unter dem tiefen, offenen 
Himmel empfände der Deutfche getvaltig das Wehen des Urgeiftes, zu deffen Wefen 
bin er ftrebt und vor deffen Unergründlichkeit er ich beugt. 

| | ‘ Maria Grunewald. 


Beitlide Reibenfolge der genannten Werke: Stnieende 1911. Emporfteigender Fiing- 
A Der Seftünste 1915/16. Mutter und Kind. Kopf eines Denkers. Betende 
917/18. 

Ueber Leben und Werk des Miinftlers berichtet Paul Weftheim in dem Buche: 
Wilhelm Lehmbrud. Verlag Guftad Kiepenheuer, Berlin-Botsdam 1919. Der Verlag ijt 
jo freundlich 5 — die Abbildungen: Kopf eines Denkers, Mutter und Kind zum Nach— 
bend i Verfügung gu ftellen. Die Wufnahme des Geftiirzten danke ic) Herrn — 

erſönlich. . G. 


Das Geſchäft mit Oezualien. 
Die Reigen-Preſſe. 


S)y* Offentlide Meinung ift politifd in ,Parteien”, weltanfdaulid 
in „teligiöfe BVefenntniffe” und ,geiftige Stromungen” gefchieden. Diefe Schei- 
dungen find jedem Beitgenoffen geläufig. Dak die öffentliche Meinung aber auch 
dent Kulturmwillen nach in verfdiedene Lager getrennt ift, und gwar durd 
Gegenfage, die fic) gutveilen quer durch die politifchen Parteien fowie durd die 
religtofen und wiffenfdaftliden Befenntnifje Hindurchziehen, ijt den meiften Zeit- 
genofjen weniger deutlich bewußt; denn da für diefe Gegenfabe das Schlagwort 
und da8 „Programm“ fehlt, erfcheinen fie als etwas gleichfam Zufälliges und Will- 
fürliches. Dennoch find fie tiefer als ettwa die rein politifchen Gegenfabe; denn fie 
find Ausdrud verfchiedener feelifcher Typen mit grundverfchiedenen Lebensjtim- 
mungen. Dft genug zeigt fih aud, dak die politifche Anfchauung eines Menschen gar 
nicht au8 der Sache, fondern aus dem Grunde feiner Lebens- und Kulturftimmung 
hervorgewachſen iſt. 

Wie alle großen Gegenſätze der öffentlichen Meinung ihren deutlichſten, weil 
übertreibenden Ausdruck in der Preſſe finden, ſo auch die Gegenſätze des Kultur— 
willens. Seit Jahrzehnten geht ein unabläſſiger Kulturkampf durch unſere Zei— 
tungen, von Unkundigen nicht bemerkt, von den Kundigen immer durchſchaut. Zu— 
weilen treten Ereigniſſe ein, die, gleichſam magnetiſche Pole ſchaffend, die öffentlichen 
Stimmen plötzlich in neuen, nicht aus der Politik oder aus der Weltanſchauung 
heraus entſtandenen Gruppen zeigen, in Gruppen des Kulturwillens. Ein 
ſolches Ereignis war der Reigen-Prozeß. Für den Reigen traten jene Kreiſe ein, 
denen Kultur trotz allem nichts andres iſt als „Verfeinerung“ des individuellen 
Lebensgenuſſes. Man prägte für die Zeitungen, in denen ſich dieſe Kultur- und 
Kunſtauffaſſung geltend machte, das Wort „Reigen-Preſſe“: ein hiſtoriſches Wort, 
das verdient im Gedächtnis des Volkes feſtgehalten zu werden. Will man über 
die Lage der heutigen Kultur urteilen, ſo muß man wiſſen, was und wer das iſt: 
die Reigen-Preſſe. 

Sie geht beſonders von Berlin aus und macht Berlin in dem Empfinden 
der Nation ſo bitter verhaßt. (Ihre Ableger in der Provinz kennt man leicht, 
wenn man die Berliner Vorbilder kennt). Zur Reigen-Preſſe gehören die Blätter 
des Verlags Ullſtein, die ſich um die Voſſiſche Zeitung ſcharen, die Blätter des 

Verlags Moſſe, die ſich um das Berliner Tageblatt ſcharen, gehört beſonders auch 
das Acht-Uhr-Abendblatt, weiter der Vorwärts, die Freiheit, die Rote Fahne. Von 
den Zeitſchriften ſeien erwähnt Stefan Großmanns Tagebuch und Siegfried Jacob— 


145 


— =e EF. 


johns Weltbühne. Da man mit den demofratifden Berliner Blättern meift die 
srankfurter Zeitung zufammen nennt, muß bemerft werden, daß diefe in den Dingen 
der Kultur häufig eine andere Stellung einnimmt. Sie hat fih gegen den Reigen 
gewandt, auch in einem größeren Leitauffak. Freilich, ihr Berliner Mitarbeiter 
Arthur Eloeffer gehört mit zum Sreife der Reigen-Freunde. Die Frankfurter Zei- 
tung brachte denn aud) mit einer durchaus nicht einleuchtenden entjchuldigenden 
Vorbemerkung eine Darftellung des Prozeffes durch Elvefjer, offenbar, weil diefer 


 faum darauf verzichten fonnte, daß feine Ausführungen gerade an jener Stelle 


gedrudt würden. 

E3 it überrajchend, wie einheitlich und geichloffen die genannten Blatter 
fajt alle wichtigeren Kulturangelegenheiten behandeln. Yrgendwo wird der Taft- 
jtod erhoben, alsbald fällt der ganze Chorus mit Gefchrei ein. Frgendwo wird 
auf den Knopf gedrüct, alsbald fpringen in jenen Zeitungen Dutende von Auffägen 
und Artifelchen auf, die alle dasfelbe Ziel haben. Es wurde auf den Knopf gedrüdt, 
da war Einftein mit feiner Relativitätslehre in die Reihe Galilei-Netvton einges 
rüdt. €8 wurde auf den Knopf gedrüdt, al3 Georg Kaifer den fatalen Diebitahl 
begangen hatte, fon war Kaiſer ein Genie, dem der Diebftahl erlaubt war, und 
wer anders urteilte, war ein Reaftionar und Dunfelmann. €8 wurde auf den 
Knopf gedriidt, da war der Herr von Kahne ein mittelalterlider Rawbritter, der 
zu feinem Sonntagsnachmittags-Vergnügen harmloje Spaziergänger tot{dok, die 
Gerichte aber ftanden unter feiner blutigen Knute und wagten richt zu mudjen. 
Ob die Angaben wah x find, ift gleichgültig, die Hauptjache ift, daß der Tip befolgt 
wird. Man will nicht eine Wahrheit unters Volk bringen, man will die Gedanfen 
des Volfes fuggeftiv in eine beftimmte Richtung lenfen. Der Radau um Kähne 
ift nicht aus Mitleid mit dem armen Volfe gemacht worden — das Bolt als foldhes 
ift ja Diefen Kournaliften fchnuppe, fie kennen e3 mur äfthetifeh — jondern ijt 
gemacht tworden, um das Mikvergnügen des Volkes wieder einmal auf den ver- 
dammten preußifchen Adel abzuleiten. Warum ift einjt die Tat des Hauptmanns 
von Copenid berühmt gemacht worden, während fpäter ein ähnlicher, viel tollerer 
Streich eines angeblichen Fliegeroffiziers in Rom fein Echo ertwedte? Weil es 
denen, die auf den Knopf drüden, darauf anfam, den preupifden, nidt aber 
den italienifchen Militarismus lächerlich zu machen. Doc wozu Beilpiele häufen, 
da wir den Fall Heine-Brunner noch zu betrachten haben? 

Wer aber ift e8, der auf den Knopf drüdt? Es ift der Geift, der die wirkliche 
Gemeinfchaft mit ihren getwachjenen, feften Formen haft, der Geijt, der die über- 
perfönlichen Werte zerftört und zerftören muß, weil er unter ihrer Herrfdaft ein 
Ausgeftoßener fein würde; e8 ift das todlebendige Beipenft, ein umgekehrter Mephifto- 
pheles jüdifcher Provenienz, der ftets das Gute will und jtets das Bofe fdafft, der 
das Gute des perfinliden Lebensbehagens will und das Böfe fchafft in dem Kreife, 
in dem er fein Behagen fucht. (Noch hat niemand feine troftlofe Tragödie gefchrieben.) 

Derfelbe Geist beherrfcht zugleich weithin das Kulturgefchäft, vorzüglich wiederum 
in Berlin. Man ftelle einmal, gleichfam erperimentell, die Frage: Würden die Ber- 
liner Theaterverhältniffe in der Weife hoffnungslos fein, tvie fie e3. find, wenn 
unter den Theaterdireftoren und Schaufpielern nicht gerade die „Jüden eine io her- 
vordrangende Rolle fpielten? — Oder: Würde das allgemeine Kunfturteil und der 
Kunftmarkt heute fo fein, wie fie find, tenn nicht gerade die Diiden als Kritifer und 
Händler enticheidenden Einfluß hätten? — Oder: Würde das Berliner Filmweſen 
die eigentümlichen Merkmale haben, die es heute hat, wenn nicht das Kapital und 
die Direktion überwiegend von Jüden ausginge? Doch genug. Man kann ohne die 
Berückſichtigung dieſer ethnographiſchen Tatſachen große Teile des deutſchen Kultur— 
lebens weder pſychologiſch noch ſoziologiſch hinreichend erklären. Es tummelt ſich 
überall das betriebſame, hemmungsloſe Nur-Individuum, das weder volkhafte noch 
religiöſe Bindungen mehr empfindet und das darum ſo leicht in dem Wechſel von 
Geſchäft und Genuß aufgehn kann. Mit Verachtung und Bitterkeit ſtehn di e Deut— 


146 


jen und Juden, die nod) ihre Heiligtimer ernjt nehmen, bei Seite und bliden auf 
den jhmusigen Herenfabbat. 

Damit find wir auf jenen fiir unfre Kultur fo verhangnisvollen Zujammenhang, 
gefommen: twejentliche Teile des Gejchäfts mit Nulturgiitern und zugleich ein 
wejentlicher Zeil der Herftellung des öffentlichen Urteils über eben diefe Güter 
(welded fiir das Geſchäft ausfchlaggebend ift) find in den Händen ganz beftimmter 
SKreife, deren Eigenart wir durch die Prägung des Begriffes „Süden“ zu bezeichnen 
judten. Aus diefem Zufammenhang heraus wird der Reigen-Prozeß, der Prozeß; 
um den VBenustwagen ufiv., vor allem die Zufpigung des ganzen Larms auf die 
Perjon des Profefjord Karl Brunner erft recht verftändlic). | 

Dret Tatfaden fielen dem harmlojen Zeitungslefer auf: Erxitens: Als ein Ge- 
jeßesporjchlag gegen die Schundishriften, insbefondere gegen die erotischen, ertvogen 
murde, ging fofort ein Gefchrei im Berliner Tageblatt und im Vorwärts [08 — 
nicht nur gegen den Gejeßesvorfchlag, fondern gegen die Berfon Brunners. Warum 
gerade gegen Brunner, da doch andre Leute noch weit radifaler für ein folches Gefeg. 
auftraten? 

Brweitens: Brunner wurde ala Urheber der Befchlagnahme des Venuswagens 
hingeftellt. Warum gerade Brunner, der mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte, 
fondern erjt nachträglich davon erfuhr? =, 

Drittens: Al der Reigen-Proze florierte, ftürzten fich die Yournaliften der 
Reigen-Preffe, gleich als twäre auf den Knopf gedrüdt, insgefamt auf Brunner: 
der fei das Karnidel. Warum gerade Brunner, der den Prozek nicht veranlaft 
hat? Und obgleich andere viel mehr in der Angelegenheit hervorgetreten find? 

Ein Rätjel. Machen wir ung an die Löfung. Wir erinnern uns aus der Zeit 
vor dem Kriege: Der Filmgenfor Brunner hielt in Deutjchland Vorträge gegen die 
„Auswichfe” des Kinos. Wir erinnern uns ferner, daß ihm damals zwei jüdifche 
Rechtsanwälte, Vertreter von Ynterefjenten-Verbanden des Filmtvefens, nachreiften 
und in der öffentlichen Ausfprache ein großes Gefchrei gegen ihn anhoben. Wir 
erinnern ung drittens, daß in jenen Zeiten Ulrich Raufher in der Frankfurter 
Zeitung dem Profeffor Brunner einen — übrigens recht unterhaltfamen — Pitriol- 
Auffag ins Geficht fhmiz. Ulrich Raufher — —! Nunmehr deutfcher Gefandter 
irgendwo in Erotien. Aber damal3 war noch wilhelminifches Zeitalter. Denkit 
du daran, Genoffe froher Stunden? 

Und wenn nun heute bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit ganz 
beftimmte Yournaliften ganz bejtimmter Zeitungen fic) immer wieder einmütig 
gerade auf Profeffor Brunner jtürzen: Fort mit dem Böotier aus feinem Amt! 
Hinaus mit dent elenden Nuditätenfchnüffler aus feinem Amt! Aus feinem Amt! 
Aus feinem Amt! dann — tauchen vor unferm Auge die gelben arabiihen Vijagen 
jener beiden Rechtsanwälte auf, die dem PBrofeffor Brunner im Yntereffe der Film: 
intuftrie auf feinen Vorträgen nachreiften, und wir fragen: Cui bono? Nun: dem 
zu Nuß und Frommen, dev die Tätigkeit des Zenfors Brunner peinlich empfindet. 
Einer gewifjen Film-Fnduftrie zu Mug und Frommen! 

Film-Fndujtrie und Reigen-Preffe.*) Ahnft du, harmlofer Zeitungslefer, wie 
die deutfche Kultur heutzutage gemacht wird? Theater-Gejchäft und Reigen-Preffe. 
Kunfthandel und Reigen-Preffe. Sie fennen fich jo gut, fie leben mit einander, 
fie geraten einander in die Haare und ftehen wieder zufammten gegen den „gemein= 
famen Feind“. Sie leben, mit einen Worte, in demjelben „Milieu“. Und „eine 








*) Als id) mein Auffäschen über den Homo cinematicus, das vielfach nachgedrudt 
wurde, veröffentlicht hatte, wandte fich in einer Filmsfnterefienten=Zeitichrift jehr von 
oben herab ein Profefjor Lampe vom Zentral-Inftitut für Erziehung und Unterricht da> 
genen. Ich bin auf die oberflächlichen Einwände nicht weiter eingegangen. Aber zur 
Erklärung des Tones, den diefer Zentralerziehungsprofeflor für Ausbreitung der en 
filme für gut befand, fei doch befannt gegeben: er ift Jude. Hine illa lacrima. Bu 
deutich: da liegt Meifter Lampe im Pfeffer. 


147 


Krahe hadt der andern die Augen nicht aus”. Warum foll man jich nicht gegen- 
feitig zu Ruhm und Gefchäft verhelfen? Das ergibt fi) ganz von jelbit, ungewollt. 
Klingelt eine Klingel, fo Hlingeln die andern mit, denn fie hängen alle am ſelben 
Draht. Und es ift ein großes Geflüngel auf Erden. 


Sournaliftifde Untergrundfanale. 


Es handelt fich bei Schniglers Reigen, bei den Nadttänzen, bei dem Venus» 
ivagen um Dinge, die den deutfhen Arbeiter am allerwenigiten berühren; denn 
e3 find Angelegenheiten einer — im eigentlichen Sinne des Wortes, nicht bloß im 
Agitationsfinn — verrotteten Gefelljdaft: Angelegenheiten der Schieberjünglinge 
und Lebegreife, die aus allen Teilen der Welt in Berlin zufammenfließen. Um ein 
Sleichnis im Stile Theodor Wolffs anzuwenden: es ijt eine große Jauchenpfüge, 
darüber die fchivarzen, haarigen Brummer und die fdillernden grünen Fliegen, die 
fi) von der Jauche nähren, in diden Klumpen funmen. E8 find Angelegenheiten 
der Unternehmer, die den Schieberjünglingen und Lebegreifen ihre ſchmutzigen Bant- 
noten aus der Bufentafche ziehen mögen. Der Arbeiter lebt in einerandern 
Welt. Aber gleichwohl find Vorwärts, Freiheit und Rote Fahne die eifrigiten und 
aufgeregteften Vortampfer fiir die koftfpieligen Vergnügungen der „verrotteten Bour- 
geofie”. Warum? . 

Sit der Arbeiter irgendwie (fünftlerifch oder jozial) an der Aufführung des 
Reigens intereffiert? Der Vorwärts brachte Zufchriften aus Arbeiterkreifen, die 
fi gegen die Serualienfultur wandten. Wer felbjt unter wirklichen deutjchen 
Nrbeitervätern und Arbeitermüttern verkehrt hat und mit ihnen empfinden kann 
— eine Welt, die moralifch nichts zu tun hat mit den Zubaltern und Dirnen bon 
Berlin N und O, mit den Kafdemmen des Weddings, eine Welt, die für die äfthe- 
tiichen Zeitungsjüden jenfeit® aller Begreifbarkeit liegt — weiß, daß fie für den 
Hautgout des Reigens fein Verftändnis haben. Sie verurteilen dergleichen viel 
Ichärfer als jene tümmerlidhen ajthetifchen Bürger, die aus lauter Aengjitlichkeit, 
fie fonnten nicht als vollgebildet und modern gelten, unbefehen nachbeten, was der 
Vorbeter Yidor an der Téte der Kultur in der Zeitung vorbetet. Charlotte Buchotv 
ichrieb im Vorwärts mit gutem deutfchen Empfinden, es fehle dem Reigen „das 
menschlich Wefentliche: das tiefinnere Mitleid des Künftlers mit feinen Gejchöpfen, 
das die großen Naturaliften auszeichnet.” „Und: „Auf das ernste, männlich-mutige, 
freigewollte Verantwortlidfeitsgefuhl der Schaffenden fommt 
e8 an, und das hatte Erich Schmidt, als er Schnigler auf feine Frage nad) jeinem 
Urteil über den Reigen eriwiderte: Solche Dinge fehreibt man wohl, aber nan läßt 
fie nicht druden.” Was aber kümmert folches Verantwortlichfeitsgefühl die jüdi- 
ichen Redakteure und Yournaliften des Vorwärts? Der edle Schigold) (fontrahiert 
aus Schigorffi und Strolch) fingt in demfelben Vorwärts der Charlotte Budorw 
zum Txoß die Celly de Rheydt an, wobei unter anderen folgende Verfe zum Vor- 
Schein fommen: Die Eelly hat Qualitäten, 

Sntimitäten, Extremitäten. 

Die hat fie — wie fagt man — fogialifiert. 
Huch nein! Wie mich fowas geniert. 
„Der Staatsanivalt!” fehreit die Ottilie, 
„wo bleibt dann der Reiz der Familie! 
Sc fordere, daß man verpont 

ein Weib, das die Männer verwöhnt. 
Wie war meinem Mann bei mir wohl — 
jest fommt er mir nur noch frivol.” 

&o repräfentieren literarifche Füden die Meinung der deutjchen Arbeiterfchaft, 
und die deutfchen Arbeiter arbeiten und fämpfen für Literaten, die derlei, obendrein 
zum Erbarmen fitfehig gemachte, Zoten fabrizieren und in Zeitungen verbreiten. — 


148 


Oder follten wir nur die alten Arbeiter fennen, und follten die Alten vielleicht 
in moralifh rüdjtändigen Anfdhauungen aufgewachſen fein? Nun, fozialiftifche 
Arbeiterjugend hat Schulter an Schulter mit bürgerlicher, mit deutfchnationaler 
Ssugend Wedelind-Aufführungen unter Einfegung der Perfon verhindert. Alfo: 
dem &Empfindendesdeutfhen Arbeitersentfpridtdie Stel- 
Iungnabmedes Vorwarts, der Freibeitundder Roten Fahne 
EN ch t. —— eifern dieſe für die Mancheſter-Freiheit des Sexualienhandels. 
rum: 

Der Grund: Die Redakteure und Fournaliften diefer fozialiftifhen Zeitungen 
find verflüngelt mit den Redakteuren und Sournaliften der bürgerlichen jüdifchen 
Prejle Berlins. Es gibt eine Anzahl Fournaliften, die zwifchen den Zeitungen bine 
und hermandern, fie tauchen bier wie dort auf, befonders im Feuilleton, zumeilen 
auch im politifchen Leitartifel. Vorwärts und Berliner Tageblatt beißen einander 
nicht. Sie ftehn auf gemeinfamer Wacht für beftimmte gemeinfame Sntereffen: 
der Bormwärt3 hat fogar eine empfindlichere antifemitifche Erdbebenmwarte als das 
Berliner Tageblatt. Und feine „biffigen Hunde” find die wachjamften. Wenn dem 
Tageblatt ein winziges antifemitifches Ereignischen entgangen ift — Spig im Vor- 
warts fieht’s genau, und er bellt: Rawau! Rawau! Auch wenn diefe Yournaliften 
in der Potlitill teils fogialiftifa, teils liberal denfen — oft denfen fie ein tie 
Ladnmspapier bald rötlich, bald bläulich erfcheinendes Mifchmafch aus beidem — 
im Kulturmwillen find fie miteinander einig: da ift Manchefter 
Trumpf. Wir greifen Wolfgang Heine heraus ald Mujterbeifpiel für die 
ganze VBermandtichaft. — 

WS nach der Revolution eine Flut von erotifcher Schundhiteratur über alle 
Bahnhöfe, Zeitungsbuden und Papierläden ausjtrömte, und als Polizei und Staats- 
anmalt ihre „moralifche Abrüftung“ betrieben und gahm wurden, verlangte man 
in den Kreifen der Lehrerfchaft wie der Sugendbewegung ein Gefeß gegen die Schund- 
literatur. Aber als ein Gejetesporfchlag — zunädjft al Borfhlag — aud) nur 
zur Erörterung geftellt wurde, drüdte e8 rrrrr auf den Knopf, und fdon [hof 
Wolfgang Heine empor und vollfiihrte fowohl im Berliner Tageblatt wie im Bor- 
warts ein marferfdiitternd fchrilles Geklingel. Warum gerade Wolfgang Heine? 
ft er nicht ein ehrenfefter alter Genoffe mit dem wohltuenden Bruftton biederer 
Befinnungstüchtigfeit? Aber er ift auch ein Freund der Bourgeofie, wenigitens 
der Bourgeofie, die durch Theodor Wolff repräfentiert wird. Theodor Wolff ver- 
wertet unter Umftänden politifche Yntimitaten, die er von Freund Heine und 
Fräulein Heine erfahren Hat. (Leitartifel des B. T. vom 12. Dez. 1921.) Die 
unüberbrüdbare Kluft zwifchen Bürgern und Proletariern wird fehr reizvoll über- 
britdt, wenn die beiden Auguren zufammen auf einem gut bürgerlichen Sofa Jigen. 
Marunt fol ein fozialiftifher Ydealift fich nicht zugleich als Rechtsanwalt der 
bürgerlichen Affären von Berlin WW annehmen? Warum foll er nicht? 

Es ift fehr Iehreich, iwie verfchieden im Ton fid) Wolfgang Heine einjtellt, wenn 
er im Vorwärts oder wenn er im Berliner Tageblatt fehreibt. Er wählt die Vor- 
stellungen, Gedanken, Beweisgründe je nahdem. Man merkt: der Mann kennt 
fic) aus im Betrieb. Zur Kennzeichnung feiner Methoden diefes: 

Exjten3: Er tut fich ganz felbitverjtändlich als der große Kunjtverjtändige mit 
dem maßgeblichen Urteil auf. Die Gegner find ebenfo jelbjtverjtändlich „engherzige“ 
Banaufen. Aber ein Gaumen, der Paprifa und fcharfe Schnäpje vertragen kann, 
auch wohl gar braucht, um überhaupt nod) etwas zu empfinden, ift durchaus 
nicht maßgeblich für den guten Gefchmad. Ein abgetriebener alter Parteitattifer 
und Advokat darf nicht ohne weiteres jupponieren, daß fein Kunfturteil das nor- 
male und maßgebende fei. Wolfgang Heine möge hübjch befdetden das Kunjturteil 
derer achten, die eine beffere Bildung haben als er und deren natürliche Urteils- 
fraft weniger grobfchrötig und ausgeleiert ift al8 die feine. 


149 


Zweitens: Wolfgang Heine imputiert jeinen Gegnern von vornherein Heucelei 
und Unehrlichkeit. Ohne jeden Beweis behauptet er (Aufmachung für den Bildungs- 
bürger im Berliner Tageblatt): „Man hat e3 mit einem ganz raffinierten 
Plan gu tun, unter dem Vorgeben des Schußes der Jugend vor fittlichen 
Gefahren Literatur, Kunft und Wiffenfhaft muderifhen Beftrebungen 
auszuliefern.” Und er behauptet ferner (Aufmadjung für den bieder deutjchen 
Urbeiter int Vorwarts — man beachte den Unterjchied): „Verbiffene Bürofraten 
alien Stil und nationaliftifche Schwärner für eine politifche Reaktion entfalten 
eine fieberhafte Tätigkeit, um dem deutfchen Volke einen neuen geiftigen Zaum 
und Maulforb umzulegen; weil fie dies aber unter der Maske einer Bekämpfung 
der Unfittlichleit und des Schuges der Jugend tun, find manche Kreife — darunter 
aud Sozialdemofraten — leider geneigt, daß Biel diefer Anfhläge zu ber- 
feunen.” Das fittliche Urteil über diefe Methode ergibt fich von felbit. 

Drittens: Wolfgang Heine jucht den Anfchein zu erweden, als fei ein Snder 
berbotener Bücher und eine FndersSlongregation in Vorbereitung, der fogar Bücher 
wie Boeljches jchönes „Liebesleben in der Natur” zum Opfer fallen fonnten. Er 
ruft aus, daß das beabfichtigte Gejeß „die deutfche Republif dem Hohngeläcdhter 
aller Seiten ausjege.” Kennt Heine die Gefege in der nordamerilanifchen Republik 
und hat er je etwas von einem Hohngeladter aller Zeiten über diefe Gefete gehört? 
Weiß er, wie andere Völker über die neuerliche moralifhe Verfhmutung Deutfch- 
lands denken? Mean follte das bet einem geivefenen Suftizminijter wohl annehmen. 

Viertens: Wolfgang Heine arbeitet mit dem alten Sniff, daß die Grenze zwifchen 
Schund und NihtSchund fließend fer und daher Meifterwwerfe der Hunt und 
Willenfchaft al8 Schund verboten werden fünnten. (Methode: die Grenze zwifchen 
Mord und Totichlag ift fließend; es kann vorlonmen, daß ein bloßer Totjchläger 
wie ein Mörder beftraft wird; alfo darf man fein Strafgefeg gegen den Mord 
machen.) Heine läßt Darwin, Marz, Schopenhauer und Niekfche als mögliche Opfer 
eines Gefetes gegen die Schundliteratur gar rührfam aufmarjdieren. Diejes Argu- 
ment ift für gebildete Menfchen fo dumm, ganz einfah Dumm, daß jedes Wort 
der Widerlegung überflüflig ift. E83 wird ja aud nur gum Bwed der Agitation 
„fürs Volt” hervorgebholt. — 

iunftens: Ein Beifpiel, wie der einstige Yuftigminifter nicht einmal fogenannie 
prudootatentniffe’” fcheut. Ex fdrich: , Wir wiffer, dak dies (namlid) der Paragraph 
184a St. G. B.) auf den Verkauf von Photographien des Goethe-Dentmals im Tier- 
garten ausgedehnt worden it, das jedes Kind in natura anfehen fann.” Der Bil- 
dungsbürger lächelt Grimm und Hohn über fo eine blöde Polizei! Profeffor Brunner 
aber fragte, wann und two das vorgefommen fei. Heine anttwortete: „Unter den 
Photographien, die an jugendliche Perfonen nicht verkauft werden follten, befanden 
fich in einem Falle aud) die Erosfiguren pon Sdhapers Goethe-Denfmal.” Aha — 
nicht „da8” Goethe-Dentmal, fondern ein Ausschnitt: die Erosfiguren hatten den 
Photographen gelodt. Mun fragt fich noch, in welder Gerie und in welder 
AWufmadhung die Photographie dargeboten wurde. Dadurd) fonnte e8 unter 
Umftanden verftandlic) werden, warum die Polizei fi) am Goethe-Dentmal ber- 
griff. — Dean fieht, Wolfgang Heine wählt, wenn es ihm paßt, die Ausdrüde nicht 
ehr genau oder — zu genau! 

Scehitens: Den ganzen Kampf auf allen Fronten mit allen Kniffen und Pfiffen 
führt Wolfgang Heine immer ganz perfönlich auf Brofeffor Brunner zu.*) VUeberall 
fieht er den entfetlichen Brunner hervorlugen. Wie weiße Mänfe. — Yeh felbit 
habe gegen Brunner geftanden, Seite an Seite mit den Qugendfehriften-Wusfdirfjen 
der Lehrer, freilich deshalb, weil Brunner meines Erachtens von dem Begriff 


__*) Genanue Cinblide in den perfönlichen Kampf gegen Brunner gibt die aufihluß- 
reihe Fluafhhrift: „Der Aufruf”. Herausgegeben von eat Dr. Karl Brunner. Mr. 1, 
48 ©. 1921. Verlag Brandenburgijder Prekoerband, Berlin-Lidterfelde. Ditrerftr. 26- 


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Echund und von der Bekämpfung des Schundes eine zulare,nahgiedbige 
Auffafjung hatte. Auch bei dem neuen, nun wohl unter den twegefundigen 
Einflüffen einer fogetauften „Demokratie“ begrabenen Gejegesporfchhlag mwünfchte 
ich, wie die Hamburger Lehrer, ein viel ftrafferes Vorgehen als Brunner. Wolfgang 
Heine aber verjudt nun, die Mipftimnting wegen Brunners zu großer Nadhgiebig- 
feit gegen den Schund in umgefehrter Rigmtung ausgubeuten. Er tut, 
alg fonne e8 gerade den fcharfen Brunner nicht ftreng und eifrig genug mit der 
Derfolgung des Schundes werden. Glaubt er, daß die, welche aus reinen Beweg— 
gründen den Schund befampfen, auf den Tri hineinfallen? Wie nennt man die 
edle Kunst, mit der man eine Sache Dadurch verdächtig zu machen fucht, daß man 
eine (übrigens durchaus nicht entjcheidende) Perfon, die aud fiir die Sade 
eintritt, verdächtigt? 

Wir faffen zufammen: Erften3: Wolfgang Heine führt fowohl in der bürger- 
lichen wie in der jozialdemofratiihen Preffe einen aus der Gade allein nicht 
veritandlih gemachten Kampf gegen die Perfon Brunner3. Biweitens: Diefer 
Kampf ftimmt zufammen mit dem einbelligen perfonlichen Kampf der Literarifchen 
„suden“ gegen Brunner. Drittens: Diejer ganze Kampf geht in diefelbe Richtung 
tie der oben erwähnte Kampf eines gewijfen Filmbapitals. Sonderbar. Das find 
Zetjahen. Wir fonnen nichts dafür, wenn Wolfgang Heine dadurch in einem 
Zufammenbhang erfdeint, in dem man einen gefchivorenen Feind der fapitaliftifchen 
Bourgeoifie am wenigiten vermuten follte. Aber das Kaleidoffop des Schidfals 
ergibt fonderbare „Milieus“. Vielleicht ijt Wolfgang Heine nur ein ganz befonders 
[hlauer Sozialift, der die bürgerliche Gefellfchaft Durch den freien Serualienhandel 
moglidjt rafd von innen ber verrotten laffen will? Nach der neuen Methode: 
Durd Erfüllung zur Niht-Erfüllung, dur Austoben zur Ruhe, duch Ausleben 
zum frühen Tode. — — 

&o laufen die Kanäle giwifden der Welt der Großbankpreffe und der Welt 
der jozialiftifchen Arbeiterpreffe hin und wieder. Eilfertig hHufchen die Yüden unter: 
grunds hinüber und herüber. Sit das liberale Gefchäft bedroht, fo Hufcht es zum 
Borivärts, zur Freiheit, zur Roten Fahne, und nach den befannten, ad) fo einfachen 
piochologifchen Rezepten zur Behandlung der Maffenfeele wird die arme, dumme 
Maffenfeele gum Kochen angeheizt. Fit aber bei den Arbeitern etivag im Gange, 
fo hufcht es hinüber in die Welt von Berlin W. Dann feben fich die großen Herren 
in Berlin W ein jalobinifches Müschen auf, markieren den Salonjozialijten oder 
gar Galonbolfhewiften und — haben den Borteil von dem, was in Gang fommen 
follte. Die Arbeiterfchaft aber — „wundert fidj), was diefes fei.” Man fingt fie 
mit einent Lied auf die jchandböfe Reaktion zur Ruhe. Das liebe alte Wiegenlied, 
das fie bon Jugend auf gehört haben, behält immer feine Wirhung. Der Augur 
lächelt. 

Wir haben einft nicht recht verjtanden, warum der alte Bebel auf dem Dres- 
bener Parteitag fo aus der Maken erregt wurde über die Mitarbeit von fozialiftifchen 
sournalijten an der bürgerlichen Preffe. Heute verftehn wir es. Der Alte Hat 
einen genial fichern Führersnftintt gehabt. Wogegen er fich wehrte, das ift ge- 
Ihehen. Beweis: Wolfgang Heine und Theodor Wolff Arm in Arnı, und juchheidi, 
juchheida die fchöne deutfche Demokratenrepublit! Die Gefchäfte blühen und die 
Bäuchlein ründen fic. Die Arbeiterfchaft? Wenn fie ungeduldig wird, füttert man 
fie mit Papiergeld und fehönen Redensarten. Hilft das nichts, fo macht man fie 
bange mit der fchandböfen Reaktion. Das hilf. Wann wird das deutfdhe Volt 
jo flug, fich zunächit immer einmel genau die Führer anzufehn? 


DerKampfumdie Madt. 


Die Dinge liegen klar. Diskufjionen haben feinen Ziwed mehr. Bor ung fteht 
nicht ein Gegner, der das Rechte [ucht, fondern einer, der mur fic fel ft 
durchſetzen will. 


151 


„Schigoldh“ jchrieb im Vorwärts: „... Bier zeigte eine „VBollögemeinjchaft zur 
Wahrung von Anjtand und guter Sitte” eine Veranftaltung an, und da ich glaubte, 
daß unter dem offenbar ivonischen Namen fich irgendein humorijtijder Herrenflub 
berbarg und da der Eintritt nichts Eoftete, jo trat ich ein.” Was ift ein Schigolch? 
Ein Schigoldh ift ein Wefen, das bei ven Worten „Anftand und gute Gitte” nur nod 
tronifher Empfindungen fähig ist. Sollen wir mit feelifch verfrüppelten Schigolchen 
bisfutieren? Wir könnten uns ebenfo gut mit einem Straßenföter über Rembrandts 
Hundertguldenblatt zu unterhalten verjucen. Er würde das Blatt anjchnüffeln 
und da8 Beinden heben. 

Cin Anonymus jchreibt in der Weltbühne eine Skizze folgenden Yubalts: 
Hieronymus fieht im Schaufenster des Herrn Blütenzweig eine Madonna: „Die 
Gejtalt der heiligen Gebärerin war von berüdender Schönheit, entblößt und fdon.” 
Er nimmt Aergernis (an der Geftalt oder an der Umgebung im Schaufenfter?) und 
fordert von Herrn Blütenziweig die Entfernung des Bildes. „Herr Blütenziweig, 
weil er aus Deutjchland ift, fragt fogleich, ob der Herr in einer amtlichen Cigen- 
fchaft bor ihm ftehe. Nein, fagt Hieronymus, er Habe weder Amt noch) Würde von 
Staats wegen. „Die Macht ift nicht auf meiner Seite, Herr. Was mich herführt, 
ift allein mein Getwiffen.” Herr Blütenzweig aber jagt: „hr Gewiffen — nun, 
fo wollen Sie gefälligit — Notiz davon nehmen, daß Yhr Gewifjen fiir uns eine 
gänzlich belanglofe Einrichtung ijt.” , Und es ware nur zu wünjchen, daß alle 
heiligen Hieronymi mit der innerlich gehemmten Lujtbarfeit ein folches, ein gleiches 
SGcidjal haben mochten wie diefer da: durch den Hausdiener janft aber ficher auf 
die Straße gefebt gu werden. Mit dem Hinweis, daß ihr Gewifjen für uns eine... 
gänzlich belanglofe Erjheinung ijt! Das malte Gott!“ 

Soll man fih unterhalten mit den Blütenzweigen, denen die Strupel eines 
fronmen Gewiffens eine „völlig belanglofe Einrichtung” find? Die ihre „innerlich 
ungehemmte Luftbarfeit” für das einzig Berechtigte Halten? E3 find ja arme Kerle, 
aber —. 

Der Herr Blütenziveig hat immerhin ein erlöfendes Wort gefunden: „Durch 
den Hausdiener fanft, aber ficher auf die Straße fegen!” Durch die Polizei fanft, 
aber fiher auf die Strafe nah Warfhau, Paris oder New-York feben! Alles, 
was euch Die Leute tun wollen, tut ihnen auch! Die Deutfhen und Yuden, denen’ 
Anftand und gute Sitte nicht nur ironisch zu nehmende Dinge find, denen das Ge- 
wiflen nicht eine belanglofe Erjheinung tft, follten die Schigolche und Blütenzweige 
auf den Schub bringen. — 

Die Dinge liegen fo: Daheim und in den Schulen erziehen wir die Kinder mit 
bem ausgefuchteften Kulturgut, das unfere Väter uns Hinterlaffen haben. Früh be- 
ginnen wir mit Grimms Märchen, Richters und Spedter8 Bildern, Brentanos 
Märchen. Wir führen fie facht zu Goethe, Rembrandt, Beethoven empor. Aber jo» 
bald unfere Kinder auf die Straße treten, drangen fih Schigolh und Blütenziveig 
unausweichlich al8 Miterzieher heran. Unfere Kinder müjfen ihre Gemeinheiten 
und Efelhaftigfeiten fehen. Auf den Bahnhöfen, in den Schaufenftern, an den 
Reflamefaulen wimmelt e8 bon den Darftellungen perverfer Liederlichkeiten der 
Yırma Schigold und Blütenziveig. 

Sollen unfre Straßen, unfre Schaufenster, unsre Bahnhöfe, unsre Kunftaus- 
ftellungen, unfre Theater fo ausfehen, wie wir e8 wünfchen, oder fo, wie e3 die 
wirma SGdigold und Blütenzweig im Yntereffe ihres Gefchaftes fiir gwedmagig 
hält? 

Solf unsre Voltsfittlichkeit, foll unfer deutihes Empfinden für Anftändigfeit, 
Ehrbarkeit, Redlichfcit, Gite in der Welt erhalten bleiben als Mutterboden einer 
reinen, feufchen Runft und Kultur, oder follen wir das alles dem Herenjabbat der 
„innerlich ungehemmten Lujtbarfeit” preisgeben? Oder follen wir hoffen, dak Beit 
und Entwidlung ung jchließlich retten? 


152 


Alfred Kerr fagt: ,Wuf die ,Entwidlung” allein fonnt ihr warten . . . bis ihr 
ihwarz jeid. — Die Welt will ben Schub3.” Wohlan, Kerr und Schigold und 
Bliitengweig follen die Gejdubjten fein. 

Der „Schubs” ift eine Machtfrage. 


Selbithilfe. 


Wer aber joll jhubjen? Der Staat? Können wir von ihm bei dem Zuftand 
unjres politifden Parteitvefens etwas fir die Kulturnot unfres Bolfes erhoffen? 
Da Steht Rathenau-Kapital gegen Stinnes-Rapital. Bankfapital gegen Landiwirt- 
Ichaft. WUWrbeitgeber-Gnterefje gegen Arbeitnehmer-Qntereffe. Das Antereffe der 
Aemter-nhaber gegen das Fntereffe derer, die e8 noch nicht erreidt haben. Fiskus 
gegen Privatwirtichaft. Und endlos fo weiter. Laßt alle Hoffnung ſchwinden! 

Dder dürfen wir auf unsre deutfchen Gerichte Hoffen? Selbit wenn fie 
richtige Recht fanden, ihre Enticheidungen find tatfadlic) madtlos. Celly de 
Rheydt zahlt in Berlin ihre Strafe, dann geht fie, dankbar für die gerichtliche 
Reklame, nad) Hamburg und fonjtwohin und tanzt weiterhin nadt. Aber wir können 
nicht einmal mehr ein richtiges Urteil hoffen. Lieft fich das Urteil im Reigen- 
Prozeß nicht wie ein Plädoyer für Schnigler? Das, tuorauf es im Grunde antam, 
hat da8 Gericht garnicht erfaßt. Schon das Aufgebot der Sachverftändigen und die 
gerichtliche Veranftaltung von Vorführungen offenbaren, auf was für einer ab- 
wegigen Straße fic) heute die Rechtfprechung befindet. 

Ein bezeichnendes Beifpiel unfrer Rechtfprehung in Fragen der Voltsfittlich- 
feit erlebte der Reichsjugendring, der die „Luftigen Blätter”, eins der peinlichiten 
Wigblätter, erwachfen aus dem Milieu Schigolh und Blütenzweig, auf die Lifte 
Ihlechter Zeitfchriften gejegt Hatte mit der moralifd) unanfechtbaren Bemerkung: 
„Enthalten oft Schmuß.“ Der Verlag fegte beim Gericht in Berlin eine einfttverlige 
Verfiigung durch, dak die Lifte mit jener Bemerkung zu unterdrüden fet. Auf den 
Einfpruch des Reicdhsjugendringes erging eine Entjcheidung, die uns belehrt wie 
folgt: „E8 ijt zuzugeben, daß die Luftigen Blatter diefeg Motiv (das erotijche) „in 
den lesten Yahrgangen ftark in den Vordergrund geftellt haben. Die fittliche Auf- 
faffung auf gefchlechtlichem Gebiet hat fich aber — fo bedauerlid) dies auch an fid 
fein mag (wörtlid: fein mag. Achjelzuden!) — in neuerer Beit zweifellos im all- 
gemeinen vergröbert. Dak eine Zeitfchrift diefem Gefdmad Rechnung trägt, gibt 
dem Reichsjugendring nicht das Recht, die Luftigen Blatter unter die Sdmut- 
Ichriften oder jchlechten Bücher einzureihen ... Wenn der Reidhsjugendring die 
Lujftiqen Blatter durch die Bezeichnung al8 Schmugfchrift boyfottiert, fo widerjpricht 
fein Vorgehn den guten Sitten.” — Wenn fich die Arbeiter gegen einen hartnädigen 
Arbeitgeber durch Boykott wehren, fo ijt das ihr gutes Recht. Wenn fich aber der 
Reichsjugendring gegen die Hhartnädige „innerli ungehemmte Luftbarfeit” der 
Luftigen Blätter durch Boykott wehrt, dann ijt das auf einmal ein „Verjtoß gegen 
die guten Sitten”. Die guten Sitten der Luftigen Blätter find durch die „Ver= 
gröberung“ der „jittlichen Auffaffung” (in Berlin) ohne weiteres gerechtfertigt. 
Das Gefhäft mit Serualien ift fein Verftoß mehr gegen die „guten Sitten”, aber 
der praftifche Fdealismus der Jugend ift eine fchlechte Sitte. D deutjches Gericht! 
Wir erklären rund heraus, daß wir die Entjcheidungen des Berliner Yandgerichts 
in diefen Dingen moralifch nicht mehr anzuerkennen vermögen. Wir wirden 
ung feinen Enticheidungen nur noch unterwerfen als einer Aeußerung der ftaat- 
liden Gewalt. 

(Auf fo manchen Gebieten entfernt fich unsre Rechtiprehung mehr und mehr 
bom gefunden Volfsempfinden. Wir erinnern nur an die geringe Beitrafung jener 
Gräfin, die einen Mord anzujtiften verfuchte. Stand und Bildung follten in der-. 
artigen Fallen nicht al8 ftrafmildernd, fondern als jtrafverfchärfend gelten. Wir 
meinen, daß der Grund für folche Unficherheiten des Urteils in der fachlichen 
Enge de3 juriftifchen Studiums zu fuchen ift. E38 fehlt den Yuriften, foweit fie 


153 


fich nicht freiwillig tvetterbilden, an recht3philofophifder and allgemein-philojopht- 
{her Bildung. Daher die Scheu, aus eigenem Gemiffen zu urteilen, die Aengitlich- 
feit, mit der man fich oft an „Sachverftändige” Fammert, die in vielen Fallen gu- 
gleich Snterefjenten find. Das nebenbei.) 

Der Staat mit feinen Parlamenten und Gerichten wid unferm Volt in feiner 
Kulturnot nicht helfen. E38 bleibt nur die Selbfthilfe. Nichts andres als 
Selbithilfe waren ja die Theaterffandale der legten Beit. Ergebnis: Die Schupo 
und Gipo wird im Dienfte des Serualienhandels gegen das Bolf aufgeboten. 
Folgerung: Man laffe von diefen zwedlofen turbulenten Handlungen ab. 

Einen andern Weg gibt die Frankfurter Zeitung an: „Sn Ulm haben die 
Theaterfritifer der dortigen Tageszeitungen, des liberalen, des demofratifchen, des 
fozialdemofratifden und des Zentrumsblattes, gemeinfam der Theaterleitung er- 
Härt, daß der anwidernde Sinneskigel der Stüde ihrer KRammerfpielabende mit 
wahrer Kunft nichts zu tun haben und daß fie die Theaterberichterftattung einftellen 
würden, wenn das Theater feine Richtung nicht andere.” PVortrefflich für alle noch 
nicht verberlinerten Städte! 

Ein weiteres Mittel ift, daß alle, die den reinen Kulturwillen gegen den „un- 
gehemmten Lujtbarfeit3-Willen durchzufegen fuchen, fih in Rulturbünden 
zujannmenjchließen. Wir haben aus unferem SKreife heraus die Fichte - Gejell- 
haft und die Deutfhe Bühne gegründet. Ye ftarfer diefe Organifationen 
tverden, um jo mehr werden die Kulturhändler der „ungehemmten Luftbarfeit” ent- 
fagen und fi) den Wünfchen der „anftändigen Konjumenten” fügen müjjen. 

Das legte und gründlichjte Mittel aber ijt der Boyfott. Geht nicht mehr in 
die Theater, die Serualien davbieten. Pleite follen fie gehn, tvie fie e8 verdienen. 
Die Angit vor der Pleite ift fchließlich das einzige „moralifhe Gefühl”, das auch 
die geldgeiliten Theaterunternehmer zur Anftändigkeit zwingt. Kauft nichts, gar 
nichts mehr in Bahnhöfen, Zeitungsbuden, Papiergefhäften, Buch- und Kunftläden, 
bie Serualien aushängen. Sie mögen ausprobieren, ob fie auf die Dauer von dem 
Publikum leben können, das durch Serualien gelodt wird. 

Die körperliche und feeliiche Gefundheit unfrer Kinder und Enkel ift wichtiger 
als die „ungehemmte Luftbarkeit” der Schigolch und Blütenzweig. Die Unverfälicht- 
heit und Wahrhaftigkeit unfrer deutfden Kultur ift wichtiger als der Tikelnde 
Genuß einer entarteten Genfibilitat. Hier ift die Front des Kulturfampfe 
unferer Zeit. St. 





Seine Beiträge 








Wir und der ruffife Hanger. 


Syie Hungersnot in Rußland wählt. Ymmer weitere Gebiete geraten in ihren furdt- 
baren Bann. Nach den lebten Meldungen auch die Gegenden am Schwarzen und 
am Wfowfden Meer. 

Cs Hilft nichts, ih taub zu ftellen gegen den Hilferuf der Hungernden. Er wird zu 
gellendem, marferfhütterndem Schrei. 

_ Gewifk geht es uns felbft fdledt; wir fonnen weniger geben und helfen als die 
Boller der Siegerftaaten. Aber wir tun weniger, al3 wir fonnen, und wir vernadlaffigen 
unfere wichtigite Wufgabe, die Gewiffen der Volker weden zu helfen, die für die Hungern= 
den am meilten tun könnten, aber ihnen aegenüber bisher am meisten berfchuldeten und 
am meilten berfäumten. &3 find auch unfere PBeiniger, die verhindern, daß den Hungern- 
den in Rußland in wirkfamer Weife geholfen wird, und wir verjtehen e3 nicht, unfere 
eigene Stellung ihnen gegenüber zu verbeifern, indem wir die Gace des Hungernden 
zur unfrigen maden. 

Wohl ijt e3 wahr, daß die boljchewiftifchen Mach:haber an der Größe des Hunger- 
elends in ihrem Lande mit Schuld tragen. Es hätte nicht foldhe Ausdehnung annehmen 
fonnen, wenn jie weniger unfruchtbare einfeitige Parteipolitit und mehr praftifche Wirt- 


154 


' 


fchaftSpolitif getrieben hätten. Yhre Politit der „Zerlegung“ des Dorfes hat 3.2. 
feine der Erwartungen erfüllt, die jie — ſetzten, ſie hat wohl alte Feinde vernichtet, 
aber viel mehr neue gezüchtet und dabei mehr als alles andere dazu beigetragen, bäuer— 
liche Betriebe zu zerrütten und lahmzulegen. Aber die Sowjetführer haben ja viele 
der von ihnen begangenen Fehler eingeſehen und ſuchen ſie wieder gut zu machen. Und 
nicht wahr tft es, daß die Hauptverantwortlicden dafür, daß die ruſſiſche Hungersnot ſich 
0 Iehr über das durch die lektjährige Dürre allein bedingte Ma& ausdehnen konnte, in 
osfau, ftatt in London, Paris und Wajfhington oder New York gu fuchen wären. 

Die Dürre war ein Naturereignis, für das kein Menfch verantwortlich zu madden ift, 
aber die Blodade, die thr vorarbeitete, war Menjchenwerk und als joldhes eine Fort- 
(een der Blodade, der Deutjchland — des Weltkrieges unterworfen war. Die— 
elbe Herrenkaſte, die die ihrer Weltherrſchaft beſtimmte Friſt künſtlich zu verlängern 
trachtete, indem ſie Deutſchland durch Hunger ſchneller als durch Waffen zu bezwingen 
ſuchte, hat auch gegenüber Sowjetrußland in einer Hungerblockade die wirkſamſte Waffe 
zur Durchſetzung ihrer Zwecke geſehen. Ihre Rechnung war in beiden Fällen falſch. Der 
Hunger iſt eine Macht, die ſich letzten Endes mehr gegen die richtet, die ihn — 
als gegen die, die ihn erleiden. Wohl brach das alte Deutſche Reich zuſammen und über— 
ließ die an ſeine Stelle tretende Republik der unvermeidlich gewordenen Schmach des 
Verſailler Friedens. Aber das deutſche Volk kämpft ſeinen guten Kampf mit un— 
kriegeriſchen Waffen weiter. Wenn der deutſche Proletarier mit zuſammengebiſſenen 
Zähnen bei der Arbeit unter den Bedingungen ausharrt, wo der — zehnmal ſtreikt, 
wenn er trotz des Druckes eines ungeheuerlich ungerechten Friedens jene „Dumping“- 
Ausfuhr möglich macht, die zum Schrecken der Sieger geworden iſt, weil ſie bei ihnen 
Millionen Hände zu unfreiwilliger Muße zwingt, ſo iſt es vor allem die Erinnerung an 
die Hungerblockade der Kriegszeit, die ihn dazu antreibt. Und in Sowjetrußland wurde 
die Blockade der angelſächſiſchen Mächte zum wirkſamſten Werbemittel, um die Reihen der 
roten Armee immer wieder mit todesmutigen Kämpfern zu füllen. Lebhaft ſtehen vor 
meiner Erinnerung die Tage, wo im Frühjahr 1920 die Sowjetherrſchaft in Odeſſa durch 
den Vormarſch der Polen ernſthaft bedroht ſchien. Yeh leitete in der Odeſſaer Kreis— 
exekutive eine für die Angelegenheiten der deutſchen Koloniſten eingerichtete deutſche 
Sektion. Polniſche Agenten wühlten in den Dörfern, um hinter dem Rücken der roten 
Armee die Bauern aufzuwiegeln. Ein kleiner Aufſtand konnte die Bolſchewiken die 
Zwangslage herbeiführen, Odeſſa zu räumen. Alle in den Sowjetämtern irgendwie 
entbehrlichen Kräfte wurden ausgeſchickt, dieſe Gefahr zu beſchwören. In Begleitung 
eines der führenden Kommuniſten in Odeſſa, des Genoſſen Blau, eines deiten, beſuchte 
ich die deutſchen Dörfer in der Umgegend Odeſſas, um die Koloniſten, die im Sommex 
1919 einen Aufſtand gemacht hatten, von Unbeſonnenheiten abzuhalten. Wir fanden die 
Stimmung über alles Erwarten günſtig. Es war nichts weniger als Zufriedenheit mit 
der Sowjetregierung, was die deutſchen Koloniſten bewog, in dieſen kritiſchen Tagen treu 
zu ihr halten, ſondern die Erbitterung darüber, daß die großen nee Mächte gwar 
feine Düttel jcheuten, um durd Lieferung von Geld, Waffen und Munition auf ruffifder 
Erde die Kriegsfurie zu immer größeren Verheerungen auszurüften, dagegen der Be: 
bölterung * die Blockade alle zu ihrem Unterhalt notwendige Einfuhr vorenthielten. 
Es war den Vertretern der Sowjetregierung nicht ſchwer, ſelbſt den ihnen an und für 
fic) feindlich gefinnten Bauern Elar gu madden, dak die Sache derjenigen fremden Re— 

lerungen nicht qut fein fonne, die für Nußland wohl Mordwaffen in unbegrenzten 
engen und gegen unbegrenzten Kredit, aber unter feinen Umftänden nüslide Waren, 
fei eS mit, fei e8 ohne Kredit, zu liefern fich bereit zeigten. 

Auf 5598000 Tonnen bezifferte fich die Ausfuhr britifher Kohle nah Rußland 
während der 11 Monate bis zum 30. November 1913, aber in den 11 Monaten bis 
Nevember 1921 betrug diefer Export nur 126400 Tonnen. Dabei find allein in Siüd- 
wales 50000 Bergarbeiter eriwerbslos. Lieber fütterte der englifde Kapitalismus ein 
Sr bon Arbeitslofen, als daß er Somjetrußland rechtzeitig in Stand gefegt hatte, feine 
Snduftrie und fein Transportwefen vor immer größerer Zerrüttung zu bewahren. Und 
lieber ließ man in den PBereinigten Staaten einen gewaltigen Weberfluß an Weizen 
in den Speichern verfaulen, ehe man e3 über fich gewann, durch rechtzeitige Getreide- 
lieferungen nah Somjetrußland auf das rührfelige Schaufpiel zu verzichten, dur 
Organifierung von Son tee unger in den rufjifden Hungerdijtriften vor aller Welt die 
angelfadjijd-hriftlide Barmherzigkeit nlänzen zu lafjen. Sn Argentinien konnte man 
im legten Sommer Lofomotiven mit Mais heizen und in Kanada lagen 50000 Zonnen 
Weizen zur Ausfuhr bereit, während Züge und Schiffe, die Lebensmitiel nach dem 
bungernden Rußland hätten bringen fünnen, leer auf den Schienen oder in den Häfen 
lagen. atten aber die Herren diefes Weberfluffes Rußland vor der Hungertatajtrophe 
bewahrt, dann hätten fie die öffentliche Meinung der Weit, die hauprahlıh tie au 
prägen vermögen, weniger über die Schledhtigfeit der boljchemijtifhen Machthaber fi 
entrüften und weniger über die Großartigkeit angeljähfifcher SORTIEREN LOL 
gen in Erjtaunen geraten lafjen können. tto Corbad. 


155 


Zu Schniglers „Reigen“. 


Sy) Gedanke, in einem Drama oder einer Szenenreihe den Gejchledhtstrieb als die 
alles beberrfdende Macht zu zeigen, ift thn und groß. Wer fid-an diefen Gegen- 
ftand heranivagt, muß fid) die Kraft eines Lowenbandigers gutrauen; denn leichter als 
das Bahmen wilder Liere ijt e8 ficher nicht, diefen Gegenjtand durch die Kunft von den 
iibermadtigen begleitenden Empfindungen loszulöjen. 

Behnmal geigt uns die Sgene bet Schnibler einen Mann und ein Weib, in denen der 
erotifche Trieb fich fteigert bis zur Auslofung, und der dann fchnell verflingt. Dadurd 
daß die eine der beiden Perjonen immer in der nädjten Szene mit einem neuen Menfchen 
in gleicher Lage wiederlehrt, und Anfang und Ende ficy jchließen, wird ein „Reigen“ 
bergejtellt.e. Der dee nach ähnlich dem, was inbezug auf Leben und Sterben in den 
„zotentänzen“ gemalt wird. E83 fann alfo der welterhaltende und melterneuernde ge- 
waltige Urtrieb in dicfer Form groß und eindringlich geitaltet werden; es fann ein 
monumentale3 Dichtiwerk auf diefe Weife entjtehen. 

Ein Ueberblid über die Folgenreihe der Schniglerfhen Szenen zeigt uns allerdings 
jofort, daß der Dichter das Problem in diefer Größe gar nicht erfaßt bat. Er hat es 
mwejentlich eingefchräntt. 

Bum Erften dadurdh, daß in diefem anregen die eigentlich gefunden Menfchen 
fehlen, jene einfachen, ungebrodenen Perfönlichkeiten, bei denen der Gejchlechtstrieb eine 
unmittelbare Zebensäußerung ijt, wie etwa bei Banernburfden. 

Zum Andern fehlen alle Menjchen, bei denen der Trieb auf ftarfe — 
ſeien es Hemmungen, die aus einer ſtrengen Familienerziehung hervorgehen, oder ſolche 
religiöſer Art, oder ſolche, die ſich für den verheirateten Menſchen aus dem Gefühl der 
geſchworenen Treue ergeben. Die Geſtalten für den „Reigen“ hat der recht enge Kreis 
von Wiener Großſtadtmenſchen geliefert, die einen weſentlichen Teil ihres Lebens auf 
der Straße verbringen, und wie man ſie etwa vom Fenſter des Kaffeehauſes aus beobachtet 

Zum Dritten wird das Problem dadurch noch bedeutend verengert, daß der 
gange —— — ausgeſchaltet wird, der ſich in Wirklichkeit mit dem Geſchlechts— 
trieb unlösbar verbindet. Alle Liebe, alles ſeeliſche Hinziehen von Mann zu Weib, kurz 
alles, wodurch das Animaliſche des allmächtigen Triebes veredelt wird, bleibt unbegchtet. 
Das nackte Austoben des Geſchlechtstriebes iſt geblieben. 

Gewiß iſt es das gute Recht des Dichters, ſich auf dieſes engere Problem zu be— 
ſchränken. Für die dichteriſche Behandlung desſelben erkenne ich allerdings nur eine 
einzige Kunſtform an: die Satire, vielleicht in der Weiſe des vorkrieglichen „Simpli⸗ 
ziſſimus“. Wenn die Menſchen dargeſtellt werden als armſelige Dinger, die willenlos 
und knechtiſch in der Gewalt des einen Triebes zappeln und die ſich dabei noch als höhere 
die Welt beherrſchende Weſen, ja jogat alg Stinjtler (der Didter!) fiiblen, fo fann ei 
Werk von tiefem Wert entjtehen. — — iſt allerdings, daß wir über dieſem 
Reigenvölkchen den in andern Höhen lebenden Dichter fühlen, der wie ein kleiner Herrgott 
die Marionetten an den Fäden in ſeiner Hand zappeln läßt. Nur dieſer klar erkennbare 
Abſtand des Künſtlers von ſeinem erſchaffenen Gewürm kann eine ſolche Szenenreihe 
ins Reich der Kunſt erheben. Und das fehlt dem „Reigen“. Dieſe Männlein 
und Weiblein ſind nicht aus dem Geſichtspunkt des Ewigen heraus geſehen und geſtaltet. 
Wir orn das — daß der Dichter nicht über ihnen ſteht, ſondern mitten drin in 
der er mit feiner „Liebe“ will ich nicht gerade jagen, wohl aber mit feinem 
„Berftehen“, was in der Zeit der mangelnden ethijhen Grumdeinftellung ja wohl als 
bödhfte Stufe der zu erreihenden Weisheit galt! 

Diefer Mangel der höheren Einftellung verjchließt das Wert dem Gebiet der Kunft 
und mweıft e8 dem Schriftgemwerbe gu, das von der Didttunft ebenfo jcharf gu 
trennen ift wie da3 Kunftaewerbe von den eigentliden bildenden Künften. Wir haben 
alfo nicht mehr nad dem fünftlerifchen, jondern nad dem Literari hen Wert 
des „Reigens“ zu fragen. (Daß diefe beiden Begriffe beim Kampf um das chnitzlerſche 
MWerf nit rein auseinander gehalten wurden, hat fiher auch zu der Verwirrung und 
zu bielen Mikverftändniffen beigetragen.) BS hes 

Ohne Zweifel ift die „Reigenform”, die jchlichte, Mar überfichtlihe Anordnung des 
Stoffes als ein nicht unbedeutender Wert angufpreden. Ausgenugt ift allerdings die 
Möglichkeit nicht, die in diefer en lag. Dadurd dab jede Perjon in zivei aufeinander» 
folgenden Szenen auftritt in ähnlicher und doc) wieder verfdiedener Lage, ergab fid die 
Möglichkeit, die Geftalten mit zwar wenigen, dody aber energiihen Zügen zu charakte⸗ 
riſieren. Zum Teil fehlt das ganz, (das ſogenannte Süße Mädel iſt z. B. in beiden 
Szenen gleich farblos und reizlos), zum Teil auch kommen arge Verzerrungen vor. (Der 
Ehemann ijt beifpielsweife iberhaupt nicht zu verjtehen, wenn fein Verhalten in beiden 
Szenen verglichen wird, ebenfo befommt der Dichter nicht etiwa irgendeine neue Be- 
leuchtung in jeiner zmeiten Szene.) 

Die Eharaltergeftaltung eae aupt recht unbedeutend, und das ließe fi nur dann 
rechtfertigen, wenn die ganze Gefellfchaft als einheitliche Maffe, alle von einem und dem- 


156 


ce Trieb getrieben, hatte gezeichnet werden follen. Das aber wieder hatte zur 
orausfegung gehabt, daß Schnigler den großen Gedanken wirflid ins Rimnitlerifehe 
erhoben und ihn monumental geftaltet hätte. Cine Charafterifierung ijt ohne Zweifel 
beabfichtigt, nur ijt diefe nicht von innen heraus unternommen. Gie wird durd Aeußer- 
lichkeiten wie durch aufgetragene Glanglicter angeftrebt. (Man beachte als. Beijpiel, 
wie der Dichter al3 Dichter charakterifiert wird.) 

Zu meinem Erjtaunen las ich vielfah, wie man den Humor Schniglers in diefem 
Werk pried. Ein fo flaher Humor! Wieder veriveife ich auf die Geftalt des Dichters, 
bei welcher ja der „Humor“ dazu dienen foll, ihn zu charakterifieren. der greifen 
wir einen Einzelfall heraus: Die junge Frau begehrt ein Glas Wafler. Der junge 
Mann holt es aus dem nebenan liegenden Schlafzimmer. Sie fragt, obgleich fies an 
müßte: „Wo waren Sie denn?“ Und er antwortet: „Ym — Nebenzimmer.” Die Bue 
Ihauer lahen natürlihd. Aber wie albern, eine Frau fo dumm fragen zu Taflen, nur 
um einen rg zu madden! 

Die ganze Unfähigkeit, fünjtlerifch zu geftalten, zeigt fi aber in den erniten Teilen. 
E3 werden van diefen Menfhen nämli” mandmal aud ernfte Worte gefprocderg 
meijten3 pon Liebe, LZeidenfchaft und dergleihen. Manche Sritiler find darauf hinein- 
gefallen und haben bier von ,,Philojophie” geredet. Yn Wirklichkeit find diefe Redens- 
arten fo oberflächlich, jo gleidflingend im Munde der verfchiedenjten Menfchen, daß nie- 
mand würde erraten können, iver das eigentlich fagt, wenn ich hier Stüde des Dialogs 
———— Es kann nur ſo gemeint ſein, daß der Dichter all dies Gerede hat ver— 
potten wollen, denn mehr als Spott iſt es im Munde dieſer Menſchen auch nicht. Nur 
können wir wirklich nicht klar erkennen, ob die Worte ſollen ernſt gemeint ſein, oder ob 
ſie auch von dieſen Menſchen ſelbſt mit innerem Spott ſollen gebraucht ſein, oder ob 
der Dichter ſich ſo hoch über ihnen fühlte, daß er von ſeinem Standpunkt aus dieſe Redens— 
arten als Geſchwätz anſah, während die Geſchöpfe ſeiner Muſe ihrerſeits an die Wahrheit 
derjelben glauben follten. Diefes Unvermögen, Har zu fein, ift ein fehr großer Mangel 
am „Reigen“. Dadurch entjtehen Brüche und VBerzeichnungen von Szene zu Szene. (Be: 
ie * Ehemann und der junge Herr ſind dadurch ganz verwiſcht, ja unmöglich ge— 
worden. 

Vielfach wird dem „Reigen“ als Wert angerechnet die getreue Wiedergabe der 
äußeren Welt. Br der Beit des — Naturalismus galt das als beſonderes Kenn— 
eisen der Kiünitlerfchaft, und der „Reigen“ ift no ein Werk jener vergangenen Heit. 

un jteht aber längft das Urteil der Sacdperitändigen feit, daß _die dauernd werivollen 
Werfe des Naturalismus nicht wegen ihrer „naturaliftiihen“ Treue, fondern weil in 
ihnen das Teuer einer renter ieee brennt, nod heute als Runftwerke gelten. Gang 
gewiß müſſen wir eine fcharfe Beobadhtungsgabe bei Schnigler anerfennen; das aber 
alg literarifchen Wert von einiger Bedeutung zu bezeichnen, wäre dody gleichbedeutend mit 
ber Verwechslung einer Photographie und eines Porträts. 

Wirklider Wert ift außer der fhon anerkannten Formgeitaltung des Stoffes die 
durchiveg wiederkehrende piychologifch richtige Ablaufreihe der erotif den Anreizung und 
der nah der Auslöfung ee Simmung beim Mann und beim Weib. Diefe 
Werte find aber im ganzen jo unbedeutend, dak man den „Reigen“ rubig an dem Plag 
hätte lafjen follen, den ihm die felbfturteilende Beit {don angewiefen hatte: das Grab in 
der dunfeln Ede der Sortimenterlager. Gelefen wurde das Bud faum nod; hod eine 

{habt wurde e3 vor dem Prozeß aud von den Literaturprofefforen nid. Als Beweis 
ient mir — Witlomäli, der e8 in feinem Solleg über die jüngfte Literatur garnicht 
erwähnte, obgleih er Schnigler ausführlich genug behandelte. 

Und nun fommt das andere hinzu, daß in diefen Tagen, wo alles aus den Fugen 
geht, diejes Werk auch noch aufgeführt werden muß. Da haben wir e8 mit etwas Neuem 
u fun; denn die Bühne fchafft eigene Werte und Univerte, die unabhängig dom Ge- 
(öriebenen find. Das ijt, fo weit ich aus den Zeitungsberichten habe erjehen fonnen, von 

en Sachverftandigen im Reigenprozeh nicht geniigend beadtet worden. Sonjt hätte das 
Unding nicht geichehen können, daß eine „Aufführung für das Gericht“ veranjtaltet worden 
ware. Das ijt in diefem Falle eine VBerkennung der Theaterpfychologie. Der wicdhtigite 
und frafjeite, darum am jchnelliten einleuchtende Unterfchied awifden dem Lefen und 
Sehen des „Reigen“ ift kurz gejagt: die Erjekung der Reihe Gedankenjtriche durch die 
dunkle Minte im Theater. Das heißt: Schnibler hat in jeder Szene, wenn er die 
erotifhe Steigerung auf die Höhe getrieben hat, eine Reihe Gedankenftriche gefebt, die 
befagen, daß nun der Akt zu denken fei; und dann läßt er die Menfchen wieder aus ihrem 
Raufch erwachen. Sm Theater, wenigjtens in den Hamburger Kammerfpielen, wo ich den 
„eigen“ jah, wurde im entfcheidenden Augenblid alles in Dunkel gehüllt.e Cs entfteht 
für den Zuſchauer eine fehr peinlide Minute, die, wenn der Beleudkungsinjpeltor ein 
wenig zögert, jich zu einer Eleinen Ewigkeit auszudehnen ſcheint. Dieſe dunkle Minute ift 
nad; meiner Beobadtung das Gemeinjte bei der ganzen Aufführung. Cs wird mir ja 
wohl jeder ehrliche Menjch zugeben, daß fchon das Xejen des Buches finnlich fehr ftart 
anregt. Schliehlich Tieft man aber über die Gedantenftriche in einer Sekunde hinweg und 


157 


ijt wieder ixgendiwie befdhaftigt im Geift. Gm Theater aber hat jeder die verhältnismäßig 
lange Minute tm Dunleln voll auszubalten. CEntfprechend der ftarferen Wirlung, die 
bon der Bühne ausgeht, fpinnt die Phantafie das a der Bühne Gefehene folgerecht 
weiter; denn es ift nichts, aber audı el da8 ibn davon ablenfen fonnte. Der 
Dichter hat ja nidmts, was meinen Geift mu beihäftigen könnte, in mir auf 
eregt, einzig den erotifden Gefühlsdrang. Nun möge dod) jeder feine pfycdologifde 
enntnis bernehmen und fich fagen: Wenn ich als beauftragier Beobadter ( wie die 
Gerihtstommiffion) oder als freiwilliger Beobachter (wie ich felbjt) oder al vor- 
eingenommener Menjh (wie etwa Profefjor Brunner fein mag; ich weiß das nicht) im 
Sheater fige, dann ijt diefe fdwitle dunkle Minute allerdings ausgefüllt durch Selbit- 
beobadhtung, Kritit ufm. Dadurh wird natürlich der andrängende Schwall erotifcher 
Empfindungen ftark gedämpft und niedergedrüdt. Yn folchem Falle dürfen wir uns aber 
bod) nicht al3 die normalen Befuder betradten. Gm Gegenteil verlangen mir 
gerade, dab das PBublitum mit freiem, unbejchwertem Geift ins Theater fommt, um willig 
dem Dichter zu folgen Weine Beobachtungen haben mic gezeigt, daß, das Publikum 
mit freiem, unbejhwertem Geift ins Theater fommt, um millig dem Dichter zu folgen 
Meine Beobachtungen haben mir gezeigt, daß das Publikum das auch getreulich tut. Die 
Zwiſchenrufe und die Geſpräche in meiner Umgebung waren mir Beweis, daß der 
„Reigen“ durch die Aufführung rein ſinnlich aufregend wirkt, da keine künſtleriſchen Werte 
im Stücke ſind, die das Empfinden der Zuſchauer vom Erotiſchen ablenken könnten. 
Ich fithre alS Gegenbeweis eine Szene aus Hauptmanns ,Qndipohdi” an. Ym 
vierten Wt vereinigen fid Bruder und Schwefter in Blutfchande; fogar in einer Tempels 
alle. Die Regieanmerkung lautet: „Er reißt fie an fic. Sie hängt willenlos in feinem 
rm. Mit wirtenden Küflen bededt er fie. Volle Umarmung. Stille. Geräufh von 
Paulen und Zimbeln nähert fich jest.” C8 foftet ein fühles Ueberlegen, um überhaupt 
u erkennen, daß hier genau dasfelbe dargeftcllt wird wie im „Reigen“. Und doch wird 
cher feinem Menjchen in den Ginn fommen, fic negen diefe Szene zu wehren. (lind 
täte e3 jemand, fo wäre für mid bier, aber Bi bei der BLEIBENDEN der 
Prüfftein, ob er ein Muder und Schnüffler oder ein Menfh mit Ehrfurdt vorm Kunjt- 
werk ijt!) Warum werten wir diefe Szene bei Hauptmann anders als die ähnliche bei 
Schnigler? Weil hier das Ereignis ins wae tela eee ijt. Der Schöpfer diejer 
Szene ftectte felbjt nicht drin im finnlichen Raufch fetner Gefchopfe. Hier bricht vielmehr 
das Urgewaltige des Zeugungstriebes durch, vor dejjen Gewalt wir Ehrfurcht empfin- 
den Hier it e8 ein wirkliches Hinreißen von Mann zu Weib, durd eine Weltenfraft, 
die in ihrer Mäcdhtigkeit erhaben wirkt. Nichts von Kikel, nicht3 von Geilheit, denn aus 
ber tief bewegten wogenden SKiinjtlerjecle floß diefe Szene in dad Werk hinein. Und 
nun twieder dag vorhin erwähnte piychologiihde Moment: wenn wir diefe Szene erleben, 
dann ift unfere Seele nicht nur durh erotifche Empfindungen bewegt, fondern wir 
find dDurd andere große Kdeen, Gegenfäbe, Gedanken, Eriheinungen, Ereigniffe, die dads 
Kunftwert aufgeworfen hat, derart angefpannt, fo aefüllt in unjerm Bewußtfein und 
Unterbewußtfein, daß für ein Einwühlen in Erotik, ein Schwelgen in finnlihem Behagen 
überhaupt fein Raum in unferer Seele bleibt. 
Das ijt die Kunft, welche volle Freiheit verlangen darf. Kein Verniinftiger wird fie 
antajten wollen. Georg Kleibömer. 


Der verhakte Kant. 


cs ber Preffe läßt fich neuerdings eine eigentiimliche Herabjegung Kants beobadten. 
E cat fei „uberwunden”. Folglih fei er nicht mehr wert, daß man fic) mit ibm 

eichäftige. 

Gewiß ftedt Kant, obwohl er der große Meberiwinder des Nationalismus ijt, jelbjt 
noch tief in den Anjchauungen des adjtgehnten ap rpunberte: Man fann heute fehr 
beftimmt fondern, toads bei ihm nod adjtgehntes Jahrhundert ijt und was darüber hinaus- 
ragt. Diejes Ueberragende aber ift ein ,,ewiger” Bejitb der Menjcdhbheit und gehort zu dem 
tiejfinnigen Gdauungen, die der deutidhe Geift gu der Entwidlung des Großen nzen 
beigetragen hat. Das Wefentliche der Fantifhen Schauung wird nicht „überwunden“, jo 
wenig wie ein Homer, Platon, Paulus, Dante, Goethe „überwunden“ werden, jondern der 
Beift muß immer wieder durch fie „hindurchgehn”. 

_ 83 it in einem bejtimmten Sreije des Katholizismus Mode geworden, Kant zu über» 
winden. Wn einem Kreife, der den [lichten Katholizismus mit artfremdem Ejprit pho3- 
horeszieren madt. Yür den PEN ne ilt e8 wunderlich zu beobadıten, wie diefe 

Re Philofophiereret fic) bedeutend macht, indem fie auf Kant berabblidt. 

ieje Geifter werden nicht über Kant hinausftommen. 

‚, Aber das jtellt die Zeit von felbjt wieder in die Ridte. Schlimmer ijt e3, wenn ein 
leichtfertiger und unmwahrhaftiger TFeuilletonismus daran geht, unferm Volke den Men- 
{den Kant gu verefeln, um auf folde Weije mittelbar auch feine Lehre herabzumürdigen. 
Kants Leben ijt eins der rithrendften Leben, die je gelebt wurden. Rant3 Charafter ift 
jo lauter, dak man ihn nist ohne Chrjurcht betradten fann. Der moderne Feuilletoni3- 


158 


gegen Kant, autore Max SKleinfchmidt, in die Welt jende 

Kleinihmidt ftellt fic) al3 ,Hannoveraner” bor, er will gegen das „Preußentum” 

i syelde atehn, darum mill er den „preußiichen Sant” ftürzen. Gelefen bat er offenbar 
ant jelbjt nidt, ec fennt, aus dem Bampblet au Iließen, nichts weiter als BVorlanders 
— übrigens ausgezeichnetes — „mmanuel Rants Leben”. Das genügt offenbar für 
das Feuilleton des „Tags“. Herr Kleinjdmidt aus Hannover wirft Kant, dem das Leben 
wiıhrhaftig nicht leicht geworden ijt und der mit Pfennigen rechnen mußte, vor, daß er 
oe jo gut verdient habe, daß er fich elegant fle@en, einen Bedienten halten, jehr 
ut efjen und guten Wein trinfen fonnte.” Wir willen, wie Kant im abgejchabten Rod- 
ein, Wenn aud) jtets jauber ging, wie er, der auf forgfältige Erjcheinung Wert legte, Mlei- 
dung leihen mußte ujw. Wenn der Alte, auf den Deutiihland mit Bewunderung jchaute, fid) 
nicht mehr eigenhändig das Bett machte und die Stube kehrte, jo fann fich darüber — 
nur ein Schwadroneur aufhalten, der, wern aud aus Hannover kommend, in Berlin 
im elle den Komfort der Neuzeit genießt. Herr Kleinjhmidt aus Hannover 
Ihreibt: „Kant las durchfdnittlich fechzehn Stunden Kolleg wöchentlich, anfänglich ettwas 
mehr, [pater etwas weniger. Dieje Kollegs jcheinen ihm feine fonderlice Freude gemacht 
zu haben. Er hätte jie einihgränfen fonnen: dann hätte er aber gleichzeitig feine Anſprüche 
an das Leben einſchränken müſſen. Da er beides nicht tat, müſſen wir ſchon annehmen, 
daß ihm an guter Geſellſchaft, gutem Eſſen und gutem Wein mehr lag, als an vermehrter 
Muße: primum (bene) vivere, deinde philoſophari.“) Dieſe Sätze ſind eine der größten 
Roheiten, die jemals von Literaten begangen worden ſind. Hat Kleinſchmidt eine Vor— 
— was das heißt, ſechzehn Stunden wöchentlich wiſſenſchaftliche Kollegs zu halten? 

ieviel Gelehrte können das überhaupt? Und daneben ſchrieb Kant ſeine Kritik der 
Vernunft! Man wundert ſich nicht mehr, wenn das gelaſſene Verhalten des uralten, 
über das Irdiſche hinausgewachſenen Kant gegen die Zumutung Friedrich Wilhelms des 
Zweiten von Kleinſchmidt als „ängſtliche Fügſamkeit eines ftrebjamen Dupendgeheim- 
rats” bezeichnet wird. Man wundert ji) nicht mehr, wenn Kleinjdnridt uber die Che- 
lofigfeit Rants herfallt und darüber ins Hündilche gerät. 

Daf ein Literat feine Ehre preisgibt, um nur auf irgend eine Weije geijtreich zu 
ecjdjeinen, fommt hin und wieder vor. Daß ein Redakteur des „Tags“ jo wenig auf 
Ehre hält (und jo ungebildet ift), BERDIEIWEN zu veröffentlichen, hätten wir nicht für 
möglich gehalten. eh eine Entihuldigung oder Berichtigung der Roheit haben wir 
nicht gefunden. Die oan und Schriftiteller feien darauf aufmerffam gemadt, in 
welde geiftige Gefellfdaft fie im „Tag“ geraten. 

Ss ijt bezeichnend, daß heute fo viele einen formfrajftigen, getvaltigen Gedanten- 
architekten wie Kant nidt ectragen mogen, daß je feine Autorität abjchutteln möchten. 
Wie behagli fönnte fich jene myjtifch-intelleftuelle Fdeenflucht, die fich in „modernen“ 
Statholizismen gefällt, ergehen. Wie könnte man jo nett.parlieren, jhmadronieren, räjon- 
nieren, metapbyfizieren, wenn nicht mehr der jchwierige alte Königsberger im Hinter- 
gan) jtande, und wenn man nicht immer das Gefühl haben müßte: e3 nimmt ung fein 

njch ernjt, folange wir uns nicht mit dem auseinandergejegt haben. Darum möchten 
fie den Schred aller philofophierenden und mipjtizierenden Literaten gern mit ihrem 
eigenen Gejpinft verhängen, wenn's fein muß, auc) mit Dred zudeden. 

Aber ftellt Eud, wie $hr wollt: er ift „nicht totzufriegen“. Yh Hoffe von dem 
weiten Bande meiner „Kant-lleberjegung“, welcher die Kategorienlehre bringt, ein wenig 

azu beizutragen, daß Sant unter den Gebildeten unjre3 Volles nicht nur lebendig bleibt, 
jondern immer lebendiger wird. Einſchließlich ſeines „Preußentums“, meine Herrn rar 
noberaner! : 


mus bringt c3 gleidwobl fertig, an u beihmugen. Es ijt der „Zag”, der cin Pamphlet 
t. 


Der Beobachter 








ie Deutung des Namens der „Germanen“ ift viel umjtritten. SYüngft gab der 

Berliner Philologe Prof. Dr. Eduard Norden in einem Bortrag an der Hamburger 
Univerfität eine Deutung, die von allen die mwahrjcheinlichite if. Danadı) hängt der 
Vollsname mit dem lateinischen Worte germen: Keim, Sproß und germanus: echt, 
aus demjelben Wejen, alfo urfpciinglid entjproffen zufammen. Nämlih: Sr der Rhein- 
egend finden fid) Votibfteine mit Sfnfchriften in gemijchter, teil3 Tateinifcher, teils 
eltiiher, teil germanijher Sprade. Da gibt es Steine, die den Matribus Alagabiis: 
den „Müttern Allgeberinnen” geweiht find. Nun ift 1893 eine derartige, aus dem 
dritten Yahrhundert ftammende Anjchrift in Britannien gefunden worden, die von einem 
Juebijch-germanifhen Korps der römischen Armee ftammt. Diefer ift der „Mater Gar- 


*) Erft (qut) leben, dann pbhilofopbieren. 
159 


mangabi3” geweiht, er wendet fi alfo an die Garman-, d.h. Sproß-Geberin, an die 
Göttin, die das Wachstum in der Natur f[pendet. Statt Germani fommt mundartlich 
in der Tat auch Garmani vor. Es ift. aljo ein nur im Lateinijhen und Deutichen 
erhaltenes altes Wort, das bedeutet: von demjelben Stamm entiprofjen, urtümlich, echt. 
Die Germanen bezeichnen fid) dadurd) als ein ,urwidfiges” Bolt, nad dem alten, 
von Tacitug überlieferten Mythos: als ein der Mutter Erde felbit entiproffenes, nicht 
bon andern Volfern herflommendes Volf, alfo als ein im Fichteihden Sinne in fic felbit 
berubendes ,,Urvolf”. So nannten fie fid Ben aud ,Barbari”, und sar in ehrendem 
Sinne: die no Unverbraudter} unmittelbar Lebendigen, Kraftvollen. G3 hat einen 
eigenen Reig, diejes Wertlegen auf Uripriinglidfeit und Cdhtheit jdon im Volksnamen 
cusgedrudt zu finden. (Wie wir Der joll der Vortrag in erweiterter Gejtalt erjcheiner 
in einer geplanten Biicherreihe „Aus deutjcher Urzeit”, die Prof. Dr. Norden und Dr. 
Kiekebujh, der Abteilungsdireftor des Mäckifchen Mujeums in Berlin, planen) - 


De deutſchen Tageszeitungen geraten durch das unabſehbare Steigen der Papierpreiſe 
in die peinlichſte wirtſchaftliche Lage: wenn die Zeitungspreiſe ein beſtimmtes Maß 
überſteigen, beſtellen die Leſer das Blatt ab. Kein Wunder, daß die Verleger den Staat 
und die Oeffentlichkeit anrufen. Aber es gibt auch eine Möglichkeit der Selbſthilfe, die 
natürlich ar beadjtet wird: Wie die Staaten Abrüjtungsverträge jchliegen, jo mögen die 
Beitungen Bertrage uber Umjangsverminderung mit einander jdlieken. St es denn 
nötig, daß uns täglich eine folde Mafje Holgpapier ins Haus geliefert wird? Wozu die 
Berite uber Secystagerennen, über Mordprozejje, über Kino-Novitaten und all der 
Quark? Es ijt ein melandolijdher Gedanfe, dak um jolden Krimstrams willen Wälder 
abgeholzt werden. Tut man all das weg und werden auch die Nachrichten jorgfältiger 
geiwahlt, die Aufjäge gedrängter gejchrieben, jo braucht man halb joviel Bapier und fann 
billiger fein. Imtenjive jtattegtenfive Zeitungswirt{maft! Die Ver- 
leger jollten weniger für Papier und mehr für hochwertige Redaktionsarbeit ausgeben. 
Es würde auch im are billiger werden. Das befte wäre, alle Zeitungen erjchienen nur 
einmal täglih. Eine Mafje von falihen Nachrichten und zwedlojen Beunruhigungen fiele 
damit von jelbjt weg. — Gebildete Dienjchen fragen immer häufiger nad einer nur einmal 
täglich erjheinenden, dafür aber erihwinglichen Zeitung. yo möchte ihnen die Berliner 
Tageszeitung „Der Deutjche“ nennen. Vom erjten April ab hat Dr. Hermann Ullmann, 
der unjern Xejern gut bekannt ift, die Hauptichriftleitung des „Deutihen“ übernommen. 


E in allerliebſtes Wort aus Immermanns Münchhauſen ſei auf die deutſche Republik 
angewendet: „Louis quatorze fagte: I’Ctat, ceft moi. Wir haben nun gegenwärtig 
feinen Louis quatorge, aber eine Clique haben wir, eine fchöne, volljtändig organifierte 
Clique mit Ober- und Untercliquiers von dauerhafter Gefinnung, und die Clique jagt: 
Etat, c’eft la clique.” — Nach dem neuen § 111a StrGB. ijt YJmmermann wegen öffent» 
lider vat ung der verfaffungsmäßigen Staatsform mit Geldftrafe bis zu 500 000 ME. 
u beitrafen. Die Summe ift von den Berlegern Ymmermannfder Bücher beizutreiben. 

nfulpat Hat fich der gebührenden Gefangnisftrafe leider fchon vor längerer Zeit dburd 
den Zod entzogen. 


Ein Vierergeipann rollt uns lautlos entgegen. Die prächtigen, gefchniegelten Pferde, 
die as sate Kutihe — weld ein Adel der Erfcheinung! Wie plump ijt gegen diefen 
lebendigen Organismus aud) das tecdhnifd) und äjthetifch vollendetite Automobil. Hier 
a: man es augenjdheinlid, daß aller Majchine etwas mejenhaft Proletiges an- 
aftet. Wollt Ihr es pſychologiſch erfaflen, jo vergleicht ein typifdes Kutſchergeſicht mit 
einem typiſchen Chauffeurgeſicht. Warum iſt in den Chauffeurgeſichtern fo autig ein 
ug don rüudjichtslofer Brutalität? Preisfrage! (Die Löfung dürfte dahinaus fommen: 
in Kutjer, der feinen Beruf ausfüllen foll, muß eine Seele im Leibe haben, ein 
Chauffeur aber füllt feinen Beruf um fo bejjer aus, je weniger Seele er hat, er muß vor 
allem Nerven, am beiten nuc Nerven haben) Man fann aber aud) den Wertunter- 
ihied des — enzeitalter® vom Automobilzeitalter riehend erfaffen: Pferdeitall- 
geruch gegen nzolgejtant. Damit ware die Wertung der beiden Kulturen gleidfam 
auf die etnfadjten Ginneseindritde gebraddt. 


cy einem Aufjag über „Klang und Eros” (Frankf. Zeitung Nr. 172 und 176) madt Paul 
Beffer auf eine — aufmerkſam, die unſres Crachtens von entſcheidender Bedeu— 
tung iſt: daß der Klang als Lautwerden des Seeliſchen (abgeſehn von ſeiner Bedeutun 
ee des Kunjtwerks), alfo das Sinnenhafte des Menfdenlautes fowie das menknlic 
Bejeelte des Ynjtrumentalflanges feine Wirtungsurfaden hat. „Klang ift hörbar gewor- 
dene Sinnlichkeit, elite he eit hodjfter Art.” Wenn es Zeiten gegeben hat, in denen 
die Vokalmufit herrjchte, Jo lag das in der Art der Zeit (auch des Volkes, fügen wie 
hinzu), nicht in dem Umijtand, daß man nocd) nicht die nötigen Snfjtrumente erhunben? 
hätte. Die Leute erfanden zu allen Zeiten, was fie brauchten. Fehlt e3 uns an Beug- 


160 


nijfen ihres Erfindungstriebes? Haben wir zudem nicht aud jehr tunftvoll fonftruierte 
Snftrumente bon mannigfaltiger Organif aus ihrer — Aber ſie blieben von unter- 
und nebengeordneter Bedeutung... Der Strom von Menjch zu Drenjch, der unmittelbare 
Zauber des Lebendigen, die Blutwarme des Klanges war diejen Seelen Grundbedingung 
der fünjtleriichen Begeijterung. Cabhen fie unjer Ordefter mit feinen hundertfaltigen 
Inſtrumentalzungen, jie würden erjchreden über diefe Verarmun penulder ihrem Den- 
Igencyor, über dieje Entjinnlihung der Sinnenfreude, über diele nnatur defjen, was 
wir Kunft nennen. Was ift denn das ftofflid) uppigite Bühnenwerf unferer Tage gegen 
die elementare Sinnengewalt eines mittelalterlihen Tedeum laudamus?” Darum wußte 
man aud) ganz genau, warn und warum man in der Mufil Knaben- anftatt Frauenftimmen 
nahm. Aber aud) ter Yunjtrumentalflang hat Menjchenfeele, Eros in fi). Die Geige: „An- 
telle des Atemzuges tritt der Bo 2 — anſtelle des Stimmbandes die Darmſaite, die 
nerzeugung aber bewirkt der aufge este, die finnliche Emotion aus dem Körper auf die 
Saite übertragende Finger... Dieje Kunft des Streichinjtrumentes empfängt die Gefese 
oe Klangbildung und demnad auc ihres Gefühlsablaufes von bisher unbelannten 
Pipdophyfijden Crregungstrajten, die mit der Stimme feine Verbindung finden fonnten: 
der Violinton ijt [hwingender Nerv.” Go geht Belfer die Klänge des Blasinftrumentes 
und des Zajtinjtrumentes duch. Der Krenake Gegenjag zur Menichenjtimme ift die 
Drgel. „Eine unheimlid jtarre Gropartigfeit des Außermenjhlihen umfängt uns. 
Die Brujt würde uns zerjpringen, wollten wir verjuden, im VBewegungsrhythmus shih 
unerjhöpfjlich gejpeilten Winde zu atmen, die Kehle würde verjagen, wollten wir diejen 
dröhnenden Elementarjtimmen unferen armen nichenlaut entgegenjegen. .. Weld) 
grandioſer Geiſtesſchwung der Zeiten, die fic) ein foldes Ynftrument zu bauen mußten, 
die dort in ihren Ehorgejängen den lebendigen Eros mit einer — feierten, wie ſie 
uns heut kaum noch vorſtellbar iſt, und die Bier Madht bejaken, ibn ganz zu verbannen aus 
einem eigenjten Reid): dem Klang! Die eine finnlichesunfinnlide Welt der Töne auf- 
auten aus dent, was er gelehrt hatte, ihn feiner menfdliden Kräfte entfleideten und ihn 
ugleid) zum Gott erhoben!” — Aud) in der bildenden Kunjt fann man Farben und 
!inien auf das urjprüunglich Sinnenhafte hin beachten, das durch fie lebt. 


zı uns liegt ein „Ruf“, der fig, an Wanbderbogel wendet. Höret, ihr gemweihten 
Ohren! „Der Kampf um den Bund drängt zur Entiheidung. Von uns wurde 
er geführt als bon Menjden, die erfennen, daß in ihnen die heilige ErfenntniS vom 
neuen Menjchentum und vom neuen Reiche lebt und um Geftaltung und Formung ringt. 
Vor uns fehen wir die Gejtaltung des neuen Bundes, der uns aus innerer Verantwortung 
pu beiliger Pfliht wird... und fuden die Freien im Lande, Wiffende und Sebende, 
ie, Blut von unferem Blut und Geift von unferem Geift, die Kraft und den Drang 
in fich fühlen zum Dienen am Reihe Gottes... Hütet Euch vor den Blinden, die 
nimmer Grfennende find, denn der Stern ihres Mejens ruht nicht in ewigen Gefeben. 
Nur die im Dienjte Jih opfern und ihr Werf mit dem Leben enden (na, da find wir 
aber neugierig!), find berufen und vollenden fic in Harmonie mit den Gefeben fosmifden 
Werdens. Der FUCHORER fteht aus der Mitte feines Volkes auf, DYENER, PRYE- 
STER und KOENY augen. Sein vornehmftes Ziel ijt die Bcfretung des Cingel-Yah 
und fein Schaffen ijt die Erfüllung feines Wejens .. . So fchreitet er herb und heiter, 
unbefiimmert um Anerfennung und ®efolgjchaft, den Weg, der ihm Maß und Sinn 
feines Seins tit.” Wo findet diefes erfchütternde Ereignis ftatt?? „Das Felt und der 
Kampf, zu dem wir Euch entbieten, findet bei Merjeburg ftatt . .. Wir maden darauf 
aufmerffam, dag vom Bunde aus Zufhüffe nicht gewahrt werden fünnen!” — Der 
FTUEHRER wird allen Wanderdogeln die „heilige Verpflichtung” auferlegen, nicht mehr 
mit — zwei Beinen auf der Erde herumzulaufen, ſondern nur noch auf mindeſtens 
ein Meter langen Stelzen, damit der Leib des REINEN nicht mehr den profanen 
Erdendreck berührt. Auch follen die Wandervögel nicht mehr fpredhen dürfen, wie ihnen 
ber Sdnabel gewadjen, fondern nur nod) in weihevoll Bele ien Ton unter fteter 
Berüdfihtigung des kosmifhen Zufammenbhangs und in Gemäßheit der Aewigen Gejove 
des Soins. Ueberſchrift: Raupenzucht. 


—— Täterätääl Begeiſterung! „Schon eine Stunde vor Beginn drängten ſich 
am Eingang die Hörer!” Der Barijer Sorcreipondent des Berliner QTageblattes 
fiebert vor Aufregung! „Die Verfammlung erhebt fi) und apphaunten zwei Minuten 
lang mit ftürmijcher er Saterataa! Paul Blod tobt vor Begeifterung! 
„Die Hörer folgen dem Redner mit tiefjter Begeijterung!” Am begeiftertiten begeiftert 
fih der Blod, abwechfelnd in hodjter und tieffter, in ftitrmifder und tofender Be- 
eijterung! „Zojender see lohnt den Brofejjor Be feinen Vortrag.” Blo raft 
friicmi{ch begeiftert zum Zelegraphenamt und telegraphiert in tiefjter Begeijterung ans 
Berliner Tageblatt: „Es war eine Stunde des Friedens, die den Deutjchen in Frankreich 
wieder einige Hoffnung gegeben hat!” — Was ift los? Einjtein hat einen eim- 
fündigen Vortrag in Paris gehalten. „Er fpricjt franzöfifh, ohne ein Manuffript zu 


161 


ebrauden.” Gott, twas e Genie — franzöfilh fann er aud! Aus Blods Auge ftiehlt 
ich eine Träne der Wonne. Und er beridtet Tag um Tag telegraphijd, wo der Heros 
uberall ijt gewejen, wo er hat gejprocden, wie fe'n bamm angefudt. Und zum Schluß 
ein jpaltenlanger Schlußartifel (den wir ung jchlieglich gejchenft haben). Die Voifiihe 
Zeitung bollführte eine ähnliche Begleitmufif, ihrem Charakter entfpredend etwas ge- 
dampfter. Die dazugehörige Berliner Glluftrierte bradte den Halbgott, popular auf- 
gemadt, in ganzjeitiger Größe. — Gott Ichlige Cinjtein vor feinen Freunden — fonft 
lat nädhjltens der ganze Erdball über das Spectaculum. 


ut RKulturbofument nachdenklichjter Art ift die Ofternummer des Welt-Spiegels, der 

Beilage des Berliner Tageblattes. Auf der erjten Seite oben ijt ein Elfenbeinrelief 
abgebildet: „Ehriftus als Welterlojer”. Darunter tft eine Radierung „Opfer“ mwieder- 
Aa eine jhauerlihe Darjtellung des Phallusfultes. Nad) der Wiedergabe zu urteilen, 
at die Radierung fünjtlerifche Qualitäten. Die Niederträgptigfeit aber liegt darin, daß 
diejes Bild ausgerechnet zum Dfterfeft und unmittelbar unter einer Dar: 
jtellung der Kreuzigung Chrijti den Lefern vorgelegt wird. Wie hat er fic innerlich) 
gefibelt, wie hat er beinnlich gegrinst, der edle Redakteur, al er dieje unbeilige Schofeltat 
pollbradte! Wenn die Guden ihre Redakteure nicht beffer in Zucht haben, dann — ver- 
geht uns die Luft, ung gegen den Antifemitismus zu wehren. Hier hört alle Problematik 
und Distufjion auf und es bleibt nur nod: sufafen und hinauswerfen. ©. 


Wir geben dem Einfender reht. Zunächft haben wir gar nicht bemerkt, was das 
Bild im Welt-Spiegel bedeutete. Wer vermutet auch gleich einen jolden Abarund von 
Gemeinheit. nes Blatt an jener Stelle iſt in der Tat das Raffinierteſte an Ge— 
meinheit, das ſich erſinnen läßt. 

er Entwurf für die deutſche Oberſchule iſt an den preußiſchen Landtag gegangen. Die 

erſten — die ſich in langen Aufſätzen über den Entwurf ergehen, ſind — 
die eee: eitung und das Berliner Tageblatt. bre Leute find felbjtverftandlid am 
eifrigiten daran interefftert, ce die — Oberſchule in ihrer Art deutſch werde. 
Oberſtudiendirektor Dr. Ernſt Goldbeck ſetzt im Berliner Tageblatt auseinander, daß eine 
Schule, die überall vom Deutſchen und dem ihm Eigentümlichen ausgeht, „zu einer bedroh— 
lichen Enge des Horizonts und einer verhängnisvollen Lebensunfähigkeit der Zöglinge 
führen muß.“ Wie lieb er ſich um die Lebensfähigkeit unſres Volkes ſorgt! Es ſei „eine 
unhaltbare Beſchränkung“ des Geſchichtsunterrichts wenn man aus dem Fremden nur das 
wähle, was für uns Deutſche inhaltlich oder als Formprinzip wichtig geworden ſei. Wir 
müßten ſtatt deſſen „viel helle Freude an fremdvölkiſcher Eigenart wecken und wachhalten,“ 
wir müßten die fremden Kulturen und ihre Geſchichte nicht um un ſert-, ſondern um 
ihret willen treiben. Auch findet er, daß die Großſtadtbevölkerung in dem Entwurf 
Wenig gewürdigt werde gegenüber der Landbevölkerung. — Herr Dr. Goldbeck will ſelbſt— 
verſtändlich auch die entice Schule und „begrüßt“ fie. Aber er gehört zu den Leuten, 
die immer mit einem „Gewiß .. .“ anheben, wenn fie mit einen „.... aber” fomment 
wollen. Er jagt: Gewiß, wir „haben feine einheitliche Kultur, aber wir ringen um fie.” 
Statt num fortzufahren: Alfo müflen wir endlich eine Schule fchaffen, die nicht zehn Ben- 
tren, fondern eines hat, die nicht eins neben das andre ftellt, fondern alles in eine de 
Ihlojjene Form bringt, fährt er fort: Aber durch die einheitlihe Kultur wird „der Ge- 
jtcht3freis der Schulen in einer lebensunmödglichen Weile auf unfere deutihe Kultur be- 
hränkt“, wir müffen alfo die andern Kulturen (en paffant in ein paar Wochenstunden!) 
in ihrer Eigenart zu Kopf nehmen. Wenn Herrn Dr. Goldbed die deutiche Kultur als 
eine lebenSunmoglide Beichräntung —— — uns bedeutet unſre deutſche Kultur Welt— 
weite, aber freilich: Weite von einem feſten Mittelpunkt aus! Ahnt er, wie ſehr 
er mit feiner Anſchauung die Kultur herabſetzt, die er auch die ſeine nennt? Wenn nicht, 
jo miffen wir e3 ihm laut fagen. Und Acht darauf haben, dag wir lieber überhaupt feine 
orale, Oberjchule befommen als eine, die ihm und dem von ihm gewählten Tageblatt 
gefällt. 


Are der Vorwarts bringt einen Leiter über den Entwurf einer deutihen Oberjdule. 

Wer jchreibt im Vorwärts über die Deut{de Oberjchule? MNatiurlid ein Fude. 
Der Mimicery- Name „stik Sarjen” verbirgt dem harmlojen Arbeiterlejer, was für einen 
Sadhverftindigen er vor fich hat. „Karfen” ruft aus: „Nimmermehr eine Schule, die jhon 
die Kinder lehrt die ganze Welt nur bom einjeitig deutjchen Gefichtöpunft anzu- 
fehen und jede Kultur nuc danach zu werten, was fie für uns Deutiche für Bedeutung hat 
oder gehabt hat. Das ijt ins Kulturelle überjegter Chauvinismus, aus folder Schule 
würden nationaliftifh eingebildete und verbildete Menfchen entiprin- 
en!” Und mit der Dreiftigfeit des eingewanderten DOftens nennt der verunglüdte Lichter: 
Felder Direktor den Entwurf ein „Machmert” und eine „Blamage”. Aljo der beutiche 
„Sefichtspunft” ift „einjeitig“? (PBuntte, die Seiten haben, find bei einem, dem die deutliche 
Sprade nicht innerlich quillt, nicht weiter auffällig.) Wenn Herrn „Karjen“ das Deutjche 


162 


u „einfeitig” tft, jteht e8 ihm frei, zu betreiben, was er will, aber er laffe unferm Volk 
*— deutſche Natur. Wir wollen in ſich geſchloſſene, feſte deutſche Menſchen erziehen 
und nicht innerlich unfreie, heimat- und volkloſe Zwitterweſen von der unglücklichen Sorte 
Karſen, die nicht einmal ihren Namen zu tragen wagt. Würde wohl ein Jude in Frank— 
reich, England oder in den Vereinigten Staaten ſolche beſchimpfende Kritik wagen? Was 
ſagen die nationalen Juden um Max Naumann zu Herrn „Karſen“? Hic Rhodus! 


ir lejen: „Durch Verfügung des Minijters für Landwirtichaft fol die Bezeihnung 
Knecht nicht mehr neführt werden. Statt defjen beißt es: Landivirtichaftsgehilfe.” 
Wir find in der Lage, das gu dementieren. ES ijt vielmehr eine Verfügung in Vorberei- 
tung, wonad) die SKleininehte als Oefonomie-Referendare und die Groptnedte als 
Defonomie-Ajjejloren zu titulieren find. Selbitändige Befiber find nicht mehr Koffaten 
und Bauern zu nennen, jondern Delonoimieräte und Geheime Delonomieräte. Befiter 
mit über 600 Morgen Land find in Zukunft mit Ew. Latifundenz zu titulieren. Dan er: 
wartet von diejer durchgreifenden Mahnahme, daß die Landwirtichaft fih nunmehr zur 
Republif befebhrt. 


SZwiefprache 


Sy etic, den tvir diesmal an die ern des Heftes ftellen, jcheint uns nicht nur 
durch die neue Betradtungsweije der Bibel bemerfensiwert, fondern auch dadurch, 
daß ein Naturtijjenichafter, Prof. Dr. Hentihel vom Hamburger Zoologiiden Mufeum, 
bon feiner biologiihen Einjtellung aus foldhe Wertungen vornimmt. Noch bor einem 
oe ae waren dieje Gedanfengange fehr vielen als abwegig erfdienen, heute nicht 
mehr. €8 find Wege, die aus der geiftigen Cngigfcit einer Zeit, die borjdnell mit allen 
Welträtfeln fertig tourde, herausführen. — 

Die Aufjäge über den Cexualienhandel jchliefen wir ab. Der erjte Teil, im 
Märzbeft, behandelte daS Thema Kunst und Gefchäft, der zweite, im WAprilheft, das Thema 
Kunjt und Sittlichleit, der vorliegende Teil juht den Kulturfampf deutlich zu machen, 
um den es fi handelt. Nun joll das Ganze, neu durchgejehn und von A. Paul Weber 
ausgeitattet, al3 Sonderdrud erjheinen. Wir haben die Dinge hinter und. E83 wird 
uns nunmehr ein größeres und harnılojeres Vergnügen fein, Alfred RKerr3 markante 
Büge auf das Ofteret zu malen, das der Hafe morgen in den Buchsbaum legt. — 

Aber weil wir den Schluß der Aufjagreihe jest bringen mußten, konnten wir diefes 
Heft nidt len machen. Dafür bringen wir im Hochfommer ein aller Polemik 
enthobenes Ferienheft. Um dem Mai doch ein wenig geredyt zu werden, baten wir Fran 
Heyden um Hilfe, er jchrieb über die Uhlandichen Frühlingslieder. Und zum lu 
bringen wir ein mailiches Stüd aus Yalob Böhmes „Morgenröte im Aufgang”. Beim 
erjten Lejen wird eS den metften jo fimpel vorfommen, daß fie den Kopf jhütteln. Was 
follen diefe findliden, anfcheinend unbeholfen aneinandergereihten Säge? Dean lefe fie 
aber oft und laut. Um Tonfall und Rhyihmus heraussubefonrmen, rite man die Paujen 
nad) den Striden, die ich, Seven um die Berje abzutrennen, eingefügt habe. C8 ilt 
in der Tat reinste, tiefite — unendlich ſüßer Melodie. Man höre innerlich 
einen Wbflang wie den: „... in den fdnen Mai Gottes.“ Oder da3 Herrlichite von 
allent, das: ,,... fpieltaud fo.” Der Abgefang „denn die Gottheit in fich felbjt fpielt aud) 
fo” ut meijterlid. Wie da die Spannung, die ganz fnappe Paufe aiwifdhen ,felbft” und 
„Ipielt“ entjteht, dDadurch, dak die Ronjonantengruppen Ibjt und fap aufeinanderftoken! 
Und dann die weichen, langen Vofale, die vom i bis zum aushauchenden o hinunter- 
flingew. Solder foftlicdhen Stüde genialer Einfalt finden fich unglaublich viele bet 
Salob Böhme. — 

Allerlei ae et wir anzuzeigen. Daß die eriten drei Bändchen meiner Samm- 
lung „Aus alten Bücherfheänfen“ endlich da find, erfehen die Lefer aus dem Anzeigenteil. 
Diesmal ift, was lange währt, gut geworden. Wir haben ein fchönes, weißes, holzfreies 
get befommen, Drud und Pappband find vortrefflih. Der Preis ift nur fcheinbar 
od). Mit jchlehterm Papier und Cinband hätte man die Bücher um die Hälfte billiger 
machen können. Aber dann würden fie in sa oder zehn Jahren vergilbt, in zwanzig 
Sahren zerjtäubt fein. Go aber dauern die Bücher noch für Entel und Urenfel, und das 
modten wir. Das Gediegene ijt, genau betrachtet, fchlieglich das Billigfte. Die Bücher 
werden auch bald in Halbleinen und Halbleder zu haben fein. 

Denfelben Grundjag hat der Verlag bei meinem zweiten Band der Rant-Ueber- 
fegung angewandt: er ift auf ae Papier gedrudt wie der erfte Band. Reine 
Bibliothef braudht gu fiircdten, dak da3 Buch fic) einmal aufloft. 

Aud Franz Heydens „Boltsmärchen und Volfsmardenergabler” ijt ſchön gedrudt 
auf feinem weißen Papier von unferm Verlag herausgebradt. Das Buch ift feine 


163 


40 Mark wert. Das Werklein ift übrigens aus Bortragen in der Hamburger Fidte- 
hochſchule entſtanden. €3 ift aber nidt ortear ones breit, fondern fmapp und jebe 
inhaltsreih. Hier lernen wir wirklich unfre Vo tamarden Iejfen, lernen wir die Schön» 
eit und Zartheit Wilhelm Grimms, die echte Lolkhaftigkeit Wiffers von der Bech- 
teinjchen Stitjchigkeit unterjcheiden.. Das Bud) ijt nidt nuc fiir den Mardenforjder, 
ondern für jeden Märcdhenliebhaber gejchrieben. — 

Defter werden wir gefragt, ob wir nicht eine Zeitjichrift für die ze die aud 
für Fünfzehn- bis Siebzehnjährige lesbar fei, empfehlen fonnen. Cndlid) fonnen tir es: 
„Der Bannerträger”, von Heinz Dähnhardt herausgegeben. Monatlih ein Heft, Preis 
derzeit 6 DE. für das PBierteljahr. Es ift die Zeitjchrift des Jungnationalen Bundes, 
aber aud) Jungen und Mädel, die nit in dem Bunde find, haben viel von ihr. Die 
Kulturgefinnung des „Bannerträgers“ entipricht der unjerer Beitichrift. Bejtellung: 
Scriftenvertriebsftelle des Yungnationalen Bundes, Altona-Othmarichen, Moltkeitr. 162. 

, Nad langen Mühen liegt ein dides, großes gewidtiges Bud) vor, das die politijden 
‚Köpfe unter unfern Lejern bejonders angeht: „Die Neue Front. Herausgegeben von 
Moeller van den Brud, Heinrih von Gleidhen, May Hildebert Boehm.” Ijo vom 
„Juniklub“. Yn dem Bude find nicht Tagesfragen behandelt, jondern-die Grundfragen, 
die in den Noten unfrer Beit verborgen liegen. €8 ijt der erfte aujammenfaffende Ver- 
fuch, die neue Einftellung einer gegen die landläufigen Auffafjungen geridteten geiftigen 
Dppofition zu formulieren. Bon unjeren Mitarbeitern finden ji in dem Werke folgende 
Beiträge: Trank Glagel, Die Fugendbewegung. Walther Lambadh, Verinnerlihung des 
Klaffentampfes. Karl Bernhard Ritter, Religiöfe Grundeinftellung der Jugend. Her- 
mann Ullmann, Das Deutihtum und der Sidoften. Yoh jelbjt habe einen Aufjat bei- 
gefteuert über „Volk und Volkstum”, der einiges Neue über die „Volf3bürgerlihe Er- 
giehung” hinaus bringt. Das 425 Seiten ftarle Buch ift bei Gebrüder Paetel in Berlin 
erjdienen und fojtet geet 60, gebunden 90 Dtack — 

Einige Hefte des Dentjchen Bollstums, die vergriffen waren, find jet neu gedrudt, 
vor allem das viel verlangte Raabeheft mit den darin gun eriten Male veröffentlichten 
12 Tederzeihnungen Raabe. Man fann alfo nachbeftellen. — 

Durch eine unvorhergefehene DVerzögerung in der Bilderbefhaffung und durch 
Schmierigleiten bei der Vollendung meines Auffages ift das Erjcheinen diejes Heftes ver- 

Ogert worden. Leider haben wir Lehmbruds Radierung „Einfames Weib” nicht heran⸗ 
können. Schade, daß wir keine Probe der herrlichen Radierungen zeigen können. 

as Juni- ſowie das Juliheft ſind dagegen ſchon ſoweit gefördert, daß ſie pünktlich hin— 
ausgehn können! 


Stimmen der Meiſter. 


en kleinen Kindern will ich ſie vergleichen /die im Mai, wenn die ſchönen Röslein 

blühen / miteinander in die ſchönen Blümlein gehen / und fie pflüden / und feine 
Krainglein daraus machen / und fie in ihren Händen tragen / und fich freuen / und 
immerdar don der mannigfadhen Geftalt der fchonen Blumen reden. / Sie nehmen 
einander bei den Händen / wenn fie in die fchönen Blümelein gehen / und wenn fte 
beimfommen, jo zeigen fie diejelben den Eltern / und freuen fic) / darob denn aud 
die Eltern gleich ihnen eine Freude an den Kindern haben /und fic mit ihnen freuen. 

So tun aud die Heiligen im Himmel / fie nehmen einander bei den Händen / und 
fpagieren in dem fdonen — / und reden von den lieblichen und ſchönen Ge— 
wächſen in der himmliſchen Pracht / und eſſen von den holdjeligen Früchten Gottes / und 
brauchen die jchönen Himmelsbliimelein gu ihrem Spiel / und maden aus ihnen jchöne 
Sränzlein / und freuen fi in dem fchönen Mai Gottes. 

a ijt nidts als ein herzlich Lieben / eine fanfte Liebe / ein freundlich Ge- 
fprad) / ein boldfeliq Beiwohnen / da einer immer feine Luft am andern fieht / und 
den andern ehrt. / Sie willen von feiner Bosheit oder Lift oder Betrug / fondern die 
göttlichen Früchte der Lieblichfeit find ihnen allen gemein / einer mag fie gebrauden 
wie der andere / da ift feine Mißgunſt, fein Neid, fein Widerwille /fondern ihre Herzen 
jind in Liebe verbunden. 

Daran hat nun die Gottheit ihr höchftes Wohlgnefallen / wie die Eltern an den 
Kindern / da& die lieben Kinder in dem Himmel aljo freundlich wohl jpielen / denn 
die Gottheit in fic felbft fpielt auch fo. Jakob Böhme. 








Derausgeber: Dr. Wilhelm Gtapel. (Sir ven Onbalt verautwortiih). — Schriftleiter: Dr. Iud- 

“wig aniugboff. — Zufhriften und Finfendungen find zu richten an bie Goriftleitang des 
Deutichen Woifstums, Hamburg 30, Holftenplaty 2. Sur unveriangte Ginjendungen wird feine Derant- 
wortung übernommen. — Weriag und Deruc: Hanfeatifhe Beriagsanftalt Aftiengefrlifhaft, Hamburg 
Dezugspreis: “Dierteljäprlich IS Wart, Einzelheft 7,— Mart, für das Ausland der boppelte Detrag. — 
Pofihbedtonto: Hamburg 13475. 


Mamhdrud der Beitrdge mit genauer Quellenangabe iff vou ber Griftieitung aus srianbt, unbefhadet 
Ber Sean des DGerfaffers. 


164 





Aus dem Deutiiben Volfstum Wilhelm Lehmbrud, Kopf eines Denfers 


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Hehe 
_Dentjges Dolkstum | 


Deutſches 
Dolkstum 


Monatsfchrift für das deutfche Seiftesleben 
Herausgeber Wilhelm Stapel 





Inhalt: 
Dr. Karl Bernhard Ritter, Dom deutfdjen Staat zoes 
Prof. Dr. Hermann Suftao Holle, Die biologifdje Wefenheit des Dolkes 
Dr. Gottfried Fittbogen, Dolks- und Stantsbewmuftjein der Siebenbiir- 
ger Sadjfen eo 


Sfidjerbrief: Dr. Ottoheing v. d. Gablenk, Kultur und Sefellfchaft 


Kleine Beiträge: Kurt Engelbredit, Freude am Schaffen , Dr. Her- 
mann Ullmann, Gegen den Sektenglauben / Dr. Wilhelm Stapel, Slan- 
bensbekenntnis und Kirdjenverfaffung / Dr. Rudolf Werner, Hermann 
Bopdorf / Dr. Hermann Unger, Das liebe Publikum / Dr. Cudwig 
Benninghoff, Frit Flebbe cacoescasees zo 


DerBeobadter: Was man fordert und nidyt tut ; Der Diskuffions- 
teufel ‚ Schundliteratur vor Beridyt „Alle Kunft führt ins Kino dahin, 
Celly de Reydt fudjt Hundert bildfchöne Tänzerinnen ; Aus dem Mün- 
chener Rüäte-März / Ein goldenes Wort ums andere escaeseses 


Bilderbeilagen: frit Flebbe: Doppelbildnig ; Der Beter caca 

















Franjentijche Derlagsanftalt, Hamburg 


Preis viertelj.7$ Mark a Einzelheft 7.- Mark 
juni ]922 | 


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Hanleatifcher Runffverlag / Hamburg 36 


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Ssriedrid Lipmann |: 


‚Singfhwäne auf dem Myvatn 


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is mit Hverfjall ts 
A Sarbenlihtdrud Ks 
8 in nahezu Originalgröße (27:39 cm) % 


auf Karton gelegt ME. 150.— 


Seit langem hatten wir den lebhaften Wunfh, den vielen Freunden unferes friihvollendeten feins 
finnigen Künftlerd eine farbige Wiedergabe in edelftem Vervielfaltigungsverfabren ju vermitteln. 


A &3 tft nur eine Meine Auflage gedrudt worden, damit durchaus die Gleidmafigteit der Ausführung 24 
RN, gewährleiftet wurde. Wir hoffen, in nicht alljuferner Zeit weitere Wiedergaben ähnliher Art * 
Py berausbringen zu können. | cy 


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I Sm Lifmanntatalog find ale 72 Bilder klein wiedergegeben, mit den genauen Bildgrößen. DE.7.—. * 
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. 4 F | —* 
7— Einzelblätter des Geſamtwerkes — 
2 werden, foweit vorrätig, gern abgegeben. Die Auswahl läßt fid an Gand der beiden vorflependen > 
N Bändchen gut vornehmen. hr, 

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ry de3 Künftlerd in tehnifh vollfommener Weife originaltreu wiedergegeben. * 
X Ale 3 Mappen 12. Mt. $ 
— UÜber Lißmann⸗Original⸗Holzſchnitte x 


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Aus dem Deutfihen Volfstum Srig Slebbe, Doppelbildnis 








Deutiches Dolfstum 


6.5eft  SEıne Monatsfchrift J922 








Dom deutjchen Ötaat. 


8 wird fich empfehlen, den Staat — den tatjächlich bejtehenden Zuftand — 

der das ungern eriragene Ergebnis einer oft recht ungliidliden Gefchidte ift, 
in eine res publica, oder wenn diefer Ausdrud verdächtig Eingen follte, in einen der 
gottgewollten dee der von ihm bedienten Nation entjprechenden, mit der Nation 
wie eine Haut wachjenden und fich außernden Zuftand überzuführen.” Mit diefent 
Sat [pricht Yagarde zwei jehr wejentliche Beitimmungen des deutjchen Staatsgedan- 
fens aus. Einmal: der Staat läßt fich nicht nad) einem Schema „machen“. Es 
gibt feinen für alle Zeiten und Bolfer gleich brauchbaren „idealen” Staat, feinen 
Staat an fih, mit dem man einen Negerjtamm und ein deutfches Volk gleichmäßig 
beglüden könnte. Der Staat fteht vielmehr mitten im flutenden Strom der Ge- 
Ichichte, fich wandelnd wie alle Gejtalt des Lebens. Zum andern Mal: der Staat ift 
gar nichts anderes als die gejchichtliche Erjcheinung, der Leib einer Volfsperfönlich- 
feit. Oder, da es fich beim Staat nicht eigentli um das Ganze diefer Erjcheinung 
handelt, die Fülle der Lebensäußerungen eines Volkes, fondern in ihm diefe Fülle 
zu bewußter Einheit des Lebens erhoben wird: im Staat verfürpert fich das, was 
ein Bolf zur gefchichtlichen Perfonlidfeit macht. 

Bolfsperfjönlichkeit — aljo niht das Naturmefen Volk formt fich feinen 
Staat. Perjönlichkeit ijt mehr als natürlicher, feelifch-leibliher Organismus, ijt 
fittlider Wille, ijt Verantwortung und Selbjtbeiwußtfein. Eine Vollsperfonlichfeit 
ift erft das Volf, das um fich weik, das die Ydeale, die aus feinem Wefensgrund 
fließen, mit verantwortlidem Willen bejaht und gegen alle Widerftände durchjeken 
wil. Mit andern Worten: Volfsperfönlichkeit ift das zum Berwußtfein feiner TFrei- 
beit ertwachte Bolt, wobei die Möglichkeit und Notwendigkeit veritanden wird, fich 
feinem Wefen getreu zu entfalten. 

Diefer Wille zu fich felbit, zur Freiheit, tritt aus der bloßen Synnerlichkeit her- 
aus, wird aus Sehnfucht zur Tat im Staat. Die Aufgabe von Weimar wäre aljo, 
von bier aus gejehen, nicht gewejen, den ,freieften Volfsftaat der Welt” zu fchaffen 
— den gibt es überhaupt nicht und fann e8 niemal3 geben, er ift ein blutleeres 
Hirngefpinit — fondern dem Willen zur Freiheit deutfcher Nation ein machtoolles 
Werkzeug zu geben. Die Borausfegung einer folchen Tat ift freilich, daß eine Volfs- 
perfönlichkeit, eine Nation, um mit Lagarde zu jprechen, vorhanden ijt: ,,Diefe For- 
derung bringt die Einficht mit fich, daß der deutfche im Sinne der res publica gefaßte 
Staat nicht eher fertig fein wird als die deutjche Nation: daß zurüd von einem 
deutfchen Staat nicht die Rede fein fann, da e8, weil ein deutjches deal noch fehlt, 
eine deutjche Nation noch nicht gibt, dak die ftaatenbildende Kraft der Deutjchen in 
dem Make wachen wird, in welchem fie fic) dem Yoeal in dejjen richtiger Gejftalt 
zuwenden.“ 

Vorausſetzung des Staates iſt alſo die Nation. Und die Vorausſetzung der 
Nation iſt das „Ideal“, zu dem ein Volk erwacht, je mehr es zur Beſinnung auf 
ſich ſelbſt, auf die ihm eingeborene Beſtimmung und die mit dieſer Beſtimmung 
gegebene weltgeſchichtliche Aufgabe durch ſeine Geſchichte geführt wird. Freilich iſt 
dieſe „nationale Beſinnung“ nur einem Volke möglich, in dem die Quellen ſeines 
Weſens noch ſprudeln, das noch, in unlöslichem Zuſammenhang mit ſeiner Vergan— 
genheit lebend, Offenbarungen ſeines Volksgeiſtes erlebt, dem das Volkstum noch 


165 


Allgemeingut, Nahrung ift, die fich erneut aus den vor allen Zeitftrömungen und 
Zeitbindungen wirkenden Forntkräften der Seele, dem noch ein gefundes Blut durch 
alle Adern rinnt. Wir jtehen heute vor der faft verzweifelten Lage, dak dieje Bor- 
ausjegungen mehr und mehr zu fdwinden drohen. Und wir fühlen uns daber zu 
dem Verjuch gezwungen, unjer Erbgut mit Bewußtfein zu wahren,. volfsbürgerliche 
Erziehung zu treiben. Wir wollen uns ja nur der Grenzen bewußt bleiben, die 
folhen Bemühungen geftedt find. Die Erziehung, die unfer Volt braucht, kann nar 
geleiftet werden durch die überzeugende Macht des Schidfals und durch das Dafein 
ton Führern, in denen das Volk die Deutung feines Schidjals anzufchauen vermag. 
Uns bleibt — darauf fommt freilich heute alles’ an — nur die Gorge, dak wir uns 
fähig erhalten, unter unjerem Schiefal zur Nation gu werden. Daß wir e8 werden, 
iteht nicht in unferer Hand. 

Wir haben oben die Perjonlichfeit al8 verantwortlichen, fittliden Willen be- 
jtimmt. Darum können wir au) den Staat nur begreifen, wenn wir mit Treitjchke 
veritehen, daß der Wille das Wefen des Staates ift, und zwar ift er der Wille zur 
Veriwirklidung des völkiſchen Ideals. Diefes Fodeal ift aber nichts anderes als 
da8 bewußt gewordene Wejen des Volkes jelbit. Das heißt zunacdhjt, daß e3 ein um- 
faffender, da8 Leben in allen feinen Auswirkungen beftimmender Wille ijt. Cs ijt 
der Wille, der das völkifche deal auf allen Gebieten des Voltslebens durchjegen, 
feiner Entfaltung auf allen Gebieten des Lebens die Möglichkeit fchaffen mill. 

Damit ift die Aufgabe des Staates nach innen und außen zugleich beftimmt. 
Nach außen beit die Vorausfegung der Lebensentfaltung Sicherjtellen der Freiheit 
als Unabhängigkeit von fremder Einmifhhung, Wahrung der Souveränität, Durch- 
febung des eigenen Lebens gegen den Widerftand der anderen. Wir wollen in 
unjeren Tagen der Stnechtidaft immer wieder die Worte Fidtes lejen, in 
denen er den Freiheitsfampf der Germanen gegen das Romerreich {childert. Warum 
ftraubten fie fic) gegen all die Vorteile wirtfchaftlicher und zivilifatorifcher Art, die 
ihnen die Römer bringen fonnten, ihnen, ,den armen und rohen Barbaren”? Weil 
fie dann ja hätten aufhören müffen, Deutfche gu fein und nichts als das! Darum ift 
der erite und grundlegende Wille eines wahrhaften Staates der Wille zur Selbit- 
behauptung der Nation. Selbitbehauptung aber ijt nur möglich durch Madt. Eine 
Nation kann die Souveränität ihres Staates nicht dem Zufall preisgeben, vielmehr 
muß diefe Souveränität entfprechend ihrem Sinn al8 Durdhfegung, ald VBerwirf- 
lihung des eigenen Lebens in fich felber, auf eigenem Willen und eigener Kraft 
beruhen. Der Verfuch, die Freiheit eines Staates lediglich durch Verträge (ettva 
durch den Volferbund) zu gemwährleijten, widerjpricht dem Wefen des Staates als der 
Eriheinung einer freien VolfS8perfonlidfeit. Was einem Bolfe leben8notwendig 
‚it, fann niemal8, das liegt in der Natur der Gace, von anderen entfdieden 
werden. Eine Nation, die ihre Freiheit fich nicht felbjt verdanfen will, hort auf, 
eine Nation gu fein. Natürlich fann und foll ein Staat gegebenenfalls Vertrage 
Ihließen — aber die Feltigfeit, die Geltung der Vertrage beruht immer auf der 
Macht, die dahinter fteht, die fich durch den Vertrag in einer beftimmten Richtung 
äußert. Zudem gilt jeder Vertrag immer nur ceteris paribu3, folange er den Lebens— 
notwendigfeiten der VBertragfchliegenden entjpricht, die Souveränität bleibt alfo dabei 
gewahrt. | 

Dak mit diefem Willen zur Macht der Wille zur Wehrhaftigkeit gegeben ift, tft 
felbftverjtändlih. Aber mit aller Deutlichkeit fol e8 gejagt fein, daß nicht das Heer 
cl8 folches jhon die Macht eines Staates gemährleiftet. Das haben die Ereignifie 
der lehten Kriegsjahre nur allzu überzeugend beiviefen. Vielmehr ift ein Heer nur 
Machtmittel, folange es vom Willen der Nation getragen wird. 

Damit ftehen wir vor der Aufgabe, die der nationale Wille nach innen zu er- 
füllen hat. Der Staat hat nach außen genau foviel Freiheit, genau fo viel Macht, 
al8 der nationale Wille im Innern fich feitgefeßt hat, Wirklichkeit geworden ijt, als 
er wirklich da ilt. Die Kraft des Staates entfpricht genau der Durchjegung der ftaat- 


166 


lichen Aufgabe nad) innen. 3 gibt fiir den Staat und feinen Beftand nad) aufes 
und innen nur eine gemeinfame Lebensquelle: den verantwortlichen, den politijchen 
Willen der Volfsperjonlichfeit, deffen Leibiwerdung der Staat ift. 

Wir find damit bei einer entjheidenden Erkenntnis angelangt. Wir verfuchen, 
fie zu erhellen. Was ijt denn eigentlich politifcher Wille, oder was ift eine politijche 
Perfonlidfeit? Das pflegt, zumal bei uns Deutjchen diefer Beit, viel gu eng und 
einfeitig verjtanden zu werden. Auch die Politik ift heute ein Gebiet für fich, wie 
uns überhaupt unjer Zeben fein jäuberlich in „Gebiete“ eingeteilt ift, in die fid 
Die guftandigen Fachleute teilen. Dem möchte ich die Behauptung entgegenitellen: 
politiiher Wille und gebildeter Wille ift ein und dasjelbe. Bildung beißt: nicht 
Goethe-lefen oder irgend einen andern geijtigen Sport treiben. Es gibt Philifter 
mit und ohne Goethe. Bildung heift die Fähigkeit zu fchöpferifher Sneinsbildung 
aller Lebensbeziehungen. Wer alle Ynhalte feines Lebens auf einen gemeinfamen 
Wert zu beziehen und von diefer Einheit aus zu begreifen und zu gejtalten vermag, 
Der ift eine gebildete ‘Berjönlichkeit. Der wahrhaft gebildete Menfch weiß fich immer 
Diejem gemeinfamen Wert verantwortlich. Nationale Bildung ift alfo nichts anderes 
als das fic tm Ganzen eines Boltes begreifen, das feinen eigenften Lebenswert al3 
den des Bolfes und die Volkheit als feine eigenfte und perjönlichite Beftimmung 
veritehen. Unfer Allereigenjtes und Urjprünglichites, die Formkraft unferes befon- 
deren Dafeing ift eben zugleich das, was alle Bolksgenofjen angeht, was ung mit 
allen verbindet. So wird der Gebildete notwendig immer und überall, im Beruf, 
im fogialen Leben, in der Wirtjchaft die Beziehung auf das Volfsganze herausftellen 
und verantwortlich dDurchzufegen verfucdhen. So allein entfteht Führung. Die Macht 
des Führers ift der Ausdrud dafür, dak der Führer eben dag lebt, was allen gemein- 
fant am Herzen liegt und das in feinem Dajein erfüllt. Durch das Vertrauen der 
Gefolgichaft zum Führer entjteht Gemeinfchaft. Yu dem mannigfachen und geglie- 
derten Aufbau der Gemeinjchhaften zur Gejamtheit aber wird das Volk zur Nation. 

Der Staat, der in folhem Führertum entfteht, ruht alfo auf der fittlidjen Ver- 
antwortung, der Bindung aller Bolfsgenoffen an das, was fie über alle Sonderung, 
über alle Snterefien hinweg gemeinfam angeht. Und zwar faßt diefe Bindung den 
einzelnen dort an, wo er in toirklichen Beziehungen zu feinen VolfSgenoffen fteht, . 
in feinem Beruf, in feiner Arbeit, in Familie und Gemeinde. Die Verantwortung 
wird da wach, ivo fich die Verbindung des einzelnen mit dem Ganzen naturgemäß 
ergibt. Nicht aber wird neben dem wirklichen Menfden mit feinem inhaltvollen 
Dafein das Schattenbild des Urwählers fonftruiert, der nun ummittelbar die Ent» 
Iheidung für das Ganze treffen foll, ftatt daß er zur Berantwortung für das Ganze 
im eigenen Kreis des Lebens aufgerufen wird: Diefen Urtwabhler gibt e8 nur im 
Gehirn des aufgeflarten Mtannes, der heute nocd) im 18. Jahrhundert lebt. Die not- 
wendige Folge diefes Verfahrens, das mit einem gar nicht vorhandenen Urwähler 
rechnet, ift die, daß die inhaltvolle Wirklichkeit nicht erfaßt wird vom Ganzen, viel- 
mehr nur fich geltend macht als Befonderung, als Entgegenfebung, als Partei- und 
Qntereffentampf gegen die abftratt errechnete Einheit, die eben feine wahre Einheit, 
feine Yneinsbildung ijt. 

Ym Gegenfaß dazu foll fidh der politifche Wille gerade auf den Sondergebieten 
des Bolkslebens und damit des Einzellebens auswirken, fid mit Ynhalt erfüllen 
und den wirkliden Snhalt formen. Das allein macht den Staat zum Organismus, 
zum leibhaften Gebilde. Der Staat alg Verwirklichung des nationalen Geſamt— 
willens entjteht durch die Beziehung der Fülle des Lebens auf das nationale (deal, 
durch die Vergemeinfdaftung aller Lebensäußerung. Er fteht alfo niht neben 
den anderen Gebieten ded Lebens, neben der Gefellihaft und Wirtfchaft, jondern 
wird durch fie, die fozialen und wirtjchaftlichen Gebilde getragen, die in ihrem 
eigenen Aufbau den nationalen Wert wollen und auf ihn bezogen find. So wird 
die Wirtfchaft, fo werden die Stände national verantivortliche Glieder des Ganzen. 
E83 gibt feine Wirtjchaft, feine Gefellichaft, feine Kultur, feine Wiffenfchaft an fic). 


167 


Sie alle find volfsgebunden und darum zu Trägern der Verantiwortung für das 
Ganze bejtimmt. | 

Cine Nebenbemerfung fei bier eingejchaltet. Es gibt faum einen verbreiteteren 
Aberglauben als den, die Wirtjchaft könne nur ihren „eigenen Gejegen” folgen und 
werde ausjchließlich Durch die Zieljegung der bejtmöglichen Bedürfnisbefriedigung 
bejtimmt. Unter diefem Gefidtspuntte werden dann Politit und Wirtjchaft von 
einander gejchieden, jedes Gebiet ijt eine Welt für fih. Die Wiffenfdaft von der 
Wirtfchaft Fonjtruiert demgemäß eine Wirtichaft an fich, gleichfam im Iuftleeren, 
geihichtslofen Raum. Der Menfch, der ja niemals bloß ‚Awirtichaftlich” beftimm- 
bare Bedürfniffe hat, wird ausgefchaltet, e3 triumphiert dag Ding, das tote Geld. 
Serif} ijt das Entjcheidende bei der Wirtjchaft die Bedürfnisbefriedigung, aber für 
dieje Befriedigung gibt e8 nicht nur eine Frage nad) dem Was, gibt es auch eine 
Frage nad) dem Wie: ob fich nämlich diefe Bedürfnisbefriedigung unter der materia- 
hitiichen oder national-idealiftiichen Ydee vollzieht, ob die Struktur des Wirtjchafts- 
forpers ji nach dem Profitgedanfen oder nach der dee der Höchitentfaltung der 
nationalen Kräfte vollzieht, ob fie, mit anderen Worten, für fich oder für die Nation 
da.ijt.*) Bismards Schußzollgefege haben in diefer Erkenntnis ihre tiefe Begrün- 
dung und alle joziale Gejeggebung kann allein hier ihre wahre Quelle haben, in den 
Belangen des Ganzen der Nation und nicht in dem felbitifchen Glidfeligfeitsftreben, 
dem Materialismus einer Slafje, einer Schicht des Volfes. 

Die Rechtsform für das dem Ganzen verantwortliche Sondergebilde des jozialen 
Lebens ift die Korporation. Syn der forporativen Geftaltung des Boltslebeng liegt 
darum der Weg zu einem deutjchen Sozialismus, der im jchärfiten Gegenjag gun 
Marrismus nicht utilitariftifceh, fordern im Dienjt an der dee eines Vollsganzen 
und damit überhaupt idealiftifch begründet ift. Das förperjchaftlich nationale Den- 
fen tritt jo dem Zivilifationgmechanismus entgegen, deffen lebte Folgerungen der 
Marrismug gezogen hat, in dem fich diefer Mechanismus zu Tode leiert. Es ijt 
Har, daß von hier aus der Gewerffchoftsgedanfe einen neuen Sinn und neue Auf- 
gaben erhält, daß er von bier aus feine deutjche Gejtalt gewinnen kann. - 

Der Staatsgedanfe, der ung in diefem förperjchaftlichen Aufbau entgegentritt, 
hat jein vielleicht Earjtes Gegenbild gefunden in den politiihen Verfuchen Rudolf 
Steiners, in dem Gedanken der Dreigliederung des fozialen Organismus. Da wird 
die Trennung des Lebens in verjchiedene nebeneinander jtehende Gebiete zu Ende 
geführt. Staat, Wirtfchaft und Kultur werden als vollig gefonderte Gebilde aufgebaut. 
Wenn der Demofratismus des Weltens nur die einzelnen Mienjchen, die Vollsglieder, 
beziehungslos nebeneinander jtellt, um fie dann als Urwähler in mechanifden Mebhr- 
beiten zufammenzuballen, jo wird bier im einzelnen Menjchen felbjt die Trennung 
durchgeführt. Der lebendige Menjch wird gefpalten in eine Rechtsperjönlichkeit, eine 
Wirtichaftsperjönlichkeit und eine geiftige PBerjönlichkeit.. E83 fehlt damit freilich 
gerade das, was Berfönlichkeit zur Perjönlichkeit macht, die lebendige Beziehung und 
Sneinsbildung der Bewußtjeinsinhalte. Was ijt denn das Recht, wenn nicht das 
Recht des inhaltvollen Lebens? Das Recht ift Doch gerade der Wusdrud unferes Be- 
gogenfeins, die Form der Bindung an den Yubhalt und der Ynbhalte untereinander. 
Der Staat ijt nicht ein Drittes neben der Kultur und der Wirtjchaft, jondern die 
Beziehung von Kultur und Wirtfehaft aufeinander. Er ijt gerade das Einheit- 
ichaffende, das Yeh der Kultur, der Strom, der von Pol zu Pol geht, das Gewölbe, 
das die Säulen zum Ganjen -itberfpannt, oder richtiger, die Kraft, die die Steine 
des Gewölbes zu einander fügt. Das Wolbende am Gewölbe. 

Damit ift zugleich der Gieichheitswahn abgetan, auf dem der mechanijche 
Staatsgedanfe ruht. Diefer Wahn entiteht dadurch, dak man das Yoh Herauslojt 
aus den lebendigen Beziehungen, in denen e8 fteht und in denen fein Dafein be- 


*) Alma de (’Aigles hat auf diefe Dinge einmal ausführlicher in den „SJungdeutichen 
Stimmen” bingeiviefen. 


168 


gründet ift und fic) ausdridt. Charakter und Schicfal find eins. Man fieht alfo 
bei dem Gleichheitsimahn gerade von dem Wefentlichen ab, von dem, was dem einzel- 
nen feinen Wert und feine Bedeutung gibt. So wie im Gewölbe jeder Stein gerade 
an feiner Stelle dad Ganze trägt, tragend und felbft getragen, jo beruht die Macht 
des Staates auf dem Reichtum und der Mannigfaltigteit feiner Glieder und ihrem 
Miteinander und YFüreinander. Erjt die Verjchiedenheit ermöglicht die Einheit. 
Freilich find alle gleich, aber in einem lebendigen, tieferen Sinne, in ihrer Berant- 
wortung, darin, daß alle von dem mwölbenden Gefet erfaßt werden, darin, daß fie 
alle auf den gemeinjamen Wert bezogen find. 

Hier wird fichtbar, was die Freiheit des Staates im Ynnern ausmadt: nidt 
die mechanijche Gleichheit Aller als Wähler, fondern die geordnete, fittliche Bindung 
aller Glieder aneinander. Yeder Stand findet feine Ergänzung durch die anderen, 
wird in feinem Wert und feiner Würde duch die anderen anerkannt. Der Stein 
jchwebt, getragen vom Gewölbe. Das ift meine Freiheit, daß ich teil Habe an Wert 
und Würde des Ganzen und mittrage an der gemeinfamen Verantwortung an meinem 
Drt, daß gerade mein bejonderes Leben feinen allgemeinen Sinn, feine Weihe erhält. 
Dieje Freiheit faun freilich nicht verliehen, durch ein Gefet feitgefeht werden. Sie 
wächlt in dem Maße, in dem das Volk fich zur Nation bildet. Hier liegt die Frei- 
heit der Bürger nicht mehr in dem toten Budftaben der Berfafjung, fondern im 
lebendigen Sein jedes Einzelnen. So ift der Staat nicht mehr ein gemadtes 
Syftent, fondern wandlungsfahig und doch fich felber treu wie das Leben des Volkes 
felbft. An diefer Freiheit wurzelt feine Macht, in diefer Freiheit liegt die Gewähr 
feiner Zukunft in Zeiten der Finfternis, Denn auch vom Staate gilt, daß Charalter 
und Schidfal eines find. Karl Bernhard Ritter. 


Die bivlogijrhe Wefenheit des BWolfes. 


ie Serfplitterung der Wiffenfdaft in gefonderte Fächer, in deren einzelnen 

Die gorfdherarbeit oder die Anfchauungsweife de8 Menfden gewobhnlid be- 
fangen ift, Bat eg mit fich gebracht, daß , Volk” entweder als jpraclicer oder als 
gefdichtlider oder als geographifcher oder als politifcher oder gar als wirtjchaftlicher 
Begriff aufgefakt wird. Feder diefer Begriffe aber bleibt an der Oberfläche und 
umfaßt nur Auswirkungen der eigentliden Wefenheit des VBollstums, das nur als 
Lebenserfheinung begriffen werden fanı. Nachdem die Lebensfunde von 
der fuftematifchen Weberficht dew Exfcheinungsformen des Lebens und der Beob- 
achtung der Lebensvorgänge im Einzelwefen zur Aufftellung allgemeiner Gefete des 
Lebens fortgefchritten ift, wird es möglich, auch die Erjcheinungen des menfchlichen 
Lebens, das nur als Teil des Gefamilebens richtig begriffen werden fann, unter 
diefe allgemeinen Gefete zu faffen. €8 geht nicht mehr an, wegen feiner Geiftigfeit 
den Menfchen aus dem Zufammenhang des Gefamtlebens herauszuheben und fir 
fein Leben eine Eigengefeglichkeit in Anfpruch zu nehmen. Wohl ift bei ihm durch 
me Entwidlung der Sprache die bei den Tieren im allgemeinen noch zurüditehende 
Meberlieferung neben der Vererbung für die Ausgeftaltung des Cingellebens wefent- 
lich mitbejtimmend geworden. Aber fie hat auch bei den höheren Formen der Tier- 
welt jchon eine große Bedeutung erlangt, die ext fichtlich geworden ift, nachdent 
die neuere Forjchung über das Seelenleben der Tiere deren Fähigkeit hat erfennen 
laffen, auch ohne eigentliche Sprache fich untereinander zu derftandigen. 

Biologifches Denken verlangt für „Seele“ ein lebendes Wefen als Trager, deffen 
„Drganifation” mit Befeelung gleichbedeutend ift. ede in fich abgefdlofjene Orga- 
nifation, jede lebende „Wefenseinheit” oder „Sanzheit” hat ihr eigenes Seelenleben. 
Es gibt alfo ein Seelenleben der Zelle und ein folches des ganzen aus Zellen zu- 
fammengefegten Lebewefens. Das Leben des letteren ift nicht einfach die Rejultante 
der Lebensfrafte der Zellen, jondern etwas gang neues, mit vollfommenerer, das 
heißt differenzierterer Organifation und dadurch bedingten, beziehungsweile damit 


169 


Wentifden höheren jeelijchen Fähigkeiten und erweiterten Anpafjungsmöglichteiten. 
es jtellt eine „höhere Wefenseinheit” (Holle) dar, oder fteht auf höherer „Sintegra- 
ttongjtufe” (France). Der Vorgang der yntegration wiederholt jich aber auch bei den 
gujammengejepten Lebeivefen (Wietazoen): iiber der Seele des Einzeltieres fteht die 
„Sattungsjeele* Gattung, das ijt in der Sprache der jyitematijchen Lebens- 
funde die „Art“, ijt fein bloß abgezogener Begriff; jondern die Bezeichnung unnfapt 
nach neuerer Auffajjung der Wijjeniyaft eine bejtimmie mehr oder weniger ausge- 
dehnte Gruppe von kinzelwejen, die nicht etiva durch ihre übereinjtimmenden Eigen- 
Ihaften nur in unjerem Geijte zujammengefaßt werden, jondern innerhalb deren 
taifächlich normalerweije die gejchlechtluhe Weiicyung erfolgt: „Zur Wattung gehört, 
was fic) gattet’. Das kann Ausnahmen erleiden; im Leben berrichen überhaupt 
feine mechanijchen Gejege mit zwanghafter Gültigkeit. Die Grenzen der Gattungs- 
Sndividualität find Daher oft unfcharf und fließend. Das hebt ihr Wefen nicht auf: 
es gibt „gute und jchlechte Arten” in der Natur. Die integrierende Wirkung ihrer 
Entjtehung ijt allevdings3 nicht jo auffällig wie bei den fcharf begrenzten Einzeltieren; 
umjoimweniger, je zahlreicher und verjchiedenartiger die „reinen Linien“, die rein= 
erbigen Fortpflangungsreiben, find, die zur gemeinjamen Fortpflanzung in der „Art“ 
gujammengefagt werden. Umfo größer ijt aber auf der anderen Seite die An = 
pajjungsfahigteit der Gattung und damit ihre Bebensmöglidteit. 
Denn je nach den mwechjelnden äußeren Umjtänden werden die Träger der defjer 
geeigneten Anlagen jich vorzugsweife entwideln. 

Aljo nicht von der Größe des Unterjchiedes hängt e8 ab, ob zivei Formen zu 
derjelben Art gehören oder nicht, fondern ob fie zu demjelben Umfreis generativer 
Abgejchlofjenheit gehören. Dieje fann bedingt fein durch natürliche, geographijch 
bejtinnmte Schranfen, die für gewöhnlich von den Einzelivejen nicht überjchritten 
werden, oder durch die bejondere Anlage der Begattungsorgane, oder durch über- 
kommene Inſtinkte oder Gewohnheiten, die eine Mifchung ermöglichen oder ver- 
jagen, oder aud) durch eine zur Mifchung ungeeignete Bejchaffenheit der Gejchlechts- 
zellen, alfo Unfruchtbarkeit der Paarung. Möglichteit der Mifchung ift aljo 
fein Kennzeichen artliher Zufammengehörigfeit; man hat Mijchlinge erzielt von 
Formen, die viel weiter von einander abftehen als marfante Naturarten. 

Auf den Menjchen angewandt, fann diefe Betrahtungsweife nicht darauf 
führen, die „Menfchheit” alg Battung in dem angeführten Sinn aufzufafjen. Denn 
dem natürlichen Gefühl mwiderftrebt die Milchung zwifchen den verjchiedenen Raffen 
de3 Menjchen, trogdem die vorhandenen nicht mehr die unvermijchten Urrafjen find, 
die weiter von einander abftehen als viele unzieifelhafte Naturarten, deren Anz 
Tagen aber in mannigfacher Mifchuitig in der Erbmafje der heutigen Völker erhalten 
geblieben find. Die vaffifhe Zufammenfegung diefer Erbmaffe entjcheidet über Die 
Entwidlungsmöglichfeit des Volkes. Der Menjch handelt gegen die Natur, wenn er 
Den durd) das Bolf gegebenen Umtreis feiner Gattung durch Hereingiehung mejens- 
fremden Blutes erweitert. Wohl gibt e8 in der Natur Berengerung des 
Kreijes, die insbefondere bei Abfonderung eintritt und auch beim Menjchen ihr 
Analogon findet und zur Differenzierung, zur Bildung neuer Völker, führt. (Hol- 
länder aus deutfchen, Ameritaner aus angelfähfiihem Stamm.) Die „Menfchheit” 
ald Gattung würde für die geiftig höher ftehenden Volfer auch ein Zurüdfinten auf 
eine iibertoundene Yntegrationsftufe fratt des Aufftiegs zu einer höheren bedeuten, 
wie tir ifn in der Natur beobachten, wo in allen Fortbildungsreihen*), nicht bloß 
in der zum Menjchen führenden, eine Zunahme der geiftigen Entwidlungshobe zu 
beobachten ift, wie ich in meiner „Allgemeine Biologie ald Grundlage für Welt- 


° Yh unterfdeide ,Fortbiloung” als Erwerbung neuer Erbanlagen, die nit aus 
erivorbenen Eigenjhaften des fertigen Wejens entitehen und erjt in längeren als_ge- 
ſchichtlichen eerie merflic) werden, von ,Sntwidlung”, die nur vorhandene Erb- 
anlagen zur Ausbildung bringt. Die Durchführung diefer Unterfcheidung würde mandem 
QJrrtum und mandem Mipverftandnis auch in dec Politif vorbeugen. 


170 


anfdauung, Lebensführung und Bolitit” (Lehmann, Münden 1919) aus der 
relativen Hirngröße zujammen mit der Lebensweife nachgewiefen habe. 

Nah dem Kennzeichen der „generativen Gejchlofjenheit“ ijt vielmehr für den 
Menihen das Bol als die „Sattung“ anzujehen. Deshalb erjcheint auch das 
Volkstum als Aeukerung der bejonderen Boltsfeele umfo deutlicher abgegrenzt, je 
bollitandiger die generative Gejchloffenheit ift._ Deshalb bewahrt der Engländer 
ebenjo wie der “Jude fein Volf8tum auch in der Zerjtreuung unter anderen Völkern, 
indem er der Mijhung mit andersrafjigen Menjchen widerjtrebt oder die Mifchlinge 
nicht in fein Volfstum aufnimmt. Darauf beruht die „Raffenkraft” diefer Völker, 
nicht in einer „Durcchichlagenden” Vererbung ihrer Rafje als folcher, die befonders 
für die Yuden oft behauptet wird. Nur einzelne Erbanlagen des einen wie des 
anderen Elter8 fönnen durchichlagend, „dominant“ fein, ohne die Vererbung der 
„rezefliven“, im Erjcheinungsbild verdedten Eigenjchaften zu verhindern. Das Ver- 
meiden der Mifchung bedingt auch die fcharfere Ausprägung ihres typifchen Er- 
Iheinungsbildes und ftärfere Gleichartigkeit der Charakterzüge und feelifchen Fabig- 
feiten. 

Mit wifjenjchaftlicder Genauigkeit hat diefe natürliche Entjtehung eines Volfes 
unterjucht werden können duch Eugen Fijher in feinem biologisch und ethno- 
graphijch bedeutjamen Werke „Die Rebhoboter Bajtards” (Guftav Fifcher, Jena 
1913) bet der ,,Baftard-Nation” im ebemaligen Deutfh-Südiweit-Afrifa, ehe die 
Aufhebung ihrer Abfonderung bei der Aenderung der politijden Verhaltniffe die 
Erforſchung ſtörte. Es handelt fid um ein Mifchoolf wejentlih aus Buren und 
Hottentotten, aljo vaffifch fehr verfchiedenartigen Beitandteilen, dag troßdem einen 
beftimmten Volfscharakter und eine bejtimmte völfifche Seelenart entwidelte, weil die 
durch lange Beit hindurch bemwahrte Adgefchloffenheit feines Lebens es beiwirkte, dag 
die Mijdlinge fic mwejentlich nur unter fic) paarten und kaum ein Auffreuzen nad 
der einen oder anderen Stammart erfolgte. 

Die Bedingung der Entjtehung ift aber auch die Bedingung der Erhaltung und 
weiteren Ausbildung eines Vollstums; das ift die biologifche Bedingung der „gene- 
rativen Gejchloffenheit“. Dieje kann gejtört werden durch Auswanderung oder 
Unterdrüdung der Träger bejtimmter Raffenanlagen, wie durch Zumanderung oder 
Forverung anderer, die fich dem herrjchenden Bolfstum nicht Harmonifch einfügen. 
Beides wirkt heute in verftärftem Maße auf die Zerftörung des deutjchen Volfstunrs 
bin, defjen Ausbildung auf heftimmten, feelifceh bejonder3 wirffamen Erbanlagen 
berubt, die man in volfifden Kreijen gern auf unjere germanijchen Vorfahren zu: 
rindfiihrt. Das ijt die Folge der längere Zeit jchon, wirffamen unbetougten, aber von 
Fremden bewußt geforderten Whfehr eines Teils der Bevölkerung von der Ue ber - 
lieferung des „völfifchen Grundftods”. Diefe Meberlieferung, insbefondere Die 
Erziehung der Yugend, bildet die feelifche Gemeinfchaft, die Gleichartigfeit der 
Leben3- und Dentweife, heraus, die diefen Grundjtod auch in der Fortpflanzung 
_ gujammenhalt, während ohne folche mit der widervölfifchen Gefinnung der raffijche 
Gnftinkt unterdrüdt wird, der der Mifhung mit fremdem Blut widerjtrebt. — Yn 
diefem Sinne fteht die Ueberlieferung jchon bei den höheren Tieren im Dienjte der 
Gattung. Sie bewirkt die gleichartige Lebensweije, durch welche die Naturmwejen 
auch für die Fortpflanzung zufammengehalten werden. Diebewußte Geiftig- 
feitaber, dDieden Menfhenim Kulturzuftande wie die Hans- 
tierepondennatürliden Inftintftenabmwendet, muß nun für 
dDiefe eintreten, um die Gefete des Lebens zu erfüllen, die 
den Fortbeftand und das Gedeiben der Lebensformen be- 
Dingen. 2 

Die nach dem vorangegangenen erkannte Notivendigfeit der „genevativen Ge- 
fchloffenheit” des Volkes fchließt nicht die Möglichkeit aus, daß bejtinnmte Varianten 
der zufammengehörigen Abftammungslinien innerhalb des Volles wieder engere 
Fortpflanzungstreife: „Stände“ bilden; eine Möglichkeit, die der Ganzheit des Volfes 


171 


nidt fchadet, wenn fie nicht gu kaftenmäßiger Abfonderung führt. Sie bietet aber der 
erwähnten Anpafjfungsfähigleit den Boden zur Betätigung, insbejondere Gelegen- 
beit zur Ausbildung von Führernaturen. Denn die Erbanlagen geijtiger 
Fähigkeiten, die jolcde bedingen, fonnen fich nicht aus dem ungegliederten Volfsforper 
auf einmal zufammenfinden, jondern nur durch allmählige Ausfiebung. Auch muß 
neben den geiftigen Fähigkeiten auch die Richtung des Gemüts und des Willens auf 
die höhere Wefenseinheit vorhanden fein, deren Pflege die Aufgabe der gehobenen 
Stände ijt, wenn fie Dafeinsberechtigung haben follen. Die ftändifche Gliederung 
it aber nötig, weil fie das geiltige „Gefälle“ fchafft, un das Kulturleben des Volkes 
in Gang zu Halten, defjen heute verfuchte Nivellierung durch die „einheitlide Bil- 
dung“ für das Kulturleben geradejo lähmend wirkt wie die durd einen gewiffen 
Radifalismus eritrebte Einebnnung des wirtjchaftlichen für das materielle Volfswobl. 
Denn das Leben ijt fein Zuftand, fondern ein Borgang. 

Bei den Beitrebungen, die forperlide und geijtige Ausbildung des Volkes zu 
heben, die ich unter der Bezeichnung „eugenifche Politit” zufammengefaßt Habe, 
fommt e8 alfo nicht darauf an, wie die fchiefe Bezeichnung „Raffenhygiene” oder 
„Raffenpflege” annehmen läßt, eine beftehende Raffe rein und gefund zu erhalten, da 
‘8 reine Raffen überhaupt nicht mehr gibt, noch auch einen beftimmten Raffetypus, 
der vielleicht nur in unferer GVorjtellung befteht, wieder rein Herauszuzüchten, was 
eine Zerftörung des Volfstums bedeuten twirde, gang abgefehen davon, daß eigent- 
lie „Züchtung“ im biologifchen Sinne aus verjchiedenen Gründen beim Menſchen 
nicht durchführbar ijt. Und was nüten uns die vorhandenen oder etiva herausge- 
züchteten „reinen Germanen”, wenn fie, twie e8 heute größte Gefahr ift, in andere 
Länder gehen und diefe gegen ung ftark machen, oder wenn fie bei uns an die Gpige 
widerdentider Beitrebungen treten? — Diefer Gefahr kann nur durch eine jtraffe 
völkifche Erziehung der Jugend begegnet werden, ivie fie bei Engländern und Yuden 
befteht, die uns in unferer weltbiirgerliden Richtung zu beftarfen fuchen. Das ift 
heute die widtigite Forderung eugenifcher Politik, die nicht unter den Gefichtspunft 
der „Raflenhygiene” fallt, weil eine „Vererbung erworbener Eigenfhaften” nicht an- 
erfannt werden fann. Nicht Züchtung, fondern 3 u ch t ift unfere Aufgabe; es fommt 
darauf an, durch die richtige ftaatliche Ausgeftaltung der Verhältniffe die Vermeh- 
rung der zur Erhaltung und Hebung des Volfstums wichtigen Erbanlagen zu be- 
günstigen, einerlei welchen raffifchen Urfprungs, und, wo fie zur Vererbung ge- 
langen, im Sinne des Bollstums auszubilden. Zwei fich gegenfeitig bedingende 
Punkte find dabei für unfer germanifch beftimmtes deutjches Volkstum bejonders 
wichtig: die Förderung des ländlihen Lebens und die Ueber- 
windungdes Rapitalismus. 

Die Natur fennt feine Auswahl der Tiidhtigen gur Nachzucht. Von dieſem 
YFrrtum Darwing ift die Wiffenfchaft heute meift abgefommen. Wohl aber gibt e3 
im Naturleben eine rüdjichtslofe Ausmerze der für die Lebensweife der Art nicht 
brauchbaren Varianten, der „aus der Art fhlagenden”. Dadurch erhält fi} die Art . 
auf der Höhe der Ausbildung. Das müßte auch das Vorbild für den Menfchen fein, 
wenn er fich auch mit der Verhinderung der Fortpflanzung Untauglicher begnügen 
wird, ftatt daß er durch eine falfche Anwendung der chriftlichden Nächftenliebe feine 
Jurforge mit Vorliebe auf die Schwachen und Minderwertigen erftredt! 

Wir müffen ung auf der anderen Seite aber auch flar darüber fein, daß die 
Forderung der Tüchtigen zu höherer Lebensftellung feine „Auswahl zur Nachzucht” 
bedeutet, jondern einen Berbrauch zugunften des PVollsganzen, den wir als 
naturgegeben betrachten müffen. Denn alle Fähigkeiten der Naturmwefen zielen auf 
die Erhaltung der Gattung. Wenn fie nur für das Einzelleben eingejegt iver- 
den, muß die Satung zugrunde gehen und damit auch der Einzelne feinen Halt ver- 
lieren. Dies biologifehe Grundgefeg zur Geltung zu bringen, war daß unbewußte 
Streben aller erfolgreichen Staatsmänner. Friedrich der Große hat e8 fogar direft 
ausgeiprochen, indem er zu feinen Miniftern fagte: „Brägen Sie fich die Ueberzeugung 
172 


ein, daß fic) die Natur um die Einzelmwefen feine Sorgen macht, wohl aber 
um die Gattung”’. 

Darum werden wir gut tun, den Hochntut abzulegen, al wenn der Menjch 
„uber der Natur” Stände, und im Bewuftfein, dak vie allgemeinen Gefete des 
“Lebens auch für ihn gelten, fuchen, diefe biologifden Gefege gu unferem Heil und 
ju dem unjeres Volfes immer deutlider gu erfennen. 

Hermann Guftad Holle. 


Dolfs- und Staatsbewußtfein bei den 
Giebenbürger Öachfen. 


a8 die Gefchide, die in den fchiweren Sjahhren des Weltkrieges, des Zufamnten- 

bruches und des Veberganges an einen fremden Staat über Siebenbürgen 
dahingebrauft find, für die Siebenbürger Sachfen bedeuten, kann uns Reichsdeutichen 
nicht ohne weiteres deutlich fein. Denn bei uns befinden fich die drei Elemente, 
aus denen fi) da3 Selbftbemußtfein eines Volles zufanmenfegt, von jeher in Har- 
monie: unfere Heimat liegt irgendwo in einem Winkel Deutfchlands, wir gehören 
zum deutfhen Volt, und unfer Staat ift ein deutjcher Staat. So fonnen 
fonnen Heimats-, Volts- und Staatsbewußtfein nie in Widerftreit, nicht einmal in 
Spannung zu einander treten. 

Anders bei den Siebenbürger Gadfen (wie übrigens bei allen Auslanddeut- 
Ihen). Wie wir gehören fie zum deutfchen Bol, aber fern im Südoften haben fie 
ihre Heimat. Das ift die doppelte Grundlage ihres Selbitberwußtjeing, dauernd 
durch die Jahrhunderte, beide — Heimats- und Boltsberwußtfein — lebendig ent- 
widelt. Das Staatsbemwuktfein dagegen, dem das Baterlandsbewußtfein 
entfpricht, ift ein mandelbares Element, abhängig vom Gang der politifchen Ge- 
{dhidte. Gerade im legten Jahrhundert hat e8 zwei bedeutfame Krifen durdgemadt, 
die erite einfegend mit dem fahre 1867, die zweite verurfacht durch den Ausgang 
des Weltkrieges (1918/19). 

Als nämlich die Siebenbürger Gachfen aus dem Machtbereich der türfifchen 
DOberherrfchaft befreit wurden, bracdten fie in das Habsburgerreich außer ihrem 
Boltsbewußtfein ein Fräftiges fiebenbürgifches Heimatsbewußtfein mit, das fid 
zunächit vielleicht mit ihrem Standesbewußtfein, dem Berwußtfein der Zugehörigkeit 
zum Groffiirftentum Siebenbürgen, deden mochte. Allmählich erweiterte e3 fich aber 
zum Betwußtjein der Zugehörigkeit zu dem großen Staate der Habsburger. Das 
blieb fo, bis im Sabre 1867 das Reich der Habsburger in zwei Teile zerlegt und in 
Folge davon das Groffürftentum Siebenbürgen als politifche Größe aufgehoben und 
mit Ungarn verfchmolzen, um nicht zu fagen: Ungarn einverleibt wurde. Wie ftand 
e3 nun mit dem Staatsbewuftfein der Gadfen? 

or natirlidhes Gefiih! Lie fie ich als Bürger der Doppelmonardie fühlen. 
Aber eben das brachte fie in Gegenfa zu den neuen ftaatsrechtlichen Verhältniffen: 
denn Das war ja gerade, nad dem Sinn des in der öftlihen NReichshälfte herr- 
ihenden Volfes, der Fortfchritt der Neuordnung, daß das Reich der Habsburger 
nicht mehr als ein Staat betrachtet werden konnte, daß e8 fich vielmehr aus zwei 
Staaten zufanmenfegte. Fn einem Reich sei ,Vaterlander” — pas war das 
Zeichen der neuen Beit mad) 1867. Wer nun wie die Siebenbiirger Gadhfen von 
Haus aus geneigt war, gefamttaatlich zu empfinden, der geriet in den Verdacht 
habsburgifch, großöfterreichifch oder „Ichtwarzgelb“ gefinnt zu fein, jedenfalls mar 
fein Staatsbewußtfein nicht ungarifd. Und fein „Vaterland”? Die ganze Doppel- 
monarchie durfte e3 nitht mehr fein, und Ungarn war e8 noch nicht. Der Sachfe 
fah fich wefentlich zurücdgemworfen auf Volks- und Heimatsbemwußtfein. 

€3 hat lange gedauert, bis die Sachfen diefe Spannung überwanden und ganz 
in die neuen Verhältniffe hineinmwuchfen und fic mit ihnen ausfohnten. Da die 


173 


Magyaren, von ihrem eigentiimliden Begriff der Staatönation geleitet, fofort nach 
der Einverleibung Siebenbürgens heftige Angriffe auf das Bolkstum der Sadjen 
richteten, war das erfte Menjchenalter im neuen Ungarn von fcharfen Kämpfen 
zwifchen Sachjfen und Magyaren erfüllt — Kämpfen, die natürlich dazu beitrugen, 
daß die Sachjen auch weiterhin dem Staate, der ihr Vaterland fein follte, kühl 
gegenüberjtanden. Dieje Dinge waren auch noch nicht überwunden, als der Krieg aus- 
brad. Bwar war e3 den Gadjen gelungen, ihr Boltstum zu behaupten (wenn auch 
nicht ohne Einbuße, bejonders in der fommunalen Verwaltung und in der Schule); 
gwar wirkten Zeit und Gewohnung unbetouft, denn man lebte num doch einmal 
im Königreich Ungarn; zwar bahnte fic) ein Rompromif an, denn auch die Mtagy- 
aren fchienen einzujehen, daß die Früchte einer endgültigen Bejiegung der Sadjen 
— die Rumänen Giebenbiirgens ernten würden, daß daher ein Zujanımengehen der 
Magyaren mit den Sachjen gegen die Rumänen zivedmäßig fei; aber ein erheb- 
liches Mißtrauen gegen ihr „VBaterland” Ungarn blieb doch in den Herzen der 
Gachjen zurüd. 

Da fam der Weltkrieg. Er brachte zunächjit auch in Siebenbürgen eine geivaltige 
Erhebung der Gemüter. Magyaren und Sachen verteidigen gemeinfam dag 
„Baterland”. Die Magyaren verhießen den Sacdjen für die Zuhmft ungejtörte 
Entwidlung ihres Vollstums. Die Sachen aber jahen fich plöglich vor die Frage 
geftellt: wie, wenn nun wirklich unjere Heimat Siebenbürgen vom „Baterland“ 


Ungarn losgerifien wird? Was wird dann aus unferem fächfifchen Bolte? Bes 


deutet das nicht den Sturz in den Wbgrund? — Und die Crfenntnis diejer Gefahr 
trieb fie zur rüdhaltlojen Hingabe an Ungarn. Set erft fohnten fie fich im Herzen 
mit den neuen BVerbaltniffen aus. Erjt im Augujt 1914 nahmen die Sachſen den 
ungariſchen Staat, das Vaterland Ungarn, in ihren Willen auf. 

VDieſe Entwicklung erhielt ihre Weihe, als — nach dem 28. Auguſt 1916 — 
die Rumänen den Krieg erklärten und in Giebenbiirgen einbraden. Der Auf- 


forderung der ungarifchen Regierung, Siebenbürgen zu räumen, folgten nicht wenige- 


Sadjen, fie wandten fi ins innere Ungarn und wurden dort von den Magyaren 
freundlich empfangen, al Bürger eines Baterlandes. Was fie Damals erlebten, 
faßte ihr Führer in die Worte: Die Heimat (Siebenbürgen) haben wir verloren, 
aber da38 Vaterland (Ungarn) gefunden. Die volllommene Ausjöhnung zivi- 
Ichen Heimat3- und Staatsberwußtfein war erreicht und damit jchien ein ficerer 
Grund für die Zukunft gefunden. 

Zwei Fabre darnach aber entfdied das Schidfal anders. E83 trat der voll- 
fommenjte Umfdwung ein: Siebenbürgen wurde von Ungarn abgetrennt und mit 
Rumänien vereint. Yn den neuen Staat nahmen die Gachfen unverändert hin- 


über ihr deutfches VolfSsbewuftfein und ihr fiebenbürgifche® Heimatbemwußtlein.: 


hr Staatsbewußtfein aber geriet in eine neue Kriſis: mit dem ungariſchen Staats⸗ 
bewußtſein konnten ſie nichts mehr anfangen, ein rumäniſches Staatsbewußtſein 
konnten ſie ſich unmöglich über Nacht zulegen. So ſahen ſie ſich wieder auf Volls⸗ 
und Heimatsbewußtſein zurückgeworfen. 

Es iſt klar, daß die Ausbildung eines neuen Staatsbewußtſeins, wenn ſie er— 
folgt, lange Zeit dauern muß. Naturgemäß kann ſich das Empfinden eines ganzen 
Volksſtamms nicht von heut auf morgen gänzlich umſtellen. Die Vorgänge, die 
mit dem Uebertritt in ein neues Staatsweſen zuſammenhängen, ſind noch nicht 
abgeſchloſſen. Einſtweilen läßt ſich folgendes erkennen. 

Der Anſchluß der Siebenbürger Sachſen an Rumänien hat ſich der Form nach 
freiwillig vollzogen. Noch während der Zeit des Schwebezuſtandes, nach dem 
Zufammenbrucd Ungarns, aber vor dem Friedensihluß und vor der Neuordnung 
der Grenzen, haben die Gachjen ihren Anjhluß an Rumänien vollzogen (am 9. Ya- 
nuar 1919 in Mediajch). Die äußere Möglichkeit dazu lag darin, dak mit der Nieder- 
lage Ungarns und dem Einmarfch der Rumänen automatifch diejenigen Führer der 
| Gacdjen zurüdtraten, die das Hand-in-Hand-Sehen von Sadhfen und Magyaren 


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berbeigefiibrt batten, und dah pliglich der Politifer, der [don vor dem Kriege ver- 
jucht Hatte, mit den Rumänen gegen die Magyaren Politif gu treiben, an die 
Spite gehoben wurde und der geeignete Mann war, mit den Rumänen zu ber- 
handeln (Rudolf Brandſch). Die innere Möglichkeit aber, dag Rudolf Brandjd 
jest mit feiner Politif bei den Sacdjen, trog ihrer erjt vor furgem vollzogenen 
Ausfohnung mit den Magyaren, nicht allein blieb, lag in den Verbaltnifjen. Cine 
grundftürzende Veränderung der Weltlage herbeizuführen, jind die Sachjen natür- 
lich nicht in der Lage. E3 kann fich, fo jcheint es, daher für fie nicht darum Handeln, 
das an fick) Wiinfchenswerte, fondern nur darum, das für fie unter den gegebenen 
Umftänden verhältnismäßig Bejte herbeizuführen. Das Wefentlide fir fie tft, 
die Entwidlung ihres Bolksjtammes — eben als eines deutjchen Volfsftammes — 
für die Zukunft fiher zu ftellen. Es galt aljo, jchien e8, da die Gejhichte nun 
einmal gegen Ungarn entfchieden hat, von den Rumänen möglichjt gute Bedingungen 
zu erhalten. Entjhied man fih nun fchon jeßt, während die Zuteilung Sieben- 
bürgens an Rumänien noch keineswegs ficher war, für Rumänien, jo mußte das die 
Rumänen zu Dank und Gegenleijtung verpflichten. Vorangegangen waren (am 1. Dez 
zember 1918 in Starlsburg) die Rumänen Siebenbürgeng, welche die große Mehrheit 
des Landes ausmadhen. Durch ihre Anjchlußerklärung twar der Stein ins Rollen 
gefommen. hre Entichliefung aber, die fogenannten Karlsburger Beſchlüſſe, 
in der fie für alle mitbervohnenden Völker die „volle nationale Freiheit” verfündeten, 
fchien den Gachfen den Weg zu ebnen; und al3 König Ferdinand von Rumänien. 
am 31. Dezember 1918, der endgültigen Regelung durch die Entente-Mächte vor= 
greifend, die Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien ausfpradh, erkannte er 
die Karlsburger Beihlüffe an. Die dauernde Achtung aljo vor den Sarlöburger 
Beihlüffen, das ift: die Sicherheit der nationalen Freiheit war e8, was man bon 
der rumänischen Regierung als Gegenleiftung für den freiwilligen Anjchluß er- 
wartete und auch erhalten zu haben glaubte. 

Mit der Anjchlußerklärung von Mediajch aber und der freitwilligen Uebernahme 
der rumänijchen Staatsbürgerjhaft war noch nicht der innere Anjchluß eines 
ganzen Voltes vollzogen. €8 war nur der Boden gejchaffen, auf dem fich eine 
jpätere Entwidlung vollziehen fann. Die gemeinjam mit den Magyaren verlebte 
Gefchichte Hatte doch unzählige Faden hinüber und herüber gezogen, die nicht mit 
einem Schlage zu zerreißen waren. - Zudem traten verjchiedene Umjtände ein, 
mwelche eine jtarfe Belaftung für die Gemüter der neuen rumänijchen Staatsbürger 
bedeuteten. Als nämlid Rumänien aufs neue zu den Waffen griff und Ungarn 
bejeßte, rief e8 auch die Sacdjen, als feine neuen Staatsbürger, zu den Fahnen. 
Das war fir die Sachen doppelt jhwer. Es war wirtjchaftlich jchwer. Denn 
der Bauer, der nach jo langen Kriegsjahren fich endlich) einmal wieder in Rube 
der Hiilfe feiner Söhne erfreute, mußie fie aufs neue entbehren und in Krieg 
und Gefahr ziehen fehen; die Magyaren GSiebenbürgens aber blieben, da jie 
eine freiwillige Anjchlußerflärung abgelehnt Hatten, aljo noch nicht ala rumanijche 
Staatsbürger gelten fonnten, von der Aushebung verjchont. Welchen praftijchen 
Nuten aljo jah der Bauer davon, dak feine Führer ihn ins rumänijche Lager 
geführt hatten? Es war aber auch feelifch jchwer. Sahr für Jahr batten. die 
Sadjen in den ungarischen Regimentern Schulter an Schulter mit den Magyaren 
gefampft, und nicht fehlecht gekämpft; und nun follten fie gegen ihre bisherigen 
Maffengefahrten zu Felde ziehen! Das ging gegen das Gefühl. Aber auch diejer 
Feldzug ging vorüber. 

Und jetzt? Die rumäniſche Regierung hat manches getan und tut manches, was 
den Sachſen das Einleben in den neuen Staat zum mindeſten nicht leicht macht. Sie 
hat eine Agrargeſetzgebung begonnen, welche vor allem gegen die ſächſiſche Kirche 
gerichtet iſt, die aber auch den ſächſiſchen Bauer trifft. Denn wenn die Kirche einen 
großen Teil ihres Grundbeſitzes verliert, deſſen Ertrag zur Unterhaltung nicht bloß 
der Kirche und ihrer Paſtoren, ſondern auch der Schule und ihrer Lehrer dient, 


175 


fo entjteht ein gewaltiger Ausfall an Einkünften, und fie fan ihre Aufgaben, 
wenigftens annähernd, nur dann erfüllen, wenn fie ihren Gemeindegliedern fchivere 
Umlagen auferlegt, Und wieder fragt jich der Bauer, wenn er tief in feine Tafche 
greifen muß, was ihm denn der Anichluß an Rumänien eingebracht Habe? Dazu 
fommt, daR aud) in andern Dingen von Altrumänien aus (denn die fiebenbürgifchen 
Rumänen find zur Seite gejchoben) wenig rüdfichtsvoll regiert wird: fächfifche 
Beamte in Verwaltung und Gericht werden verdrängt und — troß der Karlsburger 
Beſchlüſſe — herrſcht ein ſtarker Sprachenzwang. 

Eine tiefgreifende Verbitterung frißt um ſich. Wie die Entwicklung weiter 
gehen wird, ſteht dahin. Einſtweilen iſt die Möglichkeit gegeben, daß neben der 
von Rudolf Brandſch geführten Richtung, die den freiwilligen Anſchluß an Rumä— 
nien und ein Zuſammengehen mit den Rumänen durchgeſetzt hat, noch eine zweite 
Richtung ins Leben tritt, welche in Erinnerung an die ungariſche Vergangenheit 
mit den in Siebenbürgen verbliebenen Magyaren zuſammengehen, alſo Nationali— 
tätenpolitik gegen das herrſchende Volk treiben wird. Ob es zur Ausbildung einer 
beſonderen Partei kommt, wird, ſcheint es, zum nicht geringen Teil von der Politik 
abhängen, welche die Rumänen den Sachſen gegenüber einſchlagen.*) 

Jedenfalls iſt die Kriſis des Staatsbewußtſeins, welche die Sachſen unter dem 
Zwange der Weltgeſchichte durchzumachen haben, etwas, was ſich nicht von heut 
auf morgen überwinden läßt. Im tieferen Sinne aber iſt der Mangel eines 
kräftigen Staatsbewußtſeins für ſie kein Unglück. Solange nur Heimats- und 
Volksbewußtſein bei ihnen kräftig entwickelt ſind, können ſie der Zukunft getroſt 
entgegen gehen. Gottfried Fittbogen. 


*) Der Aufjag ift noch vor den Neumahlen, die im März diefes SYahres ftattfanden, 


geſchriebe n. 
Bäͤcherbriefe 
Kultur und Goeſjellſchaft. 


W ir können keine politiſche Tagesfrage gründlich erörtern, ohne daß ſich hinter 
ihr die Frage erhebt: Wie hängt das, was hier für den Einzelnen gefordert 
oder von ihm verlangt wird, zuſammen mit dem Geſamtleben des Volkes? Mit 
andern Worten: Wie hängen die einzelnen Kulturgebiete untereinander zufammen 
und welches find ihre gefellfchaftliden Grundlagen? 

Diefe Frage war geftellt, als die Romantik zeigte, daß Staat und Kultur nicht 
vom zwecberwußten Willen Einzelner gemacht werden. Man abnte das Walten 
von Gefeten im Ablauf der Gejhichte. Man entdedte die Abhängigkeit der ver- 
chiedenen Seiten des Kulturlebens von einander. Man fah die Zufammtenhänge 
ztwilchen den Zielen und Erfolgen großer Männer und den Zeitbedingungen mit 
neuen Augen, man ertannte, daß nur die Helden Gefchichte gemacht hatten, die zu 
„ihrer Beit” famen. Hegel machte den erjten umfaffenden Verfuch, diefen Dingen 
auf den Grund zu gehen. G8 ijt der weitaus großartigfte geblieben. Die Gejchichte 
ift fiir ihn die Entfaltung eines göttlichen Geiftes, der danach jtrebt, zum Berußt- 
fein feiner ſelbſt zu kommen. In den einzelnen Zeitaltern der Kultur entfaltet er 
fih. Nicht ein „Kulturgebiet” ift vom andern „abhängig“, nicht die Wirtfdhaft vom 
Staat oder die Wiffenfchaft von der Wirtfchaft, fondern alle Teilgebiete find Wus- 
jtrahlungen Derfelben Einheit, der jeweils erreichten Stufe des Weltgeijtes. 
So kann alles gefchichtliche Gefchehen als notwendig erfannt und doch der Bedeu- 
tung der Perfönlichkeit ihr Recht gewahrt werden. Denn der Held ijt mehr als ein 
/Prooult feiner Umgebung“. In ihm fommt der Geift der Zeit zum Bewußtſein 
ſeiner ſelbſt. „Deshalb folgen die andern dieſen Seelenführern, denn ſie fühlen die 


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unmiderjtehlihe Gewalt ihres eignen inneren Geijtes, der ihnen entgegentritt.” 
(„Bhilofophie der Gejhichte”, Reklam ©. 67). Die Berkörperung diefes Zujammen- 
hanges ijt der Staat, der jornit als „srdiich-Gottliches” den Vorrang vor allen indi- 
viduellen Wünfchen und Zimeden hat. 

Bei dem hohen Fluge Hegels und erjt recht bei den Einfeitigfeiten feiner Nach- 
folger fam aber ein Gebiet zu furz. Sie betrachteten nur die Höhepunkte der Ent- 
widlung und ließen darüber außer Acht, wie fich im Leben des Alltags die verjchie- 
denen Beitandteile mijchen und wie von Hier aus übervafchende Verbindungen zu 
jenen Höhepunfkten führen. Das zu unterjuchen war Aufgabe der Spezialforichung. 
Hegel hatte allzufühn gleich nach der Stellung der einzelnen Erjcheinungen im 
eiwigen jinnvollen Zujammenhang gefragt. Die Hijtorifer unter Rankes Fiih- 
rung behielten ein Verjtändnis dafür, denn im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen 
blieb der zujammenhaltende Staat. Die Goziologen aber, welche die zeit- 
weiligen gejellichaftlichen Verhaltniffe unterjuchten, jahen zunächſt nichts als Einzel- 
beiten und ihre zeitlichen Bedingungen, Urjache und Wirkung. Fhren drei wichtig- 
jten Fubrern, Comte in Frankreich, Spencer in England und Karl Marz ijt gemein- 
fam der Glaube an die Macht der Verhältnife. Marx drüdt ihn aus mit den 
Worten: „Nicht das Bewußtfein der Menfchen beftimmet ihr Sein, fondern ihr gejell- 
Ichaftliches Sein bejtimmt ihr Berwußtfein.” Marx allein befaß die Fähigkeit zum 
Sujammenfechauen. Aber er fah mit unheimlicher Einfeitigfeit, fein eignes Beftes 
verleugnend, in allem Sulturleben nur die eine wirtjchaftliche Seite. Für feine 
materialijtifhe Gefhichtsauffaffung ijt das einzig Wefentliche die Entwidlung der 
gejellichaftlichen Produftionsweife. Durch fie ijt der ganze Ueberbau des geijtigen 
und politifchen Lebens beftimmt. Dies eine Element der Kultur verfolgte er nun 
Durch verfchiedene Stufen. E3 gelang ihm glanzend, damit Das Wefen feiner eignen 
Umgebung zu verftehen, denn im England der fünfziger und fechziger Jahre be- 
berrjchte tatfächlich die Wirtfchaft alles. Der Verfuch, die gefamte Gefchichte nach 
diefem Prinzip zu deuten, mußte zu den gröbjten Verzerrungen führen.*) 

Zu einer Meberwindung des Marrismus durch einen Angriff auf feine mangel- 
haften philofophifchen Grundlagen war die Wifjenfchaft lange Zeit hindurch nicht 
im Stande. Um fo wichtiger wurden Ergänzungen, die das Syitem von innen Her- 
aus fprengen mußten. Ferdinand Tonnies in feiner Schrift ,Gemeinfdaft 
und Gefellichaft” (Berlin, Karl Eurtius, 3. Aufl. 1920) ubernimmt von Mary den 
Gedanken, daß alle gefellichaftlichen Verbindungen in wirtjchaftliche aufzulöfen find. 
Nun ift aber das berechnende, eigennügige Handeln nur eine Seite des menjch- 
gichen Wollens. Es ift der Kürmille, das trennende Element, das durch „Recht“ 
und „Vertrag“ die Gefellfhaft aufbaut und zu Gefdhaft und Kapitalismus 
führt. Dem ftellt Tonnies den Wejenmwillen gegenüber, die gefuhl[smapige 
Ucbereinftimmung der Menfchen. Er führt zu Gemeinfdaft, Liebe, Gitte, Ve- 
ruf, ftändifchem und Iandsmannfhaftlihem Staatsaufbau. Der heutige Zuftand, das 
Neberwiegen der Gefellfchaft unterdrüdt alle fünjtlerifchen, gefühlsmäßigen, mehr 
weiblichen Werte. Als Ziel jtellt Tonnies eine Verknüpfung der Willensformen 
bin, in der dem Staat, dem Produkt der Gefellfchaft, die Aufgabe zufommt, die Ge- 
jellichaft felbit von ihrer überragenden Machtftellung zu jtürzen. Diefe Forderung 
ijt ein Zeichen dafür, wie weit bei ihm felbjt der gefunde Wefenwille den fyftema- 
tijden Ritrwillen iiberwiegt. Denn fein Syitem faht beide Willensarten nur als 
Naturprodulte, Quanten von Gebirnenergie; hier hat ein verbindendes Sollen 


*) Mary kann man nur würdigen, wenn man die Lehren aus der Perjonlidfeit heraus 
—— Dazu leiten am beſten añ: Werner Sombart: Das Lebenswerk von Karl Warx. 
(Fena, Guſtav Fiſcher 1900). Derſelbe: Sogialismus und foziale Bewegung. Jena, 
Guſtav Fiſcher 1918, 8. Aufl.). Robert Wilbrandt: Karl Marx. (Teubner, Leipzig). 
Ferdinand Tonnies: Mary’ Leben und Lehre. (Jena, Erich Lichtenftein 1921). Die 
klaſſiſche — der materialiſtiſchen Geſchichtsauffaſſung ijt Friedrich Engels: Die 
Entwiclung des Sozialismus von der Utopie zur Wiſſenſchaft. GBerlin, Buchhandlung 
Vorwärts, 7. Aufl. 1920.) 


177 


feinen Plag. Mit diefer fyftematijden Unausgeglicenheit mag auch) der eigentüm- 
Tide Stil zufammenhängen, der manchmal künjtlerifch padende Bilder gibt, mand)- 
mal in gefucht altertiimelnder Weije fic) in SKantifhen Schadhtelfägen ergeht. 
Findet man fi) damit ab, dann wird auch dem Michtgelehrten das Buch, das feit 
bierunddreißig jahren mit Recht in der erften Reihe der Fadliteratur fteht, be- 
deutende Anregung geben. 

Umzuwerfen war die materialiftifche Gefhichtsauffaffung nur, wern man nad- 
wies, daß fie die Frage: Was ijt denn eigentlich das Wejen fogialen Lebens? über- 
haupt nicht beantiworten fonnte. Das zeigte die Philofophie, als fie fic) gu Rant, 
zur erfenntniskritifchen Betrachtung der Grundfragen zurüdgefunden hatte. Am 
umfafjenditen brachte den Beweis Heinrich Ridert; auf feinen Werfen: „Die 
Grenzen naturwifjenfchaftlider Begriffsbildung” und „Naturwifjenfchaft und Kul— 
turwiflenfchaft” fußen fait alle päter zu bejprechenden deutjchen Schriftiteller. Am 
Ihärfiten zugefpigt führt ihn Rudolf Stammler. Er findet, wie Tonnies, die 
Eigenart des fozialen Lebens im Wollen. Darum genügt ihm nicht die Frage: 
oie fam es gu Stande?” Um zu verjtehen, was das foziale Leben gum Leben 
macht, muß man fragen: Weldhden Ziweden dient e8? Man fann e3 nidt aus Ur- 
facen und Wirkungen, nur aus Zweden und Mitteln erklären. Seinen Zwed nun 
fieht Stammler darin, daß jeder Einzelne dem andern durch Verzicht auf Willkür 
‚die Möglichkeit fichert, fein ganzes Leben einheitlich zu gejtalten. Das foziale deal 
ijt die „Semeinfchaft frei wollender Menfchen”. Die Wifjenfdaft vom fozialen 
Leben hat fi an diefem deal auszurichten, hat ethifch, Hat wiffenfchaftliche Politik 
gu fein. €8 ift bier nicht der Ort, auf Stammlers Neubegriindung der Redtsphilo- 
fophice naber eingugeben. Das Recht ijt ibm die Höchfte Art des verbindenden 
Wollens. E83 gibt dem fozialen Leben die Form und damit die Richtung auf fein 
Biel hin. Cine fehr flare furzge Zufammenfafjung feiner Lehren gibt Stammiler in 
der Eleinen Schrift „Sozialismus und Chriftentum” (Feliz Meiner, Leipzig 1920). 
Mit der Zurüdweifung der materialiftiihen Gefhichtsauffaffung wird die Forderung 
einer joztalijtifchen Wirtihaftsordnung eine Frage zweiten Ranges. Wir können 
weder aus der formalen dee des Rechtes noch aus der “dee der Liebe den Fnbhalt 
de richtigen Rechtes erjchaffen. Wir müffen ihn aus den Gegebenheiten des Lebens 
‚nehmen. Die {dee des Rechts lehrt uns, wie wir dieje zu ordnen haben; dak wir ef 
lönnen, dazu befähigt ung nur Religion, die uns das Vertrauen auf die jinnvolle 
Ordnung alles Lebens durch höhere Macht gibt. Stil und Gedanfengang des 
Buches bringen einem immer wieder Goethes Ausspruch über Kant in Erinnerung: 
„Denn ich ihn lefe, ift mic’8 immer, al8 ob ich in ein helles Zimmer trete.” Aber 
dem Bimmer fehlt die Ausftattung. Stammlers Werk ijt rein fritiih. Er lehnt 
ein Naturrecht ab, das für alle Zeiten und Völker gelte. Aber er fchweigt fich auch 
Yarüber aus, wie jich die einzelnen Seiten des Lebens zum fozialen deal verhalten, 
we die ordnende Hand des Politifers heute angupaden hat. Er fieht nur das ab- 
firafie Ziel, nicht das Gelände, durch das der Weg zu fuchen ijt. 

Dieses Gelände wird bejtimmt durch Seele und Gefchichte. E3 gibt beftimmte 
feelifhe Züge, die der Menfch nur in Verbindung mit andern Menjchen zeigen 
fann, nur wenn er darauf rechnen fann, daß die andern auf ihn rechnen. Freund- 
ichaft, Dankbarkeit, Geheimnis gehören hierher. Und e8 gibt in jeder 
gefellichaftlihen Verbindung, ganz gleich, melde Biele fie verfolgt und 
zu welcher Zeit, bei welchem Volke jie befteht, getwiffe, immer wiederfehrende Grund- 
formen: Ueber- und Unterordnung, Streit, Ausgleich, Arbeit3- und Spielgemein- 
ichaft u. dergl. Diefe Dinge hat ieh Georg Simmel zu einem eignen Arbeits- 
gebiet erforen. Nach den beiden eben gefdilderten Gruppen von Fragen unter- 
icheidet er allgemeine und formale Soziologie. Seine Kleine Schrift „Grundfragen 
der Soziologie” (Sammlung Göfchen) baut auf diefer Unterfcheidung auf. ALS Bei- 
{piel der allgemeinen Soziologie behandelt er das Berhältnis zwifchen jozialem und 
individuellem Niveau in Gruppen, Verfammlungen ufto.; aus dem Gebiet der for= 


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malen greift er das Problem der Gefelligteit Heraus. Den Hohepuntt der Schrift 
bietet da8 Beifpiel der philofophifchen Soziologie, „Sndividuum und Gejellichaft in 
Lebensanjchauungen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts”. Da fchildert 
er, wie Sant den liberalen Yndividualismus des achtzehnten Jahrhunderts umge- 
dogen und vertieft hat. Drebte fic) vorher alles um das empirifde ch mit feinen 
Winfden und Rechten, jo jegte er an defjen Stelle das fittliche mit feinen Pflichten. 
Damit werden aber die Forderungen der Freiheit und Gleichheit nach den Ber- 
Ihiedenheiten der Pflichten abgeftuft und fo muß diefer Gedanke zu ariftofvatijchen 
Folgerungen führen. Yn der Form nur Deutung vergangener Tatfachen und Mei- 
nungen enthält diefe Schilderung tatfächlich {chon die eigne zuftimmende Wertung. 

Wir finden Simmel aljo hier auf Stammlers Bahnen der zielfegenden Sozi- 
ologie. xyn feinem großen Werk „Soziologie, Unterfuchungen über die Formen der 
Dergejellihaftung” (Dunder und Humblot, Leipzig, 1908) vermeidet er das ängit- 
lich. Dafür fällt der dide, jchiwer lesbare Walger aber völlig auseinander. Er 
bringt jehr feine Beobachtungen, Einzelausführungen über die zum Teil oben er- 
wabnten Kategorien. Aber es fommt zu feiner Einheit, feiner Antwort auf die 
Frage nach dem Wefen der Gefellfchaft, weil die Frage nach ihrer Aufgabe nicht ge- 
ftellt wird. 

Mit Alfred Bierfandts Buch „Staat und Gefjellihaft in der Gegenwart” 
(Quelle u. Meyer, Leipzig 1921) fommen wir zu der zweiten Gruppe der Grundlagen, 
zur Gejchichte. Vierfandt wendet Simmels Kategorien, vor allem die der Ueber- und 
Unterordnung auf die heutige politifche Lage an. Die Aufgabe unferer Zeit fieht 
er in einer Verbindung von Ziwangsgewalt (Staat) und Freiwilligkeit (Gefjellichaft) 
im modernen Nationaljtaat. Unjer Staat tragt noch ftarfe Mterfmale de Klafjen- 
ftaates, in dem die Erobererfchicht als berechtigt und die Unterworfenen als ver- 
pflichtet einander gegenüberjtehen. Das wirkt bejonderg gehäffig, feit an Stelle der 
einander ergänzenden Stände die bloßen Befi unterfchiede getreten und damit 
die beiden Klafjen derjelben materialiftifchen Gefinnung ausgeliefert find. Einzel- 
mittel helfen diejer Zerriffenheit nicht ab. „Fede Kultur eines beftimmten Volfes 
und eines bejtimmten Zeitalter hängt in fich einheitlich zufammen. Man kann 
eine ihrer Seiten nicht ändern, ohne daß auch die anderen nach Aenderung ber- 
langen.” ©o ijt Vierfandt3 Grundforderung: Bekämpfung des ganzen fapitalijtijden 
Rebensftils, fiir den das Leben nur zum Geldverdienen da ift. Nur foweit fie diefem 
Biel näher führen, findet er Berechtigtes in Demokratie und Sozialismus und der 
verjchiedenen modernen Reformbemwegungen. Die Eigentümlichfeit des deutjchen 
Staatsgedankens fieht er genau fo, wie Simmel fie fhilderte. Yn gleichzeitig ein- 
fader und tiefer Weife gehen Vierkandts Frageftellungen auf das Grundproblem 
unjerer heutigen politifchen und fozialen Lage ein: Wie fommen wir aus Rationalis- 
mus und DMeaterialismus zu einer Gemeinfchaftsgejinnung und wie geftalten tir 
aus ihr die verjchiedenen Seiten unferes Kulturlebens im Einklang? 

Um das zu wiljen, müffen wir die Wege fennen, auf denen ein folder Einklang 
‚überhaupt zu Stande fommen kann. &3 kann uns nicht mehr genügen, feine Not- 
iwendigkeit und jeweilige Eigenart begrifflich abzuleiten, wie Hegel das tat. Wir 
brauden alfo eine Hiftorifche Unterfuchung, wie eigentlich) grade in ihren verzweig— 
teften und unfcheinbarften Wirkungen die Kulturgebiete zufammenhängen. Sie 
muß ganz ins Einzelne gehen und darf doch nicht darin aufgehen. Diefe Arbeit hat 
in ftaunenswerter Weife Max Weber geleiftet. Webers gefchichtlihe Arbeiten 
behandeln vor allem die Beziehungen von Religion, Staat und Wirtfchaft, Wirt- 
Ihaftsgefinnung und Wirtfchaftsform, und mweifen in mühevolliter Kleinarbeit nach, 
dak e8 einfach unmöglich ift, eins diefer Elemente aus dem andern abzuleiten. 
Öleichzeitig aber bahnt er in feinen logifden Unterfuchungen die Rüdtehr der 
empitiihen Wiffenfchaft aus dem Spezialiftentum zur philofophifchen Vertiefung 
an. Damit fann fie wieder fruchtbar werden für die Löfung der großen Aufgaben 
des fozialen Lebens und bewahrt dabei die ganze Klarheit und Gründlichkeit, die die 


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Cingelforjdung ausgzeichnet. Die meijten Schriften Webers (am widtigften „Auf- 
füge zur Religionsjoziologie” und ,Die Wirtfchaft und die gejellichaftlicden Ord- 
nungen und Mächte” beide bei %. ©. B. Mohr, Tübingen, 1921) jtellen in der 
Gedrangtheit de3 Stiles die höchften Anforderungen an Willen und Aufmerkſamkeit 
des Lejerd. Eine ganz bedeutende Ausnahme macht davon der Vortrag ,,Politif 
als Beruf” (Dunder u. Humblot, Leipzig, 1919). Am ruhiger Darftellung behandelt 
er die verjchiedenen Formen der Herrjchaft und die Wege, auf denen Heute jemand 
zu politifcher Führerjtellung gelangen fann. Diejer Darftellung entquillt mit 
unerivarteter Wucht die Frage nach den notwendigen Eigenfchaften des Politifers. 
Weber jieht fie in Leivenfchaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Mit großer 
Schärfe halt er den vadifalen Münchner Studenten von 1918 entgegen, daß jchiwär- 
merifcher guter Wille in der Politif nichts gu juchen hat. Der Gefinnungsethifer 
dürfe fich nicht in das Schidjal anderer mijchen, der Verantwortungsethifer miiffe 
es darauf ankonmien lafjen, jelbit Schaden an feiner Seele zu nehmen. Mit dem 
tiefernften Hinweis auf die Berufstragit des Politifers fchließt diefe Wendung der 
Wiffenjchaft zum Einfluß auf das Leben. Die Schrift verdient, ihn zu gewinnen. 
Aber ein Lebtes fehlt. Weber überläßt e8 dem Handeln des Einzelnen, den Konflikt 
zwijchen Gelinnung und Verantiwortungsgefühl auszufechten. Eine allgemeingültige 
Löfung im Ürteil zu finden halt er fiir unmoglich. Das würde ein Urteil über den 
Wert des Einzelnen und.der Gemeinfchaft vorausjegen, und objeftive Werturteile 
find nach Webers relativiftifcher Theorie undenkbar. 

Diefen Gedanken baut Buftap Radbrucd in den Schriften „Einleitung in 
die Rechtswiffenschaft” (Duelle u. Meyer, Leipzig, 1919) und „Srundzüge der Rechts- 
phifojophie” (Quelle u. Meyer, Leipzig, 1914) zu einer jyftematifden Staatslehre 
aus. Mit faum itbertreffbarer Klarheit legt er Stammlers Grundgedanken dar: 
Die Sittlichkeit ift den Dingen gegenüber felbjtandig; das Recht und der Staat 
Iteden im Dienfte der Sittlichkeit. Ye nach der Anfchauung des Betrachters über 
das Verhältnis zwifchen Einzelnem und Gemeinfchaft gibt e8 aber nach Radbruchs 
Meinung mehrere verfchiedene richtige Urteile über jeden Rechtsfall, jede “Staats- 
einrichtung. Drei Staatsauffaffungen unterfcheidet er. Nach der perjonaliftijchen 
dienen Recht und Staat nur dem Einzelnen. Nach der transperjonaliltiichen tft 
der Staat Selbitzwed. Eine dritte, religiöfe Auffaffung fieht die Aufgabe des 
Staates darin, Kulturiverfe, etwa Werke der Kunst, oder die Kirche zu erhalten und 
zu fördern, und ordnet diefen Werken auch die Einzelperjönlichkeit völlig unter. 
Eine Entfcheidung zwifchen diefen Anfchauungen erklärt Radbruch für unmöglich. 
Mohl fieht er felbit, daß fich nicht jede Staatsauffaffung in diefes Schema zwangen 
läßt. Da ift die Demokratie. Sie ift beileibe nicht religiös, fie fteht auf des Mefjers 
Schneide ziwifchen PBerjonalismus und Transperfonalismus, fie hat die Heillos fon- 
jervative Neigung, fic) mit nationaliftifden Gedanfengangen gu verbinden. Auch 
ihe Ziel ift die Entwidlung der Perfönlichkeit, aber fie fieht deren vollen Wert erft 
im Mit- und Füreinander der Gemeinjchaft entfaltet. Wenn man diefe Auffaflung 
der „Demokratie“ bei Radbruch Tieft, dann glaubt man, Zeile für Zeile der Lofung 
näbhergeführt zu werden. Hier läuft die folgerichtige Durchführung aller drei Lehren 
zufammen. Der PBerfonalismus will nicht die natürliche, nur die fittliche Perjon- 
lichkeit gewertet wiffen, und die fonfervative und religidfe Richtung betrachten Recht 
und Kirche und Kunft als Erziehungsmittel zur Sittlichkeit. Sittlichfeit aber kann 
fi nur in der Gemeinfdaft derer ausprägen, die denfelben Weg zu Gott haben, 
int Volfe. Radbruch bleibt einen Schritt vor diefer Löfung ftehen, Eine wunder- 
liche Sreiheitslehre verbaut ihm den Gedanken, andre Menfchen als erziehungsfähig 
angujehen. So bleibt er im Fragen und Trennen jteden.*) 

*) sgn feiner neujten bedeutjamen Schrift „Kulturlehre des Sozialismus” (Verlag 
Berwärts, Berlin 1922) nähert jih Radbruh den Folgerungen, die hier aus feinen Ane 
Idauungen gezogen werden. Er wird dem nationalen Gedanken Fichtes gerecht, gleitet 
aber jpäter wieder zurüd, weil er die Bedeutung des Religijen ganz {chief erfaßt. 


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Wir haben da8 Joziale Leben als einen Kompleg von Aufgaben veritehen gelernt. 
Wir fahen, die Grundaufgabe heißt: jittliche Erziehung durch Selbjtbejtimmung 
gujammengeboriger Gruppen. Wir lernten in Recht und Staat befonders wichtige 
Erziehungsmittel kennen. Wir grenzten damit die Aufgabe diefer Kulturgebiete von 
denen der anderen ab. Bon denen twiffen foir bisher nur, daß fie in ihren gegen- 
feitigen Wirkungen eine unjdeidbare Einheit bilden. Sondern können wir fie nur 
nah ihren Zielen. Das wäre alfo die legte Frage der Soziologie: Was follen, 
was bedeuten Kunft, Wifjenjchaft, Religion, Wirtjchaft im Rahmen der fittlichen 
Aufgaben jener Menjchengruppen? Sie enthält die Borfrage: Welche Gruppen 
gehören zufammen? Wenn wir uns ihr guwenden, dann miiffen wir vom Biel der 
Erziehung, dem Volke, zu ihrer Grundlage, den einmal gegebenen Gemeinfchaften 
zurüdgehen. Sie war da3 Arbeitsfeld einer anderen Wifjenfchaft, denn es find 
einfach die Hiftorifch entjtandenen Staaten. Yhr Wejen hat die deutfche Gejchichts- 
wifjenfdaft feit Rankes überragenden Leäftungen befchaftigt. hr Ergebnis, die 
organijde Staatslehre, finden wir volfstümlich zufammengefaßt und für die Sozio- 
Iogie verarbeitet in der jchnell berühmt geivordenen Schrift des Schweden Rudolf 
Kjellen: „Der Staat als Lebensform” (&. Hirzel, Leipzig, 1917). Ueberlegen 
rechnet er ab mit der bloß juriftifchen Staatsauffaffung, die den Staat nur von innen 
heraus, vom Standpunkt des um feine Willfürfreiheit beforgten Yndividuums Hier 
anjieht. Mit wundervoller Frifche padt er den Staatsbegriff, der das politifche Denken 
der Öegenmwart beherrjcht, wenn man davon fpricht, daß „Defterreich geriiftet dajtehe”, 
„Deutihland die Hand im Spiel habe”, „England wolle”, „Rußland meine“ ufm. 
Madhtool wollende Yndividualitaten find die Staaten, wenn man fie nur einmal 
bon außen her in ihrem Verbalini3 untereinander betrachtet. Erft diefe Naturfeite 
und die Rechtsfeite des Staates zufammen machen fein Leben aus. Die Eigenart 
eines Staates anderen gegenüber jpricht fid) aus in Reich und Voll. Auf das Schid- 
fal der geographifchen Lage, der durch fie gegebenen Forderungen eines Staates 
(3. B. auf die Meeresfiijte) und Gegenfäge der Staaten untereinander legt Kjellen 
großes Gewicht. Aber jie bedeuten ihm nicht? Unveränderliches. Die Bedeutung 
der Lage, die „hiftorifche Seite” eines Landes können fich wandeln. So wanderte 
diejenige Ruplands von der Oftfee zum Stillen Ozean und zum Schwarzen Meer. 
Lebensbedingung für den Staat ift aber das Fortbeftehen einer Nation, eines 
„ethniſchen Individuums“, deſſen Eigenart fich meder durch Raffe noch durch 
Sprache, felbjt nicht durch Nationalitätsbewußtfein abgrenzen läßt. Sie hält durch die 
gemeinjame Art des Lebens ihre Anghörigen gufammen, fodak fie zur Bildung 
eines Staates oder — 100 die Grenzen de3 Staates weiter find al8 die der Nation — 
zur Ausfüllung diefer Grenzen drängen. Nach innen lebt der Staat al8 Wirtfchaft, 
Sejellihaft und Regiment. Wirtfchaftlich ftrebt er nach Autarkie, Selbftgenügfam- 
feit. Auf gefelljdaftlidem Gebiet fpielt fich die Auseinanderfegung zwifchen Staat 
und Yndividuum ab. Die Gefellichaft bezeichnet Kiellen mit fehr feinem Wort ala 
„Die legte Generation felbjt in ihrer lebenden Welt wechfelnder Yntereffen, indes die 
Nation ein fortlaufender Zufammenhang zwifchen den Generationen ift”. Yn der 
Spaltung unferer heutigen Gefellichaft in Kllaffen jieht Kjellen nur eine Uebergang3- 
erfdeinung. Der bisherige Staat beftand aus übereinander geordneten Ständen, 
der kommende wird fich aus einander gleichgeordneten Gruppen zufammenfeten. 
Der Staat „al Regiment”, alfo von der Rechtsfeite her betrachtet, ijt ihm der 
Staat als Pfliht. Hier geht er auf die Ziele des im Staat geformten Lebens ein; 
er fieht fie in der Vervolllommnung der Volfsanlagen, der ,,Verbefferung der Per- 
fonlidfeit”. Der ,Grundrif gu einem Syitem der Politit” (S. Hirzel, Leipzig, 1920) 
bringt gegenüber diefer Tebensfrifchen Skizze einen etwas pedantifchen Aufriß von 
Kielléns Begriffsgeriift mit wefentlicen Ergänzungen über die gegenfeitige Abgren- 
zung der fünf Gebiete der Politit. Viel wichtiger und fruchtbarer ift die Anwendung 
diefer Begriffe auf die einzelnen Staaten und ihre Entwidlungstendenzen. Am unt- 
fafjendften gefchieht fie in der inhaltsvollen neuen Schrift ,Die Grokmachte und die 


181 


Welttrifis” (Leipzig, B. G. Teubner, 1920), mit befonderem Verjtändnis für Deutich- 
lands Lage, das fich fchon in den Kriegsichriften „Studien zur Weltkrije” (Hugo 
Brudmann, München, 1918), „Die Fdeen von 1914” (Leipzig, ©. Hirzel, 1918) und 
„Die politiihen Probleme des Weltkrieges“ (Leipzig, B. ©. Teubner, 1915) aus- 
gejprochen Hatte. : 

Kjellen faht in glüdlichfter Weife unfere Kenntniffe von den gegebenen Voraus- 
feßungen de3 Staatlichen Lebens und unfer Bewußtfein von feinen höchjten Aufgaben 
zufammen. Fest bleibt zu unterfuhhen: Welche Bedeutung haben die verjchiedenen 
Kulturgebiete für die fittlihen Aufgaben der Menjchheit? Wie müfjen Staats-, 
Rechts-, Wirtfchaftspolitit und Kunft-, Wiffenichafts-, Religionspolitif aufeinander 
abgeftimmt fein? Eine Antwort fann nur dann Anfprudh auf Beachtung erheben, 
wenn fie alle bisher gewonnenen gejhichtlichen und pfychologifchen Cingelerfenntniffe 
zu verivenden weiß. Othmar Spann, der Wiener Nationalofonom, Hat fie ju 
geben vermodt. Sein furzgefaßtes „Syitem der Gejellfchaftslehre” (Quelle u. 
Meyer, Leipzig, 1919) ringt mit einer folchen Fülle von Fragen, daß er feitentveife 
faft nur in Stichworten feine Antworten andeuten fann. Aber er zwingt alles zu= 
fammen zu einem gefdloffenen Aufbau. Spann beherricht das ganze Rüftzeug des 
Fachgelehrten. Mit den Meinungen der andern hat er fich in eigenen Büchern aus- 
einandergefegt (wichtig und leicht: „Die Haupttheorien der Bolkswirtfchaftslehre”, 
Duelle u. Meyer). Als er zur eignen Arbeit fchreitet, weiß er, daß er fürs Leben 
ihreiben muß. Darin fieht er die „Würde fozialwiffenjchaftlicder Erkenntnis“. Sein 
Grundgedanke ift der Univerfalismus. Ale menjchlichen Handlungen dienen der 
Empfindung, der feelifhen Notwendigkeit zu denfen und zu wollen. Empfindung 
aber ift nur denfbar in Gemeinfchaft. Gemeinfchaft ift nicht etwas Gemwolltes, das 
auch) fehlen könnte, fie ift auch nicht bloß eine mechanifche Bedingung jeelijcher Re- 
gungen, jondern die notwendige Borausfegung alles geiftigen Lebens. „sene jchöp- 
ferijhe Wirkung der Menfchhen auf einander, jene Auferwedung, Bereicherung, Neu- 
Ichaffung, Anregung, die innerer Widerhall notwendig erzeugt, das ift der Kern und 
das eigentliche Wefen geiftiger Gemeinfchaft.” Kant und vor allem Fichte zieht 
Spann al® Begründer diefer Anjchauung heran. „Mit Fichtes Sat: Sollen über- 
haupt Menfchen fein, jo müffen mehrere fein, ift der Fortbildung der Jndividual- 
ethif zur echten Gefellichaftsethit die Bahn frei gemadt. Die Wiedergeburt der 
univerfaliftifden Staatsidee hat begonnen.” Der Yndividualisnius fommt dagegen 
auch in feinen großartigften Verfuchen nicht an das Wefen der Kultur heran, aud 
bei Mar Weber nicht, wenn er alle ihre einzelnen Bedingungen kennen lehrt. 
Mit dem Borrang der Empfindung ijt eine Rangordnung der RKulturgebiete 
gegeben. Nur die aus Empfindung geftalteten und Empfindung zeugenden Gebiete: 
Kunft, Wiffenfhaft, Religion und Philvofophie (anfehtbar als 
Religion des Genies bezeichnet) find wirklich Lebensinhalte.e Wirtfhaft hat die 
Mittel für die Außeren Lebensbedingungen im Dienste diefer nhalte zu befchaffen, 
fie fann nie jelbftändig Yivede jegen, beftimmendes Rulturelement fein. Aber auch 
das Hilfshandeln, das die Menfchen in den Dienft der Gemeinfchaftsinhalte ftellt, 
bleibt ihnen untergeordnet: Der Staat und fein Geriift, das Redht. Die Wege 
zu den Zielen der Erkenntnis, Geftaltung, Vergottung des Lebens werden von der 
Generationen ausgebaut, von Gefchlecht zu Gefchlecht tweitergewiefen. So entftehen 
Teilgebiete der Kultur mit Anftalten und wirtfchaftlicher Unterlage, die fich wieder 
aneinander ausrichten müffen. Die gemeinfame Richtung auf den verfchiedenen 
Teilgebieten, der gleiche Weg zum unendlichen Ziel verbindet die Nation. Gie ift 
nicht notivendig Einheit des Ausgangspunftes, des Staates oder der Abitammung, 
jondern Einheit der Ziele. Darum ift fie nicht weniger mächtig. Der fittliche Menfch 
tidmet fich in diefer Gemeinfchaft dem Crwigen, und fie beftimmt Staat und Recht 
und Wirtfchaft und zwingt damit auch den äußeren Menfdhen in feinen Dienft. Hier 
haben wir das „Srdifch-Göttliche”. Hegel fah es im Staat. Der Staat ift nur Mittel 
zum Leben, immer in der Gefahr, zu erjtarren, das neu hervorquellende Ewige im 


182 


Einzelnen zu erdrüden. Das Volf im Fluß feiner Entiwidlung bleibt „etwas wert, 
jomweit die Kultur etivas wert ijt, die e8 vertritt“. Wenn einer das von feinem Volfe 
weiß, en weft ihm die Wilfenjchaft felbft die Aufgabe zu, fich in feinen Dienft 
zu jtellen. 

Und fo tritt Spann vom Katheder auf die Bühne des Volksredners, als Führer 
in der deutjchsöfterreichiichen Anfchlußbemwegung. Wie ihn das nüchtern durchdachte 
Ergebnis feiner Studien zur politijden Leidenfchaft führt, davon fpricht fein Vortrag 
oom Weien des Volfstums. Was ijt deutfch?”, (Böhmerland-Verlag, Eger, 1920; 
zur Zeit vergriffen). Kürzer, eindringlicher, fchlichter ala e3 auf diejen neunzehn 
Seiten gejchieht, läßt fie fich einfach nicht geben, die Antwort auf die Fragen: Was 
iit dem Mann fein Bolt? Was ijt das Voll Meijter Eceharts, Fichtes und Eichen- 
Dorffs (das find immer Spanns liebfte Helden) der Welt? Nehmt und left! 

Der Kreis ijt gefdlofjen. Die Wiffenfchaft hatte die Fühlung mit dem Leben 
da verloren, two fie glaubte, jeine legten Ziele zu verftehen. Yn mühſamſter Klein— 
arbeit hat fie jich durch die Erkenntnis feiner Außeren Bedingungen Hindurchgeiwühlt. 
Jetzt iſt der Rückweg gefunden; nüchterner und reifer fteht fie twieder der Forderung 
des Tages gegenüber. Der Weg vorwärts ift offen, auf dent fie lebenbeftimmend 
die tägliche Arbeit des Volkes begleiten kann. 

Spann wagt, ihn zu bejchreiten. Seine VBorlefungen über „Abbruch und Neu- 
bau der Gejellichaft” faßt er zufammen in feinen neueften Werk „Der wahre Staat“, 
(Quelle u. Meder, Leipzig, 1921). Der prüfende Teil betrachtet die drei Krifen des 
Zeitgeiltes. Die ftaatenpolitifche äußert fi) im VBerfagen der Demokratie und des 
Liberalismus. Sie wollen aus dem Willen felbitfüchtiger und urteilslofer Mafjen 
den Staatsiwillen hervorgehen laffen und überjehen dabei, daß der Boltswille felbit 
erjt durch Führer gebildet werden muß. Genau fo widerjpruchsvoll in fich ift der 
Kapitalismus, in dem die wirtjchaftliche Krife ihren Ausdrud findet. Er ift „geiftig 
gegen die Natur der Wirtjchaft”, entwurzelt die Menfchen, reißt fie auseinander und 
erzeugt gleichzeitig „mit unabänderlicher Notwendigkeit die Erjagorganijationen im 
Sinn ftändifcher Bindung“. Auch feinen Gegenfpieler, den Marrismus, zerjegt eine 
innere Krife. Seine philofophifchen Grundlagen find legten Endes individualiftiich, 
feine politifchen Ziele anardiftifch. Er kann den Kapitalismus nicht überwinden, weil 
er innerlich mit Jndividualismus und Demofrate nicht fertig wird. Den Weg gu diefer 
Ueberwindung mweilt der aufbauende Teil. Auf der organischen Ungleichheit baut jich 
der wahre Staat auf. Seine Baugefege find: ftändifche Gliederung, Mittelbarkeit, Orga- 
itiftertheit der Teile. Wie in der Gefellichaftstheorie macht Spann aud) bier alz 
erfter den Schritt zur inhaltlichen Ausfüllung diefer formalen Begriffe. Er jtellt dar, 
iwie fich die Stände notwendig Hand in Hand arbeiten, Handarbeiter, Sunftwerfer, 
wirtfchaftlicder Unternehmer, reproduzierender Geiftiger, politifcher und geiftiger 
yührer. Der ftändifche Staat muß eine nationale Kulturgemeinfchaft zur Grund- 
lage haben, die durch die verfchiedenen Mittelglieder den höchften und den niederjten 
Stand verbindet, und er felbft ift bejtimmt, diefe Grundlage auszubauen. „Ein 
neuer Geift mug ein neues Leben fchaffen; diefes Leben muk den neuen Geift be- 
feftigen und ausbilden.” Die Grundlagen ftandifder Ordnung bietet heute das 
Wirtfchaftsleben. Fn ihm find nicht nur die Machtgruppen der Gewerfichaften und 
Verbände entitanden, in ihm hat fich auch das neue Recht vorbereitet. Der Tarif: 
vertrag, der Sefamtarbeitspertrag, macht der unheilvollen römifchen Trennung von 
öffentlichem und Privatrecht ein Ende. Bon ihm aus wird fi) nach Spanns Anficht 
bas Wirtfchaftsleben zu immer ftarferer genofjenfchaftlicher Bindung entwideln. 
Ständifche Wirtfchaft bedeutet durchgegliederte Selbitverwaltung unter Staatsauf- 
fiht. Es gibt wohl noch formell Privateigentum, der Sache nach nur Gemeineigen- 
tum. Daneben muß ein nenes Lehensrecht ausgebildet werden. Die Tätigkeit der 
Körperfchaften wird fich fo ausdehnen, dak fie dem Staat wichtige Verwaltungsauf- 
gaben abnehmen können. So bleiben für die Zentralgeivalt „mur die großen politt- 
fen und Kulturgebiete übrig”. Die Arbeiterfchaft ift im Staat als Stand unter 


183 


Ständen eingegliedert. Der Aufitieg der Befähigten wird erleichtert durch Zurüd- 
treten des Großbetriebes und bejondere Erziehungsvorjorgen, vor allem durd) Offen- 
haltung gewifjer Gebiete des Wirtjchaftslebeng für die freie Yuitiative des Einzelnen. 
Dazu foll in erfter Reihe der Handel gehören, aber bei weitaus verringerter Bedeu- 
tung fiir die Gefamtheit. Damit fol der Erjtarrung der ftaatlicden Ordnung ent- 
gegengewirtt werden. Auf die Dauer kann das nur Erziehung leiften, die aber nicht 
in Staatsanstalten, jondern in der Familie zu gejchehen Hat, die allein Liebe und 
lebendige Ueberlieferung gewähren fan. Spann tt jich darüber Elar, daß die tech- 
nije Entwidlung im ftändifchen Staat zu einem gewilfen Stillitand fommen wird, 
wenn er auch feine Verfnöcherung in den Bünften erwartet. Denn bei dem heutigen 
Stande der Arbeitsteilung bleiben die Gemerkfchaften unentbehrlich, die fich durch die 
verichiedenen Berufsgenofjenjchaften wagerecht Hindurchziehen. Mit Sicherheit aber 
erivartet Spann von dem Aufhören der herabziehenden Mehrheits- und Maffenherr- 
Ichaft eine bedeutende Vertiefung des geijtigen Lebens. Und „auf diefen Fels”, das 
ilt feine Hoffnung, „wird das Genie der Zukunft feine Kirche bauen”. 

E3 ijt nicht zuviel gejagt, wenn man diefe Schrift als die Grundlegung der 
neuen deutjchen Staatslehre bezeichnet. Nicht verblüffende Originalität macdt ihren 
Wert aus. Die einzelnen Gedanken mögen alle jchon irgendtvo gedacht fein. Aber 
fie erfdjeinen hier zuerst in ihrem notwendigen Bufammenhange. Spann führt mit 
Ihärfiter Folgerichtigfeit die Gedanken Fichtes, Adam Müllers und Friedrich Lijts 
durch, jeden Teil nur nach feiner Leiltung für das Ganze zu betrachten. Er fennt 
als Philofoph das Ganze, als Spezialforjcher die Teile. So wird feine Darftellung 
dom „künftigen Aufbau der Stände” nicht utopifche Konftruftion eines Vernünftlers 
und nicht aberweife Zufunftswiflerei eines neumodijchen Ajtrologen. Sie ijt Er: 
füllung von Fichtes deal: Iebendige Wiffenfchaft. 

Das ijt der Grund, mit dem ich e8 rechtfertigen kann, in einer im höchiten Simue 
politifchen Zeitjchrift jo abftraft gelehrte Dinge zu befprechen. Sch wollte ein Bild 
davon geben, wie die Wiffenfdaft gu den praftifchen Aufgaben zurüdjtrebt. Und id 
wollie anregen, zu Werken zu greifen, die nicht nur Befriedigung des Denfens ge- 
währen, fondern Förderung in der Erfenntnis feiner nationalen Aufgaben für jeden 
Einzelnen. Ottoheing v. d.. Gablens. 

* 


Bur Cinarbeitung beginnt man am beften mit Bierfandt, Kiellen und Spanns 
Eleinen. Schriften: „Vom fen des BolfStums”, ,Oaupttheorien der Bolktswirtichafts- 
fehre”, , Vom Geijte der Volfswictidhaftslehre” (Gena, Gujtav Fijcher, 1919), (behandelt 
den Gegenjag von Yndividualismus und Univerjalismus). Bolger mögen Simmels 
Heine Soziologie, May Webers ,,Politif als Beruf”, Radbruds ,Grundgiige der Redts- 
philojophie”. Dann Spanns grundlegende Werfe. Als Vorftufen zu Spann und Rad- 
bruc find Tonnies und Stammlers „Sozialismus und Chriftentum” wichtig. Die großen 
Werte Stammiers, Simmel und May Webers erfordern eingehendes Faditubium. 
Durdaus lesbar aber für jeden Gebildeten, meit leichter als die andern Hauptiverfe 
unjerer Hafjiihen Pbhilojophie ift Hegels „Philojophie der Gejhichte”. Das Wert bleibt 
von en Wert, aud) wo es mande Frage nicht fennt, die uns heute befonders 
bedrangt. Nebenbei ift e3 die befte pofitive Kritit Spengler3 und ähnlicher Richtungen 
die fic) denfen läßt. 


SLeine “Beiträge 


Gegen den Settenglauben. 


ir jind alle Halbe. &s gibt augenblidlich feine „ganzen“ Menjchen, die e3 ohne 
- „Opfer des „jntelleft3“, d. b. in voller Umfaffung des Zeiterfennens und des Beit- 
erleidens, ohne enge Abfperrung von dem allgemeinen Leben fein und bleiben fönnten. 
Wir Deutichen find in jhlimmerer Weife halb als die andern Nationen. Die andern find 
mwenigjtens mit ziemlich ganzer Seele: Zivilifation, nur in einem cogelegenen Winkel ibres 
OHS hauft jener Reft von Verzweiflung, Spott und Negation, der die —— Folge 
aller Nur-Sivilifation ijt und fie zum Heuceln ungeteilter Munterfeit zwingt. Bet uns 
184 


Deutichen fommt noch die befondere Zerriffenheit hinzu. Die einen find entichloffen und 
gewaltfam mwilhelminifch, alte Zeit, tun fo, al3 wäre im Grunde nichts gefchehen, „machen“ 
auch weiterhin alles oder glauben e8 zu machen, fragen höchftens: was toftet3? und glauben 
im Grunde ihrer Seele dod) nur an Gewwalt, Geld und Lift — obwohl ihnen alles dies fehlt 
und fie damit fich felbft aller pains berauben. Go ift ihr Glaube am Ende doch leer 
und eine Phrafe. Die andern haben all das mit Veradtung von fic) geworfen und befpein 
eS fraftig. Sie wollen nicht „handeln“, jondern „jein“. Alle alten Bindungen find 
erledigt, alle alten Ziele herabgewitrdigt — neue gu finden aber ift man zu ungläubig, zu 
hee und zu zerfahren. Dean verachtet, bei jenem wie bet diefem, die Zivilifation und ihre 
Selbjtgerechtigkeit, hat aber nicht einmal die äußere Haltung, die Bivililation gibt, höchſtens 
dafiir dDen Troft, dak man gu den Guchenden auf der Nadticite des Lebens gehört, die alfo 
Ausficht ee den Weg zu einem mirflihen Licht noch zu ertaften, während die Ye 
tion8menjdhen und -volfer endgiltig ihr Bogenlampenlicht für den Tag zu halten jcheinen. 
Was bleibt dem Ehrlihen und Gefunden unter uns? Sich von den Leuten de3 alten 
Halbglaubens wie denen des neuen Wiederglaubens gleich fern zu halten; aud auf die 
. Gefahr hin, eine Zeit ohne alle Begleitung, Führung und Gefolgfdaft zu wandern. 
yon wenn e3 fein muß, feinen Weg jo gut ec fann, das ift zum mindejten tapfer und ehr- 
bh. Nur feine allzu billigen N en um irgend eine Wegfpur, irgend ein 
sührerlein oder einen Rufec! Lieber einfam und tapfer für fich weiter, wie es das Leben 
diefer jhweren Yahre fordert und erzwingt, mit dem inneren Kompaß, fo guts gehen mag. 
St der nicht mehr ficher, dann hilft ohnehin nichts mehr. Geht aber jeder Ehrliche 
und Tapfere fo feinen Weg durch die Wüfte der Beit, fo fann e3 am Ende doch gejchehen, 
daß jich ihrer Einige aus fi) und ihrem Pfadgefühl nach geraumer Weile gleihen Wan- 
dern3 unverfehens zur felben Straße finden, und das wird dann wohl eine richtige fein. 
rn uns allen anderen Straßen, den alten juft vor dem Kriege begangenen, flüchtig 
und gedantenlos gewählten, aber auch den neuen, in großer Ungeduld eingefchlagenen, 
zumal aber allen gewaltfam gejuchten und mehrfach begangeren mißtrauen! Seiner weiß 
Kur den Weg. <Yeder horde zu ea dene fih, ehe er folgt. Autoritäten find nicht jo 
iflig, wie fie heute angeboten werden, Charlatane find häufiger. Denkt an das fchmwere 
Ringen in den wahrhaft großen Zeiten, an da3 newaltine Weafuchen derer, die wahrhaft 
Führer wurden, left in ihren Spuren und ihr werdet fühlen, daß diefe Heutigen meift nur 
To tun, als fuchten fie wirklich Pfade. Meift tft e3 ihnen nicht darum zu tun, fondern nur 

um ein bißchen G®eleite, Lärm und „Erfolg“. 
 — Bir wollen uns ehrlich geftehen: wir find alle Suchende. Ye ehrlicher und tapferer, 
je weniger bejhönigt und verjchleiert wir eS uns und den andern befennen, defto eher fann 
einigen bon uns die Gnade des Findens gu teil werden. Nicht aber ift gefährlicher als 
diefe3 borzeitige Müdefein und fich begnügen wollen an Straßen, die doch wieder nur in 
der Wüfte fi verlaufen, mögen auch taufend Füße fie eine Strede weit treten. . . 
Hermann Ullmann. 


Freude am Schaffen. 


&° wird heute viel bon der Notwendigkeit und dem Heil erniter raftlofer Arbeit ge- 
Iprochen und das Wort „Arbeiten und nicht verzweifeln“ ift für alle, denen das Wohl 
unferes Volles und Baterlandes, unferer Nation und ihrer Zugehörigen mwirflihd am 
Herzen Liegt, zu einem Wahrfpruh all ihres Denfens und Handelns geworden. Der 
Ihlihte und ungweidentiqe Pflichtbegriff gibt das tiefere, fittliche Fundament all diefes 
ernften und wahrhaftig in unferer Beit doppelt berechtigten Arbeitforderns ab. Und das 
ift Preußengeift, ift deutfche Denkweife, ijt Geift pom Geifte Ymmanuel Rants. Kein 
wahrer Deutfdher wird and nur einen Augenblid daritber in Brweifel geraten, daß wir 
F Auffaſſung der Arbeit als die höchſte und vornehmſte nie aus dem Auge verlieren 
ürfen. ye 

€s gibt aber noch eine andere Auffaffung der Arbeit, die in Zeiten bitterer Ent- 
täufhungen, [hwerer Entmutigungen vielleicht noch mwirkfamer und nahdrüdlicher zur 
Arbeit ermuntert, weil fie ihr viel von dem Harten und Herben, das ihr als reine Pflicht- 
erfüllung doch zweifellos anhaftet, nimmt und fie zu einer froben, befreienden, erfreuenden 
Gade madt. E3 ift das die Auffaffung, die auch nach dem wozu und wofür fragt, die der 
Arbeit das Recht zugefteht, fihtbare, greifbare Werte hervorgubringen und — worauf es 
antommt — diefe Werte felber kennen zu lernen und fie genießen zu können. Mit einem 
Wort: es ift die Auffaffung, die in der Arbeit ein Schaffen fieht, ein Hervorbringen und 
Geftalten, ja, man modte faft fagen: ein künftlerifches Tun. 

Und ich meine nun, nichts dürfte uns heute wohl dringender not tun, al3 daß diefe 
Auffaffung der Arbeit fich erft einmal fiegreich durchfegte. re 

Das Bewußtfein, Werte zu fdaffen, die fic) greifen laffen, die der Allgemeinheit 
Nugen bringen und deren Nuten man alsdann am eigenen Leibe verjpüren ann, bes 
Ihmwingt die Seele; befeuert den Geift, jodaß die Hände nicht raften mögen in unermiid- 
lihem Wirken. Solche Arbeit tft nicht Fluch, fondern Freude; nit Mühfal, fondern 
Befreiung, nicht Erniedrigung, fondern Erhebung. 


185 


Und die De die allemal aus ihr gewonnen wird, wo fie ein wirkliches Schaffen 
le erhöht ihre Ergebniffe, fteigert die Leiftungen der Arbeitenden in ungeahnter 
etfe. 
Darum ijt wahrlich dies das Niedertradtigite an dem unjerm betrogenen Volle auf- 
erlegten Verfailler Frieden, Dak und fyftematijd) die Freude an der Arbeit, am Schaffen 
ültiger Werte unterbunden wird. Sch denke dabei nur einmal an die eine Tatfadhe, daB 
— ſich heute bereits mit ſeinen durch den fh unferer Bergarbeiter aufgebauften 
oblenvorräten brüftet. Meint e3 etwa, daß die WYuternationalitat unferer Arbeiter{daft 
fo weit gebt, bab es ihr eine Freude bereitet, für die frangofijde Ynduftrie Roble gu fordern 
und o o die Möglichkeit zu geben, in furzem die Herrjchaft über unjere deutjche Ynduftrie 
an fich zu reißen? Nimmermehr! Der Frangofe ijt fein Yoeologe nad) Art des Deutichen. 
Aber er weiß ganz genau, auf welche Weije er am beiten und jicheriten unfern Ruin be- 
hleunigt: indem er unfere Freude am Schaffen untergräbt. Notwendig muß die Kohlen- 
Orderung wieder zurüdgehn, wenn der Bergmann gewahr wird, daß die Werte, die er 
hafft, ihm unter den Fingern entjhwinden — auf Nimmerwiederfehn. Denn Unluft 
tritt an die Stelle der Freude, Mangel an Intereſſe, innere Gleichgültigkeit machen die - 
Hände matt und lafjen jie frühzeitig ermüden. 

Dies eine Beifpiel mag für viele gelten, die jich leicht als unberehenbar jhiwere Folgen 
des unfeligen Friedensvertrages aufzählen ließen. Die Menge der jonjtigen induftriellen 
iwie auch der landwirtichaftlihen Erzeugnifje erleidet ja falt durchgehend eine einfchneidende 
De —— durch die abſichtlich grauſame Unterbindung aller Schaffensfreude durch 
unſere Feinde. 

Je entſchiedener man uns aber zu Arbeitsſklaven erniedrigen will, um ſo entſchloſſener 
und ungmweideutiger müſſen wir zu zeigen bereit ſein, daß wir das nicht ſind und aud nie 
und werden wollen. Wir müflen beweifen, daß unjer Arbeiten ein Schaffen iſt und 
bat wir * aus ihr nicht Verdroſſenheit, nicht Widerwillen und Ueberdruß, ſondern Freude 

olen wollen. 
Dann freilich muß die Arbeit auch richtig als ein Schaffen begriffen werden, aus dem 
man Due Lebensfreude gewinnen kann. 

E3 bedarf dazu einer Anleitung, die hier auf engem Raum natürlich nicht gegeben 
werden fann. Aber ich darf — bei dieſer Gelegenheit auf ein treffliches, in weiten 
Kreiſen ſchon vor dem Kriege anerkanntes, jetzt in ſeinem Inhalte der neuen Zeit und 
\ ihren völlig andersartigen ba vey angepaptes Bud) hinweijen, das ausdridlicd genug 
‚ eine folde Anleitung Kr eden Beruf, für jede wichtige Tätigkeit in unjerm Baterlande 
gibt, auf „Schaffen-und -Schauen“.*) Hier ijt eine Anleitung zur fdaffenden Arbeit 
gegeben, wie fie begeiftert iibergeugender, nadbaltig wirffamer faum gedacdht werden fann. 

ak fid das Werk hauptiadhlid an die spent wendet, hat feine Berechtigung. Dort ijt 
ja der Boden, in den die Saat ernjten Willens zu jchaffender Arbeit ausgejtreut werden 
muß, damit unfer Vaterland wieder einmal nad harter Notzeit eine Freudenernte ein- 
bringen kann! 

Wie eins in das andre greift, wie die zahlreichen, unüberjehbar erjcheinenden 
Schaffensgebiete in unferm Vaterlande eine einzige, große Einheit bilden, das gu begreifen, 
tft die grundlegende Vorbedingung wirklich jchaffender Arbeit. Und zu diefem Begreifen 
und Berjtehen leitet das Buch vortrefflid an. 

Das frampfhafte Mibverfteben der Freude, die Heute meift mit Genuk und Ber- 
gniigen auf ein und Sag Stufe geitellt wird, ift ja nur ein Zeichen der großen Freude- 
‘armut unjerer Beit. Sie fann einzig überwunden werden, wenn wir die Arbeit felber 
wieder zu einer bealüdenden, bsunclwenbennen Gade madhen. An unferm Scaffens- 
willen muß der Feinde Neid und Sehnjuht über kurz oder lang zu Schanden werden. 
Schaffen und nicht freudelos werden. Kurt Engelbredt. 


Glaubensbelenntnis und Kirchenverfaflung. 


Die proteſtantiſchen Landeskirchen ſind in zahlreichen Ausſchüſſen und Unterausſchüſſen 

am Werk, ihre —— von Grund auf durchzunehmen und zu er— 
neuern. Dabei iſt ein Streit entbrannt, ob man „das Bekenntnis“ als Grundſtein in 
das künftige Gebäude einmauern ſoll oder nicht. Unter „dem Bekenntnis“ verſteht man 
die Hauptſymbole der alten Kirche und von den reformatoriſchen Bekenntniſſen vor allem 
das augsburgiſche. (Schade, daß die ſchlichten und kräftigen Schmalkaldiſchen Artikel 
Luthers immer hinter der Auguſtana zurückſtehn müſſen, die allzu deutlich nach der 
ſubtilen und hochgelahrten Frömmigkeit unſres ſorgſam zirkelnden Meiſters Philippus 
ſchmeckt.) Als Laie, der die Bekenntniſſe bejaht, der aber auch die Gefahren ſieht, die 
alle begriffliche Feſtlegung des lebendigen Evangeliums zwar nicht baben muß, aber 
haben kann, möchte ich Folgendes in den Streit werfen: 


*) Schaffen und Schauen. Erſter Band: Volk und Vaterland. 4. Aufl. Verlag 
B. G. Teubner, Leipzig. 


186 


Eritens: Die innere Kraftlofigfeit weiter proteftantifder Kreife, vorab der gebildeten, 
bat feinen Grund darin, daß fie fein Empfinden („jenfus”, würde Luther fangen — e3 tft 
geradezu das finnlichjeeliihe Erihauern gemeint) für das gnöttlihe Geheimnis mehr 
haben. Gott ijt ihnen ein dogmatiicher oder wohl nar nur biftorifher Begriff geworden, 
und ein Begriff iit umfo fchöner, je „eindeutiger“ er geitanzt ijt. Gott ift ihnen nicht die 
Ihauerliche und bejeligende Lebengmadt, die unfre irdiiche Welt trägt und als ein über 
alles Begreifen hinausliegendes Yenfeits in unjer begreifliches Diesfeits herüberwirkt. 
Die heilige Dreifaltigteit, jenes unendlich tieffinnige begrifflidhe Symbol alles emi a 
und endlichen Geichehens’ — al’ alta fantafia qui manco pofja — tft den thevlogif 
Beariffsmännern zu einer „Erfenntnis” geworden, worin man Elipp und Far den — 
Gott zu Kopf nehmen kann. Wahrhaftig, ſie lernen Gott auswendig! Auswendig. 
Die drei Glaubesartikel nehmen ſie ungefähr ſo hin wie drei Paragraphen eines Geſetz— 
buches. Sie haben kein Empfinden für das Hindeutende und Stammelnde 
(und darum ſo ergreifend Feierliche) de8 alten apoftolijden Symbols. (Yn der 
fpateren Symbolen flebt freilich jchon unangenehm viel WMajoritatstlugheit.) Man 
„weiß“ die drei Artikel. Was man „weiß“, tft erledigqt: e3 fann im Schrank’ aufbewahrt 
werden für den Sere Creu Kein Wunder, daß der Gottesdienft, 
der allein völliger Gottesdienft ift, in den proteftantifden Kirchen fo fehr in den 
Hintergrund geriidt ift: das Abendmahl. Biele, ich wage zu fagen: die meisten miljen 
nichts Rechtes mehr damit anzufangen. E3 jchmwebt ihnen fo etwas wie Sündenvergebung 
und Heiligung dabei vor. Wher dak fie unter dem Symbol von Brot und Wein den wahr- 
baftigen Leib des gefreugiqten Sottmenjhen in fih aufnehmen — den Leib, nicht bloß 
einen begrifflihen Ehrijtus: „Ejtin!” fagt Zuther und jchlägt auf den Tifh — das gu ere 
faffen find fie nidjt mebr fähig. Fir diefe braven Seelen bleibt Brot Brot und Wein 
Wein, wie jie das mit der Zunge fchmeden, und die ganze Sade ijt fo eine Art Allegorie, 
die mandmal an den „Hauptgottesdienit” angehängt wird, wel e3 dod jdon tft, alte 
Formen zu wahren. Es Fann ja aud gar nicht anders fein: denn die Menjchen haben 
nicht mehr Sinn und Geſchmack für eine andre Welt als die finnlih wahrnehmbare. Das 
ae ce „Belenntnis” tötet den Gebeimnisjinn, durch den Gott in die Seele 

erabjpri 

Das Befenntnis wirft im Katholizismus deshalb nicht jo tödlich für das religiofe 
Leben, weil dort die „EHaren” und „reinlihen” Begriffe im finnlid-eindrüdlihen Kultus 
ihr Gegengewicht finden. Der Kultus madht dem naiven wie dem qebildeten Katholiken 
Das Unbegreifliche, Gehetmnisvolle und Jenſeitige Hinter dem Denkbaren immer wieder 
abnend lebendig. Das ift in dem geiltineren, abitrafteren, norddeuticheren Sefiige des 
protejtantifhen Kultuts nicht fo, eS fei denn, dak ein ſpürbar gotterariffener Pfarrer da 
ijt. (Was zu verlangen aber unbillig wäre.) Die Meinung, als fet das „Bekenntnis“ 
eine paragraphierte Gotteserfenntni8, wird nur dann ihres glaubenlähmenden Giftes be- 
raubt, wenn die proteftantifche Kirche fih entichließt, das Abendmahl ernit zu 
nehmen und e3 mit feftem Griff in den fichtbaren Mittelplaß des religiöjen Lebens zu 
rüden, tvie die Sache e8 fordert. Die Folge — das muß man freilich willen — wird fein, 
dab aus der Maffenkirche eine ariftofratiihe Kirche der Wenigen wird, die eines wahren 
Gottesdienftes fähig find. Ach, wären wir jo weit! Eine folde Kirche würde unendlid 
viel mehr für das Gottesreich wirken können als die allgemeine Tauf-, Sonfirmations-, 
Trau- und Begräabnisveranftaltung, die nach und nach ans der Kirche geiworden ijt und 
* ri en mit den großen Gemeinden und Meinen Gehältern da8 Marf aus den 

oben faug 

Gewinnt die proteftantifche Kirche nicht wieder das Lutherifche Verhältnis zu dem Ge- 
heimnis Gottes, jo wirkt alles nur äußere Betonen des „Belenntnijles”, jo aut e3 aud 
gemeint ift, tödli 

Zweitens: Das Beftreben, außer dem Evangelium aud das Bekenntnis al3 Grund» 
lage der Kirche zu nennen, erflärt fic aus der Abwehr gegen den unfraftigen, problema- 
tijterenden ®eift vieler „liberaler“ Kreife. Man will ihnen gegenüber die ungebrocdhene 
Glaubenslebendighcit betonen durch Betonung des Belenntnifjes. Man will dem Hiftoris- 
mus gegenüber die lebendige Gegenwart Gottes behaupten, der heute ijt, wie er ehedem 
war, indem man die Giltinkeit des alten Belenntniffes auch fr die jiingite Beit be- 
hauptet Gewif ijt für die zarten Schultern der problematijfierenden und liberalifierenden 

etiter der eherne Wortlaut des Belenntniffes ein hartes, fantiges Kreuz. Aber — Bore 
fit, dag man nicht in die Schlla ftürzt, wenn man der Charybdig ausweichen will! 

Unter der ftarren, unbelebten Strufte einer Belenntnisformel wählt jehr leicht ein 
- Spichertum heran, dejjen Problemlofigkeit nicht aus der Frömmigkeit, fondern aus der 
Bequemlichkeit ftammt. Der liebe Gott ift mit einem anerlennenden Kopfniden zufrieden 
geitellt, und nun fommen die intereffanteren Angelegenheiten: Voranjichlag, Kirchendad- 
reparatur, politifche Zufammenfegung eines Ausichuffes ufm. Man muß einmal vor 
einer Synode geitanden und gefühlt haben, wie die heißen Worte an den juriltifchen 
Knocenjtirnen und mohlhäbigen Bürgergefihtern Eanglos abliefen, wie Waffertropfen 
am Entengefieder. Sole Seelen geraten erit in Bewequng, ivenn es fih um Erfparniffe 


187 


bei einer neuen Heizungsanlage handelt. Dem Spießer nun wird das Belenntnis leidte 
lich eime bequeme Waffe, um fich die aufrüttelnden Dinge vom Leibe zu halten. Er 
„glaubt” ganz einfad „an“ das Belenntnis, was er fo „glauben“ nennt. Bafta. €8 ift 
nod feineSwegs ausgemadt, welche von den beiden Gefahren für die Kirche am grüßten 
ift: bie Herrichaft des Spießers oder das Meberhandnehmen eines problematifierenden 
Liberalismus. Der harte, dürre, erftorbene Stamm ijt genau jo tot wie der jhwamm- 
überwadhfene Stamm, der fich in phosphoresgierende Faulnis auflöft. Gott kann freilich 
aus beiden neues Leben erweden. Aber ich fürchte aus meinen Lebenserfahrungen 
heraus den Spießer mehr als alles andre. Der SGpicker macht alles Zarte zunichte, was 
nicht in feinen allein maßgebliden Brummfchädel hineingeht. 

Drittens: Warum hat Chriftus fein formuliertes Glaubensbefenntnis bhinterlaffen? 
Warum hat uns Gott jtatt deffen ein vierfaltiqes Evangelium gegeben? Diefe gefcdhidt- 
liche Tatſache eee mehr erwogen werden. Man nehme einmal an, wir hätten nicht die 
Schriften des Neuen Teftamentes, fondern nur die Glaubensbefenntniffe — wie ftünde e3 
dann mit dem Reich Gottes unter und? Eine tote Hierarchie hätten wir, aber feine ent- 
ündeten Seelen! Welchen Sinn hat denn die Vierfältigkeit des einen Evangeliums mit 
* Auslegung in den Apoſtelbriefen? 

Gott hat die Völker und die einzelnen Menſchen verſchieden geſchaffen, und Völker 
und Menſchen haben verſchiedene Zeitalter. Es iſt ein Merkmal des Lebens, daß kein 
Weſen genau dem andern gleicht, daß keins auch nur ſich ſelbſt von Sekunde zu Sekunde 

leicht, innerlich wie äußerlich. Sehet nur einmal genau zu! Kein Leben iſt ohne die 
Fülle unendlicher Mannigfaltigkeit. Darum hat Gott neben das MareusEvangelium 
das Johannes-Evangelium uſw. geſetzt: daß in dieſem Reichtum die verſchiedenen Völker 
und Menſchen in ihren verſchiedenen Zeitaltern die eine ewige Wahrheit von immer 
neuen Seiten ergreifen können, wie ſie es gerade innerlich brauchen. Gott iſt kein ein— 
deutiger Begriff, er iſt die lebendige Gnadenfülle. Joh. 1, 16: „Und von ſeiner Fülle 
haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Sollen wir dieſes Pleroma, das allein die 
Kirche lebendig erhält, einengen, indem wir einen durch Gelehrtendiskuſſion und Majori— 
tätsbeſchluß entſtandenen Auszug aus der Fülle als das ſogenannte „Weſentliche“ nehmen? 
Ich habe bei ſolchem Beginnen das peinliche Gefühl, als griffe das rechthaberiſche 

enſchenkind dem Gott der reichen Gnade vor. Auf wie wunderlichen Wegen holt ſich 
Gott nicht oftmals die erwählten Seelen! Verbauen wir Gott nicht die Wege, indem wir 
das Plexoma einſchränken! Es nützt ja auch doch nichts. Das ganze vierfältige Evan— 
gelium iſt die Grundlage der Kirche. Was aber die Hauptſache und das Weſentliche ſei, 
hat Chriſtus deutlich geſagt. Da braucht kein Theolog dem Herrn Chriſtus mit Formeln 
zu Hilfe zu kommen und das Geſagte nach ſeinem eigenen Kopf noch genauer ſagen zu 
wollen. Keins von allen Bekenntniſſen reicht zu, es iſt alles nur ein Stammeln gegen— 
über der Fülle des Neuen Teſtamentes. Alle Formeln außerhalb des Teſtamentes ſind 
ein Spielwerk des menſchlichen Verſtandes. Es ſieht ſo aus, als hätten manche Menſchen 
an den Evangelien und Apoſtelbriefen nicht „genug“, als ſeien die Artikel erſtens, 
zweitens, drittens etwas Beſſeres. Hat uns Gott nicht durch die Geſchichte hinreichend 
gebrannt? Wo immer der Streit um die menſchlichen Formulierungen der 
ewigen Wahrheit einſetzte, nahm Gott den heiligen Geiſt aus den Menſchenherzen, die 
Leute begannen ſich zu ſchimpfen und ſpucken, und es wurde ein großer Stunk und Stank 
daraus, an dem niemand ſich erbauen konnte, außer dem abt böſen Feind. Es haftet an 
den formulierten Bekenntniſſen der Fluch menſchlicher Rechthaberei. Wir wollen die Be— 
kenntniſſe ihres Inhaltes wegen ehren, aber wir wollen ſie nicht zu geiſtigen Schwer— 
tern und Schilden machen. Das einzige Schwert und Schild des Chriſten iſt das 
Evangelium. 

Viertens: Berechtigt iſt in verworrenen Zeiten die Sorge um den lebendigen geſchicht— 
lichen Zuſamenhang der Kirche von ihrer Entſtehung bis in alle Zukunft, daß ſie bleibe 
ein Strom, e in Wachsſtum. Aber dieſen ununterbrochenen Zuſammenhang ſichert man 
nicht dadurch, daß man die alten Bekenntniſſe auf eine Stange ſteckt. Sondern nur da— 
durch, daß man von den Dienern der Kirche Treue verlangt gegen die geſchichtliche 
Organiſation in ihrer Beſonderheit. Nicht tote, mechaniſche, aller Verantwortung ent— 
hobene Treue, ſondern die lebendige Treue der Sorge und Liebe. Die wird erreicht durch 
die Art, wie man die Pfarrer hexanbildet. Sie ſollten vor allem ihren Luther beſſer und 
gründlicher kennen lernen, als vielfach geſchieht; ſein Geiſt bindet feſter als alle Formeln 
u ei Die Frage der Pfarrerbildung ijt praftifh michtiger als die Be— 
enntni8frage. 

Xn Summa: Berlangt Treue genen die Befonderheiten der geihichtlichen Kirche, aber 
zwadt den Geift Gottes nicht mit Formeln. Denn der Geift Gottes hat and einen 
arimmigen Humor in fi, und ihr könntet vor ihm leicht auf die Nafe ftatt auf die Knie 
fallen. Die außere Kirche baut mit einer verftändigen Berfaffung, die dem Volk und 
der Zeit nemäß tit und der Gefchichte gerecht wird. Die innere Kirche aber baut allein 
mit der Macht des Gebete. St. 


188 


Hermann Bokdorf. 


CG? jcheint ein Verhangnis über dem neuplattdveutigen Drama zu walten: grade die 
Dichter, die al Bahnbredher und Pfadfinder wirkten, hat vor der Zeit der Tod geholt: 
erft frig Stabenbagen und jest Hermann Bodorf. Aber vielleicht hat der Knochenmann 
gon ut gewußt, wa3 er tat; er hat’3 gut mit den beiden gemeint, er fennt feine lieben 
eutijhen und weiß: in der Regel fragen die erjt etiva3 nach einem Dichter, wenn ihn der 
Leichenfuticher nad dem * fährt. se ift „de jwarte Mann“ BoRdorfs 
ftändiger Begleiter getvefen bon der ecjten Stunde Jeines Lebens an, und er iY dem Dichter 
mit der Zeit jo vertraut geworden, daß diejer ihn als feinen Freund anjah. Und im 
gewiffen Sinne war der Tod das auch in der Tat: er gab dem Blid des Didhters immer 
wieder die — über das Diesſeits hinweg auf die jenſeitige Welt und hob ſo ſeine 
Dichtung über das bloß Stoffliche, in dem Stavenhagen noch ſtecken blieb, hinaus. 

„De lögenhafte Welt düßſieds is bloot en Spök, dat uns vör de wohrhafte Welt günt— 
ſieds bangmoken ſall.“ Dieſe Worte hat Boßdorf einem ſeiner letzten Bücher vorangeſtellt; 
man könnte ſie als Leitſpruch über ſein geſamtes dichteriſches Schaffen ſetzen; denn es ihm 
eigentlich immer darum zu tun, die wahrhafte Welt durch die ſpukhafte Wirklichkeit hindurch⸗ 
leuchten zu laſſen. Es iſt bezeichnend genug, daß er feine len alg Dramatifer mit 
einem Ali Bleihnis beginnt. „De Hährkrog“ (erichienen wie alle Werke 
Bokdorfs in Richard Hermes tlag, Hamburg 37) klingt nidt im Stil, wobl 
aber in der Sdee an die mittelalterlichen Myfterien an. Aber nicht in derber Holzichnitt- 

@ matier gegetdnete allegorifdhe Figuren ftellt der Dichter vor uns hin, jondern blutivacme 
Geſchöpfe, wie wir felbjt, lakt er durch das Stüd wandeln. Auch de Kned mit den Doden- 
fopp, dex fymbolifd den froarten Mann darjtellt, hat Fleifd und Blut und eine lebendige 
Seele. Und in feinem zweiten Drama gibt Bokdorf die Form des Gleidniffes vollig auf, 
nur der Titel ,Bahnmeefter Dod” deutet nod) an, dak aud Hier das Verganglide ein 
Gleidnis des Cwigen ijt. Wber man fpiirt wieder, dag fein düjterer Freund ihm bie 
Melodie der Dichtung zugeflüftert hat. Dann betrat er das Gebiet der Komödie. Und 
fiherli, grade Bokdorf hatte das Zeug, ein echtes Luftipiel zu jchaffen. Er will nicht 
wie ein Talmi-Humorift fein Bublitum mit platten Späßen von den Yammerlidfeiten 
des Lebens ablenken, es „auf andere Gedanken bringen”, nein, Boßdorf weiß jich Tachelnd 
mit dem Dajein abgufinden. Auch hier will er die wahre Welt fichtbar machen, nur mit 
andern Mitteln. „Auch dieje (die Komöpdie),” jchreibt er einmal, ,fann von einer Idee 
getragen werden, indem fie mit ihrer Hilfe den Flaffenden Gegenjag zwilchen Sein und 
Schein dur den Zündftoff des komifhen Motivs überrafchend aufdedt und dadurd den 
Ge wer aus dem Beitlihen in das Emige translociert oder erhebt.” Aber er hat dies 
hohe iel nicht ganz erreicht. Sein oft gejpielter „Kramer Kray” ift gwar nad meinem 

edünlen mehr als ein blofer Schwanf; denn die Figuren des Stüdes haben jamt und 
fonders Blut und Leben, und der Dichter verzichtet auf die übliche billige Situationstomit. 
Aber dennoch, das Beite fehlt: der Abglanz der Ewigkeit. Einen gewaltigen Fortihritt 
bezeichnet Bohdorf3 lebtes Werk, das preisgekrönte Auftfpiel „De rode Uennerrod“. Da 
Alt man, daß der alte Sokrates twohl recht hatte, wenn er einmal behauptete, der echte 

omödiendichter müffe zugleich auch Tragödiendichter fein. Die Geihichte, die fich da in 
einer Filherdöng auf einer Hallig abipielt, fieht fich ganz vergnüglih an, ift aber im 
Grunde doch verteufelt ernft. um jo mehr, als fich derfelbe Vorgang, etva3 abgewanbdelt, 
allerorten sutragen fonnte. Die Dichtung hat wieder —— Charakter, ohne doch 
ausgeſprochenes Gleichnis zu nt verhaltene Symbolik. 

Außer dem genannten plattveutihen Dramen hat Bokdorf aud eine hochdeutiche 
Tragödie veröffentlicht: „Simfon und die Philifter”. Sie verleugnet ihren Schöpfer nicht, 
aber neben dem „Fährkrog” und dem „Bahnmeefter“ fanın fie doch nicht bejtehen: es fehlt 
a die wudtige Gedrungenheit im dramatijden Aufbau, die den plattdeutiden Dramen 

oBdorfs eigen ijt, und die Sprade ift nicht fo bildfräftig und aus einem Buß. Es geht 
Bokdorf da, wie e3 unjern großen plattdeutihen Meijtern allen ergangen ift: jobald er 
nicht in feiner eigentlihen Mutterjprache redet, ift er nicht mehr ganz er ef Die gleiche 
ang fann man aud an feinen Balladen maden: unter den hodydeutichen (gefam- 
melt unter dem Titel „Eichen im Sturm“) find ein paar, die fich wahrhaftig jehen lafjen 
fönnen; aber neben Boßdorf3 plattdveutichen Balladen (vereinigt in dem Bändchen „Dle 
Kleden“) verblaffen fie doch. Gedichte wie „De Fährknecht”, „Zönns Wulf“, „Hartje Rüter“, 
um nur ein paar herauszugreifen, fünnen e8 getroft mit dem Beften aufnehmen, was die 
ende Balladenliteratur — hat. Damit iſt zugleich ſchon geſagt, daß der platt» 
deutſche Dichter nicht bloß als ein abſeitiger Dialektpoet anzuſehen iſt. 

Von minderer Bedeutung ſind die Proſadichtungen Boßdorfs. Das ſind zum größten 

Zeil offenbar Gelegenheitsarbeiten, die er für Zeitungen geſchrieben hat, um Geld zu ver— 

dienen. Beſonders gilt das für die hochdeutſchen Novellen und EN Unter den platt- 
deutfchen finden $a freilich au) da ein paar fojtlidhe Stüde, echte Bokdorfs. Bos nenne 
vor allem „De ole Vigelinjpeeler“. Gejammelt find fie in dem Bändchen „De rode Udht“. 

Am Schluß diefer Sammlung fteht Bokdorfs ernft-launige Selbjtbiographie, die den Lefer 

zu tiefer Ehrfurcht zwingt vor dem ftillen Heldentum des Lörperlith am Ende völlig ges 


189 


lähmten, geijtig aber — ten Dichters. Mitten aus dem Baer t der Tod ihn 
perausgertfen. Unter feinem — findet ſich eine faſt vollendete Komödie, mit der = 
idter fic) um den vom Niede nberla Lu dem Bremer Schaufpielhaus —A 
Preis hat bewerben wollen; — eee u einer Störtebefer-Tragödie. Und 
war dec Mann, diefen trogigen Meergejellen Te ig zu maden; fein nate Rai" woe ue 
Rudo erner. 


Das liebe Publitum. 


Hen e8 ein Beweis innerer Größe ijt, Tadel und immer wieder nur Tadel von 
allen Seiten und zu allen Zeiten zu ertragen und dod) fich felbjt getreu au bi 
dann gibt e3 gewiß nichts Groperes unter der Stunftjonne als jenes Wefen, weldes wir 
mit dem Namen „Bublitum” abtun. Sagen wir ruhig „abtun”, denn jene Gerin nee 
bon der wir eben meinten, fie galte feinem RKunjtbeflijfenen fo febr als eben der der 
„Zuhörenden“, beginnt ſchon beim Begriff ſelbſt: die Zeiten ſind unwiderruflich vorüber, 
da es auf den ‘Theatergetteln ieß: „Der Autor wird fi) die Ehre geben, fein Stüd — 
—— Publiko ſelbſt vorzuführen“, wie wir es — der — 
ee der Mozartſchen „Zauberflöte“ finden. genteil: heute 
beſtenfalls: „Die Türen werden bei Konzertbeginn geſch oſſen. Zuſpätkommende 
den Saal erſt nach ee der betr. Nummer betreten.” Oder aber eS wird den Damen 
anbefohlen, die Hite abzunehmen, den Herren, ihre Stöde und Schirme an der Garderobe 
abzugeben und was fonft noc an echt preußifch fernigen — zu erdenken ſein 
mag. In Köln haben wir es ſogar über die preußiſchen Verordnungen inaus — 
engliſchen gebracht, ſodaß der bedauerliche Fall vorkommen konnte, daß ein braver Kölſe 
Buͤrger, der ſich für den Opernbeſuch (ielleicht den erſten feines Xebens und darum 
es wiirdeboll begangenen!) extra fein —— hatte, umkehren und den Gehrock an— 
egen mußte, nur weil er im Foyer den Anſchlag geleſen: —— prohibited. — 
anders dagegen dachten jene kraftvollen Bajuvaren, welche im Münchener rinzregenten? 
theater kurz vor den Pforten des Paradieſes angebalten und umgefdidt wurden, da fie 
> für — taten. in Sniehofen bezw. ihre Damen im Dirndltoftüm den Klängen 
es rſifal gu laujden 
ielleicht ware demnad der Schluß erlaubt: die handfeftere Art, in der unfer heutiges 
ee im Geg Benita demjenigen früherer Zeiten gemaßregelt werde, habe — 
rund in dem ſozialen Umſchwung, in der Auswechſlung aly ariſtokratiſcher 
gegen jetzige ſtark demokratiſche? Zweifellos waren früher Dinge undenlbar, die eae 
mit einem mehr oder weniger ironifd-webmiitigen Lächeln feitens der Beranftalter in 
Kauf genommen werden müffen: jo das Zufpätlommen, das ja ehemals auch nicht gerade 
— ausgeſchloſſen war, aber doch bei weitem nicht die Ausmaße von heute aı 
esgleichen das Tiirenwerfen, das Sitbeflappen, das Bettelrafdeln, das Huften, das 
an unredten Stellen (Strindberg und Fbjen werden hier bevorzugt), das — 
Programms mit Taſchenlampen (Kölner —— das Zufrühgehen und die , 
bogenfampfe aller gegen alle” an der Garderobe. Yc fann mid jedenfalls pecan nit 
gut erinnern, Fälle in früheren Zeiten erlebt zu haben wie diefe: im Berliner Reinhardt 
ee schrie eine hinter mir figende Dame, die foeben ihr duftendes Abendbrot laut- 
en und jchnalzend verzehrt hatte, beim Auftreten des Yntriganten Wegener 
barin aufgeregt zu: „Da kommt das verdammte Bieſt ſchon wieder.“ 
conte man bier nod von innerer Anteilnahme reden. Weniger fdeint mir dag der 
gu fein bei jenem Gürzenichbefucher, der (diefe Art Leute ſitzt merkwürdigerweiſe SR 
und jedesmal hinter mir!) zu den Klängen eines Brudnerihen Finales die 
Worte fand: „Das klingt ja wie die reine Fronleichnamsprozeſſion.“ Oder aber la 
von jenem „Zuhörer“ reden, welcher den mit in den Gürzenichſaal gebrachten Hut wel 
anders unterzubringen wußte als dadurd, daß er jein mächtiges Taſchenmeſſer mit gie 
bewußtem Schwunge in die Holgfaule, neben der fein Stubl ftand, einrammtte, um f 
- als Be zu gebrauchen. Gang wie wir im Felde ung Kerzenhalter im Unterfta 
jan Als GT eines der Meifterfongerte der Weftdeutiden Konzertdi tion 
rb zur Stlavierbegleitung jang und das jonjt bei Chorfongerten dem Chor gugedad 2 
Podium voller Bubsrer war, worunter fi u. a. ein.belgijcher Soldat befand, vernahm: 
mein erftauntes - folgende goldnen Worte: „Sieb mal, jingen denn jest aud Fran- 
zojen mit?” Die derzeitigen Preije fir Schinfenfped und andere Haushaltungsgegen-- 
jtande erfahre ich regelmäßig bei meinen Sonzertbejuchen durch jene „Dintermänner oder 
Hinterfrauen“, eine nicht zu unterfchägende Bereinfahung meiner Zeitungslettüre. — 
Wir find nun freili weder Schulmeifter noch Bolizeibeamte und fonnten getrof A m 
Kampf für die Ordnung den Organen überlafjen, denen er beruflich gufommt. Mögen: 
a an den Türen der Konzertjäle Kordons ziehen gegen die anjtürmenden Maffen der 
gu patfommlinge; mögen fie im Gaale jelbjt im Nabhfampf die gerechte ‚Buteilung_ ) 
tublplage itberwaden. Für uns wefentlich ift einzig die Feltjtellung der Tatjache, daß € 
Ih eben neuerdings mehr und mehr um reine „Drdnungstämpfe” bandelt, wie fie aus 
em Bereiche jener Stätten, wo fie ftilgemäß fein mögen, in Rabaretts, Kinos ind Boxe 


190 





















> 


manegen, jih auf die ernitbaften BVolfsbiloungsftatten ee beginnen. Wenn 
e3 nah dem famojen „Normalvertrage” Angehörigen diefer Hochanfehnlihen Kunft- 
injtitute erlaubt ijt, in Tingeltangels nebengewerblid) aufgutreten, wiefo haben wir ein 
Recht, den altein en Abonnenten folder Bergrügungslofale den Zutritt zu Opern-, 
Konzert- und Schaufpielhäufern zu vermehren? Und: wer von ung einmal ein italieni- 
[yes Theater, ein Konzert oder eine Opernaufführung erlebt hat, weiß ja doch, wie man 
ort in Hut und Mantel im Zufchauerraum erjheint, wie man den meijt verjpäteten Be- 
inn der Vorführung mit rhythmifdhem GStödeflopfen erzwingt, ivie man gute und 
Pehlechte Leiftungen bor offner Bühne beflatfht oder auspfeift! Aber da eben lient der 
Has im Pfeffer: nicht das Ordnungswidrige geht uns bier an, fondern allein das Kunft- 
widrige, das Gleidgiiltige und Berftändnislofe des Gebahrens in unferm heutigen 
Publifum. Wie felten find heute noch wirkliche „Kunftlämpfe” im Zufdauerraum! Ma 
ein gut Zeil jener früheren Publifumsfdhladten auf Cliquen- und Claquenwefen zurüd- 
—— geweſen ſein, wie Berlioz es i amitfant befdhreibt, in den meiften Fallen 
banbelte e3 ji doch um eine leidenfchaftliche Anteilnahme der Horerfdaft. Und eine folche 
he zu unjerer pen jo gut wie ausgefdaltet, von den wenigen Wusnahmen etwa bet der 
— er Regerfhen „Sinfontetfa”, der Schönbergfchen „Orcheſterſtücke“, der 
Eulenbergfhen Dramen abgefehen. 

Diefe Gleihgültigkeit nun mag vielerlei Urfachen haben: einmal den Ye genannten 
Umjhmwung in den fozialen Berhältniffen. Die Eintrittspreife verbieten heute raft jedem 
nicht gerade Reichen den Befuch aller ernfthaften Kunftveranftaltungen oder aber ver- 
wetfen Ddiefe auf die populären Beranftaltungen, fodaß die fogenannten ,,Bolfstongzerte” 
Ihon mehr ihren Namen zu Unrecht ee und beißen follten: „Billige Konzerte für die 
berarmte Syntelligenz”, während das „Bolk”, und das ift immer die Mehrheit, jehr wohl 
dieje Preife zahlen fann. Diefes ,,Volk” jedoch fett fich zufammen einmal aus ehemaligen 
„Bollögenofjen”, die, über Nacht zu Geld gefommen, nun aud einmal ,,die feinen Leute“ 
pen modten, fich ihrer einftigen „Niedrigkeit” jchämen und in den Baltonlogen para- 

ieren, ohne auch nur die elementarjten Begriffe von jener höheren Runft und dem Be- 
nehmen gu bejigen, mweldes an folden Plaben angebradt ift. Die anderen aber, im 
dunklen Drange, fick) höher zu bilden, bleiben verjhüchtert vor dem höheren Kunſtwerk, 
langweilen fich redlich, ehren nad} Furzer Zeit wieder in die Arme der ihnen getwohnteren 
Vergnügungsjtätten guriid, wo fie nit auch Gefahr laufen, fich zu „blamieren”. Denn 
noc find alle noch jo ernjthaft und qutgemeinten Vollsbildungsbeitrebungen zu fehr An- 
fangsarbett und die Erkenntnis ijt noch zu wenig aufgedämmert, daß man dem Bolfe auch 
erft einmal „fein Kunftmilieu” fhaffen muß, bevor e8 lernen kann, fih am rechten Plate 
u fühlen und mit der neuen Kunft zu gehen. Sonst wird unfer Publifum ntemal3s auf— 
Dorn. eine träge, jenfationslüfterne und zugleich Taunifche „Beitte” im Sinne Wedelinds 
u fein, die über Gedeih und Berderb von Kunftwert und SKünftler wahllos Ent- 
heidun en fällt, Entfcheidungen, deren Ausfall nah Niekiches Wort immer umgekehrt 
zum nalen Mert der Betreffenden fteht und die den lateinifhen Spruch zum fchlechten 
Scherz machen, wonad ,,Volfsftimme Gottesurteil” fet. Hermann Unger. 


Fritz Flebbe. 


er äußerlich ſtärkſte Unterſchied zwiſchen dem, was wir mittelalterliche, gotiſche Kunſt 

nennen und den ſpäteren künſtleriſchen Schöpfungen bis auf, unſere Tage iſt der Ein— 
druck, daß jene trotz allen Einzelkönnens und gller Verſchiedenheit im Einzelnen, troß 
aller Qualitätsunterſchiede zuſammen eine Geſamtheit darſtellen, Ausdruck eines 
Lebensgefühls, einer ſeeliſchen Beanlagung, einer großen Harmonie ſind. Das Einzelne 
iſt kräftig, eigenwillig, ſprüht von Leben, ſtößt eckig und kantig gerne ſcharf mit andern 
an und doch wirkt es nicht groß auf uns durch das Trennende, Beſondere ſeiner 
Art, ſondern durch die innere Kraft, die das Gemeinſame zum höchſten Ausdruck 
ſteigert. Das Beſtreben, möglichſt „originell“ zu ſein, damit eine künſtleriſche Kugtur, 

in Weitergeben von Meilter an Schüler völlig zu tilgen, blieb unferen indioidualiftiihen 
Zeiten vorbehalten. re jünger ein Künjtler ift, umfo ungebärdiger muß er den Beweis 
liefern, daß er alles vorausfeßungslos [ediglid aus feinem abgründigen ch, aus feiner 
vulkaniſch kreiſenden Urkraft herausholt. 

Da iſt es eine Freude, einen Menſchen ſchaffen zu ſehen, von deſſen Arbeit und 
Weſen man fühlt, daß er Eigenes zu geben hat, und der bewußt, abſichtlich wieder etwas 
wie Tradition will, der die Technik eines Meiſters, die er für gut hält, ſich als Ausdrucks— 
mittel ſeiner eigenen ſeeliſchen Kräfte gefügig zu machen trachtet. 

Fritz Flebbe aber nun lediglich nach dem Verhältnis zu ſeinem Meiſter Arthur Illies 
beurteilen, geht nicht an. Wenn ſchon von Einflüſſen immer die Rede ſein muß, ſo 
tonnten fir ihn Diirer, Griinewald und Rembrandt ebenfo wie Illies genannt werden. 
Das heift: der Bwang, Erjdeinungen, die dem Menfden aus qebeimnisvoller Tiefe, 
qleidfam aus dem dunflen Strom der Ewigtcit tommen, gu finden, gu gejtalien, muf 
in feinem erften Ringen um die Form bet ben Art- und Wejensverwandten Halt, Sider- 


191 


heit, Weg fuhen. Nur fo foll von Einflüffen die Rede jein. Das ift Ehrfurdt, die 
jedem nottut ftatt Meberheblichkeit, die eigene Unficherheit verbirgt. 

Was auf den Bildern Flebbes auffällt, ift die, faft möchte ich jagen, Zurüdhaltung, 
Nebenordnung der Farbe neben die Zeichnung. Den farbigen TFled, das, was eine Farbe 
in fic felbft an Kraft hat, als ausichlangebend für die Geftaltung eines Gemäldes zu 
behandeln, meidet Flebbe abfihtlihd. Bu der Farbe als gejtaltendem WFaltor tritt die 
Linie, die erft bildet, die fcheidet, und körperlih Farbe um Farbe zufammenholt und 
umgreift zum feften Gebilde. Die Linie ift das ftärkjte Mittel, feelifche, innere Regungen 
als Rune gleichfam, ala grabende, bohrende Rinne, als leichten Strich, ala wetther ge- 
holte, weithin ziehende Gerade auszudrüden. Sie verdichtet fih mit der Farbe zum 
ſymboliſchen Ausdrud. 

Wir bringen ein Doppelbildnis Flebbes: Der junge Künijtler und feine verjtorbene 
Gattin. Das Bild tft weit mehr als Porträt: Die qroke, ausdrudsvolle Sprade der 
Hände ift Schidfald- und Willensgemeinfhaft, unlösbar ineinander verfledtet. Hinter 
diefer Einigkeit, die wie ein Schild und zugleich wie Stoßlraft wirkt, folgt Haupt an 
Haupt die Zimeieinheit Mann und Weib, die gewillt ift, ihr Leben zu tragen und zu 
erfüllen. Linie und Farbe wirken fymbolifd: das Blau der Kraft, Ueberlequng, Tat 
und das Rot der Liebe, Zuverficht, Hingabe, des Verftehens und Duldens. Weber den 
beiden aber etwas Duntle3, -Schattenhaftes, Schilfalfchweres. Ahnung des Kommenden, 
des frühen Todes? Wir wiffen e3 nit. Aber mit einem Schauer vor dem Unerbittlichen 
ift das Bild gemalt. 

Dann die Steinzeichnung: der Beter. Die PVorftudie eines Gemäldes: Was ift e3 
mit diefem Angeficht, mit diefen Händen? Der Kopf will fi) in das Gebet geben, aber 
er bäumt zurüd, und in ihm zuden alle Linien. Die Hände wollen fi falten, aber fie 
fönnen nicht zufammen finden. Die Hände wollen löfend zum Haupt empor, fie halten 
fich felbft zurüd. Das Haupt will betend auf die Hände niederfinten und rudt fich jtodend 
wieder auf. Diefeg Werk eines Jungen ift meifterhaft. Wir finden von uns allen ein 
Stüd darin, von unferer zerriffenen, gottlofen, felbftifdhen Zeit, die ihre Rerriffenbeit 
fühlt, die fromm fein will und ringt und fid quält und nicht aus dem Leibe ihrer Shmad 
finden fann. Das heißt uns aerade bei diefen ungen hoffen, daß wir fühlen, fte find 
nit zufrieden mit fich und wollen nicht ihr Können erweifen, fondern fie arbeiten an jih 
und nehmen willig, was Meifter ihnen geben können, um das, was fie dunfel fühlen und 
mag als Gefiht aus dem Unendlichen fie aleihfam anfpringt, in Mühe und Not, in 
Suden und Verwerfen ringend zu geftalten. Eine Zeit, die zerriffen und gequält ift, 
kann feine reine Harmonie als Kunst geben, fie muß erjt felbft rein und gefund werden. 
Dann werden neue Formen, neue Werke aus ihr wachen, von denen wir jest nod 
nicht3 wiffen fönnen. Der erjte Schritt dazu aber ift die Erfenntni3 unferer Unzulänglich- 
feit und die Sehnfucht, jie Lampfend zu überwinden. Wo ung diefes Streben gegenübertritt, 
wollen wir ihm helfen und es als Mitlämpfer ftüßen. Ludwig Benning hoff. 


> Der Beobachter 








8) er Englander ijt unfer Hauptfeind, er will uns wirtichaftlich verfflaven! — jagte der 
Süngling, als er fih eine engliide Bigarette anzündete. Wie id diefe Frangofen 
haffe, die uns foftematife aun Grunde richten! — fagte die Dame und raufdte in den 
feidenen ee Odden. Wenn wir uns von den Frangofen unterfriegen Iaffen, ift das 
Deutidhe Volf gewejen! — fagte der Mann, da ließ er fics einen frangofifden Cognat 
geben. Nur äußerfte Sparjamfeit bringt uns wieder in die Hobe! — fagte die Frau 
a faufte Apfelfinen zum Nadtifh. Wie die Leute gegen ihre eiqene Erfenntnts han— 
deln! — fagte ich) emport und trant eine Taffe Bohnenlaffee. => 


Der neuſte Diskutierſport iſt, Diskuſſionen zu veranſtalten in der Abſicht, feſtzuſtellen, 
daß über etwas eigentlich nicht diskutiert werden dürfe. Der Diskutierteufel iſt der 
zählebigſte von allen Teufeln: er findet immer wieder ein Loch zum Durchſchlüpfen. 


S) ie Buchlampfitelle des Dresdener Yugendrings qab Lifjten heraus, in denen Sehund- 
literatur als folche aelennzeichnet war. Die immer mutiger gewowenen Schund- 
perleger fdrien vor Gericht wehe und mollten den Sekretär des Kreisperbandes evange- 
Hicher Sungmännervereine als den Schuldigen „wegen Beleidigung“ aepönt haben. Das 
Drezdener Amtsgericht aber ließ die mutigen Schundverleger mit der Antwort ablaufen: 
„Die Ausdrüde find zwar fcharf, aber al eindrinalide Warnung vor den der Jugend 
drohenden Gefahren in den zuläffigen Grenzen nehalten. Aud die Veröffentlichung. ift 
nicht au beanftanden, da tm &nttereffe der aejamten Kugend eine fchnelle und weite Ber- 


192 


* 
wn 
> 


breitung geboten und notwendig war.” — Yn Waldenburg (Schlejien) ernährte fic ein 
Kinchefiger mit der Vorführung des Dirnenfilms „Das Mädchen aus der Aderjtraße.” 
Meiklreugiugend fand, dak die Berliner Aderjtrake tn Waldenburg überflüflig jei und 
verteilte Warnungszettel. Der RKinobefiber frie webhe in der — — „Berg⸗ 
poft“, die es nicht für überflüflia hielt, dem Wehgnejchrei diefes Mannes an die Deffent- 
lichkeit zu helfen. Gegenfeitige Bolemif. Die lebhafte Jugend wird „beleidigend”. Als- 
bald fauft der Kinomann aufs Gericht: Weh geihrien! Exit Hamm je mir’s Gefchäft 
berdorben, dann hamm’ je mich beleidigt! Genugtuung will ih haben! Schadenerfat 
will ich Haben! Die Richter laffen den Mann mit dem Mädchen aus der Aderftraße ab- 
laufen. Hartnadig wie feinesgleichen ift, treibt der Mann die Sache durch alle Ynjtangen. 
Das Oberlandesgericht in Breslau wie das Landgericht in Schweidnig wird belaftigt. Es 
hilft dem fchreienden Danne aber nichts, er fällt immer wieder ab. „Bor dem Schöffen- 
gericht wie vor der Straflammer haben die den PVorji führenden Richter dem Ange- 
Ecgten den Dank des Geriht3 dafür ausgefprodhen, daß er die verderblihen Auswüchle 
des Kinos in fo entjchiedener Weife befampfte.” — Wir führen dtefe tröftlichen Er 
an, um zu zeigen, daß die Vorkämpfer für fittlihe Sauberkeit nicht überall foldden Ge- 
allgem OMBReIENN find wie in Berlin, daß e3 Gerichte gibt, die nicht vor dem Reitgeift 
apitulieren. 


J [ tule Wolfe, die Tänzerin, gebt, us aud gum Kino. Wir maden if x feinen Bor- 

wurf daraus. E38 ijt das bittere Muß der geit, das die Kiinjtler und die Kunjft auf a 
Weg abwärts in die Barbarei der kommenden Zeiten zwingt. Wohl dem Künitler, der 
fih auf diefem Wege wenigstens nicht felbjt etwas vormadt, al3 ob man „ja aud im 
Kino” uj. Guftad Falfe, der Vater, hat — ganz gegen jeine ftille, fanfte Natur — 
im Himmel einen greuliden Fluch ausgeftoßen, und feine Gebeine haben fih im Grabe 


dreimal herumgedreht. Mene tefel upharfin! E3 muß alles dahin. Alles Fleifd fährt 


in die Grube, alle Kunſt ins Kino. 


8S) er Celly de Rhevodt tit während ihres Prozejjes hinreichend beitätigt worden, daß ihre 
Zanzkunjt einen fehr geringen Kunjtwert habe. Was tut’s? hr Ruhm ijt ge- 
fiert. Die Folge: ihr Betrieb vergrößert fih. Der Bedarf, fortan erheblichere Mengen 
entlleideten Mädchenfleifches in Betrieb zu ftellen, madt fic dringend gelten. Seweloh 
berechnet die Prozente. Er gibt im Berliner Lofalangeiger eine ent{predhende Anzeige 
auf, und der treudeutfche Xolalanzeiger, der fich born über die zunehmende Sittenlofigleit 
entrüjtet, drudt Hinten die Anzeige — fo und fopiel Mark die Zeile — ab: „Eelly de 
Rheydt-Ballet fucht 100 junge, bildfjhöne Tänzerinnen, Gage 3000—5000 Mark monatlich. 
Perfönlihe Vorftelung wodentags 1—4 Uhr...” Die Gage ijt für das Hand- und Bein- 
wert, das Seweloh von feinem Perfonal verlangt, nicht allzu bedeutend. and die 
teure Kleidung können fich die „jungen, bildjhönen Tangerinnen” ja fparen, jie brauchen 
nicht viel angubaben. herrliche deutfche Kultur, die im Sommer 1922 in Gejtalt von 
„hundert jungen, bildfchönen Tänzerinnen” dem amerifanifden und fonjtigen zahlung3- 
fähigen Frembdenftrom entgegentangen wird! Erjt amüjiert fich die Fremdenjchaft Löftlich 
an der Baffion in Oberammergau, dann — tin in8 Cabaret. Der Eonferencier verfündet 
augenzwinfernd: „Die Damen find beim Ausziehn, fie werden gleich erfdeinen!” Det 
i8 wat, det jibbt’3 noch nich in Amerifa! Und die Mufife fest ein und PBublifus finat 
den Kehrreim mit: „Det Sgericht, det macht ung die Reflahame! I 
Und der Staatsanwalt der fann uns wat!” 


& ° it vergnüglich und lehrreicdh zugleich, wenn der Humorbegabte Zufall plöglich die 
weltgefhihtkihen Kuliffen von allerlei perjonliden yntimitäten wegzieht und bie 
reizvoll menjhlihe Art und Weije offenbart, in der eine „neue Zeit” gemadt wird. Die 
Sclejiihe Tagespoft und die Müncen-Augsburger Abendzeitung geben einen Brief der 
Deffentlichleit preis, der uns zeigt, wie der Kunjtwart-Redatteur Wolfgang Schumann 


_ufo., im Berein mit Herrn Cohn, mit dem viélbetwegliden Herrn Rathenau und mit 


dem aus Wien angelommenen eifrigen Rätefinanzminifter Otto Neurath, im monnevollen 
Räte-März Bayern und das übrige Deutfchland durch eine neue Wirtichaftsform aufzu- 
bauen gedadte. Der Brief ijt am 25. März 1919 an Herrn Neurath in der Penjion 
Abbazia in München gerichtet und trägt den grün gedrudten Kopf „Kunftwart-Leitung 
Dresden-Blafewig.” Der entzüdend grüne Brief lautet: „Lieber Elefas, Präfidelefas, 
Elefafiedent — Alfo! Sch neige nicht zur SFeierlichkeit, aber ich neige mich vor der Einficht 
bes VBolfsftaates Bayern und vor Deinen Trompetenfünjten. Das Gejprah mit Rathenau 
war lang und intereffant. Er würde wohl nah Bayern fommen, aber nur, wenn die 
Regierung ihn feierlich einlädt und dann zunädit, um die Machtarundlage zu prüfen, von 
der aus die Sozialifierung vor fi geht. Er würde fih an der Arbeit wohl nur beteiligen, 
wenn er fic) bon der hinreihenden Tragfähigkeit und vor allem Dauerbarkeit diefer Grund- 
lage überzeugt hat. Dies hält er für das Wichtigite. Sch war übrigens überrajcht, daß 


193 


f 


/ 


erkalten. Fur 


er gar nicht an feiner „Neuen Wirtfchaft” hing, fondern mit großem Freimut und vollem 
Berftändnis auch über mehrheitsfozialijtifche Pine {prad, fogar über boljchewiltiiche. Die 
Srzialifierung des Reich beurteilte er höchft abfällig. Das begreife id. Yoh war heute 
im Reihswirtihaftsminifterium, wo ein jehr fympathifder Vetter von mir neben Herrn 
pon Moellendorf an der Sogialifierung arbeitet, und fuchte herauszubringen, wie die 
,Semceinwirt{[dhaft” ausfieht, die man da plant. Aber id hatte faft den Cindrud, dak 
man das felbjt nicht weiß! Das einzige Pofitive, twas id) herausfragen fonnte, war der 
Gedanke: man will abjolut feinen Zwang! Die Zmangswirtichaft habe entjeglich gewirkt 
und miiffe abgebaut werden. Ein feit umriffener Blan Liegt nicht vor. Mein Better 
warnte mich davor, mich in Bayern fejtzulegen, denn im Reich braude man Leute wie 
mid, fogar im RWA., und fchließlich könne doch nur im Reich fozialiliert werden ufw. 
&3 war ganz intereffant aber etwas verfhwommen. Der baverifde Vertreter dort ift 
Herr von Meil. Mein Vetter fagte, ic) follte doch Lieber diejen Bolten — Hoffent⸗ 


lich kann ich Sonnabend abend in München ſein. Daß Du eit anfan 
willſt (nämlich: ſie zu ſozialiſieren), begreife ich nicht, Gottes wi amit muß 


man zerictin fein. Dagegen muß fofort mit Oefterreich angefnüpft werden. Das meinte — 
aud) Rathenau. Cohn traf ich heute. Die Sache ift ganz unentfchieden. Das Reid hat, 
wie ich im voraus fitrdtete, in die Gache etn geqetien und fudt anfdeinend gu gentrali- 
fieren. Die bisherigen Machthaber find auger Kurs gefebt. Wer jest die Macht bat, . 
fieht Cohn Tod nicht genau. Geinen bayerifchen Anteil hofft er beffimmf weiter zu 
ahfen bewirbt Re ein Funktionär des hHiefigen Milttärminijteriums. 
Go konnte ih gar nichts tun. Möglicher- aber unwabhridheinliderweile fpringt dod aoe 
etivas heraus, wenn audh wohl nicht 150 000 Markt pro Monat. Herzliche Grüße. 
Man kann beim redlidften Willen nidt umhin, über die Möglichkeit zu ſchmunzeln, De 
aus dem Café Toscana beinahe eine neue Wirtjehaftsordnung des deutiden Volles ent» 
[preffen wäre. Das hätte ei viel blaueres Wunder gegeben al3 das in Ehren ergraute 
laue Wunder neben befagtem Cafe. Behüt did Gott, e8 wär ae {don gemwefen. Wie 
manches weltgejhichtliche Unternehmen läuft in dtefen betrübten ffenbauer aus! Cohn 
fieht da8 nod nicht genau. 


cy" der Weltbühne jchreibt Siegfried Yacobfohn: ,,€8 ijt merkwiirdig, wie fdnell fid 
bei den meiften Auslandsdeutiden die quten Eigenſchaften ihres Volkes verflüchtigen. 
Uebrig bleiben die fchlehten, als da find: Bierdunft, Renommierluft, Kaftenhohmut und 
jene mufige Quft mittelftändifcher Honoratiorentneipen. -Gie find felbftverftandlid alle 
nod) monardiftifd® und haben gar fein Gefühl dafür, daß fie draußen, bewußt oder une 
bewußt, ftet3 ihr nanzes Land repräfentieren. Sie fpielen, wo aud) immer, deutfde Klein- 
ftadt und wundern fi über einen Deutfchenhaß, der in erfter Linie ihnen gilt. Der 
geiltig abweichende Deutfche muß draußen mitmachen, oder er wird boykottiert.” Das tft 
ein wahrhaft noldenes Wort. Wir wollen uns dankbar erweilen, indem wir Siegfried 
Ssccobfohn ein gleiches wahrhaft goldenes Wort zurüdreichen: „Es tft merkwürdig, wie 
ichnell fich bei den meijten emangipierten Yuden die guten Eigenfchaften ihres Bolted 
verflüchtigen. Lebrig bleiben die fchlechten, als da find: Maufdeln, VBordringlichkeit, per- 
jonliche Redhthaberet und jene muffige Luft von Lumpen, Fellen und altem Cijen aus 
der Jiidengaffe. Sie find felbftverftandlid alle fofort deutiche Demokraten und haben gar 
fein Gefühl dafür, daß fie unter Mittel- und Wejteuropaern, bewußt oder unbewußt, ftets 
ihr ganzes Bolf repräfentieren. Sie madhen, wo auch immer, jüdilhen Schader und 
wundern fich-über einen S$udenhaß, der in eriter Linie ihnen gilt. Der geijtiq abweidhende 
Sude muß mitmachen, oder er wird als weltfremd beladelt.” 


Zwieſprache 


SB) ies Heft hat mehr al3 wir in der Regel pflegen den Charakter einer Ausſprache 
über Zeitfragen und gibt wohl im Ganzen mehr Anfänge und Aufgaben als Lö— 
ſungen. Wir glauben: fruchtbare Anfänge. Ueber Staat und Volk haben wir noch 
mehreres im Kaſten, wir werden im Auguſt weiteres davon bringen: auf ein mal wäre 
es zu viel und ſchwer geworden. Im einzelnen iſt zu ſagen: Profeſſor Dr. Holle iſt der 
Verfaſſer der „Allgemeinen Biologie als Grundlage für Weltanſchauung, Lebensführung 
und Politik“ J F. Lehmann, München. 282 Seiten). Wir laſſen alſo mit ihm einen 
Vertreter der biologiſchen Auffaſſung zu Worte kommen. Der Bücherbrief iſt diesmal 
beſonders ausführlich und reichlich; er mag dafür entſchädigen, daß im vorigen Heft aus 
Raummangel der regelmäßige Bücherbrief fortfallen mußte. 

Das nächſte Heft, das noch in den erſten Julitagen, alſo vor den großen Ferien 
erſcheint, wird ein von allen Zeitnöten entladenes Ferienheft ſein: Wald und Feld, Volk 


194 





und Bauerntum geben ihm das Geprage. Man kann e8 fich alfo netroft in den Rudjad 
oder Koffer fteden, ohne fürdten zu müfjen, daß einem alle böfen Teufelhen der Zeit 
daraus entgegenhupfen, wenn man e3 auf einer Wiefe oder auf einem Stein an der 
Meeresbrandung auffidlagt. — 

Aber — vom Yuli ab wird die Zeitfdrift wieder um zwölf Mark vierteljährlich 

teurer. Zwölf Marl — «8 geht jchlechterdings nicht anders. te ewigen Entfchuldi- 
gungen und Erklärungen für felbftverjtändliche Notwendigkeiten wollen uns nicht mehr 
aus dem Munde gehn. Feder fann heute ja die Preife felbit vergleichen. Die Konferenz 
von Genua wird den Wert unfres Geldes wohl nicht mehr heben. — Die Poftbegicher 
wollen darauf achten, daß jie die Zeitjchrift von der Poft weiterbefommen. Viele wundern 
ie Warum das D. BV. ploplid) ausbletbt. Und wir follen dann fduld fein. Man halte 
ih an die Bo ft! — >}, 
Bon Dr. Lothar Schreyer, den die Lefer aus früheren Auffägen kennen — er ift 
- jest am flaatlihen Bauhaus in Weimar — ijt in unferm Verlag ein Heft erfchienen: 
„Berantwortlih” (32 Seiten, 25 Mt.). Man jchaudere nicht fogleih vor Exprefjionismus 
zurüd. Die Gabe diefes Büchleins find ftreng gepragte Form. E3 find tnappe, inhalts- 
acfattigqte Gabe von der verantwortliden Gemeinfdaft. 

Von Dr. Bruno Golz ift bei uns als erftes Heft der von Dr. Fans Gerber int 
Auftrag der Fichtegejellihaft herausgegebenen Sammlung „Zeit- und Streitfragen” er- 
ihienen: „Fauftiih und Deutich. Zur Kritit Oswald Spenglers”. (42 Seiten, 12 Me.) Gols 
zeigt in feiner flaren Art, daß Spengler in feinem Begriff „Fauftifh” nur einen Pol 
des Wefens unfrer abendländifchhen, aermanifch bejtimmten Kultur erfaßt bat, daß der 
Beariff des Deutjchen neben dem fauftiihen Drang ins Unendlihe au das Gebot der 
a: umſchließt. — 

m Februar brachten wir die „wahre Geſchichte aus Greiz“ von einem Lehrer, der 
fete Kinder lehrte: man miüfle nur glauben, wa man anfaffen kann, an den Tieben 
ott braude man alfo nicht zu glauben. Die Leipziger Lehrergeitung begweifelt die 
Wahrheit der Gejchidte. Laffen wir alfo den Bericht des Mannes felbft folgen, der fie 
erlebt ee „sh Ttand firglid) bor einem Budladen. Da een fih ein Heiner Bengel 
von fieben oder acht Yabren, die KRinderfaujte tief in die Tajchen vergraben, neben mid: 
„Sie, Mann, wollen Sie fo gut fein und jagen, (ich denke, er wird mich nach der Zeit 
fragen) ob es einen lieben A R Auf die Frage war ich nicht gefaßt: 
„Wie fommjit du darauf?” „Unfer Lehrer hat gejagt, es gäbe nur da8, was man 
jehen und anfaflen könnte, und ob einer von uns fdon einmal den lieben Gott gejehen 
oder angefaßt hätte?” — Eriütternde Antwort. — „Sieh mal, Bunge, du haft doch zu 
eae eine gute Mutter und die hat dich doch ficher febr lieb.” Ein Leuchten aus feinen 
ellen Knabenaugen bejtätigt e8 mir. „Haft du die Xiebe deiner guten Mutter mit Augen 
fehen oder mit Händen gegriffen?” Er denkt nah: „Nein, das fann man nur fühlen. 
Sept weiß ich, mit dem lieben Gott ift das ebenfo!” Che ich ihn nach dem Namen feines 
trefflihen Erziehers fragen kann, ftürmt er zu einem Kameraden, der abwartend in der 
Nähe jtand: „Siehfte, Erich, e3 gibt d od} einen lieben Bott!” — Wir haben die Geidhidte 
ebradjt, weil uns Aehnliches ofter erzählt wurde, und weil fie fiir gewiffe geijtige Sr 
tände topifh if. Yn der Leipziger Lehrerzeitung rect fic) die beleidigte Standesehre 
mit funfelnder Zornbrille boc) empor und pubt mich dummen Bengel wegen meines 
frechen Benehmens gehöria herunter. Aber nad) dem, was uns aus jächliihen Lehrer- 
freifen jelbjt berichtet ift, Nolte e3 und nicht wundern, wenn Genoffe Bummfopf aus 
Greiz, der den lieben Gott nod nie angefaßt hat, ins fähfifhe Kultusminifterium berufen 
würde, um die Plattrampelung des Schulwefens der Republif Gachfen ,,reftlo3 aur Durd- 
führung zu bringen“. epee Bummskopf der gewichtigſte Mann in Sachſen. Wenn 
er ſeinen dicken Demokratenbauch, der's geſchafft hat, achtunggebietend über die Platte 
des Konferenztiſches emporwuchtet und die Spießeräuglein durch die Brille funkeln läßt, 
ſo — u man fdjon ein fo — — und autoritätsloſer Burſche wie wir ſein, 
um ihm frech ins Geſicht zu lachen: Rutſch mir den Puckel runter! Wir achten den 
Beruf des Lehrers viel zu hoch, als oe wir glaubten, die Standesehre der Lehrerichaft 
werde verlegt, wenn wir die bummsfopfijdhe Wiirdefiille mit Behagen ein wenig piefen. — 

Frib Flebbe, bon dem wir in diefem Heft zwei Blätter bringen, wohnt in Harburg, 
Milhelmftraße 6. 

Zum Schluß ein Wort des wetjen alten Grillparzer aus feinem tiefiinnigen 
Treyerfpiel „Ein Bruderzwift im Haufe Habsburg” (aus dem dritten Aufzug). C8 ftedt 
der ganze ariltofratifhe Abjcheu des neiltinen Menfchen vor dem „Scheufal” darin, das 
„angrenzt ana Geift- und Willenlofe.“ Welch eine Bitterkeit des einfamen Alten, der 
all das Gejchmwäß der fich idealiftiich qebardenden Welt bei Seite jchiebt, in dem mit ab- 
webrender, wegwerfender Gebärde geiprochenen: „ei ja”. Yn diefem bittern „Ei ja” 
Ttecft tiefere Weltanfhauung und edleres Wefen ala in der optimiftifchen Fortfchrittsethif. 
Man jtelle einmal die Köpfe der edlen alten Beflimiften zufammen, die das deutiche Volt 
Herborgebradt hat — es it ein zugleich erhabenes und rührendes Bild, voll Wunderlich- 
feit und Zieffinn. Und — wie redt haben fie, dieje abjcheulihen alten Kerle! St. 


195. 


Stimmen der Meifter. 


Sulius: Warum verjühnt Yhr nicht den Streit der Meinung 
Und gebt dem Glauben feinen Wert: die Freiheit, 
Euch jelbjt befreiend fo gu voller Macht? 
Rudolf: Zu voller Maht? Die Macht ift'3, was fie wollen... . 
Der Rei gsfiir ft will fich lofen von dem Neid, 
Dann fommt der Adel und bekämpft die Fürften; 
Den gibt die Not, die Tochter der Verfchwendung, 
Drauf in des Bürgers Hand, des Krämers, Mäflers, 
Der allen Wert abwagt nad) Goldgerwidt. 
Der dehnt fich breit und hort mit Spottesladeln 
Bon Toren reden, die man „Helden“ nennt, 
Von Weifen, die nicht „Hug“ für eignen Sädel, 
Bon allem, was nicht „nüßt” und Zinfen trägt. 
Bis endlich aus der unterften der Tiefen 
Ein Scheujal aufjteigt, gräßlich anzufehn, 
Mit breiten Schultern, mweitgejpaltnem Mund, 
Nach allem lüjtern und durch nichts zu füllen. 
Das ijt die Hefe, die den Tag gewinnt, 
Nur um den Tag am Abend zu verlieren, 
Ungrenzend an das Geift- und Willenlofe. 
Der ruft: „Auh mir mein Teil, vielmehr das Ganze! 
Sind wir die Mehrzahl doc, die Stärfern doch, 
Sind Menjden fo wie thr. Uns unfer Recht!” 
Des Menjden Recht heißt Hungern, Freund, und leiden, 
Eh’ noch der Ader tvar, der frommer Pflege 
Die Frucht vereint, den Vorrat für das Sabre; 
Als noch das wilde Tier, ein Brudermorder, 
Den Menjchen jchlachtete, der waffenlos, 
Als noch der Winter und des Hungers Zahn 
Aljährlih Ernte hielt von Menfchenleben. 
Begehrit ein Recht du als urfprünglich erftes, 
So Fehr zum Zuftand wieder, der der erfte. 
Gott aber hat die Ordnung eingefest, 
Von da an ward e8 licht, das Tier ward Menid. 
Ich fage dir: nicht Scythen und Chagaren, 
Die einft den Glanz getilgt der alten Welt, 
Bedrohen unfre Beit, nicht fremde Böller: 
AUuseignem Shoß ringt los fih der Barbar, 
Der, wenn erft ohne Bügel, alles Große, 
Die Kunjt, die Wiffenfdaft, ven Staat, die Kirche 
Herabftürzt von der Hobe, die fte jchüßt, 
Zur Oberfläche eigener Gemeinbeit, 
Bis alles gleid) — et ja, weil alles niedrig. 
: Franz Srillparzer. 








Herausgeber: Dr. Wilhelm Stapel. (Sar den Bubalt verantwortlig). — GHriftletterc: Dr. Inb- 
wig nunuinghoff. — nfhriften und Einfendbungen find gu ridten an dle OF ung bes 
Deut DBoltstums, i iftenpl . ar unveriangte Cinjfendungen wird feine Derant- 
— — — Berlag und Dr ae Danjeattice Derlagsanftalt Attiengefelifhaft, Hamburg 
Dezugspreis: “Dierteljäsrlih 50 Mlart, Cingzelheft 12 Wart, für das Ausland ber doppelte Detrag. — 
Poi Hettonto: Hamburg 15475. 

Nahdrurl ber Deiträge mit genauer Quellenangabe ift von ber Schriftleitung aus erlaubt, unbejhabrt 
er te des Gerfaffers. 


196 





Srig Slebbe, Der Veter 


Aus dem Deutfhen Volfstum 





Fr Fane | Frambury| freht 7 | 
| Dentiqes Doikstum | 








Dolkstum 


Monatgsfcift für das deutſche Geiftesleben 
Herausgeber Wilhelm Stapel 


ferienheft 


Inhalt: 


Jmmermann fiber dns unfterblidje Dolk ea 
Ferders ,Jdunn oder der Apfel der Derjfingung” 
Dr. Wilhelm Stapel, Lehrplan einer dentfdjen Banernhodfdule ea 
De. Karl Zimmermann, fean Panl 
franz Freyden, Schöpfung und Seftaltung in deutfcher Lyrik. 3. 
Eichendorff, Tadts esesenecesesesesesesesesesesens 


Don Wäldern, Bergen und flüffen 


Kleine Beiträge: Erna Selne, Dom Wurzeln des Dolkes im 
Land / Dr. ferdinand Niagel, Dom alten Oftland ; Edmund Rudolf 
Prafchinger, Kroiner Deutfdjtum / Fofef Steinberger, Zum land- 
wirtſchaftlichen Schulweſen ; Profeffor Dr. Ludwig Curtius, Dolks- 
bildung , De. Ludwig Benninghoff, frit; Sriebels Scherenfcnitte 


Bilderbeilngen: 5 Scherenfhnitte von Fri Sriebel: An- 
betung , Ruhe auf der Flucht / Hirfche / Die Predigt des Feiligen / 
Der Heilige 























Franjentijche Deriagsanftalt, Hamburg 
Preis viertelj. 30 Mark Einzelheft 12.- Mark 
Fuli 1922 





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| | Sanfeatifther Kunftverlag / Samburg 36 ; I 
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1: Sriedrich Lifmann |: 
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A : Singfhwäne auf dem Myvatn > I 
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Mi mit Hverfjall J 
A: : 64 
FR 3 Sarbenlihtdrud : 9 
ks : in nahezu Originalgröße (27:39 cm) 3 i 
7 : auf Karton gelegt ME. 250.— u: 
° : Seit — hatten wir den lebhaften Wunſch, den vielen Freunden unſeres frühvollendeten ſein⸗ kG 
EN : finnigen Künftlerd eine farbige Wiedergabe in edelftem Vervielfaltigungsverfahren yu vermitteln. : Sf 
A s 8 ift nur eine Feine Auflage gedrudt worden, damit durhaus die Gleihmäßigfeit der Ausführung = = a 
WH $  gewabrieiftet wurde. Wir hoffen, in nicht allynferner Zeit weitere Wiedergaben abnlider Art : en 
Ay) : berausbringen zu können. : Bi 
Eu 2 34 
| : : 
4 Sammlung ſeiner Werke J. 
Ge : 72 Bilder in vorzüglihen Kupfertiefdrudwiedergaben : Bs 
DR : in Ganzleinenmappe ME. 950.— : = 
9 Im Lißmannkatalog ſind alle 72 Bilder klein wiedergegeben, mit den genauen Bildgrößen. Mk. 7.-. * 
—7 Das Lebensbild Lißmanns von Mia Lenz gleichfalls mit allen 72 Abbildungen und einem fein- 3 * | 
/ KR § __ finnig gefhriebenen kurzen Lebensabrif, bringt uns Griedrid) Lifmann zumal aud al den fo überaus 2 FF 
MO 2 liebenäwerten Dienfhen nahe, indem e3 und Blide tun läßt in fein reiches Itmenleben, das fid in 2 HY 
x : feinen Schöpfungen fo wunderbar offenbart. Mi. 10.—. : i 
ss i J 
2 Einzelblätter des Gefamtwerfes J 
Ed 5 werden, fomeit vorrätig, gern abgegeben. Die Auswahl laßt ſich an Hand der beiden vorſehenden Fe 
; Bändchen gut vornehmen. ; it 
: Preis des Blattes, unaufgesogen Me. 9.—, auf Karton gelegt Me. 12.—. : 3 
: | : DR 
18 Poftfarten © 
: nad feinen farbigen Holzfhnitten 3 N; 
3m drei leihten Rartonmappen mit je 6 Karten find hier 18 der Rhönften farbigen Holgfhnitte ? rs 
: des Künfller3 in tehnifh vollfommener Weile originaltreu wiedergegeben. 2 * 
Wle 3 Mappen 12.— Me. : re 
: - 3 > hy 
Uber LiPmann- Original Holsfchnitte an: 
: fenden wir ernfthaften Intereffenten gern Gonderverjzeidnis. : * 





StU TEE RSENS | 
— 








Aus dem Deutfhen Volfstum Grif Griebel, Anbetung 


Deutiches Dolfstum 


7.5eft sine Monatsfdrift 1922 





cJmmermann iiber das unfterbliche Wolf. 


S) ag ift Der Boden, den feit mehr als taufend Jahren ein unvermifdter Stamm 

trat! Und die Ydee de8 unfterbliden Volkes wehte mir im NRaufchen diefer 
Ciden und de3 uns umivallenden Fruchtfegens, faft greiflid) mochte id) jagen, 
entgegen.” 

„Das unfterblihe Volk!” rief der Diafonus. „Ja, diefer Ausdrud bejagt dag 
Richtige. Sch verfichere Yhnen, mir wird allemal groß gumute, wenn ich der un- 
abihwähbaren Erinnerungskvaft, der nicht gu verwüftenden Gutmiitigfeit und de3 
geburtenteichen Vermögens denke, wodurch unfer Volk fich von jeher erhalten und 
bergejtellt Hat. Rede ich aber von dem Volke in diefer Beziehung, jo meine ich damit 
die beiten unter den freien Bürgern und den ehrwürdigen, tätigen, wifjenden, arbeit- 
jamen Mitteljtand. Diefe alfo meine ich und niemand anders vorderhand. Aus 
ihnen aber und aus diefer ganzen Maffe haucht e3 mich wie der Duft der aufgerignen 
Ihwarzen Aderjcholle im Frühling an, und ich empfinde die Hoffnung ewigen Kei- 
mens, Wacjens, Gedeihens aus dem dunfeln, fegenbriitendDen Schofe. Gn ihm 
gebiert fich immer neu der wahre Ruhm, die Macht und die Herrlichkeit der Nation, 
die e8 ja nur ijt Durch ihre Gitte, Durch den Hort ihres Gedankeng und ihrer Kunft, 
und dann Durch den jprungmeife hervortreteniden Heldenmut, wenn die Dinge einmal 
wieder an den abjichüfjigen Rand des Verderbens getrieben worden find. Diefes 
Bolk findet wie ein Wunderkind bejtändig Perlen und Edeljteine, aber es achtet 
ihrer nicht, fondern verbleibt bei feiner genügfamen Armut; diefes Volk ift ein Riefe, 
welches an dent jeidenen Fadchen eines guten Wortes fich leiten läßt, es ift tieffinnig, 
unjhuldig, treu, tapfer und hat alle dieje Tugenden fich bewahrt unter Umjtänden, 
welche andere Völker oberflächlich, frech, treulos, feige gemacht haben.“ — — — 

‚sh war, da ich jenen jungen Vornehmen zu führen hatte, während ich nod) 
jelbjt der Führung gar jehr bedürftig’ war, unter allen den geijtreichen, eleganten, 
{hillernden und [himmernden Geftalten der Kreife, die mir durch mein damaliges 
Amt zugeiviejen waren, ebenjo geijtreich, halbiert, Eritifch und ironisch geiworden 
wie viele; genial in meinen Anfprüchen, wenn auch nicht in dem, was ich leitete, 
unbefriedigt don irgend etwas Vorlommendem, und immer in eine blaue Weite 
ftrebend; furg, ic) war dem jchlimmeren Teile meines Wejens zufolge 
ein Neuer, hatte Weltiehmerz, wünjchte eine andere Bibel, ein anderes Ehrijtentum, 
einen andern Staat, eine andere Familie und mich jelbft anders mit Haut und Haar. 
Mit einem Worte, ich war auf dem Wege zum Tollhaus oder zur infipidejten Phi- 
lifterei; denn diefe beiden Biele liegen meiftens vor den Füßen der modernen Wan 
derer. Und da bin ich denn doch erft hier zwifchen den wunderlichen, aber achtbaren 
Originalen meiner Mittelftadt und unter diefen ländlichen Wehrfeitern wieder gu 
mir jelbjt gefommen, habe Pojto gefaßt, den Schaum der Zeit von mir weichen 
jehen und Mut befommen, mir ein liebes häusliches Verhältnis zu gründen, Denn 
in dem Molfe find die Grundbezüge der Menfchheit noch wach, da ijt das richtige 
Verhältnis der Gefchlechter noch feit ausgeprägt, da gilt das Gejchwät noch nichts, 
jondern da3 Gewerbe und der Beruf, den jeder hat, da folgt der Arbeit in ange- 
meffener Ordnung die Rube, da ift von den Vergniigungen das Vergnügen nod) 
nicht verbannt. Hören Sie den Jubel in der Stadt oder auf dem Lande bei jonn> 
täglichen Tänzen, bei Hochzeiten und Scheibenfchiegen, und urteilen Sie, ob der 


199 


Spaß fo bald in der Welt ausfterben wird, wie die gramlichen Siinglinge der Gegen- 
wart meinen! Cs gibt Müßiggänger, fhlechte Ehen und böfe Weiber auch hier in 
Stadt und Land, aber fie Heifen bei ihren und nicht bei vornehm umgebogenen 
Namen. ene Mijdungen von Langeweile und Begeifterung endlich, wie fie mir 
einjt ein Freund treffend nannte, aus denen in den jublimierten Kreifen der Gefell- 
[haft manches Perverfe hervorgeht, und aus deren einer derfelbe Freund aud) die 
blutige Tat der armen, fchönen, bejammernsiverten Frau ableitete, deren Unglüd 
darin beitand, einen mittelmäßigen Dichter und großen Selbitling geheiratet zu 
haben, liegen dem Volfe gang fern. Das ganze potenzierte und deftillierte Genre, 
der Hermaphroditismus des Geiftes und Gemütes, welchen die Mtge eines langen 
Sriedens hie und da erzeugt hat, wird dem Stod und Stamm der Gemeinfchaft 
inmer fremd bleiben.” 

mott Diejer orthopädiichen Anftalt gerader und normaler Verhaltniffe legten fich 
denn meine etwas verbogenen Glieder auch wieder zuvecht. Freilich muß man in der 
Stille und Abgefhiedenheit von den braufenden Strömungen der Gegenwart auf fich 
wachen, denn die Gefahr des Verbauerns fteht auch nahe, indeffen noch hänge ich 
durch Stille, aber feite Fäden mit dem Weltganzen zufammen, nur mit dem Unter- 
Ihiede, daß fie fich jegt bloß um die Gegenjtände fchlingen, zu denen mich ein 
geiftiges Bedürfnis hinweist, während ich mir früher manches geiftige Bedürfnis, 
wie e8 fo mance unferer Zeitgenoffen machen, einzubilden wußte.“ 


Der Jäger ging nach diefer Rede des Diakonus fdiweigend und mit gejenttem 
Haupte neben ihm ber. „Was ijt Yhnen?” fragte fein Bekannter nad) einer Paufe. 


pid,” jagte jener, „hr Bild vom deutfchen Volke ift wahr, und eg macht mid) 
nur traurig, daß teilmeife über diefer Grundfläche ein jo wenig entiprechender Gipfel 
jteht. Diejes tüchtige Volt würde bei weitem mehr ausrichten, es würde weit 
entjchiedener Front machen, wenn in den höheren Ständen eine gleiche Titchtigfeit 
lebte! Schlimm, daß ich, ich felbit jagen muß: Dem ift nicht fo.” 


„Leider,“ ermwiderte der Diafonus, „sind unfere höheren Stände hinter dem 
Volfe guritdgeblieben, um e3 kurz und deutlich auszufprehen. Dah eS viele höchit 
ehrenmwerte Ausnahmen von diejer Regel gebe, wer wollte e8 leugnen? Sie be- 
fejtigen aber eben nur die Regel. Der Stand al Stand hat fih nicht in die 
Wogen der VBeivegung, die mit Leffing begann und eine grenzenlofe Erweiterung des 
gejamten Ddeutfdhen Denfens, Wijfens und Dichtens herbeifiihrte, getaudt. Statt 
dak vornehme Perjonen geboren find, die Patrone alles Ausgezeichneten und Talent- 
vollen zu fein, halten bei uns noch viele Große das Talent für ihren natürlichen 
Teind oder doch für läftig und unbequem, gewiß aber für entbehrlih. E3 gibt ganze 
Landitriche im deutfchen Vaterlande, in welchen dem Adel ein Buch zu lefen nod 
immer für ftandeswidrig gilt und er ftatt deffen lärmende, nichtige Tage abhett 
wie in den Zeiten jener Bürgerfchen Parforcejagd-Ballade. Das Auffallendite bie- 
bei ijt, Daf felbjt nach der ungeheuren Lehre, welche die Weltkriege den Privilegierten 
erteilt Hatten, diefe noch nicht eingefehen haben, e8 fet mit dem leeren Scheine 
nunmehr für immer vorbei, und der erite Stand müfje notivendig fich in fich jelber 
gründlich faffen und reftaurieren. €8 war feine erfte Obliegenheit, dies zu begreifen, 
e8 war die Lebensfrage fiir ihn, ob er fick) mit dem Heiligtume deutfcher Gefinnung 
und Gefittung nunmehr inniglich verbiinden, allem twabhrhaftquellenden geijtigen 
Leben der Gegenwart Schirm und Schuß geben möchte, damit das Zauberbad diejes 
Lebens feine altersitarren Glieder verjünge. Er hat feine Stellung und diefe Frage 
nicht verjtanden, hat in allerhand Hleinen Hausmittelcden feine Erfräftigung gefucht 
und ift darüber objolet geworden, Nie und zu feiner Zeit hat ein Stand anders als 
durch Ydeen exijtiert. Auch den eriten haben Yoeen gefchaffen und erhalten, an- 
fanglich die der Kampfestapferfeit und Lehnstreue, demnächft die der bejonderen 
Ehre. Gegenwärtig ift durch ‚die Errettung des Vaterlandes, welche von allen 
Ständen ausging, die höchite Ehre ein Gemeingut getworden; weshalb denn die 


200 


oberen Stände das Proteftorat des Geiftes hätten übernehmen müffen, wenn fie 
wieder etwas Bejonderes fein und vorftellen wollten.” — — 

„Die franzöfiiche Nation, ie Geift und ihre Literatur haben und find Ejprit,” 
verjegte Diafonus. „Der Efprit ift ein Fluidum, welches die Natur unter den zu 
feiner Erzeugung günstigen Vorausfegungen an ganze Länder und Völker austeilen 
fann. €3 ift alfo dort in Frankreich eine natürliche Briide von dem Volfsgeifte 
und bon der Literatur zu dem Geifte der vornehmen Klaffen gefdlagen, lebtere er- 
greifen in ihrem Syntereffe ohne Anftrengung nur das ihnen Gleichartige. Wir 
haben feinen Efprit. Unfere Literatur ift ein Produkt der Spekulation, der frei- 
maltenden Phantafie, der Vernunft, des müftifchen Punkts im Menschen. Die 
Gaben diefer von Grund aus gehenden Arbeit de3 Geiftes fich angueigqnen, find eben 
nur wieder Geifter, welche die Arbeit ftählte, vermögend. Mit Leichtfertigfeit tft 
deutjcher Art nicht beizufommen. Die Vornehmen arbeiten aber nicht gern, fie 
ziehen e8 bekanntlich vor, zu ernten, ivo fie nicht gefäet haben. Deshalb ift es wieder 
natürlih — wenn aud) das Verwerfungsurteil über die Barbarei deg erjten Standes 
bei Kräften ftehen bleibt — daß er Ioder mit deutfchem Geiste zufammenhängt; zu 
einem näheren Bedürfniffe hätte er fich über Gebühr anftrengen müffen.” — — 

moa,” Lief ex, indem er immer fürbaß den Hügeln zufchritt, „du, mein deutfches 
Vaterland, bleibjt doch der eivig geweihte Herd, die Geburtsftätte des heiligen Feuers! 
Ueberall, auf jedem Fledchen in dir wird dem Dienfte des Unfichtbaren geopfert ımd 
der Deutiche ift ein Abraham, der dem Herrn den Altar baut allerivege, wo er au) 
nur die Nacht über geraftet hat.” — Er gedachte der Reden feines Bekannten und 
der Situation, in welder fie vorgefallen waren. — „Das wird auch andermärts 
nicht vorfommen, daß ein armer Pastor, Hinter feiner Hühnerfarre herfchreitend, 
fih an der unfterblicden {dee der Nation begeiftert,” fagte er. „Lächerlich und 
erhaben! Lächerlich, weil das Erhabene auch durch das Aermlichite und Kleinste bei 
uns bindurdfieht und die Formen des Geringen fiegreich zerbricht! Wie reich 
bift du, mein Vaterland!” 


| Serders 
„Sduna oder der Apfel der “Berjüngung‘“. 


Erite Unterredung. 

I red: Meinjt du nicht aud, Frey, dak wenn eine Nation eine Mythologie 

haben mup, e8 ihr daran gelegen fei, eine in ihrer eignen Denfart und 
Sprache ent{profjene Mythologie gu haben? Bon Kindheit auf wird wns fodann 
Die Ydeentwelt diefer Dichtungen näher und inniger; mit dem Stammtuvort jeder 
derjelben vernehmen wir jogleich ihren erjten Begriff und verfolgen ihn in feinen 
Zweigen und Ableitungen leicht und vernünftig. Alles in der Einkleidung enthaltene 
dünft uns glaubhafter, natürlicher; der dichterifche Sinn, einer Sprache genialifch 
eingepräget, jcheint mit ihr entitanden, mit ihr gleich ewig. 

Srey: Sch wollte, daß feine Dichtungen in der Welt wären! Wir müpben 
ung mit dem Geriift und bergeffen das Gebäude. Syn der Kindheit, wieviel Zeit 
wird aufs Lernen der Mythologie verwandt und verjchwendet. Vor lauter Hüllen 
lernen wir den Kern, vor lauter Dichtungen die Wahrheit nicht finden; an jenen ver- 
mwöhnen wir uns dergeftalt, daß wir zulegt mit den heiligiten Sachen tändeln. Wir 
wollen immer Hülle, Einfleidung; was fich nicht in einer [hönen Geltalt zeigt, 
tft aud nicht wahr, e8 wird vergeffen und veradhtet. Selbit der eigne Dichtergeiit 
erliegt unter einer hergebradgten Mythologie, vielmehr der Sinn, der die reine Wahr: 
heit fucht und den man bei Dichtungen immer doch in ein Schattenreich alter Per- 
jonififationen vermeifet. 

W.: Yoh hatte nichts dagegen, wenn wir anders organijiert wären; nun find 
wir aber, was wir find, Menjchen. Unfre Vernunft bildet fi) nur durch Fiftionen. 


201 


Smmerdar fuchen und erjchaffen wir uns ein Eins in Vielem und bilden e8 zu einer 
Geftalt. Daraus werden Begriffe, Foeen, Ydeale. Gebrauchen wir fie unrecht, oder 
werden wir gar gewöhnt, falfch gu fonfigurieren;') ftaunen wir Schattenbilder an 
und ermüden uns wie Lajttiere: fo liegt die Schuld an uns, nicht an der Gace. 
Dhne Dichtung können wir einmal nicht fein. Ein Kind ist nie glüdlicher, al3 wenn 
es imaginiert”) und fich jogar in fremde Situationen und Perfonen didtet. Lebens: 
lang bleiben wir folche Kinder. Nur im Dichten der Seele, unterftiijt vom Ver— 
ftande, geordnet von der Vernunft, befteht das Glüd unfres Dafeind. Lak uns, Frey, 
diefe unfchuldigen Freuden, laß fie uns! Die Fiktionen der Rechtswiffenfdaft und 
der Politik find felten jo erfreulich wie fie. 

%.: So dichte denn fort, Alfred. 

A.: Sch fragte dich, ob es einem Volk nicht angenehm, bequem und niiblich fet, 
eine in feiner Sprache entfproffene Mythologie gu haben. Mich dünkt, die Gejchichte 
der Völker gebe darüber Auskunft. Was 3. B. gab den Griechen die fchone Ueber- 
einjtimmung ihrer Bilder in Kunft, Weisheit und Dichtkunft? Woher, dak -ohn- 
geachtet aller Zofal- und Zeitverjchiedenheiten eine gewiffe große Regel des Ge- 
Ihmads in allen ihren Werfen feititehet? Unter andern daher, daß alles, twas fie 
auch bon andern Nationen nahmen, fie fich eigen machten. Sie vriginierten?) es 
bei un8, fie idiotifierten*) e3 in ihrer Denfart und Sprache. Die Römer dagegen 
hatten für fich eine Harte Mythologie, bei welcher fie griechiiche Dichtungen und 
Bilder zwar oft als ein fremdes Spielzeug brauchten, dagegen aber zu einer eigenen 
 Boefte, Philofophie und Kunft nie gelangten. FYhre Filtionen waren friegerifch 
und gefebgebend; eingeboren oder fTongenialifch ward ihnen die griechifche Due 
felten. 

Gehe einmal die Zeiten hinter den dunfeln Yahrhunderten durd, als der freie 
Geift der Wiffenfdaften in Europa wieder erwachte: Du wirft finden, dak die Didh- 
ter und Weifen aller Nationen am glüdlichiten in ihrer Mutterſprache imaginiert 
haben. Dante, Petrarca, Arioft waren unter den Alten ergogen, der lebte fchrieb 
‘ felbft beinah flaffifdes Latein, und Petrarca erwartete nicht aus der Hand der 
italtenifchen, fondern feiner lateinifhen Mufe den Kvang der Unjterblicfeit. Bn- 
deffen hat ihn die Zeit widerleget. Die Yoeen und Dichtungen, bie den Wert diefer 
Dichter auf die Nachwelt brachten, twaren aus der Denfart der Nation genommen 
und ihrer Mutterfprache einverleibet. Bei den Briten wars nicht anders. Er- 
inneve dich, wie mühfam fich Spenfer und Shafefpeare aus Sagen, aus dem Aber- 
glauben ihres Volks Begriffe jchaffen, Geftalten dichten. Ou fennft Miiltons flaj- 
fifche Dentart und feine fchönen lateinischen Verfe. Die jtärkiten und beiten Stellen 
indes feiner beiden Paradiefe, feiner Dde auf die Ehriftnacht, feines Allegro und 
Penferofo find rein gotifch. 

%.: Da fchidft du mir einen unglitdlicen Traum, Alfred. Unfre Meiiter- 
fänger, wie elend fchleppten die fich mit der Gefchichte und Mythologie der Alten 
unther! Und ald unfer gelehrter Opig dichtete oder reimte, war er mehr Weber- 
feber oder mehr Didjter? Was ift gegen Shatefpeare unfer Andreas Gryphins, ufiv.! 

A.: Und doch waren bereits treffliche Crgahlungen, Kern- und Lehr{priide in 
der deutfchen Sprache, nur fie ftanden in ihr ohne Ymagination da. C8 feblte der 
Sprade an einer eignen Mythologie, an einer fortgebildeten Heldenfage, an poetifcher 
Darjtellung und Ausbildung ihrer urfprünglich fo vielfaffenden, vollen und ſchönen 
Stammesideen. Willft du dich davon überzeugen, wie niedrig fie diefen einjt be- 
feffenen Reichtum veruntreuet habe, fo gehe mit mir ein deutfches Wörterbuch durch, 
welches du willft — Scherz, Wachter, Frifch, Haltaus, Adelung’) — und verfolge 
den Gebrauch unfrer Vieblichiten Stammivorte. Du wirft erftaunen, wie fnechtijch 


') — bilden, zufammenftellen; ?) — die Einbildungsraft |pielen läßt; *) — madten e8 
ne *) = bdeutfdten e8 ein; °) deutfche Wörterbücher aus dem 17. und 18. Yahr- 
undert. 


202 


die Sprache geworden, wie nicht etiva der firchliche, fondern ein viel argerer, der 
juriftifche, und der drgfte bon allen, der Hofitil, dergeftalt die Herrfchaft iiber fie ge- 
wonnen, daß e3 ihre jhöniten Ableitungen bis zur Quelle verderbt hat. Gerechtfame 
und Feierlichkeiten herrjchen in unfrer Sprache; darauf ift alles getvandt, dahin 
alles gedeutet. Die vornehmiten, edeliten Worte find dergeitalt in Formlichkeiten 
oder gar in poffierlidje Niederträchtigfeiten verwandelt worden, daß man fich jchamt, 
die fräftigften Gamenfodrner in foldhden Gebüjchen, verfehrumpft und verfünftelt, auf- 
gejdofjen gu feben. Wollen wir uns die Mühe nehmen, einmal in diefer Abficht 
den Haltaus oder Glafey durchzugehen, um die Wappenzievde unfrer gerichtlich und 
böfifch gewordenen Sprade ftattlich zu ertvägen? 

%.: Verfhone mich damit, ich muß mich täglich in diefem Stil üben. 

W.: Nun vergleiche die fhönen Stammmorte unfrer mit der griechifhen Sprache 
und jiehe, was aus beiden geworden fei. Haft du Schillers Gedicht „Die Götter 
Griechenlands” gelefen? 

$.: Und auch manches, was darüber gefagt ift. 

A.: Man würde manches nicht gefagt haben, wenn man das Wort „Götter“ 
genommen hätte, wie e3 der Dichter nimmt. hm finds dichterifche, miythologifche 
Gotter, Perfonififationen, Ddeen, Ideale. Geh dies Gedicht durch und vergleiche 
die deutjche mit der griechifchen Sprache. Wus unfrer fchonen Mtorgenrote ift feine 
Aurora und Eos, aus unferm lieblihen Whendftern fein Hesperus, aus unjerm 
MWiederhall fein Echo, aus unfrer fühtönenden Nachtigall feine Philomele worden. 
Die fcshinen Namen unjrer Baume und Blumen, unfrer Auen und Ströme, unjer 
Mond und unsre Sonne haben feine Märchen erzeugt wie die Erzählungen der 
Griechen von Apollo und der Daphne, von Apoll und dem Hyacinthus, von einer 
Juno und Diana mit ihren Nymphen und Dryaden. Unfere alte Mutter Erde 
(Hertha) ift erftorben. Die Elfen auf Bergen und Wuen find Robolde worden, und 
was fid) bon Heren und Berggeiftern, von unterirdifden Brwoergen, Niren, dem 
Alp, dem wiitenden Heer, dem Gager u. f. f. in Pobelfagen erhalten hat, ijt zu fo 
groben, tohen Aberglauben IT daß es nicht ernft genug hat hinweggefchafft 
werden mögen. — 

%.: Und nun? 

A: Wie nun? Wenn aus der Mythologie eines benachbarten Vols, auch deut- 
Ihen Stammes, ung hierüber ein Erfag fame, der fiir unfre Sprache gleichjam 
geboren, fich ihr ganz anfchlöffe und ihrer Dürftigfeit an ausgebildeten Filtionen 
abhiülfe, wer würde ihn von fich ftoßen? Wer wollte ihn nicht vielmehr als einen 
Zaubergarten betrachten, den nach langen Sahren der Dürre und Teurung eine 
gütige Fee uns gefdhenft habe? Warum wollen wir nicht den höchiten Gott als 
Allvater, Freia als die Göttin der Liebe, VHbna’) als die Beichügerin der ehelichen 
Eintracht, Saga als die Göttin der Gefchichte, Wara als die Auffeherin der Geliibde, 
infonderheit der Liebesbetenrerungen annehmen, da ihre Nanten, was fie jind, deut- 
lich und fchon fagen? Andre Namen find fo mwohllautend, die Erzählungen von den 
Perfonen, die fie bezeichnen, find unfrer Denfart und Sprache fo angemeffen, dak 
man ja bald lernen wird, wie Thor den Donner, Braga den Gott der Dichtkunit, 
una die Göttin der Unfterblichkeit und der Neuverjüngung, Tyna die Erretterin 
aus Gefahren, Noffa die VBortrefflichkeit bedente. Wird man diejen iwiederfonmten- 
den Altvätern und Grokmiittern, den Ureltern unjfrer Sprache nicht gern Stühle 
fegen und den ehrenhafteften Blak im Haufe einräumen, felbjt wenn dies Haus 
der woblverjehenfte Palaft wäre? 

%.: Gib mir die Bücher, die dahin gehören, ich will lefen. 

Bweite Unterredung. : 

Brey: Yoh habe gelefen und mir fogleich zu Anfang der Coda ein Wort 
gemerkt, das Gangler (ein guter Name für neugierige Reifende) jagte, ala man ihn 

1) Löbna, Lofn = Frigg. 

\ \ \ N \ 203 


\ 


in den goldbededten Palaft diefer Gotter einlud. „Man muß, ehe man Hineingeht, 
zuborderjt fic) nach allen Türen umfehen, wo man wieder hinaus kann.” Dies 
dünft mich, Alfred, ift auch bei diefer Mtythologie zuträglich. 

Denn zuerjt fage mir: find wohl alle Namen der nordilchen Mythologie jo 
deutjch, daß jte noch in unferer Sprache leben? Wer kennt Odin, Ueger, Balder, 
sorjete, Höner und Höder, Lola, Thr, Uller und Widar? Wer die Göttinnen und 
Sungfrauen, Eyra, Filla, Gna und Gefiona, Syena, Siphia, Sfada und Snotra? 
Wer die Walfyren, Nornen, die Wald- und Meerjungfern, die Elfen, Zwerge, Rie- 
jen, nach ihren Verrichtungen, Arten und Namen? Sollen wir da abermals eine 
Mythologie lernen? Soll wiederum ein Natalis Comes, Romey und Damm!) ge- 
ichrieben oder ein Hefiodus, Callimachus, Apollodor”) fommentiert werden? Da 
liebe ich mir die Antwort jenes Weltweijen, den man um die Bedeutung des Worts 
Telyn’), das unfre Dichter damals oft brauchten, fragte: „Das find folche Wörter,” 
fagte er, „die neuerdings zur Zierde oder zur Ausfüllung des Verjes gebraucht wer- 
den, deren Bedeutung aber man eben fo genau nicht willen darf.” ch fürchte, 
daß ohne einen erläuternden, äußerst verdrieglichen Kommentar bei den Lefern 
nordijdher Gedichte dies lange der Fall fein möchte. Die griechijche Mythologie lernt 
nıan als ein Alphabet in den Schulen, Dichter und Künftler erinnern ung unauf- 
börlich daran und halten fie feft in unferm Gedachtnis. Wo aber lernen, modurd 
berewigen wir uns diefe Nanıen? 

Wilfred: Hierzu ware der Weg leicht. Fit diefe Mythologie der Wufmerfjam- 
feit wert, fo lerne man fie wie die griechifche oder vielmehr: der Dichter führe fie 
verjtändlich, angenehm und behutfam ein. Wenn man das Fad) der nordijden 
Literatur auch bloß als einen Teil der europaijdhen Völkergefchichte, als einen Ziveig 
des menschlichen Willens betrachtet, fo find die ungeheuren, gelehrten und groß- 
miütigen Bemühungen, die eine Reihe Beförderer diefes Studiums . . . darauf 
gewandt haben, doch wohl der Aufmerkfamtkeit wert. Und da wirklich fchöne poetifche 
Stüde in diefer Mythologie da find, fo muß, wer jene lefen will, diefe fennen lernen. 
nu unjern Tagen gibt fic) Grater‘) zu ihrer Befanntmachung eine unfägliche, bisher - 
unbelohnte Mtiihe. Ware 8 eine Entweihung der Kunft, wenn er eine fleine 
nordiihe Mythologie mit Kupferftichen fehriebe? 

%.: Mit Kupferftichen? 

A: Warum nicht? a, ich getraue mir, mehr zu fagen. Mach den Grieden 
fenne ich auf unferm ganzen Erdenrund feine Mythologie und Gefdhidte, die der 
Kunft fähiger und würdiger fet al8 diefe. Die Galifche,) Jüdiſche, Chinefiiche, 
Yndijdhe, felbft, wenn man fie von den Griechen trennt, die eigentlih Römiſche 
müffen ihr an Reichtum, Würde und Fähigkeit zur Kunft nachftehn. Geh in diefem 
Betracht beide Edden und nur einige Sagen dur. Du wirft über den Reichtum 
an malerifhen Szenen erjtaunen. Kühn und fanft, trobiq und milde, zu Lande 
und Waffer erfcheinen hier Abenteuer der Götter und Helden in beiderlei Gefchlecht, 
die einen Michel Angelo, Raphael, Eorregaio und Tizian, einen Guido und Donti- 
nichino befchäftigen könnten, fo viel Mbmwechälung gibt e8 in der Gotterftadt und im 
Riefenlande, an Ufern, Bergen und Tälern. Das Wunderbare ift mit dem Großen 
und Liebreichen hier dergeftalt gemifcht, dak wenn man, wie e8 auch die Griechen 
taten, das Rohe und Ungeheure abfondert, felbit die Zaubereien zu den frappantejten 
Borjtellungen Anlap geben. Bejinne dich, Frey. Das originalfte, anziehendfte, 
wunderbarjte Stüd Shafefpeares, Hamlet, ift e8 nicht eben aus diefer nordiichen 
sabel? Die am meisten malerifchen Szenen im Sturm, im ear, im Macbeth, 
grenzen fie nicht an diefe Fabel? Und zu wie manchen dergleichen Stüden Tiegt 
noch Stoff in ihr! Wäre ich ein nordifcher König, ich Tieke mir, wie die Briten eine 


*) Griedhifhe Kommentare; rh Griechiſche el und Dichter, die die Dh be te 
zufammenjtellten; *) eine Harfe; *) Grater: Nordijde Blumen; *) — galijd, od. 
englifd-irijden Kelten. 


204 


Galerie Shafefpeares und Mältons haben, eine Galerie der alten Gefchichte meiner 
Völfer malen und unterfagte meinen Künſtlern die zu oft wiederholten NRömer- 
geihichten. Die Welt ijt groß, die Mufe muß umtberziehen, wie mit der Lyra fo 
mit dem Pinjel. 

%.: Alles zugegeben. Wie und woher aber find diefe Szenen für uns Deutfche 
einheimifsh? Ein Teil der Fabeln ijt fürchterlich nordpolarijd. 

Wenn ich 3. B. die Schöpfung der Welt Iefe: „Won ihren Quellen entfernten 
jich die Ströme der Holle. Das Gift, das fie fortiwälzte, fror. Weber ihnen froren 
Die Diinjte. Unter ihnen ftürmten Wirbelwinde. Vom Süden jprühten Funken und 
Blige. In Mitte aller weht ein jchredlicher, eiliger Wind. — Da breitete fich aus 
ein wärmender Hauch über die Dünste von Cis und jchmelzte fie zu Tropfen. Aus 
diejen Tropfen ward der erſte Menſch.“ — Wenn ich- dies lefe, fo graufet und friert 
mid). 

„Der erite Menjch war ein Rieje; er jchwigte, als er fcblief. Unter feinem 
rechten Arm ward ein Mann, unter dem linfen ein Weib geboren. Auch einer 
feiner Füße zeugte mit dem andern, daher das Gefchlecht der Riefen des Froites.” 
Kein garter Urjprung! 

A: Für die Riefen des Frojtes zart genug. 

3.: „Sobald der Haudh vom Mittag die Eifesdünfte gefchmelzet, bildete fic 
daraus eine Kuh, mit vier Milchftrömen. Sie nährte den erjten Riefen und ledte 
zu eigener Nahrung die mit Salz und Reif bededten Steine. Als fie ledte, famen 
am eriten Tage Menjchenhaare, am zweiten ein Haupt, am dritten ein Menfch 
hervor, Bure. Sein Sohn hieß Bore.” 

„Bores Söhne töteten den Riefen, alle Riefen des Froites erjoffen in jeinem 
Blut. Sie fhleppten den Leib des Erfchlagenen in den Abgrund und machten die 
Erde daraus. Waffer und Meer entitanden-aus feinem Blut, die Berge aus feinen 
Gebeinen, aus feinen Zähnen die Steine, aus feinem Schädel der Himmel, aus 
jeinem Gehirn die traurigen Wolfen.” it dies eine Anficht der Welt, wie wir 
fie wünjchen? | 

‚Bores Söhne ergingen fi an einem Bach: gwei Stiide Hols fchwammen 
darauf, eine Cfche und eine Erle. Sie baueten daraus Affe und Emla, Mann und 
Weib.” Ein harter Urfprung beider Gefchlechter! 

A: ch will dir die Mühe erfparen, Frey, und noch ftärfere Züge des Fremd- 
artigen und bon ung Entfernten anführen, al3 du getan haft. Ein großer Teil 
diefer nordifchen Fabeljfagen gehört nach) Yotunheim, dem Lande der Riefen, dac 
glüdlicherweife unfer Klima nicht ift: ein faltes, gefrorenes oder tauendes Land, 
voll Eichenwälder, Ungeheuer, Riefinnen und Riefen, uns weit entlegen. — 

ch will dir Züge anführen, von einem ung noch fernern Lokal der nordiichen 
Fabel. Sie fpielt nicht bloß im Norden. Auf der brennenden Südfeite der Welt 
regiert Surtur, der Schwarze, mit feinem Flammenfdwerte. An der Brüde de3 
Himmels hält Heimdall gegen ihn Wache. Am Ende der Tage wird er mit feinen 
Muspelheiimern fontmen, die Briice hinaufreiten, den Palaft Odins erobern. Da 
geht dann alles in Trümmer und eine neue Welt tritt hervor. 

‘ Endlich, Frey, der wahre Mittelpunkt der nordiichen Fabel ift Oding Stadt, 
der Aufenthalt feines Gejchlechts, Asgard. Es Tiegt im Mittelpunft der Erde, 
Midgard. Da wohnten einst die Ajen. Da wohnt jeder Tapfre mit ihnen nach 
feinen Tode; in Norden waren fie nur Unfommlinge, Fremde. Du Haft vom Berge 
da gelefen, auf dem fich die Ajen verfammeln; und wo er auch liege, e8 ift fein 
nordijcher Berg. Der Keim der Edda ijt aus dem Vaterlande aller Mythologien und 
wabeln, aus Whiten her. 

%.: Das habe ich bemerft und getwiinfcht, Auffchluß zu haben. 

U.: So viel über Odins Biige und fein Wsgard gefchrieben ijt, fo fann ich dir 
Diefen Auffchluß im furzen nicht geben. Offenbar ift diefe Mythologie nicht an | 
einem Ort, nicht zu einer Zeit entjtanden. Große Weltftride, lange Yahrhunderte 


205 


trugen dazu bei, und ich wünfchte von der Gefellichaft der Wiffenfchajten zu Ropen- 
hagen die Preisfrage ausgefebt, aus inneren und äußern Gründen zu unterfuchen, 
Ivo, wann und wie in ren Hauptoorftellungen und Sagen diefe Mythologie _ent- 
ftanden ei; zugleich mitbedungen, daß die Beanttwortung der Frage ohne alle 
Ridjidht auf angenommene National- oder geltende Lieblingshypothejen verjucht 
werden miüßte.') 

Aber, wozu dies alles bei unfrer Frage? Sei die nordifde Mythologie am Yoa 
in Phrygien oder am Schwarzen Meer, am SKaufafus oder unter dem Nordpol 
entitanden, eine echte, reine deutfche Stanımfprache hat fie aufbewahrt, und deshalb 
wollen wir ung etiwas von ihr zueignen. Bolfer von teutonischem Stamm haben 
jich weit umber getummelt, fogar nad Afrika verloren. Wir nehmen das, mas 
für uns dient, wo twir’s finden. 

3.: Recht, und ich wollte eben wifjen, was in diefem Vorrat für und fei. 
Sei aufrichtig, Alfred. 

Naturdidtungen lieben wir, wenn fie uns die Entitehung der Dinge und 
ihr Verhältnis zueinander in angenehmen, lehrreihen Einfleidungen, gleichfam mie 
eine verhüllte Braut zuführen. Sage mir aber, was als Naturmweisheit betrachtet 
in Ddiefen Fabeln angenehm und Iehrreich fet? Eine Schöpfung der Welt aus 
des Riefen Pmers Leichnam; eine Schöpfung der Menfchen aus zmo Holzarten, 
der Eiche und Erle: die Ymagination de3 Regenbogens alg einer flammenden und 
dennoch feften Brüde: die Vorjtellung des Tages und der Nacht, der Sonne und 
des Mondes alg zweier geraubten Kinder; die Erklärung der Morgen- und Abend- 
fühle durch einen Schlaud), der mit Luft gefüllet dem Rob des Tages und der 
Nacht zugegeben ift, um beide in ihrem Lauf zu erfrifchen; die Erklärung des Taues 
aus dem Schweiß diefer Roffe; endlich da8 Ende der Welt durch den Sonn und 
Mond verfchlingenden Fenris — wahrlich, das ift eine Phyfit aus Zeiten, die wir 
aud in Gedichten nicht wiederbringen mitffen. 

Oder meinft du, Alfred, daß die Sitten diefer Helden für uns find? Bm Lande 
der Riefen geht e3 wilde zu, in Ddins Palajt fampft, fpielet, ift und gecht man. 
Der Wik diefer Helden ift nicht fein, nicht fein find ihre Manieren. Gewalt ent- 
Icheidet, dem Stärkeren ift die Welt gegeben, er erfchlägt, raubt und entführet. — 
Willſt bu diefe Sitten preifen, diefe Fauftgrundfäte mwiederbringen? Gie, die ganz 
Europa vermwüftet haben und unter feineren Masten noch veriwiiften. Das afotijde’) 
Heldenleben, da jemand mit dem Schwert in der Fauft fich alles erlaubt hält, das 
willft du preifen, Alfred? 

Oder mwillft du uns die Form diefer Gedichte und Sagen empfehlen? Welches 
unter den 136 Silbenmaßen, die Worm’) aufgezählt hat, ift dir das Liebjte? Welche 
Stellung und Harmonie der Anfangsbuchitaben, auf iwelde fie foviele Kunft 
wandten? — 

Dder mwillit du uns die allegorifche Rätjelweisheit anpreifen, da, weil der 
Buchſtab A (aar) „Korn“, der Buchftab F (Fee) „Geld“ bedeutet, beide zufammen 
eine Gabe des Himmels bezeichnen, die Urjache zum Zanf wird? Willft du die un- 
geheuren Umfchreibungen loben, die von Schwert, Schiff, Schlacht, Blut, Sieg, Wolf, 
Geier auf taufendfahhe Art jo verblümt, jo umfchreibend gejagt werden, daß im 
weiten Umfange der Worte fich die Wirkung des Bildes an diejer Stelle ganz ver- 
lieret? Mlfred, verderbe dir den Gefhmad nicht, wir find über jene Zeiten und 
über eine jolche Kunft des Gejangs hinüber. Wir wollen bei dem alten Sfalden- 
Ipiller nicht in die Lehre. 

U.: Haft du die Babel bon der Youna gelefen, Frey? 

3.: Sie ijt eine der beiten. „Braga, der Gott der Dichtlunft, hat eine Ge- 
mahlin, der die Götter die Aepfel der Unfterblichteit anvertraut haben. Altern 


*) Diefe Fragen I bon der wiffenfdaftliden Sagenfor Hung ingiwifden oft unter- 
fu t worden, und fie gelte im ganzen als geloft. *) = mwült; *) Danijder Altertums- 
Sagenociher, — ſchon 


206 


eines deutfchen Weibes, wie e8 in den nordifchen Liedern und Sagen erjcheint. 
Das Verjtändige, Sittliche, Keufche, das Arbeitfame, Leitende, Prophetifche, da3 
Leben der Mutter für ihren Mann und für ihre Kinder ijt auch Hier allenthalben 
merfbar. Dem Charakter der Sage nad) ift das deutfche Weib zivar nicht das ge- 
bildetite, aber das wiirdigfte und edelite ihres Gefchlehhts. Sollen Züge diefer 
Art verloren fein? Will die verzärtelte Urenkelin das Bild ihrer Urelternmutter 
nicht fehen und davor erröten? Hier find wenig Liebesgefänge, aber tiefe Züge 
der Liebe. 

%.: Beige fie mir. 

W.: Guche fie dir felbjft. — Du fprachjt ferner vom rohen Wik diejfer Völker. 
Glaube mir, daß fich fo muntre, treffende WUntworten al8 mutige Entidliffe, ebenfo 
lebhafte Spottreden als fühne Taten in diefen Wedern und Sagen finden. Nur 
alles ift furz wie ihr Schritt, wie der Klang ihrer Berfe. 

Du fpotteft über diefe Verfe und nennft fie Buchitabenmwählerinnen. Ordne- 
rinnen des Slanges hätteft du follen jagen; denn eigentlich die Vokale ordneten fie 
zueinander, in derem PVorgange oder Gefolg die Ronfonanten waren. Mande 
unfrer Verjififatoren’) taten jehr wohl darauf zu merken, twas fiir Vokale in jeder 
Reihe von Wörtern einander ablöfen, wie fie mechfeln wnd ob fie fich oder auch 
die Anklange der Wörter unangenehm wiederholen. Sie dürfen desivegen nicht erit 
jene alte, feitbem ganz veränderte Urfprache, fie dürfen darüber nur ihr eigenes 
Dhr fragen. 

Endlich fpotteft du über das Regifter von poetifhen Beinamen und fünftlichen 
Umfchreibungen der Dinge, die diefe Dichter öfters nennen mußten. Sch hätte 
hierüber manches zu jagen; denn diefer ganze Apparat zeigt eben auf das eigentliche 
. Baterland der Kultur diefes Völferftammes, wenigitend deutet er auf eine alte 
Kunft des Gefanges, die in fpaten Zeiten endlich gum Handiverf geivorden ar. 
Denn bon wem haben wir diefe Namenregifter? Bon Stopplern, und denen wollen 
wir danken, daß wir fie haben. Bet mancher gu fiinjtliden Umfchreibung der 
Gachen, die der Dichter oft nennen muß, erinnere dich Pindars. Wer umfchreibt 
Sieg und Lieder, Ort und Kämpfe abwechjelnder und Fimnftlicher als er, und wie 
laufen feine Bilder ineinander! — Gejhmad follen wir von den Nordländern nicht 
lernen, Frey: diefer ändert fich mit Zeiten, Sitten, felbjt mit dem Wohnort und 
Klima eines Volkes; aber Geift der Nation im Berjtande, den Sitten, dem Ge- 
brauche der Sprache, der Dichtung fol uns anmwehen; denn Kompofition, Dichtung 
ijt hier allenthalben. Siehe die Edda an. Gie ijt blog eine Sammlung bon 
Fabeln, wie Hefiods Genealogie der Götter, und eben wie diefe eine jehr gemijchte 
Sammlung. Sndeffen macht fie ein Ganzes, fie hat Ein- und Ausgang, wie 
Hefiodus nicht hat. Die leichteften Scherzlieder in der zweiten Edda haben Zu— 
fammenordnung, Umriß, Handlung, Eurbythmie?) vom Anfange bis zu Ende. Nur 
müffen wir billig fein und von feinem Stüd fordern, was der Zeit und dem Volk 
nad) in ihm nicht liegen fonnte. Durd eine völlige Verjüngung muß für ung die 
Nachbildung hervorgehn, fie betreffe Gegenftande der gegenwärtigen oder der finf- 
tigen Welt. 

F. Alſo auch der fünftigen Welt? 

A.: Auch diefer. Mich dünkt, dak die Bilder, die in diefer Mythologie über 
Holle und Himmel gegeben werden, unferm nordiihen Gefühl angemeffener find 
als die morgenländijchen Bilder. Hela ijt eine unglüdliche Tochter des Gottes der 
Verführung Lod, mit einer Riefin gezeugt. Fhre Gefchwifter find Ungeheuer, die 
der Schöpfung den Untergang drohen. Helas Aufenhalt ift die geräumige Unter- 
welt; ihr Gaal heißt Schmerz, ihr Tif Hunger, Saumnis heikt ihr Knecht, Lang- 
jamfeit ihre Magd, ihre Tiir ift der Wbgrund, ihr Vorhof die Mattigfeit, ihr Bette 


*) Versichreiber. ”) Ebenmaß, Ausgeglichenheit. 
208 


Kranfheit, hr Gegelt der Fluch. Die Feigegejtorbnen fommen zu ihr. Miffetäter, 
Zreuloje, Meineidige, Mörder, Verführer der Ehefrauen und wer fonft unter dem 
Namen der Nihtswirrdigen begriffen ijt, den erwartet ein noch fchredlicherer Dirt, 
das Leichenufer, der Naftrand. Dagegen die Tapfern, die Würdigen, treue Gatten, 
redliche Freunde in den Paläften der Freude, des Friedens und der Freundichaft, 
in Wingolf und Gladheim wohnen. Haft du bemerkt, Frey, woher dieje Nord- 
länder an ein Fortleben nach dem Tode fo fejt glaubten? Weil fie tapfer und 
gefund dachten. Nur ein Feigherziger vergehet im Tode, er fühlet oder wünfcht fic) 
aufgelöfet und vernichtet. Der gejunde Menjch lebt fort, das Nichtfein ift ihm nichts, 
e8 ijt ihm nicht denkbar. Glaubjt du nicht, daß Erzählungen aus jenen Palajten 
des Friedens aınd der Freundichaft rührend und gefällig fein werden? Der Freund- 
Ihaftsbund bis auf den Tod war diefen Tapfern der heiligjte Augenblid des Lebens. 
Das Wiederfinden in Wingolf war ihnen alfo auch ein Lohn der Freundichaft nad 
dem Tode, ein füher Lohn. 

Noch muß ich dich an jene große Eiche erinnern, deren Ziveige fich über die 
Welt verbreiten, deren Gipfel über die Himmel Hinausreidt. Sie hat drei weit 
boneinander entfernte Wurzeln: bei den Göttern, bei den Riejen, unter der Hela. 
An der mittleren Wurzel ift der Brunn der Klugheit, Mimird Brunn. An der 
himmlifhen Wurzel ift die heilige Duelle, bei welcher die Götter Rat halten und 
ihre Urteile fund tun. Smmerdar Steigen aus diefer Duelle drei jchöne Fungfrauen 
hervor: Urda, Werdandi, Stulda, das Vergangene, die Gegenwart und die Zukunft. 
Sie finds, die den Rat der Götter, der Menjchen Schidjal und Leben bejtimmen 
und durch ihre Dienerinnen (die wie Genien dem Menjchen, dem fie gugeboren, 
an Geftalt gleich find) Hilfreich oder ftrafend auf ihn wirken. Glaubjt du nicht, 
Brey, dak dieſe Göttinnen und Genien auch uns das Vergangene, die Gegenwart 
und Zukunft, ja unſer Inneres im Spiegel zu zeigen vermögen? — Und ſiehe, 
oben auf der Eſche ſitzt ein Adler, der weit umher blickt; ein Eichhörnchen läuft auf 
und ab am Baum; vier Hirfche durchitreifen ihm feine Aefte und benagen die Rinde; 
die Schlange unten nagt an der Wurzel, Fäaulnis an den Seiten des Baumes — 
und immer fchöpfen die Sungfrauen aus dem heiligen Brunn und begießen ihn, 
daß er nicht dörre. Das Laub der Eiche taut fühen Tau, die Speije der Bienen; 
über dem Brunnen jchwimmen zwei fingende Schwäne. Wollteft du nicht ihren 
Gefang, nicht Heimdalls Lied vom Schidjal des großen Weltbaumes, nicht die 
Stimme der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft im Rate der Götter 
unter diejem Baume hören? 

= Lak mid fie hören. 

: Wenn Sdunens Apfel das Alte wieder verjiinget, werden cu fie nicht 
ein 

%.: Du haft viel und manches rätjelhaft gejprocdhen, Alfred. Laß mir Bedent- 
gett. x 

Bierte Unterredung. 
rey: Mid dünkt, wir fönnten eins werden über unjere Materie. 
Alfred: Das dünft mich auch, und dazu [prachen wir eben. 
%.: BVorausgefest alfo, dak du die griehifhe Mythologie nicht hevabfegen, nicht 
kränken willſt. — 

A. Auf keine Weiſe, ich halte ſie für die gebildetſte der Welt. 

: Vorausgeſetzt, daß du die Regel des griechiſchen Geſchmacks in Kunſt und 
Dichtkunft nicht verfennft. — 

U: Sch weiß, was wir ihr zu verdanken haben. Bildende Kunjt und eine 
Philojophie der Künfte war unter dem nordifchen Himmel nie zu Haufe. 

%.: Vorausgefegt aljo, daß du feinen barbarifchen, nordifchen Ungejchmad 
weder in Tönen, noch fonft in Worten und Werfen aufzubringen Luft Haft. — 

A.: Sch habe Schon bezeugt, daß ich Rohes roh aufgetragen nirgendher wünjche. 

%.: So kann dir zugeltanden werden — 


\ 209 


U: Joh will mir nichts zugeftanden willen, ala was jedem Dichter und 
Märchenerzähler aus einem fremden, fernen oder verlebten Bolt zufteht, nämlich) 
daß er den Reichtum, den ihm das Volk und deſſen Zeitalter gewährt, „brauchen 
dürfe. Einem Dichter z. B., der aus der Nitterzeit erzählt, jteht alles wunderbare, 
alles eigentümliche der Ritterzeit zu Dienit. 

3. Nicht anders. 

A.: Desgleihen dem, der aus der Feentwelt didtet. — 

%.: hm jteht Die ganze Feenwelt zu Gebote. 

A.: Und dem, der morgenländifche Erzählungen und Marden jchreibt — 

%.:Das Koftiim der morgenländijchen Erzählungen und Marden. Sn allen 
diejen Gattungen haben wir fo vortrefflide Proben, dak darüber fein Brveifel 
obwalten kann. 

A: Ein Mehreres als dies will ich nicht für meine nordijche Gabel. Nun möge 
das deal, das in diefen Sagen, in diefer Denkart, in diefer Sprache liegt, hervor- 
treten und jelbjt wirken. 

%.: Meinft du, auf unfer Leben wirken? 

Y.: Deshalb bleibe ich unbefümmert. Verjchaffe ung nur den Apfel Younens. 

* 


Nahmwort: Verdient dies Stüd, daß es in Büchern veritaubt (in Suphan® 
Herderausgabe Bd. 18), oder ift es nicht ein Scag, der wieder einmal ans Tages» 
licht hohen werden follte? Lange genug hat er ja faft im Verborgenen gerubt, 
feit 1796, als peer ibn im aiveiten Jahrgang der ,Horen“ veröffentlichte. Ja, 
diefer Auffag hat feine hryriiche Berühmtheit: Er wurde der unmittelbare Anlaß 
zum Bruch zwifchen Herder und Schiller, wenn auch innerlid) {don eine gewiſſe 
Entfremdung ziwifchen beiden eingetretenrar. Schiller, der feinfinnige Verehrer 
der Griechen, konnte den Hymmus auf diete germanifche Varbarenpoefie nicht 
vertragen, vielleicht weil ihm die rauhen Tönder durch Klopftod hevaufdeihivn- 
renen Bardengefänge allzu gellend ing Ohr dröhnt. Mir jheint aber, Herder 
babe hier einen guten Spürfinn gezeigt, die Romantifftleiit, Hebbel, Wagner follten 
den gewwiefenen Weg fehon noch beichreiten. Die Edh wurde erft im adtgehnien 
Jahrhundert in Deutfchland befannt, und zwar von Dänemark ber. Mallets 
Sefchichte Dänemarks, Gerftenbergs „Gedicht eines Stden” (1766), Slopitods 
Oden und Graters vorher erwahnte Auswahl aus der ndildhen Didtung waren 
die erften Zeichen des Vordringens de8 Eddajtoffes, dex us feit der altdeutfden 
Sagenzeit verloren gegangen war. Und nut bringt Herderrefen Aufruf in den 
„Horen“, ein Aufruf, den man wohl bald vergaß, der aber inder klaſſiſchen Zeit 
eine einzige und einfane Stellung einnimmt. Wir wollen it nicht vergeffen! 
Und gar manches in diefem Iebendigen Gefpräch mutet ung nogimmer frifeh und 
bedeutjam an. Die wenigen Anmerkungen möchten über ein part fleine Hinder- 
niffe binweghelfen. Alfred Ehrentreid. 


Cehrplan einer deutſchen Bauernhꝛechſchule. 


m Ottoberbeft 1921 des „Deutſchen Volkstums“ Habe ich ¢ einem Aufſat 

Bauerndaimmerung oder Bauernbherrfdhaft?” begründet, da Bt fix unfere 
Bauern die Zeit gefommen ift, gut vevanlagte Bauernfohne gu politipen Führern 
heranzubilden. Wir wiffen, dak man Politif treiben ebenfowenig Je te fann 
tie gut wirtfchaften. Cin Politifer wird ebenfo geboren wie ein guit Witt 
ihafter. Aber die Anlage muß entwidelt werden. Sre enttvidelt fie wIleNdS 
fiherlich erft im politifhen Kampf, wie die twirtfdaftliche Fähigkeit ſich enwigelt 
wenn man berantivortlich wirtfchaften muß. Wher e8 ijt eine beftimmte en 
jinnung und ein gewifjes Maß von Kenntnijfen nötig, um überhaupt, ME 
der politijden Tätigkeit anfangen zu fünnen. Ein Wirtjchafter muß eine recht Me: 
anftändige Wirtfehaftsgefinnung und eine hinreichende Kenntnis des tatfächlidy" 
210 | | a: 3 





Wirtichaftsgetriebes mitbringen in feine Wirtfchaft. Ebenfo muß der Politiker, der 
in das öffentliche Leben eintritt, wiffen, mas er will und womit er zu tun hat. 
Diefe Borausfegungen dann und fol eine Bauernhodhjchule liefern. 

Der erwähnte Aufjag war die Einleitung eines nicht gehaltenen Vortrags. Da 
ih nun verjchiedentlich gefragt wurde, wie ich mir die geforderte Schulung vor- 
Itelle, auch bin und wieder um Ratjchläge angegangen wurde, will ich aus eben 
jenem Vortrag den Lehrplan in ftidhwortmagiger Meberficht Hier veröffentlichen. 

Die gefamte Schulung fei zunächjt auf einen niederen und einen Höheren Lehr- 
gang verteilt. Dabei jebe ich voraus, daß männliche bauerlicde Jugend über acht- 
zehn, noch befjer iiber zivanzig Jahre dauernd den ganzen Winter über von morgens 
bis abends beilammen if. Hat man weniger lebhafte Jugend um fich, fo wird 
man drei oder bier Winter gebrauchen. Synsbejondere dann, wenn man die Schüler 
nicht den ganzen Tag beifammen haben fann, fondern aus zwingenden äußeren Grün- 
den die Schule in eine Anzahl von einzelnen Veranftaltungen auflöfen muß. 

Betont fet, dak wir nicht an eine Schule für jedermann denken, jondern an eine 
für foldhe jungen Bauern, deren Begabung und innerer Drang fie zu öffentlicher 
Tätigkeit und zu politifcher Führung treibt. | 

Das Vehrziel ijt: Eine Auslefe von jungen Bauern forweit zu fordern, dak 
fie mit Stolz Bauern, mit Stolz Deutjhe und mit Demut Chrijten find; daß fie 
mit Berftändnis die Angelegenheiten ihres Standes und ihres Bolkes überjchauen 
und beurteilen können; daß fie mit bewußtem, Haren Willen nicht nur ihre perfjön- 
lihen und ihre Standesvorteile, jondern aud) das Wohl des deutjchen Volkes er- 
itreben. 

Wir wollen nicht etwa einen Erjag für landwirtichaftliche Fachſchulen bieten. 
Die Fahausbildung bleibt als etivas für fich Notwendiges vor und neben der von 
uns geforderten Ausbildung bejtehen. 


Eriter Lehrgang. 

Eritens: Feder Tag wird eingeleitet durch eine Andacht. Diefe Andadht tit 
auf das forgfältigite vorzubereiten. Sie joll den frifch ausgeruhten jungen Menjchen 
durch einen fejten, woblgegliederten Gedanfengang, durch eindrudjame Vorjtellungen 
und durch die innere Lebendigkeit der Rede erweden und jtimmen. Andachtterte 
auger aus dem Neuen Teftament auc) aus: Wolfram, Edehart, Luther, Goethe, 
Fichte uſw. 

Zweitens: Chorgeſang. Man beginnt mit Volksliedern; ſpäter Kunſtlieder. Ganz 
beſonderer Wert iſt ſchließlich auf Choräle zu legen. Dabei ſind die echten alten 
Weiſen hervorzuholen. Welch eine unglaubliche Verarmung iſt es, daß in vielen 
Gegenden die alten Choralmelodien „Mitten wir im Leben ſind“ uſw. oder das 
Lutherſche „Herr Gott, dich loben wir“ (zwei Chöre zu je vier Stimmen) ſchlechthin 
unbekannt ſind. Benutzt die Bauernhochſchule, dieſe herrlichen Dinge wieder unters 
Volk zu bringen! | 

Drittens: Täglich ift das SJahnfche deutfche Turnen (nicht bloß Geräteturnen!) 
zu pflegen. Diefes Turnen ift im Sinne SJahns auch die [eelifche Grundlage 
der ganzen Schulung. Darum ift alles, was feelifch nieder- oder abzieht, daraus 
fernzuhalten. Kein Sport mit feiner Anftachelung des individuellen Ehr- 
geizes! Vor allem nicht das rwiifte, mit den Beinen wegwerfend ftokende englijche 
sußballipiel, das begetchnenderiveife zur Lieblingsunterhaltung finfenden Grof- 
itadtvolfes geworden ift. (Leit Jahns ,,Deutfdhes Volkstum” und „Deutfche Turn- 
kunſt“.) — Sm Frühjahr nach dem Schluffe des Lehrgangs findet als das Hauptfelt 
der Schule das Turnfeft statt. Hier wird der allfeitig (nicht nur der an einzelnen 
Geräten) tüchtigite Turner zum König erwählt und ausgerufen. Er ift für den 
nadften Winter der Konig, hat als folcher den Vortritt bei feftliden Veranftaltungen 
und Reprajentationen, hat eine bejondere Vertrauensftellung gegenitber den Lehrern 
uj. Hier hat fic) jede Schule ihre Tradition zu fchaffen. 

| | ; Pa — Bhd 


Viertens: Volfstange. Bor allem die heimatlichen Bauerntänze. Alles ,, Tange 
fitundenhafte” ijt auszufdalten. E3 darf nicht zu Häufig und gu lange gebopjt wer- 
den; Denn der Tang foll etwas Befonderes und Fejtliches bleiben, er darf nichts 
Alltägliches werden. Yin erften Lehrgang find die Tänze beizubringen und zu üben, 
im zweiten ijt mehr auf Durdbildung des Einzelnen zu achten. Die Tänzerinnen 
zu diejen Stunden werden aus dem Dorf geladen. 

Fünftens: Bäuerliche Vebensfitte. Gebräuche und Sitten der Heimat, auch aus- 
gejtorbene, werden gelehrt und geübt. Sie werden im Umgang und bei den 
Selten angewandt, jodaß fid) in der Schule daraus Traditionen bilden. Die Lehre 
wird zufammengefaßt nach folgenden Themen: 1. Bäuerliche Würde (befonders auch 
im Verhältnis von Eltern und Kindern). 2. Bäuerlihe Fröhlichteit (Rätjel, 
Schnurren, Wite). 3. Bäuerliche Fejtlichteit (Hochzeiten, Weihnachten, Zohannis- 
nacht uftw.). 

Sechjtens: Materialfunde. 1. Kenntnis der verjchiedenen Holzarten und ihrer 
Verwendbarkeit. “Shre befonderen Schönheiten (Maferung). 2. Kenntnis der verfchie- 
denen Gefteinsarten der Heimat und ihrer Verwendbarkeit. Syhre bejonderen Schön- 
heiten. 3. Stoffe: Leinwand, Wolle, Baumwolle, Seide. Ihre Farb- und Reib- 
echtheit. 4. Leder und Lade. 5. Glas, Steingut, Porzellan. 6. Metall. 

Siebentens: Bäuerliher Hausrat. Dabei ift von den gegenwärtigen Bedürf- 
niffen auszugehen. Befämpfung der PBroß- und Prunfgefinnung. Der Adel des 
Schlichten! Antiquarifche Gntereffen Haben nicht maßgebend zu fein, doch foll die 
Ssugend fennen lernen, wie fich die Vorfahren eingerichtet haben und inwiefern 
fte dabei praftifch verfahren find. Dazu Befuch des Heimatmufeums. 

Achtens: Naturfreundichaft. 1. Das Seelenleben der Pflanze (Fechner, France). 
2. Das Seelenleben der Haustiere. Gegenjeitige Mitteilungen über Tiererlebniffe. 
Beobachtungen und Experimente. 3. Vogelfang, Uebungen im Hören, im Frühjahr. 
4. Lektüre ausgewählter Tier- und Naturfhilderungen von finftlerifdher Bedeutung. 
(Humboldt, Löns, Frig Bley, Mafius, Srehm, Naumann, Tfchudi uf.) — Es han- 
delt fic nicht um faclide ,Naturfunde”, fondern um die Herftellung eines fittlichen 
Verhaltniffes gur lebendigen Natur. 

Neuntens: Hausanlage, Hofanlage und Dorfanlage der Heimat. Unterjchied 
pon fremden Siedelungen. Auf Wanderungen wird beobadhtet und überlegt: Warum 
liegt Das Dorf, da8 Gebhoft gerade an der Stelle, two e8 liegt? Alte Hausformen, 
Strohdächer, Fachwerfbauten, Fenfterverteilung, Stubenhöhe (die blödfinnig Hohen 
Stuben der neueren Wohnungen, die in gar feinem Verhältnis zur Größe des 
Menichenkörpers ftehen!), verjchiedenes Raum-Größengefühl der Nord- und Mittel- 
deutſchen. 

Zehntens: Sagen. Insbeſondere die Sagen der Heimat, ferner Sagen, die für 
alle Deutſchen von Bedeutung ſind KKyffhäuſer u. dgl.). Uebungen im Erzählen 
ſind damit zu verbinden. Beachtung des knappen, feſten Stils der Sagenerzählung. 

Elftens: Gedichte. Eine Auswahl von Volksliedern aus „Des Knaben Wun— 
derhorn“. Eichendorff. Balladen von Bürger, Goethe, Schiller, Strachwitz, Börries 
von Münchhauſen. Die Gedichte werden abends am Kamin vorgetragen, und zwar 
wiederholt an verſchiedenen Abenden, zehn-, zwanzigmal. Die ſchlichten Stücke 
werden nicht befprochen, fondern nur gehört. Der Vortragende muß die Stücke 
bereit haben, um je nach der Stimmung aus der Fülle wählen zu fünnen. Nur 
bei guter Gelegenheit macht man darauf aufmerffam, warum ein Gedicht fo eigen- 
tümlich twirkt (in der Art, wie Franz Heyden e8 in feinen Aufjägen über „Schöpfung 
und ©ejtaltung in deutfcher Lyrik“ im „Deutfchen Bolkstum“” tut). Am beiten nur 
dann, wenn bon felbjt die Frage laut wird: Warum ift das Gedicht jo fron? Man 
unterhält fich wohl auch darüber, welche Gedichte man am liebften mag und warum, 
wobei aber alles Kritifieren und Herabjegen ausgefchloffen ijt. Volkslieder twerden 
swifdheninne gefungen, auch geeignete Lieder von Schubert, Brahms uw. a. vorge- 
jungen. — 


212 


Zwölftens: Dramen. Sie werden mit verteilten Rollen im Zuſammenhang, 
ohne zerreißende Interpretation, geleſen. Zum Schluß ſtellt man den Aufbau des 
Ganzen den Schülern vor Augen. Aeſ thetiſche Beobachtungen ſcheiden aus. 
Ebenſo alles nur Literaturgejchichtliche. Lektüre einer fnappen Literaturgefchichte 
fordert man vom Schüler im zweiten Lehrgang.) Aber der jeelifche und fittliche Ge- 
halt de Dramas wird nach der Lektüre jedesmal in einem Bortrag dargeftellt: 
das, was der Dichter unjerm Volk durch fein Drama jagen wollte. Daran fünnen 
ji au Ausiprachen fnüpfen. Gelejen werden im erjten Lehrgang: Goethes Goet, 
Schillers Tell, Kleifts Prinz von Homburg, Hebbels Maria Magdalena, Shate- 
jpeares Julius Caefar. 

Dreizehntens: Gute und fdledhte Bücher. Vorträge über das Wejen der 
Schundliteratur. Durchnahme von Beijpielen und Gegenbeifpielen. Ueberblid über 
gute Bücher, die man zu Haufe lejen kann; nicht literaturgejchichtlich, fondern nach 
dem praftijhen Bedürfnis eingerichtet. Qn exrjter Reihe wird gute Heimatliteratur 
berüdjichtigt. 

Viergehniens; Deutjdhe Bauernromane. Alle Schüler follen den zu behandeln- 
den Roman lejen. Dann hat einer fnapp zufammenfaffend darüber zu berichten. 
Der Lehrer arbeitet mit den Schülern das Problem heraus und zieht die praftifchen 
Solgerungen für das Leben (Erziehung, Politit, Wirtjchaft ufw.). Fm eriten abr 
liejt man etwas bon Sohnrey (ettwa Friedefindens Lebenslauf und Hütte und 
Slog), bon Diedrih Spedmann, Polenz „Büttnerbauer“. Je nach der Landichaft 
wird man bejonders wählen. 

Bünfzehntens: Mundarten. Sprachgejchichtliche Belehrung über die eigene 
Dundart. Lejen von Heimatlider Dialettdihtung. Proben plattdeutſcher Mund— 
art (Klaus Groth, Reuter, John Brinfman u. a.), jowie alemannifcher Miundart 
(Hebel) find unerläßlih für alle Gegenden. Vergleichungen über Ausfprache, 
Wortiwahl ufiw. Biel: Stolz auf die eigene Mundart und Wertichägung der andern. 
Wian hüte jich, andere Mundarten läcyerlich gu machen. 

Sechzehntens: Bildende Kunft. 1. Wenn man fich abends um den Tifch ver- 
jammelt, werden Holgicnitte und Zeichnungen von Ludwig Richter, Schwind, 
Rethel, Menzel u. a. aus dem legten Jahrhundert bejehen. Wert legen auf gute 
Nahybildungen! Wo möglich, Originale neben Nachbildungen legen und vergleichen. 
Steine Reproduftionen von Gemälden! 2. Ebenjo abends am Tifch Vortrag 
über die Entjtehung von Holgjdnitien, Linoleumjchnitten, Schattenjchnitten, Radie- 
rungen. Dean leiht ji) dazu Originale von guten neueren Meiftern, man macht 
fich die Feinheiten neben den Reproduftionen klar, furz: lernt die Augen aufmachen. 
Man jchafft dabei zugleich den „Jungen Gelegenheit, jih Driginale, die fie befonders 
lieb gewinnen, vom Künjtler zu faufen. 

Siebzehnteng: Heldenleben. Jn bejonders jorgfältig vorbereiteten, in jich ab- 
gejehlojjenen Vorträgen wird dag Leben großer Männer bejchrieben, ihr Wejen 
chavafterijiert. Dabei wird zugleich das politijche, wirtjchaftliche und geijtige Leben 
ihres Zeitalters in großen Zügen gezeichnet. Dieje Vorträge follen den Horizont 
-eriveitern und das Herz entflammen. Der Lehrer bedarf dazu jtärkiter innerer 
Konzentration. Ym erften Jahr etwa; Karl der Große, Otto der Große, Dürer, 
Ludwig Richter, Schiller, Arndt, Jahn, Scharnhorft, Blücher, Gneifenau, Moltte, 
Hindenburg. 

Achtzehntens: Gejchichtliche Vortragsreihen. 1. Herkunft der Deutjchen und 
deutfche Stammestunde. 2. Befiedelung de3 deutjchen Bodens in der Völkerwan⸗ 
derung. 3. Koloniſation des Oſtens. 4. Geſchichtlicher und volfstundlicer Ueber- 
blid itber unfere deutjchen Brüder außerhalb des Reiches. Probleme de3 Greng- 
landdeutfehtums, Schugbund. 5. Der alte deutjche Lehensitaat und das Lehensrecht. 
6. Bäuerliches Erbrecht in ſeinen verſchiedenen Formen. Gemeinſame Erörterung 
darüber, was für die Erhaltung des Bauerntums das richtigſte iſt. 

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Neunzehntens: Deutjche Vorgefdichte. Die vorgefdhichtlicdjen Funde, insbefon- 
dere in der engeren Heimat und ihre Bedeutung. 

Zwanzigſtens: Geſchichte der heimatlichen Landichaft. 

Einundzwanzigſtens: Deutſche Geographie in großen, zuſammenfaſſenden 
Zügen. Ueberblick über das Verkehrsweſen, an der Hand des Kursbuches. Ueber— 
blick über den geologiſchen Aufbau. Seeliſche Bedeutung der geographiſchen Ver— 
hältniſſe. 

Zweiundzwanzigſtens: Abendliche Geſellſchaftsſpiele. Das alte indogermaniſche 
Bohnenſpiel, Schach Ggl. dazu die Schriften von Paſtor Jahn, Direktor der (Bulle 
homwer Anstalten in Züllddomw bei Stettin). 

Dreiundzwanzigitens: Hans-Sahs-Spiele werden eingeübt und bei Feiten auf- 
geführt. Schüler, die Luft haben, lernen Handpuppen-, Marionetten- oder Schatten- 
theater anzufertigen und zu fpielen. Jmprovifierte Kafperle-Auführungen, bei denen 
der Phantajie und dem aggreffiven Geift der mweitelte Spielraum gegeben wird. 

Vierundzwangigitens: Zeichnen nach der Natur, geographijdes Sfigzieren, nach 
Bedürfnis. 

Zweiter Spe aane: 

ortgefegt werden aus dem erften Lehrgang die Andachten, das Singen, das 
Turnen, die Volfstange, das Zeichnen. 

Planmäßig fortgeführt werden folgende Arbeitsgebiete: 

Eritens: Gedichte. E3 kommen Gedichte Hinzu, die höhere Anfprüche ftellen. 
Matthias Claudius, Mörike, Keller, Hebbel, Storm, Raabe, Goethe, Schillers 
„Slode” und „Spaziergang“. An gedanflide Dichtungen wie die legten tnitpfen fich 
fachliche Ausfprachen über das Wejen der Entwidlung, der Revolution u. dergl. 
Bei allen anderen Gedichten wird e8 gehalten wie früher. Unter den gefungenen 
Liedern nehmen die Kunjtlieder einen größeren Raum ein. 

Zweitens: Dramen. €E8 treten hinzu: Goethes Egmont, Schiller8 Jungfrau 

von Orleans, Grillparzers Ein treuer Diener feines Herrn, Grillparzers Libuffa, 
Kleifts Hermannsfdhladht, Hebbels Nibelungen. Ye nad) Art der Schüler auch 
Schillers Wallenftein und Goethes Yphigenie. Von Shakefpeare etwa König Rear, 
Macbeth. Die Behandlung geht auch jett nicht aufs Aefthetifche und Literaturge- 
Ihichtliche, fondern auf den feelifchen und fittlichen Gehalt. 
Drittens: Deutihe Bauernromane: Roſeggers Jakob der Letzte, Reuters 
Stromtied, Gotthelfs Uli der Knecht und Uli der Pächter, Thomas Andreas Boit, 
Smmermanns Oberhof. Das plattdeutiche Werf Reuters wird gegebenenfalls von 
einem, der fich ing Plattdeutfche einübt, gelefen und der Inhalt wiedererzählt, 
jodak die praftifche Weisheit Reuters fruchtbar gemacht werden fann. Zum Schluß 
wird Kleifts Michael Kohlhaag gelejen. 

Biertens: Bildende Kunft. 1. Man geht in die früheren Jahrhunderte zurüd: 
Renibrandt, Dürer in guten Wiedergaben (Drude der Reichsdruderei!). 2. Befucdh 
einer Gemäldefammlung. Genaues Betrachten von ettwa jechs Bildern, nicht mehr 
hintereinander! Wenn die Schüler die Qualitäten eines Gemäldes kennen, mag 
man ihnen auch Reproduftionen davon vorlegen, aber nur einfarbige! 

Tünftens: Heldenleben. Diefe Vorträge werden in gleicher Weife und in 
gleichen Abjtänden fortgefegt. Sie geben gleichlam den Rhythmus des Ganzen als 
die befonderen Sammelpunfte. Für den zweiten Lehrgang kommen in Betradt: 
Luther, Bach, Beethoven, Friedrich der Große, Stein, Bismard, Rembrandt, Böd- 
lin, Goethe, Kleift, Rant, Fidte, Ranke a. a. 

Sechſtens: Gefchichtliche Vortragsreihen. 1. Der Kampf des Whendlandes mit 
dem Morgenlande. Bis zu den Kreuzzügen. 2. Der Geift der romanifden und goti- 
ihen Baufunft. 3. Ftalien und Deutfchland. 4. Frankreich und Deutfhland. 5. 
England und Deutihland. 6. Amerita und Deutfchland. 7. Rußland und Deutjch- 
land. 8. Römisches Necht und Humanismus. 9. Die Reformation. 10. Rebo- 


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lutionen, ihre Urfachen und Wirkungen. Die Vorträge tonnen durd) foviele Stunden 
fortgefegt werden, wie der Stoff e8 verlangt. 

Giebentens: Das Theaterjpiel wagt fi) an eine größere Aufgabe etiva: 
Kleifts „Zerbrochener Krug“. | 

Un neuen Arbeitsgebieten fonımen hinzu: 

Udhtens: Marden. Bon den Sagen geht man auf die Voltsmärchen über. 1. 
Einleitender Vortrag über Urfprung und Wert des Märchen. Volfsideale im Mar- 
hen. 2. Webermittelung de8 Märchenftoffes auf Grund der Grimmihen Samm- 
lung. Dazu echte heimatliche Volf8marden, wo folde gefanmelt find (Wiffer). 
Bemeinjames Lejen der Orimmihen Märchen, der Lehrer macht auf das Klangliche 
und Rhythmijde der Grimmrdhen Faffung aufmerffam, damit der Schüler fein Ohr 
zu gebrauchen lernt. (Bergl. Heyden, Bon deuticher Märchenfchhönheit.) 3. Schlußvor- 
trag über den Unterjhied von Vollsmärchen und Kunftmärchen. (Vgl. Franz Hevy- 
dens Bud) ,,Volfsmarden und Volfsmärchenerzähler” und feinen Auffag im 
Dezemberheft 1921 des „Deutjchen Bolfstums“.) 

Neuntens: Schwänfe, Eulenjpiegel, Sieben Schwaben, Schildbürger, Rübe- 
zahl, Mündhaufen. Uebungen im Erzählen. Es ijt der Ehrgeiz zu weden, die 
Gejhichten recht jaftvoll und mit dem Temperament, das dem Volksftamm eigen- 
tümlich ijt, zu erzählen. Dean foll auch auf Mienenfpiel und Handbewegung achten. 
Am beiten wird am Kamin abends erzählt, wenn alle andere Arbeit getan ijt. Auch 
derbe Sachen find zuzulaffen, man fol nicht mit bürgerlich-biedermeierifchen Maß- 
tab mejjen, fondern dem Bauern laffen, was des Bauern ift. 

Jehntens: Urväterhausrat. Vortrag über die Heiligkeit des Nachlafjes der Vor- 
fahren. Alte Bibeln und Gefangbücher! 

Elftens: Wertgut. Brwei bis drei Vorträge über die menfchliche, twirtichaftliche 
und politifche Bedeutung des Wertgutes. (Vergl. Paul Broder, Wertgutgedanfen.) 

Smölftens: Die großen deutfchen Volksfagen. 1. Die Nibelungenfage nach dem 
Nibelungenlied. 2. Die Gudrunjage nach dem Gudrunlied. 3. Die Dietrichsfagen 
nad) der gerjtreuten deutjchen Heldendichtung. — Vom Nibelungenlied find die erjte 
Aventiure (mit Auslafjung der Aufzählung des Hofitaates), die eriten drei Strophen 
der ziveiten Aventiure, die gefamte Aventiure, wie Siegfried erfchlagen ward, der 
Hauptteil der Aventiure, wie Siegfried begraben und beflagt ward, fowie der 
Schlupgefang des Ganzen im Urtext vorgutragen und zu behandeln, wie in meiner 
„Boltsbürgerlihen Erziehung” Seite 126 angegeben. 

Dreizehntens: Vorträge über Alfoholismus, über die Gefahren von Kultur: 
errungenjchaften wie Kino und Grammophon. Städtiihe Schwindelfultur. 

Bierzehniens: Chavakteriftit politifcher Perfönlichkeiten der letten Jahrzehnte, 
auch lebender, aus allen Parteien. Eine Aufgabe, die großen Taktes bedarf. Der 
Gegner darf nicht verächtlich gemacht werden; das Gegnerifche ift, ohne daß es 
verkleiftert wird, jachlich zu behandeln. 

Yünfzehntens: Die politifchen Parteien. Nicht fo febr die Programme, als das 
feeliiche Wejen der Parteien und die treibende Kraft in ihnen ijt gu behandeln. 

Sechzehntens: Voltswirtfchaftliche Bortragsreihen. 1. Die jeelifche und wirtjchaft- 
lihe Struktur des Bauerntums. 2. Die feelifche und wirtichaftlide Struktur des 
Bürgertum (beides nah W. H. Riehls „Naturgefhichte des Volkes”, die von den 
Schülern zu lefen ift). 3. Die feelifche und wirtfchaftlicde Struktur der Großinduftrie. 
Hier wäre zu gliedern in: Unternehmertum, Konzerne und Truft3. Gemerffchaften. 
Die Schwerinduftrie. Die Fertiginduftrie. Das Bankwejen und die Borfe. 4. 
Der Boden eine Ware? Bodenreform. 5. Die Arbeit eine Ware? Die Proletarier- 
frage. 6. Die wirtjfchaftliche Bedeutung des Bauerntums für das Volf als Ganzes. 
7. Die Einwirkung der Weltwirtfchaft auf unfer Bauerntum. Die Gefahren und die 
Begegnung diefer Gefahren. 8. Das bäuerlihe Genofjenjchaftsiwefen und die 
Raiffeifen-Raffen. 9. Die Bodenbefigverteilung (Sering). 10. Die Landarbeiter- 
frage. 

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Siebzehntens: Politifche Vortragsreihen. 1. Zentralismus und Forderalismus. 
Unterjchied ziwijchen der Cntwidlung der wejtlihen Staaten und des deutjchen 
Staates. 2. Wejen und völkifche Funktion des Adels. 3. Die deutfche Saiferidee 
und die moderne republifanijche dee. 4. Die Formaldemofratie und die wahre 
Selbitverwaltung und Selbjtregierung. 5. Alte Bauerndemokvatie auf Fsland und 
in der Schweiz. 6. Die Steinjchen Selbitverwaltungsgedanten. 7. Die Bismard- 
{he Kontinentalpolitif und der Ymperialismus. 8. Der Vertrag von Verjailles. 
9. Die Gefahren des naiven Pagifismus. 10. Der Vorrang der Außenpolitif vor 
aller Yunenpolitif. 11. Gchulpolitif. 12. Kirchenpolitif. 13. Kolonial- und Han- 
delöpolitif. 14. Die Bedeutung des Volfstums fiir alle Politif. 

Achtzehntens: Die Prefje. 1. Wefen der öffentlichen Meinung. 2. Die Art des 
Journalismus und feine Behandlung. 3. Charakteriftif der bedeutenden deutjchen 
Beitungen, Inapper Ueberblid über die wichtigjten ausländischen Zeitungen. 

Meungzehntens: Weltgeographie. Das politifch Wefentlide der Geographie in 
der Art, wie e8 von Rudolf Kjellen in feinen „Sroßmächten“ behandelt wird. An 
Der Hand von Karten und Globus. 

HBiwanzigitens: Rafjentunde. 1. Die rafjiihe Zujammenjegung des deutjchen 
Volkes. 2. Gejchichte und Bedeutung der jüdischen Einwanderung. 3. Anleitung 
zur Beobachtung der deutjchen Rafjen- und Stanunesmerfmale jowie des jeelifchen 
Gebahrens (vergl. Walther Elaffens „Rafjen und Völker”). 4. Körperliche und jee- 
liihe Merkmale vaffifher Entartung. 5. Die Bedeutung des fittlichen Willens 
und der Selbitzucht für die Heberwindung der rafjiihen Entartung. (Schallmayer, 
Vererbung und Ausleje int Leben der Volker.) 

Einundziwanzigitens: Der Sinn des Lebens. 1. Bedeutung des Chrijtentums 
für das Deutfchtum. 2. Der Heliand. Genaue Ynhaltsangabe und Beachtung, wie 
der Dichter den Heliand verdeutfcht hat. 3. Parzival. Genaue Ynbhalt8angabe. Par- 
zivals Weg als der Weg eines deutjchen Chrijten. 4. Luther. Bejonders werden 
zugrunde gelegt: „Bon der Freiheit eines Ehriftenmenfchen” und der „große 
Katehismus”. 5. Die goethejche Naturbetrachtung und das goethejche Gottesgefühl. 
Private Lektüre des Faujt. Gelegentlide Beiprechungen und Erklärungen. 6. Die 
Kant-Fichtefche Sittlichkeit. 

Ein ungeheurer Kreis. Fo betone: Es handelt fic) nicht um Bauernhod)- 
Ihulen jchlechthin, fondern nur um folche, die Bauern für die höheren Selbjtver- 
waltungsitellen und für die politifche Wirkfamkeit im Reich heranziehen jol. Wir 
haben es aljo mit einer auserlejenen Jugend zu tun. Auch die Lehrer müfjen die 
beiten fein, jolche, die mit wenigen flaren Worten viel geben. Sie müfjen Tnapp 
und Elar die wefentlihen Züge aufzeigen und dag Gedächtnis nicht mit Ballaft 
füllen. Es Handelt fi vor allem darum, Einftellungen zu geben. Die 
nötigen Tatfachen eignet fi der Schüler nachher im Lebensfampfe an. Alle übrigen 
Bauern laffe man ihre wichtige Arbeit tun, man nehme ihnen nicht Zeit und Auf- 
merfjamfeit mit „Bildung“ weg. Das danifde Yoeal, das gefamte Bauern- 
volk durchzubilden, iſt erſtens ein liberaliftifches Trugideal und zweitens in Deutjch- 
land undurchführbar. Es fommen fiir uns nur Führerfhulen in Betradt. 

Man lafje auch junge Lehrer und Pfarrer, die geeignet find, teilnehmen. Gie 
werden für ihre Tätigkeit in der Gemeinde und im Kreis hier vieles kennen lernen, 
was ihnen ihre jonjtige Borbildung nicht gibt. 

Gs mag jdeinen, als ob wir dem Nejthetifchen, dem Spiel uftv. reichlich viel 
Raum geben. Aber man erwäge: Wenn des Menfden Ge mitt nicht feit und fider 
it, jo find alle intelleftuell angeeigneten Gedanken und Borjtellungen im erregten 
Augenblid der Entfcheidung unzuverläffig., Die politiihe Weisheit, Die ein 
goethefches Drama, ein guter Bauernroman gibt, macht in